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ANSPRACHE VON BENEDIKT XVI. AN DEN
BOTSCHAFTER ÖSTERREICHS,
HERR MARTIN BOLLDORF, ANLÄSSLICH DER ÜBERREICHUNG
DES BEGLAUBIGUNGSSCHREIBENS*
Montag, 18. September 2006
Exzellenz! Sehr geehrter Herr Botschafter!
Mit Freude heiße ich Sie zu diesem feierlichen Anlaß der Übergabe
Ihres Beglaubigungsschreibens als außerordentlicher und bevollmächtigter
Botschafter der Republik Österreich beim Heiligen Stuhl willkommen. Für die
freundlichen Worte, die Sie an mich gerichtet haben, und für die guten Wünsche,
die Sie seitens des Herrn Bundespräsidenten Dr. Heinz Fischer überbracht haben,
danke ich Ihnen vielmals. Meinerseits entbiete ich dem Staatsoberhaupt, der
Bundesregierung und dem ganzen österreichischen Volk gerne meine besten
Segensgrüße. Damit verbinde ich den Wunsch und die Zuversicht, daß während Ihrer
Amtszeit die traditionell und auch heute sehr guten Beziehungen zwischen
Österreich und dem Apostolischen Stuhl weitergeführt und vertieft werden können.
Österreich und der Heilige Stuhl stehen in der Tat in langer und
fruchtbarer Verbundenheit. Diese Verbundenheit ist mehr als ein geschichtliches
Faktum; sie gründet vor allem in der Zugehörigkeit der großen Mehrheit der
österreichischen Bevölkerung zur katholischen Kirche. Schon aus dieser Tatsache
ergeben sich gemeinsame Orientierungen, Optionen und Interessen. Diese
betreffen vornehmlich den Menschen, seine Freiheit und Würde, seine Zukunft in
Zeit und Gesellschaft. Unter verschiedenen Blickwinkeln geht es sowohl dem Staat
als auch der Kirche um das Wohl des Menschen. Es dient dem Menschen, wenn die in
Österreich politisch Handelnden – in den Gemeinden und in den Städten, auf
Bezirks- und Landesebene, im Parlament und vor allem in der Bundesregierung –
sich von einem „Weltbild“ leiten lassen, in dem die durch den christlichen
Glauben vermittelten Werte bestimmend sind. Wer so wie die jüdisch-christliche
Offenbarung den von Gott geschaffenen Menschen in das Zentrum von Schöpfung und
Geschichte stellt, orientiert sein gesellschaftliches und politisches Handeln
am wahren Wohl des Menschen, dessen Interessen und Würde niemals den Parametern
der „Machbarkeit“, des Nutzens und der Produktivität unterworfen werden dürfen.
Jede wahrhaft humane Politik geht stets davon aus, daß der größte Reichtum einer
Nation ihre Menschen sind.
Zu den – um es einmal so auszudrücken – „gemeinsamen Interessen“ des
Heiligen Stuhls und Österreichs gehört Europa, und hier besonders die weitere
Entwicklung des europäischen Einigungsprozesses. Wie vielleicht in keinem
anderen Erdteil, sind die Geschichte und Kultur Europas vom Christentum geprägt.
Dies gilt ebenso für den Lebensraum der rund 457 Millionen Einwohner der 25
EU-Mitgliedsstaaten, von denen sich ein Großteil zum christlichen Glauben
bekennt. Der regionale und nationale Lebensraum, die nähere und die weitere
Heimat, aus der in der Regel die meisten Menschen die wichtigsten Elemente ihrer
kulturellen Identität beziehen, wird mehr und mehr durch den europäischen
Lebensraum, die gemeinsame Heimat Europa ergänzt. Dazu tragen die
grenzüberschreitende Mobilität und die sozialen Kommunikationsmittel nicht
unwesentlich bei. Als Mitgestalterin der Geschichte und Kultur des europäischen
Kontinents durch die Jahrhunderte hindurch begrüßt die katholische Kirche diese
Entwicklung grundsätzlich. Wo sich Menschen und Völker als Glieder ein und
derselben Familie betrachten, wachsen die Chancen für Frieden, Solidarität,
Austausch und gegenseitige Bereicherung.
Die moderne Gesellschaft der offenen Grenzen läßt sich also immer weniger
national definieren. Daher und aus lebendigem Geschichtsbewußtsein empfinden
sich die Österreicher, ähnlich wie die Angehörigen ihrer Nachbarvölker, zu Recht
als Europäer, als Bürger und Bürgerinnen des immer stärker an Konturen
gewinnenden geeinten Europas. Österreich ist zudem ein europaerfahrenes Land.
Seine reiche Geschichte als einstiger Vielvölkerstaat prädestiniert es zu einem
überzeugten Europaengagement im Rahmen der politisch-institutionellen Vorgaben
und auch darüber hinaus. Schließlich gehört das Bemühen um die Pflege und
Vertiefung guter nachbarschaftlicher Beziehungen und um die vertrauensvolle
Zusammenarbeit aller Beteiligten für den Frieden und das Wohl der Völker im
Donauraum zu den Konstanten der österreichischen Außenpolitik. Diese Prinzipien
und Erfahrungen haben auch die österreichische EU-Ratspräsidentschaft im ersten
Halbjahr 2006 inspiriert, die man als „Dienstleistung an Europa“ verstehen
wollte und in der der Schwerpunkt auf die Vertrauensarbeit unter den
Mitgliedsstaaten der EU gelegt wurde.
Sehr geehrter Herr Botschafter! Der weitere Weg der europäischen Integration,
der erfolgreiche Weiterbau am großen Haus Europa, unter dessen Dach die Völker
des Kontinents in Frieden und gegenseitigem Respekt und Austausch ihre Zukunft
gemeinsam gestalten, hängt ganz wesentlich vom Vertrauen der Bürger in dieses
Projekt ab. In den Diskussionen um den Erweiterungsprozeß der Europäischen Union
einerseits und um die europäische Verfassung andererseits sind neuerlich Fragen
von grundsätzlicher Bedeutung aufgeworfen worden. Immer wieder geht es hier
letztlich um die Frage nach der Identität und nach den geistigen Fundamenten,
auf denen die Staaten- und Völkergemeinschaft der Europäer ruht. Weder eine mehr
oder weniger gut funktionierende Wirtschaftsunion noch ein bürokratisches
Regelwerk des Zusammenlebens können die Erwartungen der Menschen an Europa
vollends erfüllen. Die tieferen Quellen eines tragfähigen und krisenfesten
europäischen „Miteinanders“ liegen vielmehr in den gemeinsamen Überzeugungen und
Werten der christlichen und humanistischen Geschichte und Tradition des
Kontinents. Ohne eine echte Wertegemeinschaft kann letztlich auch keine
verläßliche Rechtsgemeinschaft, die sich die Menschen erhoffen und erwarten,
aufgebaut werden. Österreich gehört heute in Europa zu den kleineren Ländern.
Dennoch kann es einen großen Beitrag leisten: einen Beitrag dazu, daß die Rechte
und die unantastbare Würde des Menschen, der nach dem Ebenbild Gottes geschaffen
ist, und die Stellung der Familie als Keimzelle der Gesellschaft im Lebensraum
Europa immer und unter allen Umständen geachtet und geschützt werden; einen
Beitrag auch dazu, daß Europa im notwendigen Prozeß der Selbstvergewisserung den
Blick auf Gott, den Schöpfer allen Lebens, richtet, in dem Gerechtigkeit und
Liebe zusammenfallen.
Ihre Akkreditierung, Herr Botschafter, ist auch für mich ein guter Anlaß, um mit
Zufriedenheit erneut festzustellen, daß in Ihrem geschätzten Lande eine bewährte
und fruchtbare Zusammenarbeit und Partnerschaft von Staat und Kirche zum Wohle
und Nutzen aller Einwohner fortbesteht. Bei früheren Gelegenheiten sind die
verschiedenen Bereiche dieser Kooperation eingehend betrachtet worden. Ich
möchte an dieser Stelle nur die Weiterentwicklung der pädagogischen Hochschulen
im Einvernehmen mit der Kirche nennen und auf der Grundlage des Konkordates das
Engagement des Staates für die katholische Religionslehre hervorheben, die in
Österreich ein fester Bestandteil des Pflichtunterrichts ist. Angesichts der
steigenden Zahl von Schülern ohne Konfessionszugehörigkeit ist der Staat vor
die Aufgabe gestellt, auch diesen Kindern und Jugendlichen die Grundlagen des
abendländischen Denkens und der vom christlichen Geist getragenen „Zivilisation
der Liebe“ zu vermitteln.
Sehr geehrter Herr Botschafter, Österreich ist bekannt für seine
große Offenheit gegenüber der weltweiten Mission des Nachfolgers Petri im Dienst
der Verbreitung des Evangeliums der Hoffnung und des befreienden Glaubens an
Jesus Christus, den Herrn und Erlöser der Menschheit, der allen Völkern
Versöhnung, Gerechtigkeit und Frieden schenken will. Ich darf Ihnen auch sagen,
daß auf der ganzen Welt viele dankbar sind für die Hilfe, die österreichische
Katholiken und zahlreiche Menschen guten Willens in Ihrer Heimat für die
sozialen, humanitären und missionarischen Projekte der Kirche bereitstellen. Auf
Ihrem eigenen diplomatischen Weg haben Sie sich bereits mit der Sendung des
Heiligen Stuhls vertraut gemacht. Ich bin sicher, daß Ihnen Ihre neue Aufgabe in
Rom reiche Erfüllung und Freude schenken wird. Auf die Fürbitte der Gottesmutter
von Mariazell, des seligen Karl von Österreich und aller heiligen Landespatrone,
erteile ich Ihnen, Herr Botschafter, den Angehörigen der Botschaft der Republik
Österreich beim Heiligen Stuhl und nicht zuletzt Ihrer werten Familie von Herzen
den Apostolischen Segen.
*Insegnamenti di Benedetto XVI vol. II, 2 p. 307-311.
L'Osservatore Romano 18-19.9.2006 p.4.
L'Osservatore Romano. Wochenausgabe in deutscher Sprache n. 38 p. 14.
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