Der Heilige Stuhl
           back          up     Hilfe

Katechismus der Katholischen Kirche

1997
IntraText - Text

  • ERSTER TEIL DAS GLAUBENSBEKENNTNIS
    • ZWEITER ABSCHNITT DAS CHRISTLICHE GLAUBENSBEKENNTNIS
      • ZWEITES KAPITEL ICH GLAUBE AN JESUS CHRISTUS, GOTTES EINGEBORENEN SOHN
        • ARTIKEL 3 ,,JESUS CHRISTUS IST EMPFANGEN DURCH DEN HEILIGEN GEIST, GEBOREN VON DER JUNGFRAU MARIA"
          • Absatz 3 DIE MYSTERIEN DES LEBENS CHRISTI
zurück - vor

Hier klicken um die Links zu den Konkordanzen auszublenden

Absatz 3 DIE MYSTERIEN DES LEBENS CHRISTI

 

512 Aus dem Leben Christi nennt das Glaubensbekenntnis nur die Mysterien der Menschwerdung (Empfängnis und Geburt) und des Pascha (Leiden, Kreuzigung, Tod, Begräbnis, Hinabstieg zu den Toten, Auferstehung, Himmelfahrt). Von den Mysterien des verborgenen und öffentlichen Lebens ist nicht ausdrücklich die Rede. Die Glaubensartikel aber, die die Menschwerdung und das Pascha Jesu betreffen, erhellen das ganze Erdenleben Christi; ,,alles ..., was Jesus von Anfang an getan und gelehrt hat, bis zu dem Tag, an dem er [in den Himmel] aufgenommen wurde" (Apg 1,1-2), ist im Licht des Weihnachts- und des Ostermysteriums zu sehen.

 

513 Die Katechese soll, den jeweiligen Umständen entsprechend, den ganzen reichen Sinngehalt der Mysterien Jesu entfalten. Hier ist nur auf einzelne Elemente hinzuweisen, die allen Mysterien des Lebens Christi gemeinsam sind (I); dann werden die Hauptmysterien des verborgenen (II) und des öffentlichen (III) Lebens Jesu kurz dargelegt.

 

 

I Das ganze Leben Christi ist Mysterium

 

514 Vieles, was menschliche Wißbegierde von Jesus erfahren möchte, findet sich in den Evangelien nicht. Über sein Leben in Nazaret wird fast nichts gesagt, und selbst von einem großen Teil seines öffentlichen Lebens ist nichts berichtet [Vgl. Joh 20,30.] . Was in den Evangelien aufgezeichnet wurde, ist ,,aufgeschrieben, damit ihr glaubt, daß Jesus der Messias ist, der Sohn Gottes, und damit ihr durch den Glauben das Leben habt in seinem Namen" (Joh 20,31).

 

515 Die Evangelien sind von Menschen geschrieben, die unter den ersten Glaubenden waren [Vgl. Mk 1,1; Joh 21,24.]und den Glauben anderen mitteilen wollten. Da sie im Glauben wußten, wer Jesus ist, konnten sie in seinem ganzen Erdenleben die Spuren seines innersten Geheimnisses sehen und andere darauf hinweisen. Im Leben Jesu ist alles - von den Windeln bei seiner Geburt [Vgl. Lk 2,7.] bis zum Essig bei seinem [Vgl. Mt 27,48.]und zum Grabtuch bei seiner Auferstehung [Vgl. Joh 20,7.]- Zeichen seines innersten Geheimnisses. Durch seine Taten, seine Wunder, seine Worte wurde offenbar, daß in ihm ,,die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig" wohnt (Kol 2,9). Sein Menschsein erscheint so als das ,,Sakrament", das heißt als Zeichen und Werkzeug seiner Gottheit und des Heils, das er bringt:

Was in seinem Leben zu sehen war, verwies auf das unsichtbare Mysterium seiner Gottessohnschaft und seines Erlösungsauftrags.

 

 

Die gemeinsamen Grundzüge der Mysterien Jesu

 

516 Das ganze Leben Jesu - seine Worte und Taten, sein Schweigen und seine Leiden, seine Art, zu sein und zu sprechen - ist Offenbarung des Vaters. Jesus kann sagen: ,,Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen" (Joh 14,9), und der Vater: ,,Das ist mein geliebter Sohn; auf ihn sollt ihr hören" (Mk 9,7). Da Christus Mensch geworden war, um den Willen des Vaters zu erfüllen [Vgl. Hebr 10,5-7.], offenbaren uns schon die geringsten Einzelheiten seines Daseins ,,die Liebe Gottes ... unter uns" (1 Joh 4,9).

 

517 Das ganze Leben Christi ist Erlösungsgeheimnis. Die Erlösung wird uns vor allem durch das am Kreuz vergossene Blut zuteil [Vgl. Eph 1,7; Kol 1, 13-14; 1 Petr 1,18-19.], aber dieses Mysterium ist im ganzen Leben Jesu am Werk: schon in seiner Menschwerdung, in der er arm wird, um uns durch seine Armut zu bereichern [Vgl. 2 Kor 8,9.]; in seinem verborgenen Leben, das durch seinen Gehorsam [Vgl. Lk 2,51]unseren Ungehorsam sühnt; in seinem Wort, das seine Zuhörer läutert [Vgl. Joh 15,3.]; in seinen Heilungen und Exorzismen, in denen er ,,unsere Leiden auf sich genommen und unsere Krankheiten getragen" hat (Mt 8,17) [Vgl. Jes 53,4.]; in seiner Auferstehung, durch die er uns gerecht Vgl. Röm 4,25.].

 

518 Das ganze Leben Christi ist ein Mysterium der erneuten Zusammenfassung von allem unter ein Haupt. Alles, was Jesus getan, gesagt und gelitten hat, war dazu bestimmt, den gefallenen Menschen wieder in seine ursprüngliche Berufung zu versetzen:

,,Indem er durch die Inkarnation Mensch wurde, faßte er die lange Entwicklung der Menschen in sich zusammen und gab uns in dieser Zusammenfassung das Heil, damit wir unser Sein nach dem Bilde und Gleichnis Gottes, das wir in Adam verloren hatten, in Christus Jesus wiedererlangen würden" (Irenäus, hær. 3,18,1). ,,Deshalb durchlief Christus auch jede Altersstufe, um für alle die Gemeinschaft mit Gott wiederherzustellen" (hær. 3,18,7) [Vgl. hær. 2,22,4.].

 

 

Unsere Teilhabe an den Mysterien Jesu

 

519 Der ganze ,,Reichtum Christi soll jedem Menschen zur Verfügung stehen und zum Besitz jedes einzelnen werden" (RH 11). Christus hat sein Leben nicht für sich gelebt, sondern für uns - von seiner Fleischwerdung ,,für uns Menschen und zu unserem Heil" bis zu seinem Tod ,,für unsere Sünden" (1 Kor 15,3) und seiner Auferstehung ,,wegen unserer Gerechtmachung" (Röm 4,25). Auch jetzt noch ist er unser ,,Beistand beim Vater" (1 Joh 2,1), ,,denn er lebt allezeit, um für (uns) einzutreten" (Hebr 7,25). Mit allem, was er ein für allemal für uns gelebt und gelitten hat, weilt er nun für immer ,,für uns vor Gottes Angesicht" (Hebr 9,24).

 

520 In seinem ganzen Leben erweist sich Jesus als unser Vorbild [Vgl. Röm 15,5; Phil 2,5.]: Er ist der ,,vollkommene Mensch" (GS 38), der uns einlädt, seine Jünger zu werden und ihm nachzufolgen. Durch seinen demütigen Dienst hat er uns ein Beispiel zur Nachahmung gegeben [Vgl. Joh 13,15.], durch sein Beten regt er uns zum Beten an [Vgl. Lk 11,1.], durch seine Armut fordert er uns auf, Entbehrung und Verfolgungen bereitwillig auf uns zu nehmen [Vgl. Mt 5,11-12.].

 

521 Alles, was Christus gelebt hat, laßt er uns in ihm leben, und er lebt es in uns. ,,Denn er, der Sohn Gottes, hat sich in seiner Fleischwerdung gewissermaßen mit jedem Menschen vereinigt" (GS 22,2). Wir sollen mit ihm eines Wesens werden; er läßt uns als die Glieder seines Leibes an dem teilnehmen, was er in seinem Fleisch für uns und als unser Vorbild gelebt hat.

 

,,Wir müssen die Zustände und Mysterien Jesu in uns weiter und zu Ende führen und ihn oft bitten, er solle sie in uns und in seiner ganzen Kirche vollenden und vollbringen ... Der Sohn Gottes hat nämlich vor, durch die Gnaden‘ die er durch diese Mysterien uns mitteilen, und durch die Wirkungen, die er durch sie in uns hervorbringen will, uns an seinen Mysterien teilhaben zu lassen, sie gleichsam auszudehnen und sie in uns und in seiner ganzen Kirche gewissermaßen weiterzuführen. Und auf diesem Weg will er sie in uns zu Ende führen" (Johannes Eudes, regn.).

 

 

 

II Die Mysterien der Kindheit und des Verborgenen Lebens Jesu

 

Die Vorbereitungen

 

522 Das Kommen des Gottessohnes auf die Erde ist ein so gewaltiges Ereignis, daß es Gott durch Jahrhunderte hindurch vorbereiten wollte. All die Riten und Opfer, die Gestalten und Sinnbilder des ,,ersten Bundes" (Hebr 9,15) läßt er auf Christus zulaufen; er kündigt ihn an durch den Mund der Propheten, die in Israel aufeinander folgen. Zudem weckt er im Herzen der Heiden eine dunkle Ahnung dieses Kommens.

 

523 Der hl. Johannes der Täufer ist der unmittelbare Vorläufer [Vgl. Apg 13,24.] des Herrn; er ist gesandt, um ihm den Weg zu bereiten [Vgl. Mt 3,3.]. Als ,,Prophet des Höchsten" (Lk 1,76) überragt er alle Propheten [Vgl. Lk 7,26.]. Er ist der letzte von ihnen [Vgl. Mt 11,13.]und leitet zum Evangelium über [Vgl. Apg 1,22; Lk 16,16.]. Er frohlockt schon im Mutterschoß über das Kommen Christi [Vgl. Lkl,41.]und findet seine Freude darin, ,,der Freund des Bräutigams" zu sein (Joh 3,29), den er als ,,das Lamm Gottes" bezeichnet, ,,das die Sünde der Welt hinwegnimmt" (Joh 1,29). Er geht Jesus voran ,,mit dem Geist und mit der Kraft des Elija" (Lk 1,17) und legt durch seine Predigt, seine Bußtaufe und schließlich durch sein Martyrium Vgl. Mk 6,17-29.]für ihn Zeugnis ab.

 

524 In der alljährlichen Feier der Ädventsliturgie läßt die Kirche diese Messiaserwartung wieder aufleben; die Gläubigen nehmen dadurch an der langen Vorbereitung auf das erste Kommen des Erlösers teil und erneuern in sich die Sehnsucht nach seiner zweiten Ankunft [Vgl. Offb 22,17.] Durch die Feier der Geburt und des Martyriums des Vorläufers vereint sich die Kirche mit dessen Verlangen: ,,Er muß wachsen, ich aber muß kleiner werden" (Joh 3,30).

 

 

Das Weihnachtsmysterium

 

525 Jesus kam in der Armseligkeit eines Stalles zur Welt, in einer unbegüterten Familie [Vgl. Lk 2,6-7.]schlichte Hirten sind die ersten Zeugen des Ereignisses. In dieser Armut erstrahlt die Herrlichkeit des Himmels [Vgl. Lk 2,8-20.]. Die Kirche wird nicht müde, die Herrlichkeit dieser Nacht zu besingen:

 

Die Jungfrau bringt heute den Ewigen zur Welt, und die Erde bietet dem Unzugänglichen eine Höhle. Die Engel und die Hirten preisen ihn

und die Weisen nahen sich mit dem Stern, denn du bist für uns geboren

du kleines Kind, du ewiger Gott!

 

(Kontakion von Romanos dem Meloden)

 

 

526 Vor Gott ,,Kind zu werden" ist die Voraussetzung, um in das Gottesreich einzutreten [Vgl. Mt \8,3-4.]. Dazu muß man sich erniedrigen [Vgl. Mt 23,12.], kleinwerden; mehr noch: man muß ,,von neuem geboren werden" (Joh 3,7), ,,aus Gott geboren" werden (Joh 1,13), um ,,Kind Gottes zu werden" (Joh 1,12). Das Weihnachtsgeheimnis vollzieht sich in uns, wenn Christus in uns ,,Gestalt annimmt" (Gal 4,19). Weihnachten ist das Mysterium des ,,wundersamen Tausches":

 

,,O wunderbarer Tausch! Der den Menschen erschuf, nimmt menschliches Leben an und wird aus der Jungfrau geboren. Von keinem Mann gezeugtkommt er in die Welt und schenkt uns göttliches Leben" (LH Antiphon der Vespern vom 1. Januar).

 

 

 

Die Mysterien der Kindheit Jesu

 

527 Die Beschneidung Jesu am achten Tag nach seiner Geburt [Vgl. Lk 2,21.] ist Zeichen dafür, daß er in die Nachkommenschaft Abrahams, in das Bundesvolk eingegliedert, dem Gesetz unterworfen [Vgl. Gal 4,4.]und zum Kult Israels bestellt ist, an dem er während seines ganzen Lebens teilnehmen wird. Sie ist ein Vorzeichen der ,,Beschneidung, die Christus gegeben hat": ,,der Taufe" (Kol 2,11-12).

 

528 Die Epiphanie [Erscheinung des Herrn] ist die Offenbarung Jesu als Messias Israels, als Sohn Gottes und Erlöser der Welt bei seiner Taufe im Jordan, bei der Hochzeit von Kana und bei der Anbetung Jesu durch die ,,Sterndeuter aus dem Osten" (Mt 2, 1) [Vgl. LH, Antiphonen vom Benedictus der Laudes und vom Magnificat der 2. Vesper von Epiphanie.]. In diesen ,,Weisen", den Vertretern der heidnischen Religionen der Umwelt, sieht das Evangelium die Erstlinge der Nationen, welche die frohe Botschaft vom Heilsereignis der Menschwerdung empfangen. Daß die Weisen nach Jerusalem kommen, ,,um [dem König der Juden] zu huldigen" (Mt 2,2), zeigt, daß sie im messianischen Licht des Davidsterns [Vgl. Num 24,17; Offb 22,16.] in Israel nach dem suchen, der König der Völker sein wird [Vgl. Num 24, 17-19.]. Ihr Kommen bedeutet, daß die Heiden nur dann Jesus entdecken und ihn als Sohn Gottes und Heiland der Welt anbeten können, wenn sie sich an die Juden wenden [Vgl. Joh 4,22.]und von ihnen die messianische Verheißung empfangen, wie sie im Alten Testament enthalten ist [Vgl. Mt 2,4-6.]. Die Epiphanie bekundet, daß ,,alle Heiden in die Familie der Patriarchen eintreten" (Leo d. Gr., serm. 23) und die ,,Würde Israels" erhalten sollen (MR, Osternacht 26: Gebet nach der 3. Lesung).

 

529 Die Darstellung Jesu im Tempel [Vgl. Lk 2,22-29.] zeigt ihn als den Erstgeborenen, der dem Herrn gehört [Vgl. Ex 13,12-13.]. In Simeon und Anna kommt es zur Begegnung (so nennt die byzantinische Tradition dieses Fest) der ganzen Erwartung Israels mit seinem Erlöser. Jesus wird als der langerwartete Messias, als ,,Licht der Völker" und ,,Herrlichkeit Israels" erkannt, aber auch als ,,Zeichen, dem widersprochen wird". Das Schwert des Schmerzes, das Maria vorausgesagt wird, kündigt jene andere, vollkommene und einzigartige ,,Darbringung" am Kreuz an, die das Heil schenken wird, ,,das Gott vor allen Völkern bereitet hat".

 

530 Die Flucht nach Ägypten und die Ermordung der unschuldigen Kinder [Vgl. Mt 2,13-18.] zeigen den Widerstand der Finsternis gegen das Licht: ,,Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf" (Joh 1,11). Das ganze Leben Christi wird unter dem Zeichen der Verfolgung stehen. Seine Jünger teilen dieses Los [Vgl. Joh 15,20.]. Seine Rückkehr [Vgl. Mt 2,15.]erinnert an den Auszug aus Ägypten [Vgl. Hos 11,1.] und stellt Jesus als den endgültigen Befreier vor.

 

 

Die Mysterien des Verborgenen Lebens Jesu

 

531 Während des größten Teils seines Lebens hat Jesus das Los der meisten Menschen geteilt: ein alltägliches Leben ohne äußere Größe, ein Handwerkerleben, ein jüdisch religiöses Leben, das dem Gesetz Gottes unterstand [Vgl. Gal 4,4.], ein Leben in einer Dorfgemeinschaft. Von dieser ganzen Periode ist uns nur das geoffenbart, daß Jesus seinen Eltern ,,untertan" war und zunahm ,,an Weisheit und Alter und Gnade vor Gott und den Menschen" (Lk 2,51-52).

 

532 In seiner Unterordnung unter seine Mutter und seinen Pflegevater erfüllte Jesus das vierte Gebot voll und ganz. Sie war das irdische Bild seines Sohnesgehorsams gegenüber seinem himmlischen Vater. Die alltägliche Unterwerfung Jesu unter Josef und Maria kündigte seine Unterwerfung am Gründonnerstag an und nahm sie vorweg: ,,Nicht mein Wille .. .,, (Lk 22,42). Mit dem Gehorsam Christi im Alltag des verborgenen Lebens begann schon die Wiederherstellung dessen, was der Ungehorsam Adams zerstört hatte [Vgl. Röm 5,19.].

 

533 Das verborgene Leben in Nazaret ermöglicht jedem Menschen, in den alltäglichsten Dingen in Gemeinschaft mit Jesus zu sein:

 

,,Das Haus von Nazaret ist eine Schule, in der man beginnt, das Leben Christi zu verstehen. Es ist die Schule des Evangeliums ... Sie lehrt zunächst das Schweigen. Möge in uns eine große Wertschätzung des Schweigens lebendig werden ... dieser bewundernswerten und notwendigen Geisteshaltung ... Hier lernen wir, wie wichtig das häusliche Leben ist. Nazaret gemahnt uns an das, was eine Familie ist, an ihre Gemeinschaft in Liebe, an ihre Würde, ihre strahlende Schönheit, ihre Heiligkeit und Unverletzlichkeit ... Schließlich lernen wir hier die zuchtvolle Ordnung der Arbeit. O Lehrstuhl von Nazaret, Haus des Handwerkersohnes! Hier möchte ich das strenge, aber erlösende Gesetz menschlicher Arbeit erkennen und feiern ... Schließlich möchte ich hier den Arbeitern der ganzen Welt Segen wünschen und ihnen das große Vorbild zeigen, den göttlichen Bruder" (Paul VI., Ansprache vom 5. Januar 1964 in Nazaret).

 

534 Das Wiederfinden Jesu im Tempel [Vgl. Lk 2,41-52.] ist das einzige Ereignis, das das Schweigen der Evangelien über die verborgenen Jahre Jesu unterbricht. Jesus läßt darin das Mysterium seiner ganzen Hingabe an die Sendung erahnen, die sich aus seiner Gottessohnschaft ergibt: ,,Wußtet ihr nicht, daß ich in dem sein muß, was meines Vaters ist?" Maria und Josef verstanden diesen Ausspruch nicht, aber sie nahmen ihn im Glauben an, und Maria ,,bewahrte alles, was geschehen war, in ihrem Herzen" - während all der Jahre, in denen Jesus in der Stille eines gewöhnlichen Lebens verborgen blieb.

 

 

III Die Mysterien des öffentlichen Lebens Jesu

 

Die Taufe Jesu

 

535 Zu Beginn [Vgl. Lk 3,23.]seines öffentlichen Lebens ließ sich Jesus von Johannes im Jordan taufen [Vgl. Apg 1,22.]. Johannes verkündete ,,Umkehr und Taufe zur Vergebung der Sünden" (Lk 3,3). Eine Menge von Sündern: Zöllner und Soldaten [Vgl. Lk 3,10-14.], Pharisäer und Sadduzäer [Vgl. Mt 3,7.] und Dirnen [Vgl. Mt 21,32.]ließen sich von ihm taufen. ,,Da kam Jesus." Der Täufer zögert, doch Jesus beharrt und empfängt die Taufe. In Gestalt einer Taube kommt der Heilige Geist auf Jesus herab und eine Stimme vom Himmel verkündet: ,,Das ist mein geliebter Sohn" [Vgl. Mt 3, 13-17.]. Es ist die Erscheinung [Epiphanie] Jesu als Messias Israels und Sohn Gottes.

 

536 Die Taufe ist für Jesus die Annahme und der Beginn seiner Sendung als leidender Gottesknecht. Er läßt sich unter die Sünder rechnen [Vgl. Jes 53,12.]. Er ist schon ,,das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt" (Joh 1,29). Er nimmt schon die ,,Taufe" seines blutigen Todes vorweg [Vgl. Mk 10,38; Lk 12,50.]. Er kommt, um ,,alle Gerechtigkeit zu erfüllen" (Mt 3,15), das heißt er unterwirft sich ganz dem Willen seines Vaters: er nimmt aus Liebe die Taufe des Todes zur Vergebung unserer Sünden auf sich [Vgl. Mt 26,39.]. Auf diese Bereitschaft antwortet die Stimme des Vaters, der an seinem Sohn Gefallen gefunden hat [Vgl. Lk 3,22; Jes 42,1.]. Der Geist, den Jesus schon seit seiner Empfängnis in Fülle besitzt, kommt herab, um auf ihm zu ,,ruhen" (Joh 1, 32-33) [Vgl. Jes 11,2.]. Jesus wird für die ganze Menschheit der Quell des Geistes sein. Bei seiner Taufe ,,öffnete sich der Himmel" (Mt 3,16), den die Sünde Adams verschlossen hatte, und da Jesus und der Geist sich in das Wasser hineinbegeben, wird es geheiligt - dies ist das Vorspiel der neuen Schöpfung.

 

537 Durch die Taufe wird der Christ sakramental Jesus gleichgestaltet, der in seiner Taufe seinen Tod und seine Auferstehung vorwegnimmt. Der Christ muß in dieses Mysterium demütiger Selbsterniedrigung und Buße eintreten, mit Jesus in das Wasser hinabsteigen, um mit ihm wieder emporzusteigen. Er muß aus dem Wasser und dem Geist wiedergeboren werden, um im Sohn selbst zu einem geliebten Sohn des Vaters zu werden und ,,in einem neuen Leben zu wandeln" (Röm 6,4).

 

,,Lassen wir uns mit Christus durch die Taufe begraben, um mit ihm aufzuerstehen; lassen wir uns mit ihm hinab, um mit ihm erhoben zu werden; steigen wir wieder mit ihm hinauf, um in ihm verherrlicht zu werden" (Gregor v. Nazianz, or. 40,9).

 

,,Alles, was an Christus geschehen ist, läßt uns erkennen, daß nach dem Bad der Taufe der Heilige Geist vom Himmel auf uns herabschwebt und daß wir, durch die Stimme des Vaters adoptiert, Söhne Gottes werden" (Hilarins, Matth. 2).

 

 

Die Versuchung Jesu

 

538 Die Evangelien sprechen von einer Zeit der Einsamkeit, die Jesus gleich nach seiner Taufe durch Johannes in der Einöde verbracht hat: Vom Geist in die Wüste ,,getrieben", bleibt Jesus vierzig Tage lang dort, ohne zu essen. Er lebt bei den wilden Tieren, und die Engel dienen ihm [Vgl. Mk 1,12-13.]. Am Ende dieser Zeit versucht ihn Satan dreimal, indem er Jesu Sohneshaltung Gott gegenüber ins Wanken zu bringen sucht. Jesus weist diese Angriffe zurück, in denen die Versuchungen Adams im Paradies und Israels in der Wüste nochmals aufgegriffen werden, und der Teufel läßt von ihm ab, um- ,,zu seiner Zeit" zurückzukehren (Lk 4,13).

 

539 Die Evangelisten weisen auf die Heilsbedeutung dieses geheimnisvollen Geschehens hin. Jesus ist der neue Adam, der treu bleibt, während der erste Adam der Versuchung erlag. Jesus erfüllt die Sendung Israels vollkommen. Im Gegensatz zu denen, die einst in der Wüste vierzig Jahre lang Gott herausforderten [Vgl. Ps 95,10.], erweist sich Christus als der Gottesknecht, der dem Willen Gottes gänzlich gehorsam ist. So ist Jesus Sieger über den Teufel: er hat ,,den Starken gefesselt", um ihm seine Beute wieder zu entreißen [Vgl. Mk 3,27.]. Der Sieg Jesu über den Versucher in der Wüste nimmt den Sieg der Passion vorweg, den höchsten Gehorsamserweis seiner Sohnesliebe zum Vater.

 

540 Die Versuchung zeigt, auf welche Weise der Sohn Gottes Messias ist, im Gegensatz zu der Rolle, die Satan ihm vorschlägt und in der die Menschen [Vgl. Mt 16,21-23.]ihn gerne sehen möchten. Darum hat Christus den Vesucher für uns besiegt. ,,Wir haben ja nicht einen Hohenpriester, der nicht mitfühlen könnte mit unserer Schwäche, sondern einen, der in allem wie wir in Versuchung geführt worden ist, aber nicht gesündigt hat" (Hebr 4,15). Durch die vierzigtägige Fastenzeit vereint sich die Kirche jedes Jahr mit dem Mysterium Jesu in der Wüste.

 

 

,,Das Reich Gottes ist nahe"

 

541 ,,Nachdem man Johannes ins Gefängnis geworfen hatte, ging Jesus wieder nach Galiläa; er verkündete das Evangelium Gottes und sprach: Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um, und glaubt an das Evangelium!" (Mk 1,14-15). ,,Um den Willen des Vaters zu erfüllen, hat Christus das Reich der Himmel auf Erden begründet" (LG 3). Nun aber ist es der Wille des Vaters, ,,die Menschen zur Teilhabe am göttlichen Leben zu erheben" (LG 2). Er tut das, indem er die Menschen um seinen Sohn, Jesus Christus, sammelt. Dieser Zusammenschluß ist die Kirche; sie stellt ,,Keim und Anfang" des Reiches Gottes auf Erden dar (LG 5).

 

542 Christus ist die Mitte, um die die Menschen zur ,,Familie Gottes" gesammelt werden. Er ruft sie zu sich durch sein Wort, durch seine Zeichen, die das Reich Gottes bekunden, und durch die Sendung seiner Jünger. Herbeiführen wird er sein Reich vor allem durch das große Mysterium seines Paschas: seinen Tod am Kreuz und seine Auferstehung. ,,Und ich, wenn ich über die Erde erhöht bin, werde alle zu mir ziehen" (Joh 12,32). Zu dieser Vereinigung mit Christus sind alle Menschen berufen [Vgl. LG 3.].

 

 

Die Verkündigung des Reiches Gottes

 

543 Alle Menschen sind berufen, in das Reich einzutreten. Dieses messianische Reich wird zunächst den Kindern Israels verkündet [Vgl. Mt 10,5-7.], ist aber für die Menschen aller Völker bestimmt [Vgl. Mt 8,11; 28,19.]. Wer in das Reich eintreten will, muß das Wort Jesu annehmen.

 

,,Denn das Wort des Herrn wird mit einem Samen verglichen, der auf dem Acker gesät wird: die es im Glauben hören und der kleinen Herde Christi zugezählt werden‘ haben das Reich selbst angenommen; aus eigener Kraft keimt dann der Same und wächst bis zur Zeit der Ernte" (LG 5).

 

544 Das Reich gehört den Armen und Kleinen, das heißt denen, die es demütigen Herzens angenommen haben. Jesus ist gesandt, damit er ,,den Armen Frohbotschaft bringe" (Lk 4,18) [Vgl. Lk 7,22.]. Er preist sie selig, denn ,,ihnen gehört das Himmelreich" (Mt 5,3). Den ,,Kleinen" wollte der Vater offenbaren, was den Weisen und Klugen verborgen bleibt [Vgl. Mt 11,25.]. Von der Krippe bis zum Kreuz teilt Jesus das Leben der Armen; er kennt Hunger [Vgl. Mk 2,23-26; Mt 2l,18.], Durst [Vgl. Joh 4,6-7; 19,28.]und Entbehrung [Vgl. Lk 9,58.].Mehr noch: Er identifiziert sich mit den Armen aller Art und macht die tätige Liebe zu ihnen zur Voraussetzung für die Aufnahme in sein Reich [Vgl. Mt 25,31-46.].

 

545 Jesus lädt die Sünder zum Tisch des Gottesreiches: ,,Ich bin gekommen, um die Sünder zu rufen, nicht die Gerechten" (Mk 2, 17) [Vgl. 1 um 1,15.]. Er fordert sie zur Bekehrung auf, ohne die man nicht in das Reich eintreten kann. Er zeigt ihnen aber in Wort und Tat das grenzenlose Erbarmen des Vaters [Vgl. Lk 15, 11-32.]und die gewaltige ,,Freude", die ,,im Himmel ... herrschen [wird] über einen einzigen Sünder, der umkehrt" (Lk 15,7). Der größte Beweis seiner Liebe ist die Hingabe seines Lebens ,,zur Vergebung der Sünden" (Mt 26,28).

 

546 Jesus ruft durch Gleichnisse - ein typischer Zug seines Lehrens -dazu auf, in das Reich einzutreten [Vgl. Mk 4,33-34.]. Durch sie lädt er zum Festmahl des Reiches ein [Vgl. Mt 22, 1-14.], fordert aber auch eine radikale Entscheidung: Um das Reich zu erwerben, muß man alles aufgeben [Vgl. Mt 13,44-45.]; bloße Worte genügen nicht; Taten sind notwendig [Vgl. Mt 21,28-32.]. Die Gleichnisse halten dem Menschen gewissermaßen einen Spiegel vor, der ihn erkennen läßt: Nimmt er das Wort auf wie ein harter Boden oder wie die gute Erde [Vgl. Mt 13,3-9.] ? Was tut er mit den Talenten, die er erhalten hat [Vgl. Mt 25,14-30.]? Jesus und die Gegenwart des Reiches auf Erden sind die Sinnmitte der Gleichnisse. Man muß in das Reich eintreten, das heißt Jünger Christi werden, um ,,die Geheimnisse des Himmelreichs zu erkennen" (Mt 13,11). Für die, ,,die draußen sind" (Mk 4,11), bleibt alles rätselhaft [Vgl. Mt 13,10-15.].

 

 

Die Zeichen des Reiches Gottes

 

547 Jesus begleitet seine Worte durch zahlreiche ,,machtvolle Taten, Wunder und Zeichen" (Apg 2,22). Diese zeigen, daß das Reich in ihm gegenwärtig ist. Sie bezeugen, daß Jesus der angekündigte Messias ist [Vgl. Lk 7,18-23.].

 

548 Die von Jesus vollbrachten Zeichen bezeugen, daß der Vater ihn gesandt hat [Vgl. Joh 5,36; 10,25.]. Sie laden ein, an ihn zu glauben [Vgl. Joh 10,38.]. Denen, die sich gläubig an ihn wenden, gibt er, was sie erbitten [Vgl. z. B. Mk 5,25-34; 10,52.]. So stärken die Wunder den Glauben an ihn, der die Werke seines Vaters tut: sie bezeugen, daß er der Sohn Gottes ist [Vgl. Joh 10,31-38.]. Sie können aber auch Anlaß zum ,,Anstoß" sein (Mt 11,6). Sie wollen nicht Neugier und magische Wünsche befriedigen. Trotz seiner so offensichtlichen Wunder wird Jesus von einzelnen abgelehnt [Vgl. Joh 11,47-48.] ja man bezichtigt ihn, mit Hilfe der Dämonen zu wirken [Vgl. Mk 3,22.].

 

549 Indem er einzelne Menschen von irdischen Übeln: von Hunger [Vgl. Joh 6,5-15.] Unrecht [Vgl. Lk 19,8.], Krankheit und Tod [Vgl. Mt 11,5.] befreit, setzt Jesus messianische Zeichen. Er ist jedoch nicht gekommen, um alle Übel auf Erden zu beheben [Vgl. Joh 8,34-36.]. Diese hindert sie an ihrer Berufung zu Kindern Gottes und bringt sie in vielerlei Abhängigkeiten.

 

550 Das Kommen des Gottesreiches ist die Niederlage des Reiches Satans [Vgl. Mt 12,36.]:

,,Wenn ich aber die Dämonen durch den Geist Gottes austreibe, dann ist das Reich Gottes schon zu euch gekommen" (Mt 12,28). Die von Jesus vorgenommenen Exorzismen befreien die Menschen aus der Macht der Dämonen [Vgl. Lk 8,26-39.]. Sie nehmen den großen Sieg Jesu über den ,,Herrscher dieser Welt" (Joh 12,31) vorweg. Das Reich Gottes wird durch das Kreuz Christi endgültig errichtet: ,,Vom Holz herab herrscht unser Gott" (LH, Hymnus ,,Vexilla Regis").

 

 

,,Die Schlüssel des Reiches"

 

551 Gleich am Anfang seines öffentlichen Lebens wählt Jesus Männer, zwölf an der Zahl; diese sollen bei ihm sein und an seiner Sendung teilnehmen [Vgl. Mk 3,13-19.]. Er läßt sie an seiner Autorität teilhaben und sendet sie aus ,,mit dem Auftrag, das Reich Gottes zu verkünden und zu heilen" (Lk 9,2). Sie bleiben für immer mit dem Reiche Christi verbunden, denn Christus leitet durch sie die Kirche:

 

,,Darum vermache ich euch das Reich, wie es mein Vater mir vermacht hat: Ihr sollt in meinem Reich mit mir an meinem Tisch essen und trinken, und ihr sollt auf Thronen sitzen und die zwölf Stämme Israels richten" (Lk 22, 29-30).

 

552 Im Kollegium der Zwölf steht Simon Petrus an erster Stelle [Vgl. Mk 3,16; 9,2; Lk 24,34; 1 Kor 15,5.]. Jesus hat ihm eine einzigartige Sendung anvertraut. Dank einer Offenbarung, die Petrus vom Vater erhalten hatte, bekannte er: ,,Du bist der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes". Und unser Herr sagte zu ihm: ,,Du bist Petrus, und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen, und die Mächte der Unterwelt werden sie nicht überwältigen" (Mt 16,16-18). Christus, ,,der lebendige Stein" (1 Petr 2,4), sichert seiner auf Petrus gebauten Kirche den Sieg über die Mächte des Todes zu. Auf dem Grund des Glaubens, den er bekannt hat, bleibt Petrus der unerschütterliche Fels der Kirche. Er hat die Sendung, diesen Glauben vor allem Schwanken zu bewahren und seine Brüder darin zu bestärken [Vgl. Lk 22,32.].

 

553 Jesus hat Petrus eine besondere Autorität anvertraut: ,,Ich werde dir die Schlüssel des Himmelreichs geben; was du auf Erden binden wirst, das wird auch im Himmel gebunden sein, und was du auf Erden lösen wirst, das wird auch im Himmel gelöst sein" (Mt 16,19). Die ,,Schlüsselgewalt" bedeutet die Vollmacht, das Haus Gottes, die Kirche, zu leiten. Jesus, ,,der gute Hirt" (Joh 10,11), hat diesen Auftrag nach seiner Auferstehung bestätigt: ,,Weide meine Schafe !,, (Joh 21,15-17). Die Gewalt, zu ,,binden" und zu ,,lösen", besagt die Vollmacht, in der Kirche von Sünden loszusprechen, Lehrurteile zu fällen und disziplinarische Entscheide zu treffen. Jesus hat der Kirche diese Autorität durch den Dienst der Apostel [Vgl. Mt 18,18.] und insbesondere des Petrus anvertraut, dem er als einzigem die Schlüssel des Reiches ausdrücklich übergeben hat.

 

 

Eine Vorahnung des Reiches: die Verklärung

 

554 Von dem Tag an, an dem Petrus bekannt hatte, daß Jesus der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes ist, ,,begann Jesus, seinen Jüngern zu erklären, er müsse nach Jerusalem gehen und ... vieles erleiden; er werde getötet werden, aber am dritten Tag werde er auferstehen" (Mt 16,21). Petrus weist diese Ankündigung zurück [Vgl. Mt 16,22-23.]auch die anderen können sie nicht begreifen [Vgl. Mt 17,23; Lk 9,45.]. In diesem Zusammenhang steht das geheimnisvolle Geschehen der Verklärung Jesu [Vgl. Mt 17,1-8 par.; 2 Petr 1,16-18.]auf einem hohen Berg vor drei von ihm ausgewählten Zeugen: Petrus, Jakobus und Johannes. Das Antlitz und die Kleider Jesu werden strahlend hell; Mose und Elija erscheinen und sprechen ,,von seinem Ende, das sich in Jerusalem erfüllen sollte" (Lk 9,31). Eine Wolke überschattet sie und eine Stimme vom Himmel sagt: ,,Das ist mein auserwählter Sohn, auf ihn sollt ihr hören" (Lk 9,35).

 

555 Für einen Augenblick läßt Jesus seine göttliche Herrlichkeit aufleuchten und bestätigt so das Bekenntnis des Petrus. Er zeigt auch, daß er, um ,,in seine Herrlichkeit zu gelangen" (Lk 24,26), in Jerusalem den Tod am Kreuz erleiden muß. Mose und Elija hatten auf dem Berg die Herrlichkeit Gottes gesehen; das Gesetz und die Propheten hatten die Leiden des Messias angekündigt [Vgl. Lk 24,27. ]. Die Passion Jesu ist der Wille des Vaters; der Sohn handelt als Gottesknecht [Vgl. Jes 42,1.]; die Wolke ist ein Zeichen der Gegenwart des Heiligen Geistes: ,,Die ganze Dreifaltigkeit erschien: Der Vater in der Stimme, der Sohn als Mensch, der Heilige Geist in der leuchtenden Wolke" (Thomas v. A., s. th. 3,45,4 ad 2).

 

,,Du wurdest auf dem Berg verklärt, und soweit sie dazu fähig waren, schauten deine Jünger deine Herrlichkeit, Christus Gott, damit sie, wenn sie dich gekreuzigt sehen werden, begreifen, daß dein Leiden freiwillig war, und damit sie der Welt verkünden, daß du wirklich der Abglanz des Vaters bist" (Byzantinische Liturgie, Kontakion am Fest der Verklärung).

 

556 Am Beginn des öffentlichen Lebens steht die Taufe, am Beginn des Pascha die Verklärung. Bei der Taufe Jesu wurde ,,das Geheimnis der ersten Neugeburt kundgetan": unsere Taufe; die Verklärung ist ,,das Sakrament der zweiten Wiedergeburt": unserer Auferstehung (Thomas v. A., s. th. 3,45,4,ad 2). Schon jetzt haben wir an der Auferstehung des Herrn Anteil durch den Heiligen Geist, der in den Sakramenten der Kirche, des Leibes Christi wirkt. Die Verklärung gibt uns eine Vorahnung der Wiederkunft Christi in Herrlichkeit, ,,der unseren armseligen Leib verwandeln wird in die Gestalt seines verherrlichten Leibes" (Phil 3,21). Sie sagt uns aber auch, daß wir ,,durch viele Drangsale ... in das Reich Gottes gelangen" müssen (Apg 14,22):

 

,,Das hatte Petrus noch nicht begriffen, als er mit Christus auf dem Berge zu leben wünschte [Vgl. Lk 9,33.]. Er hat dir, Petrus, das für die Zeit nach seinem Tod vorbehalten. Jetzt aber sagt er selbst: Steige hinab, um auf Erden dich abzumühen, auf Erden zu dienen, auf Erden verachtet, gekreuzigt zu, werden. Das Leben steigt hinab, um sich töten zu lassen; das Brot steigt hinab, um zu hungern; der Weg steigt hinab, um auf dem Wege müde zu werden; die Quelle steigt hinab‘ um zu dürsten - und du weigerst dich, dich abzumühen?" (Augustinus, serm. 78,6).

 

 

Jesus geht hinauf nach Jerusalem

 

557 ,,Als die Zeit herankam, in der er [in den Himmell aufgenommen werden sollte, entschloß sich Jesus, nach Jerusalem zu gehen" (Lk 9,51) [Vgl. Joh 13,1.]. Durch diesen Entschluß deutete Jesus an, daß er bereit zum Sterben nach Jerusalem hinaufging. Dreimal hatte er sein Leiden und seine Auferstehung angekündigt [Vgl. Mk 8,31-33; 9,31-32; 10,32-34]. Als er sich Jerusalem näherte, sagte er: ,,Ein Prophet darf nirgendwo anders als in Jerusalem umkommen" (Lk 13,33).

 

558 Jesus erinnert an das Martyrium der Propheten, die in Jerusalem umgebracht worden waren [Vgl. Mt 23,37a.]. Dennoch fordert er Jerusalem beharrlich auf, sich um ihn zu sammeln: ,,Wie oft wollte ich deine Kinder um mich sammeln, so wie eine Henne ihre Küken unter ihre Flügel nimmt; aber ihr habt nicht gewollt" (Mt 23, 37b). Als Jerusalem in Sicht ist, weint er über die Stadt und äußert noch einmal seine tiefste Sehnsucht: ,,Wenn doch auch du an diesem Tag erkannt hättest, was dir Frieden bringt! Jetzt aber bleibt es vor deinen Augen verborgen" (Lk 19,42).

 

 

Der messianische Einzug in Jerusalem

 

559 Wie wird Jerusalem seinen Messias aufnehmen? Jesus hatte sich den Bestrebungen des Volkes, ihn zum König zu machen, stets entzogen [Vgl. Joh 6,15]. Jetzt wählt er den Zeitpunkt und trifft Vorkehrungen für seinen messianischen Einzug in die Stadt ,,seines Vaters David" (Lk 1,32) [Vgl. Mt 21.1-1-11.]. Er wird umjubelt als der Sohn Davids, als der, der das Heil bringt [,,Hosanna" bedeutet ,,rette!", ,,gib Heil !,,I. Nun aber zieht der ,,König der Herrlichkeit" (Ps 24,7-10) ,,auf einem Esel reitend" (Sach 9,9) in seine Stadt ein; er gewinnt die Tochter Zion, das Sinnbild seiner Kirche, nicht durch List und Gewalt für sich, sondern durch Demut, die für die Wahrheit Zeugnis ablegt [Vgl. Juli 18.37.]. Deshalb bilden an diesem Tag die Kinder [Vgl. Mt 21.15-16;Ps 8.3.] sein Reich und auch die ,,Armen Gottes", die ihm so zurufen, wie ihn die Engel den Hirten verkündet haben [Vgl. Lk 19.38: 2,14.]. Ihr Zuruf ,,Gesegnet sei, der kommt im Namen des Herrn!" (Ps 118,26) ist von der Kirche in das Sanctus der Eucharistiefeier aufgenommen worden, um das Gedächtnis an das Pascha des Herrn zu eröffnen.

 

560 Der Einzug Jesu in Jerusalem kündigt das Kommen des Reiches an, das der Messias-König durch das Pascha seines Todes und seiner Auferstehung herbeiführt. Mit der Feier dieses Einzugs am Palmsonntag eröffnet die Kirche die große Heilige Woche, die Karwoche.

 

 

KURZTEXTE

 

561 „Das ganze Leben Christi war ein beständiges Lehren. Die Momente des Schweigens. seine Wunder, seine Taten, sein Beten, seine Menschenliebe, seine Vorliebe für die Kleinen und Armen, die Annahme des letzten Opfers für die Erlösung der Welt am Kreuz und seine Auferstehung - dies alles macht sein Wort wirklich und wahr und vollendet seine Offenbarung" (CT 9).

 

562 Die Jünger Christi müssen ihm gleichgestaltet werden, bis er in ihnen Gestalt gewonnen hat [Vgl. Gal 4,19.]. „Deshalb werden wir aufgenommen in die Mysterien seines Lebens, mit ihm gleichgestaltet. mit ihm gestorben und mit ihm auferweckt, bis wir mit ihm herrschen werden" (LG 7).

 

563 Ob einer nun Hirte oder Sterndeuter ist, er kann auf Erden nicht zu Gott kommen, es sei denn, er kniet vor der Krippe Betlehems nieder und betet ihn als den in der Schwäche eines Kindes Verborgenen an.

 

564 Durch seine Unterordnung unter Maria und Josef und seine schlichte Arbeit während der vielen Jahre in Nazaret gibt uns Jesus das Beispiel der Heiligkeit im Alltagsieben der Familie und der Arbeit.

 

565 Schon zu Beginn seines öffentlichen Lebens, bei seiner Taufe, ist Jesus der ‚. Gottesknecht". der gänzlich dem Erlösungswerk geweiht ist, das sich in der „Tauft" seiner Passion vollenden wird.

 

566 Bei der Versuchung in der Wüste erweist sich Jesus als der demütige Messias, der durch seine völlige Treue zu dem vorn Vater gewollten Heilsplan über Satan siegt.

 

567 Durch Christus beginnt auf Erden das Himmelreich. Es „leuchtet im Wort, in den Werken und in der Gegenwart Christi den Menschen auf‘(LG 5). Die Kirche ist der Keim und Anfang dieses Reiches. Dessen Schlüssel sind Petrus anvertraut.

 

568 Die Verklärung Christi will den Glauben der Apostel angesicht der kommenden Passion stärken. Der Aufstieg auf den „hohen Berg" bereitet a"f den Aufstieg zum Kalvarienberg vor. Christus, das Haupt der Kirche, offenbart. was sein Leib enthält und in den Sakramenten ausstrahlt: „die Hoffnung auf Herrlichkeit" (KoI 1,27) [Vgl. Leo d. Gr.. serm. 51,3.].

 

569 Jesus ist freiwillig nach Jerusalem hinaufgezogen im Bewußtsein, daß er dort wegen des Widerstandes von seiten der Sünder [Vgl. Hebr 12,3.] eines gewaltsamen Todes sterben werde.

 

570 Der Einzug Jesu in Jerusalem bezeugt das Kommen des Gottesreiches. Der Messias-König, von den Kindern und den demütig gesinnten Menschen in seiner Stadt empfangen, wird es durch das Pascha seines Todes und seiner Auferstehung herbeiführen.

 

 

 

 





zurück - vor

Copyright © Libreria Editrice Vaticana