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APOSTOLISCHE REISE NACH MEXIKO UND IN DIE REPUBLIK KUBA
(23.-29. MÄRZ 2012)

PRESSEKONFERENZ MIT PAPST BENEDIKT XVI.
AUF DEM FLUG NACH MEXIKO


Freitag,
23. März 2012

Auf dem Hinflug nach Mexiko beantwortete der Heilige Vater wie üblich die Fragen einiger Journalisten. P. Lombardi, Direktor des Pressebüros des Heiligen Stuhls, moderierte die Begegnung. Zunächst dankte er Benedikt XVI. für seine Anwesenheit und stellte ihm die über 70 mitreisenden Journalisten vor. Neben den Italienern bildeten die Mexikaner mit 14 Journalisten die größte Gruppe, mehrfach vertreten waren auch die Vereinigten Staaten von Amerika und Frankreich. Von den in den vergangenen Tagen gesammelten Fragen waren fünf ausgewählt worden, die die Journalisten selbst stellten. Es handelte sich um die mexikanischen Staatsangehörigen Maria Antonieta Collins (Univision), Javier Alatorre Soria (Tele Azteca) und Valentina Alazraki (Televisa) sowie Paloma Gómez Borrero (Spanische Journalistin) und Jean-Louis de La Vaissière (France Press).

Maria Antonieta Collins: Heiliger Vater, in Mexiko und Kuba sind die Reisen Ihres Vorgängers Johannes Paul II. in die Geschichte eingegangen. Mit welchem Geist und mit welchen Hoffnungen begeben Sie sich heute auf seine Spuren?

Papst Benedikt XVI.: Liebe Freunde, vor allem möchte ich euch sagen: herzlich willkommen und danke für eure Begleitung bei dieser Reise, die, wie wir hoffen, vom Herrn gesegnet sein wird. Ich fühle mich bei dieser Reise völlig in Kontinuität zu Papst Johannes Paul II. Ich erinnere mich sehr gut an seine erste Reise nach Mexiko, die wirklich historisch war. In einer rechtlich noch sehr verwirrten Situation hat sie die Türen geöffnet, es hat eine neue Phase der Zusammenarbeit zwischen Kirche, Gesellschaft und Staat begonnen. Und ich erinnere mich auch gut an seine erste historische Reise nach Kuba. Ich möchte also auf seinen Spuren wandeln und das fortsetzen, was er begonnen hat. Ich hatte von Anfang an den Wunsch, Mexiko zu besuchen. Als Kardinal bin ich in Mexiko gewesen und habe sehr schöne Erinnerungen daran, und jeden Mittwoch höre ich den Applaus, die Freude der Mexikaner. Jetzt als Papst hier zu sein, ist eine große Freude für mich und entspricht einem Wunsch, den ich schon lange hatte. Um zum Ausdruck zu bringen, welche Empfindungen mich bewegen, kommen mir die Worte des Zweiten Vatikanischen Konzils in den Sinn: »gaudium et spes, luctus et angor«, Freude und Hoffnung, aber auch Trauer und Furcht. Ich teile die Freuden und Hoffnungen, doch ich teile auch die Trauer und die Schwierigkeiten dieses großen Landes. Ich komme, um zu ermutigen und um zu lernen, um im Glauben, in der Hoffnung und in der Liebe zu stärken, und um im Einsatz für das Gute zu stärken, im Einsatz für den Kampf gegen das Böse. Hoffen wir, daß der Herr uns helfe!

Javier Alatorre Soria: Heiliger Vater, Mexiko ist ein Land mit wunderbaren Ressourcen und Möglichkeiten, aber wir wissen, daß in diesen Jahren durch das Problem des Drogenhandels dort auch Gewalt herrscht. Es soll in den letzten fünf Jahren 50.000 Tote gegeben haben. Wie begegnet die katholische Kirche dieser Situation? Werden Sie Worte für die Verantwortlichen und für die Drogenhändler haben, die sich bisweilen als Katholiken bekennen oder sogar als Wohltäter der Kirche bezeichnen?

Papst Benedikt XVI.: Wir wissen sehr wohl um all die Schönheit Mexikos, kennen aber auch das große Problem des Drogenhandels und der Gewalt. Es ist gewiß eine große Verantwortung für die katholische Kirche in einem Land, in dem 80 Prozent der Bevölkerung Katholiken sind. Wir müssen gegen dieses Übel, das die Menschheit und unsere Jugend zerstört, alles tun, was in unseren Möglichkeiten steht. Ich würde sagen, daß an erster Stelle die Verkündigung Gottes steht: Gott ist der Richter, der Gott, der uns liebt – der uns jedoch liebt, um uns zum Guten, zur Wahrheit hinzuziehen gegen das Böse. Somit ist es die große Verantwortung der Kirche, die Gewissen zu bilden, zur moralischen Verantwortung zu erziehen und das Böse zu entlarven, den Götzendienst des Geldes zu entlarven, der die Menschen allein um dieser Sache willen versklavt – auch die falschen Versprechungen zu entlarven, die Lüge, den Betrug, der hinter der Droge steht. Wir müssen sehen, daß der Mensch der Unendlichkeit bedarf. Wenn Gott nicht da ist, schafft sich das Unendliche seine eigenen Paradiese, einen Schein von »Unendlichkeiten «, der nur eine Lüge sein kann. Daher ist es so wichtig, daß Gott gegenwärtig, zugänglich ist. Es ist eine große Verantwortung vor Gott, dem Richter, der uns leitet, der uns zur Wahrheit und zum Guten hinzieht, und in diesem Sinn muß die Kirche das Böse entlarven, die Güte Gottes gegenwärtig machen, seine Wahrheit gegenwärtig machen, das wahrhaft Unendliche, nach dem wir dürsten. Das ist die große Pflicht der Kirche. Wir wollen alle gemeinsam alles tun, was in unseren Möglichkeiten steht, immer mehr.

Valentina Alazraki: Heiliger Vater, wir heißen Sie wirklich in Mexiko willkommen: Wir freuen uns alle, daß sie nach Mexiko kommen. Meine Frage ist folgende: Heiliger Vater, Sie haben gesagt, daß Sie sich von Mexiko aus anläßlich des 200. Jahrestags der Unabhängigkeit an ganz Lateinamerika wenden. Lateinamerika ist trotz der Entwicklung weiterhin eine Region der sozialen Gegensätze, in der die Reichsten neben den Ärmsten stehen. Manchmal hat es den Anschein, daß die katholische Kirche nicht ausreichend ermutigt wird, sich in diesem Bereich einzusetzen. Kann man weiterhin in positiver Form von »Befreiungstheologie« sprechen, nachdem gewisse Exzesse – bezüglich des Marxismus oder der Gewalt – korrigiert worden sind?

Papst Benedikt XVI.: Natürlich muß sich die Kirche immer fragen, ob genug für die soziale Gerechtigkeit auf diesem großen Kontinent getan wird. Das ist eine Gewissensfrage, die wir uns immer stellen müssen. Man muß sich fragen: Was kann und muß die Kirche tun, was kann und darf sie nicht tun? Die Kirche ist keine politische Macht, sie ist keine Partei, sondern eine moralische Wirklichkeit, eine moralische Macht. Da die Politik grundsätzlich eine moralische Wirklichkeit sein soll, hat die Kirche in diesem Sinn grundlegend mit der Politik zu tun. Ich wiederhole, was ich schon gesagt hatte: Zunächst geht es der Kirche darum, die Gewissen zu bilden und so die notwendige Verantwortung zu schaffen; die Gewissensbildung sowohl in der individuellen als auch in der öffentlichen Ethik. Und hier besteht vielleicht ein Mangel. In Lateinamerika, aber auch anderswo ist bei nicht wenigen Katholiken eine gewisse Schizophrenie zwischen individueller und öffentlicher Moral zu erkennen: Persönlich, im individuellen Bereich, sind sie katholisch, gläubig, doch im öffentlichen Leben folgen sie anderen Wegen, die nicht den großen Werten des Evangeliums entsprechen, welche für die Gründung einer gerechten Gesellschaft notwendig sind. Somit ist es notwendig, zur Überwindung dieser Schizophrenie zu erziehen, nicht nur zu einer individuellen Moral, sondern zu einer öffentlichen Moral zu erziehen, und dies versuchen wir durch die Soziallehre der Kirche zu tun, denn die öffentliche Moral muß natürlich eine vernünftige Moral sein, die auch von Nichtgläubigen geteilt wird und geteilt werden kann, eine Moral der Vernunft. Gewiß, im Licht des Glaubens können wir viele Dinge besser sehen, die auch die Vernunft sehen kann, doch gerade der Glaube dient auch dazu, die Vernunft von falschen Interessen und von der Verdunkelung durch Interessen zu befreien und so in der Soziallehre die grundlegenden Modelle für eine politische Zusammenarbeit, vor allem für eine Überwindung dieser sozialen, unsozialen Spaltung zu schaffen, die leider vorhanden ist. Wir wollen in diesem Sinn arbeiten. Ich weiß nicht, ob uns das Wort »Befreiungstheologie«, das auch sehr gut ausgelegt werden kann, viel helfen würde. Wichtig ist die gemeinsame Vernünftigkeit, zu der die Kirche einen grundlegenden Beitrag leistet und die immer bei der Gewissensbildung sowohl für das öffentliche als auch für das private Leben helfen muß.

Paloma Gómez Borrero: Heiliger Vater, blicken wir auf Kuba. Wir alle erinnern uns an die berühmten Worte Johannes Pauls II.: »Kuba möge sich der Welt, und die Welt Kuba öffnen.« 14 Jahre sind vergangen, doch es scheint, daß diese Worte immer noch aktuell sind. Wie Sie wissen, haben sich in Erwartung Ihrer Reise viele Stimmen der Opposition und der Vertreter der Menschenrechte zu Wort gemeldet. Heiliger Vater, haben Sie die Absicht, an die Botschaft Johannes Pauls II. anzuknüpfen, mit dem Gedanken sowohl an die innere Situation Kubas als auch an die internationale Lage?

Papst Benedikt XVI.: Wie gesagt fühle ich mich in absoluter Kontinuität zu den Worten des Heiligen Vaters Johannes Paul II., die noch immer sehr aktuell sind. Dieser Besuch des Papstes hat einen Weg der Zusammenarbeit und des konstruktiven Dialogs eingeleitet – einen Weg, der lang ist und Geduld erfordert, aber der vorangeht. Heute ist offensichtlich, daß die marxistische Ideologie so, wie sie konzipiert war, nicht mehr der Wirklichkeit entspricht: So kann man nicht mehr antworten und keine Gesellschaft aufbauen. Es müssen neue Modelle gefunden werden, mit Geduld und auf konstruktive Weise. Zu diesem Prozeß, der Geduld, aber auch Entschlossenheit fordert, wollen wir in einem Geist des Dialogs beitragen, um Traumata zu vermeiden und den Weg zu einer brüderlichen und gerechten Gesellschaft zu unterstützen, wie wir sie für die ganze Welt ersehnen, und in diesem Sinn wollen wir zusammenarbeiten. Es ist offensichtlich, daß die Kirche immer auf der Seite der Freiheit steht: der Gewissensfreiheit, der Religionsfreiheit. In diesem Sinne tragen wir, tragen gerade auch die einfachen Gläubigen zu diesem Weg nach vorn bei.

Jean-Louis de La Vaissière: Heiliger Vater, seit der Konferenz von Aparecida ist von »kontinentaler Mission« der Kirche in Lateinamerika die Rede. In wenigen Monaten wird die Synode über die Neuevangelisierung stattfinden und das Jahr des Glaubens beginnen. Auch in Lateinamerika gibt es die Herausforderungen der Säkularisierung, der Sekten. In Kuba gibt es die Auswirkungen einer langen Propaganda des Atheismus, die afro-kubanische Religiosität ist sehr verbreitet. Denken Sie, daß diese Reise eine Ermutigung für die »Neuevangelisierung« ist, und was liegt Ihnen in dieser Hinsicht besonders am Herzen?

Papst Benedikt XVI.: Die Zeit der Neuevangelisierung hat mit dem Konzil begonnen. Das war im Grunde die Absicht von Papst Johannes XXIII. Sie wurde von Papst Johannes Paul II. sehr hervorgehoben, und ihre Notwendigkeit wird in einer Welt, die großen Veränderungen ausgesetzt ist, immer deutlicher: Notwendigkeit in dem Sinne, daß das Evangelium neue Ausdrucksformen finden muß, und Notwendigkeit auch in dem anderen Sinne, daß die Welt in der Verwirrung, in der Schwierigkeit, sich heute zu orientieren, eines Wortes bedarf. Die Welt befindet sich in einer gemeinsamen Lage; da ist die Säkularisierung, die Abwesenheit Gottes, die Schwierigkeit, Zugang zu ihm zu finden, ihn als eine Wirklichkeit zu betrachten, die mein Leben betrifft. Und andererseits gibt es die spezifischen Kontexte. Sie haben die kubanischen erwähnt, mit dem afro-kubanischen Synkretismus, mit vielen anderen Schwierigkeiten, doch jedes Land hat seine spezifische kulturelle Situation. Und einerseits müssen wir vom gemeinsamen Problem ausgehen: wie wir heute, im Kontext unserer modernen Rationalität, Gott als grundlegende Ausrichtung unseres Lebens wiederentdecken können, die grundlegende Hoffnung unseres Lebens, das Fundament der Werte, die wirklich eine Gesellschaft aufbauen, und wie wir der Besonderheit der unterschiedlichen Situationen Rechnung tragen können. Das erste scheint mir sehr wichtig zu sein: einen Gott zu verkündigen, der unserer Vernunft entspricht, da wir die Rationalität des Kosmos sehen, da wir sehen, daß etwas dahinter steht, jedoch nicht sehen, wie nahe dieser Gott ist, wie sehr er mich angeht. Und diese Synthese aus dem großen, majestätischen Gott und dem kleinen Gott, der mir nahe ist, mir Orientierung schenkt, mir die Werte meines Lebens zeigt, ist der Kern der Evangelisierung: also ein auf seine Essenz zurückgeführtes Christentum, wo sich wirklich der Grundkern des heutigen Lebens mit allen Problemen unserer Zeit befindet. Andererseits müssen wir der konkreten Wirklichkeit Rechnung tragen. In Lateinamerika ist es im allgemeinen sehr wichtig, daß das Christentum nie so sehr eine Sache der Vernunft, sondern des Herzens ist. Die Gottesmutter von Guadalupe wird von allen anerkannt und geliebt, da sie verstehen, daß sie eine Mutter für alle und von Anfang an in diesem neuen Lateinamerika nach der Ankunft der Europäer gegenwärtig ist. Und auch in Kuba haben wir die Gottesmutter von Cobre, die die Herzen berührt, und alle wissen intuitiv, daß es wahr ist, daß diese Gottesmutter uns beisteht, daß es sie gibt, daß sie uns liebt und uns beisteht. Doch diese Intuition des Herzens muß sich mit der Rationalität des Glaubens und mit der Tiefe des Glaubens verbinden, die über die Vernunft hinausgeht. Wir müssen versuchen, das Herz nicht zu verlieren, sondern Herz und Vernunft miteinander zu verbinden, so daß sie zusammenwirken, da der Mensch allein auf diese Weise vollständig ist und wirklich zu einer besseren Zukunft beitragen und sich für sie einsetzen kann.

(L´OSSERVATORE ROMANO, Wochenausgabe in deutscher Sprache,
Nr. 13, 30. März 2012
)

 

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