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BOTSCHAFT VON PAPST
BENEDIKT XVI.
AN DIE KATHOLIKEN IN DEN LÄNDERN DES NAHEN OSTENS
An die Hochwürdigsten Mitbrüder im bischöflichen und
priesterlichen Dienst
an die lieben katholischen Brüder und Schwestern
in den Ländern des Nahen Ostens
Umstrahlt vom Glanz des Weihnachtsfestes, betrachten wir die
Gegenwart des Wortes, das unter uns sein Zelt aufgeschlagen hat. Es ist »das
Licht, das in der Finsternis leuchtet« und das uns »die Macht gab, Kinder Gottes
zu werden« (vgl. Joh 1,5.12). In dieser für den christlichen Glauben so
bedeutsamen Zeit möchte ich an euch, katholische Schwestern und Brüder, die ihr
in den Ländern des Nahen Ostens lebt, einen besonderen Gedanken richten. Ich
fühle mich euch in jeder auch kleinsten Teilkirche geistig nahe, um mit euch die
Sehnsucht und die Hoffnung zu teilen, mit der ihr den Herrn Jesus, den
Friedensfürst, erwartet. Allen gelte der biblische Gruß, den sich auch der hl.
Franz von Assisi zu eigen gemacht hat: »Der Herr schenke euch Frieden.«
Mit Zuneigung wende ich mich an die Gemeinden, die eine »kleine
Herde« sind und sich als solche fühlen sowohl auf Grund der geringen Anzahl von
Brüdern und Schwestern (vgl. Lk 12,32), als auch deshalb, weil sie in
einer Gesellschaft leben, die in der großen Mehrheit aus Andersgläubigen
besteht, und auf Grund der gegenwärtigen Tatsache, daß sich manche der
Ursprungsländer in dürftigen Verhältnissen und Schwierigkeiten befinden. Ich
denke vor allem an die Länder, die von starken Spannungen gezeichnet und oft
abscheulichen Gewalttaten ausgesetzt sind, die nicht nur große Zerstörungen
hervorrufen, sondern mitleidlos unschuldige und wehrlose Menschen treffen. Die
Nachrichten, die jeden Tag aus dem Nahen Osten kommen, zeigen eine stetige
Zunahme dramatischer Situationen, die fast ausweglos sind. Es sind Ereignisse,
die in den Menschen, die darin verwickelt sind, natürlich Gegenklagen und Wut
hervorrufen und die Gemüter auf Vergeltung und Rache einstimmen.
Wir wissen, daß das keine christlichen Gefühle sind. Geben wir
ihnen nach, so erfüllen sie uns im Innern mit Groll und Härte, weit entfernt von
jener »Güte und Demut«, als deren Vorbild sich Christus Jesus uns dargestellt
hat (vgl. Mt 11,29). Damit ginge die Gelegenheit verloren, einen wirklich
christlichen Beitrag zur Lösung der äußerst schwierigen Probleme dieser unserer
Zeit zu leisten. Es wäre gerade in diesem Moment wirklich unklug, Zeit auf die
Frage zu verwenden, wer mehr gelitten hat, oder das erlittene Unrecht anzuführen
und dabei die Gründe aufzuzählen, die die eigene These untermauern. Das ist in
der Vergangenheit oft geschehen und führte zu gering gesagt enttäuschenden
Ergebnissen. Das Leiden verbindet im Grunde alle, und wenn man leidet, sollte
man vor allem den Wunsch verspüren, zu verstehen, wie sehr der andere leidet,
der sich in einer ähnlichen Lage befindet. Der geduldige und demütige Dialog,
der im gegenseitigen Aufeinanderhören geführt wird und auf das Verständnis der
Lage des andern ausgerichtet ist, hat schon in vielen, ehedem durch Gewalt und
Rache verwüsteten Ländern gute Frucht getragen. Ein wenig mehr Vertrauen in die
Menschlichkeit des andern, vor allem wenn er leidet, kann nur zu wirksamen
Ergebnissen führen. Diese innere Bereitschaft wird heute von vielen Seiten
maßgebend gefordert.
Ich denke ständig, aber in der Weihnachtszeit mit besonderer
Sorge, an die katholischen Gemeinden in euren Ländern. In eure Länder führt uns
der Stern, den die Sterndeuter sahen, jener Stern, der sie zur Begegnung mit dem
Kind und seiner Mutter Maria führte (vgl. Mt 2,11). In einem Land des
Orients hat Jesus sein Leben hingegeben: »Er vereinigte die beiden Teile und riß
durch sein Sterben die trennende Wand der Feindschaft nieder« (Eph 2,14).
Dort sagte Er zu den Jüngern: »Geht hinaus in die ganze Welt, und
verkündet das Evangelium allen Geschöpfen« (Mk 16,15). Dort wurden
die Jünger des Meisters erstmals als Christen bezeichnet (vgl. Apg
11,26). Dort entstand und entwickelte sich die Kirche der großen Väter und
erblühten reiche geistliche und liturgische Traditionen.
Liebe Brüder und Schwestern, euch, den Erben dieser Traditionen,
spreche ich mit Zuneigung meine persönliche Nähe aus in eurer Lage menschlicher
Unsicherheit, täglicher Leiden, der Angst und der Hoffnung, die ihr erlebt.
Euren Gemeinden wiederhole ich vor allem die Worte des Erlösers: »Fürchte dich
nicht, du kleine Herde! Denn euer Vater hat beschlossen, euch das Reich zu
geben« (Lk 12,32). Ihr dürft auf meine volle Solidarität unter den
gegenwärtigen Umständen zählen. Ich bin sicher, daß ich das auch im Namen der
universalen Kirche sagen kann. Deshalb soll sich kein katholischer Gläubiger des
Nahen Ostens zusammen mit seiner Heimatgemeinde allein oder verlassen fühlen.
Eure Kirchen sind auf ihrem schweren Weg vom Gebet und von der karitativen
Unterstützung der Teilkirchen der ganzen Welt begleitet, dies nach dem Vorbild
und gemäß dem Geist der im Entstehen begriffenen Kirche (vgl. Apg
11,29–30).
In der jetzigen Lage, die sich durch wenig Licht und viel
Schatten auszeichnet, ist es für mich ein Grund des Trostes und der Hoffnung zu
wissen, daß die christlichen Gemeinden des Nahen Ostens, deren schwere Leiden
mir voll und ganz gegenwärtig sind, weiterhin lebendige und tatkräftige
Gemeinschaften bleiben und ihren Glauben in den sie umgebenden Gesellschaften
durch ihre besondere Identität mit Entschiedenheit bezeugen. Sie wollen dazu
beitragen, die dringenden Bedürfnisse ihrer jeweiligen Gesellschaft und der
ganzen Region in konstruktiver Weise zu erleichtern. In seinem ersten Brief, den
er an ärmliche und ausgegrenzte Gemeinden schrieb, die in der damaligen
Gesellschaft nicht viel galten und auch verfolgt waren, zögerte der Apostel
Petrus nicht zu sagen, daß ihre schwierige Lage als »Gnade« zu betrachten sei
(vgl. 1,7–11). In der Tat, ist es denn nicht eine Gnade, an den Leiden Christi
teilhaben zu können, sich mit dem Tun zu vereinen, durch das er unsere Sünden
auf sich geladen hat, um sie zu sühnen? Die katholischen Gemeinden, die oft in
einer schweren Lage sind, sollen sich der mächtigen Kraft bewußt sein, die von
ihren mit Liebe angenommenen Leiden ausströmt. Es ist dies ein Leiden, das das
Herz des andern und das Herz der Welt zu verändern vermag. Deshalb ermutige ich
jeden, den eigenen Weg beharrlich fortzusetzen, gestützt von dem Wissen um den
»teuren Preis«, mit dem Christus ihn gerettet hat (vgl. 1 Kor 6,20). Für
die Glieder dieser Gemeinden, die in ihrem Umfeld und in der Gesellschaft in
Minderheit und zahlenmäßig oft unbedeutend sind, ist es um so schwerer, der
eigenen christlichen Berufung zu entsprechen. Aber eure Patriarchen haben in
ihrem Hirtenbrief zu Ostern 1992 geschrieben: »Das Licht in einem Haus mag
schwach sein, aber es erhellt das ganze Haus. Das Salz ist das geringste der
Nahrungsmittel, aber es ist das, was ihnen den Geschmack gibt. Mengenmäßig ist
die Hefe im Teig sehr gering, aber sie ist es, die ihn aufgehen läßt und
vorbereitet, damit er Brot wird.« Ich mache mir diese Worte zu eigen und
ermutige die katholischen Hirten, in ihrem Dienst fortzufahren, indem sie die
Einheit untereinander pflegen und ihrer Herde immer nahe bleiben. Sie sollen
wissen, daß der Papst die Sorgen, die Hoffnungen und die in ihren jährlichen
Hirtenbriefen sowie in der täglichen Erfüllung ihrer heiligen Pflichten
ausgesprochenen Mahnungen teilt. Er ermutigt sie in ihrem Bemühen, die ihnen
anvertraute Herde im Glauben, in der Hoffnung und in der Liebe zu stützen und zu
stärken. Die Gegenwart ihrer Gemeinden in den einzelnen Ländern der Region
bildet unter anderem ein Element, das für den Ökumenismus sehr förderlich sein
kann.
Seit langem ist zu beobachten, daß viele Christen den Nahen
Osten verlassen, so daß die Heiligen Stätten Gefahr laufen, sich in
archäologische Gebiete ohne kirchliches Leben zu verwandeln. Gefährliche
geopolitische Situationen, kulturelle Konflikte, wirtschaftliche und
strategische Interessen sowie eine Aggressivität, die dadurch gerechtfertigt
werden soll, daß ihnen ein sozialer oder religiöser Ursprung zugeschrieben wird,
erschweren sicher das Überleben der Minderheiten, und deshalb kommen viele
Christen dazu, der Versuchung der Auswanderung nachzugeben. Oft mag das Übel
nicht wieder gutzumachend sein. Dennoch darf man nicht vergessen, daß auch das
einfache Zusammensein und Zusammenleben in einem gemeinsamen Leiden wie Balsam
auf die Wunden wirkt und zu Gedanken und Werken der Versöhnung und des Friedens
anleitet. Daraus entsteht ein familiärer und brüderlicher Dialog, der sich mit
der Zeit und durch die Gnade des Heiligen Geistes in einen erweiterten
kulturellen, sozialen und auch politischen Dialog verwandeln kann. Außerdem weiß
der Gläubige, daß er auf eine Hoffnung zählen kann, die nicht enttäuscht, da sie
auf der Gegenwart des Auferstandenen gründet. Von ihm kommt das Werk des
Glaubens und die Opferbereitschaft der Liebe (vgl. 1 Thess 1,3). Auch in
den schmerzhaftesten Schwierigkeiten beweist die christliche Hoffnung, daß die
passive Resignation und der Pessimismus die eigentliche Gefahr sind, die die
Antwort auf die Berufung gefährden, die aus der Taufe erwächst. Daraus können
Mißtrauen, Angst, Selbstmitleid, Fatalismus und Flucht entstehen.
In der gegenwärtigen Stunde wird von den Christen verlangt, daß
sie in der Kraft des Geistes Christi mutig und entschlossen sind und wissen, daß
sie auf die Nähe ihrer in der Welt verstreuten Glaubensbrüder zählen können. Der
hl. Paulus erklärt in einem Brief an die Römer offen, daß die Leiden, die wir
hier auf Erden erdulden, nichts bedeuten im Vergleich zu der Herrlichkeit, die
uns erwartet (vgl. 8,18). In gleicher Weise erinnert uns der Apostel Petrus in
seinem ersten Brief daran, daß wir Christen jetzt unter mancherlei Prüfungen
leiden müssen, aber eine lebendige Hoffnung haben, die uns mit Freude erfüllt
(vgl. 1,6). Paulus bekräftigt dann im zweiten Brief an die Korinther mit
Überzeugung, daß »der Gott allen Trostes … uns in all unserer Not (tröstet),
damit auch wir die Kraft haben, alle zu trösten, die in Not sind« (13–4). Wir
wissen wohl, daß der vom Heiligen Geist verheißene Trost nicht nur aus guten
Worten besteht, sondern sich in eine Erweiterung von Herz und Sinn umsetzt, so
daß man die eigene Lage im größeren Rahmen der ganzen Schöpfung sehen kann, die
in Erwartung des Offenbarwerdens der Söhne Gottes in Geburtswehen liegt (vgl.
Röm 8,19–25). In dieser Hinsicht kann jeder so weit kommen, daß er mehr an
die Leiden des andern als an die eigenen Leiden denkt, mehr an die gemeinsamen
Leiden als an die privaten Leiden. Und er wird sich bemühen, etwas zu tun, damit
der andere oder die anderen erkennen, daß ihre Leiden verstanden und angenommen
sind und man diesen, so weit wie möglich, abhelfen möchte.
Durch euch, meine Lieben, möchte ich mich auch an eure Mitbürger
wenden, an die Männer und Frauen der verschiedenen christlichen Bekenntnisse,
der verschiedenen Religionen und an alle, die aufrichtig den Frieden, die
Gerechtigkeit, die Solidarität suchen durch gegenseitiges Hören und den wahren
Dialog. Allen sage ich: Haltet stand mit Mut und Vertrauen! Von denjenigen, die
für die Lenkung der Geschicke Verantwortung tragen, erbitte ich dann
Sensibilität, Aufmerksamkeit und eine konkrete Nähe, die Berechnungen und
Strategien überwindet, damit unter wahrer Achtung jedes Menschen gerechtere und
friedlichere Gesellschaften aufgebaut werden.
Meine lieben Brüder und Schwestern, wie ihr wißt, hoffe ich
wirklich, daß die göttliche Vorsehung es so fügt, daß die Umstände mir eine
Pilgerfahrt in das Land erlauben, das durch die Ereignisse der Heilsgeschichte
geheiligt worden ist. So hoffe ich, in Jerusalem beten zu können, in der »Heimat
des Herzens aller geistigen Nachkommen Abrahams, denen es besonders teuer ist«
(Johannes Paul II.,
Redemptionis anno, AAS LXXVI, 1984, 625). Ich bin wirklich überzeugt,
daß es sich »zum Symbol der Begegnung, der Einigung und des Friedens für die
ganze Menschheitsfamilie « erheben kann (ebd., S. 629). In Erwartung, daß
sich dieser Wunsch erfüllt, ermutige ich euch, den Weg des Vertrauens
fortzusetzen, indem ihr Gesten der Freundschaft und des guten Willens
vollbringt. Ich meine sowohl die einfachen, alltäglichen Gesten, die in euren
Ländern seit langem vom einfachen Volk geübt werden, das von je her alle
Menschen mit Respekt behandelt hat, als auch die Gesten, die in gewisser Weise
heroisch und von der wahren Achtung der Menschenwürde inspiriert sind – dies in
dem Versuch, für extrem konfliktreiche Situationen Auswege zu finden. Der
Frieden ist ein so großes und dringliches Gut, daß er auch große Opfer von
seiten aller rechtfertigt.
Wie mein verehrter Vorgänger Papst Johannes Paul II. schrieb:
»Ohne Gerechtigkeit gibt es keinen Frieden.« Deshalb ist es notwendig, daß die
Rechte eines jeden anerkannt und gewürdigt werden. Johannes Paul II. fügte
jedoch hinzu: »Ohne Vergebung gibt es keine Gerechtigkeit.« Ohne über vergangene
Fehler hinwegzugehen, kann man normalerweise nicht zu einer Vereinbarung kommen,
die es ermöglicht, den Dialog im Hinblick auf eine künftige Zusammenarbeit zu
eröffnen. In dem Fall ist die Vergebung eine unerläßliche Bedingung, um für die
Planung einer neuen Zukunft frei zu sein. Aus der gewährten und angenommenen
Vergebung können viele Werke der Solidarität entstehen und sich entfalten, dies
gemäß den Richtlinien, die in euren Ländern auf Grund der Initiative der Kirche,
der Regierungen und der nicht zur Regierung gehörenden Instanzen schon bestehen.
Der Gesang der Engel über der Hütte von Betlehem: »Frieden auf
Erden bei den Menschen von Gottes Gnade« nimmt in diesen Tagen seine volle
Prägnanz an und bringt von jetzt an jene Früchte hervor, die man im ewigen Leben
in Fülle haben wird. Mein Wunsch ist es, daß die Weihnachtszeit ein Ende oder
zumindest eine Erleichterung der vielen Leiden bringen und den vielen Familien
jenes Mehr an Hoffnung schenken möge, das notwendig ist, um in der schwierigen
Aufgabe fortzufahren, den Frieden in einer noch so zerrissenen und gespaltenen
Welt zu fördern. Meine Lieben, seid sicher, daß euch auf diesem Weg das
inbrünstige Gebet des Papstes und der ganzen Kirche begleitet. Die Fürsprache
und das Beispiel so vieler Märtyrer und Heiliger, die in euren Ländern mutig
Zeugnis für Christus abgelegt haben, mögen euch stützen und in eurem Glauben
stärken. Und die Heilige Familie von Nazaret wache über eure guten Vorsätze und
eure Bemühungen.
Mit diesen Gefühlen erteile ich jedem von euch als Zeichen
meiner Zuneigung und meines ständigen Gedenkens von ganzem Herzen einen
besonderen Apostolischen Segen.
Aus dem Vatikan, am 21. Dezember 2006
BENEDICTUS XVI
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