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ERÖFFNUNG DER XI. ORDENTLICHEN GENERALVERSAMMLUNG
DER BISCHOFSSYNODE

MEDITATION VON BENEDIKT XVI.

Montag, 3. Oktober 2005

 

Liebe Brüder,

dieser Text der heutigen Terz beinhaltet fünf Weisungen und eine Verheißung. Wir wollen nun versuchen, ein bißchen besser zu verstehen, was der Apostel uns mit diesen Worten sagen will.

Die erste Weisung, »gaudete«, kommt in den Briefen des hl. Paulus sehr häufig vor, ja, man könnte sagen, daß sie gleichsam der »cantus firmus« seines Denkens ist.

Im so mühseligen Leben des Paulus, einem Leben mit Verfolgungen, Hunger, Leiden aller Art, ist dennoch das Schlüsselwort »gaudete« immer gegenwärtig.

Hier erhebt sich die Frage: Ist es möglich, die Freude gleichsam anzuordnen? Die Freude, möchten wir sagen, kommt oder kommt nicht, sie kann nicht auferlegt werden wie eine Pflicht. Und hier hilft es uns, wenn wir an den bekannten Text über die Freude in den Paulusbriefen denken, das heißt an den des Sonntags »Gaudete« mitten in der Liturgie des Advents: »Gaudete, iterum dico gaudete quia Dominus prope est.«

Darin läßt sich der Grund dafür erkennen, daß Paulus in allen Leiden, in allen Sorgen nicht nur den anderen zurufen konnte: »gaudete«, sondern daß er dies sagen konnte, weil er selbst von Freude erfüllt war: »Gaudete, Dominus enim prope est«.

Wenn mir der Geliebte, die Liebe, das größte Geschenk meines Lebens, nahe ist, wenn ich sicher sein kann, daß er, der mich liebt, mir auch in schwierigen Situationen nahe ist, dann empfinde ich im Grunde meines Herzens eine Freude, die größer als alles Leiden ist.

Der Apostel kann sagen: »gaudete«, denn der Herr ist jedem von uns nahe. Deshalb ist diese Weisung in Wirklichkeit eine Einladung, daß wir uns der Gegenwart des Herrn, der uns nahe ist, bewußt werden. Sie ist eine Sensibilisierung für die Gegenwart des Herrn. Der Apostel will uns aufmerksam machen auf diese verborgene, aber ganz reale Präsenz Christi, der jedem von uns nahe ist. Für jeden von uns gelten die Worte aus der Offenbarung: Ich klopfe an deine Tür. Höre mich, öffne mir.

Es ist also auch eine Einladung, für diese Gegenwart des Herrn, der an meine Tür klopft, empfänglich zu sein. Ihm gegenüber nicht taub zu sein, weil die Ohren unserer Herzen so erfüllt sind von den vielen Geräuschen der Welt, daß sie diese stille Gegenwart, die an unsere Türen klopft, nicht hören können. Prüfen wir gleichzeitig, ob wir tatsächlich bereit sind, die Tür unseres Herzens zu öffnen, oder ob dieses Herz vielleicht so angefüllt ist mit vielen anderen Dingen, daß für den Herrn kein Raum bleibt und wir jetzt für den Herrn keine Zeit haben. Und weil wir unempfänglich, taub für seine Gegenwart und mit anderen Dingen angefüllt sind, spüren wir das Wesentliche nicht: Er klopft an die Tür, er ist uns nahe, und damit ist uns die wahre Freude nahe, die stärker ist als alle Traurigkeit der Welt und unseres Lebens.

Im Hinblick auf diese erste Weisung laßt uns also beten: Herr, mache uns empfänglich für deine Gegenwart. Hilf uns hören, damit wir dir gegenüber nicht taub sind. Hilf uns, daß unser Herz frei und für dich offen ist.

Die zweite Weisung »perfecti estote«, wie es im lateinischen Text heißt, scheint sich mit den zusammenfassenden Worten der Bergpredigt zu decken: »perfecti estote sicut Pater vester caelestis perfectus est.«

Dieses Wort lädt uns ein, das zu sein, was wir sind: Abbilder Gottes, Geschöpfe, die in Beziehung zum Herrn geschaffen sind, »Spiegel«, in denen das Licht des Herrn widerscheint. Es ist oft schwer und geschichtlich umstritten, das Christentum nicht dem Buchstaben gemäß zu leben, die Heilige Schrift nicht dem Buchstaben gemäß zu hören, sondern über das Wort, über den jetzigen Augenblick hinaus auf den Herrn, der zu uns spricht, und auf die Vereinigung mit Gott zuzugehen. Wenn wir den griechischen Text betrachten, finden wir ein anderes Verb, »catartizesthe«, und dieses Wort bedeutet »erneuern«, ein Instrument ausbessern, seine volle Funktionsfähigkeit wiederherstellen. Das häufigste Beispiel für die Apostel ist die Ausbesserung eines Fischernetzes, das nicht mehr in einem guten Zustand ist, das viele Löcher hat und nichts mehr taugt; das Netz so zu reparieren, daß es wieder als Netz für den Fischfang dienen und in seinen ursprünglichen Zustand als Werkzeug für diese Arbeit zurückkehren kann. Ein anderes Beispiel: ein Musikinstrument, das eine gerissene Saite hat, so daß man nicht mehr so musizieren kann, wie man sollte. Bei diesem Gebot erscheint unsere Seele wie ein Netz der Apostel, das oft nicht so funktioniert, wie es sollte, weil es von unseren eigenen Absichten zerrissen wird; oder wie ein Musikinstrument, auf dem leider manche Saite gerissen ist, so daß die göttliche Musik, die es in unserem Innersten spielen sollte, nicht gut klingen kann. Es gilt also, dieses Instrument auszubessern, die Risse, die Zerstörungen, die Nachlässigkeiten, die Fehler zu erkennen und das Instrument wieder vollkommen herzustellen, damit es dazu verwendet werden kann, wozu es vom Herrn geschaffen wurde.

Und so kann diese Weisung auch eine Einladung zur regelmäßigen Gewissenserforschung sein, um zu sehen, in welchem Zustand mein Instrument ist, inwieweit es vernachlässigt wird und nicht mehr funktioniert, und es dann in den unversehrten Zustand zurückzuführen. Es ist auch eine Einladung zum Sakrament der Versöhnung, in dem Gott selbst dieses Instrument ausbessert und uns die Vollständigkeit, die Vollkommenheit, die Funktionsfähigkeit wiedergibt, damit das Gotteslob in der Seele wieder erklingen kann.

Dann »exortamini invicem«. Die brüderliche Zurechtweisung ist ein Werk der Barmherzigkeit. Keiner von uns kennt sich selbst gut genug, keiner kennt gut genug seine Fehler. Und so ist es ein Akt der Liebe, daß einer dem anderen zur Vervollkommnung dient, damit wir uns gegenseitig helfen, uns besser zu erkennen, uns zu verbessern. Ich meine, daß es eine der Aufgaben unserer Kollegialität ist, im Sinn des vorgenannten Gebotes einander zu helfen, die Mängel zu erkennen, die wir selbst nicht sehen wollen – »ab occultis meis munda me«, heißt es in dem Psalm –, einander zu helfen, daß wir uns öffnen und diese Dinge sehen.

Dieses große Werk der Barmherzigkeit, einander zu helfen, damit jeder wirklich seine Unversehrtheit, seine Funktionsfähigkeit als Werkzeug Gottes wiederfindet, erfordert gewiß viel Demut und Liebe. Nur wenn es aus einem demütigen Herzen kommt, das sich nicht über den anderen erhebt, sich nicht als besser als der andere ansieht, sondern als einfaches Werkzeug, um einander zu helfen. Nur wenn man diese tiefe und wahre Demut empfindet, wenn man fühlt, daß diese Worte aus der gemeinsamen Liebe kommen, aus der kollegialen Zuneigung, in der wir gemeinsam Gott dienen wollen, können wir in diesem Sinn durch einen großen Akt der Liebe einander helfen. Der griechische Text fügt auch hier einige Nuancen hinzu. Das griechische Wort lautet »paracaleisthe«, es hat dieselbe Wurzel wie das Wort »paracletos, paraclesis«, das heißt trösten. Also nicht nur zurechtweisen, sondern auch trösten, die Leiden des anderen teilen, ihm helfen, wenn er in Schwierigkeiten ist. Mir erscheint auch das als ein großer Akt wahrer kollegialer Zuneigung. In den vielen schwierigen Situationen, die heute in unserem Hirtendienst entstehen, sind manche ein wenig verzweifelt, weil sie nicht sehen, wie es weitergehen soll. In so einem Augenblick bedarf er des Trostes, er braucht jemanden, der bei ihm ist in seiner inneren Einsamkeit und das Werk des Heiligen Geistes, des Trösters, vollbringt, das darin besteht: Mut zu schenken, einander zu tragen, einander zu stützen mit der Hilfe des Heiligen Geistes, des Beistands, des Trösters, unseres Fürsprechers, der uns hilft. Es ist also eine Einladung, daß wir füreinander »ad invicem« das Werk des Heiligen Geistes, des Beistands, vollbringen.

»Idem sapite«: Aus dem lateinischen Wort klingt das Wort »sapor« durch, also »Geschmack«. Ihr sollt an den Dingen den gleichen Geschmack finden, die gleiche grundlegende Vision der Wirklichkeit haben mit allen Unterschieden, die nicht nur berechtigt, sondern auch notwendig sind, aber habt »eundem saporem«, die gleiche Empfindungsfähigkeit. Der griechische Text sagt dasselbe, »froneite«, das heißt: Habt im wesentlichen dieselbe Gesinnung. Wie könnte sonst unser Denken übereinstimmen und uns helfen, gemeinsam die Heilige Kirche zu leiten, wenn wir nicht den Glauben miteinander teilten, der von keinem von uns erfunden wurde, sondern der Glaube der Kirche ist, das gemeinsame Fundament, das uns trägt, auf dem wir stehen und arbeiten? Es ist also eine Einladung, uns immer wieder in dieses gemeinsame Denken, in diesen Glauben, der uns vorausgeht, einzufügen. »Ne respicias peccata nostra sed fidem Ecclesiae tuae«. Es ist der Glaube der Kirche, den der Herr in uns sucht und der auch in der Vergebung der Sünden besteht. Wir sollen also diesen gemeinsamen Glauben haben. Aber wir können, wir müssen diesen Glauben auch leben, jeder in seiner Besonderheit, jedoch immer in dem Bewußtsein, daß dieser Glaube uns vorausgeht. Und wir müssen diesen gemeinsamen Glauben allen anderen mitteilen. Dieser Punkt führt uns schon zur letzten Weisung, die uns den inneren Frieden untereinander gibt.

An dieser Stelle denken wir auch an das »touto froneite«, an einen anderen Text aus dem Brief an die Philipper, am Anfang des großen Hymnus über den Herrn, wo der Apostel zu uns sagt: Seid so wie Christus gesinnt, tretet ein in die »fronesis«, in das »fronein«, in das Denken Christi. Dann können wir den Glauben der Kirche miteinander teilen, denn durch diesen Glauben treten wir in das Denken, in das Fühlen des Herrn ein. Also gemeinsam mit Christus denken.

Noch eine letzte Vertiefung der Weisung des Apostels: Denken, so wie Christus denkt. Wir können es tun, wenn wir die Heilige Schrift lesen, in der das Denken Christi Wort ist, das zu uns spricht. In diesem Sinn sollten wir die »Lectio Divina« üben: in den Schriften das Denken Christi spüren, mit ihm denken lernen, so wie Christus denken und so wie Christus gesinnt sein, fähig, den anderen auch das Denken Christi, die Gesinnung Christi mitzuteilen.

Die letzte Weisung: »pacem habete«, »eireneuete«, ist gleichsam die Zusammenfassung der vorhergegangenen vier Weisungen, so daß wir mit Gott vereint sind, denn er ist unser Frieden, und mit Christus, der zu uns gesagt hat: »pacem dabo vobis«. Wir sind im inneren Frieden, denn im Denken Christi sein bedeutet, unser Leben eins werden lassen. Die Schwierigkeiten, die Kontraste unserer Seele einen sich, wir werden mit dem Ursprung eins, mit dem, dessen Abbild wir durch das Denken Christi sind. So entsteht der innere Frieden, und nur wenn wir in einem tiefen inneren Frieden gründen, können wir auch für die anderen in der Welt Personen des Friedens sein.

Hier die Frage: Ist diese Verheißung an die Weisungen gebunden? Das heißt, ist dieser Gott des Friedens nur insofern mit uns, als wir diese Weisung verwirklichen können? Welche Beziehung besteht zwischen Weisung und Verheißung?

Ich würde sagen, daß es zweiseitig ist, das heißt, daß die Verheißung den Weisungen vorausgeht und diese realisierbar macht und zugleich der Verwirklichung der Weisungen nachfolgt. Das heißt, bevor wir etwas tun, ist der Gott der Liebe und des Friedens für uns offen, er ist mit uns. In der Offenbarung, die im Alten Testament begonnen hat, ist Gott uns durch seine Liebe, seinen Frieden entgegengekommen.

Und in der Menschwerdung ist er der »Gott mit uns«, der Emmanuel, geworden, er ist mit uns, dieser Gott des Friedens, der unser Fleisch und Blut angenommen hat. Er ist mit uns Mensch und umfängt das ganze Menschsein. Und in der Kreuzigung und im Abstieg in das Reich des Todes ist er ganz einer von uns geworden, er geht uns mit seiner Liebe voraus, er umfängt vor allem unser Handeln. Das ist für uns ein großer Trost. Gott geht uns voraus. Er hat schon alles getan. Er hat uns Frieden, Vergebung und Liebe geschenkt. Er ist mit uns. Nur weil er mit uns ist, weil wir in der Taufe seine Gnade, in der Firmung den Heiligen Geist, im Weihesakrament seinen Sendungsauftrag empfangen haben, können wir jetzt mit seiner Gegenwart, die uns vorausgeht, handeln und mitwirken. Unser ganzes Tun, von dem die fünf Weisungen sprechen, ist ein Mitwirken, ein Mitarbeiten mit dem Gott des Friedens, der mit uns ist.

Aber das gilt so weit, als wir tatsächlich in diese Gegenwart eintreten, die er uns geschenkt hat, in dieses Geschenk, das in unserem Sein schon gegenwärtig ist. Seine Gegenwart, sein Mit-uns-Sein verstärkt sich natürlich.

Und wir bitten den Herrn, er möge uns lehren, mit seiner vorausgehenden Gnade mitzuwirken, so daß er wirklich immer mit uns ist. Amen!

 

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