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VESPER ZUM BEGINN DES STUDIENJAHRES
DER PÄPSTLICHEN UNIVERSITÄTTEN
VON ROM

PREDIGT VON PAPST BENEDIKT XVI.

Petersdom, Kathedra-Altar
Freitag
, 4. November 2011

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Verehrte Brüder,
liebe Brüder und Schwestern!

Es ist mir eine Freude, diese Vesper mit euch, der großen Gemeinschaft der römischen Päpstlichen Universitäten, zu feiern. Ich begrüße Kardinal Zenon Grocholewski und danke ihm für die freundlichen Worte, die er an mich gerichtet hat, und vor allem für den Dienst, den er als Präfekt der Kongregation für das Katholische Bildungswesen leistet, mit Unterstützung des Sekretärs und der anderen Mitarbeiter. An sie sowie an alle Rektoren, Professoren und die Studenten richte ich meinen herzlichsten Gruß.

Vor nunmehr 70 Jahren errichtete der ehrwürdige Diener Gottes Pius XII. durch das Motu proprio Cum Nobis (vgl. AAS 33 [1941], 479–481) das Päpstliche Werk für Priesterberufungen, mit dem Ziel, die Berufungen zum priesterlichen Dienst zu fördern, das Wissen um die Würde und die Notwendigkeit des Weiheamtes zu verbreiten und die Gläubigen zum Gebet zu ermutigen, um vom Herrn zahlreiche und würdige Priester zu erlangen. Anläßlich dieses Jahrestages möchte ich euch am heutigen Abend einige Gedanken unterbreiten, die das Priesteramt betreffen. Das Motu proprio Cum Nobis war der Beginn einer weitgreifenden Bewegung von Gebetsinitiativen und pastoralen Tätigkeiten. Es war eine deutliche und großherzige Antwort auf das Gebot des Herrn: »Die Ernte ist groß, aber es gibt nur wenig Arbeiter. Bittet also den Herrn der Ernte, Arbeiter für seine Ernte auszusenden« (Mt 9,37–38). Nach der Errichtung des Päpstlichen Werkes entwickelten sich überall weitere. Unter diesen möchte ich »Serra International« erwähnen, das von einigen Unternehmern aus den Vereinigten Staaten gegründet wurde. Es ist nach P. Junípero Serra, einem spanischen Franziskaner, benannt und hat das Ziel, die Berufungen zum Priestertum zu ermutigen und zu fördern sowie die Seminaristen finanziell zu unterstützen. An die Mitglieder von »Serra«, die den 60. Jahrestag der Anerkennung durch den Heiligen Stuhl begehen, richte ich einen herzlichen Gruß. Das Päpstliche Werk für Priesterberufe wurde am liturgischen Gedenktag des hl. Karl Borromäus errichtet, des verehrten Schutzpatrons der Priesterseminare. Auch in dieser Feier bitten wir ihn um seine Fürsprache für die Erweckung, die gute Ausbildung und die Zunahme der Berufungen zum Priesteramt.

Auch das Wort Gottes, das wir im Abschnitt aus dem Ersten Petrusbrief gehört haben, lädt ein, über die Sendung der Hirten in der christlichen Gemeinde nachzudenken. Von den Anfängen der Kirche an wurde den Vorstehern der ersten Gemeinden, die von den Aposteln errichtet wurden, um das Wort Gottes durch die Predigt zu verkündigen und das Opfer Christi, die Eucharistie, zu feiern, große Bedeutung zuerkannt. Petrus ermutigt sie leidenschaftlich: »Eure Ältesten ermahne ich, da ich ein Ältester bin wie sie und ein Zeuge der Leiden Christi und auch an der Herrlichkeit teilhaben soll, die sich offenbaren wird« (1 Petr 5,1). Der hl. Petrus richtet diesen Appell an sie kraft seiner persönlichen Beziehung zu Christus, die in den dramatischen Ereignissen des Leidens und in der Erfahrung der Begegnung mit dem von den Toten auferstandenen Christus ihren Höhepunkt findet. Darüber hinaus hebt Petrus die gegenseitige Solidarität der Hirten im Dienst hervor und betont seine und ihre Zugehörigkeit zu der einen apostolischen Ordnung: Er sagt nämlich, er sei »ein Ältester wie sie«; der griechische Begriff ist »sympresbyteros«. Die Herde Christi zu weiden ist ihre gemeinsame Berufung und Aufgabe, die sie auf besondere Weise miteinander verbindet, weil sie durch ein besonderes Band mit Christus vereint sind. In der Tat hat Jesus, der Herr, sich selbst mehrmals mit einem fürsorglichen Hirten verglichen, der auf jedes seiner Schafe achtet. Er hat von sich gesagt: »Ich bin der gute Hirt« (Joh 10,11). Und der hl. Thomas von Aquin kommentiert: »Obwohl alle Vorsteher der Kirche Hirten sind, so sagt er von sich, daß er selbst es in einzigartiger Weise ist: ›Ich bin der gute Hirt‹, um behutsam die Tugend der Nächstenliebe einzuführen. Man kann nämlich kein guter Hirt sein, wenn man nicht eins wird mit Christus und seinen Gliedern durch die Nächstenliebe.

Die Nächstenliebe ist die erste Pflicht des guten Hirten«, so der hl. Thomas von Aquin in seinem Kommentar zum Evangelium des hl. Johannes (Johanneskommentar, Kap. 10, Lekt. 3). Petrus hat eine hohe Meinung von der Berufung zum Dienst des Vorstehers der Gemeinde, verstanden in Kontinuität mit der einzigartigen Erwählung, die die Zwölf empfangen haben. Die apostolische Berufung lebt durch die persönliche Beziehung zu Christus, genährt vom unablässigen Gebet und beseelt von der Leidenschaft, die empfangene Botschaft und die Glaubenserfahrung der Apostel weiterzugeben. Jesus hat die Zwölf berufen, um sie bei sich zu haben und sie dann auszusenden, damit sie seine Botschaft verkündeten (vgl. Mk 3,14). Es gibt einige Bedingungen für einen wachsenden Einklang mit Christus im Leben des Priesters. Ich möchte drei davon hervorheben; sie gehen aus der Lesung hervor, die wir gehört haben: Das Bestreben, mit Jesus an der Verbreitung des Reiches Gottes zusammenzuarbeiten, die Unentgeltlichkeit der Hirtentätigkeit und die Haltung des Dienens.

Bei der Berufung zum Priesteramt steht die Begegnung mit Jesus und das Angezogensein, das Betroffensein von seinen Worten, von seinem Handeln, von seiner Person an erster Stelle. Es bedeutet, inmitten vieler Stimmen seine Stimme erkannt zu haben und mit Petrus zu antworten: »Du hast Worte des ewigen Lebens. Wir sind zum Glauben gekommen und haben erkannt: Du bist der Heilige Gottes« (Joh 6,68–69). Man ist gleichsam von der Ausstrahlung des Guten und der Liebe, die von ihm ausgeht, erreicht worden und spürt, daß man davon umgeben ist und so sehr daran teilhat, daß man wie die beiden Emmausjünger bei ihm bleiben – »bleib doch bei uns; denn es wird bald Abend« (Lk 24,29) – und der Welt das Evangelium verkünden möchte. Gott, der Vater, hat den ewigen Sohn in die Welt gesandt, um seinen Heilsplan zu verwirklichen. Christus Jesus hat die Kirche eingesetzt, damit sich das Heilswirken in der Zeit fortsetzt. Die Berufung der Priester hat ihre Wurzel in diesem Wirken des Vaters, das in Christus durch den Heiligen Geist verwirklicht wird. Der Diener des Evangeliums ist also jener, der sich von Christus ergreifen läßt, der bei ihm »bleibt«, der in Einklang, in enge Freundschaft mit ihm tritt, damit alles erfüllt wird »wie Gott es will« (1 Petr 5,2), wie es seinem liebenden Willen entspricht, mit großer innerer Freiheit und mit tiefer Freude im Herzen.

An zweiter Stelle ist er berufen, Verwalter der Geheimnisse Gottes zu sein, »nicht aus Gewinnsucht, sondern aus Neigung«, sagt der hl. Petrus in der Lesung dieser Vesper (ebd.). Man darf nie vergessen, daß der Zugang zum Priestertum durch das Sakrament, die Weihe, geschieht. Das bedeutet, sich dem Wirken Gottes gegenüber zu öffnen und täglich die Entscheidung zu treffen, sich selbst für ihn und für die Brüder hinzugeben, gemäß dem Wort des Evangeliums: »Umsonst habt ihr empfangen, umsonst sollt ihr geben« (Mt 10,8). Die Berufung des Herrn in den Dienst ist keine Frucht besonderer Verdienste, sondern sie ist ein Geschenk, das man annehmen und dem man entsprechen muß, indem man sich nicht einem eigenen Plan widmet, sondern dem Plan Gottes, in großherziger und uneigennütziger Weise, damit er nach seinem Willen über uns verfügen kann, auch wenn dieser vielleicht nicht unseren Wünschen nach Selbstverwirklichung entspricht. Zu lieben gemeinsam mit ihm, der uns zuerst geliebt und sich ganz hingeschenkt hat, bedeutet, bereit zu sein, sich hineinnehmen zu lassen in seinen Akt der vollkommenen und allumfassenden Liebe zum Vater und zu jedem Menschen, der auf dem Kalvarienberg vollbracht wurde. Als Priester dürfen wir nie vergessen, daß der einzige rechtmäßige Aufstieg zum Hirtendienst nicht durch den Erfolg geschieht, sondern durch das Kreuz.

In dieser Logik bedeutet Priester zu sein, Diener zu sein, auch durch die Vorbildlichkeit des Lebens. »Seid Vorbilder für die Herde«, lautet die Aufforderung des Apostels Petrus (1 Petr 5,3). Die Priester sind Verwalter der Heilsmittel, der Sakramente, insbesondere der Eucharistie und der Buße. Sie verfügen nicht nach eigenem Ermessen darüber, sondern sind ihre demütigen Diener zum Wohl des Gottesvolkes. Es ist also ein Leben, das zutiefst von diesem Dienst geprägt ist: vom aufmerksamen Sorgetragen für die Herde, von der treuen Feier der Liturgie und von der eifrigen Fürsorge für alle Brüder, besonders für die armen und notleidenden. Indem er diese »Hirtenliebe« nach dem Vorbild Christi und mit Christus lebt, an welchen Ort auch immer der Herr ihn beruft, kann jeder Priester sich selbst und seine Berufung in ganzer Fülle verwirklichen.

Liebe Brüder und Schwestern, ich habe einige Gedanken über den priesterlichen Dienst dargelegt. Aber auch die geweihten Personen und die Laien – ich denke besonders an die zahlreichen Ordensschwestern und Frauen im Laienstand, die an den Kirchlichen Universitäten in Rom studieren, sowie an jene, die in den besagten Hochschulen ihren Dienst als Dozenten oder Mitarbeiter leisten – können nützliche Elemente finden, um die Zeit, die sie in der Ewigen Stadt verbringen, intensiver zu erleben. Denn für alle ist es wichtig, immer mehr zu lernen, wie man tagtäglich beim Herrn »bleiben« kann, in der persönlichen Begegnung mit ihm, um sich von seiner Liebe anziehen und ergreifen zu lassen und Verkündiger seines Evangeliums zu sein. Es ist wichtig zu versuchen, im Leben großherzig nicht einen eigenen Plan zu verfolgen, sondern den Plan, den Gott für einen jeden hat, und den eigenen Willen dem Willen des Herrn anzugleichen. Es ist wichtig, sich auch durch ein ernsthaftes und eifriges Studium darauf vorzubereiten, dem Gottesvolk zu dienen in den Aufgaben, die uns einmal anvertraut werden.

Liebe Freunde, lebt diese Zeit der Ausbildung gut, in enger Gemeinschaft mit dem Herrn: Sie ist ein kostbares Geschenk, das Gott euch gibt, besonders hier in Rom, wo man auf ganz einzigartige Weise die Katholizität der Kirche atmet. Der hl. Karl Borromäus erlange allen, die die kirchlichen Fakultäten Roms besuchen, die Gnade der Treue. Euch allen gewähre der Herr auf Fürsprache der Jungfrau Maria, »Sedes Sapientiae«, ein fruchtbringendes Studienjahr. Amen.

 

 

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