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APOSTOLISCHES SCHREIBEN
MULIERIS DIGNITATEM
VON PAPST
JOHANNES PAUL II.
ÜBER DIE WÜRDE UND BERUFUNG
DER FRAU
ANLÄSSLICH
DES MARIANISCHEN JAHRES

 

Verehrte Mitbrüder, geliebte Söhne und Töchter,
Gruß und Apostolischen Segen!

I.

EINLEITUNG

Ein Zeichen der Zeit

1. DIE WÜRDE DER FRAU und ihre Berufung - ständiges Thema menschlicher und christlicher Reflexion - haben in den letzten Jahren eine ganz besondere Bedeutung gewonnen. Das beweisen unter anderem die Beiträge des kirchlichen Lehramtes, die sich in verschiedenen Dokumenten des II. Vatikanischen Konzils wiederfinden, das dann in seiner Schlußbotschaft sagt: »Die Stunde kommt, die Stunde ist schon da, in der sich die Berufung der Frau voll entfaltet, die Stunde, in der die Frau in der Gesellschaft einen Einfluß, eine Ausstrahlung, eine bisher noch nie erreichte Stellung erlangt. In einer Zeit, in welcher die Menschheit einen so tiefgreifenden Wandel erfährt, können deshalb die vom Geist des Evangeliums erleuchteten Frauen der Menschheit tatkräftig dabei helfen, daß sie nicht in Verfall gerät«.(1) Die Worte dieser Botschaft fassen zusammen, was bereits in der Lehre des Konzils, insbesondere in der Pastoralkonstitution Gaudium et Spes(2) und im Dekret über das Laienapostolat Apostolicam Actuositatem,(3) Ausdruck gefunden hatte.

Ähnliche Stellungnahmen hatte es in der Zeit vor dem Konzil gegeben, zum Beispiel in einer Reihe von Ansprachen Papst Pius' XII.(4) und in der Enzyklika Pacem in Terris von Papst Johannes XXIII.(5) Nach dem II. Vatikanischen Konzil hat mein Vorgänger Paul VI. die Bedeutung dieses »Zeichens der Zeit« zum Ausdruck gebracht, als er die heilige Theresia von Avila und die heilige Katharina von Siena zu Kirchenlehrerinnen erhob(6) und außerdem auf Ersuchen der Bischofssynode vom Jahre 1971 eine eigene Kommission einrichtete, deren Zweck die Untersuchung der Probleme unserer Zeit im Zusammenhang mit der »Förderung der Würde und der Verantwortung der Frauen« war.(7) In einer seiner Ansprachen sagte Paul VI. unter anderem: »Im Christentum besaß die Frau mehr als in jeder anderen Religion schon von den Anfängen an eine besondere Würdestellung, wofür uns das Neue Testament nicht wenige und nicht geringe Beweise bietet...; es erscheint ganz offenkundig, daß die Frau dazu bestimmt ist, an der lebendigen, tätigen Struktur des Christentums so stark teilzunehmen, daß vielleicht noch nicht alle Kräfte und Möglichkeiten dafür freigelegt worden sind«.(8)

Die Synodenväter der letzten Vollversammlung der Bischofssynode (Oktober 1987), die der »Berufung und Sendung der Laien in der Kirche und in der Welt zwanzig Jahre nach dem II. Vatikanischen Konzil« gewidmet war, haben sich erneut mit der Würde und Berufung der Frau beschäftigt. Sie haben unter anderem die Vertiefung der anthropologischen und theologischen Grundlagen verlangt, die für die Lösung der Probleme in Bezug auf die Bedeutung und Würde des Menschseins als Frau und als Mann notwendig sind. Es geht darum, den Grund und die Folgen der Entscheidung des Schöpfers zu verstehen, daß der Mensch immer nur als Frau oder als Mann existiert. Erst von diesen Grundlagen her, die ein tiefes Erfassen von Würde und Berufung der Frau erlauben, ist es überhaupt möglich, von ihrer aktiven Stellung in Kirche und Gesellschaft zu sprechen.

Das alles möchte ich im vorliegenden Dokument behandeln. Das nachsynodale Apostolische Schreiben, das danach veröffentlicht werden soll, wird Vorschläge pastoralen Charakters zur Stellung der Frau in Kirche und Gesellschaft vorlegen, zu denen die Synodenväter, auch unter Berücksichtigung der von den Laien-Auditoren - Männern und Frauen - aus den Teilkirchen aller Kontinente vorgetragenen Zeugnisse, wichtige Überlegungen angestellt haben.

Das Marianische Jahr

2. Die letzte Synode wurde während des Marianischen Jahres abgehalten, das einen besonderen Anstoß zur Auseinandersetzung mit diesem Thema bietet, worauf auch die Enzyklika Redemptoris Mater hinweist.(9) Diese Enzyklika entwickelt und aktualisiert die im VIII. Kapitel der Dogmatischen Konstitution über die Kirche Lumen Gentium enthaltene Lehre des II. Vatikanischen Konzils. Dieses Kapitel trägt einen bedeutsamen Titel: »Die selige jungfräuliche Gottesmutter Maria im Geheimnis Christi und der Kirche«. Maria - jene »Frau« der Bibel (vgl. Gen 3, 15; Joh 2, 4; 19, 26) - gehört eng zum Heilsmysterium Christi und ist daher in besondererer Weise auch im Mysterium der Kirche gegenwärtig. Da »die Kirche in Christus gleichsam das Sakrament (...) für die innigste Vereinigung mit Gott wie für die Einheit der ganzen Menschheit« ist,(10) denken wir bei dieser besonderen Gegenwart der Gottesmutter im Geheimnis der Kirche an die einzigartige Beziehung zwischen dieser »Frau« und der ganzen Menschheitsfamilie. Es handelt sich hier um jeden einzelnen und jede einzelne, um alle Söhne und alle Töchter des Menschengeschlechts, in denen sich im Laufe der Generationen jenes grundlegende Erbe der ganzen Menschheit verwirklicht, das an das Geheimnis des biblischen »Anfangs« gebunden ist: »Gott schuf den Menschen als sein Abbild; als Abbild Gottes schuf er ihn. Als Mann und Frau schuf er sie« (Gen 1, 27).(11)

Diese ewige Wahrheit über den Menschen als Mann und Frau - eine Wahrheit, die auch in der Erfahrung aller fest verankert ist, - stellt gleichzeitig das Geheimnis dar, das sich nur im fleischgewordenen Wort wahrhaft aufklärt. »Christus macht dem Menschen den Menschen selbst voll kund und erschließt ihm seine höchste Berufung«, so lehrt das Konzil.(12) Dürfen wir dann nicht in diesem »dem Menschen den Menschen Kundmachen« einen besonderen Platz für jene »Frau« entdecken, die die Mutter Christi wurde? Hat nicht vielleicht die im Evangelium - dessen Hintergrund die ganze Schrift, Altes und Neues Testament, ist - enthaltene »Botschaft« Christi der Kirche und der Menschheit Wesentliches zu sagen über Würde und Berufung der Frau?

Genau dies soll denn auch das Thema des vorliegenden Dokumentes sein, das sich in den weiten Rahmen des Marianischen Jahres einfügt, während wir uns dem Ende des zweiten und dem Beginn des dritten Jahrtausends seit der Geburt Christi nähern. Und es scheint mir das beste zu sein, diesem Text den Stil und Charakter einer Meditation zu geben.

II.

FRAU - GOTTESMUTTER
(THEOTÓKOS)

Verbundenheit mit Gott

3. »Als aber die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau«. Mit diesen Worten aus seinem Brief an die Galater (4, 4) verbindet der Apostel Paulus die für die Erfüllung des »von Gott im voraus bestimmten« Geheimnisses (vgl. Eph 1, 9) ausschlaggebenden Momente miteinander. Der Sohn, das Wort, gleichen Wesens mit dem Vater, wird als Mensch von einer Frau geboren, als »die Zeit erfüllt ist«. Dieses Geschehen führt zum Schlüsselereignis der als Heilsgeschichte verstandenen Geschichte des Menschen auf Erden. Es ist bezeichnend, daß der Apostel die Mutter Christi nicht mit ihrem Namen »Maria« nennt, sondern von ihr als »Frau« spricht: Dies stellt eine Übereinstimmung mit den Worten des Protoevangeliums im Buch Genesis her (vgl. 3, 15). Eben jene »Frau« ist in dem zentralen Heilsereignis gegenwärtig, das die »Fülle der Zeit« bestimmt: In ihr und durch sie wird dieses Ereignis Wirklichkeit.

So beginnt das zentrale Ereignis, das Schlüsselereignis in der Heilsgeschichte, das Pascha des Herrn. Doch ist es wohl auch der Mühe wert, dieses Ereignis von der im weitesten Sinne verstandenen geistlich-religiösen Geschichte des Menschen her, wie sie in den verschiedenen Religionen der Welt zum Ausdruck kommt, zu erwägen. Wir berufen uns hier auf die Worte des II. Vatikanums: »Die Menschen erwarten von den verschiedenen Religionen Antwort auf die ungelösten Rätsel des menschlichen Daseins, die heute wie von jeher die Herzen der Menschen im tiefsten bewegen: Was ist der Mensch? Was ist Sinn und Ziel unseres Lebens? Was ist das Gute, was die Sünde? Woher kommt das Leid, und welchen Sinn hat es? Was ist der Weg zum wahren Glück? Was ist der Tod, das Gericht und die Vergeltung nach dem Tode? Und schließlich: Was ist jenes letzte und unsagbare Geheimnis unserer Existenz, aus dem wir kommen und wohin wir gehen?«.(13) »Von den ältesten Zeiten bis zu unseren Tagen findet sich bei den verschiedenen Völkern eine gewisse Wahrnehmung jener verborgenen Macht, die dem Lauf der Welt und den Ereignissen des menschlichen Lebens gegenwärtig ist, und nicht selten findet sich auch die Anerkennung einer höchsten Gottheit oder sogar eines Vaters«.(14)

Vor dem Hintergrund dieses weiten Panoramas, das die Bestrebungen des menschlichen Geistes auf der Suche nach Gott - manchmal, »als ob sie ihn ertasten und finden könnten« (vgl. Apg 17, 27) - hervorhebt, macht die »Fülle der Zeit«, von der Paulus in seinem Brief spricht, die Antwort Gottes selbst offenkundig, die Antwort dessen, »in dem wir leben, uns bewegen und sind« (vgl. Apg 17, 28). Es ist der Gott, der »viele Male und auf vielerlei Weise einst zu den Vätern gesprochen hat durch die Propheten; in dieser Endzeit aber hat er zu uns gesprochen durch den Sohn« (vgl. Hebr 1, 1-2). Die Entsendung dieses Sohnes, gleichen Wesens mit dem Vater und als Mensch »von einer Frau geboren«, stellt den endgültigen Höhepunkt der Selbstoffenbarung Gottes an die Menschheit dar. Diese Selbstoffenbarung besitzt Heilscharakter, wie das II. Vatikanum an anderer Stelle lehrt: »Gott hat in seiner Güte und Weisheit beschlossen, sich selbst zu offenbaren und das Geheimnis seines Willens kundzutun (vgl. Eph 1, 9): daß die Menschen durch Christus, das fleischgewordene Wort, im Heiligen Geist Zugang zum Vater haben und teilhaftig werden der göttlichen Natur (vgl. Eph 2, 18; 2 Petr 1, 4)«.(15)

Die Frau befindet sich am Herzen dieses Heilsereignisses. Die Selbstoffenbarung Gottes, der unerforschlichen Einheit in Dreifaltigkeit, ist in ihren wesentlichen Zügen in der Verkündigung von Nazaret enthalten. »Du wirst ein Kind empfangen, einen Sohn wirst du gebären: dem sollst du den Namen Jesus geben. Er wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden«. - »Wie soll das geschehen, da ich keinen Mann erkenne?« - »Der Heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten. Deshalb wird auch das Kind heilig und Sohn Gottes genannt werden (...). Denn für Gott ist nichts unmöglich«(Lk 1, 31-37).(16)

Es ist naheliegend, wenn wir dieses Ereignis betrachten aus der Sicht der Geschichte Israels, des auserwählten Volkes, dem Maria entstammte; aber es fällt auch nicht schwer, im Hinblick auf all jene Wege daran zu denken, auf welchen die Menschheit seit jeher Antwort sucht auf die grundlegenden und zugleich entscheidenden Fragen, die sie bedrängen. Ist nicht in der Verkündigung von Nazaret der Anfang jener endgültigen Antwort gesetzt, mit der Gott selber der Unruhe des menschlichen Herzens begegnet? (17) Hier handelt es sich nicht nur um Worte Gottes, die durch Propheten offenbart wurden, sondern mit dieser Antwort wird tatsächlich »das Wort Fleisch« (vgl. Joh 1, 14). Maria erlangt auf diese Weise eine solche Verbundenheit mit Gott, daß sämtliche Erwartungen des menschlichen Geistes übertroffen werden. Diese Antwort übertrifft sogar die Erwartungen ganz Israels und insbesondere der Töchter dieses auserwählten Volkes, die auf Grund der Verheißung hoffen konnten, eine von ihnen würde eines Tages Mutter des Messias werden. Wer von ihnen konnte jedoch ahnen, daß der verheißene Messias der »Sohn des Höchsten« sein würde? Vom alttestamentlichen Monotheismus her gesehen, war das kaum vorstellbar. Allein kraft des Heiligen Geistes, der »sie überschattete«, vermochte Maria anzunehmen, was »für Menschen unmöglich, aber für Gott möglich ist« (vgl. Mk 10, 27).

Theotókos

4. So macht »die Fülle der Zeit« die außerordentliche Würde der »Frau« offenbar. Diese Würde besteht einerseits in der übernatürlichen Erhebung zur Verbundenheit mit Gott in Jesus Christus, die das tiefste Ziel der Existenz jedes Menschen sowohl auf Erden wie in der Ewigkeit ausmacht. In diesem Sinne ist die »Frau« Vertreterin und Urbild der ganzen Menschheit: Sie vertritt das Menschsein, das zu allen Menschenwesen, Männern wie Frauen, gehört. Andererseits jedoch stellt das Ereignis von Nazaret eine Form der Verbundenheit mit dem lebendigen Gott dar, die nur der »Frau«, Maria, zukommen kann: die Verbundenheit zwischen Mutter und Sohn. Die Jungfrau aus Nazaret wird tatsächlich die Mutter Gottes.

Diese vom christlichen Glauben von Anfang an angenommene Wahrheit wurde auf dem Konzil von Ephesus (431) feierlich als Dogma formuliert.(18) Im Gegensatz zur Auffassung des Nestorius, der in Maria ausschließlich die Mutter des Menschen Jesus sah, hob dieses Konzil die wesentliche Bedeutung der Mutterschaft der Jungfrau Maria hervor. Als Maria im Augenblick der Verkündigung mit ihrem »Fiat« antwortete, empfing sie einen Menschen, der Sohn Gottes und gleichen Wesens mit dem Vater war. Sie ist daher wahrhaft die Mutter Gottes; denn ihre Mutterschaft betrifft die ganze Person und nicht nur den Leib und auch nicht nur die menschliche »Natur«. Auf diese Weise wurde der Name Theotókos - »Gottesgebärerin«, Gottesmutter - zum eigentlichen Namen für die der Jungfrau Maria gewährte Verbundenheit mit Gott.

Die besondere Verbundenheit der »Theotókos« mit Gott, welche die jedem Menschen geschenkte übernatürliche Bestimmung zur Verbundenheit mit dem Vater (filii in Filio) in überragendster Weise verwirklicht, ist reine Gnade und als solche ein Geschenk des Geistes. Gleichzeitig jedoch bringt Maria durch ihre im Glauben gesprochene Antwort ihren freien Willen zum Ausdruck und damit die volle Teilnahme ihres personalen, fraulichen »Ich« am Ereignis der Menschwerdung. Mit ihrem Fiat wird Maria zum wahren Subjekt jener Verbundenheit mit Gott, die sich im Geheimnis der Menschwerdung des mit dem Vater wesengleichen Wortes verwirklicht hat. Das gesamte Handeln Gottes in der Geschichte der Menschen achtet immer den freien Willen des menschlichen »Ich«. Das war auch bei der Verkündigung in Nazaret der Fall.

»Ihm zu dienen bedeutet herrschen«

5. Dieses Ereignis hat einen klaren interpersonalen Charakter: Es ist ein Dialog. Wir begreifen das nicht ganz, wenn wir nicht das gesamte Gespräch zwischen dem Engel und Maria von dem »Sei gegrüßt, du Begnadete« her betrachten.(19) Der ganze Dialog enthüllt die wesentliche Dimension des Geschehens: die übernatürliche Dimension (***). Aber die Gnade schiebt niemals die Natur beiseite, noch hebt sie sie auf; sie trägt vielmehr zu ihrer Vervollkommnung und Veredelung bei. Daher bedeutet jene »Gnadenfülle«, die der Jungfrau aus Nazaret im Hinblick darauf, daß sie Theotókos werden sollte, gewährt worden ist, zugleich die Fülle der Vollkommenheit all dessen, »was kennzeichnend für die Frau ist«, was »das typisch Frauliche ist«. Wir befinden uns hier gewissermaßen am Höhepunkt und beim Urbild der personalen Würde der Frau.

Als Maria auf die Worte des himmlischen Boten mit ihrem »Fiat« antwortet, empfindet die »Begnadete« das Bedürfnis, ihre persönliche Einstellung zu dem Geschenk, das ihr geoffenbart wurde, zu bekennen, und sagt: »Ich bin die Magd des Herrn« (Lk 1, 38). Dieser Satz darf nicht dadurch seiner tiefen Bedeutung beraubt oder geschmälert werden, daß man ihn aus dem Gesamtzusammenhang des Geschehens und aus dem Gesamtinhalt der über Gott und über den Menschen offenbarten Wahrheit künstlich herauslöst. Im Ausdruck »Magd des Herrn« wird deutlich, daß sich Maria voll bewußt ist, vor Gott ein Geschöpf zu sein. Doch wird das Wort »Magd« vom Ende des Verkündigungsdialogs dann in die Gesamtperspektive der Geschichte der Mutter und des Sohnes einbezogen. In der Tat wird dieser Sohn, der wahrer und wesensgleicher »Sohn des Höchsten« ist oft - besonders auf dem Höhepunkt seiner Sendung - von sich sagen: »Denn der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen« (Mk 10, 45).

Christus trägt immer in sich das Bewußtsein, der »Gottesknecht« nach der Prophezeiung des Jesaja zu sein (vgl. Jes 42, 1; 49, 3. 6; 52, 13), wo der Inhalt seiner messianischen Sendung im wesentlichen schon enthalten ist: das Bewußtsein, der Erlöser der Welt zu sein. Maria fügt sich vom ersten Augenblick ihrer Gottesmutterschaft, ihrer Verbundenheit mit dem Sohn, den »der Vater in die Welt gesandt hat, damit die Welt durch ihn gerettet wird« (vgl. Joh 3, 17), in den messianischen Dienst Christi ein.(20) Dieser Dienst ist es, der das Fundament zu jenem Reich legt, in dem »dienen (...) herrschen bedeutet«.(21) Christus, der »Knecht des Herrn«, wird allen Menschen die königliche Würde des Dienens offenbaren, mit der die Berufung jedes Menschen eng verknüpft ist.

So beginnen wir mit der Betrachtung der Wirklichkeit »Frau - Gottesmutter« auf sehr passende Weise die vorliegende Meditation des Marianischen Jahres. Diese Wirklichkeit bestimmt auch den wesentlichen Horizont der Betrachtung über Würde und Berufung der Frau. Wenn etwas zur Würde und Berufung der Frau gedacht, gesagt oder getan werden soll, dürfen sich Geist, Herz und Handeln nicht von diesem Horizont abwenden. Die Würde jedes Menschen und die ihr entsprechende Berufung finden ihr entscheidendes Maß in der Verbundenheit mit Gott. Maria - die Frau der Bibel - ist der vollkommenste Ausdruck dieser Würde und dieser Berufung. Denn jeder Mensch, Mann oder Frau, kann sich, da nach dem Bild und Gleichnis Gottes geschaffen, in der Tat nur in der Dimension dieser Ebenbildlichkeit verwirklichen.

III.

ABBILD UND GLEICHNIS GOTTES

Buch der Genesis

6. Wir müssen uns in den Bereich jenes biblischen »Anfangs« begeben, wo die über den Menschen als »Abbild und Gleichnis Gottes« offenbarte Wahrheit die unveränderliche Grundlage der gesamten christlichen Anthropologie darstellt.(22) »Gott schuf also den Menschen als sein Abbild; als Abbild Gottes schuf er ihn. Als Mann und Frau schuf er sie« (Gen 1, 27). Dieser knappe Text enthält die anthropologischen Grundwahrheiten: Der Mensch ist die Spitze der gesamten Schöpfungsordnung in der sichtbaren Welt - das Menschengeschlecht, das damit seinen Anfang nimmt, daß Mann und Frau ins Dasein gerufen werden, ist die Krönung des ganzen Schöpfungswerkes - beide, Mann und Frau in gleichem Grade, sind Menschenwesen, beide nach dem Abbild Gottes geschaffen. Diese für den Menschen wesentliche Gottebenbildlichkeit geben Mann und Frau als Eheleute und Eltern an ihre Nachkommen weiter: »Seid fruchtbar und vermehrt euch, bevölkert die Erde, unterwerft sie euch« (Gen 1, 28). Der Schöpfer vertraut die »Herrschaft« über die Erde dem Menschengeschlecht an, allen Menschen, allen Männern und allen Frauen, die aus dem gemeinsamen Anfang ihre Würde und Berufung schöpfen.

In der Genesis findet sich noch eine andere Darstellung der Erschaffung des Menschen, von Mann und Frau (vgl. 2, 18-25), auf die wir später noch eingehen werden. Sogleich gilt es jedoch festzuhalten, daß sich aus der biblischen Darstellung der personale Charakter des Menschenwesens ergibt. Der Mensch ist eine Person: das gilt in gleichem Maße für den Mann und für die Frau; denn beide sind nach dem Bild und Gleichnis des personhaften Gottes geschaffen. Was den Menschen Gott ähnlich macht, ist die Tatsache, daß - zum Unterschied von der gesamten Welt der übrigen Lebewesen, einschließlich der mit Sinnen ausgestatteten (animalia) - der Mensch auch ein Vernunftwesen (animal rationale) ist.(23) Dank dieser Eigenschaft können Mann und Frau über die anderen Lebewesen der sichtbaren Welt »herrschen« (vgl. Gen 1,28).

Im zweiten Bericht von der Erschaffung des Menschen (vgl. Gen 2, 7. 18-25) ist die Sprache, in der die Wahrheit über die Erschaffung des Mannes und besonders der Frau mitgeteilt wird, anders, in gewissem Sinne weniger klar und - so könnte man sagen - eher beschreibend und bildhaft: Sie erinnert an die Sprache der damals bekannten Mythen. Dennoch läßt sich kein wesentlicher Widerspruch zwischen den beiden Texten feststellen. Der Text von Gen 2, 18-25 ist eine Hilfe, um das in dem dichten Text von Gen 1, 27-28 Ausgesagte gut zu verstehen, und verhilft zugleich, wenn wir ihn zusammen mit diesem zweiten Text lesen, zu einem noch tieferen Erfassen der darin enthaltenen grundlegenden Wahrheit über den Menschen, der nach dem Bild und Gleichnis Gottes als Mann und Frau geschaffen ist.

In der Darstellung von Gen. 2, 18-25 wird die Frau von Gott »aus der Rippe« des Mannes geschaffen und als ein anderes »Ich«, als eine Partnerin, dem Mann an die Seite gestellt, der in der ihn umgebenden Welt der Lebewesen allein ist und in keinem von ihnen eine ihm entsprechende »Hilfe« findet. Die auf diese Weise ins Dasein gerufene Frau wird vom Mann sogleich als »Fleisch von seinem Fleisch und Gebein von seinem Gebein« erkannt (vgl. Gen 2, 23) und eben deshalb »Frau« genannt. In der Sprache der Bibel weist dieser Name auf die wesentliche Identität gegenüber dem Mann hin: i* - i**ah, was die modernen Sprachen im allgemeinen leider nicht ausdrücken können (»Frau - i**ah -soll sie heißen, denn vom Mann - i* - ist sie genommen«: Gen 2, 23).

Der biblische Text liefert ausreichende Grundlagen, um die wesentliche Gleichheit von Mann und Frau im Menschsein zu erkennen.(24) Beide sind von Anfang an Personen, zum Unterschied von den anderen Lebewesen der sie umgebenden Welt. Die Frau ist ein anderes »Ich« im gemeinsamen Menschsein. Von Anfang an erscheinen sie als »Einheit von zweien«, und das bedeutet die Überwindung der ursprünglichen Einsamkeit, in welcher der Mensch »keine Hilfe fand, die ihm entsprach« (Gen 2, 20). Handelt es sich hier nur um die »Hilfe« bei der Arbeit, beim »Unterwerfen der Erde« (vgl. Gen 1, 28)? Mit Sicherheit handelt es sich um die Lebensgefährtin, mit der sich der Mann als mit seiner Ehefrau verbinden kann, so daß er »ein Fleisch« mit ihr wird und deshalb »Vater und Mutter verläßt« (vgl. Gen 2, 24). Die Darstellung der Bibel spricht also im selben Zusammenhang der Erschaffung des Mannes und der Frau von der Einsetzung der Ehe durch Gott als unerläßlicher Voraussetzung für die Weitergabe des Lebens an die neuen (Generationen der Menschen, zu der Ehe und eheliche Liebe ihrer Natur nach bestimmt sind: »Seid fruchtbar und vermehrt euch, bevölkert die Erde, unterwerft sie euch« (Gen 1, 28).

Person - Gemeinschaft - Hingabe

7. Wenn wir die Darstellung von Gen 2, 18-25 als ganze bedenken und im Licht der Wahrheit über die Gottebenbildlichkeit und Gottähnlichkeit des Menschen (vgl. Gen 1, 26-27) auslegen, sind wir in der Lage, nochvollständiger zu begreifen, worin das Personsein des Menschen besteht, durch das beide - der Mann und die Frau - Gott ähnlich sind. Jeder einzelne Mensch ist nämlich das Abbild Gottes, insofern er ein vernunftbegabtes und freies Geschöpf ist und in der Lage, diesen zu erkennen und zu lieben. Wir lesen dort ferner, daß der Mensch »allein« nicht existieren kann (vgl. Gen 2, 18); er kann nur als »Einheit von zweien«, in Beziehung also zu einer anderen menschlichen Person, existieren. Es handelt sich hier um eine gegenseitige Beziehung: des Mannes zur Frau und der Frau zum Mann. Personsein nach dem Abbild Gottes bedeutet also auch Existenz in Beziehung, in Beziehung zum anderen »Ich«. Das läßt uns die endgültige Selbstoffenbarung des dreieinigen Gottes vorausahnen: lebendige Einheit in der Gemeinschaft von Vater, Sohn und Heiligem Geist.

Am Anfang der Bibel wird dies noch nicht direkt ausgesprochen. Das ganze Alte Testament ist ja vor allem die Offenbarung der Wahrheit über die Einzigkeit und Einheit Gottes. In diese grundlegende Wahrheit über Gott wird das Neue Testament die Offenbarung des unerforschlichen Geheimnisses vom inneren Leben Gottes einführen. Gott, der sich den Menschen durch Christus zu erkennen gibt, ist Einheit in Dreifaltigkeit: Einheit in Gemeinschaft. Damit fällt auch neues Licht auf jenes Abbild und Gleichnis Gottes im Menschen, von dem das Buch Genesis spricht. Daß der als Mann und Frau geschaffene Mensch Gottes Abbild ist, bedeutet nicht nur, daß jeder von ihnen einzeln als vernunftbegabtes und freies Wesen Gott ähnlich ist. Es bedeutet auch, daß Mann und Frau, als »Einheit von zweien« im gemeinsamen Menschsein geschaffen, dazu berufen sind, eine Gemeinschaft der Liebe zu leben und so in der Welt jene Liebesgemeinschaft widerzuspiegeln, die in Gott besteht und durch die sich die drei göttlichen Personen im innigen Geheimnis des einen göttlichen Lebens lieben. Der Vater, der Sohn und der Heilige Geist, ein einziger Gott durch die Einheit des göttlichen Wesens, existieren als Personen durch die unergründlichen göttlichen Beziehungen. Nur auf diese Weise wird die Wahrheit begreifbar, daß Gott in sich selbst Liebe ist (vgl. 1 Joh 4, 16).

Das Abbild und Gleichnis Gottes in dem als Mann und Frau geschaffenen Menschen (in der Analogie, wie man sie zwischen Schöpfer und Geschöpf annehmen darf) besagt also auch »Einheit der zwei« im gemeinsamen Menschsein. Diese »Einheit der zwei«, ein Zeichen der Gemeinschaft von Personen, weist darauf hin, daß zur Erschaffung des Menschen auch eine gewisse Ähnlichkeit mit der göttlichen Gemeinschaft (»communio«) gehört. Diese Ähnlichkeit ist dort enthalten als Eigenschaft des personhaften Seins beider, des Mannes und der Frau, und zugleich als Berufung und Aufgabe. Im Bild und Gleichnis Gottes, welches das Menschengeschlecht seit dem »Anfang« in sich trägt, ist das gesamte »Ethos« des Menschen begründet: Altes und Neues Testament werden dieses »Ethos« entfalten, dessen Gipfel das Liebesgebot darstellt.(25)

In der »Einheit der zwei« sind Mann und Frau von Anfang an gerufen, nicht nur »nebeneinander« oder »miteinander« zu existieren, sondern sie sind auch dazu berufen, gegenseitig »füreinander« dazusein.

So erklärt sich auch die Bedeutung jener »Hilfe«, von der in Gen 2, 18-25 die Rede ist: »Ich will ihm eine Hilfe machen, die ihm entspricht«. Im biblischen Zusammenhang dürfen wir das auch in dem Sinne verstehen, daß die Frau dem Mann und dieser ihr vor allem deshalb »helfen« sollen, weil sie »menschliche Personen« sind: Das läßt ihn und sie gewissermaßen immer wieder von neuem den vollständigen Sinn des eigenen Menschseins entdecken und bestätigen. Es ist leicht erkennbar, daß es sich - auf dieser fundamentalen Ebene - um eine »Hilfe« beider Seiten und zugleich um eine gegenseitige »Hilfe« handelt . Menschsein bedeutet Berufensein zur interpersonalen Gemeinschaft. Der Text von Gen 2, 18-25 weist darauf hin, daß die Ehe die erste und gewissermaßen grundlegende Dimension dieser Berufung ist. Allerdings nicht die einzige. Die gesamte Geschichte des Menschen auf Erden vollzieht sich im Rahmen dieser Berufung. Auf Grund des Prinzips, daß in der interpersonalen »Gemeinschaft« einer »für« den anderen da ist, entwickelt sich in dieser Geschichte die Integration dessen, was »männlich« und was »weiblich« ist, in das von Gott gewollte Menschsein. Die Texte der Bibel, angefangen bei der Genesis, lassen uns ständig den Grund wiederentdecken, in dem die Wahrheit über den Menschen ihre Wurzeln hat, den festen und unzerstörbaren Grund inmitten so vieler Veränderungen der Existenz des Menschen.

Diese Wahrheit betrifft auch die Heilsgeschichte. Dazu eine besonders deutliche Aussage des II. Vatikanischen Konzils. Im Kapitel über die »menschliche Gemeinschaft« der Pastoralkonstitution Gaudium et Spes lesen wir: »Wenn der Herr Jesus zum Vater betet, "daß alle eins seien ... wie auch wir eins sind" (Joh 17, 20-22), und damit Horizonte aufreißt, die der menschlichen Vernunft unerreichbar sind, legt er eine gewisse Ähnlichkeit nahe zwischen der Einheit der göttlichen Personen und der Einheit der Kinder Gottes in der Wahrheit und der Liebe. Dieser Vergleich macht offenbar, daß der Mensch, der auf Erden die einzige von Gott um ihrer selbst willen gewollte Kreatur ist, sich selbst nur durch die aufrichtige Hingabe seiner selbst vollkommen finden kann«.(26)

Mit diesen Worten stellt der Konzilstext in zusammenfassender Form die Wahrheit über Mann und Frau - eine Wahrheit, die sich schon in den ersten Kapiteln der Genesis abzeichnet - insgesamt als die tragende Struktur der biblischen und christlichen Anthropologie dar. Der Mensch - sowohl der Mann wie die Frau - ist unter den Kreaturen der sichtbaren Welt die einzige, die der Schöpfergott »um ihrer selbst willen gewollt hat«; er ist also eine Person. Personsein bedeutet: nach der Selbstverwirklichung (der Konzilstext spricht von »Selbstfindung«) streben, die nur »durch eine aufrichtige Hingabe seiner selbst« zustandekommen kann. Vorbild für eine solche Deutung der Person ist Gott selbst als Dreifaltigkeit, als Gemeinschaft von Personen. Die Aussage, der Mensch sei nach dem Bild und Gleichnis dieses Gottes geschaffen, bedeutet auch, daß der Mensch dazu berufen ist, »für« andere dazusein, zu einer »Gabe« zu werden.

Diese Berufung gilt für jeden Menschen, ob Mann oder Frau, die sie wohl in ihrer je besonderen Eigenart verwirklichen. Im Rahmen der vorliegenden Meditation über die Würde und Berufung der Frau stellt diese Wahrheit vom Menschen den unerläßlichen Ausgangspunkt dar. Schon das Buch Genesis läßt, gleichsam in einem ersten Entwurf, diesen bräutlichen Charakter der Beziehung zwischen den Personen erkennen, eine Grundlage, auf der sich dann ihrerseits die Wahrheit über die Mutterschaft sowie über die Jungfräulichkeit als zwei einzelne Dimensionen der Berufung der Frau im Licht der göttlichen Offenbarung entwickeln wird. Diese zwei Dimensionen werden ihren erhabensten Ausdruck beim Kommen der »Fülle der Zeit« (vgl. Gal 4, 4) in der Gestalt der »Frau« aus Nazaret finden: Mutter und Jungfrau.

Anthropomorphe Sprache der Bibel

8. Die Vorstellung des Menschen als »Abbild und Gleichnis Gottes« sofort zu Beginn der Heiligen Schrift hat noch eine andere Bedeutung. Diese Tatsache ist der Schlüssel zum Verständnis der biblischen Offenbarung als Selbstmitteilung Gottes. Wenn Gott von sich spricht - sei es »durch die Propheten«, sei es »durch den Sohn« (vgl. Hebr 1, 1. 2), der Mensch geworden ist -, spricht er in menschlicher Sprache, gebraucht er menschliche Begriffe und Bilder. Wenn diese Ausdruckweise von einem gewissen Anthropomorphismus gekennzeichnet ist, hat das seinen Grund darin, daß der Mensch Gott »ähnlich« ist: geschaffen nach seinem Bild und Gleichnis. Dann ist auch Gott in gewissem Maße »dem Menschen ähnlich« und kann eben auf Grund dieser Ähnlichkeit von den Menschen erkannt werden. Zugleich aber ist die Sprache der Bibel klar genug, um die Grenzen dieser »Ähnlichkeit«, die Grenzen der »Analogie« anzuzeigen. Tatsächlich sagt die biblische Offenbarung, daß zwar die »Ähnlichkeit« des Menschen mit Gott, aber noch wesentlicher die »Nicht-Ähnlichkeit« zutrifft, welche die ganze Schöpfung vom Schöpfer trennt.(27) Für den nach dem Bild Gottes geschaffenen Menschen hört ja Gott schließlich nicht auf, derjenige zu sein, »der in unzugänglichem Licht wohnt« (1 Tim 6, 16): Er ist der wesenhaft »Verschiedene«, der »ganz Andere«.

Diese Feststellung über die Grenzen der Analogie - Grenzen der Gottähnlichkeit des Menschen in der Sprache der Bibel - müssen wir auch vor Augen haben, wenn wir in verschiedenen Abschnitten der Heiligen Schrift (besonders im Alten Testament) Vergleiche finden, die Gott »männliche« oder »weibliche« Eigenschaften zuschreiben. Wir finden in solchenVergleichen die indirekte Bestätigung der Wahrheit, daß beide, sowohl der Mann wie die Frau, nach dem Bild und Gleichnis Gottes geschaffen sind. Wenn es Ähnlichkeit zwischen Schöpfer und Geschöpfen gibt, ist verständlich, daß die Bibel, was ihn betrifft, Formulierungen gebraucht, die ihm sowohl »männliche« als auch »weibliche« Eigenschaften zuschreiben.

Wir führen hier einige charakteristische Abschnitte aus dem Buch des Propheten Jesaja an: »Doch Zion sagt: Der Herr hat mich vergessen. Kann denn eine Frau ihr Kind vergessen, eine Mutter ihren eigenen Sohn? Und selbst wenn sie ihr Kind vergessen würde: Ich vergesse dich nicht« (49, 14-15). Und an einer anderen Stelle: »Wie eine Mutter ihren Sohn tröstet, so tröste ich euch; in Jerusalem findet ihr Trost« (Jes 66, 13). Auch in den Psalmen wird Gott mit einer fürsorglichen Mutter verglichen: »Ich ließ meine Seele ruhig werden und still; wie ein kleines Kind bei der Mutter ist meine Seele still in mir. Israel, harre auf den Herrn« (Ps 131, 2-3). An verschiedenen Stellen wird Gottes Liebe und Sorge für sein Volk mit denen einer Mutter verglichen: Wie eine Mutter hat Gott die Menschheit und insbesondere sein auserwähltes Volk in seinem Schoß »getragen«; er hat es unter Schmerzen geboren; er hat es genährt und getröstet (vgl. Jes 42, 14; 46, 3-4; Jer 31, 20). Die Liebe Gottes wird an vielen Stellen als »männliche« Liebe eines Gatten und Vaters (vgl. Hos 11, 1-4; Jer 3, 4-19), zuweilen aber auch als »frauliche« Liebe einer Mutter dargestellt.

Dieses Merkmal der biblischen Sprache, ihre anthropomorphe Redeweise von Gott, ist auch ein indirekter Hinweis auf das Geheimnis des ewigen »Zeugens«, das zum inneren Leben Gottes gehört. Dieses »Zeugen« an sich besitzt allerdings weder »männliche« noch »weibliche« Eigenschaften. Es ist ganz und gar göttlicher Natur. Es ist in vollkommenster Weise ein geistiges Zeugen - denn »Gott ist Geist« (Joh 4, 24) - und besitzt keine, weder »weibliche« noch »männliche«, leibgebundene Eigenschaft. Darum ist auch die »Vaterschaft« in Gott ganz göttlicher Art, frei von den »männlichen« Körpermerkmalen, die für die menschliche Vaterschaft typisch sind. In diesem Sinne sprach das Alte Testament von Gott als einem Vater und wandte sich an ihn als einen Vater. Jesus Christus, der sich als Gottes eingeborener und wesensgleicher Sohn mit dem Anruf: »Abba-Vater« (Mk 14, 36) an diesen wenden wird und der diese Wahrheit als Norm christlichen Betens in den Mittelpunkt seiner Frohen Botschaft gestellt hat, wies auf die Vaterschaft in diesem überleiblichen, übermenschlichen, ganz und gar göttlichen Sinn hin. Er sprach als Sohn, der durch das ewige Mysterium der göttlichen Zeugung mit dem Vater verbunden ist, und er tat das, während er zugleich der wahrhaft menschliche Sohn seiner jungfräulichen Mutter war.

Auch wenn der ewigen Zeugung des Wortes Gottes keine menschlichen Eigenschaften zugeschrieben werden können und die göttliche Vaterschaft keine »männlichen« Merkmale im leiblichen Sinne aufweist, muß man doch in Gott das absolute Vorbild jeder »Zeugung« in der Welt der Menschen suchen. In diesem Sinne, so scheint es, lesen wir im Epheserbrief: »Daher beuge ich meine Knie vor dem Vater, nach dessen Namen jedes Geschlecht im Himmel und auf der Erde benannt wird« (3, 14-15). Jede »Zeugung« im kreatürlichen Bereich findet ihr erstes Vorbild in jener vollkommen göttlichen, das heißt geistigen, Zeugung in Gott. Diesem absoluten, nicht geschaffenen Vorbild wird jede »Zeugung« in der geschaffenen Welt ähnlich. Daher trägt alles, was bei der menschlichen Zeugung in typischer Weise zum Manne gehört, wie auch alles, was typischer Anteil der Frau ist, das heißt die menschliche »Vaterschaft« und »Mutterschaft«, in sich eine Ähnlichkeit oder Analogie mit dem göttlichen »Zeugen« und mit der »Vaterschaft«, die in Gott »ganz anders« ist: vollkommen geistig und ihrem Wesen nach göttlich. In der menschlichen Ordnung dagegen gehört das Zeugen zur »Einheit der zwei«. Beide, der Mann wie die Frau, sind Eltern (»Erzeuger«).

IV.

EVA - MARIA

Der »Anfang« und die Sünde

9. »Obwohl in Gerechtigkeit von Gott begründet, hat der Mensch unter dem Einfluß des Bösen gleich von Anfang der Geschichte an durch Auflehnung gegen Gott und den Willen, sein Ziel außerhalb Gottes zu erreichen, seine Freiheit mißbraucht«.(28) Mit diesen Worten erinnert das letzte Konzil an die über die Sünde und im besonderen über jene erste Sünde, die »Ursünde«, offenbarte Lehre. Der biblische »Anfang« - die Erschaffung der Welt und des Menschen in der Welt - enthält auch die Wahrheit über diese Sünde, die auch die Sünde vom »Anfang« des Menschen auf Erden genannt werden kann. Auch wenn das, was im Buch Genesis geschrieben steht, die Form einer symbolhaften Erzählung hat, wie die Darstellung der Erschaffung des Menschen als Mann und Frau (vgl. Gen 2, 18-25), so enthüllt es darin doch, was man »das Geheimnis der Sünde« und noch vollständiger »das Geheimnis des Bösen« in der von Gott geschaffenen Welt nennen muß.

Ohne Bezugnahme auf die ganze Wahrheit von der »Gottebenbildlichkeit« des Menschen, die der biblischen Anthropologie zugrunde liegt, kann man »das Geheimnis der Sünde« unmöglich verstehen. Diese Wahrheit zeigt die Erschaffung des Menschen als ein besonderes Geschenk des Schöpfers, in dem nicht nur Grund und Quelle der wesenhaften Würde des Menschen - von Mann und Frau - in der geschaffenen Welt, sondern auch der Anfang der Berufung beider, am inneren Leben Gottes selbst teilzuhaben, enthalten sind. Im Lichte der Offenbarung bedeutet Schöpfung zugleich Anfang der Heilsgeschichte. Gerade in diesen Anfang drängt sich die Sünde ein und tritt dort als Gegensatz und Verneinung auf.

Man kann also paradoxerweise sagen: Die in Gen 3 dargestellte Sünde ist die Bestätigung der Wahrheit über das Abbild und Gleichnis Gottes im Menschen, wenn diese Wahrheit die Freiheit, das heißt den freien Willen bedeutet, von dem der Mensch Gebrauch machen kann, indem er sich für das Gute entscheidet, den er aber auch mißbrauchen kann, indem er sich gegen den Willen Gottes für das Böse entscheidet. In ihrer eigentlichen Bedeutung ist Sünde jedoch die Verneinung dessen, was Gott - als Schöpfer - in Beziehung zum Menschen ist und was Gott von Anfang an und für alle Zeiten für den Menschen will. Durch die Erschaffung von Mann und Frau nach seinem eigenen Bild und Gleichnis will Gott für sie die Fülle des Guten, das heißt die übernatürliche Glückseligkeit, die aus der Teilhabe an seinem Leben erwächst. Dadurch daß der Mensch sündigt, weist er dieses Geschenk zurück und will zugleich werden »wie Gott und Gut und Böse erkennen« (Gen 3, 5), das heißt, er will unabhängig von Gott, seinem Schöpfer, über Gut und Böse entscheiden. Die Sünde des Anfanges hat also ihr menschliches »Maß«, ihre innere Weise im freien Willen des Menschen, und zugleich hat sie etwas »Diabolisches« an sich,(29) wie in Gen 3, 1-5 deutlich hervorgehoben wird. Die Sünde bewirkt das Zerbrechen der ursprünglichen Einheit, deren sich der Mensch im Stand der anfänglichen Gerechtigkeit erfreute: die Verbundenheit mit Gott als Quelle der Einheit innerhalb des eigenen »Ichs«, in der gegenseitigen Beziehung zwischen Mann und Frau (»communio personarum«) und schließlich gegenüber der Außenwelt, der Natur.

Die biblische Darstellung des Sündenfalls in Gen 3 nimmt gewissermaßen eine Verteilung der »Rollen« vor, die der Mann und die Frau dabei hatten. Darauf wird später noch die eine oder andere Bibelstelle Bezug nehmen, wie zum Beispiel der Brief des Paulus an Timotheus: »Zuerst wurde Adam erschaffen, danach Eva. Und nicht Adam wurde verführt, sondern die Frau ließ sich verführen« (1 Tim 13-14). Es besteht jedoch kein Zweifel, daß unabhängig von dieser »Rollenverteilung« im biblischen Bericht jene erste Sünde die Sünde des Menschen ist, der von Gott als Mann und Frau erschaffen wurde. Sie ist auch die Sünde der »Voreltern«, womit ihr Erbcharakter verbunden ist. In diesem Sinne nennen wir sie »Erbsünde«.

Diese Sünde kann, wie schon gesagt, ohne Bezug auf das Geheimnis der Erschaffung des Menschen - als Mann und Frau - nach dem Ebenbild Gottes nicht richtig verstanden werden. Dieser Bezug macht auch das Geheimnis jener »Nicht-Ähnlichkeit« mit Gott begreiflich, die in der Sünde gegeben ist und sich in dem in der Geschichte der Welt vorhandenen Bösen äußert: jene »Nicht-Ähnlichkeit« mit Gott, der »allein 'der Gute' ist« (vgl. Mt 19, 17) und die Fülle des Guten. Wenn diese »Nicht-Ähnlichkeit« der Sünde mit Gott, der die Heiligkeit selber ist, die »Ähnlichkeit« auf dem Gebiet der Freiheit, des freien Willens, voraussetzt, dann kann man sagen, daß gerade aus diesem Grund die in der Sünde enthaltene »Nicht-Ähnlichkeit« um so dramatischer und schmerzlicher ist. Man muß auch zugeben, daß hierbei Gott als Schöpfer und Vater getroffen und »beleidigt« wird, ja ganz offensichtlich beleidigt im innersten Grunde jener schenkenden Hingabe, die zum ewigen Plan Gottes für den Menschen gehört.

Gleichzeitig wird jedoch auch der Mensch - Mann und Frau - vom Übel der Sünde, deren Urheber er ist, getroffen. Der biblische Text von Gen 3 zeigt das mit den Worten, die die neue Lage des Menschen in der geschaffenen Welt klar beschreiben. Er zeigt vorausschauend die »Mühsal«, mit der sich der Mensch um seinen Lebensunterhalt kümmern wird (vgl. Gen 3, 17-19), und er spricht von den großen »Schmerzen«, unter denen die Frau ihre Kinder gebären wird (vgl. Gen 3, 16). Das alles ist schließlich gezeichnet von der Notwendigkeit des Todes, der das Ende des menschlichen Lebens auf Erden darstellt. So wird der Mensch als Staub »zurückkehren zum Ackerboden, von dem er ja genommen ist«: »Denn Staub bist du, zum Staub mußt du zurück« (vgl. Gen 3, 19).

Diese Worte bestätigen sich von Generation zu Generation. Sie bedeuten nicht, daß das Bild und Gleichnis Gottes im Menschen, im Mann wie in der Frau, von der Sünde zerstört worden ist; sie bedeuten jedoch, daß es »getrübt«(30) und in gewissem Sinne »gemindert« ist. In der Tat »mindert« die Sünde den Menschen, wie auch das II. Vatikanische Konzil sagt.(31) Wenn der Mensch schon durch seine Natur als Person das Ebenbild Gottes ist, dann verwirklichen sich seine Größe und Würde eben im Bund mit Gott, in der Verbundenheit mit ihm, im Streben nach jener fundamentalen Einheit, die zur inneren »Logik« des Geheimnisses der Schöpfung gehört. Diese Einheit entspricht der tiefen Wahrheit aller mit Verstand ausgestatteten Geschöpfe und insbesondere des Menschen, der von Anfang an durch die ewige Erwählung von seiten Gottes in Christus über alle Geschöpfe der sichtbaren Welt erhoben wurde: »In Christus hat er uns erwählt vor der Erschaffung der Welt (...); er hat uns aus Liebe im voraus dazu bestimmt, seine Söhne zu werden durch Jesus Christus und nach seinem gnädigen Willen zu ihm zu gelangen« (vgl. Eph 1, 4-6). Auf Grund der biblischen Lehre insgesamt dürfen wir sagen, daß diese Vorherbestimmung alle menschlichen Personen, Männer und Frauen, ausnahmslos jeden einzelnen und jede einzelne, betrifft.

»Er wird über dich herrschen«

10. Die biblische Darstellung im Buch Genesis umreißt die Wahrheit über die Folgen der Sünde des Menschen, so wie sie außerdem auf die Störung jener ursprünglichen Beziehung zwischen Mann und Frau hinweist, die der Würde jedes von ihnen als Person entspricht. Der Mensch, sowohl der Mann wie die Frau, ist eine Person und daher »die einzige von Gott um ihrer selbst willen gewollte Kreatur auf Erden«; und zugleich kann eben diese einzige und unwiederholbare Kreatur »sich selbst nur durch die aufrichtige Hingabe ihrer selbst vollkommen finden«.(32) Hier nimmt die Gemeinschaftsbeziehung ihren Anfang, in der die »Einheit von zweien« und die Würde des Mannes wie der Frau als Person Ausdruck finden. Wenn wir daher in der biblischen Darstellung die an die Frau gerichteten Worte lesen: »Dennoch verlangt dich nach dem Mann, doch er wird über dich herrschen« (Gen 3, 16), entdecken wir darin einen Bruch und eine ständige Bedrohung eben dieser »Einheit der zwei«, die der Würde des Ebenbildes Gottes in beiden entspricht. Diese Bedrohung erweist sich jedoch als schwerwiegender für die Frau. Denn an die Stelle einer aufrichtigen Hingabe und daher eines Lebens »für« den anderen tritt das Beherrschen: »Er wird über dich herrschen«. Dieses »Herrschen« zeigt die Störung und Schwächung jener grundlegenden Gleichheit an, die Mann und Frau in der »Einheit der zwei« besitzen: Und das gereicht vor allem der Frau zum Nachteil, während nur die Gleichheit, die sich aus der Würde der beiden als Personen ergibt, den gegenseitigen Beziehungen den Charakter einer echten »communio personarum« (Personengemeinschaft) zu geben vermag. Wenn die Verletzung dieser Gleichheit, die ein vom Schöpfergott selber stammendes Geschenk und Recht ist, sich zum Nachteil der Frau auswirkt, mindert sie gleichzeitig aber auch die wahre Würde des Mannes. Wir rühren hier an einen äußerst empfindlichen Punkt im Bereich jenes »Ethos«, das der Schöpfer schon von Anfang an mit der Tatsache verbunden hatte, daß er beide nach seinem Bild und Gleichnis erschaffen hat.

Die in Gen 3, 16 gemachte Aussage ist von großer Bedeutung und Tragweite. Sie schließt einen Hinweis auf die gegenseitige Beziehung zwischen Mann und Frau in der Ehe ein. Es handelt sich hier um das im Bereich bräutlicher Liebe entstandene Verlangen, die bewirkt, daß »die aufrichtige Hingabe« von seiten der Frau in einer ähnlichen »Hingabe« von seiten des Gatten Antwort und Vervollständigung findet. Nur auf Grund dieses Prinzips können alle beide und besonders die Frau sich als wahre »Einheit von zweien«, der Würde der Person entsprechend, »selbst finden«. Die eheliche Vereinigung verlangt die Achtung und die Vervollkommnung des echten personalen Subjektseins beider. Die Frau darf nicht zum »Objekt« männlicher »Herrschaft« und »Besitzes« werden. Die Worte des Bibeltextes betreffen aber direkt die Erbsünde und ihre im Mann und in der Frau fortdauernden Auswirkungen. Sie sind von der erblichen Sündhaftigkeit belastet und tragen den ständigen »Sündenkeim« in sich, das heißt die Neigung zur Verletzung jener sittlichen Ordnung, die der Vernunftnatur und moralischen Würde des Menschen als Person entspricht. Diese Neigung kommt in der dreifachen Begierde zum Ausdruck, die der apostolische Text als Begierde der Augen, Begierde des Fleisches und Prahlen mit dem Besitz angibt (vgl. 1 Joh 2, 16). Die vorhin angeführten Worte der Genesis (3, 16) machen deutlich, auf welche Weise diese dreifache Begierde als »Sündenkeim« das gegenseitige Verhältnis von Mann und Frau belasten wird.

Die Worte der Genesis beziehen sich direkt auf die Ehe; indirekt aber berühren sie die verschiedenen Bereiche des sozialen Zusammenlebens: Situationen, wo die Frau deshalb benachteiligt oder diskriminiert wird, weil sie Frau ist. Die offenbarte Wahrheit über die Erschaffung des Menschen als Mann und Frau stellt das Hauptargument gegen alle Zustände dar, die schon rein objektiv schädlich, das heißt ungerecht sind und dabei das Erbe der Sünde enthalten und zum Ausdruck bringen, das alle Menschen in sich tragen. Die Bücher der Heiligen Schrift bestätigen an verschiedenen Stellen das tatsächliche Vorhandensein solcher Zustände und verkünden zugleich die Notwendigkeit umzukehren, das heißt, sich vom Bösen zu reinigen und von der Sünde zu befreien: von dem, was den anderen beleidigt, was den Menschen »mindert« und herabsetzt, und nicht nur den, dem die Beleidigung zugefügt wird, sondern auch den, der sie zufügt. Das ist die unveränderliche Botschaft des von Gott geoffenbarten Wortes. Darin kommt das biblische »Ethos« mit ganzer Radikalität zum Ausdruck.(33)

In unserer Zeit hat die Frage der »Rechte der Frau« im weiten Rahmen der Rechte der menschlichen Person eine neue Bedeutung erlangt. Indemdie Botschaft der Bibel und des Evangeliums dieses Programm, das ständig durch Erklärungen verschiedenster Art in Erinnerung gehalten wird, erhellt, bewahrt sie die Wahrheit über die »Einheit der zwei«, das heißt über jene Würde und Berufung, die sich aus der spezifischen Verschiedenheit und personalen Eigenart von Mann und Frau ergeben. Daher darf auch der berechtigte Widerstand der Frau gegen die Aussage der biblischen Worte: »Er wird über dich herrschen« (Gen 3, 16), unter keinen Umständen zur »Vermännlichung« der Frauen führen. Die Frau darf nicht - in Namen der Befreiung von der »Herrschaft« des Mannes - danach trachten, sich entgegen ihrer fraulichen »Eigenart« die typisch männlichen Merkmale anzueignen. Es besteht die begründete Furcht, daß sich auf einem solchen Weg die Frau nicht »verwirklichen« wird, sondern vielmehr das entstellen und einbüßen könnte, was ihren wesentlichen Reichtum ausmacht. Es handelt sich um einen außerordentlichen Reichtum. Im biblischen Schöpfungsbericht ist der Ausruf des ersten Menschen beim Anblick der soeben geschaffenen Frau ein Ausruf der Bewunderung und Verzauberung, wie er die ganze Geschichte des Menschen auf Erden durchzieht.

Die persönlichen Möglichkeiten des Frauseins sind gewiß nicht geringer als die Möglichkeiten des Mannseins; sie sind nur anders. Die Frau muß also - wie übrigens auch der Mann - ihre »Verwirklichung« als Person, ihre Würde und Berufung auf der Grundlage dieser Möglichkeiten anstreben, entsprechend dem Reichtum des Frauseins, das sie am Tag der Erschaffung empfangen und als den ihr eigenen Ausdruck des »Bildes Gottes« ererbt hat. Nur auf diese Weise kann auch jene Erbschaft der Sünde überwunden werden, die von den Worten der Bibel angedeutet wird: »Dennoch verlangt dich nach dem Mann, doch er wird über dich herrschen«. Die Überwindung dieses schlimmen Erbes ist von Generation zu Generation Aufgabe jedes Menschen, sowohl der Frau wie des Mannes. In der Tat handelt der Mann in allen Fällen, in denen er für die Verletzung der persönlichen Würde und Berufung der Frau verantwortlich ist, auch gegen die eigene persönliche Würde und Berufung.

Protoevangelium

11. Das Buch Genesis gibt Zeugnis von der Sünde, die das Böse des menschlichen Anfangs ist, und von ihren Folgen, die seither die ganze Menschheit belasten, und enthält zugleich die erste Verkündigung des Sieges über das Böse, über die Sünde. Das beweisen die Worte von Gen 3, 15, die gewöhnlich als »Protoevangelium« bezeichnet werden: »Feindschaft stifte ich zwischen dir und der Frau, zwischen deinem Nachwuchs und ihrem Nachwuchs. Er trifft dich am Kopf, und du triffst ihn an der Ferse«. Von Bedeutung ist, daß die in diesen Worten enthaltene Ankündigung des Erlösers, des Retters der Welt, die »Frau« betrifft. Sie wird im Protoevangelium an erster Stelle als Stammutter dessen genannt, der der Erlöser des Menschen sein wird.(34) Und wenn sich die Erlösung durch den Kampf gegen das Böse, durch die »Feindschaft« zwischen der Nachkommenschaft der Frau und der Nachkommenschaft dessen vollziehen soll, der als »Vater der Lüge« (Joh 8, 44) der erste Urheber der Sünde in der Menschheitsgeschichte ist, wird diese auch die Feindschaft zwischen ihm und der Frau sein.

In diesen Worten eröffnet sich der Ausblick auf die gesamte Offenbarung, zunächst als Vorbereitung auf das Evangelium und sodann als Evangelium selbst. In diesem Ausblick verbinden sich unter dem Namen der Frau die beiden weiblichen Gestalten: Eva und Maria.

Im Licht des Neuen Testaments gelesen, bringen die Worte des Protoevangeliums in angemessener Weise die Sendung der Frau in dem heilbringenden Kampf des Erlösers gegen den Urheber des Bösen in der Geschichte des Menschen zum Ausdruck.

Die Gegenüberstellung Eva - Maria kehrt in der Betrachtung über das in der göttlichen Offenbarung empfangene Glaubensgut immer wieder und ist eines der Themen, die von den Vätern, den kirchlichen Schriftstellern und den Theologen häufig aufgegriffen wurden.(35) Für gewöhnlich meinen wir auf den ersten Blick in diesem Vergleich einen Unterschied oder gar Gegensatz zu erkennen. Eva ist als »Mutter aller Lebendigen« (Gen 3, 20) Zeugin des biblischen »Anfangs«, in dem die Wahrheit über die Erschaffung des Menschen nach dem Bild und Gleichnis Gottes und die Wahrheit über die Erbsünde enthalten sind. Maria ist Zeugin des neuen »Anfangs« und der »neuen Schöpfung« (vgl. 2 Kor 5, 17). Ja, sie selbst ist, als die Ersterlöste in der Heilsgeschichte, »eine neue Kreatur«: Sie ist die »Begnadete«. Es ist kaum zu verstehen, warum die Worte des Protoevangeliums die »Frau« so nachdrücklich hervorheben, wenn man nicht zugibt, daß in ihr der neue und endgültige Bund Gottes mit der Menschheit, der Bund im erlösenden Blut Christi, seinen Anfang hat. Er beginnt mit einer Frau, der »Frau«, bei der Verkündigung in Nazaret. Das ist das absolut Neue des Evangeliums: Verschiedene Male hatte sich Gott im Alten Testament an Frauen gewandt, wie zum Beispiel an die Mutter des Samuel und des Samson, um in die Geschichte seines Volkes einzugreifen; um aber seinen Bund mit der Menschheit zu schließen, hatte er sich nur an Männer gewandt: Noach, Abraham... Am Anfang des Neuen Bundes, der ewig und unwiderruflich sein soll, steht die Frau: die Jungfrau aus Nazaret. Es handelt sich um ein deutliches Zeichen dafür, daß es »in Jesus Christus« »nicht mehr Mann und Frau gibt« (Gal 3, 28). In ihm wird der wechselseitige Gegensatz zwischen Mann und Frau - als Erbe der Ursünde - im wesentlichen überwunden. »Denn ihr alle seid einer in Christus Jesus«, wird der Apostel schreiben (Gal 3, 28).

Diese Worte handeln von jener ursprünglichen »Einheit der zwei«, die zusammenhängt mit der Erschaffung des Menschen, als Mann und Frau, nach dem Bild und Gleichnis Gottes, nach dem Vorbild jener vollkommenen Personengemeinschaft, die Gott selber ist. Die Worte des Paulus stellen fest, daß das Geheimnis von der Erlösung des Menschen in Jesus Christus, dem Sohn Marias, das wieder aufgreift und erneuert, was im Schöpfungsgeheimnis dem ewigen Plan des Schöpfers entsprach. Es heißt ja gerade deshalb am Tag der Erschaffung des Menschen als Mann und Frau: »Gott sah, daß alles, was er gemacht hatte, sehr gut war« (Gen 1, 31). Die Erlösung stellt nun gewissermaßen das Gute, das durch die Sünde und ihr Erbe in der Geschichte des Menschen wesentlich »gemindert« worden ist, an seiner Wurzel selbst wieder her.

Die »Frau« des Protoevangeliums ist einbezogen in die Perspektive der Erlösung. Die Gegenüberstellung Eva - Maria läßt sich auch in dem Sinne verstehen, daß Maria das Geheimnis der »Frau«, dessen Anfang Eva, »die Mutter aller Lebendigen« (Gen 3, 20),ist, in sich aufnimmt und umfängt: Sie nimmt es vor allem auf und umfängt es im Geheimnis Christi - »des neuen und letzten Adam« (vgl. 1 Kor 15, 45) -, der in seiner Person die Natur des ersten Adam aufgenommen hat. Das Wesen des Neuen Bundes besteht darin, daß der Sohn Gottes der wesensgleich ist mit dem ewigen Vater, Mensch wird: Er nimmt die Menschennatur in die Einheit der göttlichen Person des Wortes auf. Der die Erlösung vollbringt, ist zugleich wahrer Mensch. Das Geheimnis von der Erlösung der Welt setzt voraus, daß Gott-Sohn das Menschsein als das Erbe Adams angenommen hat, indem er ihm und jedem Menschen in allem gleich geworden ist »außer der Sünde« (vgl. Hebr 4, 15). So »macht er ... dem Menschen den Menschen selbst voll kund und erschließt ihm seine höchste Berufung«, wie das Zweite Vatikanische Konzil lehrt.(36) Er hilft gewissermaßen, neu zu entdecken, »was der Mensch ist« (vgl. Ps 8, 5).

In allen Generationen geht in der Überlieferung des Glaubens und der christlichen Glaubensreflexion der Vergleich Adam - Christus häufigHand in Hand mit jenem Eva - Maria. Wenn Maria auch als »neue Eva« beschrieben wird, welche Sinngehalte kann dann eine solche Analogie haben? Sie sind sicher vielfältig. Man muß insbesondere jene Bedeutung im Auge behalten, die in Maria die volle Offenbarung all dessen sieht, was das biblische Wort »Frau« umfaßt: eine Offenbarung, die an Tiefe dem Geheimnis der Erlösung entspricht. Maria bedeutet in gewissem Sinne das Überschreiten jener Grenze, von der das Buch Genesis (3, 16) spricht, und das Zurückgehen zu jenem «Anfang«, an dem wir die »Frau« so vorfinden, wie sie im Schöpfungswerk, also im ewigen Plan Gottes, im Schoß der Heiligsten Dreifaltigkeit, gewollt war. Maria ist »der neue Anfang« der Würde und Berufung der Frau, aller Frauen und jeder einzelnen.(37)

Ein Schlüssel zum Verständnis dieses Geheimnisses können in besonderer Weise die Worte sein, die der Evangelist Maria nach der Verkündigung, während ihres Besuches bei Elisabet, in den Mund legt: »Der Mächtige hat Großes an mir getan« (Lk 1, 49). Sie beziehen sich gewiß auf die Empfängnis des Sohnes, der der »Sohn des Höchsten« (Lk 1, 32) und der »Heilige« Gottes ist; zugleich aber können sie auch die Entdeckung des eigenen Menschseins als Frau bedeuten. »Der Mächtige hat Großes an mir getan«: Das ist die Entdeckung des ganzen Reichtums, der ganzen personalen Möglichkeiten des Frauseins, der ganzen von Ewigkeit her gegebenen Eigenart der »Frau«, so wie Gott sie gewollt hat, als eigenständige Person, die zugleich »durch eine aufrichtige Hingabe« sich selbst findet.

Diese Entdeckung verbindet sich mit dem klaren Bewußtsein von der Gabe, dem Gnadengeschenk Gottes. Die Sünde hatte gleich am »Anfang« dieses Bewußtsein getrübt, es gewissermaßen unterdrückt, wie die Worte der ersten Versuchung durch den »Vater der Lüge« (vgl. Gen 3, 1-5) anzeigen. Als sich mit dem Herannahen der »Fülle der Zeit« (vgl. Gal 4, 4) in der Menschheitsgeschichte das Geheimnis der Erlösung zu vollziehen beginnt, fließt dieses Bewußtsein mit seiner ganzen Kraft in die Worte der »Frau« aus Nazaret ein. In Maria entdeckt Eva wieder, was die wahre Würde der Frau, des fraulichen Menschseins ist. Diese Entdeckung muß ständig das Herz jeder Frau erreichen und ihrer Berufung und ihrem Leben Gestalt geben.

V.

JESUS CHRISTUS

»Sie wunderten sich, daß er mit einer Frau sprach«

12. Die Worte des Protoevangeliums im Buch Genesis erlauben uns den Übergang in den Bereich des Evangeliums. Die dort angekündigte Erlösung des Menschen wird hier Wirklichkeit in der Person und Sendung Jesu Christi, an denen wir auch erkennen, was die Wirklichkeit der Erlösung für die Würde und Berufung der Frau bedeutet. Diese Bedeutung wird uns noch stärker erhellt durch die Worte Christi und durch sein ganzes Verhalten zu den Frauen, das äußerst schlicht und gerade darum außergewöhnlich ist, wenn man es vor dem Hintergrund seiner Zeit sieht: ein Verhalten, das von großer Klarheit und Tiefe gekennzeichnet ist. Auf dem Weg der Sendung des Jesus von Nazaret treten verschiedene Frauen auf, und die Begegnung mit jeder von ihnen ist eine Bestätigung des »neuen Lebens« aus dem Geist des Evangeliums, von dem bereits die Rede war.

Es wird allgemein zugegeben - sogar von solchen Menschen, die der christlichen Botschaft kritisch gegenüberstehen -, daß Christus seinen Zeitgenossen gegenüber zum Förderer der wahren Würde der Frau und der dieser Würde entsprechenden Berufung geworden ist. Das löste bisweilen Befremden und Verwunderung aus und ging oft bis an die Grenze eines Skandals: »Sie wunderten sich, daß er mit einer Frau sprach« (Joh 4, 27); denn dieses Verhalten unterschied sich von dem seiner Zeitgenossen. Ja, »es wunderten sich« sogar die Jünger Christi. Der Pharisäer, in dessen Haus die Sünderin ging, um Jesus die Füße mit wohlriechendem Öl zu salben, dachte: »Wenn er wirklich ein Prophet wäre, müßte er wissen, was das für eine Frau ist, von der er sich berühren läßt; er wüßte, daß sie eine Sünderin ist« (Lk 7, 39). Noch größere Bestürzung oder geradezu »heilige Empörung« mußten bei den selbstzufriedenen Zuhörern die Worte Christi auslösen: »Zöllner und Dirnen gelangen eher in das Reich Gottes als ihr« (Mt 21, 31).

Der so sprach und handelte, gab damit zu verstehen, daß er »die Geheimnisse des Reiches« zutiefst kannte. Ebenso »wußte er, was im Menschen ist« (Joh 2, 25), in seinem Innersten, in seinem »Herzen«. Er war Zeuge des ewigen Planes Gottes für den von ihm nach seinem Ebenbild als Mann und Frau geschaffenen Menschen. Er wußte auch zutiefst um die Folgen der Sünde, jenes »Geheimnis der Bosheit«, das als die bittere Frucht der Trübung der Gottebenbildlichkeit in den Menschenherzen wirksam ist. Wie bedeutungsvoll ist es doch, daß Jesus in dem grundlegenden Gespräch über die Ehe und ihre Unauflöslichkeit gegenüber seinen Gesprächspartnern, den »Schriftgelehrten«, die von Amts wegen Kenner des Gesetzes waren, auf den »Anfang« Bezug nimmt! Es geht um die Frage, ob »dem Mann« das Recht zustehe, »seine Frau aus jedem beliebigen Grund aus der Ehe zu entlassen« (Mt 19, 3); und damit geht es auch um das Recht der Frau, um ihre gerechte Stellung in der Ehe, um ihre Würde. Die Gesprächspartner Jesu sind der Meinung, das in Israel geltende mosaische Gesetz auf ihrer Seite zu haben: »Wozu hat dann Mose vorge schrieben, daß man (der Frau) eine Scheidungsurkunde geben muß, wenn man sich trennen will?« (Mt 19, 7). Darauf antwortet Jesus: »Nur weil ihr so hartherzig seid, hat Mose euch erlaubt, eure Frauen aus der Ehe zu entlassen. Am Anfang war das nicht so« (Mt 19, 8). Jesus beruft sich auf den »Anfang«, auf die Erschaffung des Menschen als Mann und Frau und auf jene Ordnung Gottes, die sich darauf gründet, daß alle beide »nach seinem Bild und Gleichnis« erschaffen sind . Wenn also der Mann »Vater und Mutter verläßt« und sich an seine Frau bindet, so daß die zwei »ein Fleisch werden«, bleibt daher das von Gott selbst stammende Gesetz in Kraft: »Was aber Gott verbunden hat, das darf der Mensch nicht trennen« (Mt 19, 6).

Der Grundsatz dieses »Ethos«, der von Anfang an der Wirklichkeit der Schöpfung eingeschrieben ist, wird nun von Christus gegen jene Tradition, welche die Diskriminierung der Frau mit sich brachte, bestätigt. In dieser Tradition »herrschte « der Mann, ohne genügend auf die Frau und jene Würde Rücksicht zu nehmen, die das »Ethos« der Schöpfung den gegenseitigen Beziehungen zweier in der Ehe verbundener Personen zugrunde gelegt hat. Dieses »Ethos« wird von den Worten Christi in Erinnerung gerufen und bekräftigt: Es ist das »Ethos« des Evangeliums und der Erlösung.

Die Frauen des Evangeliums

13. Wenn wir die Seiten des Evangeliums durchgehen, ziehen eine Vielzahl von Frauen verschiedenen Alters und Standes an uns vorüber. Wir begegnen Frauen, die von Krankheit oder körperlichen Gebrechen befallen sind, wie jene, die »von einem Dämon geplagt wurde; ihr Rücken war verkrümmt, und sie konnte nicht mehr aufrecht gehen« (vgl. Lk 13, 11), oder die Schwiegermutter des Simon, die »mit Fieber im Bett lag« (Mk 1, 30), oder die Frau, die, »weil sie schon zwölf Jahre an Blutungen litt«, niemanden berühren konnte, weil man meinte, ihre Berührung würde den Menschen »unrein« machen (vgl. Mk 5, 25-34). Jede dieser Frauen wurde geheilt, und die letzte (die an Blutungen litt), die »in dem Gedränge« das Gewand Jesu berührte (Mk 5, 27), wurde ihres großen Glaubens wegen von Jesus gelobt: »Dein Glaube hat dir geholfen« (Mk 5, 34). Da ist sodann die Tochter des Jaïrus, die Jesus ins Leben zurückruft, indem er sie liebevoll auffordert: »Mädchen, ich sage dir, steh auf!« (Mk 5, 41). Und da ist die Witwe in Naïn, deren einzigen Sohn Jesus ins Leben zurückruft und dabei sein Tun mit dem Ausdruck herzlichen Mitleids begleitet: »Er hatte Mitleid mit ihr und sagte zu ihr: Weine nicht!« (Lk 7, 13). Und schließlich die Frau aus Kanaa, eine Frau, die wegen ihres Glaubens, ihrer Demut und jener geistigen Größe, zu der nur das Herz einer Mutter fähig ist, von Christus Worte besonderer Anerkennung verdient: »Frau, dein Glaube ist groß! Was du willst, soll geschehen« (Mt 15, 28). Die kanaanäische Frau hatte um die Heilung ihrer Tochter gebeten.

Die Frauen, denen Jesus begegnete und die von ihm so große Gnaden empfingen, begleiteten ihn bisweilen, wenn er mit den Jüngern durch Stadt und Land zog und das Evangelium vom Reich Gottes verkündete; und »sie unterstützten ihn mit dem, was sie besaßen«. Das Evangelium nennt unter diesen Frauen Johanna, die Frau eines Beamten des Herodes, Susanna und »viele andere« (vgl. Lk 8, 1-3).

Manchmal kommen Frauen in den Gleichnissen vor, mit denen Jesus von Nazaret seinen Zuhörern die Wahrheit über das Reich Gottes erläuterte. So in den Gleichnissen von der verlorenen Drachme (vgl. Lk 15, 8-10), vom Sauerteig (vgl. Mt 13, 32), von den klugen und törichten Jungfrauen (vgl. Mt 25, 1-13). Besonders eindrucksvoll ist die Erzählung vom Scherflein der armen Witwe. Während »die Reichen ihre Gaben in den Opferkasten legten (...), warf eine arme Witwe zwei kleine Münzen hinein«. Da sagte Jesus: »Diese arme Witwe hat mehr hineingeworfen als alle anderen (...); denn sie, die kaum das Nötigste zum Leben hat, hat ihren ganzen Lebensunterhalt hergegeben« (Lk 21, 1. 4). Auf diese Weise stellt Jesus sie als Vorbild für alle hin und tritt zugleich für sie ein; denn im damaligen Gesellschafts- und Rechtssystem waren die Witwen völlig schutzlos (vgl. auch Lk 18, 1-7).

In der gesamten Lehre Jesu wie auch in seinem Verhalten stoßen wir auf nichts, was die zu seiner Zeit übliche Diskriminierung der Frau widerspiegeln würde. Im Gegenteil, seine Worte und Taten bringen stets die der Frau gebührende Achtung und Ehrfurcht zum Ausdruck. Die verkrümmte Frau wird sogar »Tochter Abrahams« genannt (Lk 13, 16), während dieser Titel (in der Form »Sohn Abrahams«) in der ganzen Bibel immer nur Männern beigelegt wird. Auf seinem Leidensweg nach Golgota wird Jesus zu den Frauen sagen: »Ihr Frauen von Jerusalem, weint nicht über mich!« (Lk 23, 28). Diese Art und Weise, von den Frauen und mit den Frauen zu sprechen, sowie die Art des Umgangs mit ihnen stellt angesichts der damals herrschenden Gepflogenheiten etwas völlig »Neues« dar.

Das wird noch deutlicher gegenüber jenen Frauen, die die öffentliche Meinung mit Verachtung als Sünderinnen, Dirnen und Ehebrecherinnen bezeichnete. Da ist die Samariterin, zu der Jesus selbst sagt: »Fünf Männer hast du gehabt, und der, den du jetzt hast, ist nicht dein Mann«. Und als sie sieht, daß er um die Geheimnisse ihres Lebens weiß, erkennt sie in ihm den Messias und beeilt sich, es ihren Landsleuten zu verkünden. Das dieser Erkenntnis vorausgehende Gespräch gehört wohl zu den schönsten im Evangelium (vgl. Joh 4, 7-27).

Und dann ist da die bekannte Sünderin, die trotz der allgemeinen Verurteilung das Haus des Pharisäers betritt, um Jesus die Füße mit wohlriechendem Öl zu salben. Zu dem Gastgeber, der sich darüber entrüstete, sagte Jesus über diese Frau: "Ihr sind ihre vielen Sünden vergeben, weil sie (mir) so viel Liebe gezeigt hat" (vgl. Lk 7, 37-47).

Und schließlich die vielleicht deutlichste Szene all dieser Begegnungen: Eine Frau, die beim Ehebruch ertappt worden ist, wird zu Jesus gebracht. Auf die herausfordernde Frage: »Mose hat uns im Gesetz vorgeschrieben, solche Frauen zu steinigen. Nun, was sagst du?«, antwortet Jesus: »Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als erster einen Stein auf sie«. Die in dieser Antwort enthaltene Wahrheit ist so mächtig, daß »einer nach dem andern fortging, zuerst die Ältesten«. Jesus und die Frau bleiben allein zurück. »Wo sind sie geblieben? Hat dich keiner verurteilt?« - »Keiner, Herr« -. »Auch ich verurteile dich nicht. Geh und sündige von jetzt an nicht mehr« (vgl. Joh 8, 3-11).

Diese Episoden geben ein sehr klares Gesamtbild ab. Christus ist derjenige, der »wußte, was im Menschen ist« (vgl. Joh 2, 25), im Mann und in der Frau. Er kennt die Würde des Menschen, seinen Wert in den Augen Gottes. Er selbst, der Erlöser, ist die endgültige Bestätigung dieses Wertes. Alles, was er sagt und tut, findet im Ostermysterium der Erlösung seine endgültige Erfüllung. Das Verhalten Jesu zu den Frauen, denen er auf den Wegen seines messianischen Dienstes begegnet, spiegelt den ewigen Plan Gottes wider, der eine jede von ihnen erschafft und sie in Christus erwählt und liebt (vgl. Eph 1, 1-5). Daher ist jede von ihnen jene »einzige von Gott um ihrer selbst willen gewollte Kreatur«. Eine jede erbt auch vom »Anfang« her die Würde einer Person als Frau. Jesus von Nazaret bestätigt diese Würde, ruft sie in Erinnerung, erneuert sie und macht sie zum Inhalt des Evangeliums und der Erlösung, um deretwegen er in die Welt gesandt wurde. Man muß also jedes der von Christus im Umgang mit einer Frau gebrauchten Worte und jede solche Geste in das Licht des Ostergeheimnisses stellen. Auf diese Weise finden alle ihre vollständige Deutung.

Die beim Ehebruch ertappte Frau

14. Jesus begibt sich in die konkrete, geschichtliche Situation der Frau, eine Situation, die vom Erbe der Sünde belastet ist. Dieses Erbe kommt unter anderem in den Gewohnheiten zum Ausdruck, die die Frau zugunsten des Mannes diskriminieren, und ist auch in ihr selbst verwurzelt. Unter diesem Gesichtspunkt scheint die Episode von der Frau, »die beim Ehebruch ertappt wird« (vgl. 8, 3-11), besonders ergiebig zu sein. Zuletzt sagt Jesus zu ihr: »Sündige von jetzt an nicht mehr«; vorher aber weckt er das Schuldbewußtsein in den Männern, die sie anklagen, um sie zu steinigen, und offenbart so seine tiefe Fähigkeit, das Gewissen und die Werke der Menschen der Wahrheit gemäß zu sehen. Jesus scheint den Anklägern sagen zu wollen: Ist diese Frau mit ihrer ganzen Sünde nicht vielleicht auch und vor allem eine Bestätigung eurer Übertretungen, eurer »männlichen« Ungerechtigkeit, eurer Mißbräuche?

Diese Wahrheit ist für das ganze Menschengeschlecht gültig. Die im Johannesevangelium berichtete Begebenheit kann man in unzähligen ähnlichen Situationen in jeder Geschichtsepoche vorfinden. Eine Frau wird allein gelassen und mit »ihrer Sünde« der öffentlichen Meinung ausgesetzt, während sich hinter »ihrer« Sünde ein Mann als Sünder verbirgt, der »an der Sünde anderer« schuld, ja mitverantwortlich für sie ist. Seine Schuld entzieht sich jedoch der Aufmerksamkeit und wird stillschweigend übergangen: Für »fremde Schuld« erscheint er nicht verantwortlich! Manchmal macht er sich auch noch zum Ankläger, wie in dem geschilderten Fall, und vergißt dabei die eigene Schuld. Wie oft büßt in ähnlicher Weise die Frau für ihre Sünde (es kann durchaus sein, daß sie in gewissen Fällen schuld ist an der Sünde des Mannes); doch nur sie büßt und zahlt allein. Wie oft bleibt sie mit ihrer Mutterschaft verlassen zurück, wenn der Mann, der Vater des Kindes, die Verantwortung dafür nicht übernehmen will? Und neben den so zahlreichen «unverheirateten Müttern» in unserer Gesellschaft müssen wir auch an all jene Frauen denken, die sich sehr oft unter mancherlei Druck, auch von seiten des schuldigen Mannes, von ihrem Kind noch vor dessen Geburt »befreien«. Sie »befreien sich«: aber um welchen Preis? Die heutige öffentliche Meinung versucht auf verschiedene Weise das Übel dieser Sünde »wegzureden«; normalerweise jedoch vermag das Gewissen der Frau nicht zu vergessen, daß sie dem eigenen Kind das Leben genommen hat; denn sie ist nicht imstande, die ihrem Ethos am »Anfang« eingeschriebene Bereitschaft zur Annahme des Lebens auszulöschen.

Das Verhalten Jesu bei der im Johannesevangelium (8, 3-11) beschriebenen Begebenheit ist bezeichnend. Wohl nur an wenigen Stellen wird seine Macht - die Macht der Wahrheit - gegenüber dem menschlichen Gewissen so wie hier offenbar. Jesus ist ruhig, gefaßt, nachdenklich. Besteht hier wie auch im Gespräch mit den Pharisäern (vgl. Mt 19, 3-9) nicht vielleicht eine Verbindung zwischen seinem Bewußtsein und dem Geheimnis des »Anfangs« ? Als der Mensch als Mann und Frau erschaffen wurde und die Frau mit ihrer fraulichen Eigenart, auch mit ihrer Fähigkeit zur Mutterschaft, dem Mann anvertraut wurde? Auch der Mann wurde vom Schöpfer der Frau anvertraut. Sie wurden einander als Personen anvertraut, die nach dem Bild und Gleichnis Gottes selbst erschaffen waren. In diesem Anvertrauen liegt das Maß der Liebe, einer bräutlichen Liebe: Um zu einer »aufrichtigen Hingabe« füreinander zu kommen, muß sich jeder der beiden für diese Hingabe verantwortlich fühlen. Dieses Maß ist allen beiden - Mann und Frau - vom »Anfang« an bestimmt. Nach der Ursünde sind im Mann und in der Frau Gegenkräfte am Werk, auf Grund der dreifachen Begierde, dem »Sündenkeim«. Sie wirken aus der Tiefe des Menschen. Darum wird Jesus in der Bergpredigt sagen: »Wer eine Frau auch nur lüstern ansieht, hat in seinem Herzen schon Ehebruch mit ihr begangen« (Mt 5, 28). Diese direkt an den Mann gerichteten Worte beweisen die grundlegende Wahrheit von seiner Verantwortung gegenüber der Frau: für ihre Würde, für ihre Mutterschaft, für ihre Berufung. Indirekt gehen diese Worte auch die Frau an. Christus hat sein Möglichstes getan, damit die Frauen - im Rahmen der Gewohnheiten und sozialen Verhältnisse jener Zeit - in seiner Lehre und seinem Handeln ihre eigene Selbständigkeit und Würde wiederfinden. Auf Grund der gottgewollten »Einheit der zwei« hängt diese Würde direkt von der Frau selbst als für sich verantwortliches Subjekt ab und wird gleichzeitig dem Mann zur Aufgabe gestellt. Dementsprechend appelliert Christus an die Verantwortung des Mannes. In der vorliegenden Meditation über Würde und Berufung der Frau heute müssen wir uns so unbedingt auf den Ansatz beziehen, dem wir im Evangelium begegnen. Die Würde der Frau und ihre Berufung - wie auch jene des Mannes - haben ihre ewige Quelle im Herzen Gottes und hängen unter den zeitlichen Bedingungen des menschlichen Daseins eng mit der »Einheit der zwei« zusammen. Daher muß sich jeder Mann darauf besinnen, ob diejenige, die ihm als Schwester im selben Menschsein, als Braut und Ehefrau anvertraut ist, nicht in seinem Herzen Objekt eines Ehebruchs, ob diejenige, die in unterschiedlicher Weise Mitträgerin seines Daseins in der Welt ist, nicht für ihn zum »Objekt« geworden ist: Objekt des Genusses, der Ausbeutung.

Hüterinnen der evangelischen Botschaft

15. Die Handlungsweise Christi, das Evangelium seiner Taten und Worte, ist ein durchgehender Protest gegen die Verletzung der Würde der Frau. Deshalb entdecken die Frauen der Umgebung Christi in den Wahrheiten, die er »lehrt«und »tut«, sich selbst, auch wenn es sich bei dieser Wahrheit um ihre eigene »Sündhaftigkeit« handelt. Sie fühlen sich durch diese Wahrheit »befreit«, sich selbst zurückgegeben: Sie fühlen sich geliebt mit »ewiger Liebe«, einer Liebe, die in Christus selbst ihren direkten Ausdruck findet. Im Wirkungskreis Christi verändert sich ihre soziale Stellung. Sie nehmen wahr, daß Jesus mit ihnen über Fragen spricht, die man in der damaligen Zeit nicht mit einer Frau erörterte. Das in diesem Zusammenhang bezeichnendste Beispiel ist wohl das Gespräch mit der Samariterin am Jakobsbrunnen bei Sychar. Jesus - der weiß, daß sie eine Sünderin ist, und ihr gegenüber das auch erwähnt - erörtert mit ihr die tiefsten Geheimnisse Gottes. Er spricht mit ihr von dem unermeßlichen Geschenk der Liebe Gottes, das wie eine »sprudelnde Quelle ist, deren Wasser ewiges Leben schenkt« (Joh 4, 14). Er spricht zu ihr von Gott, der Geist ist, und von der wahren Anbetung im Geist und in der Wahrheit, auf die Gott Vater ein Recht habe (vgl. Joh 4, 24). Schließlich enthüllt er ihr, daß er der an Israel verheißene Messias ist (ebd. 4, 26).

Das ist ein Ereignis, das ohne Beispiel dasteht: Jene Frau, und dazu noch eine »Sünderin«, wird »Jüngerin« Christi; ja, nachdem sie unterwiesen worden ist, verkündet sie den Bewohnern von Samarien Christus, so daß auch diese ihn gläubig annehmen (vgl. Joh 4, 39-42). Ein beispielloses Geschehen, wenn man bedenkt, wie die Frauen gerade von den Lehrern in Israel allgemein behandelt wurden, während in der Handlungsweise Jesu von Nazaret ein solches Geschehen normal ist. In diesem Zusammenhang verdienen auch die beiden Schwestern des Lazarus eine besondere Erwähnung: »Jesus liebte Marta, ihre Schwester (Maria) und Lazarus« (Joh 11, 5). Maria »hörte den Worten« Jesu zu: Als er die Schwestern in ihrem Haus aufsuchte, bezeichnete er selbst das Verhalten Marias als »das bessere« im Vergleich zu Martas Sorge um die häuslichen Angelegenheiten (vgl.Lk 10, 38-42). Bei einer anderen Begegnung - nach dem Tod des Lazarus - wird auch Marta zur Gesprächspartnerin Christi: In jenem Gespräch geht es um die tiefsten Wahrheiten der Offenbarung und des Glaubens. »Herr, wärst du hier gewesen, dann wäre mein Bruder nicht gestorben« - »Dein Bruder wird auferstehen» - «Ich weiß, daß er auferstehen wird bei der Auferstehung am Letzten Tag«. Jesus erwiderte ihr: »Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt, und jeder, der lebt und an mich glaubt, wird auf ewig nicht sterben. Glaubst du das?« - »Ja, Herr, ich glaube, daß du der Messias bist, der Sohn Gottes, der in die Welt kommen soll« (Joh 11, 21-27). Nach diesem Glaubensbekenntnis erweckt Jesus den Lazarus. Auch das Gespräch mit Marta ist eines der wichtigsten des Evangeliums.

Christus spricht mit den Frauen über Gott, und sie verstehen ihn: ein echter Widerhall des Geistes und Herzens, eine Antwort des Glaubens. Und Jesus zollt dieser unverkennbar »fraulichen« Antwort Anerkennung und Bewunderung, wie im Fall der kanaanäischen Frau (vgl. Mt 15, 28). Bisweilen stellt er diesen lebendigen, von Liebe durchdrungenen Glauben als Beispiel hin: Er nimmt also diese Antwort, die aus dem Geist und Herzen einer Frau stammt, zum Ausgangspunkt für seine Unterweisung. So geschieht es im Fall jener »Sünderin« im Hause des Pharisäers, deren Handeln von Jesus als Ausgangspunkt für die Erläuterung der Wahrheit über die Sündenvergebung genommen wird: »Ihr sind ihre vielen Sünden vergeben, weil sie (mir) so viel Liebe gezeigt hat. Wem aber nur wenig vergeben wird, der zeigt auch nur wenig Liebe» (Lk 7, 47). Bei Gelegenheit einer anderen Salbung verteidigt Jesus gegenüber den Jüngern, besonders gegenüber dem Judas, die Frau und ihr Tun: »Warum laßt ihr die Frau nicht in Ruhe? Sie hat ein gutes Werk an mir getan (...) Als sie das Öl über mich goß, hat sie meinen Leib für das Begräbnis gesalbt. Amen, ich sage euch: Überall auf der Welt, wo dieses Evangelium verkündet wird, wird man sich an sie erinnern und erzählen, was sie getan hat« (Mt 26, 6-13).

In der Tat beschreiben die Evangelien nicht nur, was jene Frau von Betanien im Hause Simons, des Aussätzigen, getan hat, sondern heben auch hervor, daß bei der endgültigen und für die ganze messianische Sendung Jesu von Nazaret entscheidenden Prüfung, unter dem Kreuz, sich vor allen anderen die Frauen eingefunden haben. Von den Aposteln ist nur Johannes treu geblieben. Die Frauen hingegen sind zahlreich. Da waren nicht nur die Mutter Christi und die »Schwester seiner Mutter, die Frau des Klopas, und Maria von Magdala« (Joh 19, 25), sondern auch »viele Frauen waren dort und sahen von weitem zu; sie waren Jesus seit der Zeit in Galiläa nachgefolgt und hatten ihm gedient » (Mt 27, 55). In dieser härtesten Bewährungsprobe des Glaubens und der Treue haben sich, wie man sieht, die Frauen als stärker erwiesen als die Jünger; in diesen Augenblicken der Gefahr gelingt es denen, die »sehr lieben«, auch, die Furcht zu besiegen. Schon zuvor auf dem Kreuzweg waren es die Frauen gewesen, »die um ihn klagten und weinten« (Lk 23, 27). Vorher schon hatte die Frau des Pilatus ihren Mann gewarnt: »Laß die Hände von diesem Mann, er ist unschuldig. Ich hatte seinetwegen heute Nacht einen schrecklichen Traum« (Mt 27, 19).

Erste Zeugen der Auferstehung

16. Vom Beginn der Sendung Christi an zeigt die Frau ihm und seinem Geheimnis gegenüber eine besondere Empfänglichkeit, die einem Wesensmerkmal ihrer Fraulichkeit entspricht. Ferner muß gesagt werden, daß sich das besonders beim Ostergeheimnis bestätigt, nicht nur unter dem Kreuz, sondern auch am Morgen der Auferstehung. Die Frauen sind als erste am Grab. Sie sind die ersten, die es leer finden. Sie sind die ersten, die vernehmen: »Er ist nicht hier; denn er ist auferstanden, wie er gesagt hat« (Mt 28, 6). Sie sind die ersten, die »seine Füße umfassen« (vgl. Mt 28, 9). Ihnen wird als ersten aufgetragen, den Jüngern diese Wahrheit zu verkünden (vgl. Mt 28, 1-10; Lk 24, 8-11). Das Johannes evangelium (vgl. auch Mk 16, 9) hebt die besondere Rolle der Maria aus Magdala hervor. Sie ist die erste, die dem auferstandenen Christus begegnet. Zunächst hält sie ihn für den Gärtner: Sie erkennt ihn erst, als er sie bei ihrem Namen nennt. »Jesus sagte zu ihr: Maria! Da wandte sie sich ihm zu und sagte auf hebräisch zu ihm: Rabbuni!, das heißt: Meister. Jesus sagte zu ihr: Halte mich nicht fest; denn ich bin noch nicht zum Vater hinaufgegangen. Geh aber zu meinen Brüdern und sag ihnen: Ich gehe hinauf zu meinem Vater und zu eurem Vater, zu meinem Gott und zu eurem Gott. Maria von Magdala ging zu den Jüngern und verkündete ihnen: Ich habe den Herrn gesehen. Und sie richtete aus, was er ihr gesagt hatte« (Joh 20, 16-18).

Sie wurde darum auch »Apostel der Apostel« genannt.(38) Maria aus Magdala war früher als die Apostel Augenzeugin des auferstandenen Christus und hat deshalb auch als erste den Aposteln gegenüber von ihm Zeugnis gegeben. Dieses Geschehen stellt gewissermaßen die Krönung all dessen dar, was wir zuvor darüber gesagt haben, daß den Frauen - ebenso wie den Männern- die göttlichen Wahrheiten von Christus anvertraut worden sind. Man kann sagen, daß sich auf diese Weise die Worte des Propheten erfüllt haben: »Danach aber werde ich meinen Geist ausgießen über alle Menschen. Eure Söhne und Töchter werden Propheten sein« (Joël 3, 1). Am fünfzigsten Tag nach der Auferstehung Christi finden diese Worte im Abendmahlssaal von Jerusalem, bei der Herabkunft des Heiligen Geistes, des »Beistandes«, noch einmal ihre Bestätigung (vgl. Apg 2, 17).

Alles bisher zum Verhalten Christi gegenüber den Frauen Gesagte bestätigt und klärt im Heiligen Geist die Wahrheit über die »Gleichheit« der beiden - Mann und Frau. Man muß von einer wesenhaften »Gleichberechtigung« sprechen: Da beide - die Frau wie der Mann - nach dem Abbild und Gleichnis Gottes erschaffen wurden, sind beide in gleichem Maße empfänglich für das Geschenk der göttlichen Wahrheit und der Liebe im Heiligen Geist. Beide empfangen seine heilbringenden und heiligmachenden »Heimsuchungen«.

Die Tatsache, Mann oder Frau zu sein, führt hier zu keinerlei Einschränkung, ebensowenig wie, nach den bekannten Worten des Apostels, jenes Heilswirken des Geistes im Menschen dadurch eingeschränkt wird, daß einer »Jude oder Grieche, Sklave oder Freier« ist: »Denn ihr alle seid einer in Christus Jesus« (Gal 3, 28). Diese Einheit hebt die Verschiedenheit nicht auf. Der Heilige Geist, der in der übernatürlichen Ordnung der heiligmachenden Gnade eine solche Einheit bewirkt, trägt in gleichem Maße dazu bei, daß »eure Söhne Propheten werden«, wie dazu, daß auch »eure Töchter« es werden. »Prophetsein« heißt, unter Wahrung der Wahrheit und Eigenart der je eigenen Person, sei es Mann oder Frau, mit Wort und Leben »die großen Taten Gottes verkünden« (vgl. Apg 2, 11). Die »Gleichheit« nach dem Evangelium, die »Gleichberechtigung« von Frau und Mann vor den »großen Taten Gottes«, wie sie im Wirken und Reden Jesu von Nazaret mit solcher Klarheit offenkundig geworden ist, bildet die deutlichste Grundlage für Würde und Berufung der Frau in Kirche und Welt. Jede Berufung hat ihren tief persönlichen und prophetischen Sinn. In der so verstandenen Berufung erreicht das Frauliche in einer Person ein neues Maß: Es ist das Maß der »großen Taten Gottes«, zu deren lebendigem Träger und unersetzlicher Zeugin die Frau wird.

VI.

MUTTERSCHAFT - JUNGFRÄULICHKEIT

Zwei Dimensionen der Berufung der Frau

17. Wir müssen unsere Meditation jetzt der Jungfräulichkeit und der Mutterschaft zuwenden als zwei besonderen Dimensionen bei der Verwirklichung der Persönlichkeit einer Frau. Im Licht des Evangeliums erlangen sie in Maria, die als Jungfrau Mutter des Gottessohnes geworden ist, die Fülle ihrer Bedeutung und ihres Wertes. Diese zwei Dimensionen der Berufung der Frau sind sich in ihr begegnet und haben sich einzigartig verbunden, so daß die eine die andere nicht ausschloß, sondern sie auf wunderbare Weise vervollständigte. Die Darstellung der Verkündigung im Lukasevangelium zeigt deutlich, daß dies der Jungfrau aus Nazaret unmöglich erschien. Als sie die Worte vernimmt: »Du wirst ein Kind empfangen, einen Sohn wirst du gebären: dem sollst du den Namen Jesus geben«, fragt sie sogleich: »Wie soll das geschehen, da ich keinen Mann erkenne?« (Lk 1, 31. 34). In der allgemeinen Ordnung der Dinge ist die Mutterschaft Ergebnis des gegenseitigen »Erkennens« von Mann und Frau in der ehelichen Vereinigung. Unter entschiedener Betonung ihrer Jungfräulichkeit stellt Maria dem göttlichen Boten die Frage und erhält die Erklärung:»Der Heilige Geist wird über dich kommen«; deine Mutterschaft wird nicht Folge eines ehelichen »Erkennens«, sondern Werk des Heiligen Geistes sein, und die »Kraft des Höchsten« wird ihren »Schatten« über das Geheimnis der Empfängnis und der Geburt des Sohnes breiten. Als Sohn des Höchsten wird er dir in der von Ihm gewußten Weise ausschließlich von Gott geschenkt. Maria hat also an ihrem jungfräulichen »Ich erkenne keinen Mann« (vgl. Lk 1, 34) festgehalten und ist zugleich Mutter geworden. Jungfräulichkeit und Mutterschaft bestehen in ihr zugleich: Sie schließen sich nicht gegenseitig aus und behindern sich nicht. Ja, die Person der Gottesmutter hilft allen - besonders allen Frauen - wahrzunehmen, wie diese beiden Dimensionen und diese beiden Wege der Berufung der Frau als Person sich gegenseitig erklären und ergänzen.

Mutterschaft

18. Um an diesem »Wahrnehmen« teilzuhaben, müssen wir noch einmal die Wahrheit über die menschliche Person vertiefen, die uns das Zweite Vatikanische Konzil in Erinnerung gerufen hat. Der Mensch - sowohl der Mann wie die Frau - ist auf Erden die einzige von Gott um ihrer selbst willen gewollte Kreatur: Er ist eine Person, ein Subjekt, das über sich entscheidet. Zugleich kann der Mensch »sich selbst nur durch die aufrichtige Selbsthingabe vollkommen finden«.(39) Es wurde schon gesagt, daß diese Beschreibung, in gewissem Sinne eine Definition der Person, der biblischen Grundwahrheit über die Erschaffung des Menschen - als Mann und Frau - nach dem Bild und Gleichnis Gottes entspricht. Das ist keine rein theoretische Deutung oder abstrakte Definition; denn sie gibt im wesentlichen den Sinn des menschlichen Daseins an, indem sie den Wert der Selbsthingabe der Person betont. In dieser Sicht der Person ist auch das Wesen jenes »Ethos« enthalten, das in Verbindung mit der Wahrheit der Schöpfung von den Büchern der Offenbarung und besonders von den Evangelien voll entfaltet werden wird.

Diese Wahrheit über die Person eröffnet darüber hinaus den Weg zu einem vollen Verständnis der Mutterschaft der Frau. Die Mutterschaft ist das Ergebnis der ehelichen Vereinigung zwischen einem Mann und einer Frau, jenes biblischen »Erkennens«, von dem es in der Genesis heißt: »Die zwei werden ein Fleisch« (vgl. Gen 2, 24); sie verwirklicht auf diese Weise - von seiten der Frau - eine besondere »Selbsthingabe« als Ausdruck jener bräutlichen Liebe, in der sich die Eheleute so eng miteinander vereinigen, daß sie »ein Fleisch« werden. Das biblische »Erkennen« wird nur dann gemäß der Wahrheit der Person Wirklichkeit, wenn die gegenseitige Selbsthingabe weder dadurch entstellt wird, daß sich der Mann zum »Beherrscher« seiner Frau machen will (»Er wird über dich herrschen«), noch dadurch, daß sich die Frau auf ihre triebhafte Veranlagung zurückzieht (»Nach dem Mann wird dich verlangen«: Gen 3, 16).

Die gegenseitige Hingabe der Personen in der Ehe öffnet sich bereits für das Geschenk eines neuen Lebens, eines neuen Menschen, der auch eine Person nach dem Abbild seiner Eltern ist. Die Mutterschaft aber schließt von Anfang an eine besondere Aufnahmebereitschaft für diese neue Person ein: und eben das ist der Anteil der Frau. In dieser Bereitschaft, im Empfangen und Gebären eines Kindes, »findet die Frau durch ihre aufrichtige Selbsthingabe sich selbst«. Die Gabe der inneren Bereitschaft zum Empfangen und Gebären eines Kindes ist mit der ehelichen Vereinigung verbunden, die - wie schon gesagt - einen besonderen Augenblick der gegenseitigen Hingabe von seiten der Frau und des Mannes darstellen sollte. Empfängnis und Geburt des neuen Menschen werden nach der Bibel von den folgenden Worten der »Frau« und Mutter begleitet: »Ich habe einen Mann vom Herrn erworben« (Gen 4, 1). Dieser Ausruf Evas, der »Mutter aller Lebendigen«, wiederholt sich jedesmal, wenn ein neuer Mensch zur Welt kommt; er ist Ausdruck der Freude und des Bewußtseins der Frau, teilzuhaben an dem tiefen Geheimnis des ewigen Zeugens. Die Ehegatten haben teil an Gottes Schöpferkraft!

Die Mutterschaft der Frau im Zeitraum zwischen der Empfängnis und der Geburt des Kindes ist ein biophysiologischer und psychischer Prozeß, über den wir heutzutage besser Bescheid wissen als in der Vergangenheit und der Gegenstand zahlreicher tiefreichender Untersuchungen ist. Die wissenschaftliche Analyse bestätigt voll und ganz, daß bereits die physische Konstitution und der Organismus der Frau die natürliche Veranlagung zur Mutterschaft, zur Empfängnis, zur Schwangerschaft und zur Geburt des Kindes, als Folge der ehelichen Vereinigung mit dem Mann enthalten. Gleichzeitig entspricht das alles auch der psycho-physischen Struktur der Frau. Alles, was die verschiedenen Wissenschaftszweige zu diesem Thema sagen, ist wichtig und nützlich, insofern sie sich nicht auf eine rein biophysiologische Interpretation der Frau und ihrer Mutterschaft beschränken. Ein solches »verkürztes« Bild entspräche nämlich völlig der materialistischen Menschen- und Weltsicht. In diesem Falle ginge bedauerlicherweise das wirklich Wesentliche verloren: Die Mutterschaft als menschliches Faktum und Phänomen läßt sich nur auf der Grundlage der Wahrheit über die Person voll erklären. Die Mutterschaft steht im Zusammenhang mit der personalen Struktur des Frauseins und mit der personalen Dimension der Hingabe: »Ich habe einen Mann vom Herrn erworben« (Gen 4, 1). Der Schöpfer schenkt den Eltern ein Kind. Von seiten der Frau ist dies in besonderer Weise mit »einer aufrichtigen Hingabe ihrer selbst« verbunden. Die Worte Marias auf die Verkündigung hin: »Mir geschehe, wie du es gesagt hast«, bedeuten die Bereitschaft der Frau zur Hingabe und zur Annahme des neuen Lebens.

In der Mutterschaft der Frau, die an die Vaterschaft des Mannes gebunden ist, spiegelt sich das in Gott selber, dem dreieinigen Gott, gelegene ewige Geheimnis der Zeugung wider (vgl. Eph 3, 14-15). Das menschliche Zeugen ist Mann und Frau gemeinsam. Und wenn die Frau in Liebe zu ihrem Mann spricht: »Ich habe dir ein Kind geschenkt«, so bedeuten ihre Worte zugleich: »Das ist unser Kind«. Doch obwohl beide gemeinsam Eltern ihres Kindes sind, stellt die Mutterschaft der Frau einen besonderen Anteil dieser gemeinsamen Elternschaft, ja deren anspruchsvolleren Teil dar. Die Elternschaft gehört zwar zu beiden; sie verwirklicht sich jedoch viel mehr in der Frau, besonders in der vorgeburtlichen Phase. Die Frau muß unmittelbar für dieses gemeinsame Hervorbringen neuen Lebens »bezahlen«, das buchstäblich ihre leiblichen und seelischen Kräfte aufzehrt. Der Mann muß sich daher voll bewußt sein, daß ihm aus dieser gemeinsamen Elternschaft eine besondere Schuldverpflichtung gegenüber der Frau erwächst. Kein Programm für die »Gleichberechtigung« von Frauen und Männern ist gültig, wenn man diesem Umstand nicht ganz entscheidend Rechnung trägt.

Die Mutterschaft enthält eine besondere Gemeinschaft mit dem Geheimnis des Lebens, das im Schoß der Frau heranreift: Die Mutter steht staunend vor diesem Geheimnis, und mit einzigartiger Intuition »erfaßt« sie, was in ihr vor sich geht. Im Licht des »Anfangs« nimmt die Mutter das Kind, das sie im Schoß trägt, als Person an und liebt es. Diese einmalige Weise des Kontaktes mit dem neuen Menschen, der sich formt, schafft seinerseits eine derartige Einstellung zum Menschen - nicht nur zum eigenen Kind, sondern zum Menschen als solchem -, daß dadurch die ganze Persönlichkeit der Frau tief geprägt wird. Man ist allgemein überzeugt, daß die Frau mehr als der Mann fähig ist, auf die konkrete Person zu achten und daß die Mutterschaft diese Veranlagung noch stärker zur Entfaltung bringt. Der Mann befindet sich - trotz all seiner Teilhabe an der Elternschaft - immer »außerhalb« des Prozesses der Schwangerschaft und der Geburt des Kindes und muß in vielem von der Mutter seine eigene »Vaterschaft« lernen. Das gehört, so kann man sagen, zum normalen menschlichen Ablauf der Elternschaft, auch in ihrer weiteren Entwicklung nach der Geburt des Kindes, vor allem in der ersten Zeit. Die Erziehung des Kindes sollte, umfassend verstanden, den doppelten Beitrag der Eltern enthalten: den mütterlichen und den väterlichen Beitrag. Doch jener der Mutter ist entscheidend für die Grundlagen einer neuen menschlichen Persönlichkeit.

Die Mutterschaft in Beziehung zum Bund

19. Das vom Protoevangelium übernommene biblische Urbild der »Frau« kehrt nun in unsere Überlegungen zurück. Die »Frau« besitzt als Mutter, als erste Erzieherin des Menschen (die Erziehung ist die geistige Dimension der Elternschaft) einen besonderen Vorrang vor dem Mann. Wenn auch ihre Mutterschaft, vor allem im biophysischen Sinn, vom Mann abhängt, drückt sie doch dem ganzen Prozeß der Personwerdung der neuen Söhne und Töchter des Menschengeschlechts ein entscheidendes »Zeichen« auf. Die Mutterschaft der Frau im biophysischen Sinn zeigt eine scheinbare Passivität: der Prozeß der Ausformung eines neuen Lebens »geschieht« in ihrem Organismus, wobei er diesen allerdings tief einbezieht. Gleichzeitig drückt die Mutterschaft im personalen und ethischen Sinn eine sehr bedeutende Kreativität der Frau aus, von der das Menschsein des neuen Menschen hauptsächlich abhängt. Auch in diesem Sinne wird die Mutterschaft der Frau als ein besonderer Ruf und eine besondere Herausforderung für den Mann und seine Vaterschaft offenbar.

Seinen Höhepunkt findet das biblische Urbild der »Frau« in der Mutterschaft der Gottesmutter. Die Worte des Protoevangeliums: »Feindschaft stifte ich zwischen dir und der Frau«, finden hier eine neue Bestätigung. Ja, in ihr, in ihrem mütterlichen »Fiat« (»Mir geschehe, wie du gesagt hast«), stiftet Gott einen Neuen Bund mit der Menschheit. Es ist der ewige und endgültige Bund in Christus, in seinem Leib und Blut, in seinem Kreuz und seiner Auferstehung. Eben weil dieser Bund »in Fleisch und Blut« vollzogen werden soll, hat er seinen Anfang in der Mutter. Der »Sohn des Höchsten« kann allein durch sie, durch ihr jungfräuliches und mütterliches »Fiat«, zum Vater sagen: »Einen Leib hast du mir geschaffen. Ja, ich komme, um deinen Willen, Gott, zu tun« (vgl. Hebr 10,5. 7).

In die Ordnung des Bundes, den Gott mit dem Menschen in Jesus Christus geschlossen hat, ist die Mutterschaft der Frau eingefügt. Und jedesmal, wenn sich in der Geschichte des Menschen auf Erden die Mutterschaft der Frau wiederholt, steht sie nun immer in Beziehung zu dem Bund, den Gott durch die Mutterschaft der Gottesmutter mit dem Menschengeschlecht geschlossen hat.

Wird diese Wirklichkeit nicht vielleicht von der Antwort Jesu an jene Frau bewiesen, die ihm aus der Menge zurief und ihn für die Mutterschaft seiner Mutter seligpries: »Selig die Frau, deren Leib dich getragen und deren Brust dich genährt hat!«? Jesus erwidert: »Selig sind vielmehr die, die das Wort Gottes hören und es befolgen« (Lk 11, 27-28). Jesus bestätigt die Bedeutung von Mutterschaft im leiblichen Sinn; zugleich verweist er jedoch auf ihre noch tiefere Bedeutung, die mit der Ordnung des Geistes in Zusammenhang steht: Sie ist Zeichen des Bundes mit Gott, der »Geist« ist (vgl. Joh 4, 24). Das gilt vor allem für die Mutterschaft der Gottesmutter. Aber auch die Mutterschaft jeder anderen Frau ist, im Licht des Evangeliums verstanden, nicht nur »aus Fleisch und Blut«: In ihr kommt das innere »Hören des Wortes des lebendigen Gottes« und die Bereitschaft zur »Bewahrung« dieses Wortes, das »Wort des ewigen Lebens« ist (vgl. Joh 6, 68), zum Ausdruck. Es sind ja in der Tat die von den irdischen Müttern geborenen Kinder, die Söhne und Töchter des Menschengeschlechts, die vom Sohn Gottes die Macht erhalten, »Kinder Gottes zu werden« (Joh 1, 12). Die Dimension des Neuen Bundes im Blute Christi durchdringt das menschliche Zeugen und macht es zur Wirklichkeit und zum Auftrag »einer neuen Schöpfung« (vgl. 2 Kor 5, 17). Die Mutterschaft der Frau ist aus der Sicht der Geschichte jedes Menschen gleichsam die erste Schwelle, deren Überwindung auch Vorbedingung für »das Offenbarwerden der Söhne Gottes« ist (vgl. Röm 8, 19).

»Wenn die Frau gebären soll, ist sie bekümmert, weil ihre Stunde da ist; aber wenn sie das Kind geboren hat, denkt sie nicht mehr an ihre Not über der Freude, daß ein Mensch zur Welt gekommen ist« (Joh 16, 21). Die Worte Christi nehmen in ihrem ersten Teil Bezug auf jene »Geburtswehen«, die zum Vermächtnis der Erbsünde gehören; gleichzeitig weisen sie jedoch auf den Zusammenhang hin, der zwischen der Mutterschaft der Frau und dem Ostergeheimnis besteht. Denn in diesem Geheimnis ist auch der Schmerz der Mutter unter dem Kreuz enthalten - der Mutter, die im Glauben am erschütternden Geheimnis der »Entäußerung« ihres Sohnes teilnimmt. »Dies ist vielleicht die tiefste "kenosis" (Entäußerung) des Glaubens in der Geschichte des Menschen«.(40)

Beim Anblick dieser Mutter, der »ein Schwert durch die Seele drang« (vgl. Lk 2, 35), gehen die Gedanken zu allen Frauen in der Welt, die leiden, leiden im physischen wie im moralischen Sinn. Bei diesem Leiden spielt auch die der Frau eigene Sensibilität eine Rolle, auch wenn sie dem Leiden oft besser zu widerstehen vermag als der Mann. Es ist kaum möglich, alle diese Leiden aufzuzählen, sie alle beim Namen zu nennen: Man kann an die mütterlichen Sorgen um die Kinder denken, besonders wenn sie krank sind oder auf Abwege geraten; an den Tod geliebter Menschen; an die Einsamkeit der von ihren erwachsenen Kindern vergessenen Mütter oder an die Einsamkeit der Witwen; an die Leiden der Frauen, die im Lebenskampf alleinstehen, und der Frauen, die Unrecht und Kränkung erlitten haben oder ausgebeutet werden. Schließlich gibt es die Leiden des Gewissens wegen der Sünde, die die menschliche oder mütterliche Würde der Frau verletzt hat, Wunden des Gewissens, die nur schwer verheilen. Auch mit diesen Leiden muß man sich unter das Kreuz Christi stellen.

Aber die Worte des Evangeliums über die Frau, die bekümmert ist, wenn ihre Stunde da ist, daß sie gebären soll, drücken gleich darauf Freude aus. Es ist »die Freude, daß ein Mensch zur Welt gekommen ist«. Und auch diese Freude steht in Beziehung zum Ostergeheimnis, das heißt zu jener Freude, die den Aposteln am Tag der Auferstehung Christi zuteil wird: »So seid auch ihr jetzt bekümmert« (diese Worte hatte Jesus am Tag vor seinem Leiden und Sterben gesprochen); »aber ich werde euch wiedersehen; dann wird euer Herz sich freuen, und niemand nimmt euch eure Freude« (Joh 16, 22).

Die Jungfräulichkeit um des Himmelreiches willen

20. In der Lehre Christi wird die Mutterschaft mit der Jungfräulichkeit verbunden, aber auch von ihr unterschieden. Der hierfür grundlegende Satz bleibt jener, den Jesus im Gespräch über die Unauflöslichkeit der Ehe gesprochen hat. Nachdem die Jünger seine Antwort an die Pharisäer gehört hatten, sagten sie zu Christus: »Wenn das die Stellung des Mannes in der Ehe ist, dann ist es nicht gut zu heiraten« (Mt 19, 10). Unabhängig vom Sinn, den die Worte »es ist nicht gut« im damaligen Verständnis der Jünger hatten, nimmt Christus ihre falsche Auffassung zum Anlaß, um sie über den Wert der Ehelosigkeit zu belehren: Er unterscheidet die Ehelosigkeit infolge natürlicher Mängel, auch wenn diese vom Menschen verursacht sind, von der »Ehelosigkeit um des Himmelreiches willen«. Er sagt: »Und manche haben sich selbst zur Ehe unfähig gemacht - um des Himmelreiches willen« (Mt 19, 12). Es handelt sich also um eine freiwillige Ehelosigkeit, die um des Himmelreiches willen, im Hinblick auf die eschatologische Berufung des Menschen zur Gemeinschaft mit Gott, gewählt wird. Und er fügt hinzu: »Wer das erfassen kann, der erfasse es«, wobei diese Worte wieder aufnehmen, was er zu Beginn seines Gesprächs über die Ehelosigkeit gesagt hatte (vgl. Mt 19, 11). Deswegen ist die Ehelosigkeit um des Himmelreiches willen nicht nur Frucht einer freien Entscheidung von seiten des Menschen, sondern auch einer besonderen Gnade von seiten Gottes, der eine bestimmte Person zu einem Leben in Ehelosigkeit beruft. Wenn diese ein besonderes Zeichen des Reiches Gottes ist, das kommen soll, so dient sie zugleich dazu, auch schon während des Erdenlebens alle Kräfte der Seele und des Leibes aussschließlich für das endgültige Reich Gottes einzusetzen.

Die Worte Jesu sind die Antwort auf eine Frage der Jünger. Sie sind direkt an die Fragesteller gerichtet: in diesem Fall an Männer. Nichtsdestoweniger gilt die Antwort Christi an sich für Männer wie für Frauen. In diesem Zusammenhang weist sie auf das evangelische Ideal der Jungfräulichkeit hin, ein Ideal, das im Vergleich zur alttestamentlichen Tradition etwas völlig »Neues« darstellt. Diese Tradition hing gewiß auch irgendwie mit der Erwartung Israels und besonders der israelitischen Frau zusammen, daß der Messias komme und daß er als »Sohn der Frau« kommen solle. Das Ideal der Ehelosigkeit und der Jungfräulichkeit um einer größeren Gottnähe willen war zwar gewissen jüdischen Kreisen nicht völlig fremd, vor allem in der Zeit unmittelbar vor dem Kommen Jesu. Doch ist die Ehelosigkeit um des Himmelreiches willen, also die Jungfräulichkeit, eine unbestreitbare Neuheit, die unmittelbar mit der Menschwerdung Gottes zusammenhängt.

Vom Augenblick des Kommens Christi an soll sich die Erwartung des Gottesvolkes auf das ewige Reich richten, das kommt und in das er selbst »das neue Israel« einführen soll. Für eine derartige Wende und einen solchen Wertewandel ist tatsächlich ein neues Glaubensbewußtsein unerläßlich. Christus unterstreicht das zweimal: »Wer das erfassen kann, der erfasse es« - »Das können nur die erfassen, denen es gegeben ist« (Mt 19, 11. 12). Maria ist die erste Person, in der sich dieses neue Bewußtsein offenbart hat; denn sie fragt den Engel: »Wie soll das geschehen, da ich keinen Mann erkenne?« (Lk 1, 34). Obwohl sie »mit einem Mann namens Josef verlobt ist« (vgl. Lk 1, 27), hält sie entschlossen an ihrer Jungfräulichkeit fest, und die Mutterschaft, die sich in ihr erfüllt, kommt ausschließlich aus der »Kraft des Höchsten« und ist Frucht der Herabkunft des Heiligen Geistes auf sie (vgl. Lk 1, 35). Diese göttliche Mutterschaft ist also die völlig unerwartete Antwort auf die menschliche Erwartung der Frau in Israel: Sie widerfährt Maria als Gnadengabe Gottes selbst. Diese Gabe ist zum Anfang und Urbild einer neuen Erwartung aller Menschen im Rahmen des ewigen Bundes, im Rahmen der neuen und endgültigen Verheißung Gottes geworden: Sie ist Zeichen eschatologischer Hoffnung.

Auf der Grundlage des Evangeliums kam es zu einer Entwicklung und zugleich Vertiefung des Sinngehaltes der Jungfräulichkeit als Berufung auch für die Frau, in der ihre Würde nach dem Vorbild der Jungfrau aus Nazaret ihre Bestätigung findet. Das Evangelium legt das Ideal von der Weihe der Person vor, worunter ihre ausschließliche Hingabe an Gott kraft der evangelischen Räte, vor allem der Keuschheit, der Armut und des Gehorsams, zu verstehen ist. Ihre vollkommenste Verkörperung ist Jesus Christus selber. Wer ihm auf radikale Weise nachfolgen will, entscheidet sich für ein Leben nach diesen Räten. Sie unterscheiden sich von den Geboten und weisen dem Christen den Weg evangelischer Radikalität. Seit den Anfängen des Christentums schlagen Männer und Frauen diesen Weg ein, da sich nun das evangelische Ideal an den Menschen, ohne Unterschied des Geschlechts, wendet.

In diesem weiteren Zusammenhang muß die Jungfräulichkeit als ein Weg auch für die Frau gesehen werden, ein Weg, auf dem sie anders als in der Ehe ihre Persönlichkeit als Frau verwirklicht. Um diesen Weg zu verstehen, müssen wir noch einmal auf die Grundidee der christlichen Anthropologie zurückkommen. In der freiwillig gewählten Jungfräulichkeit bestätigt sich die Frau als Person, das heißt als jenes vom Schöpfer von Anfang an um seiner selbst willen gewollte Wesen,(41) und gleichzeitig realisiert sie den personalen Wert ihres Frauseins, indem sie zur »aufrichtigen Hingabe« an Gott wird, der sich in Christus offenbart hat, zu einer Hingabe an Christus, den Erlöser des Menschen und Bräutigam der Seelen: zu einer »bräutlichen« Hingabe also. Ohne Bezug auf die bräutliche Liebe läßt sich die Jungfräulichkeit, die Weihe der Frau in der Jungfräulichkeit, nicht richtig begreifen: Denn in einer solchen Liebe wird die Person zur Hingabe an den anderen.(42) Im übrigen ist auch die Weihe des Mannes im priesterlichen Zölibat oder im Ordensstand ähnlich zu verstehen.

Die natürliche bräutliche Veranlagung der fraulichen Persönlichkeit findet in der so verstandenen Jungfräulichkeit eine Antwort. Die Frau, vom »Anfang« an dazu berufen, geliebt zu werden und zu lieben, findet in der Berufung zur Jungfräulichkeit vor allem Christus als den, der als Erlöser durch seine Hingabe »den Menschen seine Liebe bis zur Vollendung erwies« (vgl. Joh 13, 1), und sie erwidert dieses Geschenk mit einer »aufrichtigen Hingabe« ihres ganzen Lebens. Sie schenkt sich also dem göttlichen Bräutigam, und diese ihre persönliche Hingabe strebt nach Vereinigung, die einen wesentlich geistlichen Charakter hat: Durch das Wirken des Heiligen Geistes wird sie »ein Geist« mit Christus, dem Bräutigam (vgl. 1 Kor 6, 17).

In diesem evangelischen Ideal der Jungfräulichkeit verwirklichen sich auf besondere Weise die Würde und die Berufung der Frau. In der so verstandenen Ehelosigkeit zeigt sich der sogenannte Radikalismus des Evangeliums: Verlaßt alles und folgt Christus nach (vgl. Mt 19, 27). Das alles läßt sich nicht mit dem einfachen Ledigsein oder Unverheiratetbleiben vergleichen; denn die Jungfräulichkeit um des Himmelreiches willen beschränkt sich nicht auf das bloße »Nein«, sondern enthält ein tiefes »Ja« im bräutlichen Sinne: die vollkommene und ungeteilte Hingabe aus Liebe.

Geistige Mutterschaft

21. Die Jungfräulichkeit im Sinne des Evangeliums schließt den Verzicht auf die Ehe und damit auf die leibliche Mutterschaft ein. Doch der Verzicht auf diese Art der Mutterschaft, die sogar ein großes Opfer für das Herz der Frau mit sich bringen kann, macht bereit für die Erfahrung einer Mutterschaft anderer Art: der Mutterschaft »nach dem Geist« (vgl. Röm 8, 4). Die Jungfräulichkeit nimmt der Frau in der Tat nicht ihre besonderen Eigenschaften. Geistige Mutterschaft kennt vielfältige Formen. Im Leben der gottgeweihten Frauen, die zum Beispiel nach dem Charisma und den Regeln der verschiedenen Gemeinschaften apostolischen Charakters leben, wird sie sich als Sorge für die Menschen, besonders für die am meisten Bedürftigen äußern: Kranke, Behinderte, Ausgesetzte, Waisen, alte Menschen, Kinder, Jugendliche, Gefangene und, allgemein, Existenzen am Rand der Gesellschaft. Eine Ordensfrau findet auf diese Weise in allen und in jedem einzelnen den Bräutigam, den einen mit immer anderem Angesicht, wie er selbst gesagt hat: »Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan« (Mt 25, 40). Die bräutliche Liebe enthält eine besondere Bereitschaft, sich all jener anzunehmen, die in ihrem Umkreis leben. In der Ehe besteht diese Bereitschaft, obwohl offen für alle, insbesondere in der Liebe der Eltern zu ihren Kindern. In der Jungfräulichkeit ist diese Bereitschaft offen für alle Menschen, die von der Liebe des Bräutigams Christus umfangen sind.

Im Blick auf Christus, den Erlöser aller und jedes einzelnen, ist die bräutliche Liebe, deren mütterliche Veranlagung sich im Herzen der Frau - der jungfräulichen Braut - verbirgt, ebenfalls bereit, sich für alle und jeden einzelnen zu öffnen. Das findet in den Ordensgemeinschaften apostolischen Lebens seine Bestätigung und ebenso, wenn auch anders, in den Gemeinschaften beschaulichen Lebens oder den Klausurorden. Es gibt zudem noch weitere Formen der Berufung zur Jungfräulichkeit um des Himmelreiches willen, wie zum Beispiel die Säkularinstitute oder die Gemeinschaften von gottgeweihten Menschen, die innerhalb von Bewegungen, Gruppen und Vereinigungen entstehen und in denen dieselbe Wahrheit über die geistige Mutterschaft der in Jungfräulichkeit lebenden Personen eine vielgestaltige Bestätigung findet. Es handelt sich aber nicht nur um gemeinschaftliche, sondern auch um private Formen. Schließlich ist die Jungfräulichkeit als Berufung der Frau immer die Berufung einer Person, einer konkreten und unwiederholbaren Person. Zutiefst persönlich ist darum auch die geistige Mutterschaft, die in dieser Berufung spürbar wird.

Auf dieser Grundlage kommt es denn auch zu einer besonderen Annäherung zwischen der Jungfräulichkeit der unverheirateten Frau und der Mutterschaft der verheirateten Frau. Eine solche Annäherung geht nicht nur von der Mutterschaft zur Jungfräulichkeit, wie soeben herausgestellt wurde; sie verläuft auch von der Jungfräulichkeit zur Ehe, verstanden als Form der Berufung der Frau, in welcher diese Mutter der aus ihrem Schoß geborenen Kinder wird. Ausgangspunkt für diese zweite Analogie ist die Bedeutung der Vermählung. In der Tat ist die Frau »vermählt« entweder durch das Ehesakrament oder geistlich durch die Vermählung mit Christus. Im einen wie im anderen Fall zeigt die Vermählung die »aufrichtige Hingabe« der Person der Braut gegenüber dem Bräutigam an. Auf diese Weise, so kann man sagen, ist das Profil der Ehe geistig in der Jungfräulichkeit wiederzufinden. Und wenn es sich um die leibliche Mutterschaft handelt, muß dann nicht vielleicht auch sie zugleich eine geistige Mutterschaft sein, um der Gesamtwahrheit über den Menschen, der eine Einheit aus Leib und Geist darstellt, zu entsprechen? Es gibt also viele Gründe, um in diesen beiden verschiedenen Wegen - zwei verschiedenen Lebensberufungen der Frau - eine tiefe Komplementarität und geradezu eine tiefe Einheit im innersten Wesen der Person zu entdecken.

»Meine Kinder, für die ich von neuem Geburtswehen erleide«

22. Das Evangelium offenbart eben diese Möglichkeit der menschlichen Person und macht sie begreiflich. Das Evangelium hilft jeder Frau und jedem Mann, sie zu leben und sich so zu verwirklichen. Hinsichtlich der Gaben des Heiligen Geistes und »der großen Taten Gottes« (vgl. Apg 2, 11) besteht in der Tat vollständige Gleichheit. Nicht nur das. Gerade im Hinblick auf »Gottes große Taten« empfindet der Apostel - als Mann - das Bedürfnis, das, was wesenhaft zum fraulichen Sein gehört, zur Hilfe zu nehmen, um die Wahrheit über seinen apostolischen Dienst auszudrücken. Genau das tut Paulus von Tarsus, als er sich an dieGalater mit den Worten wendet: »Meine Kinder, für die ich von neuem Geburtswehen erleide« (Gal 4, 19). Im ersten Korintherbrief (vgl. 7, 38) verkündet der Apostel den Vorrang der Jungfräulichkeit gegenüber der Ehe, eine ständige Lehre der Kirche im Geist der im Matthäusevangelium (19, 10-12) wiedergegebenen Worte Christi, ohne jedoch die Bedeutung der leiblichen und geistigen Mutterschaft zu verdunkeln. Um die grundlegende Sendung der Kirche zu veranschaulichen, findet er sogar keinen treffenderen Vergleich als den Bezug auf die Mutterschaft.

Einen Anklang an dieselbe Analogie - und dieselbe Wahrheit - finden wir in der Dogmatischen Konstitution über die Kirche. Maria ist dort das »Bild« der Kirche.(43) »Im Geheimnis der Kirche, die ja auch selbst mit Recht Mutter und Jungfrau genannt wird, ist (...) Maria vorangegangen, da sie in hervorragender und einzigartiger Weise das Urbild sowohl der Jungfrau wie der Mutter darstellt (...) Sie gebar (aber) einen Sohn, den Gott gesetzt hat zum Erstgeborenen unter vielen Brüdern (Röm 8, 29), den Gläubigen nämlich, bei deren Geburt und Erziehung sie in mütterlicher Liebe mitwirkt«.(44) »Nun aber wird die Kirche, indem sie Marias geheimnisvolle Heiligkeit betrachtet, ihre Liebe nachahmt und den Willen des Vaters treu erfüllt, durch die gläubige Annahme des Wortes Gottes auch selbst Mutter: Durch Predigt und Taufe nämlich gebiert sie die vom Heiligen Geist empfangenen und aus Gott geborenen Kinder zu neuem und unsterblichem Leben«.(45) Es handelt sich hier, was die Söhne und Töchter des Menschengeschlechts betrifft, um eine geistige Mutterschaft. Eine solche Mutterschaft wird - wie schon gesagt - der Frau auch in der Jungfräulichkeit zuteil. Auch die Kirche »ist Jungfrau, da sie das Treuewort, das sie dem Bräutigam gegeben hat, unversehrt und rein bewahrt.(46) In Maria findet dies seine vollkommenste Erfüllung. Die Kirche »bewahrt (also) in Nachahmung der Mutter ihres Herrn in der Kraft des Heiligen Geistes jungfräulich einen unversehrten Glauben, eine feste Hoffnung und eine aufrichtige Liebe«.(47)

Das Konzil hat bekräftigt, daß sich das Geheimnis der Kirche, ihre Wirklichkeit, ihre wesentliche Lebenskraft, ohne den Bezug auf die Gottesmutter unmöglich begreifen läßt. Indirekt finden wir hier den Bezug zum biblischen Urbild der »Frau«, wie es sich bereits in der Beschreibung des »Anfangs« (vgl. Gen 3, 15) und dann im ganzen Verlauf von der Schöpfung über die Sünde bis zur Erlösung klar abzeichnet. Auf diese Weise wird die tiefe Verbundenheit zwischen dem, was menschlich ist, und dem, was den göttlichen Heilsplan in der Geschichte des Menschen darstellt, bestätigt. Die Bibel überzeugt uns davon, daß es ohne eine entsprechende Berufung auf das »frauliche« Element keine zutreffende Hermeneutik des Menschen und seines Menschseins geben kann. Ähnliches gilt auch für Gottes Heilsplan: Wenn wir ihn für die ganze Geschichte des Menschen voll begreifen wollen, dürfen wir das Geheimnis der »Frau« - Jungfrau, Mutter, Braut - nicht aus dem Blickfeld unseres Glaubens ausschließen.

VII.

DIE KIRCHE - BRAUT CHRISTI

Das »tiefe Geheimnis«

23. Von grundlegender Bedeutung sind hierbei die Worte aus demEpheserbrief: »Ihr Männer, liebt eure Frauen, wie Christus die Kirche geliebt und sich für sie hingegeben hat, um sie im Wasser und durch das Wort rein und heilig zu machen. So will er die Kirche herrlich vor sich erscheinen lassen, ohne Flecken, Falten oder andere Fehler; heilig soll sie sein und makellos. Darum sind die Männer verpflichtet, ihre Frauen so zu lieben wie ihren eigenen Leib. Wer seine Frau liebt, liebt sich selbst. Keiner hat je seinen eigenen Leib gehaßt, sondern er nährt und pflegt ihn, wie auch Christus die Kirche. Denn wir sind Glieder seines Leibes. Darum wird der Mann Vater und Mutter verlassen und sich an seine Frau binden, und die zwei werden ein Fleisch sein. Dies ist ein tiefes Geheimnis; ich beziehe es auf Christus und die Kirche« (5, 25, 32).

In diesem Brief spricht der Verfasser die Wahrheit über die Kirche als Braut Christi aus und weist außerdem darauf hin, daß diese Wahrheit in der biblischen Wirklichkeit von der Erschaffung des Menschen als Mann und Frau ihre Wurzel hat. Nach dem Bild und Gleichnis Gottes als »Einheit von zweien« erschaffen, sind beide zu einer bräutlichen Liebe berufen. Man kann, wenn man dem Schöpfungsbericht in Gen 2, 18-25 folgt, auch sagen, daß diese grundlegende Berufung zugleich mit der Erschaffung der Frau offenbar und vom Schöpfer der Institution der Ehe eingeschrieben wird, die nach Gen 2, 24 von Anfang an den Charakter einer Personengemeinschaft (communio personarum) besitzt. Wenn auch nicht direkt, weist die Darstellung des »Anfangs« (vgl. Gen 1, 27 und 2, 24) darauf hin, daß das ganze »Ethos« der gegenseitigen Beziehungen zwischen Mann und Frau der personalen Wahrheit ihres Seins entsprechen muß.

Dies alles wurde bereits früher behandelt. Der Text des Briefes an die Epheser bekräftigt noch einmal die oben dargelegte Wahrheit und vergleicht dabei den bräutlichen Charakter der Liebe zwischen Mann und Frau mit dem Geheimnis Christi und der Kirche. Christus ist der Bräutigam der Kirche, die Kirche ist die Braut Christi. Diese Analogie ist nicht ohne Vorläufer: Sie überträgt, was bereits im Alten Testament, besonders bei den Propheten Hosea, Jeremia, Ezechiel und Jesaja(48) enthalten war, auf das Neue Testament. Die entsprechenden Abschnitte verdienten eine eigene Darlegung. Wenigstens einen Text wollen wir hier anführen. So spricht Gott durch den Propheten zu seinem auserwählten Volk: »Fürchte dich nicht, du wirst nicht beschämt; verzage nicht, du wirst nicht enttäuscht. Daß man deine jugendliche Schönheit verachtet hat, wirst du vergessen, an die Schande deiner Witwenschaft wirst du nicht mehr denken. Denn dein Schöpfer ist dein Gemahl. "Herr der Heere" wird er genannt. Der heilige Gott Israels ist dein Befreier. "Gott der ganzen Erde" wird er genannt (...) Kann man denn die Frau verstoßen, die man in der Jugend geliebt hat?, spricht dein Herr. Nur eine kleine Weile habe ich dich verlassen, doch voller Erbarmen hole ich dich zurück. Einen Augenblick nur verbarg ich vor dir mein Gesicht in grollendem Zorn; aber in meiner ewigen Gnade habe ich Erbarmen mit dir, spricht der Herr, dein Befreier (...) Auch wenn die Berge von ihrem Platz weichen und die Hügel zu wanken beginnen - meine Gnade wird nie von dir weichen und der Bund meines Friedens nicht wanken, spricht der Herr, der Erbarmen hat mit dir« (Jes 54, 4-8. 10).

Wenn der Mensch - Mann und Frau - als Abbild und Gleichnis Gottes erschaffen wurde, kann Gott durch den Mund des Propheten von sich selbst sprechen, indem er sich der ihrem Wesen nach menschlichen Sprache bedient: In dem zitierten Text des Jesaja ist die Art, wie die Liebe Gottes ausgedrückt wird, »menschlich«; aber die Liebe selbst ist göttlich. Als Liebe Gottes hat sie einen in göttlicher Weise bräutlichen Charakter, auch wenn sie mit der Analogie der Liebe des Mannes zur Frau ausgedrückt wird. Diese Frau und Braut ist Israel als das von Gott erwählte Volk, und diese Erwählung hat ihre Quelle ausschließlich in der spontanen Liebe Gottes. Eben durch diese Liebe läßt sich der oft als Ehe dargestellte Bund erklären, den Gott immer wieder neu mit seinem auserwählten Volk schließt. Dieser Bund ist von Gottes Seite her eine bleibende »Verpflichtung«: Gott bleibt seiner bräutlichen Liebe treu, auch wenn sich seine Braut wiederholt als untreu erwiesen hat.

Dieses Bild von der bräutlichen Liebe zusammen mit der Gestalt des göttlichen Bräutigams - ein sehr klares Bild in den prophetischen Texten - findet im Epheserbrief (5, 23-32) seine Bestätigung und Krönung.Christus wurde von Johannes dem Täufer als Bräutigam begrüßt (vgl. Joh 3, 27-29); ja, Christus selbst wendet diesen aus den Propheten genommenen Vergleich auf sich an (vgl. Mk 2, 19-20). Der Apostel Paulus, der das Erbe des Alten Testaments in sich trägt, schreibt an die Korinther: »Denn ich liebe euch mit der Eifersucht Gottes; ich habe euch einem einzigen Mann verlobt, um euch als reine Jungfrau zu Christus zu führen« (2 Kor 11, 2). Die vollständigste Formulierung der Wahrheit über die Liebe Christi, des Erlösers, nach der Analogie einer bräutlichen Liebe findet sich jedoch im Epheserbrief: »Christus hat die Welt geliebt und sich für sie hingegeben« (5, 25); damit wird voll bestätigt, daß die Kirche die Braut Christi ist: »Der heilige Gott Israels ist dein Befreier« (Jes 54, 5). Im Text des Paulus zielt die Analogie der bräutlichen Beziehung gleichzeitig in zwei Richtungen, die zusammen das »tiefe Geheimnis« (sacramentum magnum) bilden. Der Bund der Eheleute »erklärt« den bräutlichen Charakter der Verbundenheit Christi mit der Kirche; und diese Verbundenheit als »tiefes Geheimnis« und »Sakrament« entscheidet ihrerseits über die Sakramentalität der Ehe als eines heiligen Bundes der beiden Brautleute, des Mannes und der Frau. Beim Lesen dieses reichen und vielschichtigen Textes, der als Ganzes eine große Analogie ist, müssen wir unterscheiden zwischen dem, was darin die menschliche Wirklichkeit der interpersonalen Beziehungen, und dem, was in symbolischer Sprache das tiefe göttliche »Geheimnis« ausdrückt.

Die evangelische »Neuheit«

24. Der Text wendet sich an die Eheleute als konkrete Frauen und Männer und erinnert sie an das »Ethos« der bräutlichen Liebe, das auf die Einsetzung der Ehe durch Gott »im Anfang« zurückgeht. Der Wahrheit dieser Einsetzung entspricht die Aufforderung: »Ihr Männer, liebt eure Frauen«; liebt sie auf Grund jenes besonderen und einzigen Bandes, durch welches der Mann und die Frau in der Ehe »ein Fleisch« werden (Gen 2, 24; Eph 5, 31). In dieser Liebe haben wir eine grundlegende Bejahung der Frau als Person, eine Bejahung, dank derer sich die frauliche Persönlichkeit voll entfalten und vertiefen kann. Genauso handelt Christus als Bräutigam der Kirche, wenn er sie »herrlich, ohne Flecken oder Falten« sehen will (Eph 5, 27). Man kann sagen, hier ist alles voll aufgenommen, was den »Stil« Christi im Umgang mit der Frau ausmacht. Der Gatte müßte sich die Elemente dieses Stils gegenüber seiner Ehefrau zu eigen machen; und ähnlich sollte es der Mann in jeder Lage der Frau gegenüber tun. So leben alle zwei, Mann und Frau, die »aufrichtige Selbsthingabe«.

Der Verfasser des Epheserbriefes sieht keinen Widerspruch zwischen einer so formulierten Aufforderung und der Feststellung, daß »sich die Frauen ihren Männern unterordnen sollen wie dem Herrn (Christus); denn der Mann ist das Haupt der Frau« (vgl. 5, 22-23). Der Verfasser weiß, daß diese Auflage, die so tief in der Sitte und religiösen Tradition der Zeit verwurzelt ist, in neuer Weise verstanden und verwirklicht werden muß: als ein »gegenseitiges Sich-Unterordnen in der gemeinsamen Ehrfurcht vor Christus« (vgl. Eph 5, 21). Um so mehr, da der Ehemann »Haupt« der Frau genannt wird, wie Christus Haupt der Kirche ist, und das ist er eben, um »sich für sie« hinzugeben (vgl. Eph 5, 25); und sich für sie hinzugeben bedeutet, sogar das eigene Leben hinzugeben. Aber während die Unterordnung in der Beziehung Christus - Kirche nur die Kirche betrifft, ist diese »Unterordnung« in der Beziehung Gatte - Gattin nicht einseitig, sondern gegenseitig. Das stellt im Verhältnis zum »Alten« ganz offensichtlich ein »Neues« dar: Es ist das »Neue« des Evangeliums. Wir begegnen mehreren Stellen, wo die apostolischen Schriften dieses »Neue« zum Ausdruck bringen, auch wenn in ihnen das »Alte«, das, was auch in der religiösen Tradition Israels, in seiner Weise des Verständnisses und der Auslegung der heiligen Texte, wie zum Beispiel von Gen 2, verwurzelt ist, durchaus noch spürbar ist.(49)

Die Briefe der Apostel sind an Personen gerichtet, die in einem Milieu leben, wo alle in gleicher Weise denken und handeln. Das »Neue«, das Christus bringt, ist eine Tatsache: Es bildet den eindeutigen Inhalt der evangelischen Botschaft und ist Frucht der Erlösung. Zugleich aber muß sich das Bewußtsein, daß es in der Ehe die gegenseitige »Unterordnung der Eheleute in der gemeinsamen Ehrfurcht vor Christus« gibt und nicht nur die Unterordnung der Frau gegenüber dem Mann, den Weg in die Herzen und Gewissen, in das Verhalten und die Sitten bahnen. Dieser Appell hat seit damals nicht aufgehört, auf die einander folgenden Generationen einzuwirken; es ist ein Appell, den die Menschen immer wieder von neuem annehmen müssen. Der Apostel schreibt nicht nur: »In Jesus Christus gibt es nicht mehr Mann und Frau (...)«, sondern auch: »Es gibt nicht mehr Sklaven und Freie« (Gal 3, 28). Und doch, wie viele Generationen hat es gebraucht, bis sich ein solcher Grundsatz in der Menschheitsgeschichte in der Abschaffung der Sklaverei verwirklicht hat! Und was soll man zu so vielen Formen sklavenhafter Abhängigkeit von Menschen und Völkern sagen, die bis heute nicht aus dem Weltgeschehen verschwunden sind?

Die Herausforderung des »Ethos« der Erlösung hingegen ist klar und endgültig. Sämtliche Gründe für die »Unterordnung« der Frau gegenüber dem Mann in der Ehe müssen im Sinne einer »gegenseitigen Unterordnung« beider »in der Ehrfurcht vor Christus« gedeutet werden. Das Maß der echten bräutlichen Liebe hat seine tiefste Quelle in Christus, dem Bräutigam der Kirche, seiner Braut.

Die symbolische Dimension des »tiefen Geheimnisses«

25. Im Text des Epheserbriefes begegnen wir einer zweiten Dimension jener Analogie, die als ganze der Offenbarung des »tiefen Geheimnisses« dienen soll. Es handelt sich um ihre symbolische Dimension. Wenn die Liebe Gottes zum Menschen und zum auserwählten Volk Israel von den Propheten als die Liebe des Gemahls zu seiner Frau dargestellt wird, bringt eine solche Analogie die »bräutliche« Qualität und den göttlichen und nicht menschlichen Charakter von Gottes Liebe zum Ausdruck: »Dein Schöpfer ist dein Gemahl (...). Gott der ganzen Erde wird er genannt« (Jes 54, 5). Dasselbe gilt auch von der bräutlichen Liebe Christi, des Erlösers: »Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt, daß er seinen einzigen Sohn hingab« (Joh 3, 16). Es handelt sich also um die Liebe Gottes, die durch die von Christus vollbrachte Erlösung zum Ausdruck kommt. Nach dem Paulusbrief ist diese Liebe der bräutlichen Liebe menschlicher Eheleute »ähnlich«, aber natürlich nicht »gleich«. Denn die Analogie weist auf eine Ähnlichkeit hin, läßt aber zugleich der Nicht-Ähnlichkeit angemessenen Raum.

Sie ist leicht festzustellen, wenn wir die Gestalt der »Braut« betrachten. Nach dem Epheserbrief ist jene Braut die Kirche, so wie für die Propheten die Braut Israel war: Sie ist also ein kollektives Subjekt, nicht eine Einzelperson. Dieses kollektive Subjekt ist das Volk Gottes, das heißt eine aus vielen Personen, Frauen wie Männern, zusammengesetzte Gemeinschaft. »Christus hat die Kirche geliebt« gerade als Gemeinschaft, als Volk Gottes; und zugleich hat er in dieser Kirche, die im selben Abschnitt auch sein »Leib« genannt wird (vgl. Eph 5, 23), jede einzelne Person geliebt. Denn Christus hat alle ohne Ausnahme, jeden Mann und jede Frau, erlöst. In der Erlösung drückt sich gerade diese Liebe Gottes aus und gelangt ihr bräutlicher Charakter in der Geschichte des Menschen und der Welt zur Vollendung.

Christus ist in diese Geschichte eingetreten und bleibt in ihr als der Bräutigam, der »sich (für sie) hingegeben hat«. »Hingeben« heißt hier, auf vollkommenste und radikalste Weise »zu einer aufrichtigen Hingabe werden«: »Es gibt keine größere Liebe als diese« (Joh 15, 13). In dieser Auffassung sind durch die Kirche alle Menschen - Frauen wie Männer - berufen, »Braut« Christi, des Erlösers der Welt, zu sein. So wird das »Braut-Sein« und damit das »Frauliche« zum Symbol alles »Menschlichen«, wie Paulus sagt: »Es gibt nicht mehr Mann und Frau; denn ihr alle seid "einer" in Christus Jesus« (Gal 3, 28).

Vom sprachlichen Standpunkt her kann man sagen, daß die Analogie der bräutlichen Liebe nach dem Epheserbrief das, was »männlich« ist, auf das zurückführt, was »fraulich« ist, da als Glieder der Kirche auch die Männer in den Begriff der »Braut« einbezogen werden. Und das darf uns nicht wundern; spricht doch der Apostel, um seine Sendung für Christus und an der Kirche zu formulieren, von den »Kindern, für die er von neuem Geburtswehen erleidet« (vgl. Gal 4, 19). Im Bereich des »Menschlichen«, dessen, was den Menschen als Person ausmacht, unterscheiden sich das »Mannsein« und das »Frausein«, und zugleich ergänzen und erklären sie sich gegenseitig. Das ist auch in der großen Analogie von der »Braut« im Epheserbrief gegenwärtig. In der Kirche ist jeder einzelne Mensch - Mann und Frau - die »Braut«, weil sie die Liebe Christi, des Erlösers, als Hingabe erfährt und ihr durch die Hingabe der eigenen Person zu antworten sucht.

Christus ist der Bräutigam. Darin drückt sich die Wahrheit über die Liebe Gottes aus, der »zuerst« geliebt hat (vgl. 1 Joh 4, 19) und mit der von dieser bräutlichen Liebe zum Menschen bewirkten Hingabe alle menschlichen Erwartungen übertroffen hat: »Er erwies ihnen seine Liebe bis zur Vollendung« (Joh 13, 1). Der Bräutigam - der mit Gott Vater wesensgleiche Sohn - ist der Sohn Marias geworden, »Menschensohn« und wahrer Mensch, ein Mann. Das Symbol des Bräutigams ist männlichen Geschlechts. In diesem männlichen Symbol ist der menschliche Charakter jener Liebe dargestellt, in der Gott seiner göttlichen Liebe zu Israel, zur Kirche, zu allen Menschen Ausdruck gegeben hat. Aus unserer Betrachtung dessen, was die Evangelien über das Verhalten Christi gegenüber den Frauen berichten, können wir schließen, daß er als Mann, als Sohn Israels, die Würde der »Töchter Abrahams« (vgl. Lk 13, 16), die Würde, welche die Frau am »Anfang« ebenso besessen hat wie der Mann, offenbar gemacht hat. Und zugleich hat Christus die ganze Eigenart, die die Frau vom Mann unterscheidet, den ganzen Reichtum, der ihr im Schöpfungsgeheimnis geschenkt wurde, hervorgehoben. Im Verhalten Christi gegenüber der Frau findet sich in vorbildlicher Weise verwirklicht, was der Epheserbrief mit dem Begriff »Bräutigam« ausdrückt. Gerade weil die göttliche Liebe Christi die Liebe eines Bräutigams ist, wird sie zum Vorbild und Beispiel jeder menschlichen Liebe, insbesondere aber der Liebe der Männer.

Die Eucharistie

26. Vor dem weiten Hintergrund des »tiefen Geheimnisses«, das in der bräutlichen Beziehung zwischen Christus und der Kirche zum Ausdruck kommt, ist es möglich, in entsprechender Weise auch die Berufung der »Zwölf« zu begreifen. Wenn Christus nur Männer zu seinen Aposteln berief, tat er das völlig frei und unabhängig. Er tat es mit derselben Freiheit, mit der er in seinem Gesamtverhalten die Würde und Berufung der Frau betonte, ohne sich nach den herrschenden Sitten und nach der auch von der Gesetzgebung der Zeit gebilligten Tradition zu richten. Daher entspricht die Hypothese, er habe Männer zu Aposteln berufen, indem er der damals verbreiteten Mentalität folgte, ganz und gar nicht der Handlungsweise Christi. »Meister, wir wissen, daß du immer die Wahrheit sagst und wirklich den Weg Gottes lehrst (...), denn du siehst nicht auf die Person« (Mt 22, 16). Diese Worte beschreiben vollständig das Verhalten Jesu von Nazaret. Darin liegt auch eine Erklärung für die Berufung der »Zwölf«. Sie sind während des Letzten Abendmahles bei Christus; sie allein empfangen im Zusammenhang mit der Einsetzung der Eucharistie den sakramentalen Auftrag: »Tut dies zu meinem Gedächtnis!« (Lk 22, 19; 1 Kor 11, 24). Sie empfangen am Abend des Auferstehungstages den Heiligen Geist, um die Sünden zu vergeben: »Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben; wem ihr die Vergebung verweigert, dem ist sie verweigert« (Joh 20, 23).

Wir befinden uns hier mitten im Ostergeheimnis, das Gottes bräutliche Liebe zutiefst offenbart. Christus ist der Bräutigam, weil er »sich hingegeben hat«: Sein Leib wurde »hingegeben«, sein Blut wurde »vergossen« (vgl. Lk 24, 19. 20). So hat er »seine Liebe bis zur Vollendung erwiesen« (Joh 13, 1). Die »aufrichtige Hingabe«, die im Kreuzesopfer enthalten ist, hebt endgültig den bräutlichen Sinn der Liebe Gottes hervor. Christus ist als Erlöser der Welt der Bräutigam der Kirche. Die Eucharistie ist das Sakrament unserer Erlösung. Sie ist das Sakrament des Bräutigams und der Braut. Die Eucharistie vergegenwärtigt und verwirklicht auf sakramentale Weise aufs neue den Erlösungsakt Christi, der die Kirche als seinen Leib »erschafft«. Mit diesem »Leib« ist Christus verbunden wie der Bräutigam mit der Braut. Alle diese Aussagen sind im Brief an die Epheser enthalten. In dieses »tiefe Geheimnis« Christi und der Kirche wird die seit dem »Anfang« von Mann und Frau gebildete bleibende »Einheit der zwei« eingefügt.

Wenn Christus nun die Eucharistie bei ihrer Einsetzung so ausdrücklich mit dem priesterlichen Dienst der Apostel verbunden hat, darf man annehmen, daß er auf diese Weise die gottgewollte Beziehung zwischen Mann und Frau, zwischen dem »Fraulichen« und dem »Männlichen«, sowohl im Schöpfungsgeheimnis wie im Geheimnis der Erlösung ausdrücken wollte. Vor allem in der Eucharistie wird ja in sakramentaler Weise der Erlösungsakt Christi, des Bräutigams, gegenüber der Kirche, seiner Braut, ausgedrückt. Das wird dann durchsichtig und ganz deutlich, wenn der sakramentale Dienst der Eucharistie, wo der Priester »in persona Christi« handelt, vom Mann vollzogen wird. Diese Deutung bestätigt die Lehre der im Auftrag Pauls VI. veröffentlichten Erklärung Inter Insigniores, die Antwort geben sollte auf die Frage nach der Zulassung der Frauen zum Priesteramt.(50)

Die Hingabe der Braut

27. Das II. Vatikanische Konzil hat in der Kirche das Bewußtsein des allgemeinen Priestertums erneuert. Im Neuen Bund gibt es nur ein Opfer und nur einen Priester: Christus. An diesem einen Priestertum Christi haben alle Getauften, Männer wie Frauen, teil, denn sie »sollen sich als lebendige, heilige, Gott wohlgefällige Opfergabe darbringen« (vgl.Röm 12, 1), überall von Christus Zeugnis geben und allen, die es fordern, Rechenschaft ablegen von ihrer Hoffnung auf das ewige Leben (vgl. 1 Petr 3, 15)«.(51) Die allgemeine Teilhabe am Opfer Christi, in dem der Erlöser dem Vater die ganze Welt und insbesondere die Menschheit dargebracht hat, bewirkt, daß alle in der Kirche »Könige und Priester« sind (Offb 5, 10; vgl. 1 Petr 2, 9), das heißt, nicht nur an der priesterlichen, sondern auch an der prophetischen und königlichen Sendung Christi, des Messias, teilhaben. Diese Teilhabe bestimmt ferner die organische Verbundenheit der Kirche als Volk Gottes mit Christus. In ihr kommt zugleich das »tiefe Geheimnis« des Epheserbriefes zum Ausdruck: die mit ihrem Bräutigam vereinte Braut; vereint, weil sie sein Leben lebt; vereint, weil sie an seiner dreifachen Sendung (tria munera Christi) teilhat; vereint in einer Weise, daß sie mit ihrer »aufrichtigen Hingabe« das unermeßliche Geschenk der Liebe des Bräutigams, des Erlösers der Welt, erwidert. Das betrifft alle in der Kirche, Frauen ebenso wie Männer, und es betrifft natürlich auch jene, die am Amtspriestertum teilhaben, das Dienstcharakter besitzt.(52) Vor dem »tiefen Geheimnis« Christi und der Kirche sind alle aufgerufen, wie eine Braut mit der Gabe ihres Lebens auf die unermeßliche Hingabe der Liebe Christi zu antworten, der als Erlöser der Welt allein der Bräutigam der Kirche ist. Im »königlichen Priestertum«, das allgemein ist, drückt sich zugleich die Hingabe der Braut aus.

Das ist von grundlegender Bedeutung, um die Kirche in ihrem eigentlichen Wesen zu begreifen und dabei die Übertragung von Verständnis- und Bewertungskriterien, die nichts mit ihr zu tun haben, auf diese Kirche - auch als eine aus Menschen bestehende und in die Geschichte eingegliederte »Institution« - zu vermeiden. Sie besitzt zwar eine »hierarchische« Struktur;(53) doch diese ist ganz für die Heiligkeit der Glieder Christi bestimmt. Diese Heiligkeit wird aber an dem »tiefen Geheimnis« gemessen, in dem die Braut mit der Hingabe der Liebe die Hingabe des Bräutigams erwidert, und das tut sie »im Heiligen Geist«; »denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist« (Röm 5, 5). Das II. Vatikanische Konzil hat, indem es die Lehre der gesamten Überlieferung bestätigte, daran erinnert, daß in der Hierarchie der Heiligkeit gerade die »Frau«, Maria aus Nazaret, das »Bild« der Kirche ist. Sie geht allen auf dem Weg zur Heiligkeit voran; in ihrer Person hat die Kirche bereits ihre Vollkommenheit erreicht, dank derer sie »herrlich, ohne Flecken, Falten oder andere Fehler erscheint (vgl. Eph 5, 27)«.(54) In diesem Sinne, so kann man sagen, ist die Kirche zugleich »marianisch« und »apostolisch-petrinisch«.(55)

In der Geschichte der Kirche gab es seit den frühesten Zeiten - neben den Männern - zahlreiche Frauen, in denen die Antwort der Braut auf die erlösende Liebe des Bräutigams ihre volle Ausdruckskraft erlangte. Als erste sehen wir jene Frauen, die Christus persönlich begegnet und ihm gefolgt waren und nach seinem Abschied zusammen mit den Aposteln im Abendmahlssaal von Jerusalem »einmütig im Gebet verharrten« bis zum Pfingsttag. An jenem Tag redete der Heilige Geist durch »Söhne und Töchter« des Gottesvolkes und erfüllte so, was der Prophet Joël vorausgesagt hatte (vgl. Apg 2, 17). Jene Frauen und später noch andere hatten durch ihre Gnadengaben und ihren vielfältigen Dienst einen aktiven und wichtigen Anteil am Leben der Urkirche, an der Grundlegung der ersten und der nachfolgenden christlichen Gemeinden. Die apostolischen Schriften nennen ihre Namen, wie z.B. »Phöbe, die Dienerin der Gemeinde von Kenchreä« (vgl. Röm 16, 1), Priska mit ihrem Gatten Aquila (vgl. 2 Tim 4, 19), Evodia und Syntyche (vgl. Phil 4, 2), Maria, Tryphäna, Persis, Tryphosa (vgl. Röm 16, 6. 12). Der Apostel spricht von ihren »Mühen« um Christi willen: Diese weisen auf die verschiedenen Bereiche des apostolischen Dienstes der Kirche hin, angefangen bei der »Hauskirche«. In ihr nämlich geht der »aufrichtige Glaube« von der Mutter auf die Kinder und Enkel über, genauso wie es im Haus des Timotheus der Fall war (vgl. 2 Tim 1, 5).

Dasselbe wiederholt sich im Laufe der Jahrhunderte von Generation zu Generation, wie die Kirchengeschichte bezeugt. In der Tat hat die Kirche, indem sie für die Würde der Frau und ihre Berufung eintrat, Verehrung und Dankbarkeit für jene zum Ausdruck gebracht, die - in Treue zum Evangelium - zu allen Zeiten an der apostolischen Sendung des ganzen Gottesvolkes teilgenommen haben. Es handelt sich um heilige Märtyrerinnen, Jungfrauen, Mütter, die mutig ihren Glauben bezeugt und dadurch, daß sie ihre Kinder im Geist des Evangeliums erzogen, den Glauben und die Überlieferung der Kirche weitergegeben haben.

In jedem Zeitalter und in jedem Land finden wir zahlreiche »tüchtige« Frauen (vgl. Spr 31, 10), die trotz Verfolgungen, Schwierigkeiten und Diskriminierungen an der Sendung der Kirche teilgenommen haben. Es seien hier nur erwähnt: Monika, die Mutter des Augustinus, Makrina, Olga von Kiew, Mathilde von Toscana, Hedwig von Schlesien und Hedwig von Krakau, Elisabeth von Thüringen, Brigitta von Schweden, Jeanne d'Arc, Rosa von Lima, Elisabeth Seton und Mary Ward.

Das Zeugnis und die Taten christlicher Frauen haben sich prägend auf das Leben von Kirche und Gesellschaft ausgewirkt. Selbst unter schweren gesellschaftlichen Diskriminierungen haben die heiligen Frauen, durch ihre Verbundenheit mit Christus gestärkt, »frei« gehandelt. Aus einer ähnlichen Verbundenheit und in Gott verwurzelten Freiheit erklären sich zum Beispiel das große Wirken der hl. Katharina von Siena im öffentlichen Leben der Kirche und der hl. Theresia von Avila im kontemplativen Ordensleben.

Auch in unseren Tagen wird die Kirche noch immer durch das Zeugnis zahlreicher Frauen bereichert, die ihre Berufung zur Heiligkeit verwirklichen. Heiligmäßige Frauen sind eine Verkörperung des weiblichen Ideals; sie sind aber auch ein Vorbild für alle Christen, ein Vorbild der »Nachfolge Christi«, ein Beispiel dafür, wie die Braut die Liebe des Bräutigams in Liebe erwidern soll.

VIII.

AM GRÖSSTEN IST DIE LIEBE

Angesichts von Veränderungen

28. »Die Kirche aber glaubt: Christus, der für alle starb und auferstand, schenkt dem Menschen Licht und Kraft durch seinen Geist, damit er seiner höchsten Berufung nachkommen kann«.(56) Diese Worte aus der Konzilskonstitution Gaudium et Spes können wir auf das Thema der vorliegenden Überlegungen beziehen. Der besondere Hinweis auf die Würde der Frau und ihre Berufung in unserer heutigen Zeit kann und muß in dem »Licht« und mit der »Kraft« aufgenommen werden, die der Geist Christi dem Menschen schenkt: auch dem Menschen unserer, an vielfältigen Wandlungen so reichen Zeit. Die Kirche »glaubt (...), daß in ihrem Herrn und Meister der Schlüssel, der Mittelpunkt und das Ziel« des Menschen, ja »der ganzen Menschheitsgeschichte gegeben ist«, und sie »bekennt überdies, daß allen Wandlungen vieles Unwandelbare zugrunde liegt, was seinen letzten Grund in Christus hat, der derselbe ist gestern, heute und in Ewigkeit«.(57)

Mit diesen Worten weist uns die Konstitution über die Kirche in der Welt von heute den Weg, der einzuschlagen ist, wenn wir uns den Aufgaben bezüglich der Würde der Frau und ihrer Berufung vor dem Hintergrund der für unsere Zeit bedeutsamen Veränderungen stellen. Wir können uns mit diesen Wandlungen nur dann auf korrekte und angemessene Weise auseinandersetzen, wenn wir auf den Grund zurückgehen, der in Christus gegeben ist, zu jenen Wahrheiten und »unwandelbaren« Werten, deren »treuer Zeuge« (vgl. Offg 1, 5) und Meister er selbst ist. Eine andere Vorgangsweise würde zu zweifelhaften, wenn nicht sogar zu falschen und trügerischen Ergebnissen führen.

Die Würde der Frau und die Ordnung der Liebe

29. Der bereits angeführte Abschnitt aus dem Epheserbrief (5, 21-23), wo die Beziehung zwischen Christus und der Kirche als Band zwischen dem Bräutigam und der Braut dargestellt wird, nimmt auch Bezug auf die Einsetzung der Ehe nach den Worten der Genesis (vgl. 2, 24). Er verbindet die Wahrheit über die Ehe als Sakrament des »Anfangs« mit der Erschaffung von Mann und Frau nach dem Bild und Gleichnis Gottes (vgl. Gen 1, 27; 5, 1). Durch diesen bedeutsamen Vergleich des Epheserbriefes gewinnt seine volle Klarheit, was für die Würde der Frau sowohl in den Augen Gottes - des Schöpfers und Erlösers - als auch in den Augen des Menschen - des Mannes und der Frau - entscheidend ist. Auf der Grundlage des ewigen Planes Gottes ist die Frau diejenige, in der die Ordnung der Liebe in der geschaffenen Welt der Personen das Erdreich für ihr erstes Wurzelfassen findet. Die Ordnung der Liebe gehört zum inneren Leben Gottes selbst, zum Leben des dreifaltigen Gottes. Im inneren Leben Gottes ist der Heilige Geist die personhafte Verkörperung der Liebe. Durch den Geist, die ungeschaffene Gabe, wird die Liebe zu einer Gabe für alle geschaffenen Personen. Die Liebe, die von Gott ist, teilt sich den Geschöpfen mit: »Die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist« (Röm 5, 5).

Die Berufung der Frau zur Existenz neben dem Manne (»eine Hilfe, die ihm entspricht«: Gen 2, 18) in der »Einheit der zwei« bietet in der sichtbaren Welt der Geschöpfe besondere Voraussetzungen, damit »die Liebe Gottes ausgegossen wird in die Herzen« der nach seinem Bild geschaffenen Wesen. Wenn der Verfasser des Epheserbriefes Christus einen Bräutigam und die Kirche eine Braut nennt, bestätigt er mit dieser Analogie indirekt die Wahrheit über die Frau als Braut. Der Bräutigam ist der Liebende. Die Braut wird geliebt: Sie empfängt die Liebe, um ihrerseits zu lieben.

Der Abschnitt der Genesis - neu gelesen im Licht der bräutlichen Symbolik des Epheserbriefes - läßt uns eine Wahrheit schauen, die für die Frage der Würde der Frau und so auch für ihre Berufung entscheidend zu sein scheint: Die Würde der Frau wird von der Ordnung der Liebe bestimmt, die im wesentlichen eine Ordnung von Gerechtigkeit und Nächstenliebe ist.(58)

Nur die Person kann lieben, und nur die Person kann geliebt werden. Das ist zunächst eine ontologische Feststellung, aus der sich dann eine Feststellung ethischen Charakters ergibt. Die Liebe ist ein ontologisches und ethisches Bedürfnis der Person. Die Person muß geliebt werden; denn allein die Liebe entspricht dem, was eine Person ist. So erklärt sich das Liebesgebot, das bereits im Alten Testament bekannt ist (vgl. Dtn 6, 5; Lev 19, 18) und von Christus in den Mittelpunkt des evangelischen Ethos gestellt wird (vgl. Mt 22, 36-40; Mk 12, 28-34). So erklärt sich auch jener Vorrang der Liebe, der von Paulus im ersten Korintherbrief ausgesprochen wird: »Am größten ist die Liebe« (vgl 13, 13).

Ohne Anwendung dieser Ordnung und dieses Vorranges ist eine vollständige und zutreffende Antwort auf die Frage nach der Würde und Berufung der Frau gar nicht möglich. Wenn wir sagen, die Frau empfängt Liebe, um ihrerseits zu lieben, meinen wir nicht nur oder vor allem die der Ehe eigene bräutliche Beziehung. Wir meinen damit etwas Universaleres, das sich auf die Tatsache selbst des Frauseins in den interpersonalen Beziehungen gründet, die dem Zusammenleben und -wirken der Personen, von Männern und Frauen, die verschiedenste Gestalt verleihen. In diesem weiten und differenzierten Zusammenhang stellt die Frau einen Eigenwert dar als menschliche Person und gleichzeitig als jene konkrete Person in ihrem Frausein. Das trifft auf alle Frauen und auf jede einzelne von ihnen zu, unabhängig von dem kulturellen Rahmen, in dem jede sich befindet, und unabhängig von ihren geistigen, psychischen und körperlichen Merkmalen, wie zum Beispiel Alter, Bildung, Gesundheit, Arbeit, verheiratet oder ledig.

Der Abschnitt des Epheserbriefes läßt uns an eine Art von besonderem »Prophetentum« der Frau in ihrer Fraulichkeit denken. Die Analogie des Bräutigams und der Braut spricht von der Liebe, mit der jeder Mensch, jeder Mann und jede Frau, von Gott in Christus geliebt wird. Doch im Rahmen der biblischen Analogie und auf Grund der inneren Logik des Textes ist es gerade die Frau, die diese Wahrheit allen offenbar macht: die Braut. Dieses »prophetische« Merkmal der Frau in ihrer Fraulichkeit findet seinen erhabensten Ausdruck in der Jungfrau und Gottesmutter. Bei ihr wird auf vollkommenste und unmittelbarste Weise die innige Vereinigung der Ordnung der Liebe - die durch eine Frau in die Welt der menschlichen Personen einzieht - mit dem Heiligen Geist deutlich. Maria vernimmt bei der Verkündigung: »Der Heilige Geist wird über dich kommen« (Lk 1, 35).

Das Bewußtsein von einer Sendung

30. Die Würde der Frau ist eng verbunden mit der Liebe, die sie gerade in ihrer Fraulichkeit empfängt, und ebenso mit der Liebe, die sie ihrerseits schenkt. So wird die Wahrheit über die Person und über die Liebe bestätigt. Was die Wahrheit über die Person betrifft, müssen wir noch einmal auf das II. Vatikanische Konzil zurückkommen: »Der Mensch, der auf Erden die einzige von Gott um ihrer selbst willen gewollte Kreatur ist, kann sich selbst nur durch die aufrichtige Hingabe seiner selbst vollkommen finden«.(59) Das gilt für jeden Menschen als nach Gottes Bild geschaffene Person, für den Mann ebenso wie für die Frau. Die hier enthaltene ontologische Aussage weist auch auf die ethische Dimension der Berufung der Person hin. Die Frau kann sich nicht selbst finden, wenn sie nicht den anderen ihre Liebe schenkt.

Am »Anfang« ist die Frau - wie der Mann - von Gott geschaffen und in diese Ordnung der Liebe »hineingestellt« worden. Die Ursünde hat diese Ordnung nicht zerstört und nicht rettungslos aufgehoben. Das beweisen die Bibelworte des Protoevangeliums (vgl. Gen 3, 15).Wir haben in den vorliegenden Betrachtungen gesehen, welchen einmaligen Platz die »Frau« in diesem entscheidenden Text der Offenbarung einnimmt. Es sei außerdem betont, daß dieselbe »Frau«, die zum biblischen »Urbild« wird, auch in der von der Offenbarung des Johannes zum Ausdruck gebrachten eschatologischen Perspektive der Welt und des Menschen ihren Platz hat.(60) Sie ist dort »eine Frau, mit der Sonne bekleidet«, den Mond unter ihren Füßen und einen Kranz von zwölf Sternen auf ihrem Haupt (vgl. Offb. 12, 1). Man kann sagen: eine Frau in kosmischer Dimension, auf das gesamte Schöpfungswerk bezogen. Zugleich aber »ist sie schwanger und schreit unter ihren Geburtswehen« (Offb 12, 2) wie Eva, die »Mutter aller Lebendigen« (vgl. Gen 3, 20). Sie leidet auch, weil »vor der Frau, die gebären soll, der Drache steht« (vgl. Offb 12, 4), »der große Drache, die alte Schlange« (vgl. Offb 12, 9), die wir schon aus dem Protoevangelium kennen: der Böse als der »Vater der Lüge« und der Sünde (vgl. Joh 8, 44). Die »alte Schlange« will »ihr Kind (das Kind der Frau) verschlingen« (vgl. Offb 12, 4). Wenn wir in diesem Text einen Widerschein des Kindheitsevangeliums (vgl. Mt 2, 13. 16) sehen, können wir meinen, daß zum biblischen »Urbild« der »Frau« vom Beginn der Geschichte bis zu ihrem Ende der Kampf gegen das Böse und den Bösen in Person gehört. Es ist dies auch der Kampf um den Menschen, um sein wahres Wohl, um sein Heil. Will uns die Bibel damit nicht sagen, daß die Geschichte gerade in der »Frau«, in Eva und Maria, einen dramatischen Kampf um jeden Menschen verzeichnet? Den Kampf um sein grundlegendes »Ja« oder »Nein« zu Gott und zu seinem ewigen Plan für den Menschen?

Wenn die Würde der Frau von der Liebe zeugt, die sie empfängt, um ihrerseits zu lieben, scheint das biblische Urbild der »Frau« auch die rechte Ordnung der Liebe zu enthüllen, welche die eigentliche Berufung der Frau darstellt. Es handelt sich hier um die Berufung in ihrer fundamentalen und geradezu universalen Bedeutung, die dann konkrete Gestalt annimmt und in den vielfältigen »Berufungen« der Frau in Kirche und Welt zum Ausdruck kommt.

Die moralische Kraft der Frau und ihre geistige Kraft verbinden sich mit dem Bewußtsein, daß Gott ihr in einer besonderen Weise den Menschen anvertraut. Natürlich vertraut Gott jeden Menschen allen und jedem einzelnen an. Doch dieses Anvertrauen betrifft in besonderer Weise die Frau - eben wegen ihrer Fraulichkeit -, und es entscheidet in besonderer Weise über ihre Berufung.

Die aus diesem Bewußtsein und diesem Anvertrauen geschöpfte moralische Kraft der Frau findet in zahlreichen Frauengestalten aus dem Alten Testament, aus der Zeit Christi und aus den folgenden Epochen bis herauf in unsere Tage ihren Ausdruck. Die Frau ist stark im Bewußtsein der ihr anvertrauten Aufgabe, stark, weil Gott »ihr den Menschen anvertraut«, immer und überall, selbst unter den Bedingungen gesellschaftlicher Diskriminierung, unter der sie vielleicht leben muß. Dieses Bewußtsein und diese grundlegende Berufung erinnern die Frau an die Würde, die sie von Gott selber empfängt, und das macht sie »stark« und festigt ihre Berufung. So wird die »tüchtige Frau« (vgl. Spr 31, 10) zu einer unersetzlichen Stütze und einer Quelle geistiger Kraft für die anderen, die der großen Kräfte ihres Geistes gewahr werden. Diesen »tüchtigen Frauen« haben ihre Familien und oft ganze Nationen viel zu verdanken.

In unserer Zeit ermöglichen die Erfolge von Wissenschaft und Technik einen materiellen Wohlstand in bisher ungeahntem Ausmaß, der einige begünstigt, andere aber an den Rand abdrängt. So kann dieser einseitige Fortschritt auch zu einem schrittweisen Verlust der Sensibilität für den Menschen, für das eigentlich Menschliche, führen. In diesem Sinne erwartet vor allem unsere Zeit, daß jener »Genius« der Frau zutage trete, der die Sensibilität für den Menschen, eben weil er Mensch ist, unter allen Umständen sicherstellt und so bezeugt: »Die Liebe ist am größten« (vgl. 1 Kor 13, 13).

Ein aufmerksames Bedenken des biblischen Urbildes der »Frau« - vom Buch der Genesis bis zur Offenbarung des Johannes - bestätigt also, worin Würde und Berufung der Frau bestehen und was an ihnen unwandelbar und immer aktuell ist, weil es seinen »letzten Grund in Christus hat, der derselbe ist gestern, heute und in Ewigkeit«.(61) Wenn der Mensch von Gott in besonderer Weise der Frau anvertraut ist, bedeutet das etwa nicht, daß Christus von ihr die Verwirklichung jenes »königlichen Priestertums« (1 Petr 2, 9) erwartet, jenes Reichtums, den er den Menschen zum Geschenk gemacht hat? Christus, der oberste und einzige Priester des Neuen und Ewigen Bundes und Bräutigam der Kirche, hört nicht auf, dem Vater dieses Erbe im Heiligen Geist darzubringen, damit Gott »alles in allen« (1 Kor 15, 28) sei.(62)

Dann wird sich die Wahrheit, daß »am größten die Liebe ist« (vgl. 1 Kor 13, 13), endgültig erfüllen.

IX.

SCHLUSS

»Wenn du wüßtest, worin die Gabe Gottes besteht«

31. »Wenn du wüßtest, worin die Gabe Gottes besteht« (Joh 4, 10), sagt Jesus zu der Samariterin in einem jener wunderbaren Gespräche, die beweisen, wieviel Achtung er der Würde jeder Frau und ihrer Berufung, die ihr die Teilnahme an seiner messianischen Sendung erlaubt, entgegenbringt.

Die vorliegende Betrachtung, die nun zum Schluß kommt, ist darauf ausgerichtet, innerhalb des »Geschenkes Gottes« zu erkennen, was er als Schöpfer und Erlöser der Frau, jeder Frau, anvertraut. Im Heiligen Geist kann diese tatsächlich die gesamte Bedeutung ihres Frauseins entdecken, sich auf diese Weise für ihre eigene »aufrichtige Hingabe« an die anderen bereit machen und so auch sich selbst finden.

Im Marianischen Jahr möchte die Kirche der Heiligsten Dreifaltigkeit für das »Geheimnis der Frau« und für jede Frau Dank sagen - für das, was das ewige Maß ihrer weiblichen Würde ausmacht, für »Gottes große Taten«, die im Verlauf der Generationen von Menschen in ihr und durch sie geschehen sind. Hat sich schließlich nicht in ihr und durch sie ereignet, was zum Großartigsten in der Geschichte des Menschen auf Erden gehört - die Menschwerdung Gottes selbst?

Die Kirche sagt also Dank für alle Frauen und für jede einzelne: für die Mütter, die Schwestern, die Ehefrauen; für die Frauen, die sich in der Jungfräulichkeit Gott geweiht haben; für die Frauen, die sich den unzähligen Menschen widmen, die die selbstlose Liebe eines anderen Menschen erwarten; für die Frauen, die in ihrer Familie, dem grundlegenden Zeichen menschlicher Gemeinschaft, über das menschliche Dasein wachen; für die Frauen, die berufstätig sind und oft schwere soziale Verantwortung zu tragen haben; für die »tüchtigen« und für die »schwachen« Frauen - für alle: so wie sie aus dem Herzen Gottes in der ganzen Schönheit und im vollen Reichtum ihres Frauseins hervorgegangen sind; wie sie von seiner ewigen Liebe umfangen wurden; wie sie, zusammen mit dem Mann, Pilgerinnen auf dieser Erde sind, die die irdische »Heimat« der Menschen ist und sich bisweilen in ein »Tal der Tränen« wandelt; wie sie, zusammen mit dem Mann, eine gemeinsame Verantwortung übernehmen für das Geschick der Menschheit, was die täglichen Bedürfnisse betrifft, wie auch hinsichtlich jener endgültigen Bestimmung, welche die Menschheitsfamilie in Gott selber, im Schoß der unergründlichen Dreifaltigkeit, besitzt.

Die Kirche sagt Dank für alle Äußerungen des weiblichen »Geistes«, die sich im Laufe der Geschichte bei allen Völkern und Nationen gezeigt haben; sie sagt Dank für alle Gnadengaben, mit denen der Heilige Geist die Frauen in der Geschichte des Gottesvolkes beschenkt, für alle Siege, die sie dem Glauben, der Hoffnung und der Liebe von Frauen verdankt: Sie sagt Dank für alle Früchte fraulicher Heiligkeit.

Gleichzeitig bittet die Kirche darum, daß diese unschätzbaren »Offenbarungen des Geistes«, (vgl. 1 Kor 12, 4 ff.), mit denen die »Töchter« des ewigen Jerusalem in großer Freigiebigkeit beschenkt wurden, sorgfältig anerkannt und gewertet werden, damit sie gerade in unserer Zeit der Kirche und der ganzen Menschheit »zum gemeinsamen Nutzen« gereichen. Während sie das biblische Geheimnis der »Frau« betrachtet, betet die Kirche darum, daß alle Frauen in diesem Geheimnis sich selbst und ihre »höchste Berufung« finden.

Maria, die der ganzen Kirche »auf dem Weg des Glaubens, der Liebe und der vollkommenen Einheit mit Christus« vorangeht,(63) möge in dem Jahr, das wir ihr geweiht haben, an der Schwelle zum dritten Jahrtausend seit dem Kommen Christi, uns allen auch diese »Frucht« erwirken.

Mit diesen Wünschen erteile ich allen Gläubigen und in besonderer Weise den Frauen als Schwestern in Christus den Apostolischen Segen.

Gegeben zu Rom, bei St. Peter, am 15. August, dem Hochfest der Aufnahme Marias in den Himmel des Jahres 1988, im 10. Jahr meines Pontifikates.

    

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