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ANSPRACHE VON BENEDIKT XVI.
AN HERRN GEORGES CHAKIB EL KHOURY,
NEUER BOTSCHAFTER DER LIBANESISCHEN REPUBLIK
BEIM HL. STUHL

Montag, 17. November 2008

 

Herr Botschafter!

Mit Freude empfange ich Sie zur Überreichung des Beglaubigungsschreibens, mit dem Sie als außerordentlicher und bevollmächtigter Botschafter der Libanesischen Republik beim Heiligen Stuhl akkreditiert werden. Ich danke Ihnen für die freundlichen Worte und die herzlichen Grüße, die Sie mir von seiten des Präsidenten der Republik, Seiner Exzellenz Herrn Michel Sleiman, überbracht haben, den ich zu meiner großen Freude vor kurzem im Vatikan empfangen konnte. Meinerseits möchte ich Sie bitten, ihm herzlich zu danken und ihm meine tiefempfundene Zuneigung und mein Vertrauen, das ich gegenüber dem ganzen libanesischen Volk hege, zu übermitteln. Ich wünsche, daß es sich auch weiterhin mutig für den Aufbau einer geeinten und solidarischen Gesellschaft einsetzen möge.

Wie Sie, Herr Botschafter, hervorgehoben haben, ist der Libanon die Wiege einer alten Kultur, die auf den gesamten Mittelmeerraum und über seine Grenzen hinaus ausgestrahlt hat, sowie ein Land mit vielen religiösen Bekenntnissen, die gezeigt haben, daß sie in Brüderlichkeit und Zusammenarbeit miteinander leben können. Bereichert durch diese Verschiedenheit, hegt das libanesische Volk eine tiefe Liebe zu seinem Land, seiner Kultur und seinen Traditionen, wobei es seiner Berufung zu universaler Offenheit treu bleibt. Ihr Land hat aufgrund seiner jahrtausendealten Geschichte sowie seiner Lage inmitten eines komplexen regionalen Kontextes die grundlegende Aufgabe, zum Frieden und zur Eintracht zwischen allen beizutragen.

Der Libanon ist angesichts seiner Erfahrung in den Bereichen des Zusammenlebens und der Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Gemeinschaften und Kulturen ein »Schatz«, der allen Libanesen anvertraut ist. Sie haben somit die Pflicht, ihn für das Wohl der gesamten Nation zu bewahren und ihn Ertrag bringen zu lassen. Zugleich wünsche ich, daß die internationale Gemeinschaft den Libanon schützen und aufwerten und durch ihr tatkräftiges Engagement verhindern möge, daß er zu einem Austragungsort regionaler oder internationaler Konflikte wird. Der Libanon sollte daher gleichsam ein Laboratorium sein zur Suche nach wirksamen Lösungen für die Konflikte, die den Nahen Osten seit langem in Unruhe versetzen.

In dieser Hinsicht freue ich mich sehr über die mutigen Anstrengungen, die im Laufe der vergangenen Monate vom gesamten Land und dessen Verantwortlichen unternommen wurden, um durch das geduldige Mitwirken aller das politische Leben und die Tätigkeit der Institutionen des Landes wieder in geordnete Bahnen zu lenken. Die Wahl des Präsidenten der Republik, die Bildung einer Regierung der nationalen Einheit und die Verabschiedung eines neuen Wahlgesetzes werden die nationale Einheit mit Sicherheit fördern und zur echten Koexistenz der verschiedenen Teile der Nation beitragen. Zudem wird der »nationale Dialog«, der seit einigen Wochen geführt wird, sicherlich Gelegenheit geben, die Herausforderungen zu untersuchen, vor denen das Land derzeit steht, und nach den notwendigen Übereinkünften für deren angemessene Bewältigung zu suchen. Ich wünsche daher, daß sich alle tatkräftig auf dem Weg des Dialogs und der Wiederversöhnung engagieren mögen, um dem Land eine stabile Fortentwicklung zu ermöglichen. Hierbei sollten die Eigeninteressen beiseite gelassen und die Wunden der Vergangenheit geheilt werden.

Die Spannungen, die bedauerlicherweise noch immer fortbestehen, zeigen jedoch die Notwendigkeit, mit Entschlossenheit auf dem Weg voranzugehen, der vor einigen Monaten durch das Abkommen von Doha eröffnet wurde, mit dem Ziel, gemeinsam die libanesischen Institutionen einzurichten. Die Grundhaltung, von der ein jeder bei seinem Einsatz für das Gemeinwohl geprägt sein sollte, bleibt unveränderlich: jedes Mitglied des libanesischen Volkes soll sich im Libanon wirklich heimisch fühlen und sehen, daß seine berechtigten Sorgen und Erwartungen im gegenseitigen Respekt vor den Rechten der anderen berücksichtigt werden. Daher muß eine wahre Erziehung der Gewissen zum Frieden, zur Wiederversöhnung und zum Dialog gefördert und entwickelt werden, insbesondere im Hinblick auf die jungen Generationen. Mein verehrter Vorgänger Papst Johannes Paul II. hat diesbezüglich geschrieben: »Es darf niemals vergessen werden, daß eine Geste des Friedens den Gegner entwaffnen kann und ihn oft dazu einlädt, positiv auf die ihm gereichte Hand zu antworten, denn der Friede, der ein Gut par excellence ist, muß an die anderen weitergegeben werden (Apostolisches Schreiben, Eine neue Hoffnung für den Libanon, 98). Dieser dauerhafte Frieden, nach dem sich alle Libanesen zutiefst sehnen, ist in dem Maße möglich, in dem bei allen der aufrichtige Wille überwiegt, gemeinsam auf der einen Erde zu leben und die Gerechtigkeit, die Wiederversöhnung und den Dialog als den geeigneten Rahmen zur Lösung der Probleme von Einzelpersonen und Gruppen anzusehen. Um eine Gesellschaft aufzubauen, die allen ihren Mitgliedern ein würdiges und freies Dasein zusichert, muß eine immer tiefere Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Teilen der Nation entwickelt werden, die auf den vertrauensvollen Beziehungen zwischen den Einzelpersonen und zwischen den Gemeinschaften gründet.

Herr Botschafter, auf dieser wichtigen Etappe, in der sich Ihr Land befindet, verfolgt der Heilige Stuhl auch weiterhin mit großer Aufmerksamkeit die Entwicklung der Lage und interessiert sich in besonderer Weise für die ergriffenen Maßnahmen zur endgültigen Lösung der Fragen, denen sich der Libanon stellen muß. Mit besonderer Sensibilität gegenüber den Leiden, denen die Bevölkerung des Nahen Ostens seit langem ausgesetzt ist, setzt sich der Heilige Stuhl auch weiterhin entschlossen ein für den Frieden und die Wiederversöhnung im Libanon und in der gesamten Region, die dem Herzen der Gläubigen so nahe steht.

Herr Botschafter, gestatten Sie mir am Ende dieser Begegnung, daß ich durch Sie meinen herzlichen Gruß an die Bischöfe und die katholischen Gemeinden Ihres Landes richte. Im Anschluß an die vor kurzem in Beirut vorgenommene Seligsprechung von Pater Jacques Haddad, Abouna Yaacoub, jenes Apostels der Barmherzigkeit und leidenschaftlichen Boten des Wortes Gottes, lade ich alle Katholiken dazu ein, unter ihren Landsleuten – in enger Gemeinschaft mit ihren Hirten – zu eifrigen Bauleuten der Einheit und Brüderlichkeit zu werden. Dieser eindrucksvolle Moment, bei dem Libanesen unterschiedlicher Herkunft und unterschiedlicher religiöser Bekenntnisse vereint waren, möge in Anerkennung der so weisen Persönlichkeit und des bewundernswerten Werkes eines Ihrer Landsmänner, seine Fortsetzung finden im gemeinsamen Engagement im Dienst am Frieden und an der Einheit der Nation!

Herr Botschafter, Sie beginnen heute Ihre edle Mission als Repräsentant des Libanons beim Heiligen Stuhl, dem die Pflege der hervorragenden Beziehungen zwischen Ihrem Land und dem Apostolischen Stuhl anvertraut ist. Nehmen Sie bitte meine herzlichen Segenswünsche entgegen, die ich Ihnen für ein gutes Gelingen Ihrer Mission ausspreche, und seien Sie sich dessen gewiß, daß Sie bei meinen Mitarbeitern stets das nötige Verständnis und die nötige Unterstützung finden werden.

Auf Sie, auf Ihre Familie, auf Ihre Mitarbeiter an der Botschaft, auf alle Libanesen und alle Verantwortungsträger in Ihrem Land rufe ich von Herzen den reichen göttlichen Segen herab.

    

© Copyright 2008 - Libreria Editrice Vaticana

     

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