1. Convertimini ad me ...
et Ego convertar ad vos. "Bekehrt euch
zu mir ... und ich werde mich euch zukehren!" Das ist eine
weitere Anrufung der Fastenliturgie, die uns in die ganze
Wirklichkeit der Bekehrung hineinführt. Wir bekehren uns zu
Gott, der uns erwartet ‒ erwartet, um sich uns zuzukehren. Gehen
wir auf Gott zu, der uns entgegenkommen will.
Öffnen wir uns Gott, der sich uns öffnen will. Die
Bekehrung ist kein einseitiger Prozeß. Sie ist ein Ausdruck der
Gegenseitigkeit. Sich bekehren heißt an Gott glauben, der uns
zuerst geliebt hat, der uns in Ewigkeit geliebt hat in seinem
Sohn und der uns durch den Sohn die Gnade und die Wahrheit des
Heiligen Geistes schenkt. Der Sohn ist deshalb gekreuzigt
worden, um zu uns zu sprechen mit seinen Armen, die so weit
geöffnet sind, wie Gott für uns offen ist. Unaufhörlich kehrt
sich Gott durch das Kreuz seines Sohnes uns zu!
Dadurch ist unsere Bekehrung tatsächlich keine
einseitige Erwartung. Sie ist nicht nur ein Bemühen des
menschlichen Willens, Verstandes und Herzens. Sie ist nicht nur
Verpflichtung, unser Menschsein, das so stark nach unten
tendiert, nach oben auszurichten. Die Bekehrung ist vor allem
Annahme. Sie ist die Kraft, Gott in der ganzen Fülle seiner Hinkehr zum Menschen anzunehmen. Diese Hinkehr ist eine Gnade.
Das Bemühen des Verstandes, Herzens und Willens ist für die
Annahme der Gnade freilich unerläßlich. Es ist unerläßlich, um
nicht die göttliche Dimension des Lebens in der menschlichen zu
verlieren, sondern um in ihr zu verharren.
2. Convertimini ad me ... et Ego
convertar ad vos. Die Kirche bekehrt sich zu
Christus, um das Bewußtsein und die Gewißheit all seiner Gnaden
zu erneuern, jener Gnaden, mit denen sie von ihm durch das Kreuz
und die Auferstehung beschenkt wurde.
Denn Christus ist zugleich der Erlöser und der
Bräutigam der Kirche. Als ihr Erlöser und Bräutigam hat Christus
sie unter schwachen, sündigen und fehlbaren Menschen gestiftet,
aber er hat sie zugleich stark, heilig und unfehlbar gegründet..
Das ist sie nicht durch Menschenwerk, sondern durch
Christi Gnade..
An die Stärke der Kirche glauben heißt nicht, an die
Stärke der Menschen, die diese Kirche bilden, zu glauben,
sondern an die Gnade Christi: an jene Kraft, die ‒ wie der hl.
Paulus sagt ‒
"sich in der Schwachheit erweist" (2
Kor 12, 9).
An die Heiligkeit der Kirche glauben heißt nicht, an
die naturgegebene Vollkommenheit des Menschen zu glauben,
sondern an die Gnade Christi: an jene Gnade, die uns, Erben der
Sünde, zu Erben der göttlichen Heiligkeit macht.
An die Unfehlbarkeit der Kirche glauben heißt nicht
‒ in keiner Weise
‒, an die Unfehlbarkeit des Menschen zu glauben,
sondern an die Gnade Christi: an jene Gnade, die es fehlbaren
Menschen erlaubt, die zu ihrem Heil geoffenbarte Wahrheit
unfehlbar zu verkünden und zu bekennen.
Die Kirche unserer Tage
‒ dieser schweren und
gefahrvollen, kritischen Zeit, in der wir leben
‒ braucht eine
besondere Gewißheit der Gnade Christi, der Gabe der Stärke, der
Gabe der Heiligkeit, der Gabe der Unfehlbarkeit. Je mehr sie
sich der Schwäche, der Sündhaftigkeit, der Fehlbarkeit des
Menschen bewußt ist, umso mehr muß sie die Gewißheit jener
Gaben bewahren, die ihr Erlöser und Bräutigam ihr schenkt.
Und das ist in der Fastenzeit ein notwendiger Weg der
Hinwendung der Kirche zu Christus.
Convretimini ad me... et Ego convertar ad vos!
© Copyright 1980 - Libreria Editrice Vaticana