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BEGEGNUNG VON PAPST BENEDIKT XVI.
MIT DEM KLERUS DER DIÖZESEN BELLUNO-FELTRE UND TREVISO

Kirche "Santa Giustina Martire", Auronzo di Cadore
Dienstag, 24. Juli 2007

 

1. Heiligkeit, ich bin Don Claudio. Ich möchte Ihnen eine Frage stellen zur Gewissensbildung, besonders im Hinblick auf die jungen Generationen, denn heute scheint es immer schwieriger zu sein, ein konsequentes, aufrichtiges Gewissen heranzubilden. Gutes und Schlechtes wird verwechselt mit »sich gut fühlen« und »sich schlecht fühlen«, mit dem emotionalen Aspekt. Dazu möchte ich Sie um Ihren Rat bitten. Danke.

Benedikt XVI.: Exzellenzen, liebe Mitbrüder, zunächst möchte ich euch meine Freude und meine Dankbarkeit für diese schöne Begegnung zum Ausdruck bringen. Ich danke den beiden Bischöfen, Bischof Andrich und Bischof Mazzocato, für diese Einladung. Allen von euch, die ihr in der Urlaubszeit so zahlreich erschienen seid, gilt mein herzlicher Dank. Eine Kirche voller Priester zu sehen ist ermutigend, weil wir sehen, daß es Priester gibt. Die Kirche lebt, auch wenn die Probleme in unserer Zeit und gerade hier im Westen immer größer werden. Die Kirche ist immer lebendig, und mit Priestern, die wirklich den Wunsch haben, das Reich Gottes zu verkündigen, wächst sie und widersteht sie den Schwierigkeiten, vor denen wir in unserer heutigen kulturellen Situation stehen. Nun, diese erste Frage läßt ein Problem der kulturellen Situation im Westen erkennbar werden, denn der Begriff des Gewissens hat in den letzten beiden Jahrhunderten eine tiefgreifende Wandlung erfahren. Heute herrscht die Idee vor, daß nur das vernünftig sei, ein Teil der Vernunft sei, was quantifizierbar ist. Die anderen Dinge, also die Religion und die Moral, gehörten demnach nicht zur gemeinsamen Vernunft, weil sie nicht verifizierbar oder, wie es heißt, nicht experimentell zu widerlegen sind. In dieser Situation, in der die Moral und die Religion von der Vernunft gleichsam ausgeschlossen werden, ist der einzige endgültige Maßstab der Moralität und auch der Religion das Subjekt, das subjektive Gewissen, das keine anderen Instanzen kennt. Letztlich entscheidet nur das Subjekt mit seinem Gefühl, mit seinen Erfahrungen, mit eventuellen Maßstäben, die es gefunden hat. Aber so wird das Subjekt zu einer isolierten Wirklichkeit, und so ändern sich, wie Sie gesagt haben, die Parameter von Tag zu Tag. »Gewissen« bedeutet in der christlichen Überlieferung »Mit-Wissen«: Wir sind offen, unser Sein ist offen, es kann die Stimme des Seins selbst, die Stimme Gottes, hören. Die Stimme der großen Werte ist also in unser Sein eingeschrieben, und die Größe des Menschen besteht eben darin, daß er nicht in sich selbst verschlossen ist, daß er nicht auf die materiellen, die quantifizierbaren Dinge verkürzt werden kann, sondern daß er in seinem Innersten offen ist für die wesentlichen Dinge, daß er fähig ist zu hören. In der Tiefe unseres Seins können wir nicht nur die Bedürfnisse des jeweiligen Augenblicks, nicht nur die materiellen Dinge wahrnehmen, sondern wir können die Stimme des Schöpfers selbst hören, und so erkennt man, was gut ist und was schlecht ist. Aber natürlich muß dieses Hörvermögen ausgebildet und entfaltet werden. Und eben darum geht es bei unserer Verkündigung in der Kirche: um die Entfaltung dieser dem Menschen von Gott geschenkten erhabenen Fähigkeit, die Stimme der Wahrheit und so die Stimme der Werte zu hören. Ich würde daher sagen, daß ein erster Schritt darin besteht, den Menschen bewußt zu machen, daß unser Wesen selbst eine moralische Botschaft in sich trägt, eine göttliche Botschaft, die entschlüsselt werden muß und die wir immer besser kennenlernen, immer besser hören können, wenn unser inneres Hörvermögen geöffnet und entfaltet wird. Jetzt stellt sich die konkrete Frage, wie diese Erziehung zum Hören geschehen soll, wie man den Menschen dazu fähig machen soll trotz all der Taubheiten der modernen Zeit, wie man es anstellen soll, daß dieses Hörvermögen zurückkehrt, daß es zum wirklichen Geschehen wird, zum »Effatà« der Taufe, zur Öffnung der inneren Sinne. Angesichts der Situation, in der wir uns befinden, würde ich eine Verbindung zwischen einem laikalen und einem religiösen Weg, dem Weg des Glaubens, vorschlagen. Wir alle sehen heute, daß der Mensch die Grundlage seiner Existenz, seine Erde, zerstören könnte und daß wir daher mit dieser Erde, mit der uns anvertrauten Wirklichkeit, nicht mehr einfach das machen können, was wir wollen und was uns im Augenblick nützlich und vielversprechend zu sein scheint. Wir müssen, wenn wir überleben wollen, die inneren Gesetze der Schöpfung, dieser Erde, respektieren, müssen diese Gesetze kennenlernen und diesen Gesetzen auch gehorchen. Dieser Gehorsam gegenüber der Stimme der Erde, der Stimme des Seins ist also für unser zukünftiges Glück wichtiger als die Stimmen des Augenblicks, die Wünsche des Augenblicks. Das ist ein erstes Kriterium, das es zu lernen gilt: daß das Sein selbst, unsere Erde, zu uns spricht und daß wir zuhören müssen, wenn wir überleben und die Botschaft der Erde entschlüsseln wollen. Und wenn wir der Stimme der Erde gehorchen müssen, dann gilt das noch mehr für die Stimme des menschlichen Lebens. Wir müssen nicht nur für die Erde Sorge tragen, sondern wir müssen den anderen, die anderen respektieren – den anderen in seiner Einzigartigkeit als Person, als meinen Nächsten ebenso wie die anderen als Gemeinschaft, die auf der Erde lebt und die zusammenleben muß. Und wir sehen, daß es nur dann weitergehen kann, wenn wir das Geschöpf Gottes, das Abbild Gottes, das der Mensch ist, absolut respektieren, wenn wir das Zusammenleben auf der Erde respektieren. Und hier kommen wir zu dem Punkt, daß wir die großen moralischen Erfahrungen der Menschheit brauchen. Diese Erfahrungen sind aus der Begegnung mit dem anderen, mit der Gemeinschaft entstanden: die Erfahrung, daß die menschliche Freiheit stets eine miteinander geteilte Freiheit ist und daß sie nur dann funktionieren kann, wenn wir unsere Freiheiten miteinander teilen und dabei die Werte respektieren, die wir alle gemeinsam haben. Mir scheint, daß man in diesen Schritten die Notwendigkeit deutlich machen kann, der Stimme des Seins zu gehorchen, der Würde des anderen zu gehorchen, der Notwendigkeit zu gehorchen, zusammen unsere Freiheiten als »eine« Freiheit zu leben. So kann man den Wert erkennen, der darin enthalten ist, eine würdige Lebensgemeinschaft unter den Menschen möglich zu machen. So gelangen wir, wie schon gesagt, zu den großen Erfahrungen der Menschheit, in denen sich die Stimme des Seins ausdrückt, und vor allem zu den Erfahrungen des großen Pilgerwegs des Gottesvolkes in der Geschichte, angefangen bei Abraham. In diesem Weg finden wir nicht nur die grundlegenden menschlichen Erfahrungen wieder, sondern wir können durch diese Erfahrungen die Stimme des Schöpfers selbst hören, der uns liebt und der mit uns gesprochen hat. Im Hinblick auf den Respekt gegenüber den menschlichen Erfahrungen, die uns heute den Weg weisen und dies auch morgen noch tun werden, scheinen mir die Zehn Gebote stets einen vorrangigen Wert zu haben, da wir in ihnen die großen Wegweiser erkennen. Die Zehn Gebote – im Licht Christi, im Licht des Lebens der Kirche und ihrer Erfahrungen neu ausgelegt und neu gelebt – machen einige grundlegende und wesentliche Werte deutlich: Das vierte und das sechste Gebot zeigen gemeinsam auf, wie wichtig unser Leib ist, wie wichtig es ist, die Gesetze des Leibes und der Sexualität und der Liebe zu achten, den Wert der treuen Liebe, die Familie; das fünfte Gebot zeigt den Wert des Lebens und auch den Wert des gemeinsamen Lebens auf; das siebte Gebot zeigt den Wert auf, der darin liegt, die Güter der Erde miteinander zu teilen und sie gerecht miteinander zu teilen, die Verwaltung der Schöpfung Gottes; das achte Gebot zeigt den großen Wert der Wahrheit auf. Während wir also im vierten, fünften und sechsten Gebot die Nächstenliebe haben, haben wir im siebten Gebot die Wahrheit. All das ist nicht möglich ohne die Gemeinschaft mit Gott, ohne die Achtung vor Gott und ohne die Gegenwart Gottes in der Welt. Eine Welt, in der es Gott nicht gibt, wird in jedem Fall eine Welt der Willkür und des Egoismus. Nur wenn Gott da ist, gibt es Licht, gibt es Hoffnung. Unser Leben hat einen Sinn, den nicht wir schaffen müssen, sondern der uns vorausgeht, der uns trägt. Daher würde ich also vorschlagen, gemeinsam die deutlich sichtbaren Wege zu gehen, die heute auch das laikale Gewissen leicht erkennen kann, und dabei zu versuchen, zu den tieferen Stimmen hinzuführen, zur wahren Stimme des Gewissens, die sich in der großen Tradition des Gebets, des moralischen Lebens der Kirche mitteilt. So können wir, glaube ich, in einem Weg geduldiger Erziehung alle lernen, zu leben und das wahre Leben zu finden.

2. Ich bin Don Mauro. Heiligkeit, in unserem Pastoraldienst sind wir durch die vielen Verpflichtungen einer immer stärkeren Belastung ausgesetzt. Die Aufgaben, die mit der Verwaltung der Pfarreien und der Organisation der Pastoral sowie mit der Unterstützung von Menschen in Not verbunden sind, werden immer mehr. Ich frage Sie: An welchen Prioritäten soll sich heute unser Dienst als Priester und Pfarrer ausrichten, um einerseits die Bruchstückhaftigkeit und andererseits die Zersplitterung zu vermeiden? Danke.

Benedikt XVI.: Das ist wirklich eine sehr realistische Frage. Auch ich kenne dieses Problem ein wenig – jeden Tag kommen viele Unterlagen, viele Audienzen sind notwendig, es ist viel zu tun. Man muß jedoch die richtigen Prioritäten finden und darf das Wesentliche nicht vergessen: die Verkündigung des Reiches Gottes. Als ich diese Frage hörte, kam mir der Evangeliumstext von vor zwei Wochen in den Sinn, über die Aussendung der 70 Jünger. Bei dieser ersten großen Mission, die Jesus durchführen läßt, gibt der Herr diesen 70 Jüngern drei Gebote, die, wie mir scheint, auch heute noch die großen Prioritäten der Arbeit eines Jüngers Christi, eines Priesters, wesentlich zum Ausdruck bringen. Die drei Gebote sind: betet, heilt und verkündigt. Ich denke, daß wir das Gleichgewicht zwischen diesen drei grundlegenden Geboten finden müssen, daß wir sie uns stets vor Augen halten müssen als das Herzstück unserer Arbeit. Betet: Ohne eine persönliche Beziehung zu Gott kann also alles übrige nicht gelingen, weil wir Gott und die göttliche Wirklichkeit und das wahre menschliche Leben nicht wirklich zu den Menschen bringen können, wenn wir selbst nicht in einer tiefen und wahren Beziehung, einer Beziehung der Freundschaft zu Gott in Christus Jesus stehen. Daher ist die tägliche Feier der heiligen Eucharistie wichtig als grundlegende Begegnung, in der der Herr mit mir spricht und ich mit dem Herrn, der sich in meine Hände gibt. Ohne das Stundengebet, durch das wir uns hineinstellen in das große Gebet des ganzen Gottesvolkes – angefangen bei den Psalmen des alten Volkes, das im Glauben der Kirche erneuert wurde –, und ohne das persönliche Gebet können wir keine guten Priester sein, sondern es geht das Wesentliche unseres Dienstes verloren. Ein Mann Gottes zu sein, also ein Mann, der in Freundschaft zu Christus und zu seinen Heiligen steht, ist das erste Gebot. Dann kommt das zweite. Jesus hat gesagt: Heilt die Kranken, die Verlorengegangenen, diejenigen, die in Not sind. Es ist die Liebe der Kirche für die Ausgegrenzten, für die Leidenden. Auch reiche Menschen können innerlich ausgegrenzt sein und leiden. Das »Heilen« bezieht sich auf alle menschlichen Nöte, die stets Nöte sind, die in der Tiefe zu Gott hingehen. Wir müssen also, wie es heißt, unsere Schäfchen kennen, menschliche Beziehungen haben zu den uns anvertrauten Personen, menschlichen Kontakt haben und dürfen die Menschlichkeit nicht verlieren, weil Gott Mensch geworden ist und so alle Dimensionen unseres menschlichen Seins bestätigt hat. Aber wie gesagt: das Menschliche und das Göttliche gehören stets zusammen. Zu diesem »Heilen« in seinen zahlreichen Formen gehört, wie mir scheint, auch der sakramentale Dienst. Der Dienst der Versöhnung ist ein wunderbarer Akt des Heilens, den der Mensch braucht, um wirklich ganz gesund zu sein. Diese sakramentalen Heilungen also sind wichtig, von der Taufe, der grundlegenden Erneuerung unseres Daseins, bis hin zum Sakrament der Versöhnung und zur Krankensalbung. Natürlich besitzen alle anderen Sakramente, auch die Eucharistie, einen großen seelsorglichen Aspekt. Wir müssen den Leib heilen, vor allem aber – das ist unsere Sendung – die Seele. Wir müssen an die vielen Krankheiten denken, an die moralischen und geistlichen Nöte, die es heute gibt und denen wir gegenübertreten müssen, indem wir die Menschen zur Begegnung mit Christus im Sakrament führen und ihnen helfen, das Gebet und die Betrachtung zu entdecken, das stille Verharren in der Kirche in Gottes Gegenwart. Und dann verkündigen. Was verkündigen wir? Wir verkündigen das Reich Gottes. Aber das Reich Gottes ist keine ferne Utopie einer besseren Welt, die vielleicht in 50 Jahren oder wer weiß wann Wirklichkeit sein wird. Das Reich Gottes ist Gott selbst – Gott, der zu uns gekommen und der uns in Christus sehr nahe ist. Das ist das Reich Gottes: Gott selbst ist nahe, und wir müssen uns diesem Gott nähern, der nahe ist, weil er Mensch geworden ist, Mensch bleibt und stets bei uns ist in seinem Wort, in der heiligen Eucharistie und in allen Gläubigen. Das Reich Gottes verkündigen heißt daher, heute von Gott zu sprechen, das Wort Gottes, das Evangelium, das Gegenwart Gottes ist, gegenwärtig zu machen, und natürlich Gott gegenwärtig zu machen, der in der heiligen Eucharistie gegenwärtig geworden ist. Durch die Verknüpfung dieser drei Prioritäten und natürlich unter Berücksichtigung aller menschlichen Aspekte, unserer Grenzen, die wir erkennen müssen, können wir unser Priestertum gut verwirklichen. Auch die Demut ist wichtig, die die Grenzen unserer Kräfte erkennt. Was wir nicht tun können, das muß der Herr tun. Und wichtig ist auch die Fähigkeit, Aufgaben an andere zu übertragen, die Fähigkeit zur Zusammenarbeit – all dies stets unter Beachtung der grundlegenden Gebote: beten, heilen und verkündigen.

3. Ich heiße Don Daniele. Heiligkeit, Venetien ist eine Region, die unter einem sehr starken Zufluß von Einwanderern steht, mit einer beachtlichen Präsenz von Nichtchristen. Diese Situation stellt unsere Diözesen vor eine neue Evangelisierungsaufgabe in ihrem Innern. Damit tun wir uns jedoch etwas schwer, weil wir die Verkündigung des Evangeliums mit einem Dialog in Einklang bringen müssen, der die anderen Religionen respektiert. Welche pastoralen Hinweise könnten Sie hierzu geben? Danke.

Benedikt XVI.: Natürlich ist euch diese Situation vertrauter. Und daher kann ich vielleicht nicht viele praktische Ratschläge geben, aber ich kann sagen, daß ich bei allen »Ad-limina«-Besuchen – der asiatischen, afrikanischen, lateinamerikanischen Bischöfe ebenso wie der Bischöfe aus ganz Italien – stets mit diesen Situationen konfrontiert werde. Es gibt keine einheitliche Welt mehr. Vor allem bei uns im Westen sind alle anderen Kontinente, die anderen Religionen, die anderen Arten, das menschliche Dasein zu leben, vertreten. Wir leben in einer ständigen Begegnung, die uns vielleicht der frühen Kirche ähnlich macht, die sich in derselben Situation befand. Die Christen waren eine sehr kleine Minderheit, ein Senfkorn, das zu wachsen begann inmitten sehr unterschiedlicher Religionen und Lebensbedingungen. Wir müssen also das wieder lernen, was die Christen der ersten Generationen gelebt haben. Der hl. Petrus hat in seinem Ersten Brief, im dritten Kapitel, gesagt: »Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die euch erfüllt.« So hat er für die gewöhnlichen Menschen jener Zeit, die gewöhnlichen Christen, die Notwendigkeit formuliert, Verkündigung und Dialog miteinander zu verbinden. Er hat nicht formell gesagt: »Verkündigt jedem das Evangelium.« Er hat gesagt: »Ihr sollt in der Lage sein, bereit sein, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die euch erfüllt.« Das scheint mir die notwendige Verbindung zwischen Dialog und Verkündigung herzustellen. Der erste Punkt ist, daß wir selbst uns in unserem Innern unserer Hoffnung stets bewußt sein müssen. Wir müssen Menschen sein, die den Glauben leben und die den Glauben durchdenken, die ihn im Innersten kennen. So wird in uns der Glaube zur Vernunft, er wird vernünftig. Die Betrachtung des Evangeliums und hier speziell die Verkündigung, die Predigt, die Katechese sollen die Menschen fähig machen, den Glauben zu durchdenken. Es sind bereits grundlegende Elemente in diesem Zusammenspiel von Dialog und Verkündigung. Wir selbst müssen den Glauben durchdenken, den Glauben leben und als Priester verschiedene Formen finden, ihn gegenwärtig zu machen, damit unsere katholischen Christen die Überzeugung, die Bereitschaft und die Fähigkeit finden können, Rede und Antwort zu stehen in bezug auf ihren Glauben. Die Verkündigung, die den Glauben im Bewußtsein der heutigen Zeit weitergibt, muß vielerlei Formen besitzen. Zweifellos sind Predigt und Katechese die beiden wichtigsten Formen, aber darüber hinaus gibt es viele Möglichkeiten, einander dort zu begegnen – in Glaubensseminaren, Laienbewegungen usw. –, wo man über den Glauben spricht und etwas über den Glauben lernt. All das macht uns vor allem fähig, wirklich als Nächste der Nichtchristen zu leben – hier gibt es vorwiegend orthodoxe Christen, Protestanten und darüber hinaus auch Vertreter anderer Religionen, die Muslime und andere. Als erstes muß man mit ihnen leben, in ihnen den Nächsten, unseren Nächsten erkennen, vor allem also die Nächstenliebe als Ausdruck unseres Glaubens leben. Ich meine, daß es bereits ein sehr starkes Zeugnis und auch eine Form der Verkündigung ist, mit diesen anderen wirklich die Nächstenliebe zu leben, in ihnen unseren Nächsten zu sehen, so daß sie erkennen können: diese »Nächstenliebe« gilt mir. Wenn das geschieht, dann ist es leichter, die Quelle unseres Verhaltens aufzuzeigen, daß also die Nächstenliebe Ausdruck unseres Glaubens ist. So kann man im Dialog nicht gleich zu den großen Glaubensgeheimnissen kommen, obgleich die Muslime eine gewisse Kenntnis von Christus haben. Sie verneinen seine Göttlichkeit, sehen aber in ihm zumindest einen großen Propheten. Sie lieben die Jungfrau Maria. Es gibt also auch im Glauben gemeinsame Elemente, die Ausgangspunkte für den Dialog sind. Eine konkrete, durchführbare und notwendige Sache ist vor allem die Suche nach einer grundsätzlichen Übereinstimmung über die zu lebenden Werte. Auch hier haben wir einen gemeinsamen Schatz, weil sie aus der abrahamitischen Religion herstammen – die neu ausgelegt und neu gelebt wurde in Formen, die wir studieren und auf die wir am Ende antworten müssen. Aber die große wesentliche Erfahrung, die Erfahrung der Zehn Gebote, ist vorhanden, und das scheint mir der Punkt zu sein, den es zu vertiefen gilt. Auf die großen Geheimnisse einzugehen, scheint mir eine Ebene zu berühren, die nicht einfach ist und die nicht in den großen Begegnungen verwirklicht werden kann. Das Samenkorn muß vielleicht zum Herzen vordringen, damit die Antwort des Glaubens in gezielteren Dialogen hier und dort heranreifen kann. Aber was wir tun können und müssen, ist einen Konsens über die Grundwerte zu suchen, die in den Zehn Geboten zum Ausdruck kommen, zusammengefaßt in der Nächstenliebe und in der Gottesliebe, die auf die verschiedenen Lebensbereiche angewandt werden können. Wenigstens befinden wir uns auf einem gemeinsamen Weg zum Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, dem Gott, der letztendlich der Gott mit menschlichem Antlitz ist, der in Jesus Christus gegenwärtige Gott. Aber während dieser letzte Schritt eher im kleineren Kreis unternommen werden muß, in Begegnungen persönlicher Art oder in kleinen Gruppen, so scheint mir der Weg zu dem Gott, von dem diese Werte herkommen, die das gemeinsame Leben gestatten, auch in größeren Begegnungen möglich zu sein. Ich glaube also, daß hier eine demütige, geduldige Form der Verkündigung stattfindet, eine Verkündigung, die abwartet, die aber bereits konkret zum Ausdruck bringt, daß wir entsprechend dem von Gott erleuchteten Gewissen leben.

4. Ich bin Don Samuele. Wir haben Ihre Einladung zu beten, zu heilen und zu verkündigen angenommen. Wir haben uns erlaubt, sie sofort in die Tat umzusetzen und für Ihr Wohl zu sorgen, und als Zeichen unserer Zuneigung haben wir Ihnen einige Flaschen bekömmlichen Weines aus unserer Region mitgebracht, die unser Bischof ihnen überreichen wird. Ich komme zur Frage. Immer häufiger stehen wir vor der sehr stark ansteigenden Zahl von Situationen, in denen geschiedene und wiederverheiratete Personen, die zusammenleben, uns Priester um Beistand für ihr geistliches Leben bitten. Diese Menschen leiden oft unter der schwierigen Frage nach dem Empfang der Sakramente. Diese Realität verlangt von uns, daß wir uns ihr stellen und auch nachempfinden können, welches Leid sie mit sich bringt. Ich frage Sie, Heiliger Vater, durch welche menschliche, geistliche und seelsorgliche Haltung Barmherzigkeit und Wahrheit miteinander vereint werden können. Danke.

Benedikt XVI.: Ja, das ist ein schmerzliches Problem, und gewiß gibt es kein einfaches Rezept, mit dem es gelöst werden könnte. Wir alle leiden unter diesem Problem, weil wir alle in unserer Nähe Menschen haben, die sich in solchen Situationen befinden. Und wir wissen, daß es für sie schmerzhaft und leidvoll ist, weil sie in voller Gemeinschaft mit der Kirche stehen wollen. Die Bindung der früheren Ehe ist eine Bindung, die ihre Teilnahme am Leben der Kirche einschränkt. Was soll man tun? Ich würde sagen, ein erster Punkt wäre natürlich die Vorsorge, soweit sie möglich ist. Die Ehevorbereitung wird daher immer wesentlicher und notwendiger. Das Kirchenrecht setzt voraus, daß der Mensch als solcher, auch ohne große Unterweisung, eine der menschlichen Natur entsprechende Ehe eingehen will, wie es in den ersten Kapiteln des Buches Genesis aufgezeigt wird. Er ist Mensch, er hat eine menschliche Natur und weiß daher, was die Ehe ist. Er will das tun, was die menschliche Natur ihm sagt. Von dieser Annahme geht das Kirchenrecht aus. Sie drängt sich geradezu auf: Der Mensch ist Mensch, es ist seine Natur, die es ihm sagt. Heute jedoch wandelt sich dieser Grundsatz, nach dem der Mensch das will, was in seiner Natur liegt – eine unwiederholbar einzige und treue Ehe – zu einem etwas anderen Grundsatz: »Volunt contrahere matrimonium sicut ceteri homines.« Es ist nicht mehr einfach die Natur, die spricht, sondern die »ceteri homines« – das, was alle tun. Und das, was heute alle tun, entspricht nicht mehr einfach nur der natürlichen Ehe gemäß dem Schöpfer, gemäß der Schöpfung. Das, was die »ceteri homines« tun, ist zu heiraten mit der Vorstellung, daß die Ehe eines Tages scheitern könnte und man so eine andere, eine dritte und eine vierte Ehe eingehen könne. Dieses Modell »wie alle es tun« wird so zu einem Modell, das im Gegensatz zu dem steht, was die Natur sagt. So wird es normal, zu heiraten, sich scheiden zu lassen, sich wiederzuverheiraten, und niemand meint, daß es etwas sei, das gegen die menschliche Natur geht, oder wenigstens findet man nur sehr schwer jemanden, der so denkt. Daher müssen wir, um den Menschen dabei zu helfen, wirklich zur Ehe zu gelangen – zur Ehe nicht nur im Sinne der Kirche, sondern im Sinne des Schöpfers –, sie wieder fähig machen, auf die Natur zu hören. Kehren wir zurück zum ersten Problem, zur ersten Frage: Wir müssen hinter dem, was alle tun, das wiederentdecken, was die Natur selbst uns sagt. Und sie sagt etwas anderes als das, was heute zur Gewohnheit geworden ist. Sie lädt uns nämlich ein zu einer Ehe für das ganze Leben, in lebenslanger Treue, auch mit den Leiden, die das gemeinsame Wachsen in der Liebe mit sich bringt. Die Ehevorbereitungskurse sollten also die Stimme der Natur, des Schöpfers in uns wiederherstellen, damit wir hinter dem, was alle »ceteri homines« tun, das wiederentdecken, was uns unser eigenes Sein im Innersten sagt. In dieser Situation also – zwischen dem, was alle tun, und dem, was unser Sein uns sagt – müssen die Ehevorbereitungskurse ein Weg des Wiederentdeckens sein, um das wieder zu lernen, was unser Sein uns sagt. Sie sollen dabei helfen, zu einer wirklichen Entscheidung für die Ehe gemäß dem Schöpfer und gemäß dem Erlöser zu gelangen. Diese Vorbereitungskurse sind also sehr wichtig, um »sich selbst kennenzulernen«, um den wahren Ehewillen kennenzulernen. Aber die Vorbereitung allein genügt nicht; die großen Krisen kommen später. Daher ist eine ständige Begleitung, wenigstens in den ersten zehn Jahren, sehr wichtig. In der Pfarrei muß also nicht nur für die Vorbereitungskurse Sorge getragen werden, sondern auch für die Gemeinschaft auf dem Weg nach der Eheschließung, für die gegenseitige Begleitung, die gegenseitige Hilfe. Die Priester, aber nicht nur sie, sondern auch die Familien, die diese Erfahrungen bereits gemacht haben, die diese Leiden und Versuchungen kennen, müssen in Krisenzeiten dasein. Es ist wichtig, daß es ein Netzwerk von Familien gibt, die einander helfen, und verschiedene Bewegungen können hier einen großen Beitrag leisten. Der erste Teil meiner Antwort betrifft die Vorsorge, nicht nur im Sinne der Vorbereitung, sondern auch der Begleitung, das Vorhandensein eines Netzwerks von Familien, das in dieser heutigen Situation hilft, in der alles gegen die lebenslange Treue spricht. Man muß den Menschen helfen, diese Treue zu finden, sie auch durch das Leiden zu erlernen. Im Falle eines Scheiterns jedoch, wenn die Eheleute sich also nicht als fähig erweisen, am ursprünglichen Willen festzuhalten, stellt sich immer noch die Frage, ob es wirklich ein Wille war, im Sinne des Sakraments. Und daher gibt es eventuell noch das Ehenichtigkeitsverfahren. Wenn es eine wirkliche Ehe war und sie also nicht wieder heiraten können, dann hilft die ständige Gegenwart der Kirche diesen Personen, eine andere Form des Leidens zu tragen. Im ersten Fall ist es das Leiden, die Krise zu überwinden und eine schwer errungene und reife Treue zu erlernen. Im zweiten Fall ist es das Leiden, in einer neuen Bindung zu stehen, die nicht die sakramentale Bindung ist und die daher die volle Gemeinschaft in den Sakramenten der Kirche nicht zuläßt. Hier muß gelehrt und gelernt werden, mit diesem Leiden zu leben. An diesem Punkt kehren wir zur ersten Frage der anderen Diözese zurück. Wir müssen im allgemeinen in unserer Generation, in unserer Kultur den Wert des Leidens wiederentdecken, müssen lernen, daß das Leiden eine sehr positive Wirklichkeit sein kann, die uns dabei hilft zu reifen, mehr zu uns selbst zu kommen, näher beim Herrn zu sein, der für uns gelitten hat und der mit uns leidet. Auch in dieser zweiten Situation ist daher die Gegenwart des Priesters, der Familien, der Bewegungen, die persönliche und gemeinschaftliche Nähe, die Hilfe der Nächstenliebe, eine ganz besondere Liebe, außerordentlich wichtig. Und ich glaube, daß nur diese tiefempfundene Liebe der Kirche, die in einer Begleitung in vielerlei Form umgesetzt wird, diesen Personen helfen kann, sich als von Christus geliebte Menschen zu erkennen, als Glieder der Kirche, auch wenn sie sich in einer schwierigen Situation befinden, und so den Glauben zu leben.

5. Heiligkeit, ich heiße Don Saverio, und bei meiner Frage geht es daher natürlich um die Missionen. In dieses Jahr fällt der 50. Jahrestag der Enzyklika Fidei donum. Auch in unserer Diözese sind viele Priester, so auch ich, der Einladung des Papstes gefolgt und haben die Erfahrung der Mission »ad gentes« gemacht oder machen sie zur Zeit. Es ist zweifellos eine wunderbare Erfahrung, die meiner bescheidenen Meinung nach viele Priester machen könnten unter dem Gesichtspunkt des Austauschs zwischen Schwesterkirchen. Wenn man jedoch den zahlenmäßigen Rückgang der Priester in unseren Ländern berücksichtigt, auf welche Weise ist dann die Anweisung der Enzyklika heute noch aktuell, und in welchem Geist soll sie entgegengenommen und gelebt werden, sowohl von seiten der entsandten Priester als auch von seiten der ganzen Diözese? Danke.

Benedikt XVI.: Danke. Ich möchte zunächst allen diesen »Fidei donum«-Priestern und den Diözesen danken. Ich hatte jetzt, wie bereits erwähnt, viele »Ad-limina«-Besuche von Bischöfen sowohl aus Asien als auch aus Afrika und aus Lateinamerika, und alle bitten mich: »Wir haben einen großen Bedarf an ›Fidei donum‹- Priestern, und wir sind sehr dankbar für die Arbeit, die sie leisten. Unter oftmals sehr schwierigen Bedingungen machen sie die Katholizität der Kirche gegenwärtig, machen sie die Tatsache sichtbar, daß wir eine große universale Gemeinschaft sind und daß es eine Liebe zum Nächsten gibt, der fern ist und der zum Nächsten wird in der Situation des ›Fidei donum‹-Priesters«. Dieses große Geschenk wurde wirklich in diesen 50 Jahren gemacht, das habe ich sehr deutlich gehört und gesehen in all meinen Gesprächen mit den Priestern, die zu uns sagen: »Glaubt nicht, daß wir Afrikaner jetzt einfach nur selbständig sind; wir brauchen auch weiterhin die Sichtbarkeit der großen Gemeinschaft der universalen Kirche.« Ich würde sagen, daß wir alle diese Sichtbarkeit des Katholischseins brauchen, die Sichtbarkeit einer Nächstenliebe, die aus der Ferne kommt und so den Nächsten findet. Heute hat sich die Situation insofern geändert, als daß auch wir in Europa Priester aus Afrika, aus Lateinamerika, aus anderen Teilen Europas aufnehmen, und das erlaubt uns, die Schönheit dieses gegenseitigen Gebens zu sehen, dieses Geschenks des einen an den anderen, weil alle einander brauchen: So wächst der Leib Christi. Zusammenfassend möchte ich sagen, daß dieses Geschenk ein großes Geschenk war und ist und daß es als solches in der Kirche wahrgenommen wird. In vielen Situationen, die ich jetzt nicht näher beschreiben kann – Situationen, in denen soziale Probleme vorhanden sind, Entwicklungsprobleme, Probleme mit der Verkündigung des Glaubens, Probleme der Isolierung, der Notwendigkeit der Gegenwart anderer –, sind diese Priester ein Geschenk, in dem die Diözesen und die Teilkirchen die Gegenwart Christi erkennen, der sich für uns hinschenkt. Und gleichzeitig erkennen sie, daß die eucharistische Gemeinschaft nicht nur eine übernatürliche Gemeinschaft ist, sondern daß sie zu einer konkreten Gemeinschaft wird durch die Selbsthingabe dieser Diözesanpriester, die sich in anderen Diözesen einsetzen, und daß das Netz der Teilkirchen so wirklich zu einem Netz der Liebe wird. Ich danke allen, die dieses Geschenk gemacht haben. Die Bischöfe und Priester kann ich nur dazu ermutigen, uns auch weiterhin diese Gabe zu schenken. Ich weiß, daß es jetzt durch den Mangel an Berufungen in Europa immer schwieriger wird, dieses Geschenk zu machen, aber wir haben bereits die Erfahrung gemacht, daß andere Kontinente, wie Indien und vor allem Afrika, uns auch ihrerseits Priester geben. Die Wechselseitigkeit ist stets sehr wichtig, und die Erfahrung, daß wir als Kirche in die Welt gesandt sind und daß alle einander kennen und lieben, ist äußerst notwendig und gibt auch der Verkündigung Kraft. So wird sichtbar, daß das Senfkorn Früchte trägt und stets und immer wieder ein großer Baum wird, in dessen Zweigen die Vögel des Himmels nisten können. Danke und nur Mut!

6. Don Alberto. Heiliger Vater, die Jugendlichen sind unsere Zukunft und unsere Hoffnung. Manchmal jedoch betrachten sie das Leben nicht als eine Chance, sondern als eine Schwierigkeit, nicht als ein Geschenk für sich und für die anderen, sondern als etwas, das sofort konsumiert werden muß, nicht als ein Projekt, das man nach und nach verwirklicht, sondern als ein zielloses Umherwandern. Die heutige Mentalität erlegt den Jugendlichen auf, immer glücklich und perfekt zu sein. Infolgedessen betrachten sie das geringste Versagen und die kleinste Schwierigkeit nicht mehr als Gelegenheit, an der sie wachsen können, sondern als Niederlage. All das führt oft zu Taten – wie dem Selbstmord –, die nicht wieder rückgängig zu machen sind und die im Herzen derer, die sie lieben, und in der ganzen Gesellschaft großen Schmerz hervorrufen. Was können Sie uns Erziehern sagen, die wir oft spüren müssen, daß uns die Hände gebunden sind und wir keine Antworten haben? Danke.

Benedikt XVI.: Mir scheint, daß Sie sehr genau ein Leben beschrieben haben, in dem Gott nicht vorkommt. In einem ersten Augenblick scheint es, daß wir Gott nicht brauchen, daß wir ohne Gott sogar freier seien und die Welt größer sei. Aber nach gewisser Zeit sieht man in unseren jungen Generationen, was geschieht, wenn Gott verschwindet. Nietzsche hat gesagt: »Das große Licht ist erloschen, die Sonne ist erloschen.« Dann ist das Leben eine zufällige Sache, es wird zu einer Sache, und ich muß versuchen, aus dieser Sache das Beste zu machen und das Leben zu gebrauchen als wäre es etwas, das einem unmittelbaren, spürbaren und machbaren Glücklichsein dient. Aber das große Problem ist folgendes: Wenn es Gott nicht gibt und er nicht der Schöpfer auch meines Lebens ist, dann ist das Leben in Wirklichkeit einfach nur ein Stück Evolution, weiter nichts, und es hat in sich selbst keinen Sinn. Ich muß jedoch versuchen, diesem Stück Sein einen Sinn zu geben. Ich sehe, daß zur Zeit in Deutschland, aber auch in den Vereinigten Staaten, eine recht erbitterte Debatte geführt wird über den sogenannten Kreationismus auf der einen und den Evolutionismus auf der anderen Seite, die als einander ausschließende Alternativen dargelegt werden: Wer an den Schöpfer glaubt, müsse die Evolution ablehnen, und wer dagegen die Evolution befürwortet, müsse Gott ausschließen. Diese Gegenüberstellung ist absurd, denn einerseits gibt es viele wissenschaftliche Beweise für eine Evolution. Sie zeigt sich als Realität, die wir erkennen müssen und die unser Wissen in bezug auf das Leben und das Sein als solches bereichert. Aber die Evolutionslehre beantwortet nicht alle Fragen, und sie beantwortet vor allem nicht die große philosophische Frage: Woher kommt alles? Und wie entwickelt sich schließlich alles zum Menschen hin? Mir scheint sehr wichtig zu sein – das wollte ich auch in meiner Vorlesung in Regensburg sagen –, daß sich die Vernunft weiter öffnet, damit sie diese Fakten sieht. Gleichzeitig aber sollte sie auch erkennen, daß sie nicht ausreichen, um die ganze Wirklichkeit zu erklären. Es reicht nicht aus: Unsere Vernunft ist größer, und sie kann auch sehen, daß unsere Vernunft im Grunde nichts Irrationales ist, kein Produkt der Irrationalität, sondern daß die Vernunft allem vorausgeht, die schöpferische Vernunft, und daß wir wirklich der Widerschein der schöpferischen Vernunft sind. Wir sind gedacht und gewollt, und daher gibt es eine Idee, die mir vorausgeht, einen Sinn, der mir vorausgeht und den ich entdecken, dem ich folgen muß und der meinem Leben letztendlich eine Bedeutung gibt. Das scheint mir der erste Punkt zu sein: zu entdecken, daß mein Sein wirklich vernünftig ist, daß es durchdacht ist, einen Sinn hat. Und meine große Sendung ist es, diesen Sinn zu entdecken, ihn zu leben und so der großen kosmischen Harmonie, die der Schöpfer gedacht hat, ein neues Element zu geben. Unter diesen Voraussetzungen werden auch die schwierigen Dinge zu Augenblicken des Heranreifens, der Entwicklung und des Fortschreitens meines eigenen Seins, das einen Sinn hat von seiner Empfängnis bis zum letzten Augenblick des Lebens. Wir können diese Realität eines Sinnes, der uns allen vorausgeht, erkennen; wir können auch den Sinn des Leidens und des Schmerzes wiederentdecken. Gewiß gibt es einen Schmerz, den wir vermeiden und aus der Welt verbannen müssen: die vielen unnützen Schmerzen, die von Diktaturen hervorgerufen werden, von falschen Systemen, von Haß und Gewalt. Aber im Schmerz liegt auch ein tiefer Sinn, und nur wenn wir dem Schmerz und dem Leiden Sinn geben können, kann unser Leben zur Reife kommen. Vor allem würde ich sagen, daß die Liebe ohne den Schmerz nicht möglich ist, weil die Liebe stets meinen Selbstverzicht voraussetzt, weil sie voraussetzt, daß ich mich von mir selbst löse und den anderen in seinem Anderssein annehme. Sie setzt voraus, daß ich mich hinschenke und daher aus mir selbst herauskomme. All das ist Schmerz, Leiden, aber gerade in diesem Leiden des Mich- Verlierens für den anderen, für den Geliebten und daher für Gott werde ich groß und findet mein Leben die Liebe und in der Liebe seinen Sinn. Auch die Untrennbarkeit der Liebe vom Schmerz, der Liebe von Gott sind Elemente, die in unser modernes Bewußtsein Eingang finden müssen, um uns im Leben zu helfen. In diesem Sinne würde ich sagen, daß es wichtig ist, daß die Jugendlichen Gott entdecken, daß sie die wahre Liebe entdecken, die gerade im Verzicht groß wird, und daß sie so auch das Gute im Leiden entdecken, das mich freier und größer macht. Damit den Jugendlichen geholfen wird, diese Dinge zu finden, brauchen sie natürlich auch immer Weggefährten, entweder die Pfarrei oder die Katholische Aktion oder eine Bewegung. Nur gemeinsam mit den anderen können wir auch in den jungen Generationen diese große Dimension unseres Seins entdecken.

7. Ich bin Don Francesco. Heiliger Vater, mich hat eine Stelle in Ihrem Buch Jesus von Nazareth sehr beeindruckt. Sie schrieben dort: »Aber was hat Jesus dann eigentlich gebracht, wenn er nicht den Weltfrieden, nicht den Wohlstand für alle, nicht die bessere Welt gebracht hat? Was hat er gebracht? Die Antwort lautet ganz einfach: Gott. Er hat Gott gebracht.« Soweit das Zitat, das für mich von einer entwaffnenden Deutlichkeit und Wahrheit ist. Die Frage ist folgende: Es ist die Rede von einer Neuevangelisierung, von einer neuen Verkündigung des Evangeliums – das war auch die Grundentscheidung der Synode unserer Diözese Belluno-Feltre. Aber was sollen wir tun, damit dieser Gott, der einzige Reichtum, den Jesus gebracht hat und der für viele Menschen oft wie in einen Nebelschleier gehüllt zu sein scheint, inmitten unserer Häuser wieder in hellem Glanz erstrahlen kann und Wasser sein kann, das den Durst auch der vielen Menschen stillt, die keinen Durst mehr zu haben scheinen? Danke.

Benedikt XVI.: Danke. Das ist eine grundlegende Frage. Die grundlegende Frage unserer Pastoralarbeit ist, wie wir der Welt, unseren Mitmenschen Gott bringen sollen. Natürlich hat dieses »Gott bringen« viele Dimensionen: Bereits in der Verkündigung, im Leben und im Tod Jesu sehen wir, wie dieser eine Gott sich in vielen Dimensionen entfaltet. Mir scheint, daß wir stets zwei Dinge im Auge behalten müssen. Auf der einen Seite ist da die christliche Verkündigung – das Christentum ist kein hochkompliziertes Bündel von Dogmen, die niemand alle kennen kann. Es ist keine Sache nur für Akademiker, die diese Dinge studieren können, sondern es ist etwas Einfaches: Es gibt einen Gott, und Gott ist nahe in Jesus Christus. So hat Jesus Christus selbst zusammenfassend gesagt: Das Reich Gottes ist gekommen. Das verkündigen wir – im Grunde etwas sehr Einfaches. Alle Dimensionen, die anschließend zutage treten, sind weitere Dimensionen dieser einen Sache, und nicht alle müssen alles kennen. Natürlich müssen sie aber in den inneren Kern, ins Wesentliche vordringen, und dann öffnen sich mit stets wachsender Freude auch die verschiedenen Dimensionen. Aber was soll jetzt konkret getan werden? Als wir über die Pastoralarbeit in der heutigen Zeit gesprochen haben, haben wir, so scheint mir, bereits die wesentlichen Punkte berührt. Aber um in diesem Sinne fortzufahren: Um den Menschen Gott zu bringen, bedarf es vor allem einerseits der Liebe und andererseits der Hoffnung und des Glaubens. Die Dimension des konkreten Lebens: Das beste Zeugnis für Christus, die beste Verkündigung ist stets das Leben wahrer Christen. Wenn wir sehen, wie Familien, die vom Glauben erfüllt sind, in der Freude leben, wie sie auch im Leiden in tief gründender Freude leben, wie sie den anderen helfen und Gott und den Nächsten lieben, so scheint mir das heute die schönste Verkündigung zu sein. Auch für mich ist es stets die tröstlichste Verkündigung, katholische Familien oder katholische Persönlichkeiten zu sehen, die vom Glauben durchdrungen sind: In ihnen strahlt wirklich die Gegenwart Gottes in hellem Glanz auf; sie bringen das »lebendige Wasser«, von dem Sie gesprochen haben. Die grundlegende Verkündigung ist also das Leben der Christen selbst. Natürlich gibt es auch die Verkündigung des Wortes. Wir müssen alles tun, um das Wort zu Gehör zu bringen, um es bekannt zu machen. In der heutigen Zeit gibt es viele Schulen des Wortes und des Gesprächs mit Gott in der Heiligen Schrift, eines Gesprächs, das zwangsläufig auch zum Gebet wird, weil ein rein theoretisches Studium der Heiligen Schrift nur ein intellektuelles Hören und keine wahre und ausreichende Begegnung mit dem Wort Gottes wäre. Wenn es wahr ist, daß in der Heiligen Schrift und im Wort Gottes der lebendige Herr und Gott, der mit uns spricht, die Antwort und das Gebet selbst hervorruft, dann müssen die Schulen der Heiligen Schrift auch Schulen des Gebets sein, des Dialogs mit Gott, der inneren Annäherung an Gott. Die ganze Verkündigung ist also wichtig. Dann würde ich natürlich sagen: die Sakramente. Mit Gott kommen immer auch alle Heiligen. Es ist wichtig – das sagt uns die Heilige Schrift von Anfang an –, daß Gott niemals allein kommt, sondern daß er begleitet und umgeben ist von den Engeln und Heiligen. Es gefällt mir sehr, daß auf dem großen Glasfenster der Petersbasilika, auf dem der Heilige Geist dargestellt ist, Gott von einer Schar von Engeln und Lebewesen umgeben ist, die Ausdruck und sozusagen Ausfluß der Liebe Gottes sind. Mit Gott, mit Christus, mit dem Menschen, der Gott ist, und mit Gott, der Mensch ist, kommt die Gottesmutter Maria. Das ist sehr wichtig. Gott, der Herr, hat eine Mutter, und in der Mutter erkennen wir wirklich die mütterliche Güte Gottes. Die Jungfrau Maria, die Mutter Gottes, ist die Helferin der Christen; sie ist unser ständiger Trost, unsere große Hilfe. Das sehe ich auch im Gespräch mit den Bischöfen aus aller Welt, aus Afrika und gerade in letzter Zeit auch aus Lateinamerika, daß die Liebe zur Mutter Gottes die große Kraft der Katholizität ist. In der Mutter Gottes sehen wir die ganze Zärtlichkeit Gottes. Daher ist es ein großes Geschenk der Katholizität, diese freudige Liebe zur Gottesmutter, zu Maria, zu pflegen und zu leben. Und dann gibt es die Heiligen; jeder Ort hat seinen Heiligen. Das ist gut so, denn so sehen wir die vielen Farben des einen Lichtes Gottes, der zu uns kommt, und seiner Liebe. Die Heiligen müssen in ihrer Schönheit entdeckt werden, in ihrer Annäherung an mich im Wort Gottes, denn in einem bestimmten Heiligen kann ich das unerschöpfliche Wort Gottes für mich ganz persönlich übertragen finden. Darüber hinaus gibt es all die Aspekte des Gemeindelebens, auch die menschlichen Aspekte. Wir dürfen nicht immer auf Wolken schweben, auf den höchsten Wolken des Geheimnisses, wir müssen auch mit beiden Beinen auf der Erde stehen und gemeinsam die Freude leben, eine große Familie zu sein: die kleine große Familie der Pfarrgemeinde, die große Familie der Diözese, die große Familie der Universalkirche. In Rom kann ich all das sehen; ich kann sehen, wie Menschen, die aus allen Teilen der Erde kommen und die einander nicht kennen, einander in Wirklichkeit doch kennen, weil sie alle zur Familie Gottes gehören, einander nahe sind, weil sie alles haben: die Liebe zum Herrn, die Liebe zur Jungfrau und Gottesmutter Maria, die Liebe zu den Heiligen, die apostolische Nachfolge und den Nachfolger Petri, die Bischöfe. Ich würde sagen, daß diese Freude an der Katholizität in ihrer Vielfarbigkeit auch die Freude an der Schönheit ist. Hier haben wir die Schönheit einer schönen Orgel, die Schönheit einer wunderschönen Kirche, die Schönheit, die in der Kirche gewachsen ist. Das scheint mir ein wunderbares Zeugnis der Gegenwart und der Wahrheit Gottes zu sein. Die Wahrheit kommt in der Schönheit zum Ausdruck, und wir müssen stets dankbar sein für diese Schönheit und müssen versuchen, alles zu tun, was in unseren Kräften steht, damit sie erhalten wird, sich entfaltet und noch größer wird. Mir scheint, daß Gott so auf sehr konkrete Weise zu uns kommt.

8. Ich bin Don Lorenzo, ein Pfarrer. Heiliger Vater, die Gläubigen erwarten von den Priestern nur eines: daß sie darauf spezialisiert sind, die Begegnung des Menschen mit Gott zu fördern. Das sind nicht meine Worte, sondern das haben Sie, Heiligkeit, in einer Ansprache an den Klerus gesagt. Mein Spiritual im Seminar sagte bei den sehr mühsamen Gesprächen zur geistlichen Leitung immer zu mir: »Lorenzino, die menschliche Seite ist in Ordnung, aber …«, und wenn er »aber« sagte, dann meinte er damit, daß ich das Fußballspiel lieber hatte als die eucharistische Anbetung. Und das täte meiner Berufung nicht gut. Und es sei nicht in Ordnung, die Vorlesungen zur Moral und zum Kirchenrecht zu kritisieren, denn die Professoren wüßten auf diesem Gebiet mehr als ich. Und wer weiß, was er mit diesem »aber« sonst noch alles zum Ausdruck bringen wollte. Ich glaube, daß er jetzt im Himmel ist, und dennoch bete ich manchmal ein »Herr gib ihm die ewige Ruhe« für ihn. Trotz allem bin ich nunmehr seit 34 Jahren Priester, und ich bin darüber auch glücklich. Wunder habe ich nicht vollbracht, Schaden angerichtet, von dem ich weiß, ebensowenig, Schaden, von dem ich nichts weiß, vielleicht. »Die menschliche Seite ist in Ordnung«: Das ist für mich ein großes Kompliment. Führt denn der Weg, der den Menschen zu Gott bringt und Gott zum Menschen, nicht über das, was wir Menschlichkeit nennen und das auch für uns Priester unverzichtbar ist?

Benedikt XVI.: Danke. Ich würde dem, was Sie am Ende gesagt haben, einfach zustimmen. Der Katholizismus wurde, etwas vereinfachend, stets als die Religion des großen »et et« betrachtet: nicht der großen Exklusivismen, sondern der Synthese. Katholisch bedeutet »Synthese«. Daher wäre ich gegen eine Alternative »entweder Fußball spielen oder die Heilige Schrift oder das Kirchenrecht studieren«. Wir sollen beides tun. Es ist schön, Sport zu treiben. Ich bin kein großer Sportler, aber als ich noch jünger war, ging ich gern in die Berge. Jetzt mache ich nur sehr einfache Wanderungen, aber ich finde es nach wie vor sehr schön zu wandern, hier auf dieser schönen Erde, die der Herr uns gegeben hat. Wir können also nicht ständig in tiefer Betrachtung leben. Vielleicht kann ein Heiliger auf der letzten Stufe seines irdischen Weges an diesen Punkt gelangen, aber normalerweise leben wir mit beiden Beinen auf der Erde und richten den Blick zum Himmel empor. Beides ist uns vom Herrn gegeben, und daher ist es nicht nur sehr menschlich, die menschlichen Dinge zu lieben, die Schönheiten von Gottes Erde zu lieben, sondern es ist auch sehr christlich und wirklich katholisch. Ich würde sagen – ich glaube, ich habe es vorhin bereits erwähnt –, daß zu einer guten und wirklich katholischen Seelsorge auch dieser Aspekt gehört: im »et et« zu leben, die Menschlichkeit und das Menschliche des Menschen zu leben, alle Gaben, die der Herr uns geschenkt hat und die wir zur Entfaltung gebracht haben, und gleichzeitig Gott nicht zu vergessen. Denn am Ende kommt das große Licht von Gott, und nur von ihm kommt das Licht, das Freude hineinträgt in alle Aspekte der Dinge, die es gibt. Ich möchte daher einfach für die große katholische Synthese eintreten, für dieses »et et«: wirklich Mensch zu sein und – jeder seinen Gaben und seinem Charisma entsprechend – die Erde zu lieben und die schönen Dinge, die der Herr uns geschenkt hat, aber auch dankbar zu sein, weil auf der Erde das Licht Gottes erstrahlt, das allen übrigen Dingen Glanz und Schönheit verleiht. Leben wir in diesem Sinne die Katholizität mit Freude. Das wäre meine Antwort.

(Beifall)

9. Ich heiße Don Arnaldo. Heiliger Vater, durch Erfordernisse der Seelsorge und des Dienstes sowie durch die zurückgegangene Anzahl von Priestern sehen sich unsere Bischöfe veranlaßt, den Klerus umzuverteilen, wobei häufig viele Verpflichtungen und mehrere Pfarreien einer einzigen Person zufallen. Das weckt bei vielen Gemeinschaften von Getauften die Empfänglichkeit und bei uns Priestern die Bereitschaft dafür, den pastoralen Dienst als Priester und Laien gemeinsam zu leben. Wie sollen wir diese Veränderungen in der pastoralen Organisation leben und die Spiritualität des guten Hirten dabei in den Vordergrund stellen? Danke, Heiligkeit…

Benedikt XVI.: Ja, kehren wir zurück zur Frage nach den pastoralen Prioritäten und danach, wie man heute Pfarrer sein soll. Kürzlich sagte mir ein französischer Bischof, ein Ordensmann, der daher nie Pfarrer gewesen ist: »Heiligkeit, ich möchte, daß Sie mir deutlich machen, was ein Pfarrer ist. In Frankreich haben wir diese großen Seelsorgeeinheiten mit 5, 6 oder 7 Pfarreien, und der Pfarrer wird zu einem Koordinator verschiedener Organismen und Aufgaben.« Und es schien ihm, daß der Pfarrer, da er durch die Koordinierung dieser verschiedenen Organismen, mit denen er zu tun hat, so stark in Anspruch genommen ist, keine Möglichkeit mehr zu einer persönlichen Begegnung mit seinen Schafen habe. Und als Bischof, also als »großer Pfarrer«, fragte er sich, ob dieses System richtig sei oder ob wir nicht wieder eine Möglichkeit finden müssen, um den Pfarrer wirklich zum Pfarrer, also zum Hirten seiner Herde, zu machen. Natürlich konnte ich nicht sofort eine Lösung für diese Situation in Frankreich anbieten, aber es stellt sich allgemein das Problem, daß der Pfarrer trotz neuer Situationen und neuer Formen der Verantwortlichkeit nicht die Nähe zum Volk verlieren darf. Er muß wirklich persönlich der Hirte dieser ihm vom Herrn anvertrauten Herde sein. Es gibt unterschiedliche Situationen: Ich denke an die Bischöfe in ihren Diözesen, in denen es sehr unterschiedliche Situationen gibt; sie müssen gut darauf bedacht sein zu gewährleisten, daß der Pfarrer ein Hirte bleibt und kein Bürokrat für sakrale Angelegenheiten wird. Auf jeden Fall scheint mir, daß eine erste Gelegenheit, den uns anvertrauten Menschen nahe zu sein, das sakramentale Leben ist: In der Eucharistie sind wir zusammen, hier können und müssen wir einander begegnen; das Sakrament der Buße und der Versöhnung ist eine sehr persönliche Begegnung, ebenso wie die Taufe. Sie ist eine persönliche Begegnung und nicht nur der Augenblick, in dem das Sakrament gespendet wird. Ich würde sagen, daß diese Sakramente alle ihr Umfeld besitzen: Zu taufen bedeutet, der jungen Familie vorher etwas Katechese zu erteilen, mit ihr zu sprechen, so daß die Taufe auch zu einer persönlichen Begegnung wird und Gelegenheit bietet für eine sehr konkrete Katechese. Ebenso sind die Vorbereitung auf die Erstkommunion, auf die Firmung und auf die Ehe stets Gelegenheiten, bei denen der Pfarrer, der Priester, den Menschen persönlich begegnet; er ist der Prediger, und er ist der Verwalter der Sakramente, wobei die menschliche Dimension stets mit eingeschlossen ist. Das Sakrament ist niemals nur ein Ritus, sondern der Ritus, der sakramentale Akt ist die Verdichtung eines menschlichen Umfelds, in dem der Priester, der Pfarrer sich bewegt. Ich finde es auch sehr wichtig, gute Systeme zu finden, um Aufgaben zu delegieren. Es ist nicht gut, wenn der Pfarrer zum bloßen Koordinator von Organismen wird; er muß vielmehr Aufgaben auf verschiedene Weise delegieren. Und gewiß findet sich auf den Synoden – und hier in eurer Diözese habt ihr gerade die Synode abgehalten – ein Weg, um dem Pfarrer ausreichende Freiheit zu verschaffen. Er muß einerseits die Verantwortung für die Gesamtheit der ihm anvertrauten Seelsorgeeinheit behalten, darf aber nicht darauf reduziert werden, in erster Linie ein koordinierender Bürokrat zu sein. Er muß jemand sein, der die wichtigsten Fäden in der Hand hält, der aber auch Mitarbeiter hat. Mir scheint, daß die Mitverantwortlichkeit der ganzen Pfarrgemeinde eines der wichtigen und positiven Ergebnisse des Konzils ist: Nicht mehr nur der Pfarrer muß alles in Gang bringen und am Leben erhalten, sondern da die Pfarrgemeinde wir alle sind, müssen wir alle mitarbeiten und helfen. Der Pfarrer darf nicht als übergeordneter Koordinator isoliert sein, sondern er muß uns wirklich als Hirte zur Seite stehen bei den gemeinsamen Arbeiten, in denen die Pfarrgemeinde gemeinsam verwirklicht und gelebt wird. Ich würde also Folgendes sagen: Durch die Koordinierung und die lebenswichtige Verantwortlichkeit der ganzen Pfarrgemeinde einerseits und durch das sakramentale Leben und die Verkündigung als Mittelpunkt des Gemeindelebens andererseits ist es, wenn auch unter schwierigeren Bedingungen, auch heute möglich, ein Pfarrer zu sein, der vielleicht nicht alle mit Namen kennt, wie der Herr es vom guten Hirten sagt, der aber seine Schafe wirklich kennt und der wirklich der Hirte ist, der sie ruft und führt.

10. Ich habe die letzte Frage, und ich bin sehr versucht, sie nicht zu stellen, weil es nur eine kleine Frage ist – und nachdem Eure Heiligkeit neunmal den Weg gefunden haben, zu uns von Gott zu sprechen und uns in höchste Höhen zu führen, erscheint mir das, was ich Sie fragen möchte, beinahe arm und banal zu sein. Aber an diesem Punkt tue ich es doch. Es geht um ein Wort für die Menschen meiner Generation. Wir wurden während des Konzils ausgebildet, haben dann mit Begeisterung und vielleicht auch mit dem Anspruch, die Welt zu verändern, unseren Weg begonnen. Wir haben auch hart gearbeitet, und heute stehen wir vor Schwierigkeiten, weil wir müde geworden sind, weil viele Träume sich nicht verwirklicht haben und auch weil wir uns ein wenig isoliert fühlen. Die Älteren sagen zu uns: »Seht ihr – wir hatten doch recht damit, vorsichtiger zu sein«, und die Jüngeren behandeln uns manchmal wie »Nostalgiker des Konzils«. Unsere Frage ist folgende: Können wir unserer Kirche noch etwas geben, besonders durch die Verbundenheit mit den Menschen, die uns unserer Meinung nach ausgezeichnet hat? Bitte helfen Sie uns, wieder Hoffnung und inneren Frieden zu finden…

Benedikt XVI.: Danke, das ist eine wichtige Frage, die ich sehr gut kenne. Auch ich habe die Zeiten des Konzils erlebt. Ich war mit großer Begeisterung in der Petersbasilika und sah, wie sich neue Türen öffneten. Und es schien wirklich das neue Pfingsten zu sein, in dem die Kirche die Menschheit wieder überzeugen könne. Nachdem sich die Welt im 19. und 20. Jahrhundert von der Kirche entfernt hatte, schien es, daß Kirche und Welt einander wieder begegneten und daß wieder eine christliche Welt entstünde und eine Kirche der Welt, eine Kirche, die wirklich offen ist gegenüber der Welt. Wir hatten große Hoffnungen, aber in Wirklichkeit haben sich die Dinge als schwieriger erwiesen. Dennoch bleibt das große Erbe des Konzils, das einen neuen Weg geöffnet hat. Es ist stets eine »Magna Charta« des Weges der Kirche geblieben, sehr wesentlich und grundlegend. Aber warum hat sich alles so entwickelt? Ich sollte vielleicht mit einer historischen Anmerkung beginnen. Nachkonziliare Zeiten sind fast immer sehr schwierig. Nach dem großen Konzil von Nizäa – das für uns wirklich die Grundlage unseres Glaubens ist, denn wir bekennen ja den in Nizäa formulierten Glauben – entstand nicht eine Situation der Versöhnung und der Einheit, wie Konstantin, der Förderer jenes großen Konzils, es sich erhofft hatte, sondern ein wirkliches Chaos: Jeder stritt mit jedem. Der hl. Basilius vergleicht in seinem Buch über den Heiligen Geist die Situation der Kirche nach dem Konzil von Nizäa mit einer nächtlichen Seeschlacht, in der niemand mehr den anderen erkennt, sondern jeder gegen jeden ist. Es herrschte wirklich ein totales Chaos: So beschreibt der hl. Basilius sehr ausdrucksstark das Drama der Zeit nach dem Konzil, der Zeit nach Nizäa. Dann lädt 50 Jahre später aus Anlaß des Ersten Konzils von Konstantinopel der Kaiser den hl. Gregor von Nazianz ein, am Konzil teilzunehmen, und der hl. Gregor von Nazianz antwortet: Nein, ich komme nicht, weil ich diese Dinge kenne. Ich weiß, daß alle Konzile nur zu Durcheinander und Kampf führen, daher komme ich nicht. Und er ging nicht hin. Jetzt, in der Rückschau, ist also die Verarbeitung des Konzils, dieser großen Botschaft, keine so große Überraschung mehr wie damals für uns alle im ersten Augenblick. Es in das Leben der Kirche hineinzubringen, es anzunehmen, so daß es Leben der Kirche wird, es eingehen zu lassen in die verschiedenen Wirklichkeiten der Kirche, ist ein Leiden, und nur im Leiden findet auch Wachstum statt. Wachstum ist stets mit Leiden verbunden, denn es bedeutet, einen Zustand zu verlassen und in einen anderen Zustand überzugehen. Und in der nachkonziliaren Wirklichkeit lassen sich zwei große historische Einschnitte feststellen. In die Zeit gleich nach dem Konzil fällt der Einschnitt des Jahres 1968, der Beginn oder ich wage sogar zu sagen die Explosion der großen kulturellen Krise des Westens. Die Nachkriegszeit war zu Ende. Nach all den Zerstörungen, nach dem Grauen des Krieges, des Einander- Bekämpfens, und nach der Bewußtwerdung des Dramas der großen Ideologien, die die Menschen wirklich in den Abgrund des Krieges geführt hatten, haben wir die christlichen Wurzeln Europas wiederentdeckt und haben begonnen, Europa mit diesen großen Idealen wieder aufzubauen. Aber als diese Zeit zu Ende war, kam auch alles Versagen zum Vorschein, die Mängel des Wiederaufbaus, das große Elend in der Welt. Und so beginnt, so explodiert die Krise der westlichen Kultur – eine Kulturrevolution, würde ich sagen, die radikale Veränderungen herbeiführen will. Es wird gesagt: 2000 Jahre Christentum haben nicht zu einer besseren Welt geführt. Wir müssen wieder ganz von vorn anfangen, auf eine vollkommen neue Art; der Marxismus scheint die wissenschaftliche Lösung zu sein, um endlich die neue Welt zu schaffen. Und in diesem – um es so auszudrücken – schweren, großen Zusammenstoß zwischen der neuen und gesunden Modernität, die das Konzil wollte, und der Krise der Moderne wird alles ebenso schwierig wie nach dem Ersten Konzil von Nizäa. Eine Seite war der Meinung, daß diese Kulturrevolution das war, was das Konzil gewollt hatte. Sie identifizierte diese neue marxistische Kulturrevolution mit dem Willen des Konzils und sagte: Das ist das Konzil. Im Wortlaut sind die Texte noch ein bißchen antiquiert, aber hinter dem geschriebenen Wort steht dieser Geist, das ist der Wille des Konzils, so müssen wir es tun. Und von der anderen Seite kam natürlich die Reaktion: So zerstört ihr die Kirche. Die absolute Reaktion gegen das Konzil, die antikonziliare Haltung und die zaghafte, demütige Suche nach einer Umsetzung des wahren Geistes des Konzils. Ein Sprichwort sagt: »Wenn ein Baum fällt, macht er viel Lärm, wenn ein Wald wächst, dann hört man nichts, weil ein lautloser Prozeß vor sich geht.« Mitten im Lärm des falschen Fortschrittsglaubens und der antikonziliaren Haltung wächst also sehr still, unter vielen Leiden und auch unter vielen Verlusten beim Aufbau eines neuen kulturellen Übergangs, der Weg der Kirche. Und dann kam 1989 der zweite Einschnitt: der Zusammenbruch der kommunistischen Regime. Aber die Antwort war nicht die Rückkehr zum Glauben, wie man es vielleicht hätte erwarten können, es wurde nicht wiederentdeckt, daß die Kirche durch das authentische Konzil die Antwort gegeben hatte. Die Antwort war dagegen der totale Skeptizismus, die sogenannte Postmoderne. Nichts ist wahr, jeder muß sehen, wie er lebt. Ein Materialismus gewinnt die Oberhand, ein blinder pseudorationalistischer Skeptizismus, der am Ende in den Drogenkonsum führt, zu all den Problemen, die wir kennen, und der dem Glauben wieder den Weg verschließt, weil es so einfach ist, so offensichtlich: Nein, es gibt nichts Wahres. Die Wahrheit ist intolerant, wir können diesen Weg nicht einschlagen. Im Umfeld dieser beiden kulturellen Brüche also – zuerst die Kulturrevolution von 1968 und dann sozusagen der Fall des Nihilismus nach 1989 – geht die Kirche mit Demut ihren Weg zwischen den Leiden der Welt und der Herrlichkeit des Herrn. Auf diesem Weg müssen wir mit Geduld wachsen, und wir müssen jetzt auf neue Weise lernen, was es heißt, auf den Triumphalismus zu verzichten. Das Konzil hatte gesagt, daß man auf den Triumphalismus verzichten muß – und es hatte dabei an den Barock gedacht, an all diese großen Kulturen der Kirche. Es wurde gesagt: Beginnen wir auf moderne, auf neue Art. Aber ein anderer Triumphalismus war herangewachsen, der Triumphalismus zu denken: Wir machen jetzt die Dinge, wir haben den Weg gefunden, und auf ihm finden wir die neue Welt. Aber die Demut des Kreuzes, des Gekreuzigten schließt gerade auch diesen Triumphalismus aus. Wir müssen auf den Triumphalismus verzichten, daß jetzt wirklich die große Kirche der Zukunft entsteht. Die Kirche Christi ist stets demütig, und gerade so ist sie groß und voll Freude. Es erscheint mir sehr wichtig, daß wir jetzt mit offenen Augen sehen können, wieviel Positives sich in der Zeit nach dem Konzil auch entwickelt hat: in der Erneuerung der Liturgie, in den Synoden – den römischen Synoden, den Weltsynoden, den Diözesansynoden –, in den Gemeindestrukturen, in der Mitarbeit und neuen Verantwortlichkeit der Laien, in der großen interkulturellen und interkontinentalen Mitverantwortung, in einer neuen Erfahrung der Katholizität der Kirche, der Einmütigkeit, die in Demut wächst und die dennoch die wahre Hoffnung der Welt ist. Und so müssen wir, scheint mir, das große Erbe des Konzils wiederentdecken, das nicht ein hinter den Texten rekonstruierter Geist ist, sondern die großen Konzilstexte selbst, jetzt neu ausgelegt durch die Erfahrungen, die wir gemacht haben und die Früchte getragen haben in vielen Bewegungen und vielen neuen Ordensgemeinschaften. In Brasilien kam ich mit dem Wissen an, daß die Sekten sich ausbreiten und daß die katholische Kirche etwas sklerotisch wirkt; aber als ich dann da war, habe ich gesehen, daß in Brasilien beinahe jeden Tag eine neue Ordensgemeinschaft, eine neue Bewegung entsteht und daß nicht nur die Sekten anwachsen. Die Kirche wächst mit neuen Wirklichkeiten voller Lebenskraft. Sie füllen nicht die Statistiken – das ist eine falsche Hoffnung, die Statistik ist nicht unsere Gottheit –, aber sie wachsen in den Herzen und bringen Glaubensfreude hervor, machen das Evangelium gegenwärtig, bringen der Welt und der Gesellschaft wahre Entwicklung. Mir scheint also, daß wir die große Demut des Gekreuzigten lernen müssen, einer Kirche, die stets demütig ist und die immer im Kontrast steht zu den großen wirtschaftlichen, militärischen und sonstigen Mächten. Gleichzeitig und damit verbunden müssen wir jedoch auch den wahren Triumphalismus der Katholizität lernen, die in allen Jahrhunderten anwächst. Auch heute wächst die Gegenwart des Gekreuzigten und Auferstandenen, der seine Wunden hat und sie behält. Er ist verwundet, aber gerade so erneuert er die Welt, schenkt er seinen Lebensatem, der auch die Kirche erneuert, trotz all unserer Armut. Und ich würde sagen, daß wir in diesem Zusammenwirken der Demut des Kreuzes und der Freude des auferstandenen Herrn, der uns im Konzil einen großen Wegweiser geschenkt hat, voll Freude und Hoffnung unseren Weg fortsetzen können.

 

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