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ANSPRACHE VON PAPST BENEDIKT XVI.  
AN DIE TEILNEHMER DES INTERNATIONALEN KONGRESSES
ZUM 50. JAHRESTAG DER ENZYKLIKA »MATER ET MAGISTRA«, VERANSTALTET VOM PÄPSTLICHEN RAT FÜR GERECHTIGKEIT UND FRIEDEN

Sala Clementina
Montag
, 16. Mai 2011

 

Meine Herren Kardinäle,       
verehrte Mitbrüder im Bischofs- und Priesteramt,
sehr geehrte Damen und Herren!

Ich freue mich, Sie aus Anlaß des 50. Jahrestages der Enzyklika Mater et magistra des sel. Johannes XXIII. – ein Dokument, das auch in der globalisierten Welt von großer Aktualität ist – empfangen und begrüßen zu dürfen. Ich begrüße den Kardinal und Präsidenten des Dikasteriums, dem ich für seine freundlichen Worte danke, wie auch den Sekretär, die Mitarbeiter und Sie alle, die Sie aus mehreren Kontinenten zu diesem wichtigen Kongreß zusammengekommen sind.

In der Enyzklika Mater et magistra hat der Roncalli-Papst aus dem Blickwinkel der Kirche, die vor allem durch ihren besonderen Evangelisierungsauftrag im Dienst der Menschheitsfamilie steht, die Soziallehre den seligen Papst Johannes Paul II. vorwegnehmend – als wesentliches Element dieser Sendung gesehen, weil sie »ein integrierender Bestandteil der christlichen Lehre vom Menschen ist« (Nr. 222). Johannes XXIII. steht auch am Ursprung der Aussagen seiner Nachfolger, wenn er auf die Kirche als gemeinschaftliches und plurales Subjekt der Soziallehre hinweist. Insbesondere die christgläubigen Laien dürfen nicht nur Nutznießer und passiv Ausführende sein, sondern sie sind dank ihrer praktischen Erfahrung und besonderen Kompetenzen deren Protagonisten im vitalen Moment ihrer Verwirklichung und auch wertvolle Mitarbeiter der Hirten bei ihrer Ausformulierung. Für den sel. Johannes XXIII. ist die Wahrheit das Licht der Soziallehre der Kirche, die Liebe ihre Triebkraft, die Gerechtigkeit ihr Ziel (vgl. Nr. 226), eine Sichtweise der Soziallehre, die ich in der Enzyklika Caritas in veritate wiederaufgenommen habe, als Zeugnis jener Kontinuität, die das gesamte Corpus der Sozialenzykliken vereint. Wahrheit, Liebe, Gerechtigkeit, die von der Enzyklika Mater et magistra hervorgehoben werden, zusammen mit dem Prinzip der universalen Bestimmung der Güter als grundlegende Kriterien, um die sozialen und kulturellen Ungleichgewichte zu überwinden, bleiben weiterhin die Grundpfeiler, um auch die der heutigen Globalisierung innewohnenden Ungleichgewichte zu interpretieren und einer Lösung zuzuführen.

Angesichts dieser Ungleichgewichte ist die Wiederherstellung einer ganzheitlichen Vernunft notwendig, die zu einer Erneuerung des Denkens und der Ethik führt. Ohne ein moralisches Denken, das über den Ansatz einer weltlichen Ethik – wie zum Beispiel von Neo-Utilitarismus oder Neo-Kontraktualismus inspirierte Denkrichtungen, die auf einen grundsätzlichen Skeptizismus und eine vorwiegend immanentistische Sicht der Geschichte gegründet sind – hinausgeht, ist es für den heutigen Menschen schwer, das wahre Wohl des Menschen zu erkennen. Durch eine im neuen Gesetz des Evangeliums, dem Gesetz des Heiligen Geistes verankerte Neuevangelisierung – zu der uns der sel. Johannes Paul II. mehrmals aufgerufen hat – müssen kulturelle Synthesen eines für die Transzendenz offenen Humanismus entwickelt werden. Nur in der persönlichen Gemeinschaft mit dem neuen Adam, Jesus Christus, wird die menschliche Vernunft geheilt und potenziert, und so ist es möglich eine angemessenere Sicht von Fortschritt, Wirtschaft und Politik, ihrer anthropologischen Dimension und der neuen historischen Situationen entsprechend, zu erhalten. Und nur dank einer in ihrer spekulativen und praktischen Fähigkeit wiederhergestellten Vernunft wird es möglich, über Grundkriterien zu verfügen, um die globalen Ungleichheiten im Licht des Gemeinwohls zu überwinden. Denn ohne die Kenntnis des wahren Wohls des Menschen gleitet die Liebe in Sentimentalität ab (vgl. Nr. 3); die Gerechtigkeit verliert ihr grundlegendes »Maß«; das Prinzip der universalen Bestimmung der Güter wird delegitimiert. Die verschiedenen globalen Ungleichgewichte, von denen unsere Epoche gekennzeichnet ist, nähren Disparität, Unterschiede des Reichtums, Ungleichheit, die Probleme hervorrufen im Bereich der Gerechtigkeit und der gerechten Verteilung der Ressourcen und Möglichkeiten, insbesondere gegenüber den Ärmsten.

Aber nicht weniger besorgniserregend sind die Phänomene, die mit der Finanzwelt zusammenhängen. Denn nach dem Höhepunkt der Krise hat sie wieder begonnen, frenetisch Kreditverträge abzuschließen, die häufig eine grenzenlose Spekulation erlauben. Phänomene schädlicher Spekulation gibt es auch in bezug auf Nahrungsmittel, Wasser und Land, was letztendlich jene noch ärmer macht, die bereits in Situationen hoher Prekarität leben. In ähnlicher Weise haben der Preisanstieg für primäre Energieressourcen und die daraus folgende Suche nach alternativen Energien, die manchmal ausschließlich von kurzfristigen ökonomischen Interessen geleitet wird, negative Folgen für die Umwelt wie auch für den Menschen selbst.

Die soziale Frage ist heute zweifellos eine Frage der weltweiten sozialen Gerechtigkeit, worauf im übrigen bereits vor 50 Jahren die Enzyklika Mater et magistra hingewiesen hat, wenn auch im Bezug auf einen andersartigen Kontext. Sie ist darüber hinaus eine Frage der gerechten Verteilung der materiellen und immateriellen Ressourcen, eine Frage der Globalisierung der substantiellen, sozialen und partizipativen Demokratie. Daher ist es im Kontext einer fortschreitenden weltweiten Verflechtung der Menschheit unbedingt notwendig, daß die Neuevangelisierung des Sozialen die Implikationen einer Gerechtigkeit hervorhebt, die auf Weltebene verwirklicht werden muß. In bezug auf die Grundlage einer solchen Gerechtigkeit muß unterstrichen werden, daß es nicht möglich ist, sie zu verwirklichen, wenn man sich allein auf den gesellschaftlichen Konsens stützt, ohne zu erkennen, daß dieser, um von Dauer zu sein, im ganzheitlichen Wohl des Menschen verwurzelt sein muß. Was den Plan ihrer Verwirklichung angeht, so ist die soziale Gerechtigkeit in der Zivilgesellschaft, in der Marktwirtschaft (vgl. Caritas in veritate, 35), aber auch von einer entsprechenden ehrlichen, transparenten politischen Autorität und ebenso auf internationaler Ebene umzusetzen (vgl. ebd., 67).

Die Kirche vertraut im Hinblick auf die großen Herausforderungen von heute an erster Stelle auf den Herrn und seinen Heiligen Geist, die sie durch die Geschehnisse der Welt führen, aber sie zählt bei der Verbreitung der Soziallehre auch auf die Aktivität ihrer kulturellen Institutionen, auf die Programme religiöser Bildung und sozialer Katechese in den Pfarreien, auf die Massenmedien ebenso wie auf die Verkündigung und das Zeugnis der gläubigen Laien (vgl. Mater et magistra, 222–225). Diese müssen geistlich, professionell und ethisch den Anforderungen entsprechen. Die Enzyklika Mater et magistra unterstreicht nicht nur die Bildung, sondern vor allem die Erziehung, die das Gewissen christlich formt und zum konkreten Handeln führt, geleitet von einer klugen Unterscheidungsgabe. Der sel.Johannes XXIII. schrieb dazu: »Deswegen genügt es nicht, die Menschen bloß zu einem Handeln nach christlichen Grundsätzen auf wirtschaftlichem und sozialem Gebiet im Sinn der kirchlichen Lehre anzuhalten. Es müssen ihnen auch die Wege gezeigt werden, auf denen sie diese Aufgabe entsprechend erfüllen können. Eine solche Erziehung wäre aber noch immer unzureichend, wenn nicht zu den Bemühungen der Erzieher eine ebensolche Bemühung des zu Erziehenden hinzutritt und wenn nicht zur Vermittlung der Lehre deren Einübung in der Praxis kommt« (Nr. 230–231).

Darüber hinaus sind auch die Bemerkungen des Papstes über einen legitimen Pluralismus, den es hinsichtlich der konkreten Umsetzung der Soziallehre unter den Katholiken gibt, weiterhin gültig. Er schrieb: »Bei der Anwendung dieser Grundsätze können nun manchmal auch unter Katholiken, selbst wenn sie ehrlichen Willens sind, Meinungsverschiedenheiten aufkommen. In einem solchen Fall müssen sie trotzdem die gegenseitige Achtung und Ehrerbietung in Wort und Tat zu wahren trachten. Auch müssen sie überlegen, wie sie gemeinsam zusammenarbeiten können. Nur so tun sie zeitig, was die Situation erfordert. Sie sollen sich geflissentlich davor hüten, ihre Kräfte in ständigen Diskussionen zu verbrauchen und unter dem Schein, das Beste zu suchen, das zu unterlassen, was sie verwirklichen können und darum auch verwirklichen sollen« (ebd., 238). Wichtige Institutionen im Dienst der Neuevangelisierung des Sozialen sind neben den ehrenamtlichen Verbänden und den christlichen oder christlich inspirierten Nichtregierungsorganisationen: die Kommissionen für Gerechtigkeit und Frieden, die Büros für soziale Fragen und Arbeit, die Zentren und Institute für Soziallehre, von denen viele sich nicht nur auf deren Studium und Verbreitung beschränken, sondern auch verschiedene Initiativen zur experimentellen Umsetzung der Inhalte der Soziallehre begleiten, wie im Fall der entwicklungsfördernden sozialen Kooperativen, Projekte der Gewährung von Mikrokrediten und Unterstützung einer Wirtschaft, die von der Logik der Gemeinschaft und Brüderlichkeit beseelt ist.

Der sel. Johannes XXIII. erinnerte in der Enzyklika Mater et magistra daran, daß man die Grundforderungen der Gerechtigkeit besser wahrnehmen kann, wenn man als »Kind des Lichtes« lebt (vgl. Nr. 257). Euch allen wünsche ich deshalb, daß der auferstandene Herr eure Herzen brennend machen und euch helfen möge, die Frucht der Erlösung durch eine Neuevangelisierung des Sozialen und das Zeugnis eines im Sinn des Evangeliums »guten Lebens« zu verbreiten. Die Evangelisierung soll von einer entsprechenden Sozialpastoral begleitet werden, die in den verschiedenen Ortskirchen systematisch aktiviert werden muß. In einer Welt, die nicht selten auf sich selbst zurückgezogen und ohne Hoffnung ist, erwartet die Kirche von Ihnen, daß Sie Sauerteig sind, daß Sie unermüdlich den Samen des wahrhaftigen und verantwortlichen Denkens und großherziger sozialer Entwürfe aussäen, gestützt auf die Liebe und Wahrheit, die in Jesus Christus sind, dem menschgewordenen Wort Gottes. Während ich Ihnen für Ihre Arbeit danke, erteile ich Ihnen von Herzen meinen Apostolischen Segen.

 

 

© Copyright 2011 - Libreria Editrice Vaticana

   

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