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APOSTOLISCHES SCHREIBEN MULIERIS DIGNITATEM
VON PAPST JOHANNES PAUL II. ÜBER DIE WÜRDE UND BERUFUNG DER FRAU
ANLÄSSLICH DES MARIANISCHEN JAHRES
Verehrte Mitbrüder, geliebte Söhne und Töchter, Gruß und Apostolischen
Segen!
I.
EINLEITUNG
Ein Zeichen der Zeit
1. DIE WÜRDE DER FRAU und ihre Berufung - ständiges Thema menschlicher und
christlicher Reflexion - haben in den letzten Jahren eine ganz besondere
Bedeutung gewonnen. Das beweisen unter anderem die Beiträge des kirchlichen
Lehramtes, die sich in verschiedenen Dokumenten des II. Vatikanischen
Konzils wiederfinden, das dann in seiner Schlußbotschaft sagt: »Die Stunde
kommt, die Stunde ist schon da, in der sich die Berufung der Frau voll
entfaltet, die Stunde, in der die Frau in der Gesellschaft einen Einfluß, eine
Ausstrahlung, eine bisher noch nie erreichte Stellung erlangt. In einer Zeit, in
welcher die Menschheit einen so tiefgreifenden Wandel erfährt, können deshalb
die vom Geist des Evangeliums erleuchteten Frauen der Menschheit tatkräftig
dabei helfen, daß sie nicht in Verfall gerät«.(1) Die Worte dieser Botschaft
fassen zusammen, was bereits in der Lehre des Konzils, insbesondere in der
Pastoralkonstitution
Gaudium et Spes(2) und im Dekret über das Laienapostolat Apostolicam
Actuositatem,(3) Ausdruck gefunden hatte.
Ähnliche Stellungnahmen hatte es in der Zeit vor dem Konzil gegeben, zum
Beispiel in einer Reihe von Ansprachen Papst Pius' XII.(4) und in der
Enzyklika Pacem in Terris von Papst Johannes XXIII.(5) Nach dem II.
Vatikanischen Konzil hat mein Vorgänger Paul VI. die Bedeutung dieses »Zeichens
der Zeit« zum Ausdruck gebracht, als er die heilige Theresia von Avila und die
heilige Katharina von Siena zu Kirchenlehrerinnen erhob(6) und außerdem auf
Ersuchen der Bischofssynode vom Jahre 1971 eine eigene Kommission
einrichtete, deren Zweck die Untersuchung der Probleme unserer Zeit im
Zusammenhang mit der
»Förderung der Würde und der Verantwortung der Frauen«
war.(7) In einer seiner Ansprachen sagte Paul VI. unter anderem: »Im
Christentum besaß die Frau mehr als in jeder anderen Religion schon von den
Anfängen an eine besondere Würdestellung, wofür uns das Neue Testament nicht
wenige und nicht geringe Beweise bietet...; es erscheint ganz offenkundig, daß
die Frau dazu bestimmt ist, an der lebendigen, tätigen Struktur des Christentums
so stark teilzunehmen, daß vielleicht noch nicht alle Kräfte und Möglichkeiten
dafür freigelegt worden sind«.(8)
Die Synodenväter der letzten Vollversammlung der Bischofssynode (Oktober
1987), die der »Berufung und Sendung der Laien in der Kirche und in der Welt
zwanzig Jahre nach dem II. Vatikanischen Konzil« gewidmet war, haben sich erneut
mit der Würde und Berufung der Frau beschäftigt. Sie haben unter anderem die
Vertiefung der anthropologischen und theologischen Grundlagen verlangt, die für
die Lösung der Probleme in Bezug auf die Bedeutung und Würde des Menschseins als
Frau und als Mann notwendig sind. Es geht darum, den Grund und die Folgen der
Entscheidung des Schöpfers zu verstehen, daß der Mensch immer nur als Frau oder
als Mann existiert. Erst von diesen Grundlagen her, die ein tiefes Erfassen von
Würde und Berufung der Frau erlauben, ist es überhaupt möglich, von ihrer
aktiven Stellung in Kirche und Gesellschaft zu sprechen.
Das alles möchte ich im vorliegenden Dokument behandeln. Das nachsynodale
Apostolische Schreiben, das danach veröffentlicht werden soll, wird Vorschläge
pastoralen Charakters zur Stellung der Frau in Kirche und Gesellschaft vorlegen,
zu denen die Synodenväter, auch unter Berücksichtigung der von den
Laien-Auditoren - Männern und Frauen - aus den Teilkirchen aller
Kontinente vorgetragenen Zeugnisse, wichtige Überlegungen angestellt haben.
Das Marianische Jahr
2. Die letzte Synode wurde während des Marianischen Jahres abgehalten,
das einen besonderen Anstoß zur Auseinandersetzung mit diesem Thema bietet,
worauf auch die Enzyklika Redemptoris Mater hinweist.(9) Diese Enzyklika
entwickelt und aktualisiert die im VIII. Kapitel der Dogmatischen Konstitution
über die Kirche Lumen Gentium enthaltene Lehre des II. Vatikanischen
Konzils. Dieses Kapitel trägt einen bedeutsamen Titel: »Die selige
jungfräuliche Gottesmutter Maria im Geheimnis Christi und der Kirche«.
Maria - jene »Frau« der Bibel (vgl. Gen 3, 15; Joh
2, 4; 19, 26) - gehört eng zum Heilsmysterium Christi und ist daher in
besondererer Weise auch im Mysterium der Kirche gegenwärtig. Da »die Kirche in
Christus gleichsam das Sakrament (...) für die innigste Vereinigung mit Gott wie
für die Einheit der ganzen Menschheit« ist,(10) denken wir bei dieser besonderen
Gegenwart der Gottesmutter im Geheimnis der Kirche an die einzigartige
Beziehung zwischen dieser »Frau« und der ganzen Menschheitsfamilie. Es
handelt sich hier um jeden einzelnen und jede einzelne, um alle Söhne und alle
Töchter des Menschengeschlechts, in denen sich im Laufe der Generationen jenes
grundlegende Erbe der ganzen Menschheit verwirklicht, das an das Geheimnis
des biblischen »Anfangs« gebunden ist: »Gott schuf den Menschen als sein Abbild;
als Abbild Gottes schuf er ihn. Als Mann und Frau schuf er sie« (Gen 1, 27).(11)
Diese ewige Wahrheit über den Menschen als Mann und Frau - eine
Wahrheit, die auch in der Erfahrung aller fest verankert ist, - stellt
gleichzeitig das Geheimnis dar, das sich nur im fleischgewordenen Wort wahrhaft
aufklärt. »Christus macht dem Menschen den Menschen selbst voll kund und
erschließt ihm seine höchste Berufung«, so lehrt das Konzil.(12) Dürfen wir dann
nicht in diesem »dem Menschen den Menschen Kundmachen« einen besonderen Platz
für jene »Frau« entdecken, die die Mutter Christi wurde? Hat nicht vielleicht
die im Evangelium - dessen Hintergrund die ganze Schrift, Altes und Neues
Testament, ist - enthaltene »Botschaft« Christi der Kirche und der
Menschheit Wesentliches zu sagen über Würde und Berufung der Frau?
Genau dies soll denn auch das Thema des vorliegenden Dokumentes sein, das
sich in den weiten Rahmen des Marianischen Jahres einfügt, während wir uns dem
Ende des zweiten und dem Beginn des dritten Jahrtausends seit der Geburt Christi
nähern. Und es scheint mir das beste zu sein, diesem Text den Stil und Charakter
einer Meditation zu geben.
II.
FRAU - GOTTESMUTTER (THEOTÓKOS)
Verbundenheit mit Gott
3. »Als aber die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von
einer Frau«. Mit diesen Worten aus seinem Brief an die Galater (4, 4)
verbindet der Apostel Paulus die für die Erfüllung des »von Gott im voraus
bestimmten« Geheimnisses (vgl. Eph 1, 9) ausschlaggebenden Momente
miteinander. Der Sohn, das Wort, gleichen Wesens mit dem Vater, wird als Mensch
von einer Frau geboren, als »die Zeit erfüllt ist«. Dieses Geschehen führt zum
Schlüsselereignis der als Heilsgeschichte verstandenen Geschichte des Menschen
auf Erden. Es ist bezeichnend, daß der Apostel die Mutter Christi nicht mit
ihrem Namen »Maria« nennt, sondern von ihr als »Frau« spricht: Dies stellt eine
Übereinstimmung mit den Worten des Protoevangeliums im Buch Genesis her
(vgl. 3, 15). Eben jene »Frau« ist in dem zentralen Heilsereignis gegenwärtig,
das die »Fülle der Zeit« bestimmt: In ihr und durch sie wird dieses Ereignis
Wirklichkeit.
So beginnt das zentrale Ereignis, das Schlüsselereignis in der
Heilsgeschichte, das Pascha des Herrn. Doch ist es wohl auch der Mühe wert,
dieses Ereignis von der im weitesten Sinne verstandenen geistlich-religiösen
Geschichte des Menschen her, wie sie in den verschiedenen Religionen der Welt
zum Ausdruck kommt, zu erwägen. Wir berufen uns hier auf die Worte des II.
Vatikanums: »Die Menschen erwarten von den verschiedenen Religionen Antwort
auf die ungelösten Rätsel des menschlichen Daseins, die heute wie von jeher die
Herzen der Menschen im tiefsten bewegen: Was ist der Mensch? Was ist Sinn und
Ziel unseres Lebens? Was ist das Gute, was die Sünde? Woher kommt das Leid, und
welchen Sinn hat es? Was ist der Weg zum wahren Glück? Was ist der Tod, das
Gericht und die Vergeltung nach dem Tode? Und schließlich:
Was ist jenes letzte und unsagbare Geheimnis unserer Existenz, aus dem
wir kommen und wohin wir gehen?«.(13) »Von den ältesten Zeiten bis zu unseren
Tagen findet sich bei den verschiedenen Völkern eine gewisse Wahrnehmung jener
verborgenen Macht, die dem Lauf der Welt und den Ereignissen des menschlichen
Lebens gegenwärtig ist, und nicht selten findet sich auch die Anerkennung einer
höchsten Gottheit oder sogar eines Vaters«.(14)
Vor dem Hintergrund dieses weiten Panoramas, das die Bestrebungen des
menschlichen Geistes auf der Suche nach Gott - manchmal, »als ob sie ihn
ertasten und finden könnten« (vgl. Apg 17, 27) - hervorhebt, macht die
»Fülle der Zeit«, von der Paulus in seinem Brief spricht, die Antwort Gottes
selbst offenkundig, die Antwort dessen, »in dem wir leben, uns bewegen und
sind« (vgl. Apg 17, 28). Es ist der Gott, der »viele Male und auf
vielerlei Weise einst zu den Vätern gesprochen hat durch die Propheten; in
dieser Endzeit aber hat er zu uns gesprochen durch den Sohn« (vgl. Hebr
1, 1-2). Die Entsendung dieses Sohnes, gleichen Wesens mit dem Vater und
als Mensch »von einer Frau geboren«, stellt den endgültigen Höhepunkt der
Selbstoffenbarung Gottes an die Menschheit dar. Diese Selbstoffenbarung
besitzt Heilscharakter, wie das II. Vatikanum an anderer Stelle lehrt:
»Gott hat in seiner Güte und Weisheit beschlossen, sich selbst zu offenbaren und
das Geheimnis seines Willens kundzutun (vgl. Eph 1, 9): daß die Menschen
durch Christus, das fleischgewordene Wort, im Heiligen Geist Zugang zum Vater
haben und teilhaftig werden der göttlichen Natur (vgl. Eph 2, 18; 2
Petr 1, 4)«.(15)
Die Frau befindet sich am Herzen dieses Heilsereignisses. Die
Selbstoffenbarung Gottes, der unerforschlichen Einheit in Dreifaltigkeit, ist in
ihren wesentlichen Zügen in der Verkündigung von Nazaret
enthalten. »Du wirst ein Kind empfangen, einen Sohn wirst du gebären: dem sollst
du den Namen Jesus geben. Er wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt
werden«. - »Wie soll das geschehen, da ich keinen Mann erkenne?« - »Der Heilige
Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten.
Deshalb wird auch das Kind heilig und Sohn Gottes genannt werden (...). Denn für
Gott ist nichts unmöglich«(Lk
1, 31-37).(16)
Es ist naheliegend, wenn wir dieses Ereignis betrachten aus der Sicht der
Geschichte Israels, des auserwählten Volkes, dem Maria entstammte; aber
es fällt auch nicht schwer, im Hinblick auf all jene Wege daran zu denken, auf
welchen die Menschheit seit jeher Antwort sucht auf die grundlegenden und
zugleich entscheidenden Fragen, die sie bedrängen. Ist nicht in der Verkündigung
von Nazaret der Anfang jener endgültigen Antwort gesetzt, mit der Gott selber
der Unruhe des menschlichen Herzens begegnet? (17) Hier handelt es sich
nicht nur um Worte Gottes, die durch Propheten offenbart wurden, sondern mit
dieser Antwort wird tatsächlich »das Wort Fleisch« (vgl. Joh 1, 14).
Maria erlangt auf diese Weise eine solche Verbundenheit mit Gott, daß
sämtliche Erwartungen des menschlichen Geistes übertroffen werden. Diese Antwort
übertrifft sogar die Erwartungen ganz Israels und insbesondere der Töchter
dieses auserwählten Volkes, die auf Grund der Verheißung hoffen konnten, eine
von ihnen würde eines Tages Mutter des Messias werden. Wer von ihnen konnte
jedoch ahnen, daß der verheißene Messias der »Sohn des Höchsten« sein würde? Vom
alttestamentlichen Monotheismus her gesehen, war das kaum vorstellbar. Allein
kraft des Heiligen Geistes, der »sie überschattete«, vermochte Maria anzunehmen,
was »für Menschen unmöglich, aber für Gott möglich ist« (vgl. Mk 10, 27).
Theotókos
4. So macht »die Fülle der Zeit« die außerordentliche Würde der »Frau«
offenbar. Diese Würde besteht einerseits in der übernatürlichen Erhebung zur
Verbundenheit mit Gott in Jesus Christus, die das tiefste Ziel der Existenz
jedes Menschen sowohl auf Erden wie in der Ewigkeit ausmacht. In diesem Sinne
ist die »Frau« Vertreterin und Urbild der ganzen Menschheit: Sie vertritt das
Menschsein, das zu allen Menschenwesen, Männern wie Frauen, gehört.
Andererseits jedoch stellt das Ereignis von Nazaret eine Form der Verbundenheit
mit dem lebendigen Gott dar, die nur der »Frau«, Maria, zukommen kann:
die Verbundenheit zwischen Mutter und Sohn. Die Jungfrau aus Nazaret wird
tatsächlich die Mutter Gottes.
Diese vom christlichen Glauben von Anfang an angenommene Wahrheit wurde auf
dem Konzil von Ephesus (431) feierlich als Dogma formuliert.(18) Im Gegensatz
zur Auffassung des Nestorius, der in Maria ausschließlich die Mutter des
Menschen Jesus sah, hob dieses Konzil die wesentliche Bedeutung der Mutterschaft
der Jungfrau Maria hervor. Als Maria im Augenblick der Verkündigung mit ihrem
»Fiat« antwortete, empfing sie einen Menschen, der Sohn Gottes und gleichen
Wesens mit dem Vater war. Sie ist daher wahrhaft die Mutter Gottes; denn ihre
Mutterschaft betrifft die ganze Person und nicht nur den Leib und auch nicht
nur die menschliche »Natur«. Auf diese Weise wurde der Name Theotókos -
»Gottesgebärerin«, Gottesmutter - zum eigentlichen Namen für die der Jungfrau
Maria gewährte Verbundenheit mit Gott.
Die besondere Verbundenheit der »Theotókos« mit Gott, welche die jedem
Menschen geschenkte übernatürliche Bestimmung zur Verbundenheit mit dem Vater (filii
in Filio) in überragendster Weise verwirklicht, ist reine Gnade und als
solche ein Geschenk des Geistes.
Gleichzeitig jedoch bringt Maria durch ihre im Glauben gesprochene Antwort
ihren freien Willen zum Ausdruck und damit die volle Teilnahme ihres personalen,
fraulichen »Ich« am Ereignis der Menschwerdung. Mit ihrem Fiat wird Maria zum
wahren Subjekt jener Verbundenheit mit Gott, die sich im Geheimnis der
Menschwerdung des mit dem Vater wesengleichen Wortes verwirklicht hat. Das
gesamte Handeln Gottes in der Geschichte der Menschen achtet immer den freien
Willen des menschlichen »Ich«. Das war auch bei der Verkündigung in Nazaret der
Fall.
»Ihm zu dienen bedeutet herrschen«
5. Dieses Ereignis hat einen klaren interpersonalen Charakter: Es ist
ein Dialog. Wir begreifen das nicht ganz, wenn wir nicht das gesamte Gespräch
zwischen dem Engel und Maria von dem »Sei gegrüßt, du Begnadete« her
betrachten.(19) Der ganze Dialog enthüllt die wesentliche Dimension des
Geschehens: die übernatürliche Dimension (***). Aber die Gnade schiebt
niemals die Natur beiseite, noch hebt sie sie auf; sie trägt vielmehr zu ihrer
Vervollkommnung und Veredelung bei. Daher bedeutet jene
»Gnadenfülle«, die der Jungfrau aus Nazaret im Hinblick darauf, daß sie
Theotókos werden sollte, gewährt worden ist, zugleich die Fülle der
Vollkommenheit all dessen, »was kennzeichnend für die Frau ist«, was »das
typisch Frauliche ist«. Wir befinden uns hier gewissermaßen am Höhepunkt und
beim Urbild der personalen Würde der Frau.
Als Maria auf die Worte des himmlischen Boten mit ihrem »Fiat« antwortet,
empfindet die »Begnadete« das Bedürfnis, ihre persönliche Einstellung zu dem
Geschenk, das ihr geoffenbart wurde, zu bekennen, und sagt:
»Ich bin die Magd des Herrn« (Lk 1, 38). Dieser Satz darf nicht dadurch
seiner tiefen Bedeutung beraubt oder geschmälert werden, daß man ihn aus dem
Gesamtzusammenhang des Geschehens und aus dem Gesamtinhalt der über Gott und
über den Menschen offenbarten Wahrheit künstlich herauslöst. Im Ausdruck »Magd
des Herrn« wird deutlich, daß sich Maria voll bewußt ist, vor Gott ein Geschöpf
zu sein. Doch wird das Wort »Magd« vom Ende des Verkündigungsdialogs dann in die
Gesamtperspektive der Geschichte der Mutter und des Sohnes einbezogen. In der
Tat wird dieser Sohn,
der wahrer und wesensgleicher »Sohn des Höchsten« ist oft - besonders auf
dem Höhepunkt seiner Sendung - von sich sagen: »Denn der Menschensohn ist nicht
gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen« (Mk 10, 45).
Christus trägt immer in sich das Bewußtsein, der »Gottesknecht« nach der
Prophezeiung des Jesaja zu sein (vgl. Jes 42, 1; 49, 3. 6; 52, 13), wo
der Inhalt seiner messianischen Sendung im wesentlichen schon enthalten ist: das
Bewußtsein, der Erlöser der Welt zu sein. Maria fügt sich vom ersten
Augenblick ihrer Gottesmutterschaft, ihrer Verbundenheit mit dem Sohn, den »der
Vater in die Welt gesandt hat, damit die Welt durch ihn gerettet wird« (vgl.
Joh 3, 17), in den messianischen Dienst Christi ein.(20) Dieser
Dienst ist es, der das Fundament zu jenem Reich legt, in dem »dienen (...)
herrschen bedeutet«.(21) Christus, der »Knecht des Herrn«, wird allen Menschen
die königliche Würde des Dienens offenbaren, mit der die Berufung jedes Menschen
eng verknüpft ist.
So beginnen wir mit der Betrachtung der Wirklichkeit »Frau - Gottesmutter«
auf sehr passende Weise die vorliegende Meditation des Marianischen Jahres.
Diese Wirklichkeit bestimmt auch den wesentlichen Horizont der
Betrachtung über Würde und Berufung der Frau. Wenn etwas zur Würde und
Berufung der Frau gedacht, gesagt oder getan werden soll, dürfen sich Geist,
Herz und Handeln nicht von diesem Horizont abwenden. Die Würde jedes Menschen
und die ihr entsprechende Berufung finden ihr entscheidendes Maß in der
Verbundenheit mit Gott. Maria - die Frau der Bibel - ist der vollkommenste
Ausdruck dieser Würde und dieser Berufung. Denn jeder Mensch, Mann oder Frau,
kann sich, da nach dem Bild und Gleichnis Gottes geschaffen, in der Tat nur in
der Dimension dieser Ebenbildlichkeit verwirklichen.
III.
ABBILD UND GLEICHNIS GOTTES
Buch der Genesis
6. Wir müssen uns in den Bereich jenes biblischen »Anfangs« begeben, wo die
über den Menschen als »Abbild und Gleichnis Gottes« offenbarte Wahrheit die
unveränderliche Grundlage der gesamten christlichen Anthropologie
darstellt.(22) »Gott schuf also den Menschen als sein Abbild; als Abbild Gottes
schuf er ihn. Als Mann und Frau schuf er sie« (Gen 1, 27). Dieser knappe
Text enthält die anthropologischen Grundwahrheiten: Der Mensch ist die Spitze
der gesamten Schöpfungsordnung in der sichtbaren Welt - das Menschengeschlecht,
das damit seinen Anfang nimmt, daß Mann und Frau ins Dasein gerufen werden, ist
die Krönung des ganzen Schöpfungswerkes - beide, Mann und Frau in gleichem
Grade, sind Menschenwesen, beide nach dem Abbild Gottes geschaffen. Diese
für den Menschen wesentliche Gottebenbildlichkeit geben Mann und Frau als
Eheleute und Eltern an ihre Nachkommen weiter: »Seid fruchtbar und vermehrt
euch, bevölkert die Erde, unterwerft sie euch« (Gen 1, 28). Der Schöpfer
vertraut die »Herrschaft« über die Erde dem Menschengeschlecht an, allen
Menschen, allen Männern und allen Frauen, die aus dem gemeinsamen Anfang ihre
Würde und Berufung schöpfen.
In der Genesis findet sich noch eine andere Darstellung der
Erschaffung des Menschen, von Mann und Frau (vgl. 2, 18-25), auf die wir später
noch eingehen werden. Sogleich gilt es jedoch festzuhalten, daß sich aus der
biblischen Darstellung der personale Charakter des Menschenwesens ergibt.
Der Mensch ist eine Person: das gilt in gleichem Maße für den Mann und für
die Frau; denn beide sind nach dem Bild und Gleichnis des personhaften
Gottes geschaffen. Was den Menschen Gott ähnlich macht, ist die Tatsache, daß -
zum Unterschied von der gesamten Welt der übrigen Lebewesen, einschließlich der
mit Sinnen ausgestatteten (animalia)
- der Mensch auch ein Vernunftwesen (animal rationale) ist.(23) Dank
dieser Eigenschaft können Mann und Frau über die anderen Lebewesen der
sichtbaren Welt »herrschen« (vgl. Gen 1,28).
Im zweiten Bericht von der Erschaffung des Menschen (vgl. Gen
2, 7. 18-25) ist die Sprache, in der die Wahrheit über die Erschaffung des
Mannes und besonders der Frau mitgeteilt wird, anders, in gewissem Sinne weniger
klar und - so könnte man sagen - eher beschreibend und bildhaft: Sie erinnert an
die Sprache der damals bekannten Mythen. Dennoch läßt sich kein wesentlicher
Widerspruch zwischen den beiden Texten feststellen. Der Text von Gen 2,
18-25 ist eine Hilfe, um das in dem dichten Text von
Gen 1, 27-28 Ausgesagte gut zu verstehen, und verhilft zugleich, wenn wir
ihn zusammen mit diesem zweiten Text lesen, zu einem noch tieferen Erfassen
der darin enthaltenen grundlegenden Wahrheit über den Menschen, der
nach dem Bild und Gleichnis Gottes als Mann und Frau geschaffen ist.
In der Darstellung von Gen. 2, 18-25 wird die Frau von Gott »aus der
Rippe« des Mannes geschaffen und als ein anderes »Ich«, als eine Partnerin, dem
Mann an die Seite gestellt, der in der ihn umgebenden Welt der Lebewesen allein
ist und in keinem von ihnen eine ihm entsprechende »Hilfe« findet. Die auf diese
Weise ins Dasein gerufene Frau wird vom Mann sogleich als »Fleisch von seinem
Fleisch und Gebein von seinem Gebein« erkannt (vgl. Gen 2, 23) und eben
deshalb »Frau« genannt. In der Sprache der Bibel weist dieser Name auf die
wesentliche Identität gegenüber dem Mann hin: i* - i**ah, was die
modernen Sprachen im allgemeinen leider nicht ausdrücken können (»Frau -
i**ah -soll sie heißen, denn vom Mann - i* - ist sie genommen«: Gen
2, 23).
Der biblische Text liefert ausreichende Grundlagen, um die wesentliche
Gleichheit von Mann und Frau im Menschsein zu erkennen.(24) Beide sind von
Anfang an Personen, zum Unterschied von den anderen Lebewesen der sie umgebenden
Welt.
Die Frau ist ein anderes »Ich« im gemeinsamen Menschsein.
Von Anfang an erscheinen sie als »Einheit von zweien«, und das bedeutet die
Überwindung der ursprünglichen Einsamkeit, in welcher der Mensch »keine Hilfe
fand, die ihm entsprach« (Gen 2, 20). Handelt es sich hier nur um die
»Hilfe« bei der Arbeit, beim »Unterwerfen der Erde« (vgl. Gen 1, 28)? Mit
Sicherheit handelt es sich um die Lebensgefährtin, mit der sich der Mann als mit
seiner Ehefrau verbinden kann, so daß er »ein Fleisch« mit ihr wird und deshalb
»Vater und Mutter verläßt« (vgl. Gen 2, 24). Die Darstellung der Bibel
spricht also im selben Zusammenhang der Erschaffung des Mannes und der Frau von
der Einsetzung der Ehe durch Gott als unerläßlicher Voraussetzung für die
Weitergabe des Lebens an die neuen (Generationen der Menschen, zu der Ehe und
eheliche Liebe ihrer Natur nach bestimmt sind: »Seid fruchtbar und vermehrt
euch, bevölkert die Erde, unterwerft sie euch«
(Gen 1, 28).
Person - Gemeinschaft - Hingabe
7. Wenn wir die Darstellung von Gen 2, 18-25 als ganze bedenken und im
Licht der Wahrheit über die Gottebenbildlichkeit und Gottähnlichkeit des
Menschen (vgl. Gen 1, 26-27) auslegen, sind wir in der Lage, nochvollständiger
zu begreifen, worin das Personsein des Menschen besteht, durch das beide -
der Mann und die Frau - Gott ähnlich sind. Jeder einzelne Mensch ist nämlich das
Abbild Gottes, insofern er ein vernunftbegabtes und freies Geschöpf ist und in
der Lage, diesen zu erkennen und zu lieben. Wir lesen dort ferner, daß der
Mensch »allein« nicht existieren kann (vgl. Gen 2, 18); er kann nur als
»Einheit von zweien«, in Beziehung also zu einer anderen menschlichen Person,
existieren. Es handelt sich hier um eine gegenseitige Beziehung: des Mannes
zur Frau und der Frau zum Mann. Personsein nach dem Abbild Gottes bedeutet also
auch Existenz in Beziehung, in Beziehung zum anderen »Ich«. Das läßt uns die
endgültige Selbstoffenbarung des dreieinigen Gottes vorausahnen: lebendige
Einheit in der Gemeinschaft von Vater, Sohn und Heiligem Geist.
Am Anfang der Bibel wird dies noch nicht direkt ausgesprochen. Das ganze Alte
Testament ist ja vor allem die Offenbarung der Wahrheit über die Einzigkeit und
Einheit Gottes. In diese grundlegende Wahrheit über Gott wird das Neue Testament
die Offenbarung des unerforschlichen Geheimnisses vom inneren Leben Gottes
einführen. Gott, der sich den Menschen durch Christus zu erkennen gibt,
ist Einheit in Dreifaltigkeit: Einheit in Gemeinschaft. Damit fällt auch
neues Licht auf jenes Abbild und Gleichnis Gottes im Menschen, von dem das
Buch Genesis spricht. Daß der als Mann und Frau geschaffene Mensch Gottes
Abbild ist, bedeutet nicht nur, daß jeder von ihnen einzeln als vernunftbegabtes
und freies Wesen Gott ähnlich ist. Es bedeutet auch, daß Mann und Frau, als
»Einheit von zweien« im gemeinsamen Menschsein geschaffen, dazu berufen sind,
eine Gemeinschaft der Liebe zu leben und so in der Welt jene Liebesgemeinschaft
widerzuspiegeln, die in Gott besteht und durch die sich die drei göttlichen
Personen im innigen Geheimnis des einen göttlichen Lebens lieben. Der Vater, der
Sohn und der Heilige Geist, ein einziger Gott durch die Einheit des göttlichen
Wesens, existieren als Personen durch die unergründlichen göttlichen
Beziehungen. Nur auf diese Weise wird die Wahrheit begreifbar, daß Gott in sich
selbst Liebe ist (vgl. 1 Joh 4, 16).
Das Abbild und Gleichnis Gottes in dem als Mann und Frau geschaffenen
Menschen (in der Analogie, wie man sie zwischen Schöpfer und Geschöpf annehmen
darf) besagt also auch »Einheit der zwei« im gemeinsamen Menschsein. Diese
»Einheit der zwei«, ein Zeichen der Gemeinschaft von Personen, weist darauf
hin, daß zur Erschaffung des Menschen auch eine gewisse Ähnlichkeit mit der
göttlichen Gemeinschaft (»communio«) gehört. Diese Ähnlichkeit ist dort
enthalten als Eigenschaft des personhaften Seins beider, des Mannes und der
Frau, und zugleich als Berufung und Aufgabe. Im Bild und Gleichnis Gottes,
welches das Menschengeschlecht seit dem »Anfang« in sich trägt, ist das gesamte
»Ethos« des Menschen begründet: Altes und Neues Testament werden dieses »Ethos«
entfalten, dessen Gipfel das Liebesgebot
darstellt.(25)
In der »Einheit der zwei« sind Mann und Frau von Anfang an gerufen, nicht nur
»nebeneinander« oder »miteinander« zu existieren, sondern sie sind auch dazu
berufen, gegenseitig »füreinander«
dazusein.
So erklärt sich auch die Bedeutung jener »Hilfe«, von der in
Gen 2, 18-25 die Rede ist: »Ich will ihm eine Hilfe machen, die ihm
entspricht«. Im biblischen Zusammenhang dürfen wir das auch in dem Sinne
verstehen, daß die Frau dem Mann und dieser ihr vor allem deshalb »helfen«
sollen, weil sie »menschliche Personen« sind: Das läßt ihn und sie gewissermaßen
immer wieder von neuem den vollständigen Sinn des eigenen Menschseins entdecken
und bestätigen. Es ist leicht erkennbar, daß es sich - auf dieser fundamentalen
Ebene - um
eine »Hilfe« beider Seiten und zugleich um eine gegenseitige »Hilfe«
handelt . Menschsein bedeutet Berufensein zur interpersonalen Gemeinschaft.
Der Text von Gen 2, 18-25 weist darauf hin, daß die Ehe die erste und
gewissermaßen grundlegende Dimension dieser Berufung ist. Allerdings nicht die
einzige. Die gesamte Geschichte des Menschen auf Erden vollzieht sich im Rahmen
dieser Berufung. Auf Grund des Prinzips, daß in der interpersonalen
»Gemeinschaft« einer »für« den anderen da ist, entwickelt sich in dieser
Geschichte die Integration dessen, was »männlich« und was »weiblich« ist,
in das von Gott gewollte Menschsein. Die Texte der Bibel, angefangen bei der
Genesis, lassen uns ständig den Grund wiederentdecken, in dem die Wahrheit
über den Menschen ihre Wurzeln hat, den festen und unzerstörbaren Grund inmitten
so vieler Veränderungen der Existenz des Menschen.
Diese Wahrheit betrifft auch die Heilsgeschichte. Dazu eine besonders
deutliche Aussage des II. Vatikanischen Konzils. Im Kapitel über die
»menschliche Gemeinschaft« der Pastoralkonstitution Gaudium et Spes lesen
wir: »Wenn der Herr Jesus zum Vater betet, "daß alle eins seien ... wie auch wir
eins sind" (Joh 17, 20-22), und damit Horizonte aufreißt, die der
menschlichen Vernunft unerreichbar sind, legt er eine gewisse Ähnlichkeit
nahe zwischen der Einheit der göttlichen Personen und der Einheit der Kinder
Gottes in der Wahrheit und der Liebe. Dieser Vergleich macht offenbar, daß der
Mensch, der auf Erden die einzige von Gott um ihrer selbst willen gewollte
Kreatur ist, sich selbst nur durch die aufrichtige Hingabe seiner selbst
vollkommen finden kann«.(26)
Mit diesen Worten stellt der Konzilstext in zusammenfassender Form die
Wahrheit über Mann und Frau - eine Wahrheit, die sich schon in den ersten
Kapiteln der Genesis abzeichnet - insgesamt als die tragende Struktur der
biblischen und christlichen Anthropologie dar. Der Mensch - sowohl der
Mann wie die Frau - ist unter den Kreaturen der sichtbaren Welt
die einzige, die der Schöpfergott »um ihrer selbst willen gewollt hat«;
er ist also eine Person. Personsein bedeutet: nach der Selbstverwirklichung (der
Konzilstext spricht von »Selbstfindung«) streben, die nur »durch eine
aufrichtige Hingabe seiner selbst« zustandekommen kann. Vorbild für eine
solche Deutung der Person ist Gott selbst als Dreifaltigkeit, als Gemeinschaft
von Personen. Die Aussage, der Mensch sei nach dem Bild und Gleichnis dieses
Gottes geschaffen, bedeutet auch, daß der Mensch dazu berufen ist, »für« andere
dazusein, zu einer »Gabe« zu werden.
Diese Berufung gilt für jeden Menschen, ob Mann oder Frau, die sie wohl in
ihrer je besonderen Eigenart verwirklichen. Im Rahmen der vorliegenden
Meditation über die Würde und Berufung der Frau stellt diese Wahrheit vom
Menschen den unerläßlichen Ausgangspunkt dar. Schon das
Buch Genesis läßt, gleichsam in einem ersten Entwurf, diesen bräutlichen
Charakter der Beziehung zwischen den Personen erkennen, eine Grundlage, auf der
sich dann ihrerseits die Wahrheit über die Mutterschaft sowie über die
Jungfräulichkeit als zwei einzelne Dimensionen der Berufung der Frau im Licht
der göttlichen Offenbarung entwickeln wird. Diese zwei Dimensionen werden ihren
erhabensten Ausdruck beim Kommen der »Fülle der Zeit« (vgl. Gal 4, 4) in
der Gestalt der »Frau« aus Nazaret finden: Mutter und Jungfrau.
Anthropomorphe Sprache der Bibel
8. Die Vorstellung des Menschen als »Abbild und Gleichnis Gottes« sofort zu
Beginn der Heiligen Schrift hat noch eine andere Bedeutung.
Diese Tatsache ist der Schlüssel zum Verständnis der biblischen Offenbarung als
Selbstmitteilung Gottes. Wenn Gott von sich spricht - sei es »durch die
Propheten«, sei es »durch den Sohn« (vgl. Hebr 1, 1. 2), der Mensch
geworden ist -, spricht er in menschlicher Sprache,
gebraucht er menschliche Begriffe und Bilder. Wenn diese Ausdruckweise von einem
gewissen Anthropomorphismus gekennzeichnet ist, hat das seinen Grund darin, daß
der Mensch Gott »ähnlich« ist: geschaffen nach seinem Bild und Gleichnis. Dann
ist auch Gott in gewissem Maße »dem Menschen ähnlich« und kann eben auf
Grund dieser Ähnlichkeit von den Menschen erkannt werden. Zugleich aber ist die
Sprache der Bibel klar genug, um die Grenzen dieser »Ähnlichkeit«, die Grenzen
der »Analogie« anzuzeigen. Tatsächlich sagt die biblische Offenbarung, daß zwar
die »Ähnlichkeit« des Menschen mit Gott, aber noch wesentlicher die
»Nicht-Ähnlichkeit«
zutrifft, welche die ganze Schöpfung vom Schöpfer trennt.(27) Für den nach
dem Bild Gottes geschaffenen Menschen hört ja Gott schließlich nicht auf,
derjenige zu sein, »der in unzugänglichem Licht wohnt« (1 Tim 6, 16): Er
ist der wesenhaft »Verschiedene«, der »ganz Andere«.
Diese Feststellung über die Grenzen der Analogie - Grenzen der
Gottähnlichkeit des Menschen in der Sprache der Bibel - müssen wir auch vor
Augen haben, wenn wir in verschiedenen Abschnitten der Heiligen Schrift
(besonders im Alten Testament) Vergleiche finden, die Gott »männliche«
oder »weibliche« Eigenschaften zuschreiben. Wir finden in solchenVergleichen
die indirekte Bestätigung der Wahrheit, daß beide, sowohl der Mann wie die Frau,
nach dem Bild und Gleichnis Gottes geschaffen sind. Wenn es Ähnlichkeit zwischen
Schöpfer und Geschöpfen gibt, ist verständlich, daß die Bibel, was ihn betrifft,
Formulierungen gebraucht, die ihm sowohl »männliche« als auch »weibliche«
Eigenschaften zuschreiben.
Wir führen hier einige charakteristische Abschnitte aus dem Buch des
Propheten Jesaja an: »Doch Zion sagt: Der Herr hat mich vergessen.
Kann denn eine Frau ihr Kind vergessen, eine Mutter ihren eigenen Sohn?
Und selbst wenn sie ihr Kind vergessen würde: Ich vergesse dich nicht« (49,
14-15). Und an einer anderen Stelle: »Wie eine Mutter ihren Sohn tröstet,
so tröste ich euch; in Jerusalem findet ihr Trost« (Jes 66, 13). Auch in
den Psalmen wird Gott mit einer fürsorglichen Mutter verglichen: »Ich
ließ meine Seele ruhig werden und still; wie ein kleines Kind bei der Mutter ist
meine Seele still in mir. Israel, harre auf den Herrn« (Ps 131, 2-3). An
verschiedenen Stellen wird Gottes Liebe und Sorge für sein Volk mit denen einer
Mutter verglichen: Wie eine Mutter hat Gott die Menschheit und
insbesondere sein auserwähltes Volk in seinem Schoß »getragen«; er hat es unter
Schmerzen geboren; er hat es genährt und getröstet (vgl. Jes 42, 14; 46,
3-4; Jer 31, 20). Die Liebe Gottes wird an vielen Stellen als »männliche«
Liebe eines Gatten und Vaters (vgl. Hos 11, 1-4; Jer 3, 4-19),
zuweilen aber auch als »frauliche« Liebe einer Mutter dargestellt.
Dieses Merkmal der biblischen Sprache, ihre anthropomorphe Redeweise von
Gott, ist auch ein indirekter Hinweis auf das Geheimnis des ewigen »Zeugens«,
das zum inneren Leben Gottes gehört. Dieses »Zeugen« an sich besitzt
allerdings weder »männliche« noch »weibliche« Eigenschaften. Es ist ganz und gar
göttlicher Natur. Es ist in vollkommenster Weise ein geistiges Zeugen - denn
»Gott ist Geist« (Joh
4, 24) - und besitzt keine, weder »weibliche« noch »männliche«, leibgebundene
Eigenschaft. Darum ist auch die »Vaterschaft« in Gott ganz göttlicher Art,
frei von den »männlichen« Körpermerkmalen, die für die menschliche Vaterschaft
typisch sind. In diesem Sinne sprach das Alte Testament von Gott als einem Vater
und wandte sich an ihn als einen Vater. Jesus Christus, der sich als Gottes
eingeborener und wesensgleicher Sohn mit dem Anruf: »Abba-Vater« (Mk 14,
36) an diesen wenden wird und der diese Wahrheit als Norm christlichen Betens in
den Mittelpunkt seiner Frohen Botschaft gestellt hat, wies auf die Vaterschaft
in diesem überleiblichen, übermenschlichen, ganz und gar göttlichen Sinn hin. Er
sprach als Sohn, der durch das ewige Mysterium der göttlichen Zeugung mit dem
Vater verbunden ist, und er tat das, während er zugleich der wahrhaft
menschliche Sohn seiner jungfräulichen Mutter war.
Auch wenn der ewigen Zeugung des Wortes Gottes keine menschlichen
Eigenschaften zugeschrieben werden können und die göttliche Vaterschaft keine
»männlichen« Merkmale im leiblichen Sinne aufweist, muß man doch in Gott das
absolute Vorbild jeder »Zeugung«
in der Welt der Menschen suchen. In diesem Sinne, so scheint es, lesen wir
im Epheserbrief: »Daher beuge ich meine Knie vor dem Vater, nach dessen
Namen jedes Geschlecht im Himmel und auf der Erde benannt wird« (3, 14-15). Jede
»Zeugung« im kreatürlichen Bereich findet ihr erstes Vorbild in jener vollkommen
göttlichen, das heißt geistigen, Zeugung in Gott. Diesem absoluten, nicht
geschaffenen Vorbild wird jede »Zeugung« in der geschaffenen Welt ähnlich. Daher
trägt alles, was bei der menschlichen Zeugung in typischer Weise zum Manne
gehört, wie auch alles, was typischer Anteil der Frau ist, das heißt die
menschliche »Vaterschaft« und »Mutterschaft«, in sich eine Ähnlichkeit oder
Analogie mit dem göttlichen »Zeugen« und mit der »Vaterschaft«, die in Gott
»ganz anders« ist: vollkommen geistig und ihrem Wesen nach göttlich. In der
menschlichen Ordnung dagegen gehört das Zeugen zur »Einheit der zwei«. Beide,
der Mann wie die Frau, sind Eltern (»Erzeuger«).
IV.
EVA - MARIA
Der »Anfang« und die Sünde
9. »Obwohl in Gerechtigkeit von Gott begründet, hat der Mensch unter dem
Einfluß des Bösen gleich von Anfang der Geschichte an durch Auflehnung gegen
Gott und den Willen, sein Ziel außerhalb Gottes zu erreichen, seine Freiheit
mißbraucht«.(28) Mit diesen Worten erinnert das letzte Konzil an die über die
Sünde und im besonderen über jene erste Sünde, die »Ursünde«, offenbarte Lehre.
Der biblische »Anfang« - die Erschaffung der Welt und des Menschen in der Welt -
enthält auch die Wahrheit über diese Sünde, die auch die Sünde vom
»Anfang« des Menschen auf Erden genannt werden kann. Auch wenn das, was im
Buch Genesis geschrieben steht, die Form einer symbolhaften Erzählung hat,
wie die Darstellung der Erschaffung des Menschen als Mann und Frau (vgl. Gen
2, 18-25), so enthüllt es darin doch, was man »das Geheimnis der Sünde« und noch
vollständiger »das Geheimnis des Bösen« in der von Gott geschaffenen Welt nennen
muß.
Ohne Bezugnahme auf die ganze Wahrheit von der »Gottebenbildlichkeit« des
Menschen, die der biblischen Anthropologie zugrunde liegt, kann man »das
Geheimnis der Sünde« unmöglich verstehen. Diese Wahrheit zeigt die Erschaffung
des Menschen als ein besonderes Geschenk des Schöpfers, in dem nicht nur Grund
und Quelle der wesenhaften Würde des Menschen - von Mann und Frau - in der
geschaffenen Welt, sondern auch der Anfang der Berufung beider, am inneren
Leben Gottes selbst teilzuhaben, enthalten sind. Im Lichte der Offenbarung
bedeutet Schöpfung zugleich Anfang der Heilsgeschichte. Gerade in diesen
Anfang drängt sich die Sünde ein und tritt dort als Gegensatz und Verneinung
auf.
Man kann also paradoxerweise sagen: Die in Gen 3 dargestellte Sünde
ist die Bestätigung der Wahrheit über das Abbild und Gleichnis Gottes im
Menschen, wenn diese Wahrheit die Freiheit, das heißt den freien Willen
bedeutet, von dem der Mensch Gebrauch machen kann, indem er sich für das Gute
entscheidet, den er aber auch mißbrauchen kann, indem er sich gegen den Willen
Gottes für das Böse entscheidet. In ihrer eigentlichen Bedeutung ist Sünde
jedoch die Verneinung dessen, was Gott - als Schöpfer - in Beziehung zum
Menschen ist und was Gott von Anfang an und für alle Zeiten für den Menschen
will. Durch die Erschaffung von Mann und Frau nach seinem eigenen Bild und
Gleichnis will Gott für sie die Fülle des Guten, das heißt die übernatürliche
Glückseligkeit, die aus der Teilhabe an seinem Leben erwächst. Dadurch daß
der Mensch sündigt, weist er dieses Geschenk zurück und will zugleich werden
»wie Gott und Gut und Böse erkennen« (Gen 3, 5), das heißt, er will
unabhängig von Gott, seinem Schöpfer, über Gut und Böse entscheiden. Die Sünde
des Anfanges hat also ihr menschliches »Maß«, ihre innere Weise im freien Willen
des Menschen, und zugleich hat sie etwas »Diabolisches« an sich,(29) wie in
Gen 3, 1-5 deutlich hervorgehoben wird. Die Sünde bewirkt das Zerbrechen der
ursprünglichen Einheit, deren sich der Mensch im Stand der anfänglichen
Gerechtigkeit erfreute: die Verbundenheit mit Gott als Quelle der Einheit
innerhalb des eigenen »Ichs«, in der gegenseitigen Beziehung zwischen Mann und
Frau (»communio personarum«)
und schließlich gegenüber der Außenwelt, der Natur.
Die biblische Darstellung des Sündenfalls in Gen 3 nimmt gewissermaßen
eine Verteilung der »Rollen« vor, die der Mann und die Frau dabei hatten. Darauf
wird später noch die eine oder andere Bibelstelle Bezug nehmen, wie zum Beispiel
der Brief des Paulus an Timotheus:
»Zuerst wurde Adam erschaffen, danach Eva. Und nicht Adam wurde verführt,
sondern die Frau ließ sich verführen« (1 Tim 13-14). Es besteht jedoch
kein Zweifel, daß unabhängig von dieser »Rollenverteilung« im biblischen Bericht
jene erste Sünde die Sünde des Menschen ist,
der von Gott als Mann und Frau erschaffen wurde. Sie ist auch die Sünde
der »Voreltern«, womit ihr Erbcharakter verbunden ist. In diesem Sinne
nennen wir sie »Erbsünde«.
Diese Sünde kann, wie schon gesagt, ohne Bezug auf das Geheimnis
der Erschaffung des Menschen - als Mann und Frau - nach dem Ebenbild
Gottes nicht richtig verstanden werden. Dieser Bezug macht auch das
Geheimnis jener »Nicht-Ähnlichkeit« mit Gott begreiflich, die in der Sünde
gegeben ist und sich in dem in der Geschichte der Welt vorhandenen Bösen äußert:
jene »Nicht-Ähnlichkeit« mit Gott, der »allein 'der Gute' ist« (vgl. Mt
19, 17) und die Fülle des Guten. Wenn diese »Nicht-Ähnlichkeit« der Sünde mit
Gott, der die Heiligkeit selber ist, die »Ähnlichkeit« auf dem Gebiet der
Freiheit, des freien Willens, voraussetzt, dann kann man sagen, daß gerade aus
diesem Grund die in der Sünde enthaltene »Nicht-Ähnlichkeit«
um so dramatischer und schmerzlicher ist. Man muß auch zugeben, daß hierbei
Gott als Schöpfer und Vater getroffen und »beleidigt« wird, ja ganz
offensichtlich beleidigt im innersten Grunde jener schenkenden Hingabe, die zum
ewigen Plan Gottes für den Menschen gehört.
Gleichzeitig wird jedoch auch der Mensch - Mann und Frau - vom Übel der
Sünde, deren Urheber er ist, getroffen. Der biblische Text von Gen
3 zeigt das mit den Worten, die die neue Lage des Menschen in der geschaffenen
Welt klar beschreiben. Er zeigt vorausschauend die »Mühsal«, mit der sich der
Mensch um seinen Lebensunterhalt kümmern wird (vgl. Gen
3, 17-19), und er spricht von den großen »Schmerzen«, unter denen die Frau
ihre Kinder gebären wird (vgl. Gen 3, 16). Das alles ist schließlich
gezeichnet von der Notwendigkeit des Todes, der das Ende des menschlichen Lebens
auf Erden darstellt. So wird der Mensch als Staub »zurückkehren zum Ackerboden,
von dem er ja genommen ist«: »Denn Staub bist du, zum Staub mußt du zurück«
(vgl. Gen 3, 19).
Diese Worte bestätigen sich von Generation zu Generation. Sie bedeuten nicht,
daß das Bild und Gleichnis Gottes im Menschen, im Mann wie in der Frau,
von der Sünde zerstört worden ist; sie bedeuten jedoch, daß es »getrübt«(30)
und in gewissem Sinne »gemindert« ist. In der Tat »mindert« die Sünde den
Menschen, wie auch das II. Vatikanische Konzil sagt.(31) Wenn der Mensch schon
durch seine Natur als Person das Ebenbild Gottes ist, dann verwirklichen sich
seine Größe und Würde eben im Bund mit Gott, in der Verbundenheit mit ihm, im
Streben nach jener fundamentalen Einheit, die zur inneren »Logik« des
Geheimnisses der Schöpfung gehört. Diese Einheit entspricht der tiefen Wahrheit
aller mit Verstand ausgestatteten Geschöpfe und insbesondere des Menschen, der
von Anfang an durch die ewige Erwählung von seiten Gottes in Christus über alle
Geschöpfe der sichtbaren Welt erhoben
wurde: »In Christus hat er uns erwählt vor der Erschaffung der Welt (...); er
hat uns aus Liebe im voraus dazu bestimmt, seine Söhne zu werden durch Jesus
Christus und nach seinem gnädigen Willen zu ihm zu gelangen« (vgl. Eph 1,
4-6). Auf Grund der biblischen Lehre insgesamt dürfen wir sagen, daß diese
Vorherbestimmung alle menschlichen Personen, Männer und Frauen, ausnahmslos
jeden einzelnen und jede einzelne, betrifft.
»Er wird über dich herrschen«
10. Die biblische Darstellung im Buch Genesis umreißt die Wahrheit
über die Folgen der Sünde des Menschen, so wie sie außerdem auf die Störung
jener ursprünglichen Beziehung zwischen Mann und Frau hinweist, die der
Würde jedes von ihnen als Person entspricht. Der Mensch, sowohl der Mann wie die
Frau, ist eine Person und daher »die einzige von Gott um ihrer selbst willen
gewollte Kreatur auf Erden«; und zugleich kann eben diese einzige und
unwiederholbare Kreatur »sich selbst nur durch die aufrichtige Hingabe ihrer
selbst vollkommen finden«.(32) Hier nimmt die Gemeinschaftsbeziehung ihren
Anfang, in der die »Einheit von zweien« und die Würde des Mannes wie der Frau
als Person Ausdruck finden. Wenn wir daher in der biblischen Darstellung die an
die Frau gerichteten Worte lesen: »Dennoch verlangt dich nach dem Mann, doch
er wird über dich herrschen« (Gen 3, 16), entdecken wir darin einen Bruch
und eine ständige Bedrohung eben dieser »Einheit der zwei«, die der Würde des
Ebenbildes Gottes in beiden entspricht. Diese Bedrohung erweist sich jedoch als
schwerwiegender für die Frau. Denn an die Stelle einer aufrichtigen Hingabe und
daher eines Lebens »für« den anderen tritt das Beherrschen: »Er wird über dich
herrschen«. Dieses »Herrschen« zeigt die Störung und Schwächung jener
grundlegenden Gleichheit an, die Mann und Frau in der »Einheit der zwei«
besitzen: Und das gereicht vor allem der Frau zum Nachteil, während nur die
Gleichheit, die sich aus der Würde der beiden als Personen ergibt, den
gegenseitigen Beziehungen den Charakter einer echten »communio personarum«
(Personengemeinschaft) zu geben vermag. Wenn die Verletzung dieser Gleichheit,
die ein vom Schöpfergott selber stammendes Geschenk und Recht ist, sich zum
Nachteil der Frau auswirkt, mindert sie gleichzeitig aber auch die wahre Würde
des Mannes. Wir rühren hier an einen äußerst empfindlichen Punkt im Bereich
jenes »Ethos«, das der Schöpfer schon von Anfang an mit der Tatsache
verbunden hatte, daß er beide nach seinem Bild und Gleichnis erschaffen hat.
Die in Gen 3, 16 gemachte Aussage ist von großer Bedeutung und
Tragweite. Sie schließt einen Hinweis auf die gegenseitige Beziehung zwischen
Mann und Frau in der Ehe ein. Es handelt sich hier um das im Bereich
bräutlicher Liebe entstandene Verlangen, die bewirkt, daß »die aufrichtige
Hingabe« von seiten der Frau in einer ähnlichen »Hingabe« von seiten des Gatten
Antwort und Vervollständigung findet. Nur auf Grund dieses Prinzips können alle
beide und besonders die Frau sich als wahre »Einheit von zweien«, der Würde der
Person entsprechend, »selbst finden«. Die eheliche Vereinigung verlangt die
Achtung und die Vervollkommnung des echten personalen Subjektseins beider.
Die Frau darf nicht zum »Objekt« männlicher »Herrschaft« und »Besitzes« werden.
Die Worte des Bibeltextes betreffen aber direkt die Erbsünde und ihre im Mann
und in der Frau fortdauernden Auswirkungen. Sie sind von der erblichen
Sündhaftigkeit belastet und tragen den ständigen »Sündenkeim« in sich,
das heißt die Neigung zur Verletzung jener sittlichen Ordnung, die der
Vernunftnatur und moralischen Würde des Menschen als Person entspricht. Diese
Neigung kommt in der dreifachen Begierde zum Ausdruck, die der
apostolische Text als Begierde der Augen, Begierde des Fleisches und Prahlen mit
dem Besitz angibt (vgl. 1 Joh 2, 16). Die vorhin angeführten Worte der
Genesis (3, 16) machen deutlich, auf welche Weise diese dreifache Begierde
als »Sündenkeim« das gegenseitige Verhältnis von Mann und Frau belasten wird.
Die Worte der Genesis beziehen sich direkt auf die Ehe; indirekt aber
berühren sie die verschiedenen Bereiche des sozialen Zusammenlebens:
Situationen, wo die Frau deshalb benachteiligt oder diskriminiert wird, weil sie
Frau ist. Die offenbarte Wahrheit über die Erschaffung des Menschen als Mann und
Frau stellt das Hauptargument gegen alle Zustände dar, die schon rein objektiv
schädlich, das heißt ungerecht sind und dabei das Erbe der Sünde enthalten und
zum Ausdruck bringen, das alle Menschen in sich tragen. Die Bücher der Heiligen
Schrift bestätigen an verschiedenen Stellen das tatsächliche Vorhandensein
solcher Zustände und verkünden zugleich die Notwendigkeit umzukehren, das
heißt, sich vom Bösen zu reinigen und von der Sünde zu befreien: von dem, was
den anderen beleidigt, was den Menschen »mindert« und herabsetzt, und nicht nur
den, dem die Beleidigung zugefügt wird, sondern auch den, der sie zufügt. Das
ist die unveränderliche Botschaft des von Gott geoffenbarten Wortes. Darin kommt
das biblische »Ethos« mit ganzer Radikalität zum Ausdruck.(33)
In unserer Zeit hat die Frage der »Rechte der Frau« im weiten Rahmen der
Rechte der menschlichen Person eine neue Bedeutung erlangt. Indemdie
Botschaft der Bibel und des Evangeliums dieses Programm, das ständig durch
Erklärungen verschiedenster Art in Erinnerung gehalten wird, erhellt,
bewahrt sie die Wahrheit über die »Einheit der zwei«, das heißt über jene
Würde und Berufung, die sich aus der spezifischen Verschiedenheit und personalen
Eigenart von Mann und Frau ergeben. Daher darf auch der berechtigte Widerstand
der Frau gegen die Aussage der biblischen Worte: »Er wird über dich herrschen« (Gen
3, 16), unter keinen Umständen zur »Vermännlichung« der Frauen führen. Die Frau
darf nicht - in Namen der Befreiung von der »Herrschaft« des Mannes - danach
trachten, sich entgegen ihrer fraulichen »Eigenart« die typisch männlichen
Merkmale anzueignen. Es besteht die begründete Furcht, daß sich auf einem
solchen Weg die Frau nicht »verwirklichen« wird, sondern vielmehr das
entstellen und einbüßen könnte,
was ihren wesentlichen Reichtum ausmacht. Es handelt sich um einen
außerordentlichen Reichtum. Im biblischen Schöpfungsbericht ist der Ausruf des
ersten Menschen beim Anblick der soeben geschaffenen Frau ein Ausruf der
Bewunderung und Verzauberung, wie er die ganze Geschichte des Menschen auf Erden
durchzieht.
Die persönlichen Möglichkeiten des Frauseins sind gewiß nicht geringer als
die Möglichkeiten des Mannseins; sie sind nur anders. Die Frau muß also - wie
übrigens auch der Mann - ihre »Verwirklichung« als Person, ihre Würde und
Berufung auf der Grundlage dieser Möglichkeiten anstreben, entsprechend dem
Reichtum des Frauseins, das sie am Tag der Erschaffung empfangen und als den ihr
eigenen Ausdruck des »Bildes Gottes« ererbt hat. Nur auf diese Weise kann auch
jene Erbschaft der Sünde überwunden werden, die von den Worten der Bibel
angedeutet wird: »Dennoch verlangt dich nach dem Mann, doch er wird über dich
herrschen«. Die Überwindung dieses schlimmen Erbes ist von Generation zu
Generation Aufgabe jedes Menschen, sowohl der Frau wie des Mannes. In der Tat
handelt der Mann in allen Fällen, in denen er für die Verletzung der
persönlichen Würde und Berufung der Frau verantwortlich ist, auch gegen die
eigene persönliche Würde und Berufung.
Protoevangelium
11. Das Buch Genesis gibt Zeugnis von der Sünde, die das Böse des
menschlichen Anfangs ist, und von ihren Folgen, die seither die ganze Menschheit
belasten, und enthält zugleich die erste Verkündigung des Sieges über das
Böse, über die Sünde. Das beweisen die Worte von Gen 3, 15, die
gewöhnlich als »Protoevangelium«
bezeichnet werden: »Feindschaft stifte ich zwischen dir und der Frau,
zwischen deinem Nachwuchs und ihrem Nachwuchs. Er trifft dich am Kopf, und du
triffst ihn an der Ferse«. Von Bedeutung ist, daß die in diesen Worten
enthaltene Ankündigung des Erlösers, des Retters der Welt, die »Frau« betrifft.
Sie wird im Protoevangelium an erster Stelle als Stammutter dessen genannt, der
der Erlöser des Menschen sein wird.(34) Und wenn sich die Erlösung durch den
Kampf gegen das Böse, durch die »Feindschaft« zwischen der Nachkommenschaft der
Frau und der Nachkommenschaft dessen vollziehen soll, der als »Vater der Lüge« (Joh
8, 44) der erste Urheber der Sünde in der Menschheitsgeschichte ist, wird diese
auch die Feindschaft zwischen ihm und der Frau sein.
In diesen Worten eröffnet sich der Ausblick auf die gesamte Offenbarung,
zunächst als Vorbereitung auf das Evangelium und sodann als Evangelium selbst.
In diesem Ausblick verbinden sich unter dem Namen der Frau die beiden
weiblichen Gestalten: Eva und Maria.
Im Licht des Neuen Testaments gelesen, bringen die Worte des Protoevangeliums
in angemessener Weise die Sendung der Frau in dem heilbringenden Kampf des
Erlösers gegen den Urheber des Bösen in der Geschichte des Menschen zum
Ausdruck.
Die Gegenüberstellung Eva - Maria kehrt in der Betrachtung über das in der
göttlichen Offenbarung empfangene Glaubensgut immer wieder und ist eines der
Themen, die von den Vätern, den kirchlichen Schriftstellern und den Theologen
häufig aufgegriffen wurden.(35) Für gewöhnlich meinen wir auf den ersten Blick
in diesem Vergleich einen Unterschied oder gar Gegensatz zu erkennen. Eva
ist als »Mutter aller Lebendigen«
(Gen 3, 20) Zeugin des biblischen »Anfangs«, in dem die Wahrheit
über die Erschaffung des Menschen nach dem Bild und Gleichnis Gottes und die
Wahrheit über die Erbsünde enthalten sind. Maria
ist Zeugin des neuen »Anfangs« und der »neuen Schöpfung« (vgl. 2
Kor 5, 17). Ja, sie selbst ist, als die Ersterlöste in der Heilsgeschichte,
»eine neue Kreatur«: Sie ist die »Begnadete«. Es ist kaum zu verstehen, warum
die Worte des Protoevangeliums die »Frau« so nachdrücklich hervorheben, wenn man
nicht zugibt, daß in ihr der neue und endgültige Bund Gottes mit der
Menschheit, der Bund im erlösenden Blut Christi, seinen Anfang hat.
Er beginnt mit einer Frau, der »Frau«, bei der Verkündigung in Nazaret. Das ist
das absolut Neue des Evangeliums: Verschiedene Male hatte sich Gott im Alten
Testament an Frauen gewandt, wie zum Beispiel an die Mutter des Samuel und des
Samson, um in die Geschichte seines Volkes einzugreifen; um aber seinen Bund mit
der Menschheit zu schließen, hatte er sich nur an Männer gewandt: Noach,
Abraham... Am Anfang des Neuen Bundes, der ewig und unwiderruflich sein soll,
steht die Frau: die Jungfrau aus Nazaret. Es handelt sich um ein deutliches
Zeichen dafür, daß es »in Jesus Christus« »nicht mehr Mann und Frau gibt«
(Gal 3, 28). In ihm wird der wechselseitige Gegensatz zwischen Mann und Frau
- als Erbe der Ursünde - im wesentlichen überwunden. »Denn ihr alle seid
einer in Christus Jesus«, wird der Apostel schreiben (Gal 3, 28).
Diese Worte handeln von jener ursprünglichen »Einheit der zwei«, die
zusammenhängt mit der Erschaffung des Menschen, als Mann und Frau, nach dem Bild
und Gleichnis Gottes, nach dem Vorbild jener vollkommenen Personengemeinschaft,
die Gott selber ist. Die Worte des Paulus stellen fest, daß das Geheimnis von
der Erlösung des Menschen in Jesus Christus, dem Sohn Marias, das wieder
aufgreift und erneuert, was im Schöpfungsgeheimnis dem ewigen Plan des Schöpfers
entsprach. Es heißt ja gerade deshalb am Tag der Erschaffung des Menschen als
Mann und Frau: »Gott sah, daß alles, was er gemacht hatte, sehr gut war« (Gen
1, 31). Die Erlösung stellt nun gewissermaßen das Gute, das durch
die Sünde und ihr Erbe in der Geschichte des Menschen wesentlich »gemindert«
worden ist, an seiner Wurzel selbst wieder her.
Die »Frau« des Protoevangeliums ist einbezogen in die Perspektive der
Erlösung. Die Gegenüberstellung Eva - Maria läßt sich auch in dem Sinne
verstehen, daß Maria das Geheimnis der »Frau«, dessen Anfang Eva, »die Mutter
aller Lebendigen« (Gen 3, 20),ist, in sich aufnimmt und umfängt: Sie
nimmt es vor allem auf und umfängt es im Geheimnis Christi - »des neuen und
letzten Adam« (vgl. 1 Kor
15, 45) -, der in seiner Person die Natur des ersten Adam aufgenommen hat.
Das Wesen des Neuen Bundes besteht darin, daß der Sohn Gottes der wesensgleich
ist mit dem ewigen Vater, Mensch wird: Er nimmt die Menschennatur in die Einheit
der göttlichen Person des Wortes auf. Der die Erlösung vollbringt, ist zugleich
wahrer Mensch. Das Geheimnis von der Erlösung der Welt setzt voraus, daß
Gott-Sohn das Menschsein als das Erbe Adams angenommen hat, indem er ihm und
jedem Menschen in allem gleich geworden ist »außer der Sünde« (vgl. Hebr
4, 15). So »macht er ... dem Menschen den Menschen selbst voll kund und
erschließt ihm seine höchste Berufung«, wie das Zweite Vatikanische Konzil
lehrt.(36) Er hilft gewissermaßen, neu zu entdecken, »was der Mensch ist« (vgl.
Ps 8, 5).
In allen Generationen geht in der Überlieferung des Glaubens und der
christlichen Glaubensreflexion der Vergleich Adam - Christus häufigHand
in Hand mit jenem Eva - Maria. Wenn Maria auch als »neue Eva«
beschrieben wird, welche Sinngehalte kann dann eine solche Analogie haben? Sie
sind sicher vielfältig. Man muß insbesondere jene Bedeutung im Auge behalten,
die in Maria die volle Offenbarung all dessen sieht, was das biblische Wort
»Frau« umfaßt: eine Offenbarung, die an Tiefe dem Geheimnis der Erlösung
entspricht. Maria bedeutet in gewissem Sinne das Überschreiten jener
Grenze, von der das Buch Genesis
(3, 16) spricht, und das Zurückgehen zu jenem «Anfang«, an dem wir die
»Frau« so vorfinden, wie sie im Schöpfungswerk, also im ewigen Plan Gottes, im
Schoß der Heiligsten Dreifaltigkeit, gewollt war. Maria ist »der neue Anfang«
der Würde und Berufung der Frau, aller Frauen und jeder einzelnen.(37)
Ein Schlüssel zum Verständnis dieses Geheimnisses können in besonderer Weise
die Worte sein, die der Evangelist Maria nach der Verkündigung, während ihres
Besuches bei Elisabet, in den Mund legt: »Der Mächtige hat Großes an mir getan«
(Lk 1, 49). Sie beziehen sich gewiß auf die Empfängnis des Sohnes, der
der »Sohn des Höchsten« (Lk
1, 32) und der »Heilige« Gottes ist; zugleich aber können sie auch die
Entdeckung des eigenen Menschseins als Frau bedeuten. »Der Mächtige hat
Großes an mir getan«: Das ist die Entdeckung des ganzen Reichtums,
der ganzen personalen Möglichkeiten des Frauseins, der ganzen von
Ewigkeit her gegebenen Eigenart der »Frau«, so wie Gott sie gewollt hat, als
eigenständige Person, die zugleich »durch eine aufrichtige Hingabe« sich selbst
findet.
Diese Entdeckung verbindet sich mit dem klaren Bewußtsein von der Gabe,
dem Gnadengeschenk Gottes. Die Sünde hatte gleich am »Anfang« dieses
Bewußtsein getrübt, es gewissermaßen unterdrückt, wie die Worte der ersten
Versuchung durch den »Vater der Lüge« (vgl. Gen 3, 1-5) anzeigen. Als
sich mit dem Herannahen der »Fülle der Zeit« (vgl. Gal 4, 4) in der
Menschheitsgeschichte das Geheimnis der Erlösung zu vollziehen beginnt, fließt
dieses Bewußtsein mit seiner ganzen Kraft in die Worte der »Frau« aus Nazaret
ein. In Maria entdeckt Eva wieder, was die wahre Würde der Frau, des
fraulichen Menschseins ist. Diese Entdeckung muß ständig das Herz jeder Frau
erreichen und ihrer Berufung und ihrem Leben Gestalt geben.
V.
JESUS CHRISTUS
»Sie wunderten sich, daß er mit einer Frau sprach«
12. Die Worte des Protoevangeliums im Buch Genesis erlauben uns den
Übergang in den Bereich des Evangeliums. Die dort angekündigte Erlösung des
Menschen wird hier Wirklichkeit in der Person und Sendung Jesu Christi, an denen
wir auch erkennen, was die Wirklichkeit der Erlösung für die Würde und
Berufung der Frau bedeutet. Diese Bedeutung wird uns noch stärker erhellt
durch die Worte Christi und durch sein ganzes Verhalten zu den Frauen, das
äußerst schlicht und gerade darum außergewöhnlich ist, wenn man es vor dem
Hintergrund seiner Zeit sieht: ein Verhalten, das von großer Klarheit und Tiefe
gekennzeichnet ist. Auf dem Weg der Sendung des Jesus von Nazaret treten
verschiedene Frauen auf, und die Begegnung mit jeder von ihnen ist eine
Bestätigung des »neuen Lebens« aus dem Geist des Evangeliums, von dem bereits
die Rede war.
Es wird allgemein zugegeben - sogar von solchen Menschen, die der
christlichen Botschaft kritisch gegenüberstehen -, daß Christus seinen
Zeitgenossen gegenüber zum Förderer der wahren Würde der Frau
und der dieser Würde entsprechenden Berufung geworden ist. Das löste
bisweilen Befremden und Verwunderung aus und ging oft bis an die Grenze eines
Skandals: »Sie wunderten sich, daß er mit einer Frau sprach« (Joh
4, 27); denn dieses Verhalten unterschied sich von dem seiner Zeitgenossen. Ja,
»es wunderten sich« sogar die Jünger Christi. Der Pharisäer, in dessen Haus die
Sünderin ging, um Jesus die Füße mit wohlriechendem Öl zu salben, dachte: »Wenn
er wirklich ein Prophet wäre,
müßte er wissen, was das für eine Frau ist, von der er sich berühren
läßt; er wüßte, daß sie eine Sünderin ist« (Lk 7, 39). Noch größere
Bestürzung oder geradezu »heilige Empörung« mußten bei den selbstzufriedenen
Zuhörern die Worte Christi auslösen: »Zöllner und Dirnen gelangen eher in das
Reich Gottes als ihr« (Mt 21, 31).
Der so sprach und handelte, gab damit zu verstehen, daß er »die Geheimnisse
des Reiches« zutiefst kannte. Ebenso »wußte er, was im Menschen ist« (Joh
2, 25), in seinem Innersten, in seinem »Herzen«. Er war Zeuge des ewigen Planes
Gottes für den von ihm nach seinem Ebenbild als Mann und Frau geschaffenen
Menschen. Er wußte auch zutiefst um die Folgen der Sünde, jenes »Geheimnis der
Bosheit«, das als die bittere Frucht der Trübung der Gottebenbildlichkeit in den
Menschenherzen wirksam ist. Wie bedeutungsvoll ist es doch, daß Jesus in dem
grundlegenden Gespräch über die Ehe und ihre Unauflöslichkeit gegenüber seinen
Gesprächspartnern, den »Schriftgelehrten«, die von Amts wegen Kenner des
Gesetzes waren, auf den »Anfang« Bezug nimmt! Es geht um die Frage, ob
»dem Mann« das Recht zustehe, »seine Frau aus jedem beliebigen Grund aus der Ehe
zu entlassen« (Mt 19, 3); und damit geht es auch um das Recht der Frau,
um ihre gerechte Stellung in der Ehe, um ihre Würde. Die Gesprächspartner Jesu
sind der Meinung, das in Israel geltende mosaische Gesetz auf ihrer Seite zu
haben: »Wozu hat dann Mose vorge schrieben, daß man (der Frau) eine
Scheidungsurkunde geben muß, wenn man sich trennen will?« (Mt
19, 7). Darauf antwortet Jesus: »Nur weil ihr so hartherzig seid, hat Mose
euch erlaubt, eure Frauen aus der Ehe zu entlassen. Am Anfang war das nicht so«
(Mt 19, 8). Jesus beruft sich auf den »Anfang«, auf die Erschaffung des
Menschen als Mann und Frau und auf jene Ordnung Gottes, die sich darauf gründet,
daß alle beide »nach seinem Bild und Gleichnis« erschaffen sind . Wenn
also der Mann »Vater und Mutter verläßt« und sich an seine Frau bindet, so daß
die zwei »ein Fleisch werden«, bleibt daher das von Gott selbst stammende Gesetz
in Kraft: »Was aber Gott verbunden hat, das darf der Mensch nicht trennen«
(Mt 19, 6).
Der Grundsatz dieses »Ethos«, der von Anfang an der Wirklichkeit der
Schöpfung eingeschrieben ist, wird nun von Christus gegen jene Tradition, welche
die Diskriminierung der Frau mit sich brachte, bestätigt. In dieser Tradition
»herrschte « der Mann, ohne genügend auf die Frau und jene Würde Rücksicht zu
nehmen, die das »Ethos« der Schöpfung den gegenseitigen Beziehungen
zweier in der Ehe verbundener Personen zugrunde gelegt hat. Dieses »Ethos« wird
von den Worten Christi in Erinnerung gerufen und bekräftigt: Es ist das
»Ethos« des Evangeliums und der Erlösung.
Die Frauen des Evangeliums
13. Wenn wir die Seiten des Evangeliums durchgehen, ziehen eine Vielzahl
von Frauen verschiedenen Alters und Standes an uns vorüber. Wir begegnen
Frauen, die von Krankheit oder körperlichen Gebrechen befallen sind, wie jene,
die »von einem Dämon geplagt wurde; ihr Rücken war verkrümmt, und sie konnte
nicht mehr aufrecht gehen« (vgl. Lk
13, 11), oder die Schwiegermutter des Simon, die »mit Fieber im Bett lag« (Mk
1, 30), oder die Frau, die, »weil sie schon zwölf Jahre an Blutungen litt«,
niemanden berühren konnte, weil man meinte, ihre Berührung würde den Menschen
»unrein« machen (vgl. Mk
5, 25-34). Jede dieser Frauen wurde geheilt, und die letzte (die an
Blutungen litt), die »in dem Gedränge« das Gewand Jesu berührte (Mk 5,
27), wurde ihres großen Glaubens wegen von Jesus gelobt: »Dein Glaube hat dir
geholfen« (Mk 5, 34). Da ist sodann die Tochter des Jaïrus, die
Jesus ins Leben zurückruft, indem er sie liebevoll auffordert: »Mädchen, ich
sage dir, steh auf!« (Mk 5, 41). Und da ist die Witwe in Naïn,
deren einzigen Sohn Jesus ins Leben zurückruft und dabei sein Tun mit dem
Ausdruck herzlichen Mitleids begleitet: »Er hatte Mitleid mit ihr und sagte zu
ihr: Weine nicht!« (Lk
7, 13). Und schließlich die Frau aus Kanaa, eine Frau, die wegen
ihres Glaubens, ihrer Demut und jener geistigen Größe, zu der nur das Herz einer
Mutter fähig ist, von Christus Worte besonderer Anerkennung verdient: »Frau,
dein Glaube ist groß! Was du willst, soll geschehen« (Mt 15, 28). Die
kanaanäische Frau hatte um die Heilung ihrer Tochter gebeten.
Die Frauen, denen Jesus begegnete und die von ihm so große Gnaden empfingen,
begleiteten ihn bisweilen, wenn er mit den Jüngern durch Stadt und Land zog und
das Evangelium vom Reich Gottes verkündete; und »sie unterstützten ihn mit dem,
was sie besaßen«. Das Evangelium nennt unter diesen Frauen Johanna, die Frau
eines Beamten des Herodes, Susanna und »viele andere« (vgl. Lk 8, 1-3).
Manchmal kommen Frauen in den Gleichnissen vor, mit denen Jesus von
Nazaret seinen Zuhörern die Wahrheit über das Reich Gottes erläuterte. So in den
Gleichnissen von der verlorenen Drachme (vgl. Lk 15, 8-10), vom Sauerteig
(vgl. Mt 13, 32), von den klugen und törichten Jungfrauen (vgl. Mt
25, 1-13). Besonders eindrucksvoll ist die Erzählung vom Scherflein der armen
Witwe. Während »die Reichen ihre Gaben in den Opferkasten legten (...), warf
eine arme Witwe zwei kleine Münzen hinein«. Da sagte Jesus: »Diese arme Witwe
hat mehr hineingeworfen als alle anderen (...); denn sie, die kaum das
Nötigste zum Leben hat, hat ihren ganzen Lebensunterhalt hergegeben« (Lk
21, 1. 4). Auf diese Weise stellt Jesus sie als Vorbild für alle hin und tritt
zugleich für sie ein; denn im damaligen Gesellschafts- und Rechtssystem waren
die Witwen völlig schutzlos (vgl. auch Lk 18, 1-7).
In der gesamten Lehre Jesu wie auch in seinem Verhalten stoßen wir auf
nichts, was die zu seiner Zeit übliche Diskriminierung der Frau widerspiegeln
würde. Im Gegenteil, seine Worte und Taten bringen stets die der Frau
gebührende Achtung und Ehrfurcht zum Ausdruck. Die verkrümmte Frau wird
sogar »Tochter Abrahams« genannt (Lk 13, 16), während dieser Titel (in
der Form »Sohn Abrahams«) in der ganzen Bibel immer nur Männern beigelegt wird.
Auf seinem Leidensweg nach Golgota wird Jesus zu den Frauen sagen: »Ihr Frauen
von Jerusalem, weint nicht über mich!« (Lk 23, 28). Diese Art und Weise,
von den Frauen und mit den Frauen zu sprechen, sowie die Art des Umgangs mit
ihnen stellt angesichts der damals herrschenden Gepflogenheiten etwas völlig
»Neues« dar.
Das wird noch deutlicher gegenüber jenen Frauen, die die öffentliche Meinung
mit Verachtung als Sünderinnen, Dirnen und Ehebrecherinnen bezeichnete. Da ist
die Samariterin, zu der Jesus selbst sagt: »Fünf Männer hast du gehabt, und der,
den du jetzt hast, ist nicht dein Mann«. Und als sie sieht, daß er um die
Geheimnisse ihres Lebens weiß, erkennt sie in ihm den Messias und beeilt sich,
es ihren Landsleuten zu verkünden. Das dieser Erkenntnis vorausgehende Gespräch
gehört wohl zu den schönsten im Evangelium (vgl. Joh 4, 7-27).
Und dann ist da die bekannte Sünderin, die trotz der allgemeinen Verurteilung
das Haus des Pharisäers betritt, um Jesus die Füße mit wohlriechendem Öl zu
salben. Zu dem Gastgeber, der sich darüber entrüstete, sagte Jesus über diese
Frau: "Ihr sind ihre vielen Sünden vergeben, weil sie (mir) so viel Liebe
gezeigt hat" (vgl. Lk 7, 37-47).
Und schließlich die vielleicht deutlichste Szene all dieser Begegnungen:
Eine Frau, die beim Ehebruch ertappt worden ist, wird zu Jesus gebracht. Auf
die herausfordernde Frage: »Mose hat uns im Gesetz vorgeschrieben, solche Frauen
zu steinigen. Nun, was sagst du?«, antwortet Jesus: »Wer von euch ohne Sünde
ist, werfe als erster einen Stein auf sie«. Die in dieser Antwort enthaltene
Wahrheit ist so mächtig, daß »einer nach dem andern fortging, zuerst die
Ältesten«. Jesus und die Frau bleiben allein zurück. »Wo sind sie geblieben? Hat
dich keiner verurteilt?« - »Keiner, Herr« -. »Auch ich verurteile dich nicht.
Geh und sündige von jetzt an nicht mehr« (vgl. Joh
8, 3-11).
Diese Episoden geben ein sehr klares Gesamtbild ab. Christus ist derjenige,
der »wußte, was im Menschen ist« (vgl. Joh 2, 25), im Mann und in der
Frau. Er kennt die Würde des Menschen, seinen Wert in den Augen
Gottes. Er selbst, der Erlöser, ist die endgültige Bestätigung dieses
Wertes. Alles, was er sagt und tut, findet im Ostermysterium der Erlösung seine
endgültige Erfüllung. Das Verhalten Jesu zu den Frauen, denen er auf den Wegen
seines messianischen Dienstes begegnet, spiegelt den ewigen Plan Gottes wider,
der eine jede von ihnen erschafft und sie in Christus erwählt und liebt (vgl.
Eph 1, 1-5). Daher ist jede von ihnen jene »einzige von Gott um ihrer selbst
willen gewollte Kreatur«. Eine jede erbt auch vom »Anfang« her die Würde
einer Person als Frau. Jesus von Nazaret bestätigt diese Würde, ruft sie in
Erinnerung, erneuert sie und macht sie zum Inhalt des Evangeliums und der
Erlösung, um deretwegen er in die Welt gesandt wurde. Man muß also jedes der von
Christus im Umgang mit einer Frau gebrauchten Worte und jede solche Geste in das
Licht des Ostergeheimnisses stellen. Auf diese Weise finden alle ihre
vollständige Deutung.
Die beim Ehebruch ertappte Frau
14. Jesus begibt sich in die konkrete, geschichtliche Situation der Frau,
eine Situation, die vom Erbe der Sünde belastet ist. Dieses Erbe kommt
unter anderem in den Gewohnheiten zum Ausdruck, die die Frau zugunsten des
Mannes diskriminieren, und ist auch in ihr selbst verwurzelt. Unter diesem
Gesichtspunkt scheint die Episode von der Frau, »die beim Ehebruch ertappt wird«
(vgl. 8, 3-11), besonders ergiebig zu sein. Zuletzt sagt Jesus zu ihr:
»Sündige von jetzt an nicht mehr«;
vorher aber weckt er das Schuldbewußtsein in den Männern, die sie
anklagen, um sie zu steinigen, und offenbart so seine tiefe Fähigkeit, das
Gewissen und die Werke der Menschen der Wahrheit gemäß zu sehen. Jesus scheint
den Anklägern sagen zu wollen: Ist diese Frau mit ihrer ganzen Sünde nicht
vielleicht auch und vor allem eine Bestätigung eurer Übertretungen, eurer
»männlichen« Ungerechtigkeit, eurer Mißbräuche?
Diese Wahrheit ist für das ganze Menschengeschlecht gültig.
Die im Johannesevangelium berichtete Begebenheit kann man in unzähligen
ähnlichen Situationen in jeder Geschichtsepoche vorfinden. Eine Frau wird allein
gelassen und mit »ihrer Sünde« der öffentlichen Meinung ausgesetzt, während sich
hinter »ihrer« Sünde ein Mann als Sünder verbirgt, der »an der Sünde anderer«
schuld, ja mitverantwortlich für sie ist. Seine Schuld entzieht sich jedoch der
Aufmerksamkeit und wird stillschweigend übergangen: Für »fremde Schuld«
erscheint er nicht verantwortlich! Manchmal macht er sich auch noch zum
Ankläger, wie in dem geschilderten Fall, und vergißt dabei die eigene Schuld.
Wie oft büßt in ähnlicher Weise die Frau für ihre Sünde (es kann
durchaus sein, daß sie in gewissen Fällen schuld ist an der Sünde des Mannes);
doch nur sie büßt und zahlt allein. Wie oft bleibt sie mit ihrer
Mutterschaft verlassen zurück, wenn der Mann, der Vater des Kindes, die
Verantwortung dafür nicht übernehmen will? Und neben den so zahlreichen
«unverheirateten Müttern» in unserer Gesellschaft müssen wir auch an all jene
Frauen denken, die sich sehr oft unter mancherlei Druck, auch von seiten des
schuldigen Mannes, von ihrem Kind noch vor dessen Geburt »befreien«. Sie
»befreien sich«: aber um welchen Preis? Die heutige öffentliche Meinung versucht
auf verschiedene Weise das Übel dieser Sünde »wegzureden«; normalerweise jedoch
vermag das Gewissen der Frau nicht zu vergessen, daß sie dem eigenen Kind
das Leben genommen hat; denn sie ist nicht imstande, die ihrem Ethos am »Anfang«
eingeschriebene Bereitschaft zur Annahme des Lebens auszulöschen.
Das Verhalten Jesu bei der im Johannesevangelium (8, 3-11) beschriebenen
Begebenheit ist bezeichnend. Wohl nur an wenigen Stellen wird seine Macht - die
Macht der Wahrheit - gegenüber dem menschlichen Gewissen so wie hier offenbar.
Jesus ist ruhig, gefaßt, nachdenklich. Besteht hier wie auch im Gespräch mit den
Pharisäern (vgl. Mt 19, 3-9) nicht vielleicht eine Verbindung zwischen
seinem Bewußtsein und dem Geheimnis des »Anfangs« ? Als der Mensch als Mann und
Frau erschaffen wurde und die Frau mit ihrer fraulichen Eigenart, auch mit ihrer
Fähigkeit zur Mutterschaft, dem Mann anvertraut wurde? Auch der Mann wurde vom
Schöpfer der Frau anvertraut. Sie wurden einander als Personen anvertraut,
die nach dem Bild und Gleichnis Gottes selbst erschaffen waren. In diesem
Anvertrauen liegt das Maß der Liebe, einer bräutlichen Liebe: Um zu einer
»aufrichtigen Hingabe« füreinander zu kommen, muß sich jeder der beiden für
diese Hingabe verantwortlich fühlen. Dieses Maß ist allen beiden - Mann und Frau
- vom »Anfang« an bestimmt. Nach der Ursünde sind im Mann und in der Frau
Gegenkräfte am Werk, auf Grund der dreifachen Begierde, dem »Sündenkeim«. Sie
wirken aus der Tiefe des Menschen. Darum wird Jesus in der Bergpredigt sagen:
»Wer eine Frau auch nur lüstern ansieht, hat in seinem Herzen schon Ehebruch mit
ihr begangen« (Mt 5, 28). Diese direkt an den Mann gerichteten Worte
beweisen die grundlegende Wahrheit von seiner Verantwortung gegenüber der Frau:
für ihre Würde, für ihre Mutterschaft, für ihre Berufung. Indirekt gehen diese
Worte auch die Frau an. Christus hat sein Möglichstes getan, damit die Frauen -
im Rahmen der Gewohnheiten und sozialen Verhältnisse jener Zeit - in seiner
Lehre und seinem Handeln ihre eigene Selbständigkeit und Würde wiederfinden. Auf
Grund der gottgewollten »Einheit der zwei« hängt diese Würde direkt
von der Frau selbst als für sich verantwortliches Subjekt ab und wird
gleichzeitig dem Mann zur Aufgabe gestellt. Dementsprechend appelliert
Christus an die Verantwortung des Mannes. In der vorliegenden Meditation über
Würde und Berufung der Frau heute müssen wir uns so unbedingt auf den Ansatz
beziehen, dem wir im Evangelium begegnen. Die Würde der Frau und ihre Berufung -
wie auch jene des Mannes - haben ihre ewige Quelle im Herzen Gottes und hängen
unter den zeitlichen Bedingungen des menschlichen Daseins eng mit der »Einheit
der zwei« zusammen. Daher muß sich jeder Mann darauf besinnen, ob diejenige, die
ihm als Schwester im selben Menschsein, als Braut und Ehefrau anvertraut ist,
nicht in seinem Herzen Objekt eines Ehebruchs, ob diejenige, die in
unterschiedlicher Weise Mitträgerin seines Daseins in der Welt ist, nicht für
ihn zum »Objekt« geworden ist: Objekt des Genusses, der Ausbeutung.
Hüterinnen der evangelischen Botschaft
15. Die Handlungsweise Christi, das Evangelium seiner Taten und
Worte, ist ein durchgehender Protest gegen die Verletzung der Würde
der Frau. Deshalb entdecken die Frauen der Umgebung Christi in den Wahrheiten,
die er »lehrt«und »tut«, sich selbst, auch wenn es sich bei dieser Wahrheit um
ihre eigene »Sündhaftigkeit« handelt. Sie fühlen sich durch diese Wahrheit
»befreit«, sich selbst zurückgegeben: Sie fühlen sich geliebt mit »ewiger
Liebe«, einer Liebe, die in Christus selbst ihren direkten Ausdruck findet. Im
Wirkungskreis Christi verändert sich ihre soziale Stellung. Sie nehmen wahr, daß
Jesus mit ihnen über Fragen spricht, die man in der damaligen Zeit nicht mit
einer Frau erörterte. Das in diesem Zusammenhang bezeichnendste Beispiel ist
wohl das Gespräch mit der Samariterin am Jakobsbrunnen bei Sychar. Jesus
- der weiß, daß sie eine Sünderin ist, und ihr gegenüber das auch erwähnt -
erörtert mit ihr die tiefsten Geheimnisse Gottes. Er spricht mit ihr von dem
unermeßlichen Geschenk der Liebe Gottes, das wie eine »sprudelnde Quelle ist,
deren Wasser ewiges Leben schenkt« (Joh 4, 14). Er spricht zu ihr von
Gott, der Geist ist, und von der wahren Anbetung im Geist und in der Wahrheit,
auf die Gott Vater ein Recht habe (vgl. Joh 4, 24). Schließlich enthüllt
er ihr, daß er der an Israel verheißene Messias ist (ebd. 4, 26).
Das ist ein Ereignis, das ohne Beispiel dasteht: Jene Frau, und dazu
noch eine »Sünderin«, wird »Jüngerin« Christi; ja, nachdem sie unterwiesen
worden ist, verkündet sie den Bewohnern von Samarien Christus, so daß auch diese
ihn gläubig annehmen (vgl. Joh
4, 39-42). Ein beispielloses Geschehen, wenn man bedenkt, wie die Frauen
gerade von den Lehrern in Israel allgemein behandelt wurden, während in der
Handlungsweise Jesu von Nazaret ein solches Geschehen normal ist. In diesem
Zusammenhang verdienen auch die beiden Schwestern des Lazarus eine besondere
Erwähnung: »Jesus liebte Marta, ihre Schwester (Maria) und Lazarus« (Joh 11, 5).
Maria »hörte den Worten« Jesu zu: Als er die Schwestern in ihrem Haus aufsuchte,
bezeichnete er selbst das Verhalten Marias als »das bessere« im Vergleich zu
Martas Sorge um die häuslichen Angelegenheiten (vgl.Lk
10, 38-42). Bei einer anderen Begegnung - nach dem Tod des Lazarus - wird
auch Marta zur Gesprächspartnerin Christi: In jenem Gespräch geht es um die
tiefsten Wahrheiten der Offenbarung und des Glaubens. »Herr, wärst du hier
gewesen, dann wäre mein Bruder nicht gestorben« - »Dein Bruder wird auferstehen»
- «Ich weiß, daß er auferstehen wird bei der Auferstehung am Letzten Tag«. Jesus
erwiderte ihr: »Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird
leben, auch wenn er stirbt, und jeder, der lebt und an mich glaubt, wird auf
ewig nicht sterben. Glaubst du das?« - »Ja, Herr, ich glaube, daß du der Messias
bist, der Sohn Gottes, der in die Welt kommen soll« (Joh 11, 21-27). Nach
diesem Glaubensbekenntnis erweckt Jesus den Lazarus. Auch das Gespräch mit
Marta ist eines der wichtigsten des Evangeliums.
Christus spricht mit den Frauen über Gott, und sie verstehen ihn: ein echter
Widerhall des Geistes und Herzens, eine Antwort des Glaubens. Und Jesus zollt
dieser unverkennbar »fraulichen« Antwort Anerkennung und Bewunderung, wie im
Fall der kanaanäischen Frau (vgl. Mt 15, 28). Bisweilen stellt er diesen
lebendigen, von Liebe durchdrungenen Glauben als Beispiel hin: Er nimmt also
diese Antwort, die aus dem Geist und Herzen einer Frau stammt, zum Ausgangspunkt
für seine Unterweisung. So geschieht es im Fall jener »Sünderin« im Hause
des Pharisäers, deren Handeln von Jesus als Ausgangspunkt für die Erläuterung
der Wahrheit über die Sündenvergebung genommen wird: »Ihr sind ihre vielen
Sünden vergeben, weil sie (mir) so viel Liebe gezeigt hat. Wem aber nur wenig
vergeben wird, der zeigt auch nur wenig Liebe» (Lk 7, 47). Bei
Gelegenheit einer anderen Salbung verteidigt Jesus gegenüber den Jüngern,
besonders gegenüber dem Judas, die Frau und ihr Tun: »Warum laßt ihr die Frau
nicht in Ruhe? Sie hat ein gutes Werk an mir getan (...) Als sie das Öl
über mich goß, hat sie meinen Leib für das Begräbnis gesalbt. Amen, ich sage
euch: Überall auf der Welt, wo dieses Evangelium verkündet wird, wird man sich
an sie erinnern und erzählen, was sie getan hat« (Mt 26, 6-13).
In der Tat beschreiben die Evangelien nicht nur, was jene Frau von Betanien
im Hause Simons, des Aussätzigen, getan hat, sondern heben auch hervor, daß bei
der endgültigen und für die ganze messianische Sendung Jesu von Nazaret
entscheidenden Prüfung, unter dem Kreuz, sich vor allen anderen die Frauen
eingefunden haben. Von den Aposteln ist nur Johannes treu geblieben. Die
Frauen hingegen sind zahlreich. Da waren nicht nur die Mutter Christi und die
»Schwester seiner Mutter, die Frau des Klopas, und Maria von Magdala« (Joh
19, 25), sondern auch »viele Frauen waren dort und sahen von weitem zu; sie
waren Jesus seit der Zeit in Galiläa nachgefolgt und hatten ihm gedient » (Mt
27, 55). In dieser härtesten Bewährungsprobe des Glaubens und der Treue haben
sich, wie man sieht, die Frauen als stärker erwiesen als die Jünger; in diesen
Augenblicken der Gefahr gelingt es denen, die »sehr lieben«, auch, die Furcht zu
besiegen. Schon zuvor auf dem Kreuzweg waren es die Frauen gewesen,
»die um ihn klagten und weinten« (Lk 23, 27). Vorher schon hatte
die Frau des Pilatus ihren Mann gewarnt: »Laß die Hände von diesem Mann, er
ist unschuldig. Ich hatte seinetwegen heute Nacht einen schrecklichen Traum« (Mt
27, 19).
Erste Zeugen der Auferstehung
16. Vom Beginn der Sendung Christi an zeigt die Frau ihm und seinem Geheimnis
gegenüber eine besondere Empfänglichkeit, die einem Wesensmerkmal ihrer
Fraulichkeit entspricht. Ferner muß gesagt werden, daß sich das besonders
beim Ostergeheimnis bestätigt, nicht nur unter dem Kreuz, sondern auch am Morgen
der Auferstehung. Die Frauen sind als erste am Grab. Sie sind die ersten,
die es leer finden. Sie sind die ersten, die vernehmen: »Er ist nicht hier;
denn er ist auferstanden, wie er gesagt hat« (Mt 28, 6). Sie sind die
ersten, die »seine Füße umfassen« (vgl. Mt 28, 9). Ihnen wird als ersten
aufgetragen, den Jüngern diese Wahrheit zu verkünden (vgl. Mt 28, 1-10;
Lk 24, 8-11). Das Johannes evangelium (vgl. auch Mk 16, 9) hebt
die besondere Rolle der Maria aus Magdala hervor. Sie ist die erste, die dem
auferstandenen Christus begegnet. Zunächst hält sie ihn für den Gärtner: Sie
erkennt ihn erst, als er sie bei ihrem Namen nennt. »Jesus sagte zu ihr: Maria!
Da wandte sie sich ihm zu und sagte auf hebräisch zu ihm: Rabbuni!, das heißt:
Meister. Jesus sagte zu ihr: Halte mich nicht fest; denn ich bin noch nicht zum
Vater hinaufgegangen. Geh aber zu meinen Brüdern und sag ihnen: Ich gehe hinauf
zu meinem Vater und zu eurem Vater, zu meinem Gott und zu eurem Gott. Maria von
Magdala ging zu den Jüngern und verkündete ihnen: Ich habe den Herrn gesehen.
Und sie richtete aus, was er ihr gesagt hatte« (Joh 20, 16-18).
Sie wurde darum auch »Apostel der Apostel« genannt.(38) Maria aus Magdala war
früher als die Apostel Augenzeugin des auferstandenen Christus und hat deshalb
auch als erste den Aposteln gegenüber von ihm Zeugnis gegeben. Dieses
Geschehen stellt gewissermaßen die Krönung all dessen dar, was wir zuvor darüber
gesagt haben, daß den Frauen - ebenso wie den Männern- die göttlichen Wahrheiten
von Christus anvertraut worden sind. Man kann sagen, daß sich auf diese Weise
die Worte des Propheten erfüllt haben: »Danach aber werde ich meinen Geist
ausgießen über alle Menschen. Eure Söhne und Töchter werden Propheten
sein« (Joël 3, 1). Am fünfzigsten Tag nach der Auferstehung Christi finden
diese Worte im Abendmahlssaal von Jerusalem, bei der Herabkunft des Heiligen
Geistes, des »Beistandes«, noch einmal ihre Bestätigung (vgl. Apg 2, 17).
Alles bisher zum Verhalten Christi gegenüber den Frauen Gesagte bestätigt und
klärt im Heiligen Geist die Wahrheit über die »Gleichheit« der beiden - Mann und
Frau. Man muß von einer wesenhaften »Gleichberechtigung« sprechen: Da beide -
die Frau wie der Mann - nach dem Abbild und Gleichnis Gottes erschaffen wurden,
sind beide in gleichem Maße empfänglich für das Geschenk der göttlichen Wahrheit
und der Liebe im Heiligen Geist. Beide empfangen seine heilbringenden und
heiligmachenden »Heimsuchungen«.
Die Tatsache, Mann oder Frau zu sein, führt hier zu keinerlei Einschränkung,
ebensowenig wie, nach den bekannten Worten des Apostels, jenes Heilswirken des
Geistes im Menschen dadurch eingeschränkt wird, daß einer »Jude oder Grieche,
Sklave oder Freier« ist: »Denn ihr alle seid einer
in Christus Jesus« (Gal 3, 28). Diese Einheit hebt die
Verschiedenheit nicht auf. Der Heilige Geist, der in der übernatürlichen
Ordnung der heiligmachenden Gnade eine solche Einheit bewirkt, trägt in gleichem
Maße dazu bei, daß »eure Söhne Propheten werden«, wie dazu, daß auch »eure
Töchter« es werden. »Prophetsein« heißt, unter Wahrung der Wahrheit und Eigenart
der je eigenen Person, sei es Mann oder Frau, mit Wort und Leben »die großen
Taten Gottes verkünden« (vgl. Apg 2, 11). Die »Gleichheit« nach dem
Evangelium, die »Gleichberechtigung« von Frau und Mann vor den »großen Taten
Gottes«, wie sie im Wirken und Reden Jesu von Nazaret mit solcher Klarheit
offenkundig geworden ist, bildet die deutlichste Grundlage für Würde und
Berufung der Frau in Kirche und Welt. Jede
Berufung hat ihren tief persönlichen und prophetischen Sinn. In der so
verstandenen Berufung erreicht das Frauliche in einer Person ein neues Maß: Es
ist das Maß der »großen Taten Gottes«, zu deren lebendigem Träger und
unersetzlicher Zeugin die Frau wird.
VI.
MUTTERSCHAFT - JUNGFRÄULICHKEIT
Zwei Dimensionen der Berufung der Frau
17. Wir müssen unsere Meditation jetzt der Jungfräulichkeit und der
Mutterschaft zuwenden als zwei besonderen Dimensionen bei der Verwirklichung der
Persönlichkeit einer Frau. Im Licht des Evangeliums erlangen sie in Maria, die
als Jungfrau Mutter des Gottessohnes geworden ist, die Fülle ihrer Bedeutung und
ihres Wertes. Diese zwei Dimensionen der Berufung der Frau sind sich in
ihr begegnet und haben sich einzigartig verbunden, so daß die eine die andere
nicht ausschloß, sondern sie auf wunderbare Weise vervollständigte. Die
Darstellung der Verkündigung im Lukasevangelium zeigt deutlich, daß dies der
Jungfrau aus Nazaret unmöglich erschien. Als sie die Worte vernimmt: »Du wirst
ein Kind empfangen, einen Sohn wirst du gebären: dem sollst du den Namen Jesus
geben«, fragt sie sogleich: »Wie soll das geschehen, da ich keinen Mann
erkenne?« (Lk 1, 31. 34). In der allgemeinen Ordnung der Dinge ist die
Mutterschaft Ergebnis des gegenseitigen »Erkennens« von Mann und Frau in der
ehelichen Vereinigung. Unter entschiedener Betonung ihrer Jungfräulichkeit
stellt Maria dem göttlichen Boten die Frage und erhält die Erklärung:»Der
Heilige Geist wird über dich kommen«; deine Mutterschaft wird nicht Folge
eines ehelichen »Erkennens«, sondern Werk des Heiligen Geistes sein, und die
»Kraft des Höchsten« wird ihren »Schatten« über das Geheimnis der Empfängnis und
der Geburt des Sohnes breiten. Als Sohn des Höchsten wird er dir in der von Ihm
gewußten Weise ausschließlich von Gott geschenkt. Maria hat also an ihrem
jungfräulichen »Ich erkenne keinen Mann« (vgl. Lk 1, 34) festgehalten und
ist zugleich Mutter geworden. Jungfräulichkeit und Mutterschaft bestehen in
ihr zugleich: Sie schließen sich nicht gegenseitig aus und behindern sich
nicht. Ja, die Person der Gottesmutter hilft allen - besonders allen Frauen -
wahrzunehmen, wie diese beiden Dimensionen und diese beiden Wege der Berufung
der Frau als Person sich gegenseitig erklären und ergänzen.
Mutterschaft
18. Um an diesem »Wahrnehmen« teilzuhaben, müssen wir noch einmal die
Wahrheit über die menschliche Person vertiefen, die uns das Zweite
Vatikanische Konzil in Erinnerung gerufen hat. Der Mensch - sowohl der Mann wie
die Frau - ist auf Erden die einzige von Gott um ihrer selbst willen gewollte
Kreatur: Er ist eine Person, ein Subjekt, das über sich entscheidet. Zugleich
kann der Mensch »sich selbst nur durch die aufrichtige Selbsthingabe vollkommen
finden«.(39) Es wurde schon gesagt, daß diese Beschreibung, in gewissem Sinne
eine Definition der Person, der biblischen Grundwahrheit über die Erschaffung
des Menschen - als Mann und Frau - nach dem Bild und Gleichnis Gottes
entspricht. Das ist keine rein theoretische Deutung oder abstrakte Definition;
denn sie gibt im wesentlichen den Sinn des menschlichen Daseins an, indem
sie den Wert der Selbsthingabe der Person betont. In dieser Sicht der
Person ist auch das Wesen jenes »Ethos« enthalten, das in Verbindung mit der
Wahrheit der Schöpfung von den Büchern der Offenbarung und besonders von den
Evangelien voll entfaltet werden wird.
Diese Wahrheit über die Person eröffnet darüber hinaus den Weg zu einem
vollen Verständnis der Mutterschaft der Frau. Die Mutterschaft ist das
Ergebnis der ehelichen Vereinigung zwischen einem Mann und einer Frau, jenes
biblischen »Erkennens«, von dem es in der Genesis
heißt: »Die zwei werden ein Fleisch« (vgl. Gen 2, 24); sie
verwirklicht auf diese Weise - von seiten der Frau - eine besondere
»Selbsthingabe« als Ausdruck jener bräutlichen Liebe, in der sich die Eheleute
so eng miteinander vereinigen, daß sie »ein Fleisch« werden. Das biblische
»Erkennen« wird nur dann gemäß der Wahrheit der Person Wirklichkeit, wenn die
gegenseitige Selbsthingabe weder dadurch entstellt wird, daß sich der Mann zum
»Beherrscher« seiner Frau machen will (»Er wird über dich herrschen«), noch
dadurch, daß sich die Frau auf ihre triebhafte Veranlagung zurückzieht (»Nach
dem Mann wird dich verlangen«: Gen 3, 16).
Die gegenseitige Hingabe der Personen in der Ehe öffnet sich bereits
für das Geschenk eines neuen Lebens, eines neuen Menschen, der auch eine
Person nach dem Abbild seiner Eltern ist. Die Mutterschaft aber schließt von
Anfang an eine besondere Aufnahmebereitschaft für diese neue Person ein: und
eben das ist der Anteil der Frau. In dieser Bereitschaft, im Empfangen und
Gebären eines Kindes, »findet die Frau durch ihre aufrichtige Selbsthingabe sich
selbst«. Die Gabe der inneren Bereitschaft zum Empfangen und Gebären eines
Kindes ist mit der ehelichen Vereinigung verbunden, die - wie schon gesagt -
einen besonderen Augenblick der gegenseitigen Hingabe von seiten der Frau und
des Mannes darstellen sollte. Empfängnis und Geburt des neuen Menschen werden
nach der Bibel von den folgenden Worten der »Frau« und Mutter begleitet: »Ich
habe einen Mann vom Herrn erworben« (Gen 4, 1). Dieser Ausruf Evas, der
»Mutter aller Lebendigen«, wiederholt sich jedesmal, wenn ein neuer Mensch zur
Welt kommt; er ist Ausdruck der Freude und des Bewußtseins der Frau, teilzuhaben
an dem tiefen Geheimnis des ewigen Zeugens. Die Ehegatten haben teil an Gottes
Schöpferkraft!
Die Mutterschaft der Frau im Zeitraum zwischen der Empfängnis und der Geburt
des Kindes ist ein biophysiologischer und psychischer Prozeß, über den wir
heutzutage besser Bescheid wissen als in der Vergangenheit und der Gegenstand
zahlreicher tiefreichender Untersuchungen ist. Die wissenschaftliche Analyse
bestätigt voll und ganz, daß bereits die physische Konstitution und der
Organismus der Frau die natürliche Veranlagung zur Mutterschaft, zur Empfängnis,
zur Schwangerschaft und zur Geburt des Kindes, als Folge der ehelichen
Vereinigung mit dem Mann enthalten. Gleichzeitig entspricht das alles auch der
psycho-physischen Struktur der Frau. Alles, was die verschiedenen
Wissenschaftszweige zu diesem Thema sagen, ist wichtig und nützlich, insofern
sie sich nicht auf eine rein biophysiologische Interpretation der Frau und ihrer
Mutterschaft beschränken. Ein solches »verkürztes« Bild entspräche
nämlich völlig der materialistischen Menschen- und Weltsicht. In diesem Falle
ginge bedauerlicherweise das wirklich Wesentliche verloren: Die Mutterschaft als
menschliches Faktum und Phänomen läßt sich nur auf der Grundlage der
Wahrheit über die Person voll erklären. Die Mutterschaft steht im
Zusammenhang mit der personalen Struktur des Frauseins und mit der personalen
Dimension der Hingabe:
»Ich habe einen Mann vom Herrn erworben« (Gen 4, 1). Der Schöpfer
schenkt den Eltern ein Kind. Von seiten der Frau ist dies in besonderer Weise
mit »einer aufrichtigen Hingabe ihrer selbst« verbunden. Die Worte Marias auf
die Verkündigung hin: »Mir geschehe, wie du es gesagt hast«, bedeuten die
Bereitschaft der Frau zur Hingabe und zur Annahme des neuen Lebens.
In der Mutterschaft der Frau, die an die Vaterschaft des Mannes gebunden ist,
spiegelt sich das in Gott selber, dem dreieinigen Gott, gelegene ewige Geheimnis
der Zeugung wider (vgl. Eph 3, 14-15). Das menschliche Zeugen ist Mann
und Frau gemeinsam. Und wenn die Frau in Liebe zu ihrem Mann spricht: »Ich habe
dir ein Kind geschenkt«, so bedeuten ihre Worte zugleich: »Das ist unser
Kind«. Doch obwohl beide gemeinsam Eltern ihres Kindes sind, stellt die
Mutterschaft der Frau einen besonderen Anteil dieser gemeinsamen Elternschaft,
ja deren anspruchsvolleren Teil dar. Die Elternschaft gehört zwar zu beiden; sie
verwirklicht sich jedoch viel mehr in der Frau, besonders in der vorgeburtlichen
Phase. Die Frau muß unmittelbar für dieses gemeinsame Hervorbringen neuen Lebens
»bezahlen«, das buchstäblich ihre leiblichen und seelischen Kräfte aufzehrt. Der
Mann muß sich daher voll bewußt sein, daß ihm aus dieser gemeinsamen
Elternschaft eine besondere Schuldverpflichtung gegenüber der Frau erwächst.
Kein Programm für die »Gleichberechtigung« von Frauen und Männern ist gültig,
wenn man diesem Umstand nicht ganz entscheidend Rechnung trägt.
Die Mutterschaft enthält eine besondere Gemeinschaft mit dem Geheimnis des
Lebens, das im Schoß der Frau heranreift: Die Mutter steht staunend vor diesem
Geheimnis, und mit einzigartiger Intuition »erfaßt« sie, was in ihr vor sich
geht. Im Licht des »Anfangs« nimmt die Mutter das Kind, das sie im Schoß trägt,
als Person an und liebt es. Diese einmalige Weise des Kontaktes mit dem neuen
Menschen, der sich formt, schafft seinerseits eine derartige Einstellung zum
Menschen - nicht nur zum eigenen Kind, sondern zum Menschen als solchem -, daß
dadurch die ganze Persönlichkeit der Frau tief geprägt wird. Man ist allgemein
überzeugt, daß die
Frau mehr als der Mann fähig ist, auf die konkrete Person zu
achten und daß die Mutterschaft diese Veranlagung noch stärker zur Entfaltung
bringt. Der Mann befindet sich - trotz all seiner Teilhabe an der Elternschaft -
immer »außerhalb« des Prozesses der Schwangerschaft und der Geburt des Kindes
und muß in vielem von der Mutter seine eigene »Vaterschaft« lernen. Das
gehört, so kann man sagen, zum normalen menschlichen Ablauf der Elternschaft,
auch in ihrer weiteren Entwicklung nach der Geburt des Kindes, vor allem in der
ersten Zeit. Die Erziehung des Kindes sollte, umfassend verstanden, den
doppelten Beitrag der Eltern enthalten: den mütterlichen und den väterlichen
Beitrag. Doch jener der Mutter ist entscheidend für die Grundlagen einer neuen
menschlichen Persönlichkeit.
Die Mutterschaft in Beziehung zum Bund
19. Das vom Protoevangelium übernommene biblische Urbild der »Frau«
kehrt nun in unsere Überlegungen zurück. Die »Frau« besitzt als Mutter, als
erste Erzieherin des Menschen (die Erziehung ist die geistige Dimension der
Elternschaft) einen besonderen Vorrang vor dem Mann. Wenn auch ihre
Mutterschaft, vor allem im biophysischen Sinn, vom Mann abhängt, drückt sie doch
dem ganzen Prozeß der Personwerdung der neuen Söhne und Töchter des
Menschengeschlechts ein entscheidendes »Zeichen« auf. Die Mutterschaft der Frau
im biophysischen Sinn zeigt eine scheinbare Passivität: der Prozeß der
Ausformung eines neuen Lebens »geschieht« in ihrem Organismus, wobei er diesen
allerdings tief einbezieht. Gleichzeitig drückt die Mutterschaft im
personalen und ethischen Sinn eine sehr bedeutende Kreativität der Frau aus,
von der das Menschsein des neuen Menschen hauptsächlich abhängt. Auch in diesem
Sinne wird die Mutterschaft der Frau als ein besonderer Ruf und eine besondere
Herausforderung für den Mann und seine Vaterschaft offenbar.
Seinen Höhepunkt findet das biblische Urbild der »Frau« in der
Mutterschaft der Gottesmutter. Die Worte des Protoevangeliums: »Feindschaft
stifte ich zwischen dir und der Frau«, finden hier eine neue Bestätigung. Ja, in
ihr, in ihrem mütterlichen »Fiat« (»Mir geschehe, wie du gesagt hast«),
stiftet Gott einen Neuen Bund mit der Menschheit.
Es ist der ewige und endgültige Bund in Christus, in seinem Leib und Blut,
in seinem Kreuz und seiner Auferstehung. Eben weil dieser Bund »in Fleisch und
Blut« vollzogen werden soll, hat er seinen Anfang in der Mutter. Der »Sohn des
Höchsten« kann allein durch sie, durch ihr jungfräuliches und mütterliches
»Fiat«, zum Vater sagen: »Einen Leib hast du mir geschaffen. Ja, ich komme, um
deinen Willen, Gott, zu tun« (vgl. Hebr 10,5. 7).
In die Ordnung des Bundes, den Gott mit dem Menschen in Jesus Christus
geschlossen hat, ist die Mutterschaft der Frau eingefügt. Und jedesmal, wenn
sich in der Geschichte des Menschen auf Erden die Mutterschaft der Frau
wiederholt, steht sie nun immer in Beziehung zu dem Bund, den Gott
durch die Mutterschaft der Gottesmutter mit dem Menschengeschlecht geschlossen
hat.
Wird diese Wirklichkeit nicht vielleicht von der Antwort Jesu an jene Frau
bewiesen, die ihm aus der Menge zurief und ihn für die Mutterschaft seiner
Mutter seligpries: »Selig die Frau, deren Leib dich getragen und deren Brust
dich genährt hat!«? Jesus erwidert: »Selig sind vielmehr die, die das Wort
Gottes hören und es befolgen« (Lk 11, 27-28). Jesus bestätigt die
Bedeutung von Mutterschaft im leiblichen Sinn; zugleich verweist er jedoch auf
ihre noch tiefere Bedeutung, die mit der Ordnung des Geistes in Zusammenhang
steht: Sie ist Zeichen des Bundes mit Gott, der »Geist« ist (vgl. Joh 4,
24). Das gilt vor allem für die Mutterschaft der Gottesmutter. Aber auch die
Mutterschaft jeder anderen Frau ist, im Licht des Evangeliums verstanden,
nicht nur »aus Fleisch und Blut«: In ihr kommt das innere »Hören des Wortes
des lebendigen Gottes«
und die Bereitschaft zur »Bewahrung« dieses Wortes, das »Wort des ewigen
Lebens« ist (vgl. Joh 6, 68), zum Ausdruck. Es sind ja in der Tat die von
den irdischen Müttern geborenen Kinder, die Söhne und Töchter des
Menschengeschlechts, die vom Sohn Gottes die Macht erhalten, »Kinder Gottes zu
werden« (Joh 1, 12). Die Dimension des Neuen Bundes im Blute Christi
durchdringt das menschliche Zeugen und macht es zur Wirklichkeit und zum Auftrag
»einer neuen Schöpfung« (vgl. 2 Kor 5, 17). Die Mutterschaft der Frau ist
aus der Sicht der Geschichte jedes Menschen gleichsam die erste Schwelle, deren
Überwindung auch Vorbedingung für »das Offenbarwerden der Söhne Gottes« ist
(vgl. Röm 8, 19).
»Wenn die Frau gebären soll, ist sie bekümmert, weil ihre Stunde da
ist; aber wenn sie das Kind geboren hat, denkt sie nicht mehr an ihre Not
über der Freude, daß ein Mensch zur Welt gekommen ist« (Joh 16, 21). Die
Worte Christi nehmen in ihrem ersten Teil Bezug auf jene »Geburtswehen«, die zum
Vermächtnis der Erbsünde gehören; gleichzeitig weisen sie jedoch auf den
Zusammenhang hin, der zwischen der Mutterschaft der Frau und dem
Ostergeheimnis besteht. Denn in diesem Geheimnis ist auch der Schmerz der
Mutter unter dem Kreuz enthalten - der Mutter, die im Glauben am erschütternden
Geheimnis der »Entäußerung« ihres Sohnes teilnimmt. »Dies ist vielleicht die
tiefste "kenosis" (Entäußerung) des Glaubens in der Geschichte des
Menschen«.(40)
Beim Anblick dieser Mutter, der »ein Schwert durch die Seele drang« (vgl.
Lk 2, 35), gehen die Gedanken zu allen Frauen in der Welt, die leiden,
leiden im physischen wie im moralischen Sinn. Bei diesem Leiden spielt auch die
der Frau eigene Sensibilität eine Rolle, auch wenn sie dem Leiden oft besser zu
widerstehen vermag als der Mann. Es ist kaum möglich, alle diese Leiden
aufzuzählen, sie alle beim Namen zu nennen: Man kann an die mütterlichen Sorgen
um die Kinder denken, besonders wenn sie krank sind oder auf Abwege geraten; an
den Tod geliebter Menschen; an die Einsamkeit der von ihren erwachsenen Kindern
vergessenen Mütter oder an die Einsamkeit der Witwen; an die Leiden der Frauen,
die im Lebenskampf alleinstehen, und der Frauen, die Unrecht und Kränkung
erlitten haben oder ausgebeutet werden. Schließlich gibt es die Leiden des
Gewissens wegen der Sünde, die die menschliche oder mütterliche Würde der Frau
verletzt hat, Wunden des Gewissens, die nur schwer verheilen. Auch mit diesen
Leiden muß man sich unter das Kreuz Christi stellen.
Aber die Worte des Evangeliums über die Frau, die bekümmert ist, wenn ihre
Stunde da ist, daß sie gebären soll, drücken gleich darauf Freude aus. Es
ist »die Freude, daß ein Mensch zur Welt gekommen ist«. Und auch diese
Freude steht in Beziehung zum Ostergeheimnis, das heißt zu jener Freude, die den
Aposteln am Tag der Auferstehung Christi zuteil wird: »So seid auch ihr
jetzt bekümmert« (diese Worte hatte Jesus am Tag vor seinem Leiden und Sterben
gesprochen); »aber ich werde euch wiedersehen; dann wird euer Herz sich freuen,
und niemand nimmt euch eure Freude« (Joh 16, 22).
Die Jungfräulichkeit um des Himmelreiches willen
20. In der Lehre Christi wird die Mutterschaft mit der Jungfräulichkeit
verbunden, aber auch von ihr unterschieden. Der hierfür grundlegende
Satz bleibt jener, den Jesus im Gespräch über die Unauflöslichkeit der Ehe
gesprochen hat. Nachdem die Jünger seine Antwort an die Pharisäer gehört hatten,
sagten sie zu Christus: »Wenn das die Stellung des Mannes in der Ehe ist, dann
ist es nicht gut zu heiraten« (Mt 19, 10). Unabhängig vom Sinn, den die
Worte »es ist nicht gut« im damaligen Verständnis der Jünger hatten, nimmt
Christus ihre falsche Auffassung zum Anlaß, um sie über den Wert der
Ehelosigkeit
zu belehren: Er unterscheidet die Ehelosigkeit infolge natürlicher Mängel, auch
wenn diese vom Menschen verursacht sind, von der »Ehelosigkeit um des
Himmelreiches willen«. Er sagt: »Und manche haben sich selbst zur Ehe
unfähig gemacht - um des Himmelreiches willen« (Mt 19, 12). Es handelt
sich also um eine freiwillige Ehelosigkeit, die um des Himmelreiches willen, im
Hinblick auf die eschatologische Berufung des Menschen zur Gemeinschaft mit
Gott, gewählt wird. Und er fügt hinzu: »Wer das erfassen kann, der erfasse es«,
wobei diese Worte wieder aufnehmen, was er zu Beginn seines Gesprächs über die
Ehelosigkeit gesagt hatte (vgl.
Mt 19, 11). Deswegen ist die Ehelosigkeit um des Himmelreiches willen
nicht nur Frucht einer freien Entscheidung von seiten des Menschen,
sondern auch einer besonderen Gnade von seiten Gottes, der eine bestimmte
Person zu einem Leben in Ehelosigkeit beruft. Wenn diese ein besonderes Zeichen
des Reiches Gottes ist, das kommen soll, so dient sie zugleich dazu, auch schon
während des Erdenlebens alle Kräfte der Seele und des Leibes aussschließlich für
das endgültige Reich Gottes einzusetzen.
Die Worte Jesu sind die Antwort auf eine Frage der Jünger. Sie sind direkt an
die Fragesteller gerichtet: in diesem Fall an Männer. Nichtsdestoweniger gilt
die Antwort Christi an sich für Männer wie für Frauen. In diesem
Zusammenhang weist sie auf das evangelische Ideal der Jungfräulichkeit hin, ein
Ideal, das im Vergleich zur alttestamentlichen Tradition etwas völlig »Neues«
darstellt. Diese Tradition hing gewiß auch irgendwie mit der Erwartung Israels
und besonders der israelitischen Frau zusammen, daß der Messias komme und daß er
als »Sohn der Frau« kommen solle. Das Ideal der Ehelosigkeit und der
Jungfräulichkeit um einer größeren Gottnähe willen war zwar gewissen jüdischen
Kreisen nicht völlig fremd, vor allem in der Zeit unmittelbar vor dem Kommen
Jesu. Doch ist die Ehelosigkeit um des Himmelreiches willen, also die
Jungfräulichkeit, eine unbestreitbare Neuheit, die unmittelbar mit der
Menschwerdung Gottes zusammenhängt.
Vom Augenblick des Kommens Christi an soll sich die Erwartung des
Gottesvolkes auf das ewige Reich richten, das kommt und in das er selbst »das
neue Israel« einführen soll. Für eine derartige Wende und einen solchen
Wertewandel ist tatsächlich ein neues Glaubensbewußtsein unerläßlich. Christus
unterstreicht das zweimal: »Wer das erfassen kann, der erfasse es« - »Das können
nur die erfassen, denen es gegeben ist« (Mt 19, 11. 12). Maria ist
die erste Person, in der sich dieses neue Bewußtsein offenbart hat; denn
sie fragt den Engel: »Wie soll das geschehen, da ich keinen Mann erkenne?« (Lk
1, 34). Obwohl sie »mit einem Mann namens Josef verlobt ist« (vgl. Lk 1,
27), hält sie entschlossen an ihrer Jungfräulichkeit fest, und die Mutterschaft,
die sich in ihr erfüllt, kommt ausschließlich aus der »Kraft des Höchsten« und
ist Frucht der Herabkunft des Heiligen Geistes auf sie (vgl. Lk 1, 35).
Diese göttliche Mutterschaft ist also die völlig unerwartete Antwort auf die
menschliche Erwartung der Frau in Israel: Sie widerfährt Maria als Gnadengabe
Gottes selbst. Diese Gabe ist zum Anfang und Urbild einer neuen Erwartung aller
Menschen im Rahmen des ewigen Bundes, im Rahmen der neuen und endgültigen
Verheißung Gottes geworden: Sie ist Zeichen eschatologischer Hoffnung.
Auf der Grundlage des Evangeliums kam es zu einer Entwicklung und zugleich
Vertiefung des Sinngehaltes der Jungfräulichkeit als Berufung auch für die Frau,
in der ihre Würde nach dem Vorbild der Jungfrau aus Nazaret ihre Bestätigung
findet. Das Evangelium legt das Ideal von der Weihe der Person vor,
worunter ihre ausschließliche Hingabe an Gott kraft der evangelischen Räte, vor
allem der Keuschheit, der Armut und des Gehorsams, zu verstehen ist. Ihre
vollkommenste Verkörperung ist Jesus Christus selber. Wer ihm auf radikale Weise
nachfolgen will, entscheidet sich für ein Leben nach diesen Räten. Sie
unterscheiden sich von den Geboten und weisen dem Christen den Weg evangelischer
Radikalität. Seit den Anfängen des Christentums schlagen Männer und Frauen
diesen Weg ein, da sich nun das evangelische Ideal an den Menschen, ohne
Unterschied des Geschlechts, wendet.
In diesem weiteren Zusammenhang muß die Jungfräulichkeit als ein Weg auch
für die Frau gesehen werden, ein Weg, auf dem sie anders als in der Ehe ihre
Persönlichkeit als Frau verwirklicht. Um diesen Weg zu verstehen, müssen wir
noch einmal auf die Grundidee der christlichen Anthropologie zurückkommen. In
der freiwillig gewählten Jungfräulichkeit bestätigt sich die Frau als Person,
das heißt als jenes vom Schöpfer von Anfang an um seiner selbst willen gewollte
Wesen,(41) und gleichzeitig realisiert sie den personalen Wert ihres Frauseins,
indem sie zur »aufrichtigen Hingabe« an Gott wird, der sich in Christus
offenbart hat, zu einer Hingabe an Christus, den Erlöser des Menschen und
Bräutigam der Seelen: zu einer »bräutlichen« Hingabe also. Ohne Bezug auf die
bräutliche Liebe läßt sich die Jungfräulichkeit, die Weihe der Frau in der
Jungfräulichkeit, nicht richtig begreifen: Denn in einer solchen Liebe
wird die Person zur Hingabe an den anderen.(42) Im übrigen ist auch die Weihe
des Mannes im priesterlichen Zölibat oder im Ordensstand ähnlich zu verstehen.
Die natürliche bräutliche Veranlagung der fraulichen Persönlichkeit findet in
der so verstandenen Jungfräulichkeit eine Antwort. Die Frau, vom »Anfang« an
dazu berufen, geliebt zu werden und zu lieben, findet in der Berufung zur
Jungfräulichkeit vor allem Christus als den, der als Erlöser durch seine
Hingabe »den Menschen seine Liebe bis zur Vollendung erwies« (vgl. Joh
13, 1), und sie erwidert dieses Geschenk mit einer »aufrichtigen Hingabe«
ihres ganzen Lebens. Sie schenkt sich also dem göttlichen Bräutigam, und diese
ihre persönliche Hingabe strebt nach Vereinigung, die einen wesentlich
geistlichen Charakter hat: Durch das Wirken des Heiligen Geistes wird sie
»ein Geist« mit Christus, dem Bräutigam (vgl. 1 Kor 6, 17).
In diesem evangelischen Ideal der Jungfräulichkeit verwirklichen sich auf
besondere Weise die Würde und die Berufung der Frau. In der so verstandenen
Ehelosigkeit zeigt sich der sogenannte Radikalismus des Evangeliums:
Verlaßt alles und folgt Christus nach (vgl. Mt 19, 27). Das alles läßt
sich nicht mit dem einfachen Ledigsein oder Unverheiratetbleiben vergleichen;
denn die Jungfräulichkeit um des Himmelreiches willen beschränkt sich nicht auf
das bloße »Nein«, sondern enthält ein tiefes »Ja« im bräutlichen Sinne: die
vollkommene und ungeteilte Hingabe aus Liebe.
Geistige Mutterschaft
21. Die Jungfräulichkeit im Sinne des Evangeliums schließt den Verzicht
auf die Ehe und damit auf die leibliche Mutterschaft ein. Doch der Verzicht
auf diese Art der Mutterschaft, die sogar ein großes Opfer für das Herz der Frau
mit sich bringen kann, macht bereit für die Erfahrung einer Mutterschaft anderer
Art: der Mutterschaft »nach dem Geist«
(vgl. Röm 8, 4). Die Jungfräulichkeit nimmt der Frau in der Tat nicht
ihre besonderen Eigenschaften. Geistige Mutterschaft kennt vielfältige Formen.
Im Leben der gottgeweihten Frauen, die zum Beispiel nach dem Charisma und den
Regeln der verschiedenen Gemeinschaften apostolischen Charakters leben, wird sie
sich als Sorge für die Menschen, besonders für die am meisten Bedürftigen
äußern: Kranke, Behinderte, Ausgesetzte, Waisen, alte Menschen, Kinder,
Jugendliche, Gefangene und, allgemein, Existenzen am Rand der Gesellschaft.
Eine Ordensfrau findet auf diese Weise in allen und in jedem einzelnen
den Bräutigam, den einen mit immer anderem Angesicht, wie er selbst gesagt
hat: »Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir
getan« (Mt 25, 40). Die bräutliche Liebe enthält eine besondere
Bereitschaft, sich all jener anzunehmen, die in ihrem Umkreis leben. In der Ehe
besteht diese Bereitschaft, obwohl offen für alle, insbesondere in der Liebe der
Eltern zu ihren Kindern. In der Jungfräulichkeit ist diese Bereitschaft offen
für alle Menschen, die von der Liebe des Bräutigams Christus umfangen sind.
Im Blick auf Christus, den Erlöser aller und jedes einzelnen, ist die
bräutliche Liebe, deren mütterliche Veranlagung sich im Herzen der Frau - der
jungfräulichen Braut - verbirgt, ebenfalls bereit, sich für alle und jeden
einzelnen zu öffnen. Das findet in den Ordensgemeinschaften apostolischen Lebens
seine Bestätigung und ebenso, wenn auch anders, in den Gemeinschaften
beschaulichen Lebens oder den Klausurorden. Es gibt zudem noch weitere Formen
der Berufung zur Jungfräulichkeit um des Himmelreiches willen, wie zum Beispiel
die Säkularinstitute oder die Gemeinschaften von gottgeweihten Menschen, die
innerhalb von Bewegungen, Gruppen und Vereinigungen entstehen und in denen
dieselbe Wahrheit über die geistige Mutterschaft
der in Jungfräulichkeit lebenden Personen eine vielgestaltige Bestätigung
findet. Es handelt sich aber nicht nur um gemeinschaftliche, sondern auch um
private Formen. Schließlich ist die Jungfräulichkeit als Berufung der Frau immer
die Berufung einer Person, einer konkreten und unwiederholbaren Person. Zutiefst
persönlich ist darum auch die geistige Mutterschaft, die in dieser Berufung
spürbar wird.
Auf dieser Grundlage kommt es denn auch zu einer besonderen Annäherung
zwischen der Jungfräulichkeit der unverheirateten Frau und der
Mutterschaft der verheirateten Frau. Eine solche Annäherung geht nicht
nur von der Mutterschaft zur Jungfräulichkeit, wie soeben herausgestellt wurde;
sie verläuft auch von der Jungfräulichkeit zur Ehe, verstanden als Form der
Berufung der Frau, in welcher diese Mutter der aus ihrem Schoß geborenen Kinder
wird. Ausgangspunkt für diese zweite Analogie ist die Bedeutung der
Vermählung. In der Tat ist die Frau »vermählt« entweder durch das
Ehesakrament oder geistlich durch die Vermählung mit Christus. Im einen wie im
anderen Fall zeigt die Vermählung die »aufrichtige Hingabe« der Person der Braut
gegenüber dem Bräutigam an. Auf diese Weise, so kann man sagen, ist das Profil
der Ehe geistig in der Jungfräulichkeit wiederzufinden. Und wenn es sich um die
leibliche Mutterschaft handelt, muß dann nicht vielleicht auch sie zugleich eine
geistige Mutterschaft sein, um der Gesamtwahrheit über den Menschen, der eine
Einheit aus Leib und Geist darstellt, zu entsprechen? Es gibt also viele Gründe,
um in diesen beiden verschiedenen Wegen - zwei verschiedenen Lebensberufungen
der Frau - eine tiefe Komplementarität und geradezu eine tiefe Einheit im
innersten Wesen der Person zu entdecken.
»Meine Kinder, für die ich von neuem Geburtswehen erleide«
22. Das Evangelium offenbart eben diese Möglichkeit der menschlichen
Person und macht sie begreiflich. Das Evangelium hilft jeder Frau und jedem
Mann, sie zu leben und sich so zu verwirklichen. Hinsichtlich der Gaben des
Heiligen Geistes und »der großen Taten Gottes« (vgl.
Apg 2, 11) besteht in der Tat vollständige Gleichheit. Nicht nur das.
Gerade im Hinblick auf »Gottes große Taten« empfindet der Apostel - als Mann -
das Bedürfnis, das, was wesenhaft zum fraulichen Sein gehört, zur Hilfe zu
nehmen, um die Wahrheit über seinen apostolischen Dienst auszudrücken. Genau das
tut Paulus von Tarsus, als er sich an dieGalater
mit den Worten wendet: »Meine Kinder, für die ich von neuem Geburtswehen
erleide« (Gal 4, 19). Im ersten Korintherbrief
(vgl. 7, 38) verkündet der Apostel den Vorrang der Jungfräulichkeit
gegenüber der Ehe, eine ständige Lehre der Kirche im Geist der im
Matthäusevangelium (19, 10-12) wiedergegebenen Worte Christi, ohne jedoch die
Bedeutung der leiblichen und geistigen Mutterschaft zu verdunkeln. Um die
grundlegende Sendung der Kirche zu veranschaulichen, findet er sogar keinen
treffenderen Vergleich als den Bezug auf die Mutterschaft.
Einen Anklang an dieselbe Analogie - und dieselbe Wahrheit - finden wir in
der Dogmatischen Konstitution über die Kirche. Maria ist dort das »Bild« der
Kirche.(43) »Im Geheimnis der Kirche, die ja auch selbst mit Recht Mutter
und Jungfrau genannt wird, ist (...) Maria vorangegangen, da sie in
hervorragender und einzigartiger Weise das Urbild sowohl der Jungfrau wie der
Mutter darstellt (...) Sie gebar (aber) einen Sohn, den Gott gesetzt hat zum
Erstgeborenen unter vielen Brüdern (Röm 8, 29), den Gläubigen nämlich,
bei deren Geburt und Erziehung sie in mütterlicher Liebe mitwirkt«.(44) »Nun
aber wird die Kirche, indem sie Marias geheimnisvolle Heiligkeit betrachtet,
ihre Liebe nachahmt und den Willen des Vaters treu erfüllt, durch die gläubige
Annahme des Wortes Gottes auch selbst Mutter: Durch Predigt und Taufe
nämlich gebiert sie die vom Heiligen Geist empfangenen und aus Gott geborenen
Kinder zu neuem und unsterblichem Leben«.(45) Es handelt sich hier, was die
Söhne und Töchter des Menschengeschlechts betrifft, um eine geistige
Mutterschaft. Eine solche Mutterschaft wird - wie schon gesagt - der Frau auch
in der Jungfräulichkeit zuteil. Auch die Kirche »ist Jungfrau, da sie das
Treuewort, das sie dem Bräutigam gegeben hat, unversehrt und rein bewahrt.(46)
In Maria findet dies seine vollkommenste Erfüllung. Die Kirche »bewahrt (also)
in Nachahmung der Mutter ihres Herrn in der Kraft des Heiligen Geistes
jungfräulich einen unversehrten Glauben, eine feste Hoffnung und eine
aufrichtige Liebe«.(47)
Das Konzil hat bekräftigt, daß sich das Geheimnis der Kirche, ihre
Wirklichkeit, ihre wesentliche Lebenskraft, ohne den Bezug auf die Gottesmutter
unmöglich begreifen läßt. Indirekt finden wir hier den Bezug zum
biblischen Urbild der »Frau«, wie es sich bereits in der Beschreibung des
»Anfangs« (vgl. Gen 3, 15) und dann im ganzen Verlauf von der Schöpfung
über die Sünde bis zur Erlösung klar abzeichnet. Auf diese Weise wird die tiefe
Verbundenheit zwischen dem, was menschlich ist, und dem, was den göttlichen
Heilsplan in der Geschichte des Menschen darstellt, bestätigt. Die Bibel
überzeugt uns davon, daß es ohne eine entsprechende Berufung auf das »frauliche«
Element keine zutreffende Hermeneutik des Menschen und seines Menschseins geben
kann. Ähnliches gilt auch für Gottes Heilsplan: Wenn wir ihn für die ganze
Geschichte des Menschen voll begreifen wollen, dürfen wir das Geheimnis der
»Frau« - Jungfrau, Mutter, Braut - nicht aus dem Blickfeld unseres Glaubens
ausschließen.
VII.
DIE KIRCHE - BRAUT CHRISTI
Das »tiefe Geheimnis«
23. Von grundlegender Bedeutung sind hierbei die Worte aus demEpheserbrief:
»Ihr Männer, liebt eure Frauen, wie Christus die Kirche geliebt und sich für
sie hingegeben hat, um sie im Wasser und durch das Wort rein und heilig zu
machen. So will er die Kirche herrlich vor sich erscheinen lassen, ohne Flecken,
Falten oder andere Fehler; heilig soll sie sein und makellos. Darum sind die
Männer verpflichtet, ihre Frauen so zu lieben wie ihren eigenen Leib. Wer seine
Frau liebt, liebt sich selbst. Keiner hat je seinen eigenen Leib gehaßt, sondern
er nährt und pflegt ihn, wie auch Christus die Kirche. Denn wir sind Glieder
seines Leibes. Darum wird der Mann Vater und Mutter verlassen und sich an seine
Frau binden, und die zwei werden ein Fleisch sein. Dies ist ein tiefes
Geheimnis; ich beziehe es auf Christus und die Kirche« (5, 25, 32).
In diesem Brief spricht der Verfasser die Wahrheit über die Kirche als Braut
Christi aus und weist außerdem darauf hin, daß diese Wahrheit
in der biblischen Wirklichkeit von der Erschaffung des Menschen als Mann und
Frau ihre Wurzel hat. Nach dem Bild und Gleichnis Gottes als »Einheit von
zweien« erschaffen, sind beide zu einer bräutlichen Liebe berufen. Man kann,
wenn man dem Schöpfungsbericht in Gen 2, 18-25 folgt, auch sagen, daß
diese grundlegende Berufung zugleich mit der Erschaffung der Frau offenbar und
vom Schöpfer der Institution der Ehe eingeschrieben wird, die nach Gen 2,
24 von Anfang an den Charakter einer Personengemeinschaft (communio
personarum) besitzt. Wenn auch nicht direkt, weist die Darstellung des
»Anfangs« (vgl. Gen 1, 27 und 2, 24) darauf hin, daß das ganze »Ethos«
der gegenseitigen Beziehungen zwischen Mann und Frau der personalen Wahrheit
ihres Seins entsprechen muß.
Dies alles wurde bereits früher behandelt. Der Text des Briefes an die
Epheser bekräftigt noch einmal die oben dargelegte Wahrheit und vergleicht
dabei den bräutlichen Charakter der Liebe zwischen Mann und Frau mit dem
Geheimnis Christi und der Kirche. Christus ist der Bräutigam der Kirche, die
Kirche ist die Braut Christi. Diese Analogie ist nicht ohne Vorläufer: Sie
überträgt, was bereits im Alten Testament,
besonders bei den Propheten Hosea, Jeremia, Ezechiel und Jesaja(48)
enthalten war, auf das Neue Testament. Die entsprechenden Abschnitte verdienten
eine eigene Darlegung. Wenigstens einen Text wollen wir hier anführen. So
spricht Gott durch den Propheten zu seinem auserwählten Volk: »Fürchte dich
nicht, du wirst nicht beschämt; verzage nicht, du wirst nicht enttäuscht. Daß
man deine jugendliche Schönheit verachtet hat, wirst du vergessen, an die
Schande deiner Witwenschaft wirst du nicht mehr denken. Denn dein Schöpfer
ist dein Gemahl. "Herr der Heere" wird er genannt. Der heilige Gott Israels
ist dein Befreier. "Gott der ganzen Erde" wird er genannt (...) Kann man denn
die Frau verstoßen, die man in der Jugend geliebt hat?, spricht dein Herr. Nur
eine kleine Weile habe ich dich verlassen, doch voller Erbarmen hole ich dich
zurück. Einen Augenblick nur verbarg ich vor dir mein Gesicht in grollendem
Zorn; aber in meiner ewigen Gnade habe ich Erbarmen mit dir, spricht der Herr,
dein Befreier (...) Auch wenn die Berge von ihrem Platz weichen und die Hügel zu
wanken beginnen - meine Gnade wird nie von dir weichen und der Bund meines
Friedens nicht wanken, spricht der Herr, der Erbarmen hat mit dir« (Jes
54, 4-8. 10).
Wenn der Mensch - Mann und Frau - als Abbild und Gleichnis Gottes erschaffen
wurde, kann Gott durch den Mund des Propheten von sich selbst sprechen, indem er
sich der ihrem Wesen nach menschlichen Sprache bedient: In dem zitierten Text
des Jesaja ist die Art, wie die Liebe Gottes ausgedrückt wird, »menschlich«;
aber die Liebe selbst ist göttlich. Als Liebe Gottes hat sie
einen in göttlicher Weise bräutlichen Charakter, auch wenn sie mit der Analogie
der Liebe des Mannes zur Frau ausgedrückt wird. Diese Frau und Braut ist Israel
als das von Gott erwählte Volk, und diese Erwählung hat ihre Quelle
ausschließlich in der spontanen Liebe Gottes. Eben durch diese Liebe läßt sich
der oft als Ehe dargestellte Bund erklären, den Gott immer wieder neu mit seinem
auserwählten Volk schließt. Dieser Bund ist von Gottes Seite her eine bleibende
»Verpflichtung«: Gott bleibt seiner bräutlichen Liebe treu, auch wenn sich seine
Braut wiederholt als untreu erwiesen hat.
Dieses Bild von der bräutlichen Liebe zusammen mit der Gestalt des
göttlichen Bräutigams - ein sehr klares Bild in den prophetischen Texten -
findet im Epheserbrief (5, 23-32) seine Bestätigung und Krönung.Christus
wurde von Johannes dem Täufer als Bräutigam begrüßt (vgl. Joh 3,
27-29); ja, Christus selbst wendet diesen aus den Propheten genommenen Vergleich
auf sich an (vgl. Mk 2, 19-20). Der Apostel Paulus, der das Erbe des
Alten Testaments in sich trägt, schreibt an die Korinther:
»Denn ich liebe euch mit der Eifersucht Gottes; ich habe euch einem einzigen
Mann verlobt, um euch als reine Jungfrau zu Christus zu führen« (2 Kor
11, 2). Die vollständigste Formulierung der Wahrheit über die Liebe Christi, des
Erlösers, nach der Analogie einer bräutlichen Liebe findet sich jedoch im
Epheserbrief: »Christus hat die Welt geliebt und sich für sie hingegeben«
(5, 25); damit wird voll bestätigt, daß die Kirche die Braut Christi ist: »Der
heilige Gott Israels ist dein Befreier« (Jes 54, 5). Im Text des Paulus
zielt die Analogie der bräutlichen Beziehung gleichzeitig in zwei Richtungen,
die zusammen das »tiefe Geheimnis« (sacramentum magnum) bilden. Der Bund
der Eheleute »erklärt« den bräutlichen Charakter der Verbundenheit Christi mit
der Kirche; und diese Verbundenheit als »tiefes Geheimnis« und »Sakrament«
entscheidet ihrerseits über die Sakramentalität der Ehe als eines heiligen
Bundes der beiden Brautleute, des Mannes und der Frau. Beim Lesen dieses reichen
und vielschichtigen Textes, der als Ganzes eine große Analogie ist,
müssen wir unterscheiden
zwischen dem, was darin die menschliche Wirklichkeit der interpersonalen
Beziehungen, und dem, was in symbolischer Sprache das tiefe göttliche
»Geheimnis« ausdrückt.
Die evangelische »Neuheit«
24. Der Text wendet sich an die Eheleute als konkrete Frauen und Männer und
erinnert sie an das »Ethos« der bräutlichen Liebe, das auf die Einsetzung der
Ehe durch Gott »im Anfang« zurückgeht. Der Wahrheit dieser Einsetzung entspricht
die Aufforderung: »Ihr Männer, liebt eure Frauen«; liebt sie auf Grund
jenes besonderen und einzigen Bandes, durch welches der Mann und die Frau in der
Ehe »ein Fleisch« werden (Gen 2, 24; Eph 5, 31). In dieser Liebe haben
wir eine grundlegende Bejahung der Frau als Person, eine Bejahung, dank
derer sich die frauliche Persönlichkeit voll entfalten und vertiefen kann.
Genauso handelt Christus als Bräutigam der Kirche, wenn er sie »herrlich, ohne
Flecken oder Falten« sehen will (Eph 5, 27). Man kann sagen, hier ist
alles voll aufgenommen, was den »Stil« Christi im Umgang mit der Frau ausmacht.
Der Gatte müßte sich die Elemente dieses Stils gegenüber seiner Ehefrau zu eigen
machen; und ähnlich sollte es der Mann in jeder Lage der Frau gegenüber tun. So
leben alle zwei, Mann und Frau, die »aufrichtige Selbsthingabe«.
Der Verfasser des Epheserbriefes sieht keinen Widerspruch zwischen
einer so formulierten Aufforderung und der Feststellung, daß »sich die Frauen
ihren Männern unterordnen sollen wie dem Herrn (Christus); denn der Mann ist das
Haupt der Frau« (vgl. 5, 22-23). Der Verfasser weiß, daß diese Auflage,
die so tief in der Sitte und religiösen Tradition der Zeit verwurzelt ist, in
neuer Weise verstanden und verwirklicht werden muß: als ein »gegenseitiges
Sich-Unterordnen in der gemeinsamen Ehrfurcht vor Christus« (vgl. Eph
5, 21). Um so mehr, da der Ehemann »Haupt« der Frau genannt wird, wie
Christus Haupt der Kirche ist, und das ist er eben, um »sich für sie« hinzugeben
(vgl. Eph 5, 25); und sich für sie hinzugeben bedeutet, sogar das eigene
Leben hinzugeben. Aber während die Unterordnung in der Beziehung Christus -
Kirche nur die Kirche betrifft, ist diese »Unterordnung« in der Beziehung Gatte
- Gattin nicht einseitig, sondern gegenseitig. Das stellt im Verhältnis zum
»Alten« ganz offensichtlich ein »Neues« dar: Es ist das »Neue« des Evangeliums.
Wir begegnen mehreren Stellen, wo die apostolischen Schriften dieses »Neue« zum
Ausdruck bringen, auch wenn in ihnen das »Alte«, das, was auch in der religiösen
Tradition Israels, in seiner Weise des Verständnisses und der Auslegung der
heiligen Texte, wie zum Beispiel von
Gen 2, verwurzelt ist, durchaus noch spürbar ist.(49)
Die Briefe der Apostel sind an Personen gerichtet, die in einem Milieu leben,
wo alle in gleicher Weise denken und handeln. Das »Neue«, das Christus bringt,
ist eine Tatsache: Es bildet den eindeutigen Inhalt der evangelischen Botschaft
und ist Frucht der Erlösung. Zugleich aber muß sich das Bewußtsein, daß es in
der Ehe die gegenseitige »Unterordnung der Eheleute in der gemeinsamen Ehrfurcht
vor Christus« gibt und nicht nur die Unterordnung der Frau gegenüber dem Mann,
den Weg in die Herzen und Gewissen, in das Verhalten und die Sitten bahnen.
Dieser Appell hat seit damals nicht aufgehört, auf die einander folgenden
Generationen einzuwirken; es ist ein Appell, den die Menschen immer wieder von
neuem annehmen müssen. Der Apostel schreibt nicht nur: »In Jesus Christus gibt
es nicht mehr Mann und Frau (...)«, sondern auch: »Es gibt nicht mehr Sklaven
und Freie« (Gal 3, 28). Und doch, wie viele Generationen hat es
gebraucht, bis sich ein solcher Grundsatz in der Menschheitsgeschichte in der
Abschaffung der Sklaverei verwirklicht hat! Und was soll man zu so vielen Formen
sklavenhafter Abhängigkeit von Menschen und Völkern sagen, die bis heute nicht
aus dem Weltgeschehen verschwunden sind?
Die Herausforderung des »Ethos« der Erlösung hingegen ist klar und
endgültig. Sämtliche Gründe für die »Unterordnung« der Frau gegenüber dem Mann
in der Ehe müssen im Sinne einer »gegenseitigen Unterordnung« beider »in der
Ehrfurcht vor Christus« gedeutet werden. Das Maß der echten bräutlichen Liebe
hat seine tiefste Quelle in Christus, dem Bräutigam der Kirche, seiner Braut.
Die symbolische Dimension des »tiefen Geheimnisses«
25. Im Text des Epheserbriefes begegnen wir einer zweiten Dimension
jener Analogie, die als ganze der Offenbarung des »tiefen Geheimnisses« dienen
soll. Es handelt sich um ihre symbolische Dimension. Wenn die Liebe
Gottes zum Menschen und zum auserwählten Volk Israel von den Propheten als die
Liebe des Gemahls zu seiner Frau dargestellt wird, bringt eine solche Analogie
die »bräutliche« Qualität und den göttlichen und nicht menschlichen Charakter
von Gottes Liebe zum Ausdruck: »Dein Schöpfer ist dein Gemahl (...). Gott der
ganzen Erde wird er genannt« (Jes 54, 5). Dasselbe gilt auch von der
bräutlichen Liebe Christi, des Erlösers: »Denn Gott hat die Welt so sehr
geliebt, daß er seinen einzigen Sohn hingab« (Joh 3, 16). Es handelt sich
also um die Liebe Gottes, die durch die von Christus vollbrachte Erlösung zum
Ausdruck kommt. Nach dem Paulusbrief ist diese Liebe der bräutlichen Liebe
menschlicher Eheleute »ähnlich«, aber natürlich nicht »gleich«. Denn die
Analogie weist auf eine Ähnlichkeit hin, läßt aber zugleich der
Nicht-Ähnlichkeit angemessenen Raum.
Sie ist leicht festzustellen, wenn wir die Gestalt der »Braut« betrachten.
Nach dem Epheserbrief ist jene Braut die Kirche, so wie für die
Propheten die Braut Israel war: Sie ist also ein kollektives Subjekt, nicht
eine Einzelperson. Dieses kollektive Subjekt ist das Volk Gottes, das heißt
eine aus vielen Personen, Frauen wie Männern, zusammengesetzte Gemeinschaft.
»Christus hat die Kirche geliebt« gerade als Gemeinschaft, als Volk Gottes; und
zugleich hat er in dieser Kirche, die im selben Abschnitt auch sein »Leib«
genannt wird (vgl. Eph 5, 23), jede einzelne Person geliebt. Denn
Christus hat alle ohne Ausnahme, jeden Mann und jede Frau, erlöst. In der
Erlösung drückt sich gerade diese Liebe Gottes aus und gelangt ihr bräutlicher
Charakter in der Geschichte des Menschen und der Welt zur Vollendung.
Christus ist in diese Geschichte eingetreten und bleibt in ihr als der
Bräutigam, der »sich (für sie) hingegeben hat«. »Hingeben« heißt hier, auf
vollkommenste und radikalste Weise »zu einer aufrichtigen Hingabe werden«: »Es
gibt keine größere Liebe als diese« (Joh
15, 13). In dieser Auffassung sind durch die Kirche alle Menschen - Frauen
wie Männer - berufen, »Braut« Christi, des Erlösers der Welt, zu sein. So
wird das »Braut-Sein« und damit das »Frauliche« zum Symbol alles »Menschlichen«,
wie Paulus sagt: »Es gibt nicht mehr Mann und Frau; denn ihr alle seid
"einer" in Christus Jesus« (Gal 3, 28).
Vom sprachlichen Standpunkt her kann man sagen, daß die Analogie der
bräutlichen Liebe nach dem Epheserbrief das, was »männlich« ist, auf das
zurückführt, was »fraulich« ist, da als Glieder der Kirche auch die Männer in
den Begriff der »Braut« einbezogen werden. Und das darf uns nicht wundern;
spricht doch der Apostel, um seine Sendung für Christus und an der Kirche zu
formulieren, von den »Kindern, für die er von neuem Geburtswehen erleidet« (vgl.
Gal 4, 19). Im Bereich des »Menschlichen«, dessen, was den Menschen als
Person ausmacht, unterscheiden sich das »Mannsein« und das »Frausein«,
und zugleich ergänzen und erklären sie sich gegenseitig. Das ist auch
in der großen Analogie von der »Braut« im Epheserbrief
gegenwärtig. In der Kirche ist jeder einzelne Mensch - Mann und Frau - die
»Braut«, weil sie die Liebe Christi, des Erlösers, als Hingabe erfährt und ihr
durch die Hingabe der eigenen Person zu antworten sucht.
Christus ist der Bräutigam. Darin drückt sich die Wahrheit über die
Liebe Gottes aus, der »zuerst« geliebt hat (vgl. 1 Joh 4, 19) und mit der
von dieser bräutlichen Liebe zum Menschen bewirkten Hingabe alle menschlichen
Erwartungen übertroffen hat: »Er erwies ihnen seine Liebe bis zur Vollendung« (Joh
13, 1). Der Bräutigam - der mit Gott Vater wesensgleiche Sohn - ist der Sohn
Marias geworden, »Menschensohn« und wahrer Mensch, ein Mann. Das Symbol des
Bräutigams ist männlichen Geschlechts. In diesem männlichen Symbol ist der
menschliche Charakter jener Liebe dargestellt, in der Gott seiner göttlichen
Liebe zu Israel, zur Kirche, zu allen Menschen Ausdruck gegeben hat. Aus unserer
Betrachtung dessen, was die Evangelien über das Verhalten Christi gegenüber den
Frauen berichten, können wir schließen, daß er als Mann, als Sohn
Israels, die Würde der »Töchter Abrahams« (vgl.
Lk 13, 16), die Würde, welche die Frau am »Anfang«
ebenso besessen hat wie der Mann, offenbar gemacht hat. Und
zugleich hat Christus die ganze Eigenart, die die Frau vom Mann unterscheidet,
den ganzen Reichtum, der ihr im Schöpfungsgeheimnis geschenkt wurde,
hervorgehoben. Im Verhalten Christi gegenüber der Frau findet sich in
vorbildlicher Weise verwirklicht, was der Epheserbrief mit dem Begriff
»Bräutigam« ausdrückt. Gerade weil die göttliche Liebe Christi die Liebe eines
Bräutigams ist, wird sie zum Vorbild und Beispiel jeder menschlichen Liebe,
insbesondere aber der Liebe der Männer.
Die Eucharistie
26. Vor dem weiten Hintergrund des »tiefen Geheimnisses«, das in der
bräutlichen Beziehung zwischen Christus und der Kirche zum Ausdruck kommt, ist
es möglich, in entsprechender Weise auch die Berufung der »Zwölf« zu begreifen.
Wenn Christus nur Männer zu seinen Aposteln berief, tat er das völlig
frei und unabhängig. Er tat es mit derselben Freiheit, mit der er in seinem
Gesamtverhalten die Würde und Berufung der Frau betonte, ohne sich nach den
herrschenden Sitten und nach der auch von der Gesetzgebung der Zeit gebilligten
Tradition zu richten. Daher entspricht die Hypothese, er habe Männer zu Aposteln
berufen, indem er der damals verbreiteten Mentalität folgte, ganz und gar nicht
der Handlungsweise Christi. »Meister, wir wissen, daß du immer die Wahrheit
sagst und wirklich den Weg Gottes lehrst (...), denn du siehst nicht auf die
Person« (Mt 22, 16). Diese Worte beschreiben vollständig das Verhalten
Jesu von Nazaret. Darin liegt auch eine Erklärung für die Berufung der
»Zwölf«. Sie sind während des Letzten Abendmahles bei Christus; sie allein
empfangen im Zusammenhang mit der Einsetzung der Eucharistie den sakramentalen
Auftrag: »Tut dies zu meinem Gedächtnis!« (Lk 22, 19; 1 Kor 11,
24). Sie empfangen am Abend des Auferstehungstages den Heiligen Geist, um die
Sünden zu vergeben: »Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben; wem ihr
die Vergebung verweigert, dem ist sie verweigert« (Joh 20, 23).
Wir befinden uns hier mitten im Ostergeheimnis, das Gottes bräutliche Liebe
zutiefst offenbart. Christus ist der Bräutigam, weil er »sich hingegeben hat«:
Sein Leib wurde »hingegeben«, sein Blut wurde »vergossen« (vgl. Lk 24,
19. 20). So hat er »seine Liebe bis zur Vollendung erwiesen« (Joh 13, 1).
Die »aufrichtige Hingabe«, die im Kreuzesopfer enthalten ist, hebt endgültig den
bräutlichen Sinn der Liebe Gottes hervor. Christus ist als Erlöser der Welt der
Bräutigam der Kirche. Die Eucharistie ist das Sakrament unserer Erlösung.
Sie ist das Sakrament des Bräutigams und der Braut. Die Eucharistie
vergegenwärtigt und verwirklicht auf sakramentale Weise aufs neue den
Erlösungsakt Christi, der die Kirche als seinen Leib »erschafft«. Mit diesem
»Leib« ist Christus verbunden wie der Bräutigam mit der Braut. Alle diese
Aussagen sind im Brief an die Epheser enthalten. In dieses »tiefe
Geheimnis« Christi und der Kirche wird die seit dem »Anfang« von Mann und Frau
gebildete bleibende »Einheit der zwei« eingefügt.
Wenn Christus nun die Eucharistie bei ihrer Einsetzung so ausdrücklich mit
dem priesterlichen Dienst der Apostel verbunden hat, darf man annehmen, daß er
auf diese Weise die gottgewollte Beziehung zwischen Mann und Frau, zwischen dem
»Fraulichen« und dem »Männlichen«, sowohl im Schöpfungsgeheimnis wie im
Geheimnis der Erlösung ausdrücken wollte. Vor allem in der Eucharistie
wird ja in sakramentaler Weise der Erlösungsakt Christi, des Bräutigams,
gegenüber der Kirche, seiner Braut, ausgedrückt. Das wird dann durchsichtig
und ganz deutlich, wenn der sakramentale Dienst der Eucharistie, wo der Priester
»in persona Christi« handelt, vom Mann vollzogen wird. Diese Deutung
bestätigt die Lehre der im Auftrag Pauls VI. veröffentlichten Erklärung Inter
Insigniores, die Antwort geben sollte auf die Frage nach der Zulassung der
Frauen zum Priesteramt.(50)
Die Hingabe der Braut
27. Das II. Vatikanische Konzil hat in der Kirche das Bewußtsein des
allgemeinen Priestertums erneuert. Im Neuen Bund gibt es nur ein Opfer und nur
einen Priester: Christus. An diesem einen Priestertum Christi haben alle
Getauften, Männer wie Frauen, teil, denn sie »sollen sich als
lebendige, heilige, Gott wohlgefällige Opfergabe darbringen« (vgl.Röm
12, 1), überall von Christus Zeugnis geben und allen, die es fordern,
Rechenschaft ablegen von ihrer Hoffnung auf das ewige Leben (vgl. 1
Petr 3, 15)«.(51) Die allgemeine Teilhabe am Opfer Christi, in dem der
Erlöser dem Vater die ganze Welt und insbesondere die Menschheit dargebracht
hat, bewirkt, daß alle in der Kirche »Könige und Priester« sind (Offb 5,
10; vgl. 1 Petr 2, 9), das heißt, nicht nur an der priesterlichen,
sondern auch an der prophetischen und königlichen Sendung Christi, des Messias,
teilhaben. Diese Teilhabe bestimmt ferner die organische Verbundenheit der
Kirche als Volk Gottes mit Christus. In ihr kommt zugleich das »tiefe Geheimnis«
des Epheserbriefes zum Ausdruck: die mit ihrem Bräutigam vereinte
Braut; vereint, weil sie sein Leben lebt; vereint, weil sie an seiner
dreifachen Sendung (tria munera Christi) teilhat; vereint in einer
Weise, daß sie mit ihrer »aufrichtigen Hingabe« das unermeßliche Geschenk
der Liebe des Bräutigams,
des Erlösers der Welt, erwidert. Das betrifft alle in der Kirche,
Frauen ebenso wie Männer, und es betrifft natürlich auch jene, die am
Amtspriestertum teilhaben, das Dienstcharakter besitzt.(52) Vor dem »tiefen
Geheimnis« Christi und der Kirche sind alle aufgerufen, wie eine Braut mit der
Gabe ihres Lebens auf die unermeßliche Hingabe der Liebe Christi zu antworten,
der als Erlöser der Welt allein der Bräutigam der Kirche ist. Im »königlichen
Priestertum«, das allgemein ist, drückt sich zugleich die Hingabe der Braut aus.
Das ist von grundlegender Bedeutung, um die Kirche in ihrem eigentlichen
Wesen zu begreifen und dabei die Übertragung von Verständnis- und
Bewertungskriterien, die nichts mit ihr zu tun haben, auf diese Kirche - auch
als eine aus Menschen bestehende und in die Geschichte eingegliederte
»Institution« - zu vermeiden. Sie besitzt zwar eine »hierarchische«
Struktur;(53) doch diese ist ganz für die Heiligkeit der Glieder Christi
bestimmt. Diese Heiligkeit wird aber an dem »tiefen Geheimnis« gemessen, in dem
die Braut mit der Hingabe der Liebe die Hingabe des Bräutigams erwidert, und das
tut sie »im Heiligen Geist«; »denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere
Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist« (Röm 5, 5). Das II.
Vatikanische Konzil hat, indem es die Lehre der gesamten Überlieferung
bestätigte, daran erinnert, daß in der Hierarchie der Heiligkeit gerade die
»Frau«,
Maria aus Nazaret, das »Bild« der Kirche ist. Sie geht allen auf dem Weg zur
Heiligkeit voran; in ihrer Person hat die Kirche bereits ihre Vollkommenheit
erreicht, dank derer sie »herrlich, ohne Flecken, Falten oder andere Fehler
erscheint (vgl. Eph 5, 27)«.(54) In diesem Sinne, so kann man sagen, ist
die Kirche zugleich »marianisch« und »apostolisch-petrinisch«.(55)
In der Geschichte der Kirche gab es seit den frühesten Zeiten - neben den
Männern - zahlreiche Frauen, in denen die Antwort der Braut auf die
erlösende Liebe des Bräutigams ihre volle Ausdruckskraft erlangte. Als erste
sehen wir jene Frauen, die Christus persönlich begegnet und ihm gefolgt waren
und nach seinem Abschied zusammen mit den Aposteln im Abendmahlssaal von
Jerusalem »einmütig im Gebet verharrten« bis zum Pfingsttag. An jenem Tag redete
der Heilige Geist durch »Söhne und Töchter« des Gottesvolkes und erfüllte so,
was der Prophet Joël vorausgesagt hatte (vgl. Apg 2, 17). Jene Frauen und später
noch andere
hatten durch ihre Gnadengaben und ihren vielfältigen Dienst einen aktiven und
wichtigen Anteil am Leben der Urkirche, an der Grundlegung der ersten und
der nachfolgenden christlichen Gemeinden. Die apostolischen Schriften nennen
ihre Namen, wie z.B. »Phöbe, die Dienerin der Gemeinde von Kenchreä« (vgl.
Röm 16, 1), Priska mit ihrem Gatten Aquila (vgl. 2 Tim 4, 19), Evodia
und Syntyche (vgl. Phil 4, 2), Maria, Tryphäna, Persis, Tryphosa (vgl.
Röm 16, 6. 12). Der Apostel spricht von ihren »Mühen« um Christi willen:
Diese weisen auf die verschiedenen Bereiche des apostolischen Dienstes der
Kirche hin, angefangen bei der »Hauskirche«. In ihr nämlich geht der
»aufrichtige Glaube« von der Mutter auf die Kinder und Enkel über, genauso wie
es im Haus des Timotheus der Fall war (vgl. 2 Tim 1, 5).
Dasselbe wiederholt sich im Laufe der Jahrhunderte von Generation zu
Generation, wie die Kirchengeschichte bezeugt. In der Tat hat die Kirche,
indem sie für die Würde der Frau und ihre Berufung eintrat, Verehrung und
Dankbarkeit für jene zum Ausdruck gebracht, die - in Treue zum Evangelium - zu
allen Zeiten an der apostolischen Sendung des ganzen Gottesvolkes teilgenommen
haben. Es handelt sich um heilige Märtyrerinnen, Jungfrauen, Mütter, die mutig
ihren Glauben bezeugt und dadurch, daß sie ihre Kinder im Geist des Evangeliums
erzogen, den Glauben und die Überlieferung der Kirche weitergegeben haben.
In jedem Zeitalter und in jedem Land finden wir zahlreiche »tüchtige« Frauen
(vgl. Spr 31, 10), die trotz Verfolgungen, Schwierigkeiten und
Diskriminierungen an der Sendung der Kirche teilgenommen haben. Es seien hier
nur erwähnt: Monika, die Mutter des Augustinus, Makrina, Olga von Kiew, Mathilde
von Toscana, Hedwig von Schlesien und Hedwig von Krakau, Elisabeth von
Thüringen, Brigitta von Schweden, Jeanne d'Arc, Rosa von Lima, Elisabeth Seton
und Mary Ward.
Das Zeugnis und die Taten christlicher Frauen haben sich prägend auf das
Leben von Kirche und Gesellschaft ausgewirkt. Selbst unter schweren
gesellschaftlichen Diskriminierungen haben die heiligen Frauen, durch ihre
Verbundenheit mit Christus gestärkt, »frei« gehandelt. Aus einer ähnlichen
Verbundenheit und in Gott verwurzelten Freiheit erklären sich zum Beispiel das
große Wirken der hl. Katharina von Siena im öffentlichen Leben der Kirche und
der hl. Theresia von Avila im kontemplativen Ordensleben.
Auch in unseren Tagen wird die Kirche noch immer durch das Zeugnis
zahlreicher Frauen bereichert, die ihre Berufung zur Heiligkeit verwirklichen.
Heiligmäßige Frauen sind eine Verkörperung des weiblichen Ideals; sie sind aber
auch ein Vorbild für alle Christen, ein Vorbild der »Nachfolge Christi«, ein
Beispiel dafür, wie die Braut die Liebe des Bräutigams in Liebe erwidern soll.
VIII.
AM GRÖSSTEN IST DIE LIEBE
Angesichts von Veränderungen
28. »Die Kirche aber glaubt: Christus, der für alle starb und auferstand,
schenkt dem Menschen Licht und Kraft durch seinen Geist, damit er seiner
höchsten Berufung nachkommen kann«.(56) Diese Worte aus der Konzilskonstitution
Gaudium et Spes können wir auf das Thema der vorliegenden Überlegungen
beziehen. Der besondere Hinweis auf die Würde der Frau und ihre Berufung in
unserer heutigen Zeit kann und muß in dem »Licht« und mit der »Kraft«
aufgenommen werden, die der Geist Christi dem Menschen schenkt: auch dem
Menschen unserer, an vielfältigen Wandlungen so reichen Zeit. Die Kirche »glaubt
(...), daß in ihrem Herrn und Meister der Schlüssel, der Mittelpunkt und das
Ziel« des Menschen, ja »der ganzen Menschheitsgeschichte gegeben ist«, und sie
»bekennt überdies, daß allen Wandlungen vieles Unwandelbare zugrunde liegt,
was seinen letzten Grund in Christus hat, der derselbe ist gestern, heute
und in Ewigkeit«.(57)
Mit diesen Worten weist uns die Konstitution über die Kirche in der Welt von
heute den Weg, der einzuschlagen ist, wenn wir uns den Aufgaben bezüglich der
Würde der Frau und ihrer Berufung vor dem Hintergrund der für unsere Zeit
bedeutsamen Veränderungen stellen. Wir können uns mit diesen Wandlungen nur dann
auf korrekte und angemessene Weise auseinandersetzen,
wenn wir auf den Grund zurückgehen, der in Christus gegeben ist, zu jenen
Wahrheiten und »unwandelbaren« Werten, deren »treuer Zeuge« (vgl. Offg
1, 5) und Meister er selbst ist. Eine andere Vorgangsweise würde zu
zweifelhaften, wenn nicht sogar zu falschen und trügerischen Ergebnissen führen.
Die Würde der Frau und die Ordnung der Liebe
29. Der bereits angeführte Abschnitt aus dem Epheserbrief (5, 21-23),
wo die Beziehung zwischen Christus und der Kirche als Band zwischen dem
Bräutigam und der Braut dargestellt wird, nimmt auch Bezug auf die Einsetzung
der Ehe nach den Worten der Genesis (vgl. 2, 24). Er verbindet die
Wahrheit über die Ehe als Sakrament des »Anfangs« mit der Erschaffung von Mann
und Frau nach dem Bild und Gleichnis Gottes (vgl. Gen 1, 27; 5, 1). Durch
diesen bedeutsamen Vergleich des Epheserbriefes gewinnt seine volle Klarheit,
was für die Würde der Frau sowohl in den Augen Gottes - des Schöpfers und
Erlösers - als auch in den Augen des Menschen - des Mannes und der Frau -
entscheidend ist. Auf der Grundlage des ewigen Planes Gottes ist die Frau
diejenige, in der die Ordnung der Liebe in der geschaffenen Welt der Personen
das Erdreich für ihr erstes Wurzelfassen findet. Die Ordnung der Liebe gehört
zum inneren Leben Gottes selbst, zum Leben des dreifaltigen Gottes. Im inneren
Leben Gottes ist der Heilige Geist die personhafte Verkörperung der Liebe. Durch
den Geist, die ungeschaffene Gabe, wird die Liebe zu einer Gabe für alle
geschaffenen Personen. Die Liebe, die von Gott ist, teilt sich den Geschöpfen
mit: »Die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen
Geist, der uns gegeben ist« (Röm 5, 5).
Die Berufung der Frau zur Existenz neben dem Manne (»eine Hilfe, die ihm
entspricht«: Gen 2, 18) in der »Einheit der zwei« bietet in der
sichtbaren Welt der Geschöpfe besondere Voraussetzungen, damit »die Liebe Gottes
ausgegossen wird in die Herzen« der nach seinem Bild geschaffenen Wesen. Wenn
der Verfasser des Epheserbriefes Christus einen Bräutigam und die Kirche
eine Braut nennt, bestätigt er mit dieser Analogie indirekt die Wahrheit über
die Frau als Braut. Der Bräutigam ist der Liebende. Die Braut wird geliebt:
Sie empfängt die Liebe, um ihrerseits zu lieben.
Der Abschnitt der Genesis - neu gelesen im Licht der bräutlichen
Symbolik des Epheserbriefes - läßt uns eine Wahrheit schauen, die für die
Frage der Würde der Frau und so auch für ihre Berufung entscheidend zu sein
scheint: Die Würde der Frau wird von der Ordnung der Liebe bestimmt, die
im wesentlichen eine Ordnung von Gerechtigkeit und Nächstenliebe ist.(58)
Nur die Person kann lieben, und nur die Person kann geliebt werden. Das ist
zunächst eine ontologische Feststellung, aus der sich dann eine Feststellung
ethischen Charakters ergibt. Die Liebe ist ein ontologisches und ethisches
Bedürfnis der Person. Die Person muß geliebt werden; denn allein die Liebe
entspricht dem, was eine Person ist. So erklärt sich das
Liebesgebot, das bereits im Alten Testament bekannt ist (vgl. Dtn
6, 5; Lev 19, 18) und von Christus in den Mittelpunkt des
evangelischen Ethos gestellt wird (vgl. Mt 22, 36-40; Mk 12,
28-34). So erklärt sich auch jener Vorrang der Liebe, der von Paulus im
ersten Korintherbrief ausgesprochen wird: »Am größten ist die Liebe« (vgl
13, 13).
Ohne Anwendung dieser Ordnung und dieses Vorranges ist eine vollständige und
zutreffende Antwort auf die Frage nach der Würde und Berufung der Frau gar nicht
möglich. Wenn wir sagen, die Frau empfängt Liebe, um ihrerseits zu lieben,
meinen wir nicht nur oder vor allem die der Ehe eigene bräutliche Beziehung. Wir
meinen damit etwas Universaleres, das sich auf die Tatsache selbst des Frauseins
in den interpersonalen Beziehungen gründet, die dem Zusammenleben und -wirken
der Personen, von Männern und Frauen, die verschiedenste Gestalt verleihen. In
diesem weiten und differenzierten Zusammenhang stellt die Frau einen
Eigenwert dar als menschliche Person und gleichzeitig als jene konkrete
Person in ihrem Frausein. Das trifft auf alle Frauen und auf jede
einzelne von ihnen zu, unabhängig von dem kulturellen Rahmen, in dem jede sich
befindet, und unabhängig von ihren geistigen, psychischen und körperlichen
Merkmalen, wie zum Beispiel Alter, Bildung, Gesundheit, Arbeit, verheiratet oder
ledig.
Der Abschnitt des Epheserbriefes läßt uns an eine Art von besonderem
»Prophetentum« der Frau in ihrer Fraulichkeit denken. Die Analogie des
Bräutigams und der Braut spricht von der Liebe, mit der jeder Mensch, jeder Mann
und jede Frau, von Gott in Christus geliebt wird. Doch im Rahmen der biblischen
Analogie und auf Grund der inneren Logik des Textes ist es gerade die Frau, die
diese Wahrheit allen offenbar macht: die Braut. Dieses »prophetische« Merkmal
der Frau in ihrer Fraulichkeit findet seinen erhabensten Ausdruck in der
Jungfrau und Gottesmutter. Bei ihr wird auf vollkommenste und unmittelbarste
Weise die innige Vereinigung der Ordnung der Liebe - die durch eine Frau in die
Welt der menschlichen Personen einzieht - mit dem Heiligen Geist deutlich. Maria
vernimmt bei der Verkündigung: »Der Heilige Geist wird über dich kommen« (Lk
1, 35).
Das Bewußtsein von einer Sendung
30. Die Würde der Frau ist eng verbunden mit der Liebe, die sie gerade in
ihrer Fraulichkeit empfängt, und ebenso mit der Liebe, die sie ihrerseits
schenkt. So wird die Wahrheit über die Person und über die Liebe bestätigt.
Was die Wahrheit über die Person betrifft, müssen wir noch einmal auf das II.
Vatikanische Konzil zurückkommen: »Der Mensch, der auf Erden die einzige von
Gott um ihrer selbst willen gewollte Kreatur ist, kann sich selbst nur durch die
aufrichtige Hingabe seiner selbst vollkommen finden«.(59) Das gilt für jeden
Menschen als nach Gottes Bild geschaffene Person, für den Mann ebenso wie für
die Frau. Die hier enthaltene ontologische Aussage weist auch auf die ethische
Dimension der Berufung der Person hin. Die Frau kann sich nicht selbst
finden, wenn sie nicht den anderen ihre Liebe schenkt.
Am »Anfang« ist die Frau - wie der Mann - von Gott geschaffen und in diese
Ordnung der Liebe »hineingestellt« worden. Die Ursünde hat diese Ordnung nicht
zerstört und nicht rettungslos aufgehoben. Das beweisen die Bibelworte des
Protoevangeliums (vgl. Gen 3, 15).Wir haben in den vorliegenden
Betrachtungen gesehen, welchen einmaligen Platz die »Frau«
in diesem entscheidenden Text der Offenbarung einnimmt. Es sei außerdem
betont, daß dieselbe »Frau«, die zum biblischen »Urbild« wird, auch in der von
der Offenbarung des Johannes zum Ausdruck gebrachten eschatologischen
Perspektive der Welt und des Menschen ihren Platz hat.(60) Sie ist dort »eine
Frau, mit der Sonne bekleidet«, den Mond unter ihren Füßen und einen Kranz
von zwölf Sternen auf ihrem Haupt (vgl. Offb. 12, 1). Man kann sagen:
eine Frau in kosmischer Dimension, auf das gesamte Schöpfungswerk bezogen.
Zugleich aber »ist sie schwanger und schreit unter ihren Geburtswehen« (Offb
12, 2) wie Eva, die »Mutter aller Lebendigen« (vgl. Gen 3, 20). Sie
leidet auch, weil »vor der Frau, die gebären soll, der Drache steht« (vgl.
Offb 12, 4), »der große Drache, die alte Schlange« (vgl. Offb 12, 9),
die wir schon aus dem Protoevangelium kennen: der Böse als der »Vater der Lüge«
und der Sünde (vgl. Joh 8, 44). Die »alte Schlange« will »ihr Kind (das
Kind der Frau) verschlingen« (vgl. Offb 12, 4). Wenn wir in diesem Text
einen Widerschein des Kindheitsevangeliums (vgl. Mt 2, 13. 16) sehen,
können wir meinen, daß zum biblischen »Urbild« der »Frau« vom Beginn der
Geschichte bis zu ihrem Ende der Kampf gegen das Böse und den Bösen in Person
gehört. Es ist dies auch der Kampf um den Menschen, um sein wahres Wohl, um
sein Heil. Will uns die Bibel damit nicht sagen, daß die Geschichte gerade
in der »Frau«, in Eva und Maria, einen dramatischen Kampf um jeden Menschen
verzeichnet? Den Kampf um sein grundlegendes »Ja« oder »Nein« zu Gott und zu
seinem ewigen Plan für den Menschen?
Wenn die Würde der Frau von der Liebe zeugt, die sie empfängt, um ihrerseits
zu lieben, scheint das biblische Urbild der »Frau« auch
die rechte Ordnung der Liebe zu enthüllen, welche die eigentliche
Berufung der Frau darstellt. Es handelt sich hier um die Berufung in ihrer
fundamentalen und geradezu universalen Bedeutung, die dann konkrete Gestalt
annimmt und in den vielfältigen »Berufungen« der Frau in Kirche und Welt zum
Ausdruck kommt.
Die moralische Kraft der Frau und ihre geistige Kraft verbinden sich mit dem
Bewußtsein, daß Gott ihr in einer besonderen Weise den Menschen anvertraut.
Natürlich vertraut Gott jeden Menschen allen und jedem einzelnen an. Doch dieses
Anvertrauen betrifft in besonderer Weise die Frau - eben wegen ihrer
Fraulichkeit -, und es entscheidet in besonderer Weise über ihre Berufung.
Die aus diesem Bewußtsein und diesem Anvertrauen geschöpfte moralische Kraft
der Frau findet in zahlreichen Frauengestalten aus dem Alten Testament, aus der
Zeit Christi und aus den folgenden Epochen bis herauf in unsere Tage ihren
Ausdruck. Die Frau ist stark im Bewußtsein der ihr anvertrauten Aufgabe, stark,
weil Gott »ihr den Menschen anvertraut«, immer und überall, selbst unter den
Bedingungen gesellschaftlicher Diskriminierung, unter der sie vielleicht leben
muß. Dieses Bewußtsein und diese grundlegende Berufung erinnern die Frau an die
Würde, die sie von Gott selber empfängt, und das macht sie »stark« und festigt
ihre Berufung. So wird die »tüchtige Frau« (vgl. Spr 31, 10) zu einer
unersetzlichen Stütze und einer Quelle geistiger Kraft für die anderen, die der
großen Kräfte ihres Geistes gewahr werden. Diesen »tüchtigen Frauen« haben ihre
Familien und oft ganze Nationen viel zu verdanken.
In unserer Zeit ermöglichen die Erfolge von Wissenschaft und Technik einen
materiellen Wohlstand in bisher ungeahntem Ausmaß, der einige begünstigt, andere
aber an den Rand abdrängt. So kann dieser einseitige Fortschritt auch zu einem
schrittweisen Verlust der Sensibilität für den Menschen, für das eigentlich
Menschliche, führen. In diesem Sinne erwartet vor allem unsere Zeit, daß
jener »Genius« der Frau zutage trete, der die Sensibilität für den Menschen,
eben weil er Mensch ist, unter allen Umständen sicherstellt und so bezeugt: »Die
Liebe ist am größten« (vgl. 1 Kor 13, 13).
Ein aufmerksames Bedenken des biblischen Urbildes der »Frau« - vom
Buch der Genesis bis zur Offenbarung des Johannes - bestätigt
also, worin Würde und Berufung der Frau bestehen und was an ihnen unwandelbar
und immer aktuell ist, weil es seinen »letzten Grund in Christus hat, der
derselbe ist gestern, heute und in Ewigkeit«.(61) Wenn der Mensch von Gott in
besonderer Weise der Frau anvertraut ist, bedeutet das etwa nicht, daß
Christus von ihr die Verwirklichung jenes »königlichen Priestertums« (1 Petr
2, 9) erwartet, jenes Reichtums, den er den Menschen zum Geschenk gemacht hat?
Christus, der oberste und einzige Priester des Neuen und Ewigen Bundes und
Bräutigam der Kirche, hört nicht auf, dem Vater dieses Erbe im Heiligen Geist
darzubringen, damit Gott »alles in allen« (1 Kor 15, 28) sei.(62)
Dann wird sich die Wahrheit, daß »am größten die Liebe ist« (vgl. 1 Kor
13, 13), endgültig erfüllen.
IX.
SCHLUSS
»Wenn du wüßtest, worin die Gabe Gottes besteht«
31. »Wenn du wüßtest, worin die Gabe Gottes besteht« (Joh
4, 10), sagt Jesus zu der Samariterin in einem jener wunderbaren Gespräche,
die beweisen, wieviel Achtung er der Würde jeder Frau und ihrer Berufung, die
ihr die Teilnahme an seiner messianischen Sendung erlaubt, entgegenbringt.
Die vorliegende Betrachtung, die nun zum Schluß kommt, ist darauf
ausgerichtet, innerhalb des »Geschenkes Gottes« zu erkennen, was er als Schöpfer
und Erlöser der Frau, jeder Frau, anvertraut. Im Heiligen Geist kann diese
tatsächlich die gesamte Bedeutung ihres Frauseins entdecken, sich auf diese
Weise für ihre eigene »aufrichtige Hingabe« an die anderen bereit machen und so
auch sich selbst finden.
Im Marianischen Jahr möchte die Kirche der Heiligsten Dreifaltigkeit
für das »Geheimnis der Frau« und für jede Frau Dank sagen - für das, was
das ewige Maß ihrer weiblichen Würde ausmacht, für »Gottes große Taten«, die im
Verlauf der Generationen von Menschen in ihr und durch sie geschehen sind. Hat
sich schließlich nicht in ihr und durch sie ereignet, was zum Großartigsten in
der Geschichte des Menschen auf Erden gehört - die Menschwerdung Gottes selbst?
Die Kirche sagt also Dank für alle Frauen und für jede einzelne: für
die Mütter, die Schwestern, die Ehefrauen; für die Frauen, die sich in der
Jungfräulichkeit Gott geweiht haben; für die Frauen, die sich den unzähligen
Menschen widmen, die die selbstlose Liebe eines anderen Menschen erwarten; für
die Frauen, die in ihrer Familie, dem grundlegenden Zeichen menschlicher
Gemeinschaft, über das menschliche Dasein wachen; für die Frauen, die
berufstätig sind und oft schwere soziale Verantwortung zu tragen haben; für die
»tüchtigen«
und für die »schwachen« Frauen - für alle: so wie sie aus dem Herzen Gottes
in der ganzen Schönheit und im vollen Reichtum ihres Frauseins hervorgegangen
sind; wie sie von seiner ewigen Liebe umfangen wurden; wie sie, zusammen mit dem
Mann, Pilgerinnen auf dieser Erde sind, die die irdische »Heimat« der Menschen
ist und sich bisweilen in ein »Tal der Tränen« wandelt; wie sie, zusammen mit
dem Mann, eine gemeinsame Verantwortung übernehmen für das Geschick der
Menschheit, was die täglichen Bedürfnisse betrifft, wie auch hinsichtlich
jener endgültigen Bestimmung, welche die Menschheitsfamilie in Gott selber, im
Schoß der unergründlichen Dreifaltigkeit, besitzt.
Die Kirche sagt Dank für alle Äußerungen des weiblichen »Geistes«,
die sich im Laufe der Geschichte bei allen Völkern und Nationen gezeigt
haben; sie sagt Dank für alle Gnadengaben, mit denen der Heilige Geist die
Frauen in der Geschichte des Gottesvolkes beschenkt, für alle Siege, die sie dem
Glauben, der Hoffnung und der Liebe von Frauen verdankt: Sie sagt Dank für alle
Früchte fraulicher Heiligkeit.
Gleichzeitig bittet die Kirche darum, daß diese unschätzbaren »Offenbarungen
des Geistes«, (vgl. 1 Kor 12, 4 ff.), mit denen die »Töchter« des ewigen
Jerusalem in großer Freigiebigkeit beschenkt wurden, sorgfältig anerkannt und
gewertet werden, damit sie gerade in unserer Zeit der Kirche und der ganzen
Menschheit »zum gemeinsamen Nutzen« gereichen. Während sie das biblische
Geheimnis der »Frau« betrachtet, betet die Kirche darum, daß alle Frauen in
diesem Geheimnis sich selbst und ihre »höchste Berufung« finden.
Maria, die der ganzen Kirche »auf dem Weg des Glaubens, der Liebe und der
vollkommenen Einheit mit Christus« vorangeht,(63) möge in dem Jahr, das wir ihr
geweiht haben, an der Schwelle zum dritten Jahrtausend seit dem Kommen Christi,
uns allen auch diese »Frucht« erwirken.
Mit diesen Wünschen erteile ich allen Gläubigen und in besonderer Weise den
Frauen als Schwestern in Christus den Apostolischen Segen.
Gegeben zu Rom, bei St. Peter, am 15. August, dem Hochfest der Aufnahme
Marias in den Himmel des Jahres 1988, im 10. Jahr meines Pontifikates.
©
Copyright 1988 - Libreria Editrice
Vaticana
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