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BESUCH IM RÖMISCHEN PRIESTERSEMINAR
ANLÄSSLICH DES FESTES DER "MUTTERGOTTES VOM VERTRAUEN"
ANSPRACHE
VON BENEDIKT XVI.
Freitag, 20. Februar 2009
Herr Kardinal, liebe Freunde!
Es ist mir immer eine große Freude, in meinem Seminar zu sein, die
zukünftigen Priester meiner Diözese zu sehen, bei euch zu sein im Zeichen der
Muttergottes vom Vertrauen. Mit ihr, die uns hilft und uns begleitet, die uns
wirklich die Gewißheit gibt, immer von der göttlichen Gnade gestützt zu sein,
gehen wir voran!
Jetzt wollen wir sehen, was der hl. Paulus uns mit diesem Text sagt: »Ihr
seid zur Freiheit berufen. « Die Freiheit war zu allen Zeiten der große Traum
der Menschheit – von Anfang an, aber besonders in der Moderne. Wir wissen, daß
Luther sich von diesem Text des Briefes an die Galater inspirieren ließ
und zu dem Schluß kam, daß die Ordensregel, die Hierarchie, das Lehramt ihm als
ein Joch der Knechtschaft erschienen, von dem man sich befreien müsse. Später
war die Zeit der Aufklärung vollkommen durchdrungen von diesem Wunsch nach
Freiheit, die man endlich erlangt zu haben meinte. Aber auch der Marxismus
behauptete von sich, ein Weg zur Freiheit zu sein.
Wir fragen uns heute abend: Was ist Freiheit? Wie können wir frei sein? Der
hl. Paulus hilft uns, die komplizierte Wirklichkeit der Freiheit zu verstehen,
indem er dieses Konzept in einen Kontext grundlegender anthropologischer und
theologischer Einsichten stellt. Er sagt: »Nehmt die Freiheit nicht zum Vorwand
für das Fleisch, sondern dient einander in Liebe.« Der Rektor hat bereits
gesagt, daß »Fleisch« nicht der Leib ist. Vielmehr ist »Fleisch« – im
Sprachgebrauch des hl. Paulus – Ausdruck der Absolutsetzung des Ichs, des Ichs,
das alles sein will und alles für sich nehmen will. Das absolute Ich, das von
nichts und niemandem abhängig ist, scheint letztendlich wirklich die Freiheit zu
besitzen. Ich bin frei, wenn ich von niemandem abhängig bin, wenn ich alles tun
kann, was ich will. Aber gerade diese Absolutsetzung des Ichs ist »Fleisch«. Sie
ist also eine Herabwürdigung des Menschen und nicht die Eroberung der Freiheit.
Der Libertinismus ist nicht Freiheit; er ist vielmehr das Scheitern der
Freiheit.
Und Paulus wagt es, ein starkes Paradox vorzulegen: »Dient (auf griechisch: ›douleúete‹)
einander in Liebe.« Das heißt, daß die Freiheit paradoxerweise im Dienen
verwirklicht wird; wir werden frei, wenn einer der Diener des anderen wird. Und
so stellt Paulus das ganze Problem der Freiheit in das Licht der Wahrheit vom
Menschen. Wenn man sich auf das Fleisch reduziert und sich so scheinbar zur
Gottheit erhebt – »nur ich bin der Mensch« –, dann führt das zur Lüge. Denn in
Wirklichkeit ist es nicht so: Der Mensch ist kein Absolutum, gleichsam als könne
das Ich sich abkapseln und nur dem eigenen Willen gemäß handeln. Das ist gegen
die Wahrheit unseres Seins. Unsere Wahrheit ist, daß wir in erster Linie
Geschöpfe Gottes sind und in der Beziehung zum Schöpfer leben. Wir sind
beziehungsorientierte Wesen. Und nur wenn wir unsere Beziehungsorientiertheit
annehmen, treten wir in die Wahrheit ein – wenn nicht, fallen wir der Lüge
anheim und zerstören uns am Ende in ihr.
Wir sind Geschöpfe, hängen also vom Schöpfer ab. Zur Zeit der Aufklärung
erschien das besonders dem Atheismus als eine Abhängigkeit, von der man sich
befreien müsse. Eine fatale Abhängigkeit wäre es jedoch nur dann, wenn dieser
Schöpfergott ein Tyrann und kein gutes Wesen wäre, wenn er so wäre wie die
menschlichen Tyrannen. Wenn dieser Schöpfer uns jedoch liebt und unsere
Abhängigkeit darin besteht, im Raum seiner Liebe zu stehen, dann ist gerade die
Abhängigkeit Freiheit. Auf diese Weise stehen wir nämlich in der Liebe des
Schöpfers, sind wir mit ihm, mit seiner ganzen Wirklichkeit, mit seiner ganzen
Macht vereint. Das ist also der erste Punkt: Geschöpf zu sein bedeutet, vom
Schöpfer geliebt zu sein, in der Liebesbeziehung zu stehen, die er uns schenkt,
mit der er uns zuvorkommt. Vor allem darauf beruht unsere Wahrheit, die
gleichzeitig Berufung zur Liebe ist.
Gott zu sehen, sich auf Gott auszurichten, Gott kennenzulernen, den Willen
Gottes kennenzulernen, sich in den Willen Gottes zu fügen, also in die Liebe
Gottes, bedeutet also, immer mehr in den Raum der Wahrheit einzutreten. Und
dieser Weg der Erkenntnis Gottes, der Liebesbeziehung zu Gott, ist das
außerordentliche Abenteuer unseres christlichen Lebens, denn wir kennen in
Christus das Antlitz Gottes – das Antlitz Gottes, der uns liebt bis zum Kreuz,
bis zur Selbsthingabe.
Aber die kreatürliche Beziehungsorientiertheit bringt auch eine zweite Art
der Beziehung mit sich: Wir stehen in Beziehung zu Gott, aber gemeinsam, als
Menschheitsfamilie, stehen wir auch in Beziehung zueinander. Mit anderen Worten:
die menschliche Freiheit bedeutet einerseits, in der Freude und im weiten Raum
der Liebe Gottes zu stehen, aber sie setzt auch voraus, daß wir eins sind mit
dem anderen und für den anderen. Es gibt keine Freiheit gegen den anderen. Wenn
ich mich verabsolutiere, werde ich zum Feind des anderen. Dann können wir nicht
mehr zusammenleben, und das ganze Leben wird Grausamkeit, wird zum Scheitern
verurteilt. Nur eine gemeinsame Freiheit ist eine menschliche Freiheit; im
Zusammensein können wir in die Symphonie der Freiheit eintreten.
Und das ist daher ein weiterer sehr wichtiger Punkt: Nur wenn ich den anderen
annehme, wenn ich auch die Grenze annehme, die die Achtung der Freiheit des
anderen meiner eigenen Freiheit zu setzen scheint, nur wenn ich mich in das Netz
der Abhängigkeiten hineinbegebe, das uns am Ende zu einer einzigen Familie
macht, dann bin ich auf dem Weg zur gemeinsamen Befreiung.
Hier taucht ein sehr wichtiges Element auf: In welchem Maß müssen wir die
Freiheit miteinander teilen? Wir sehen, daß der Mensch Ordnung und Recht
braucht, um so seine Freiheit, die eine gemeinsam gelebte Freiheit ist,
verwirklichen zu können. Und wie können wir die rechte Ordnung finden, in der
niemand unterdrückt wird, sondern jeder seinen Beitrag dazu leisten kann, dieses
Konzert der Freiheiten entstehen zu lassen? Wenn es keine gemeinsame Wahrheit
des Menschen gibt, wie sie in Gottes Augen erscheint, dann bleibt nur der
Positivismus, und man hat den Eindruck, daß etwas – auch gewaltsam –
aufgezwungen wird. Daher kommt die Auflehnung gegen die Ordnung und das Recht,
so als handle es sich um eine Versklavung.
Aber wenn wir die Ordnung des Schöpfers in unserer Natur finden können, die
Ordnung der Wahrheit, die jedem seinen Platz gibt, dann können Ordnung und Recht
Mittel sein, die zur Freiheit gegen die Knechtschaft des Egoismus führen.
Einander zu dienen wird zum Mittel der Freiheit. Hier könnten wir eine ganze
politische Philosophie gemäß der Soziallehre der Kirche einfügen. Sie hilft uns,
die gemeinsame Ordnung zu finden, die jedem seinen Platz im gemeinsamen Leben
der Menschheit gibt. Die erste Wirklichkeit, die es zu achten gilt, ist also die
Wahrheit: Freiheit gegen die Wahrheit ist keine Freiheit. Einander zu dienen
schafft den gemeinsamen Raum der Freiheit.
Und dann fährt Paulus fort: »Das ganze Gesetz ist in dem einen Wort
zusammengefaßt: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.« Hinter diesen
Worten wird das Geheimnis des menschgewordenen Gottes sichtbar, das Geheimnis
Christi, der in seinem Leben, in seinem Tod, in seiner Auferstehung zum
lebendigen Gesetz wird. Die ersten Worte unserer Lesung – »Ihr seid zur Freiheit
berufen« – spielen unmittelbar auf dieses Geheimnis an. Wir sind vom Evangelium
berufen worden, wir sind wirklich berufen worden in der Taufe, in der Teilhabe
am Tod und an der Auferstehung Christi, und auf diese Weise sind wir vom »Fleisch«,
vom Egoismus übergegangen zur Gemeinschaft mit Christus. Und so stehen wir in
der Fülle des Gesetzes.
Ihr kennt wahrscheinlich alle die schönen Worte des hl. Augustinus: »Dilige
et fac quod vis – Liebe und tue, was du willst.« Was Augustinus sagt, ist
die Wahrheit, wenn wir das Wort »Liebe« richtig verstanden haben. »Liebe und
tue, was du willst«, aber wir müssen wirklich in die Gemeinschaft mit Christus
eingedrungen sein, uns mit seinem Tod und mit seiner Auferstehung identifiziert
haben, mit ihm in der Gemeinschaft seines Leibes vereint sein. In der Teilnahme
an den Sakramenten, im Hören des Wortes Gottes tritt der göttliche Wille, das
göttliche Gesetz wirklich in unseren Willen ein, stimmt unser Wille mit seinem
Willen überein, werden sie zu einem einzigen Willen. Und so sind wir wirklich
frei, können wir wirklich das tun, was wir wollen, weil wir mit Christus wollen,
in der Wahrheit und mit der Wahrheit wollen.
Bitten wir also den Herrn, uns auf diesem Weg zu helfen, der mit der Taufe
begonnen hat, einem Weg der Identifizierung mit Christus, der in der Eucharistie
stets aufs neue wirklich wird. Im Dritten Eucharistischen Hochgebet sprechen wir:
»Damit wir ein Leib und ein Geist werden in Christus«. In diesem Augenblick
werden wir durch die Eucharistie und durch unsere wahre Teilhabe am Geheimnis
des Todes und der Auferstehung Christi ein Geist mit ihm, stehen wir in dieser
Willensgleichheit und gelangen so wirklich zur Freiheit.
Hinter diesem Wort – das Gesetz ist erfüllt –, hinter diesem einen Wort, das
in der Gemeinschaft mit Christus Wirklichkeit wird, werden hinter dem Herrn alle
Gestalten der Heiligen sichtbar, die in diese Gemeinschaft mit Christus
eingetreten sind, in diese Einheit des Seins, in diese Einheit mit seinem Willen.
Sichtbar wird vor allem die Muttergottes, in ihrer Demut, in ihrer Güte, in
ihrer Liebe. Die Muttergottes schenkt uns dieses Vertrauen, sie nimmt uns an der
Hand, sie führt uns, sie hilft uns auf diesem Weg, eins zu sein mit dem Willen
Gottes – so wie sie selbst es vom ersten Augenblick an war. Durch ihr »Fiat« hat
sie diese Vereinigung zum Ausdruck gebracht.
Und nach diesen schönen Dingen findet sich im selben Brief schließlich ein
Hinweis auf die etwas traurige Situation der Gemeinde der Galater. Paulus sagt:
»Wenn ihr einander beißt und verschlingt, dann gebt acht, daß ihr euch nicht
gegenseitig umbringt … Laßt euch vom Geist leiten. « Mir scheint, daß es in
dieser Gemeinde – die sich nicht mehr auf dem Weg der Gemeinschaft mit Christus
befand, sondern auf dem des äußeren Gesetzes des »Fleisches« – natürlich auch zu
Polemiken kommt, und Paulus sagt: Ihr werdet wie die Tiere, einer beißt den
anderen. Er spielt damit auf die Polemiken an, die dort entstehen, wo der Glaube
zum Intellektualismus verkommt und an die Stelle der Demut die Anmaßung tritt,
besser zu sein als der andere.
Wir sehen sehr wohl, daß es auch heute Ähnliches gibt – dort, wo jeder, statt
sich in die Gemeinschaft mit Christus, in den Leib Christi, die Kirche,
einzugliedern, dem anderen überlegen sein will und mit intellektueller Anmaßung
glauben machen will, daß er besser sei. Und so entstehen Polemiken, die
zersetzend sind; so entsteht eine Karikatur von Kirche, die ein Herz und eine
Seele sein sollte.
In dieser Mahnung des hl. Paulus müssen wir auch heute einen Grund zur
Gewissenserforschung finden. Wir dürfen nicht meinen, daß wir dem anderen
überlegen sind, sondern wir müssen in der Demut Christi, in der Demut der
Muttergottes stehen, in den Glaubensgehorsam eintreten. So öffnet sich auch für
uns wirklich der große Raum der Wahrheit und der Freiheit in der Liebe.
Zum Abschluß wollen wir Gott danken, daß er uns in Christus sein Antlitz
gezeigt hat, daß er uns die Muttergottes geschenkt hat, daß er uns die Heiligen
geschenkt und uns berufen hat, ein Leib und ein Geist zu sein in ihm. Und wir
wollen beten, daß er uns helfen möge, in diese Gemeinschaft mit seinem Willen
immer mehr eingefügt zu sein, um so mit der Freiheit die Liebe und die Freude zu
finden.
Nachdem Papst Benedikt XVI. mit der Gemeinschaft des Römischen
Priesterseminars in familiärer Atmosphäre im Refektorium zu Abend gegessen hatte,
richtete er folgende Worte an die Seminaristen.
Man sagt mir, daß man noch einige Worte von mir erwartet. Vielleicht habe ich
bereits zu viel geredet, aber ich möchte meiner Dankbarkeit und meiner Freude
Ausdruck verleihen, hier bei euch zu sein. Im Gespräch bei Tisch habe ich noch
mehr über die Geschichte des Laterans gelernt, angefangen bei Konstantin, Sixtus
V., Benedikt XIV., Papst Lambertini. So habe ich alle Probleme der Geschichte
gesehen und die immer neue Wiedergeburt der Kirche in Rom. Und ich habe
verstanden, daß es in der Diskontinuität der äußeren Ereignisse die große
Kontinuität der Einheit der Kirche in allen Zeiten gibt. Und auch im Hinblick
auf die Zusammensetzung des Seminars habe ich verstanden, daß sie Ausdruck der
Katholizität unserer Kirche ist. Aus allen Kontinenten bilden wir die eine
Kirche, und wir haben eine gemeinsame Zukunft. Hoffen wir nur, daß die Zahl der
Berufungen noch größer wird, denn wir brauchen – wie der Rektor gesagt hat –
Arbeiter im Weinberg des Herrn. Danke euch allen!
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