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ANSPRACHE VON BENEDIKT XVI.
AN DAS KARDINALSKOLLEGIUM UND DIE MITGLIEDER
DER RÖMISCHEN KURIE BEIM WEIHNACHTSEMPFANG

Freitag, 22. Dezember 2006

 

Meine Herren Kardinäle,
verehrte Mitbrüder im Bischofs- und im Priesteramt,
liebe Brüder!

Mit großer Freude begegne ich Ihnen heute und richte an jeden meinen herzlichen Gruß. Ich danke Ihnen, daß Sie zu diesem traditionellen vorweihnachtlichen Treffen gekommen sind. Im besonderen danke ich Kardinal Angelo Sodano für seine Worte, mit denen er, ausgehend von dem zentralen Thema der Enzyklika Deus caritas est, die Gesinnung aller Anwesenden zum Ausdruck gebracht hat. Bei dieser bedeutsamen Gelegenheit möchte ich ihm erneut meine Dankbarkeit ausdrücken für den Dienst, den er so viele Jahre lang  - vor allem als Staatssekretär - dem Papst und dem Heiligen Stuhl geleistet hat. Ich bitte den Herrn, ihm das Gute zu lohnen, das er mit seiner Weisheit und seinem Eifer für die Sendung der Kirche vollbracht hat. Zugleich möchte ich einen erneuten besonderen Glückwunsch an Kardinal Tarcisio Bertone richten für die neue Aufgabe, die ich ihm übertragen habe. Gerne dehne ich diese meine guten Wünsche auf alle aus, die im Laufe dieses Jahres in den Dienst der Römische Kurie oder des Governatoratos eingetreten sind, während wir mit Liebe und Dankbarkeit derer gedenken, die der Herr aus diesem Leben zu sich gerufen hat. 

Das Jahr, das sich dem Ende zuneigt – Sie haben es schon gesagt, Eminenz –, bleibt in unserem Erinnern tief geprägt durch die Schrecknisse des Krieges im Umkreis des Heiligen Landes wie ganz allgemein durch die Gefahr eines Zusammenstoßes von Kulturen und Religionen, die als Drohung über unserer geschichtlichen Stunde steht. Die Frage nach den Wegen zum Frieden ist so zu einer vordringlichen Herausforderung geworden für alle, die sich um den Menschen sorgen. Sie geht in besonderer Weise die Kirche an, für die die Verheißung, die über ihrem Beginn stand, Verantwortung und Aufgabe zugleich bedeutet: Herrlichkeit für Gott in der Höhe und Friede für die Menschen auf Erden, die in seinem Wohlgefallen stehen (Lk 2, 14).

Dieses Grußwort des Engels an die Hirten in der Nacht der Geburt Jesu zu Bethlehem weist auf einen unlöslichen Zusammenhang zwischen dem Verhältnis der Menschen zu Gott und ihrem Verhältnis untereinander hin. Der Friede auf Erden kann nicht gefunden werden ohne die Versöhnung mit Gott, ohne den Einklang zwischen Himmel und Erde. Diese Zusammengehörigkeit des Themas „Gott“ und des Themas „Friede“ war der bestimmende Gesichtspunkt bei den vier Apostolischen Reisen dieses Jahres, auf die ich in dieser Stunde noch einmal zurückblicken möchte. Da war zunächst der Pastoralbesuch in Polen, in dem Geburtsland unseres geliebten Papstes Johannes’ Pauls II. Die Reise in seine Heimat war für mich eine innere Pflicht des Dankes für alles, was er mir persönlich und vor allem für das, was er der Kirche und der Welt im Vierteljahrhundert seines Dienstes geschenkt hat. Sein größtes Geschenk an uns alle war sein unerschütterlicher Glaube und die Radikalität seiner Hingabe. „Totus tuus“ hieß sein Wahlspruch, in dem sich sein ganzes Wesen spiegelte. Ja, er war uneingeschränkt hingegeben an Gott, an Christus, an die Mutter Christi, an die Kirche, an den Dienst für den Erlöser und die Erlösung des Menschen. Er hat nichts ausgespart, sich von der Flamme des Glaubens bis auf den Grund verzehren lassen. Er hat uns gezeigt, wie man als Mensch dieses unseres Heute an Gott glauben kann, an den lebendigen, in Christus uns nahe gewordenen Gott. Er hat uns gezeigt, daß endgültige und radikale Hingabe des ganzen Lebens möglich ist und daß gerade im Sich-Geben das Leben groß und weit und fruchtbar wird. In Polen habe ich überall, wo ich hinging, die Freude des Glaubens vorgefunden. „Die Freude am Herrn ist eure Stärke“ – dieses Wort, das der Schriftgelehrte Esra dem gerade aus dem Exil heimgekehrten Israel mitten in der Armseligkeit seines Neubeginns zugerufen hat (Neh 8, 10), - es war hier als Wirklichkeit zu erleben. Zutiefst beeindruckt bin ich geblieben von der großen Herzlichkeit, mit der ich allerorten empfangen worden bin. Die Menschen sahen in mir den Nachfolger Petri, dem der Hirtendienst für die ganze Kirche aufgetragen ist. Sie sahen denjenigen, dem in aller menschlichen Schwachheit heute wie damals das Wort des auferstandenen Herrn gilt: „Weide meine Schafe“ (Joh 21, 15 – 19); den Nachfolger dessen, zu dem Jesus bei Caesarea Philippi sagte: „Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich meine Kirche  bauen“ (Mt 16, 18). Petrus war aus Eigenem kein Fels, sondern ein schwacher und schwankender Mensch. Aber der Herr wollte gerade ihn zum Felsen machen und zeigen, daß er selber durch einen schwachen Menschen hindurch seine Kirche unerschütterlich trägt und in der Einheit erhält. So ist der Besuch in Polen für mich im tiefsten ein Fest der Katholizität gewesen. Christus ist unser Friede, der die Getrennten zusammenfügt; er ist die Versöhnung über alle Verschiedenheit der geschichtlichen Zeiten und der Kulturen hin. Durch den Petrusdienst erleben wir diese vereinigende Kraft des Glaubens, der immer wieder in den vielen Völkern das eine Volk Gottes aufbaut. Wir haben es mit Freuden wirklich erfahren, daß wir aus vielen Völkern das eine Volk Gottes, seine heilige Kirche sind. Dafür darf der Petrusdienst als sichtbares Zeichen stehen, das diese Universalität verbürgt und konkrete Einheit gestaltet. Für diese bewegende Erfahrung der Katholizität möchte ich der Kirche in Polen noch einmal ausdrücklich und herzlich danken.

Bei meinen Wegen durch Polen konnte der Besuch in Auschwitz-Birkenau nicht fehlen, an der Stätte der grausamsten Unmenschlichkeit – des Versuchs, das Volk Israel auszulöschen und so auch die Erwählung Gottes zuschanden zu machen, Gott selbst aus der Geschichte zu verbannen. Es war für mich ein großer Trost, als am Himmel ein Regenbogen erschien, während ich in der Gebärde des Ijob zu Gott rief angesichts des Grauens dieser Stätte, im Schrecken über die scheinbare Abwesenheit Gottes und zugleich in der Gewißheit, daß er auch in seinem Schweigen nicht aufhört, bei uns zu sein und zu bleiben. Der Regenbogen war wie eine Antwort: Ja, ich bin da, und die Worte der Verheißung, des Bundes, die ich nach der Sintflut gesprochen habe, gelten auch heute (vgl. Gen 9, 12 – 17).

Die Reise nach Spanien – Valencia stand ganz im Zeichen des Themas „Ehe und Familie“. Es war schön, vor der Versammlung von Menschen aus allen Kontinenten das Zeugnis von Ehepaaren zu vernehmen, die – mit einer großen Schar von Kindern gesegnet – vor uns hintraten und von ihrem Weg im Sakrament der Ehe und als kinderreiche Familien sprachen. Sie haben nicht verheimlicht, daß es auch schwere Tage gab, daß sie Zeiten der Krise durchschreiten mußten. Aber gerade in der Mühe des täglichen Einander-Ertragens, gerade im Erleiden der Mühsal, sich immer neu anzunehmen und das Ja des Anfangs durchzuleben und durchzuleiden – gerade in diesem Weg des „Sich-Verlierens“ im Sinne des Evangeliums waren sie gereift, hatten sie sich selbst gefunden und waren glücklich geworden. Das Ja zueinander, das sie sich gegeben hatten, war in der Geduld des Weges und in der Kraft des Sakramentes, durch das Christus sie aneinander band, zu einem großen Ja zu sich selbst, zu den Kindern, zum Schöpfergott und zum Erlöser Jesus Christus geworden. So kam vom Zeugnis dieser Familien her eine Welle der Freude zu uns – nicht einer oberflächlichen und billigen Fröhlichkeit, die schnell zerrinnt, sondern einer auch im Leiden gereiften Freude, die in die Tiefe geht und den Menschen wirklich erlöst. Angesichts dieser Familien mit den Kindern, in denen sich die Generationen die Hände geben und Zukunft Gegenwart ist, ist mir die Frage nach Europa in die Seele gedrungen, das anscheinend kaum noch Kinder will. Für den Außenstehenden scheint es müde zu sein, ja, sich selbst von der Geschichte verabschieden zu wollen. Warum ist das so? Das ist die große Frage. Die Antworten darauf müssen sicher sehr vielschichtig sein. Bevor solche Antworten versucht werden, ist zuallererst der Dank an die vielen Ehepaare nötig, die auch heute, in unserem Europa, Ja sagen zum Kind und die die Mühen auf sich nehmen, die damit verbunden sind: die sozialen und die finanziellen Probleme wie die Sorgen und Mühen Tag um Tag; die Hingabe, die nötig ist, um den Kindern den Weg in die Zukunft zu öffnen. Mit dem Andeuten dieser Mühsale zeigen sich wohl auch die Gründe, warum das Wagnis des Kindes so vielen zu groß erscheint. Das Kind braucht Zuwendung. Das bedeutet: Wir müssen ihm etwas von unserer Zeit geben, Zeit unseres Lebens. Aber gerade dieser wesentliche „Rohstoff“ des Lebens – die Zeit – scheint immer knapper zu werden. Die Zeit, die wir haben, reicht kaum aus für das eigene Leben; wie sollten wir sie abtreten, sie jemand anderem geben? Zeit haben und Zeit geben – das ist eine ganz praktische Weise, wie wir erlernen müssen, uns selber zu geben, uns zu verlieren, um uns zu finden. Dazu kommt das schwierige Kalkül: Welche Vorgaben des rechten Weges sind wir dem Kind schuldig, und wie müssen wir dabei seine Freiheit achten? Das Problem ist auch deshalb so schwierig geworden, weil wir der Vorgaben nicht mehr sicher sind; weil wir nicht mehr wissen, was der rechte Gebrauch der Freiheit, was die rechte Weise des Lebens, was das sittlich Gebotene und das Unzulässige ist. Der moderne Geist ist orientierungslos geworden, und diese eigene Orientierungslosigkeit hindert uns, anderen Wegweiser zu sein. Ja, die Problematik reicht noch tiefer. Der Mensch von heute ist der Zukunft unsicher. Kann man jemand in diese unbekannte Zukunft hineinschicken? Ist es überhaupt gut, ein Mensch zu sein? Diese tiefe Unsicherheit über den Menschen selbst ist – neben dem Willen, das Leben ganz für sich zu haben – wohl der tiefste Grund, warum das Wagnis des Kindes vielen kaum noch vertretbar scheint. In der Tat, das Leben können wir verantwortungsvoll nur weitergeben, wenn wir mehr zu geben vermögen als das bloß biologische Leben – einen Sinn, der auch in den Krisen der kommenden Geschichte trägt und eine Gewißheit der Hoffnung, die stärker ist als die Wolken, die über der Zukunft stehen. Wenn wir nicht neu die Gründe des Lebens erlernen – wenn wir nicht die Gewißheit des Glaubens neu finden – dann werden wir auch immer weniger den anderen die Gabe des Lebens und den Auftrag der unbekannten Zukunft anvertrauen können. Damit hängt schließlich noch das Problem endgültiger Entscheidungen zusammen: Kann der Mensch sich für immer binden? Kann er ein Ja auf Lebenszeit sagen? Ja, er kann es. Er ist dazu geschaffen. Gerade so verwirklicht sich des Menschen Freiheit, und so entsteht auch der heilige Raum der Ehe, die zur Familie wächst und Zukunft baut.

An dieser Stelle kann ich meine Beunruhigung über die Gesetze bezüglich der De-facto-Partnerschaften nicht verschweigen. Ein Großteil dieser Paare hat diesen Weg gewählt, weil sie sich – jedenfalls im Augenblick – nicht imstande fühlen, die rechtlich geordnete und bindende Gemeinschaft der Ehe anzunehmen. So ziehen sie es vor, im bloßen Faktum zu bleiben. Wenn nun eine neue Art von Rechtsform geschaffen und damit die Ehe relativiert wird, erhält der Verzicht auf die endgültige Bindung sozusagen ein rechtliches Siegel. Das Sich-Entscheiden wird dann für die, die darum ringen, noch schwieriger. Dazu kommt die Relativierung der Geschlechter-Differenz bei dieser anderen Form der Partnerschaft. Es ist nun gleich, ob es sich um das Miteinander von Mann und Frau oder um gleichgeschlechtliche Verbindungen handelt. Damit wird im stillen jenen verhängnisvollen Theorien recht gegeben, die das Mann-Sein und Frau-Sein des Menschen als bloße Biologie abqualifizieren; die uns sagen, der Mensch – das heißt sein Intellekt und sein Wille – entscheide selbst, was er sei oder nicht sei. Das ist eine Verhöhnung der Leiblichkeit, in der der Mensch sich von seinem Leib – von der „biologischen Sphäre“ – emanzipieren will und sich dabei nur selbst zerstören kann. Wenn man uns sagt, die Kirche dürfe sich da nicht einmischen, dann können wir nur antworten: Geht uns etwa der Mensch nichts an? Haben die Gläubigen von der großen Kultur ihres Glaubens her kein Recht, da mitzureden? Ist es nicht vielmehr ihre, unsere Pflicht, da die Stimme zu erheben und den Menschen, jenes Geschöpf zu verteidigen, das gerade in der Untrennbarkeit von Leib und Seele Gottes Ebenbild ist? Die Reise nach Valencia ist mir zu einer Reise nach der Frage des Menschseins geworden.

Fahren wir im Geiste weiter nach Bayern – München, Altötting, Regensburg, Freising. Dort habe ich unvergeßlich schöne Tage der Begegnung mit dem Glauben und den Gläubigen meiner Heimat erleben dürfen. Das große Thema meiner Deutschland-Reise war Gott. Die Kirche muß über vieles sprechen – über all die Fragen des Menschseins, über ihre eigene Gestalt und Ordnung usw. Aber ihr eigentliches und in gewisser Hinsicht einziges Thema ist „Gott“. Und das große Problem der westlichen Welt ist die sich ausbreitende Gott-Vergessenheit. Im letzten lassen sich – davon bin ich überzeugt – alle Einzelprobleme auf diese Frage zurückführen. Darum ging es mir in dieser Reise vor allem darum, das Thema „Gott“ groß herauszustellen, auch eingedenk der Tatsache, daß in manchen Teilen Deutschlands eine Mehrheit von Ungetauften lebt, für die das Christentum und der Gott des Glaubens der Vergangenheit anzugehören scheinen. Von Gott sprechend sind wir auch genau bei dem, worum es Jesus in seiner irdischen Verkündigung zentral gegangen ist. Das Grundthema seiner Verkündigung ist die Herrschaft Gottes, das „Reich Gottes“. Damit ist nicht etwas irgendwann in einer unbestimmten Zukunft Kommendes gemeint. Damit ist auch nicht die bessere Welt gemeint, die wir allmählich durch unsere eigene Kraft zu schaffen versuchen. In dem Wort „Reich Gottes“ ist das Wort „Gott“ ein sogenannter Genitiv des Subjekts. Das bedeutet: Gott ist nicht eine Zutat zum „Reich“, die man vielleicht auch weglassen könnte. Gott ist das Subjekt. „Reich Gottes“ heißt in Wirklichkeit: Gott herrscht. Er selbst ist da und ist bestimmend für die Menschen in der Welt. Er ist das Subjekt, und wo dieses Subjekt fehlt, bleibt nichts von der Botschaft Jesu übrig. Darum sagt uns Jesus: Das Reich Gottes kommt nicht so, daß man sich sozusagen daneben stellen und bei seinem Kommen zuschauen kann. „Es ist mitten unter euch“ (vgl. Lk 17, 20f). Es wird da, wo Gottes Wille geschieht. Es ist da, wo Menschen sich seiner Ankunft öffnen und damit Gott in die Welt einlassen. Darum ist Jesus das Reich Gottes in Person: der Mensch, in dem Gott in unserer Mitte ist und durch den wir Gott anrühren, in die Nähe Gottes kommen können. Wo dies geschieht, wird die Welt heil.

Mit dem Thema „Gott“ waren und sind zwei Themen verknüpft, die die Tage des Besuchs in Bayern prägten: das Thema „Priestertum“ und das Thema „Dialog“. Paulus nennt den Timotheus und in ihm den Bischof und Priester überhaupt einen „Gottesmenschen“ (1 Tim 6, 11). Dies ist die zentrale Aufgabe des Priesters: Gott zu den Menschen zu bringen. Das kann er freilich nur, wenn er selbst von Gott her kommt, mit Gott und von Gott her lebt. Wunderbar ist das ausgedrückt in dem Vers eines Priester-Psalms, den wir – die alte Generation – bei der Aufnahme in den Klerikerstand gesprochen haben: „Du, Herr, bist mein Erbe und reichst mir den Becher; du hältst mein Los in deinen Händen“ (Ps 15 [16], 5). Der priesterliche Beter dieses Psalms deutet seine Existenz von der im Deuteronomium (10, 9) festgelegten Form der Landverteilung her. Jeder Stamm erhält nach der Landnahme durch das Los seinen Teil am heiligen Land und bekommt damit Anteil an der dem Stammvater Abraham verheißenen Gabe. Nur der Stamm Levi erhält kein Land: Sein Land ist Gott selbst. Diese Aussage hatte gewiß eine ganz praktische Bedeutung. Die Priester lebten nicht wie die anderen Stämme vom Bebauen des Landes, sondern von den Opfergaben. Aber die Aussage reicht doch viel tiefer. Der eigentliche Lebensgrund des Priesters, der Boden seiner Existenz, das Land seines Lebens, ist Gott selbst. Die Kirche hat in dieser alttestamentlichen Deutung priesterlicher Existenz, die auch im Psalm 118 (119) immer wieder aufscheint, mit Recht die Interpretation dafür gefunden, was priesterliche Sendung in der Nachfolge der Apostel, in der Gemeinschaft mit Jesus Christus selbst bedeutet. Der Priester kann und muß auch heute mit dem Leviten sagen: Dominus pars heriditatis meae et calicis mei. Gott selbst ist mein Anteil am Land, der äußere und innere Grund meiner Existenz. Diese Theozentrik der priesterlichen Existenz ist gerade in unserer ganz funktionalistischen Welt nötig, in der alles auf errechenbaren und greifbaren Leistungen beruht. Der Priester muß wirklich Gott von innen her kennen und ihn so zu den Menschen bringen: Das ist der allererste Dienst, den die Menschheit heute braucht. Wenn in einem priesterlichen Leben diese Zentralität Gottes verlorengeht, dann wird auch der Eifer des Tuns allmählich leer. Im Übermaß des Äußeren fehlt die Mitte, die allem Sinn gibt und es zur Einheit fügt. Da fehlt der Lebensgrund, das „Land“, auf dem dies alles stehen und gedeihen kann.

Der Zölibat, die Ehelosigkeit der Priester, die in der ganzen Kirche aus Ost und West für die Bischöfe und gemäß einer bis nah an die Apostelzeit heranreichenden Tradition in der lateinischen Kirche für die Priester überhaupt gilt, kann letztlich nur von hier aus verstanden und gelebt werden. Die bloß pragmatischen Begründungen, der Hinweis auf die größere Verfügbarkeit reichen nicht aus: Solches Verfügen über die Zeit könnte leicht auch zum Egoismus werden, der sich die Opfer und Mühsale erspart, die das tägliche Einander-Annehmen und Ertragen in Ehe und Familie verlangt; es würde dann zu geistlicher Verarmung oder zu seelischer Härte führen. Der wirkliche Grund für den Zölibat kann nur in dem Satz liegen: Dominus pars – Du bist mein Land. Er kann nur theozentrisch sein. Er kann nicht bedeuten, der Liebe leer zu bleiben, sondern muß bedeuten, sich von der Leidenschaft für Gott ergreifen zu lassen und im innersten Sein mit ihm dann zugleich den Menschen dienen zu lernen. Zölibat muß ein Zeugnis des Glaubens sein: Glaube an Gott wird konkret in der Lebensform, die nur von Gott her Sinn hat. Das Leben auf ihn setzen, unter Verzicht auf Ehe und Familie, das sagt aus, daß ich Gott als Wirklichkeit annehme und erfahre und ihn deshalb zu den Menschen bringen kann. Unsere ganz positivisitisch gewordene Welt, in der Gott allenfalls als Hypothese, aber nicht als praktische Wirklichkeit ins Spiel kommt, braucht dieses Setzen auf Gott in der konkretesten und radikalsten Weise, die möglich ist. Sie braucht das Gotteszeugnis des Entscheids, Gott als Boden des eigenen Lebens anzunehmen. Darum ist der Zölibat gerade heute in unserer gegenwärtigen Welt wichtig, auch wenn seine Erfüllung in unserer Gegenwart immerfort bedroht und gefährdet ist. Es bedarf sorgfältiger Vorbereitung auf dem Weg dahin; immerwährender Wegbegleitung durch den Bischof, die priesterlichen Freunde und durch Laien, die dieses priesterliche Zeugnis mittragen. Es bedarf des Gebetes, das Gott immerfort als den lebendigen Gott ruft und sich an ihn in Stunden der Verwirrung wie in Stunden der Freude hält. So kann gegen den kulturellen Trend, der uns unsere Fähigkeit zu solchen Entscheidungen ausreden will, dieses Zeugnis gelebt und damit Gott als Realität in unserer Welt ins Spiel gebracht werden.

Das andere große Thema, das mit dem Thema „Gott“ verbunden ist, lautet „Dialog“. Der innere Ring des heute nötigen vielschichtigen Dialogs, das gemeinsame Mühen aller Christen um Einheit, wurde in der ökumenischen Vesper im Regensburger Dom sichtbar, bei der ich neben den Brüdern und Schwestern der katholischen Kirche vielen Freunden aus der Orthodoxie und aus der evangelischen Christenheit begegnen durfte. Im Psalmengebet und im Hören auf Gottes Wort waren wir dort alle vereinigt, und es ist nichts Geringes, daß uns diese Einheit geschenkt ist. Die Begegnung mit der Universität war – wie es sich an diesem Ort ziemt – dem Dialog zwischen Glaube und Vernunft gewidmet. Bei meiner Begegnung mit dem Philosophen Jürgen Habermas vor einigen Jahren in München hatte dieser geäußert, es seien Denker notwendig, die die im christlichen Glauben verschlüsselten Einsichten in die Sprache der säkularen Welt zu übersetzen vermöchten, um sie so auf neue Weise zur Wirkung zu bringen. In der Tat wird immer offenkundiger, wie dringend die Welt des Dialogs zwischen Glaube und Vernunft bedarf. Immanuel Kant hatte seinerzeit das Wesen der Aufklärung in dem Spruch „sapere aude“ ausgesprochen gesehen: als den Mut des Denkens, das sich durch keine Vorurteile beirren läßt. Nun, das Erkennen des Menschen, seine Beherrschung der Materie durch die Kraft des Erkennens hat inzwischen Fortschritte gemacht, die man sich ehedem nicht hätte vorstellen können. Aber die Macht des Menschen, die ihm von der Wissenschaft her zugewachsen ist, wird immer mehr zu einer Gefahr, die ihn selbst und die Welt bedroht. Die ganz auf das Beherrschen der Welt gerichtete Vernunft akzeptiert keine Grenzen mehr. Sie ist dabei, den Menschen selbst nur noch als Materie ihres Produzierens und Könnens zu behandeln. Unser Erkennen wächst, aber zugleich gibt es eine Erblindung der Vernunft für ihre eigenen Gründe; für die Maßstäbe, die ihr Richtung und Sinn geben. Der Glaube an den Gott, der selbst die schöpferische Vernunft des Ganzen ist, muß von der Wissenschaft neu als Herausforderung und als Chance angenommen werden. Umgekehrt muß dieser Glaube seine innere Weite und seine eigene Vernunft neu erkennen. Die Vernunft braucht den Logos, der am Anfang steht und unser Licht ist; der Glaube seinerseits braucht das Gespräch mit der modernen Vernunft, damit er seine Größe wahrnimmt und seiner Verantwortung gerecht wird. Das habe ich in der Regensburger Vorlesung zu zeigen versucht. Es ist eine Frage, die beileibe nicht nur akademischer Natur ist; in ihr geht es um unser aller Zukunft.

Der Dialog der Religionen war dabei nur am Rand zur Sprache gekommen und in einem zweifachen Sinn anvisiert. Die bloß säkulare Vernunft ist nicht imstande, in einen wirklichen Dialog mit den Religionen zu treten. Bleibt sie der Gottesfrage gegenüber verschlossen, so führt dies zum Zusammenstoß der Kulturen. Der andere Aspekt bestand in der Aussage, daß die Religionen einander begegnen müssen in der gemeinsamen Aufgabe, im Dienst der Wahrheit und so des Menschen zu stehen. Der Besuch in der Türkei gab mir die Gelegenheit, die Ehrfurcht vor der islamischen Religion auch öffentlich darzustellen, die uns im übrigen vom II. Vatikanischen Konzil  als verpflichtende Einsicht auf den Weg gegeben worden ist (vgl. Erkl. Nostra Aetate, 3). Ich möchte in diesem Augenblick noch einmal meine Dankbarkeit den Autoritäten der Türkei und dem türkischen Volk gegenüber ausdrücken, das mich mit so großer Gastfreundschaft aufgenommen und mir unvergeßliche Tage der Begegnung geschenkt hat. Bei einem verstärkt zu führenden Dialog mit dem Islam werden wir vor Augen halten müssen, daß die islamische Welt heute mit großer Dringlichkeit sich vor einer ganz ähnlichen Aufgabe findet, wie sie den Christen seit der Aufklärung auferlegt ist und vom II. Vatikanischen Konzil als Frucht eines langen Ringens für die katholische Kirche zu konkreten Lösungen geführt wurde. Es geht um die Stellung der Gemeinschaft der Glaubenden angesichts der Einsichten und Forderungen, die in der Aufklärung gewachsen sind. Einerseits gilt es, einer Diktatur der positivistischen Vernunft zu widersprechen, die Gott aus dem Leben der Gemeinschaft und aus den öffentlichen Ordnungen ausschließt und dabei den Menschen seiner Maßstäbe beraubt. Andererseits müssen die wahren Errungenschaften der Aufklärung, die Menschenrechte und dabei besonders die Freiheit des Glaubens und seiner Ausübung als wesentliche Elemente gerade auch für die Authentizität der Religion aufgenommen werden. Wie es in der christlichen Gemeinschaft ein langes Ringen um den rechten Standort des Glaubens diesen Einsichten gegenüber gab, das freilich nie ganz zu Ende ist, so steht auch die islamische Welt mit ihrer eigenen Überlieferung vor der großen Aufgabe, hier die angemessenen Lösungen zu finden. Inhalt des Dialogs von Christen und Muslimen wird es in diesem Augenblick vor allem sein müssen, sich in diesem Mühen zu begegnen und die rechten Lösungen zu finden. Die Gottvergessenheit des Westens dient heute gewissen Kräften in der islamischen Welt als Vorwand, Gewalt als Teil der Religion zu propagieren. Wir Christen wissen uns solidarisch mit all denen, die gerade von ihrer religiösen Überzeugung als Muslime her gegen die Gewalt und für das Miteinander von Glaube und Vernunft, von Religion und Freiheit eintreten. In diesem Sinn greifen die beiden Dialoge, von denen ich sprach, eng ineinander.

In Istanbul konnte ich schließlich in der Begegnung mit dem ökumenischen Patriarchen Bartholomaios I. noch einmal beglückende Stunden ökumenischer Nähe erleben. Patriarch Bartholomaios hat in diesen Tagen einen Brief an mich geschrieben, in dessen zutiefst von Herzen kommenden Worten der Dankbarkeit mir das Miteinander jener Tage noch einmal ganz gegenwärtig geworden ist. Wir haben es erlebt, daß wir nicht nur den Worten und der Geschichte nach, sondern von innen her Brüder sind; daß uns der gemeinsame Glaube der Apostel bis in unser persönliches Denken und Fühlen verbindet. Wir haben eine tiefe Einheit im Glauben erfahren und werden den Herrn noch inständiger bitten, daß er uns bald auch die volle Einheit im gemeinsamen Brotbrechen schenkt. Mein tiefer Dank und mein brüderliches Beten geht in dieser Stunde zu Patriarch Bartholomaios und zu seinen Gläubigen wie zu den verschiedenen christlichen Gemeinden, die ich in Istanbul treffen durfte. Wir hoffen und beten, daß die religiöse Freiheit, die dem inneren Wesen des Glaubens entspricht und in den Prinzipien der türkischen Verfassung anerkannt wird, immer mehr in den geeigneten rechtlichen Formen wie im Leben des Alltags für das Patriarchat und die übrigen christlichen Gemeinschaften praktische Verwirklichung findet.

Et erit iste pax – dieser wird der Friede sein, sagt der Prophet Micha (5, 4) über den künftigen Herrscher Israels, dessen Geburt in Bethlehem er ankündigt. Den Hirten, die auf den Feldern um Bethlehem ihre Schafe weideten, haben die Engel gesagt: Der Verheißene ist da. „Friede den Menschen auf Erden“ (Lk 2, 14). Er selbst – Christus, der Herr – hat seinen Jüngern gesagt: „Frieden hinterlasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch“ (Joh 14, 27). Aus diesen Worten ist der liturgische Gruß geworden: „Der Friede sei mit euch“. Dieser Friede, der in der Liturgie mitgeteilt wird, ist Christus selbst. Er schenkt sich uns als der Friede, als die Versöhnung über alle Grenzen hin. Wo er aufgenommen wird, wachsen Inseln des Friedens. Wir Menschen hätten uns gewünscht, daß Christus alle Kriege ein für alle Mal verbannen, die Waffen zerbrechen und den Weltfrieden wiederherstellen würde. Aber wir müssen lernen, daß der Friede durch Strukturen von außen her allein nicht erreicht werden kann und daß der Versuch, ihn mit Gewalt herzustellen, nur zu immer neuer Gewalt führt. Wir müssen lernen, daß der Friede – wie es der Engel von Bethlehem sagte – mit der Eudokia zusammenhängt, mit dem Offenwerden unserer Herzen für Gott. Wir müssen lernen, daß Friede nur sein kann, wenn der Haß und die Eigensucht von innen her überwunden werden. Der Mensch muß von seinem Innern her erneuert, neu und anders werden. So bleibt der Friede in dieser Welt immer schwach und zerbrechlich. Wir leiden darunter. Uns ist um so mehr aufgetragen, uns innerlich vom Frieden Gottes durchdringen zu lassen, seine Kraft in die Welt hineinzutragen. In unserem Leben muß Wirklichkeit werden, was in der Taufe sakramental an uns geschehen ist: das Sterben des alten Menschen und so das Auferstehen des neuen. Und immer wieder werden wir den Herrn mit aller Dringlichkeit bitten: Rüttle du die Herzen auf! Mache uns zu neuen Menschen! Hilf, daß die Vernunft des Friedens die Unvernunft der Gewalt überwindet! Mache uns zu Trägern deines Friedens!

Diese Gnade erwirke uns die Jungfrau Maria, der ich Sie und Ihre Arbeit anempfehle. Jedem von Ihnen, die Sie hier zugegen sind, sowie allen, die Ihnen nahestehen, spreche ich erneut meine tief empfundenen Glückwünsche aus. Von Herzen erteile ich Ihnen den Apostolischen Segen, den ich auf die Mitarbeiter der verschiedenen Dikasterien und Büros der Römischen Kurie sowie des Governatoratos des Vatikanstaates ausdehne. Frohe Weihnachten und beste Wünsche auch für das Neue Jahr!

 

© Copyright 2006 - Libreria Editrice Vaticana

   

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