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APOSTOLISCHES SCHREIBEN
DIES DOMINI
SEINER HEILIGKEIT
PAPST JOHANNES PAUL II.
AN DIE BISCHÖFE, DEN KLERUS,
DIE ORDENSLEUTE
UND AN DIE GLÄUBIGEN
ÜBER DIE HEILIGUNG DES SONNTAGS
EINFÜHRUNG
Verehrte Brüder im Bischofs- und Priesteramt,
liebe Schwestern und Brüder!
1. Der Tag des Herrn wie der Sonntag seit der apostolischen Zeit
(1) genannt wird hat wegen seines engen Zusammenhanges mit dem
eigentlichen Kern des christlichen Mysteriums in der Kirchengeschichte
stets in hoher Achtung gestanden. Denn im Wochenrhythmus erinnert der
Sonntag an den Tag der Auferstehung Christi. Er ist das wöchentliche
Ostern, an dem der Sieg Christi über Sünde und Tod, die
Vollendung der ersten Schöpfung in ihm und der Anbruch der »neuen
Schöpfung« (vgl. 2 Kor 5,17) gefeiert wird. Er ist der
Tag der anbetenden und dankbaren Beschwörung des ersten Tages der
Welt und zugleich in der eifrigen Hoffnung die Vorwegnahme des »letzten
Tages«, an dem Christus in Herrlichkeit wiederkommen (vgl. Apg
1,11; 1 Thess 4,13-17) und »alles neu machen« wird (vgl.
Offb 21,5).
Auf den Sonntag paßt daher gut der Freudenruf des Psalmisten: »Dies
ist der Tag, den der Herr gemacht hat; wir wollen jubeln und uns an ihm
freuen« (Ps 118, 24). Diese Einladung zur Freude, die sich
die Osterliturgie zu eigen macht, weist Anzeichen jenes Staunens auf, von
dem die Frauen ergriffen wurden, die bei der Kreuzigung Christi zugegen
gewesen waren und, als sie »am ersten Tag nach dem Sabbat in aller Frühe«
(Mk 16,2) zum Grab gekommen waren, dieses leer fanden. Es ist die
Einladung, irgendwie die Freude der Emmausjünger nachzuerleben, die
spürten, wie ihnen »das Herz in der Brust brannte«, als der
Auferstandene sich unterwegs zu ihnen gesellte, ihnen die Schrift erklärte
und sich zu erkennen gab, »als er das Brot brach« (vgl. Lk
24,32.35). Es ist das Echo der zuerst zögerlichen und dann überwältigenden
Freude, welche die Apostel am Abend jenes gleichen Tages empfanden, als
der auferstandene Jesus in ihre Mitte trat und sie das Geschenk seines
Friedens und seines Geistes empfingen (vgl. Joh 20,19-23).
2. Die Auferstehung Jesu ist das Ursprungsereignis, auf dem der
christliche Glaube beruht (vgl. 1 Kor 15,14): wunderbare
Wirklichkeit, die ganz im Lichte des Glaubens aufgenommen, die aber von
jenen, die den auferstandenen Herrn sehen durften, historisch bezeugt ist.
Sie ist ein wundervolles Ereignis, das sich nicht nur auf absolute Weise
in der Geschichte der Menschen auszeichnet, sondern im Zentrum des
Geheimnisses der Zeit steht. Denn Christus ist Herr »der Zeit und
der Ewigkeit«: daran erinnert uns in der eindrucksvollen
Osternachtliturgie der Ritus der Bereitung der Osterkerze. Dadurch, daß
sie nicht nur einmal im Jahr, sondern an jedem Sonntag des
Auferstehungstages Christi gedenkt, will die Kirche also jede Generation
auf die tragende Achse der Geschichte hinweisen, auf die sich das
Geheimnis des Anfangs der Welt wie das ihrer endgültigen Bestimmung
zurückführen lassen.
Man kann daher mit Recht, wie es die Homilie eines Autors aus dem 4.
Jahrhundert tut, vom »Tag des Herrn« als dem »Herrn der
Tage« sprechen.(2) Alle, denen die Gnade, an den auferstandenen Herrn
zu glauben, zuteil wurde, können nicht umhin, die Bedeutung dieses
Wochentages mit der lebhaften Gefühlsregung zu erfassen, die den hl.
Hieronymus zu den Worten veranlaßte: »Der Sonntag ist der Tag
der Auferstehung, er ist der Tag der Christen, er ist unser Tag«.(3)
Der Sonntag ist in der Tat für uns Christen der »Ur-Feiertag«,(4)
der nicht nur dazu bestimmt ist, der Abfolge der Zeit einen festen
Rhythmus zu geben, sondern ihren tiefen Sinn zu enthüllen.
3. Die in zweitausend Jahren Geschichte stets anerkannte grundlegende
Bedeutung des Sonntags wurde vom II. Vatikanischen Konzil nachdrücklich
unterstrichen: »Aus apostolischer Überlieferung, die ihren
Ursprung auf den Auferstehungstag Christi zurückführt, feiert
die Kirche Christi das Paschamysterium jeweils am achten Tage, der deshalb
mit Recht Tag des Herrn oder Sonntag genannt wird«.(5) Paul VI. hat
diese Bedeutung aufs neue hervorgehoben mit der Approbation des neuen römischen
liturgischen Kalenders und der allgemeinen Normen für die Ordnung des
Kirchenjahres.(6 )Während das Heranrücken des dritten
Jahrtausends die Gläubigen dazu auffordert, im Lichte Christi über
den Gang der Geschichte nachzudenken, sind sie auch eingeladen, mit neuer
Kraft den Sinn des Sonntags wiederzuentdecken: sein »Geheimnis«,
den Wert seiner Feier, seine Bedeutung für das christliche und
menschliche Dasein.
Mit Genugtuung nehme ich Kenntnis von den vielfältigen
lehramtlichen Interventionen und pastoralen Initiativen in der Zeit nach
dem Konzil, welche Ihr, verehrte Mitbrüder im Bischofsamt, sowohl als
einzelne wie gemeinschaftlich und mit Unterstützung von seiten
Eures Klerus zu diesem Thema entfaltet habt. An der Schwelle des
Großen Jubiläums des Jahres 2000 möchte ich Euch dieses
Apostolische Schreiben anbieten, um Euer pastorales Engagement in einem so
lebenswichtigen Bereich zu unterstützen. Aber zugleich möchte
ich mich an Euch, liebe Gläubige, wenden und mich gleichsam geistig
in den einzelnen Gemeinden einfinden, wo Ihr Euch jeden Sonntag mit Euren
Hirten versammelt, um die Eucharistie und den »Tag des Herrn« zu
feiern. Viele der Überlegungen und Gefühle, die in diesem
Schreiben lebendig werden, sind während meines bischöflichen
Dienstes in Krakau und dann, nach der Übernahme des Amtes des
Bischofs von Rom und Nachfolgers Petri, bei den Besuchen der römischen
Pfarreien, die ich regelmäßig an den Sonntagen der
verschiedenen Zeiten des Kirchenjahres durchführe, in mir
herangereift. So ist es mir, als würde ich in diesem Brief den
lebendigen Dialog, den ich gerne mit den Gläubigen halte, weiterführen,
indem ich mit Euch über den Sinn des Sonntags nachdenke und
unterstreiche, warum er auch unter den neuen Gegebenheiten unserer Zeit
als wahrer »Tag des Herrn« gefeiert werden soll.
4. Es kann nämlich niemandem entgehen, daß bis vor kurzem die
»Heiligung« des Sonntags in den Ländern mit christlicher
Tradition erleichtert wurde durch eine breite Beteiligung der Bevölkerung
und durch die Organisation der zivilisierten Gesellschaft, die in den die
verschiedenen Erwerbstätigkeiten betreffenden gesetzlichen
Bestimmungen die Sonntagsruhe als feststehend vorsah. Heutzutage aber hat
gerade in den Ländern, deren Gesetze den Feiertagscharakter dieses
Tages festschreiben, die Entwicklung der sozio-ökonomischen Verhältnisse
häufig zu tiefgreifenden Veränderungen des kollektiven
Verhaltens und infolge davon der Gestaltung des Sonntags geführt. Es
hat sich weithin die Praxis des »Wochenendes« durchgesetzt als wöchentliche
Zeit der Entspannung, die möglichst weitab vom ständigen
Wohnsitz verbracht werden soll und häufig gekennzeichnet ist durch
die Teilnahme an kulturellen, politischen oder sportlichen Aktivitäten,
die im allgemeinen eben auf die Feiertage fallen. Es handelt sich dabei um
ein gesellschaftliches und kulturelles Phänomen, das in dem Maße,
in dem es mit der Achtung echter Werte zur menschlichen Entwicklung und
zum Fortschritt des sozialen Lebens insgesamt beizutragen vermag, sicher
nicht ohne positive Elemente ist. Dieses entspricht nicht nur der
Notwendigkeit, Ruhe zu finden, sondern auch dem Bedürfnis »zu
feiern«, was dem Menschen angeboren ist. Wenn aber der Sonntag seinen
ursprünglichen Sinn verliert und er auf ein reines »Wochenende«
reduziert wird, kann es geschehen, daß der Mensch nicht mehr den »Himmel«(7)
sehen kann, weil er in einem so engen Horizont eingesperrt ist. So ist er
unfähig, zu feiern, auch wenn er eine Festtagsgewandung trägt.
Den Jüngern Christi ist jedenfalls aufgetragen, die Feier des
Sonntags, die eine echte Heiligung des Herrentages sein muß, nicht
mit dem »Wochenende« zu verwechseln, das grundsätzlich als
Zeit der Ruhe und des Vergnügens verstanden wird. In diesem
Zusammenhang bedarf es dringend einer authentischen geistlichen Reife, die
den Christen hilft, in voller Übereinstimmung mit der Gabe des
Glaubens »sie selbst zu sein«, immer bereit, Rechenschaft zu
geben über die Hoffnung, die sie erfüllt (vgl. 1 Petr
3,15). Das muß auch ein tieferes Verständnis des Sonntags mit
sich bringen, um ihn auch in schwierigen Situationen in voller Fügsamkeit
gegenüber dem Heiligen Geist leben zu können.
5. Unter diesem Gesichtspunkt erscheint die heutige Lage ziemlich bunt.
Da gibt es einerseits das Beispiel einiger junger Kirchen, die beweisen,
mit wieviel Eifer sich sowohl in den Städten wie in den
verstreutesten Dörfern Menschen zur Feier des Sonntags motivieren
lassen. Im Gegensatz dazu ist in anderen Gegenden wegen der erwähnten
soziologischen Schwierigkeiten und vielleicht auch wegen fehlender starker
Glaubensmotivationen ein außergewöhnlich niedriger Prozentsatz
bei der Anzahl der Besucher der Sonntagsmesse festzustellen. Im Bewußtsein
vieler Gläubigen scheint nicht nur der Sinn für den zentralen
Charakter der Eucharistie abzunehmen, sondern sogar für die Pflicht,
dem Herrn dankzusagen durch das gemeinsame Gebet mit den anderen innerhalb
der kirchlichen Gemeinde.
Zu alledem kommt noch hinzu, daß nicht nur in den Missionsländern,
sondern auch in den alten christlichen Ländern wegen des
Priestermangels mitunter die sonntägliche Eucharistiefeier nicht in
jeder einzelnen Gemeinde sichergestellt werden kann.
6. Angesichts dieses Szenariums neuer Situationen und daraus sich
ergebender Fragen erscheint es nötiger denn je, die tiefen
Lehrbegründungen zurückzugewinnen, die dem kirchlichen Gebot
zugrunde liegen, damit allen Gläubigen wirklich klar wird, daß
der Sonntag im christlichen Leben ein unverzichtbarer Wert ist. Wenn wir
das tun, bewegen wir uns auf den Spuren der immerwährenden Überlieferung
der Kirche, an die das II. Vatikanische Konzil kraftvoll erinnerte, wenn
es lehrte, daß am Sonntag »die Christgläubigen
zusammenkommen [müssen], um das Wort Gottes zu hören, an der
Eucharistiefeier teilzunehmen und so des Leidens, der Auferstehung und der
Herrlichkeit des Herrn Jesus zu gedenken und Gott dankzusagen, der sie
wiedergeboren hat zu lebendiger Hoffnung durch die Auferstehung Jesu
Christi von den Toten (vgl. 1 Petr 1,3)«.(8)
7. In der Tat, man versteht die Pflicht, den Sonntag vor allem durch die
Teilnahme an der Eucharistiefeier und durch eine von christlicher Freude
und Brüderlichkeit erfüllter Ruhe zu heiligen, nur dann richtig,
wenn man die vielfältigen Dimensionen dieses Tages bedenkt, auf die
wir in diesem Schreiben hinweisen wollen.
Der Sonntag ist ein Tag, der das Herz des christlichen Lebens bildet.
Wenn ich seit dem Beginn meines Pontifikats nicht müde werde zu
wiederholen: »Habt keine Angst! Öffnet, ja reißt die Tore
weit auf für Christus!«,(9) so möchte ich heute alle
eindringlich zur Wiederentdeckung des Sonntags einladen: Habt keine
Angst, Eure Zeit Christus zu geben! Ja, öffnen wir unsere Zeit für
Christus, damit er sie erleuchten und lenken kann. Er kennt das Geheimnis
der Zeit und das Geheimnis des Ewigen, und er übergibt uns »seinen
Tag« als ein immer neues Geschenk seiner Liebe. Die Wiederentdeckung
dieses Tages ist eine Gnade, die wir erflehen müssen, um die eigenen
Glaubensbedürfnisse voll zu leben, und auch um konkret Antwort zu
geben auf die tiefsten und wahren Sehnsüchte, die in jedem Menschen
sind. Die Christus geschenkte Zeit ist niemals verlorene Zeit, sondern
eine gewonnene Zeit für die tiefe Vermenschlichung unserer
Beziehungen und unseres Lebens.
ERSTES KAPITEL
DIES DOMINI
Die Feier des Schöpfungswerkes Gottes
»Alles ist durch das Wort geworden« (Joh
1,3)
8. In der christlichen Erfahrung ist der Sonntag vor allem ein österliches
Fest, das völlig von der Herrlichkeit des auferstandenen Christus
erleuchtet wird. Er ist die Feier der »neuen Schöpfung«.
Aber scheinbar ist gerade diese Wesensart des Sonntags, wenn sie in ihrer
ganzen Tiefe verstanden wird, nicht von der Botschaft zu trennen, die uns
die Schrift bereits auf ihren ersten Seiten über den Plan Gottes in
der Schöpfung der Welt bietet. Denn wenn es wahr ist, daß das
Wort Fleisch geworden ist, »als die Zeit erfüllt war« (Gal
4,4), so ist es ebenso wahr, daß es kraft seines Geheimnisses als
ewiger Sohn des Vaters Ursprung und Ende des Universums ist. Das macht
Johannes im Prolog seines Evangeliums geltend: »Alles ist durch das
Wort geworden, und ohne das Wort wurde nichts, was geworden ist«
(1,3). Das unterstreicht gleichermaßen auch Paulus, wenn er an die
Kolosser schreibt: »Denn in ihm wurde alles erschaffen im Himmel und
auf Erden, das Sichtbare und das Unsichtbare [...]; alles ist durch ihn
und auf ihn hin geschaffen« (1,16). Diese aktive Gegenwart des Sohnes
im Schöpfungswerk Gottes ist voll offenbar geworden im
Ostergeheimnis, in dem Christus dadurch, daß er »als Erster der
Entschlafenen« (1 Kor 15,20) von den Toten auferstand, die
neue Schöpfung begonnen und den Prozeß eingeleitet hat, den er
selber vollenden wird im Augenblick seiner Wiederkunft in Herrlichkeit, »wenn
er seine Herrschaft Gott, dem Vater, übergibt [...], damit Gott
herrscht über alles und in allem« (1 Kor 15,24.28).
Schon am Morgen der Schöpfung schloß also Gottes Plan diese »kosmische
Sendung« Christi ein. Diese christozentrische Perspektive
bezieht sich auf die gesamte Zeitspanne und war in Gottes wohlgefälligem
Blick gegeben, als er nach Vollendung seines Werkes »den siebten Tag
segnete und ihn für heilig erklärte« (Gen 2,3).
Damals entstand nach dem von einem Priester verfaßten ersten
biblischen Schöpfungsbericht der »Sabbat«, der den
ersten Bund so stark prägte und so etwas wie die Vorankündigung
des heiligen Tages des neuen und endgültigen Bundes ist. Das Thema
vom »Ruhen Gottes« (vgl. Gen 2,2) und von der Ruhe, die
dem Volk nach seinem Auszug aus Ägypten beim Betreten des verheißenen
Landes von ihm gewährt wurde (vgl. Ex 33,14; Dtn 3,20;
12,9; Jos 21,44; Ps 95,11), wird im Neuen Testament in
einem neuen Licht, dem Licht der endgültigen »Sabbatruhe« (Hebr
4,9) wiedergelesen, in die Christus selber durch seine Auferstehung
eingetreten ist und in die einzutreten das Volk Gottes berufen ist, wenn
es den Spuren seines kindlichen Gehorsams folgt (vgl. Hebr
4,3-16). Deshalb müssen wir zur Einführung in das volle Verständnis
des Sonntags den großartigen Abschnitt über die Schöpfung
wiederlesen und die Theologie vom »Sabbat« vertiefen.
»Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde« (Gen
1,1)
9. Der poetische Stil des Genesisberichtes spiegelt das Staunen des
Menschen angesichts der Unermeßlichkeit der Schöpfung und das
Gefühl der Verehrung wider, die er für den empfindet, der aus
dem Nichts alles hervorgebracht hat. Es handelt sich um einen Abschnitt
von intensiver religiöser Bedeutung, um ein Loblied auf den Schöpfer
des Universums, der gegenüber den immer wiederkehrenden Versuchungen,
die Welt selbst zu vergöttlichen, als der einzige Herr ausgewiesen
wird, und zugleich um ein Loblied auf die Güte der ganz von der mächtigen
und barmherzigen Hand Gottes gestalteten Schöpfung.
»Gott sah, daß es gut war« (Gen 1,10.12 usw.).
Dieser Refrain, der den Bericht im einzelnen unterteilt, wirft ein
positives Licht auf jedes Element des Universums, während er
gleichzeitig das Geheimnis für sein entsprechendes Verständnis
und für seine mögliche Erneuerung erahnen läßt: Die
Welt ist in dem Maße gut, in dem sie in ihrem Ursprung verankert
bleibt, und sie wird nach ihrer Entstellung durch die Sünde wieder
gut, in dem sie mit Hilfe der Gnade zu dem zurückkehrt, der sie
geschaffen hat. Diese Dialektik betrifft offensichtlich nicht unmittelbar
die unbelebten Dinge und die Tiere, sondern die Menschen, denen das
unvergleichliche Geschenk der Freiheit gewährt worden ist, das aber
auch Gefahr in sich birgt. Gleich im Anschluß an die Schöpfungsberichte
hebt die Bibel diesen dramatischen Gegensatz zwischen der Größe
des nach dem Abbild und Gleichnis Gottes geschaffenen Menschen und seinem
Fall hervor, der in der Welt das düstere Szenarium der Sünde und
des Todes eröffnet (vgl. Gen 3).
10. Der Kosmos weist, da er aus Gottes Händen hervorgegangen ist,
dessen Gütesiegel auf. Es ist eine schöne Welt, würdig,
bewundert und genossen, aber auch, gepflegt und weiterentwickelt zu
werden. Die Fertigstellung des Werkes Gottes eröffnet die Welt der Tätigkeit
des Menschen. »Am siebten Tag vollendete Gott das Werk, das er
geschaffen hatte« (Gen 2,2). Durch diese anthropomorphe
Ausdrucksweise vom »Schaffen« Gottes gibt uns die Bibel nicht
nur einen Schimmer von dem geheimnisvollen Verhältnis zwischen dem
Schöpfer und der geschaffenen Welt, sondern sie wirft auch ein Licht
auf die Aufgabe des Menschen gegenüber der Welt. Das »Schaffen«
Gottes ist beispielhaft für den Menschen. Denn dieser ist ja nicht
nur dazu berufen, die Erde zu bewohnen, sondern auch die Welt »aufzubauen«,
wodurch er zum »Mitarbeiter« Gottes wird. Die ersten Kapitel der
Genesis stellen, wie ich in der EnzyklikaLaborem exercens
geschrieben habe, in gewissem Sinne das erste »Evangelium der Arbeit«
dar.(10) Das ist eine Wahrheit, die auch vom II. Vatikanischen Konzil
unterstrichen wird: »Der nach Gottes Bild geschaffene Mensch hat ja
den Auftrag erhalten, sich die Erde mit allem, was zu ihr gehört, zu
unterwerfen, die Welt in Gerechtigkeit und Heiligkeit zu regieren und
durch die Anerkennung Gottes als des Schöpfers aller Dinge sich
selbst und die Gesamtheit der Wirklichkeit auf Gott hinzuordnen, so daß
alles dem Menschen unterworfen und Gottes Name wunderbar sei auf der
ganzen Erde«.(11)
Die erhebende Geschichte der Entwicklung von Wissenschaft, Technik und
Kultur in ihren verschiedenen Ausdrucksformen eine immer raschere
und heute geradezu schwindelerregende Entwicklung ist in der
Geschichte der Welt die Frucht des Auftrags, mit dem Gott dem Mann und der
Frau die Aufgabe und Verantwortung übertragen hat, die Erde zu erfüllen
und sie durch Arbeit unter Einhaltung seines Gesetzes zu unterwerfen.
Der »Sabbat«: das frohe Ruhen des Schöpfers
11. Wenn auf der ersten Seite der Genesis das »Schaffen«
Gottes Vorbild für den Menschen ist, so gilt das ebenso von seinem »Ruhen«:
»Und er ruhte am siebten Tag« (Gen 2,2). Auch hier
stehen wir vor einem Anthropomorphismus, der eine fruchtbare Botschaft
enthält.
Das »Ruhen« Gottes darf nämlich nicht auf banale Weise
als eine Art »Untätigkeit« Gottes ausgelegt werden. Der Schöpfungsakt,
der am Anfang der Welt steht, ist tatsächlich von Natur aus immerwährend;
Gott hört nicht auf zu handeln, wie Jesus selber gerade in bezug auf
das Gebot der Sabbatruhe erinnert: »Mein Vater ist noch immer am
Werk, und auch ich bin am Werk« (Joh 5,17). Die göttliche
Ruhe des siebten Tages spielt nicht auf einen untätigen Gott an,
sondern unterstreicht die Fülle der vollendeten Ausführung und
drückt gleichsam das Innehalten Gottes vor dem »sehr guten«
Werk seiner Hände aus (Gen 1,31), um einen Blick voll
freudiger Genugtuung darauf zu werfen: einen Blick also, der »kontemplativer«
Natur ist, dem es nicht mehr um neue Realisierungen geht, sondern vielmehr
um die Freude über die Schönheit des Vollbrachten; ein Blick,
der allen Dingen gilt, in besonderer Weise aber dem Menschen als dem Höhepunkt
der Schöpfung. Es ist ein Blick, in dem man irgendwie bereits die »bräutliche«
Dynamik der Beziehung ahnen kann, die Gott zu dem nach seinem Bild
geschaffenen Geschöpf herstellen will, indem er es dazu beruft, sich
auf ein Liebesbündnis einzulassen. Er wird das im Ausblick auf die
der ganzen Menschheit angebotene Rettung schrittweise verwirklichen durch
den mit Israel geschlossenen Heilsbund, der dann in Christus seinen Höhepunkt
erreicht: Denn das fleischgewordene Wort wird durch die
endzeitliche Gabe des Heiligen Geistes und die Errichtung der Kirche als
seinen Leib und seine Braut das Angebot der Barmherzigkeit und
Liebe des Vaters auf die ganze Menschheit ausweiten.
12. Im Plan des Schöpfers gibt es eine Unterscheidung, aber auch
einen engen Zusammenhang zwischen Schöpfungsordnung und Heilsordnung.
Das unterstreicht schon das Alte Testament, wenn es das »Sabbat«-Gebot
nicht nur mit dem geheimnisvollen »Ruhen« Gottes nach den Tagen
des schöpferischen Schaffens (vgl. Ex 20,8-11), sondern auch
mit der Rettung in Beziehung setzt, die Israel in der Befreiung aus
der Knechtschaft Ägyptens (vgl. Dtn 5,12-15) von Gott gewährt
wurde. Der Gott, der am siebten Tag ruht und sich seiner Schöpfung
erfreut, ist derselbe, der durch die Befreiung seiner Söhne und Töchter
aus der Zwangsherrschaft des Pharaos seine Herrlichkeit erweist. Im einen
wie im anderen Fall könnte man nach einem bei den Propheten beliebten
Bild sagen, er offenbarte sich wie der Bräutigam gegenüber
der Braut (vgl.Hos 2,16-24; Jer 2,2; Jes
54,4-8).
Um nämlich an den Kern des »Sabbat«, des »Ruhens«
Gottes, heranzukommen, wie es einige Elemente gerade der jüdischen Überlieferung
nahelegen,(12) gilt es, die bräutliche Intensität zu erfassen,
die vom Alten bis zum Neuen Testament die Beziehung Gottes zu seinem Volk
kennzeichnet. So zum Beispiel drückt es jene wunderbare Stelle bei
Hosea aus: »Ich schließe für Israel an jenem Tag einen
Bund mit den Tieren des Feldes und den Vögeln des Himmels und mit
allem, was auf dem Erdboden kriecht. Ich zerbreche Bogen und Schwert, es
gibt keinen Krieg mehr im Land, ich lasse sie Ruhe und Sicherheit finden.
Ich traue dich mir an auf ewig; ich traue dich mir an um den Brautpreis
von Gerechtigkeit und Recht, von Liebe und Erbarmen, ich traue dich mir an
um den Brautpreis meiner Treue: Dann wirst du den Herrn erkennen«
(2,20-22).
»Gott segnete den siebten Tag und erklärte ihn für
heilig« (Gen 2,3)
13. Das Sabbatgebot, das im ersten Bund den Sonntag des neuen und ewigen
Bundes vorbereitet, hat also im Plan Gottes seine tiefsten Wurzeln.
Deshalb steht es nicht neben rein kultischen Verordnungen, wie das bei
vielen anderen Vorschriften der Fall ist, sondern im Dekalog, in den »Zehn
Geboten«, die die eigentlichen Stützpfeiler des sittlichen
Lebens erkennen lassen, das dem Menschen allgemein ins Herz geschrieben
ist. Damit, daß sie dieses Gebot vor dem Hintergrund der ethischen
Grundstrukturen begreifen, machen Israel und später die Kirche
deutlich, daß sie es nicht als eine bloße Vorschrift zu religiöser
Gemeinschaftsdisziplin betrachten, sondern alseinen bedeutsamen und
unverzichtbaren Ausdruck der Beziehung zu Gott, wie sie von der
biblischen Offenbarung verkündet und vorgeschrieben wird. Aus dieser
Perspektive muß dieses Gebot auch heute von den Christen
wiederentdeckt werden. Wenn es auch eine natürliche Übereinstimmung
mit dem menschlichen Bedürfnis nach Ruhe einschließt, so hängt
es doch vom Glauben ab, den tiefen Sinn dieses Gebotes zu erfassen und
nicht Gefahr zu laufen, es zu banalisieren oder zu verraten.
14. Der Tag der Ruhe ist der Sabbat also vor allem deshalb, weil er der
von Gott »gesegnete« und »geheiligte« Tag ist, das heißt,
getrennt von den anderen Tagen, um unter allen der Tag des Herrn zu sein.
Um den Sinn dieser »Heiligung« des Sabbat im ersten Schöpfungsbericht
voll zu verstehen, muß man sich den gesamten Text ansehen, aus dem
mit aller Klarheit hervorgeht, daß jede Wirklichkeit ohne Ausnahme
auf Gott zurückzuführen ist. Er ist Herr über Zeit und
Raum. Er ist nicht der Gott nur eines Tages, sondern der Gott aller Tage
des Menschen.
Wenn er also den siebten Tag durch einen besonderen Segen »für
heilig erklärt« und ihn zu »seinem Tag« schlechthin
macht, muß das in der tiefgründigen Dynamik des Dialogs des
Bundes, ja des »bräutlichen« Dialogs verstanden werden. Es
ist ein Dialog der Liebe, der keine Unterbrechungen kennt und trotzdem
nicht eintönig ist: Denn er entfaltet sich unter Verwendung der
verschiedenen Tonalitäten der Liebe, von den gewöhnlichen und
indirekten bis hin zu den stärksten Äußerungen, die mit
Bildern aus der Erfahrung der hochzeitlichen Liebe zu beschreiben sich die
Worte der Schrift und dann die Zeugnisse vieler Mystiker nicht scheuen.
15. Wahrhaftig müssen sowohl das ganze Leben, wie auch die ganze
Zeit des Menschen als Lob und Dank gegenüber dem Schöpfer gelebt
werden. Aber die Beziehung des Menschen zu Gott braucht auch Zeiten
des ausdrücklichen Gebetes, wo die Beziehung zum intensiven
Dialog wird, der jede Dimension der Person miteinschließt. Der »Tag
des Herrn« ist schlechthin der Tag dieser Beziehung, an dem der
Mensch seinen Gesang zu Gott erhebt und so zur Stimme der gesamten Schöpfung
wird.
Deshalb ist er auch der Tag der Ruhe: Die Unterbrechung des
oftbelastenden Arbeitsrhythmus bringt durch die plastische Sprache der »Neuheit«
und der »Loslösung« die Anerkennung der eigenen und der Abhängigkeit
des Kosmos von Gott zum Ausdruck. Alles kommt von Gott! Der Tag
des Herrn macht diesen Grundsatz ständig geltend. Der »Sabbat«
ist daher auf beeindruckende Weise als ein bezeichnendes Element jener Art
»heiliger Architektur« der Zeit gedeutet worden, die die
biblische Offenbarung charakterisiert.(13) Er erinnert daran, daß
Zeit und Geschichte in Gottes Händen liegen und sich der Mensch
seinem Wirken als Mitarbeiter des Schöpfers in der Welt nicht
hingeben kann, ohne sich ständig dieser Wahrheit bewußt zu
sein.
»Gedenken«, um »heiligzuhalten«
16. Das Gebot aus dem Dekalog, mit dem Gott das Einhalten des Sabbats
auferlegt, hat im Buch Exodus eine charakteristische Formulierung
gefunden: »Gedenke des Sabbats: Halte ihn heilig!« (20,8). Und
einige Verse später gibt der inspirierte Text die Begründung dafür,
indem er an das Werk Gottes erinnert: »Denn in sechs Tagen hat der
Herr Himmel, Erde und Meer gemacht und alles, was dazugehört; am
siebten Tag ruhte er. Darum hat der Herr den Sabbattag gesegnet und ihn für
heilig erklärt« (V. 11). Bevor das Gebot etwas zu tun
vorschreibt, weist es auf etwas hin, dessen es zu gedenken gilt.
Es lädt dazu ein, das Gedächtnis jenes großartigen und
fundamentalen Gotteswerkes, das die Schöpfung ist, wieder
wachzurufen. Dieses Gedächtnis soll das gesamte religiöse Leben
des Menschen beseelen, um dann einzumünden in den Tag, an dem der
Mensch zum Ruhen angehalten ist. Die Ruhe nimmt so eine typische
religiöse Wertigkeit an: Der Gläubige wird eingeladen, nicht nur
zu ruhen, wie Gott geruht hat, sondern im Herrn zu ruhen,
während er ihm in Lobpreis und Danksagung, in kindlicher Innigkeit
und bräutlicher Freundschaft die ganze Schöpfung zurückgibt.
17. Das Thema des »Gedächtnisses« der von Gott
vollbrachten Wunderwerke im Zusammenhang mit der Sabbatruhe ergibt sich
auch aus dem Text des Deuteronomium (5,12-15), wo die Grundlage des
Gebotes nicht so sehr im Schöpfungswerk als in der von Gott
vollbrachten Befreiung im Auszug aus Ägypten gesehen wird: »Denk
daran: Als du in Ägypten Sklave warst, hat dich der Herr, dein Gott,
mit starker Hand und hoch erhobenem Arm dort herausgeführt. Darum hat
es dir der Herr, dein Gott, zur Pflicht gemacht, den Sabbat zu halten«
(Dtn 5,15).
Diese Formulierung erscheint wie eine Ergänzung der vorhergehenden:
Zusammen gesehen, enthüllen sie den Sinn des »Tages des Herrn«
innerhalb einer einheitlichen theologischen Sicht der Schöpfung und
des Heils. Inhalt des Gebotes ist daher nicht in erster Linie eine, wie
auch immer geartete, Unterbrechung der Arbeit, sondern die feierliche
Begehung der von Gott vollbrachten Wunderwerke.
In dem Maße, wie dieses von Dankbarkeit und Lob gegenüber
Gott erfüllte »Gedächtnis« lebendig ist, gelangt
die Ruhe des Menschen am Tag des Herrn zu ihrer vollen Bedeutung. Durch
sie tritt der Mensch in die Dimension der »Ruhe« Gottes ein und
hat intensiv an ihr teil; auf diese Weise wird er dazu fähig, sich
von einem Taumel jener Freude packen zu lassen, wie der Schöpfer
selber sie nach der Schöpfung empfunden hat, als er sah, daß
alles, was er gemacht hatte »sehr gut war« (Gen 1,31).
Vom Sabbat zum Sonntag
18. Wegen dieser wesentlichen Abhängigkeit des dritten Gebotes vom
Gedächtnis der Heilswerke Gottes haben die Christen, als sie die
Eigentümlichkeit der von Christus eröffneten neuen und endgültigen
Zeit wahrnahmen, den ersten Tag nach dem Sabbat zum Feiertag bestimmt,
weil an diesem Tag die Auferstehung des Herrn stattgefunden hatte. Das
Ostermysterium Christi stellt in der Tat die volle Enthüllung des
Geheimnisses des Anfangs, den Höhepunkt der Heilsgeschichte und die
Vorwegnahme der endzeitlichen Vollendung der Welt dar. Was Gott in der Schöpfung
geschaffen und was er für sein Volk im Exodus vollbracht hat, ist im
Tod und in der Auferstehung Christi zur Vollendung gekommen, auch wenn
sein endgültiger Ausdruck erst in der Parusie, mit der Wiederkunft
Christi in Herrlichkeit, offenbar werden wird. In ihm verwirklicht sich
voll der geistliche Sinn des Sabbats, wie der heilige Gregor der
Große unterstreicht: »Wir betrachten als den wahren Sabbat
unseren Erlöser, den Herrn Jesus Christus«.(14) Darum findet die
Freude, mit der Gott die aus dem Nichts vollzogene Schöpfung am
ersten Sabbat der Menschheit betrachtet, dann in der Freude Ausdruck, mit
der Christus am Ostersonntag den Seinen erschienen ist, um ihnen das
Geschenk des Friedens und des Geistes zu bringen (vgl. Joh
20,19-23). Tatsächlich hat im Ostergeheimnis der Mensch und mit ihm
die gesamte Schöpfung die »bis zum heutigen Tag seufzt und in
Wehen liegt« (Röm 8,22), ihren neuen »Exodus«
zur Freiheit der Kinder Gottes erlebt, die mit Christus rufen dürfen:
»Abba, Vater« (Röm 8,15; Gal 4,6). Im
Lichte dieses Geheimnisses wird der Sinn des alttestamentlichen Gebotes über
den Tag des Herrn wiedergewonnen, bereichert und völlig aufgedeckt in
der Herrlichkeit, die im Antlitz des auferstandenen Christus aufscheint
(vgl. 2 Kor 4,6). Vom »Sabbat« geht man über zum »ersten
Tag nach dem Sabbat«, vom siebten Tag auf den ersten Tag: der
dies Domini wird zum dies Christi!
ZWEITES KAPITEL
DIES CHRISTI
Der Tag des auferstandenen Herrn
und des Geschenkes des Geistes
Das wöchentliche Ostern
19. »Auf Grund der verehrungswürdigen Auferstehung unseres
Herrn Jesus Christus feiern wir den Sonntag nicht nur an Ostern, sondern
auch in jedem Wochenzyklus«: so schrieb am Anfang des 5. Jahrhunderts
Papst Innozenz I.(15) und bezeugte damit eine nunmehr gefestigte
Gepflogenheit, die sich bereits in den ersten Jahren nach der Auferstehung
des Herrn herausgebildet hatte. Der hl. Basilius spricht von dem »durch
die Auferstehung des Herrn geehrten heiligen Sonntag, dem ersten aller
Tage«.(16) Der hl. Augustinus nennt den Sonntag »Ostersakrament«.(17)
Diese enge Verbindung des Sonntags mit der Auferstehung des Herrn wird
von allen Kirchen, im Westen wie im Osten, nachdrücklich betont.
Besonders in der Tradition der Ostkirchen wird jeder Sonntag als anastàsimos
hemèra, Auferstehungstag,(18) begangen und ist auf Grund dieses
seines Charakters der Mittelpunkt des ganzen Kultes.
Im Lichte dieser ununterbrochenen und weltweiten Überlieferung ist
klar zu erkennen, daß man den Tag des Herrn, so sehr er, wie gesagt,
im Schöpfungswerk selber und unmittelbarer, im Geheimnis der
biblischen »Ruhe« Gottes wurzelt, dennoch in besonderer Weise
auf die Auferstehung Christi beziehen muß, um seine volle Bedeutung
zu begreifen. Das geschieht am christlichen Sonntag, der jede Woche den Gläubigen
das Ostergeschehen, aus dem das Heil der Welt entspringt, wieder zur
Betrachtung und zum Leben anbietet.
20. Nach dem einvernehmlichen Zeugnis der Evangelien geschah die
Auferstehung Jesu Christi von den Toten am »ersten Tag nach dem
Sabbat« (Mk 16,2.9; Lk 24,1; Joh 20,1). An
demselben Tag zeigte sich der Auferstandene den zwei Emmausjüngern
(vgl. Lk 24,13-35) und erschien den versammelten elf Aposteln
(vgl. Lk 24,36; Joh 20,19). Acht Tage danach so
bezeugt das Johannesevangelium (vgl. 20,26) hatten sich die Jünger
wieder versammelt, als ihnen Jesus erschien und sich dem Thomas zu
erkennen gab, indem er ihm seine Wundmale zeigte. Auch der Pfingsttag war
ein Sonntag, der erste Tag der achten Woche nach dem jüdischen
Paschafest (vgl. Apg 2,1), als sich mit der Ausgießung des
Heiligen Geistes die Verheißung erfüllte, die Jesus nach der
Auferstehung den Aposteln gemacht hatte (vgl. Lk 24,49; Apg
1,45). Das war der Tag der ersten Verkündigung und der ersten Taufen:
Petrus verkündete der versammelten Menge, daß Christus
auferstanden war, und »die, die sein Wort annahmen, ließen sich
taufen« (Apg 2,41). Dies war die Epiphanie der Kirche, die
als Volk offenbar wurde, in dem die verstreuten Kinder Gottes ungeachtet
aller Verschiedenheiten in Einheit zusammenströmen.
Der erste Tag der Woche
21. Auf dieser Grundlage begann schon zur Zeit der Apostel »der
erste Tag nach dem Sabbat«, der erste Tag der Woche, den Rhythmus des
Lebens der Jünger Christi zu bestimmen (vgl. 1 Kor 16,2). Am »ersten
Tag nach dem Sabbat« versammelten sich auch die Gläubigen von
Troas, »um das Brot zu brechen«, als Paulus seine
Abschiedspredigt an sie richtete und ein Wunder vollbrachte, um einen eben
verstorbenen jungen Mann, Eutychius, ins Leben zurückzuholen (vgl.
Apg 20,7-12). Die Offenbarung des Johannes bezeugt die Gewohnheit,
diesem ersten Tag der Woche den Namen »Tag des Herrn« zu geben
(1,10). Von da an wird das eines der Wesensmerkmale sein, welche die
Christen von ihrer Umwelt unterscheiden. Das schrieb schon zu Beginn des
zweiten Jahrhunderts der Statthalter von Bithynien, Plinius der Jüngere,
der die Gewohnheit der Christen festhielt, »sich an einem festen Tag
vor Sonnenaufgang zu versammeln und miteinander einen Lobgesang auf
Christus als einen Gott zu singen«.(19) Und in der Tat, wenn die
Christen »Tag des Herrn« sagten, verliehen sie diesem Begriff
die Sinnfülle, die sich aus der Osterbotschaft herleitet: »Jesus
Christus ist der Herr« (Phil 2,11; vgl. Apg 2,36;
1 Kor 12,3). Damit wurde Christus derselbe Titel zuerkannt, mit dem
die Septuaginta in der Offenbarung des Alten Testamentes den Namen Gottes,
JHWH, übersetzte, den auszusprechen verboten war.
22. In dieser Frühzeit der Kirche war der Wochenrhythmus der Tage
in den Gegenden, wo sich das Evangelium ausbreitete, nicht allgemein
bekannt, und die Festtage des römischen und griechischen Kalenders
fielen nicht mit dem christlichen Sonntag zusammen. Das brachte für
die Christen nicht geringe Schwierigkeiten mit sich, wenn sie den Tag des
Herrn mit der für ihn typischen Festlegung auf einen bestimmten
Wochentag einhalten wollten. So erklärt sich, warum die Gläubigen
genötigt waren, sich vor Sonnenaufgang zu versammeln.(20) Trotzdem
setzte sich das Festhalten am Wochenrhythmus durch, da es sich auf das
Neue Testament gründete und an die Offenbarung des Alten Testamentes
gebunden war. Das unterstreichen gern die Apologeten und die Kirchenväter
in ihren Schriften und in ihrer Verkündigung. Das Ostergeheimnis
wurde anhand jener Schrifttexte veranschaulicht, die nach dem
Zeugnis des hl. Lukas (vgl. 24,27.44-47) der auferstandene
Christus selbst den Jüngern erklärt haben soll. Im Lichte dieser
Texte gewann die Feier des Auferstehungstages einen lehrhaften und
symbolischen Wert, der das ganz Neue des christlichen Geheimnisses auszudrücken
vermochte.
Zunehmende Unterscheidung vom Sabbat
23. Auf dieses Neue kommt die Katechese der ersten Jahrhunderte immer
wieder zurück, wenn sie sich bemüht, den Sonntag im Vergleich
zum jüdischen Sabbat zu charakterisieren. Am Sabbat bestand für
die Juden die Pflicht zur Zusammenkunft in der Synagoge und mußte
die vom Gesetz vorgeschriebene Ruhe eingehalten werden. Die Apostel und
besonders der hl. Paulus suchten zuerst weiterhin die Synagoge auf, um
dort Jesus Christus verkünden zu können, indem sie »die
Worte der Propheten, die an jedem Sabbat vorgelesen wurden« (Apg
13,27), kommentierten. In einigen Gemeinden bestanden, wie man feststellen
konnte, die Einhaltung des Sabbats und die Feier des Sonntags gleichzeitig
nebeneinander. Sehr bald begann man jedoch die beiden Tage immer klarer zu
unterscheiden, um vor allem auf die Beharrlichkeit jener Christen zu
reagieren, die aus dem Judentum kamen und daher dazu neigten, an der
Verpflichtung aus dem alten Gesetz festzuhalten. Der hl. Ignatius von
Antiochien schreibt: »Wenn diejenigen, die unter den alten Umständen
lebten, zu einer neuen Hoffnung gelangt sind, indem sie nicht mehr den
Sabbat einhalten, sondern nach dem Tag des Herrn leben, dem Tag, an dem
unser Leben durch ihn und seinen Tod aufgebrochen ist [...], Geheimnis von
dem wir den Glauben erhalten haben und in dem wir bleiben, um als glaubwürdige
Jünger Christi, unseres alleinigen Meisters, befunden zu werden, wie
könnten dann wir ohne ihn leben, da doch auch die Propheten, seine Jünger
im Geiste, ihn als Meister erwarteten?«.(21) Und der hl. Augustinus
bemerkt: »Deshalb hat der Herr auch seinem Tag, dem dritten Tag nach
der Passion, sein Siegel aufgeprägt. Er ist jedoch im Wochenzyklus
der achte nach dem siebten, das heißt nach dem Sabbat, und der erste
Tag der Woche«.(22) Die Unterscheidung des Sonntags vom jüdischen
Sabbat festigt sich im kirchlichen Bewußtsein zunehmend, auch wenn
in bestimmten Perioden der Geschichte wegen des Nachdrucks, der auf die
Pflicht zur Sonntagsruhe gelegt wird, eine gewisse Tendenz zur »Sabbatisierung«
des Herrentages festzustellen sein wird. Es gab übrigens durchaus
Teile der Christenheit, wo der Sabbat und der Sonntag als »zwei brüderliche
Tage« begangen wurden.(23)
Der Tag der Neuschöpfung
24. Der Vergleich des christlichen Sonntags mit der Sabbatauffassung des
Alten Testamentes löste auch eingehende theologische Untersuchungen
aus, die großes Interesse fanden. Insbesondere wurde der
einzigartige Zusammenhang deutlich gemacht, der zwischen Auferstehung und
Schöpfung besteht. Das christliche Denken gelangte spontan dahin, die
»am ersten Tag der Woche« geschehene Auferstehung mit dem ersten
Tag jener kosmischen Woche (vgl. Gen 1,1-2,4) in Verbindung zu
bringen, nach welcher das Buch Genesis das Schöpfungsgeschehen
einteilt: der Tag der Erschaffung des Lichtes (vgl.1,3-5). Dieser
Zusammenhang legte es nahe, die Auferstehung als den Beginn einer Neuschöpfung
zu verstehen, deren Erster der verherrlichte Christus ist, »der
Erstgeborene der ganzen Schöpfung« (Kol 1,15), aber auch
»der Erstgeborene der Toten« (Kol 1,18).
25. Der Sonntag ist tatsächlich der Tag, an welchem mehr als an
jedem anderen der Christ aufgerufen ist, des Heils zu gedenken, das ihm in
der Taufe angeboten worden ist und ihn in Christus zu einem neuen Menschen
gemacht hat. »Mit Christus wurdet ihr in der Taufe begraben, mit ihm
auch auferweckt, durch den Glauben an die Kraft Gottes, der ihn von den
Toten auferweckt hat« (Kol 2,12; vgl. Röm
6,4-6). Die Liturgie unterstreicht diese Taufdimension des Sonntags, sei
es durch die Aufforderung, Tauffeiern außer in der Osternacht auch
an diesem Wochentag abzuhalten, »an dem die Kirche der Auferstehung
des Herrn gedenkt«,(24) sei es dadurch, daß sie als
angemessenen Bußritus zu Beginn der Messe die Besprengung mit
Weihwasser empfiehlt, die an das Taufgeschehen erinnert, aus dem jede
christliche Existenz geboren wird.(25)
Der achte Tag, Bild der Ewigkeit
26. Andererseits führte der Umstand, daß der Sabbat der
siebte Tag der Woche ist, dazu, den Tag des Herrn im Lichte einer ergänzenden
Symbolik zu betrachten, an welcher den Kirchenvätern sehr gelegen
war: Der Sonntag ist nicht nur der erste Tag, er ist auch der »achte
Tag«, das heißt er nimmt im Vergleich zur Abfolge der sieben
Tage eine einzigartige und transzendente Stellung ein, die nicht nur den
Beginn der Zeit, sondern auch ihr Ende in der »zukünftigen
Ewigkeit« beschwört. Der hl. Basilius erklärt, der Sonntag
sei wirklich der einzige Tag, der auf die jetzige Zeit folgen werde, der
Tag ohne Ende, der weder Abend noch Morgen kennt, die unvergängliche
Ewigkeit, die nicht altern kann; der Sonntag ist die unaufhörliche
Vorankündigung des Lebens ohne Ende, die die Hoffnung der Christen
immer wieder belebt und sie auf ihrem Weg ermutigt.(26) Im Ausblick auf
den letzten Tag, der die vorläufige Symbolik des Sabbat voll
Wirklichkeit werden läßt, schließt der hl. Augustinus die
Bekenntnisse, indem er vom eschaton als »Frieden der Ruhe,
Frieden des Sabbat, Frieden ohne Abend« spricht.(27) Die Feier des
Sonntags, des »ersten« und zugleich »achten« Tages,
verweist den Christen auf das Ziel des ewigen Lebens.(28)
Der Tag Christi, des Lichtes
27. In dieser christozentrischen Sicht ist noch eine andere symbolische
Bedeutung zu verstehen, die die gläubige Reflexion und die pastorale
Praxis dem Tag des Herrn zuschrieben. Auf Grund einer wohlüberlegten
pastoralen Eingebung sah sich nämlich die Kirche veranlaßt, die
Bezeichnung »Tag der Sonne« ein Ausdruck, mit dem die Römer
diesen Tag benannten und der noch in einigen modernen Sprachen aufscheint
(29) für den Herrentag zu christianisieren; dadurch sollten
die Gläubigen von Sitzungen des Sonnenkultes, wo die Sonne als Gott
verehrt wurde, abgehalten und die Feier dieses Tages auf Christus, die
wahre »Sonne« der Menschheit, ausgerichtet werden. Der hl.
Justinus gebraucht, wenn er an die Heiden schreibt, die gängige
Terminologie, um zu vermerken, daß die Christen ihre Versammlung »am
Sonnentag« abhielten,(30) aber der Bezug auf diesen Ausdruck gewinnt
nun für die Gläubigen einen neuen, vollkommen evangelischen
Sinn.(31) Christus ist tatsächlich das Licht der Welt (vgl. Joh
9,5; vgl. auch 1,4-5.9), und der Tag zum Gedächtnis seiner
Auferstehung ist in der Wocheneinteilung der Zeit der ewige Widerschein
dieser Epiphanie seiner Herrlichkeit. Das Thema des Sonntags als vom Sieg
des auferstandenen Christus erhellten Tag findet auch Platz in der
Stundenliturgie (32) und ist von besonderer Eindringlichkeit in der nächtlichen
Gebetsversammlung, die in den orientalischen Liturgien auf den Sonntag
vorbereitet und in ihn einführt. Wenn sich die Kirche an diesem Tag
versammelt, macht sie sich in jeder Generation aufs neue das Staunen des
Zacharias zu eigen, wenn sie ihren Blick auf Christus richtet und ihn als
»das strahlende Licht aus der Höhe, um allen zu leuchten, die in
Finsternis sitzen und im Schatten des Todes« (Lk 1,78-79),
verkündet und vor Freude zittert wie Simeon, als er das göttliche
Kind in seine Arme nahm, das gekommen ist als »Licht, das die Heiden
erleuchtet« (Lk 2,32).
Der Tag der Gabe des Geistes
28. Der Sonntag als Tag des Lichtes, könnte in bezug auf den
Heiligen Geist auch Tag des »Feuers« heißen. Denn das
Licht Christi steht in engem Zusammenhang mit dem »Feuer« des
Geistes, und beide Bilder weisen auf den Sinn des christlichen Sonntags
hin.(33) Als Jesus am Abend des Ostertages den Aposteln erschien, hauchte
er sie an und sprach: »Empfangt den Heiligen Geist! Wem ihr die Sünden
vergebt, dem sind sie vergeben; wem ihr die Vergebung verweigert, dem ist
sie verweigert« (Joh 20,22-23). Die Ausgießung des
Heiligen Geistes war das große Geschenk des Auferstandenen an seine
Jünger am Ostersonntag. Es war wieder Sonntag, als fünfzig Tage
nach der Auferstehung der Geist, wie ein »heftiger Sturm« und
ein »Feuer« (Apg 2,2-3) voll Kraft auf die Apostel
herabkam, die mit Maria im Abendmahlssaal versammelt waren. Pfingsten ist
nicht nur ein Ereignis der Urkirche, sondern ein Geheimnis, das die Kirche
ständig belebt.(34) Auch wenn dieses Ereignis jedes Jahr durch die
Feier des Pfingstfestes zum Abschluß des »großen Sonntags«
(35) liturgisch besonders herausgehoben wird, gehört es eben durch
seinen engen Zusammenhang mit dem Ostermysterium auch zum tieferen Sinn
jedes Sonntags. Das »wöchentliche Ostern« wird so
gewissermaßen zum »wöchentlichen Pfingsten«, bei dem
die Christen die freudige Erfahrung der Begegnung der Apostel mit dem
Auferstandenen wiedererleben, indem sie sich vom Hauch seines Geistes mit
Leben erfüllen lassen.
Der Tag des Glaubens
29. Auf Grund all dieser für ihn charakteristischen Dimensionen
erscheint der Sonntag als der Tag des Glaubens schlechthin. An ihm macht
der Heilige Geist, das lebendige »Gedächtnis« der Kirche
(vgl.Joh 14,26), die erste Erscheinung des Auferstandenen zu einem
Ereignis, das sich im »Heute« jedes einzelnen der Jünger
Christi erneuert. Wenn die Gläubigen in der Zusammenkunft am Sonntag
vor ihm stehen, fühlen sie sich angesprochen wie der Apostel Thomas: »Streck
deinen Finger aus hier sind meine Hände! Streck deine Hand aus
und leg sie in meine Seite, und sei nicht ungläubig, sondern gläubig!«
(Joh 20,27). Ja, der Sonntag ist der Tag des Glaubens. Das wird
dadurch unterstrichen, daß die Liturgie der sonntäglichen
Eucharistiefeier, wie im übrigen jene der liturgischen Hochfeste, das
Glaubensbekenntnis vorsieht. Das gesprochene oder gesungene »Credo«
stellt den Tauf- und Ostercharakter des Sonntags heraus und macht ihn zu
dem Tag, an dem in besonderer Weise der Getaufte im neugestärkten
Bewußtsein des Taufversprechens seine Zugehörigkeit zu Christus
und zu seinem Evangelium erneuert. Wenn er das Wort hört und den Leib
des Herrn empfängt, betrachtet er den auferstandenen, in den »heiligen
Zeichen« gegenwärtigen Jesus und bekennt mit dem Apostel Thomas:
»Mein Herr und mein Gott!« (Joh 20,28).
Ein unverzichtbarer Tag!
30. Man versteht nun, warum die Identität dieses Tages gerade auch
im Zusammenhang mit den Schwierigkeiten unserer Zeit gewahrt und vor allem
intensiv gelebt werden muß. Ein orientalischer Autor vom Beginn des
3. Jahrhunderts berichtet, daß in jeder Region die Gläubigen
schon damals den Sonntag regelmäßig heiligten.(36) Die
freiwillige Gepflogenheit ist dann zur rechtlich festgelegten Vorschrift
geworden: Der Tag des Herrn hat der zweitausendjährigen Geschichte
der Kirche ihren Rhythmus gegeben. Wie könnte man da annehmen, er würde
nicht weiter ihre Zukunft markieren? Die Probleme, die in unserer Zeit die
Einhaltung der Sonntagspflicht schwieriger machen können, lassen die
Kirche nicht ungerührt und finden bei ihr mütterliche
Aufmerksamkeit für die Verhältnisse ihrer einzelnen Kinder. Sie
fühlt sich im besonderen zu einem neuen katechetischen und pastoralen
Engagement aufgerufen, damit keiner ihrer Gläubigen unter normalen
Lebensbedingungen vom reichen Gnadenstrom abgeschnitten bleibe, den die
Feier des Herrentages mit sich bringt. In demselben Geist hat das II.
Vatikanische Konzil in einer Stellungnahme zur Hypothese einer kirchlichen
Kalenderreform im Hinblick auf Veränderungen weltlicher
Kalendersysteme erklärt, die Kirche »steht nur jenen nicht
ablehnend gegenüber, welche die Siebentagewoche mit dem Sonntag
bewahren und schützen«.(37) An der Schwelle des dritten
Jahrtausends bleibt die Feier des christlichen Sonntags wegen der
Bedeutungen und Dimensionen, die sie in bezug auf die Fundamente des
Glaubens wachruft und einschließt, ein bedeutsames Element der
christlichen Identität.
DRITTES KAPITEL
DIES ECCLESIAE Die eucharistische Versammlung
ist das Herz des Sonntags
Die Gegenwart des Auferstandenen
31. »Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt« (Mt
28,20). Dieses Versprechen Christi tönt immer noch in der Kirche und
wird von ihr als fruchtbares Geheimnis ihres Lebens und Quelle ihrer
Hoffnung aufgenommen. Wenn der Sonntag der Auferstehungstag ist, so ist er
nicht nur das Gedächtnis eines Ereignisses der Vergangenheit: Er ist
die Feier der lebendigen Gegenwart des Auferstandenen inmitten der Seinen.
Damit diese Gegenwart auf angemessene Weise verkündet und gelebt
werde, genügt es nicht, daß die Jünger Christi einzeln
beten und im Stillen, im Innersten ihres Herzens des Todes und der
Auferstehung Christi gedenken. Denn alle, die die Gnade der Taufe
empfangen haben, sind nicht nur einzeln, sondern als Glieder des
mystischen Leibes gerettet worden und gehören zum Volk Gottes.(38) Es
ist daher wichtig, daß sie sich versammeln, um die Identität
der Kirche als ekklèsía, als vom auferstandenen
Herrn zusammengerufene Versammlung, vollgültig zum Ausdruck zu
bringen: der Herr hat sein Leben hingegeben, »um die versprengten
Kinder Gottes wieder zu sammeln« (Joh 11,52). Sie sind durch
die Gabe des Geistes »einer« geworden in Christus (vgl. Gal
3,28). Äuberlich tritt diese Einheit in Erscheinung, wenn sich die
Christen versammeln: Dabei werden sie sich selbt bewußt und bezeugen
vor der Welt, daß sie das Volk der Erlösten sind, das sich aus »Menschen
aus allen Stämmen und Sprachen, aus allen Nationen und Völkern«
(Offb 5,9) zusammensetzt. In der Versammlung der Jünger
Christi findet das Bild von der christlichen Urgemeinde seine zeitliche
Verewigung, wie es von Lukas in der Apostelgeschichte mit beispielhafter
Absicht gezeichnet wird, als er von den ersten Getauften berichtet: »Sie
hielten an der Lehre der Apostel fest und an der Gemeinschaft, am Brechen
des Brotes und an den Gebeten« (2,42).
Die eucharistische Versammlung
32. Diese Wirklichkeit des kirchlichen Lebens hat in der Eucharistie
nicht nur eine besondere Ausdruckskraft, sondern gewissermaßen ihre »Quelle«.(39)
Die Eucharistie nährt und formt die Kirche: »Ein Brot
ist es: Darum sind wir viele ein Leib; denn wir alle haben teil an
dem einen Brot« (1 Kor 10,17). Wegen dieser lebenswichtigen
Beziehung zum Sakrament des Leibes und Blutes des Herrn wird das Geheimnis
der Kirche auf unüberbietbare Weise in der Eucharistie verkündet,
ausgekostet und gelebt.(40)
Immer, wenn die Eucharistie gefeiert wird, verwirklicht sich die ihr
innewohnende kirchliche Dimension. Am stärksten aber kommt sie an dem
Tag zum Ausdruck, an dem die ganze Gemeinde zusammengerufen wird, um der
Auferstehung des Herrn zu gedenken. Bezeichnenderweise lehrt der
Katechismus der Katholischen Kirche: »Die sonntägliche Feier des
Tages des Herrn und seiner Eucharistie steht im Mittelpunkt des Lebens der
Kirche«.(41)
33. In der Tat erleben die Christen in der Sonntagsmesse auf besonders
intensive Weise wieder die Erfahrung, die von den versammelten Aposteln am
Abend des ersten Tages der Woche gemacht wurde, als sich ihnen der
Auferstandene zeigte (vgl. Joh 20,19). In jener kleinen Kerngruppe
von Jüngern, in der Frühzeit der Kirche, war in gewisser Weise
das Gottesvolk aller Zeiten gegenwärtig. Durch ihr Zeugnis breitet
sich über jede Generation von Gläubigen das Heil Christi aus,
bereichert durch das messianische Geschenk des Friedens, den er durch sein
Blut erworben und zusammen mit seinem Geist angeboten hat: »Friede
sei mit euch!«. Darin, daß Christus »acht Tage darauf«
(Joh 20,26) wieder in ihre Mitte tritt, kann man das Ursymbol für
die Gepflogenheit der christlichen Gemeinde sehen, alle acht Tage, am »Tag
des Hern« oder Sonntag, zusammenzukommen, den Glauben an die
Auferstehung zu bekennen und die Früchte der von ihm verheißenen
Seligkeit zu ernten: »Selig sind, die nicht sehen und doch glauben!«
(Joh 20,19). Dieser enge Zusammenhang zwischen der Erscheinung des
Auferstandenen und der Eucharistie wird vom Lukasevangelium in der Erzählung
über die beiden Emmausjünger angedeutet, zu denen sich Christus
auf dem Weg gesellte, um sie an das Verständnis des Wortes heranzuführen
und sich schließlich mit ihnen zu Tisch zu setzen. Sie erkannten
ihn, als er »das Brot nahm, den Lobpreis sprach, das Brot brach und
es ihnen gab« (24,30). Die Gesten Jesu in dieser Erzählung sind
dieselben wie jene, die er beim Letzten Abendmahl vollzogen hatte, mit
deutlicher Anspielung auf das »Brechen des Brotes«, wie die
Eucharistie in der ersten Christengeneration genannt wurde.
Die sonntägliche Eucharistiefeier
34. Die Eucharistie am Sonntag hat natürlich an sich weder einen
anderen Status als die an jedem anderen Tag gefeierte noch ist sie vom
gesamten liturgischen und sakramentalen Leben zu trennen. Die Liturgie ist
ihrem Wesen nach eine Epiphanie der Kirche,(42) die am offenkundigsten
zutage tritt, wenn die Diözesangemeinde sich mit ihrem Bischof zum
Gebet versammelt: »Die Kirche wird auf eine vorzügliche Weise
dann sichtbar, wenn das ganze heilige Gottesvolk voll und tätig an
denselben liturgischen Feiern, besonders an derselben Eucharistiefeier,
teilnimmt: in der Einheit des Gebets und an dem einen Altar und unter dem
Vorsitz des Bischofs, der umgeben ist von seinem Presbyterium und den
Dienern des Altars«.(43) Die Verbundenheit mit dem Bischof und mit
der ganzen kirchlichen Gemeinschaft ist in jeder Eucharistiefeier gegeben,
an welchem Wochentag immer und auch wenn sie nicht unter dem Vorsitz des
Bischofs gefeiert wird. Ausdruck dafür ist die Erwähnung des
Bischofs im eucharistischen Hochgebet.
Mit der Verpflichtung zur gemeinsamen Anwesenheit und mit der besonderen
Feierlichkeit, die die sonntägliche Eucharistiefeier kennzeichnen,
weil diese eben »an dem Tag in Gemeinschaft mit der ganzen Kirche«
gefeiert wird, »an dem Christus von den Toten erstanden ist«,(44)
manifestiert sie mit nochmaligem Nachdruck ihre kirchliche Dimension: Sie
ist Vorbild für die anderen Eucharistiefeiern. Jede Gemeinde erfährt
sich, wenn sie alle ihre Glieder zum »Brechen des Brotes«
versammelt, als Ort, an dem sich das Geheimnis der Kirche konkret
verwirklicht. Bei dieser Feier öffnet sich die Gemeinschaft der
communio mit der Weltkirche,(45) indem sie den Vater bittet, daß »er
der Kirche auf der ganzen Erde gedenke« und sie in der Einheit aller
Gläubigen mit dem Papst und mit den Bischöfen der einzelnen
Teilkirchen wachsen lasse zur Vollkommenheit der Liebe.
Der Tag der Kirche
35. Der dies Domini offenbart sich somit auch als dies ecclesiae.
Da versteht man, warum die Gemeinschaftsdimension der sonntäglichen
Eucharistiefeier auf Seelsorgsebene besonders hervorgehoben werden soll.
Wie ich bei einer anderen Gelegenheit erinnert habe, ist unter die
zahlreichen Aktivitäten, die eine Pfarrei ausübt, »keine so
lebensnotwendig oder gemeinschaftsbildend wie die sonntägliche Feier
des Tages des Herrn und seiner Eucharistie« (46) In diesem Sinne hat
das II. Vatikanische Konzil von der Notwendigkeit gesprochen, darauf
hinzuarbeiten, daß »der Sinn für die Pfarrgemeinschaft vor
allem in der gemeinsamen Feier der Sonntagsmesse wachse«.(47) Auf
derselben Linie liegen die darauffolgenden liturgischen Richtlinien, die
die Forderung enthalten, daß die Eucharistiefeiern, die an normalen
Tagen in anderen Kirchen und Kapellen gehalten werden, an Sonn- und
Feiertagen mit der Messe der Pfarrgemeinde abgestimmt werden sollen, um »das
kirchliche Gemeinschaftsgefühl zu stärken, das in besonderer
Weise in der gemeinsamen Feier der Sonntagsmesse Nahrung und Ausdruck
findet, unabhängig davon, ob sie, vor allem im Dom, unter dem Vorsitz
des Bischofs, oder in der versammelten Pfarrgemeinde, deren Seelsorger den
Bischof vertritt, gefeiert wird«.(48)
36. Die sonntägliche Versammlung ist ein vorzüglicher Ort der
Einheit: Denn hier wird das sacramentum unitatis gefeiert, das
zutiefst das Wesen der Kirche als »von der« und »in der«
Einheit des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes versammeltes Volk
kennzeichnet.(49) Dabei erleben die christlichen Familien eine der
gelungensten Äuberungen ihrer Identität und ihres »Auftrags«
als »Hauskirchen«, wenn die Eltern zusammen mit ihren Kindern an
dem einen Mahl des Wortes und des Brotes des Lebens teilnehmen.(50) In
diesem Zusammenhang muß daran erinnert werden, daß es vor
allem Aufgabe der Eltern ist, ihre Kinder zur Teilnahme an der
Sonntagsmesse zu erziehen, wobei sie von den Religionslehrern unterstützt
werden, die die Einführung in die Messe in das Unterrichtsprogramm
der ihnen anvertrauten Kinder einbauen und diesen den wahren Grund der
Pflicht des Sonntagsgebotes erläutern müssen. Dazu wird auch,
wenn die Umstände es angeraten sein lassen, die Feier von
Kindermessen nach den verschiedenen, von den liturgischen Normen
vorgesehenen Bestimmungen beitragen.(51)
Es ist normal, daß sich zu den Sonntagsmessen der Pfarrgemeinde
als »eucharistischer Gemeinschaft« (52) die in ihr vorhandenen
Gruppen, Bewegungen, Vereinigungen und auch kleine Ordensgemeinschaften
einfinden. Das läßt sie das erfahren, was ihnen, jenseits der
spezifischen geistlichen Wege, die sie gemäß der Unterscheidung
der kirchlichen Autorität legitimerweise kennzeichnen, zutiefst
gemeinsam ist.(53) Deswegen soll man am Sonntag, dem Tag der Versammlung
des Gottesvolkes, die Messen der kleinen Gruppen nicht fördern: Dabei
geht es nicht nur darum zu vermeiden, daß es den Versammlungen der
Pfarrgemeinden am notwendigen Dienst der Priester fehlt, sondern auch
darum, es so einzurichten, daß das Leben und die Einheit der
kirchlichen Gemeinschaft voll bewahrt und gefördert werden.(54)
Etwaige, klar umgrenzte Ausnahmen von diesem Grundsatz zu genehmigen
angesichts besonderer Anforderungen erzieherischer oder pastoraler Natur,
obliegt der besonnenen Unterscheidung der Bischöfe der Teilkirchen;
sie müssen dabei nicht nur das Wohl einzelner oder von Gruppen,
sondern insbesondere die Früchte im Auge haben, die der ganzen
Kirchengemeinschaft daraus erwachsen können.
Volk auf der Pilgerschaft
37. Wenn wir die Kirche auf ihrem Weg durch die Zeit betrachten, sind
die Bezugnahme auf die Auferstehung Christi und die wöchentliche
Wiederkehr des feierlichen Gedächtnisses dieses Ereignisses eine
hilfreiche Erinnerung an den Charakter der Pilgerschaft und die
eschatologische Dimension des Gottesvolkes. Denn von Sonntag zu Sonntag
ist die Kirche auf dem Weg zum letzten »Tag des Herrn«, dem
Sonntag, der kein Ende kennt. Die Erwartung der Wiederkunft Christi gehört
tatsächlich zum eigentlichen Geheimnis der Kirche (55) und tritt in
jeder Eucharistiefeier zutage. Aber der Tag des Herrn mit seinem
besonderen Gedächtnis der Herrlichkeit des auferstandenen Christus
weist mit größter Eindringlichkeit auch auf die künftige
Herrlichkeit seiner »Wiederkunft« hin. Das macht den Sonntag zu
dem Tag, an welchem die Kirche dadurch, daß sie ihren »bräutlichen«
Charakter klarer erkennen läßt, gewissermaßen die
eschatologische Wirklichkeit des himmlischen Jerusalem vorwegnimmt. Indem
die Kirche ihre Kinder in der eucharistischen Versammlung zusammenführt
und sie zur Erwartung des »himmlischen Bräutigams« erzieht,
führt sie gleichsam eine »Übung des Verlangens« (56)
durch, bei der sie im voraus die Freude an dem neuen Himmel und der neuen
Erde genießt, wenn die heilige Stadt, das neue Jerusalem aus dem
Himmel herabkommen wird, »bereit wie eine Braut, die sich für
ihren Mann geschmückt hat« (Offb 21,2).
Tag der Hoffnung
38. Wenn unter diesem Gesichtspunkt der Sonntag der Tag des Glaubens
ist, so ist er gleichfalls der Tag der christlichen Hoffnung. Die
Teilnahme am »Abendmahl des Herrn« ist nämlich die
Vorwegnahme des himmlischen »Hochzeitsmahles des Lammes« (Offb
19,9). Wenn die christliche Gemeinde das Gedächtnis des
auferstandenen und zum Himmel aufgestiegenen Christus feiert, erwartet sie
»voll Zuversicht das Kommen unseres Erlösers Jesus Christus«.(57)
Die durch diesen intensiven Wochenrhythmus gelebte und genährte
christliche Hoffnung wird zum Sauerteig und Licht der menschlichen
Hoffnung. Deshalb werden in das allgemeine Fürbittgebet die Anliegen
nicht nur der christlichen Gemeinschaft, sondern der ganzen Menschheit
hineingenommen; die zur Eucharistiefeier versammelte Kirche bezeugt damit
vor der Welt, daß sie »Freude und Hoffnung, Trauer und Angst
der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art«
zu ihren eigenen macht.(58) Die Kirche macht dadurch, daß sie das
Zeugnis, das ihre Kinder sich bei der Arbeit und den verschiedenen
Verpflichtungen des täglichen Lebens an allen Wochentagen durch die
Verkündigung des Evangeliums und die Übung der Liebe zu
erbringen bemühen, mit der sonntäglichen Eucharistiefeier krönt,
noch offenkundiger deutlich, daß sie »gleichsam das Sakrament,
das heißt Zeichen und Werkzeug für die innigste Vereinigung mit
Gott wie für die Einheit der ganzen Menschheit« ist.(59)
Der Tisch des Gotteswortes
39. Bei der Sonntagsmesse wie übrigens bei jeder Eucharistiefeier
kommt es durch die Teilnahme an den beiden Tischen des Wortes Gottes und
des Brotes des Lebens zur Begegnung mit dem Auferstandenen. Der erste
Tisch gibt jenes Verständnis der Heilsgeschichte und besonders des
Paschamysteriums weiter, das der auferstandene Jesus den Jüngern
vermittelt hat: Es ist er, der spricht, der in seinem Wort gegenwärtig
ist, »wenn die heiligen Schriften in der Kirche gelesen werden«.(60)
Beim zweiten Tisch verwirklicht sich die reale, substantielle und dauernde
Gegenwart des auferstandenen Herrn durch das Gedächtnis seines
Leidens und seiner Auferstehung mit der Darbringung jenes Brotes des
Lebens, das Unterpfand der zukünftigen Herrlichkeit ist. Das II.
Vatikanische Konzil hat daran erinnert, daß »Wortgottesdienst
und Eucharistiefeier so eng miteinander verbunden [sind], daß sie
einen einzigen Kultakt ausmachen«.(61) Desgleichen hat das Konzil
festgelegt, daß »den Gläubigen der Tisch des Gotteswortes
reicher bereitet werde, [indem] die Schatzkammer der Bibel weiter aufgetan
werde«.(62) Sodann hat es angeordnet, daß in den Messen an
Sonntagen und an gebotenen Feiertagen die Homilie nicht ausfallen dürfe,
es sei denn, es liege ein schwerwiegender Grund vor.(63) Glaubhaften
Ausdruck haben diese guten Verfügungen in der Liturgiereform
gefunden; unter Bezugnahme auf sie schrieb Paul VI. zur Erläuterung
des reicheren Angebotes an Bibellesungen an Sonntagen und Feiertagen: »Das
alles ist angeordnet worden, um bei den Gläubigen immer stärker "jenen
Hunger nach einem Wort des Herrn" (Am 8,11) zu steigern, der
unter der Führung des Heiligen Geistes das Volk des neuen Bundes zur
vollkommenen Einheit der Kirche anspornen soll«.(64)
40. Wenn wir über dreißig Jahre nach dem Konzil über die
sonntägliche Eucharistiefeier nachdenken, gilt es zu überprüfen,
wie das Wort Gottes verkündet wird, und ob die Kenntnis und Liebe der
Heiligen Schrift beim Volk Gottes wirklich zugenommen hat.(65) Beide
Aspekte, sowohl jener der Feier wie jener der gelebten
Existenz, stehen in enger Beziehung. Auf der einen Seite muß uns
die vom Konzil eröffnete Möglichkeit, das Wort Gottes in der
eigenen Sprache der teilnehmenden Gemeinde zu verkünden, dieser gegenüber
eine »neue Verantwortung« wahrnehmen lassen, so daß »schon
aus der Art des Vorlesens oder Singens der besondere Charakter der
heiligen Texte aufleuchtet«.(66) Andererseits ist es notwendig, daß
die Gläubigen geistig auf das Hören des verkündeten Wortes
gut vorbereitet werden durch eine angemessene Kenntnis der Heiligen
Schrift und, wo es pastoral möglich ist, durcheigene Initiativen
zur gründlicheren Erklärung der Bibelstellen, besonders
jener bei den Messen an Feiertagen. Wenn nämlich die Lesung des
heiligen Textes, die im Geist des Gebets und in Übereinstimmung mit
der kirchlichen Erklärung erfolgen muß,(67) nicht das gewöhnliche
Leben der einzelnen und der christlichen Familien erfüllt, wird die
Verkündigung des Wortes Gottes in der Liturgie allein kaum imstande
sein, die erhofften Früchte zu erbringen. Höchst lobenswert sind
demnach jene Initiativen, durch welche die Pfarrgemeinden unter
Einbeziehung aller Teilnehmer an der Eucharistiefeier Priester,
liturgischer Dienst und Gläubige (68) bereits im Laufe der
Woche die Sonntagsmesse vorbereiten und im voraus über das
Gotteswort, das verkündet werden soll, nachdenken. Das damit
angestrebte Ziel ist, daß die ganze Meßfeier, also Gebet, Hören,
Singen und nicht nur die Homilie, die Botschaft des Sonntagsgottesdienstes
so zum Ausdruck bringen möge, daß sie alle, die daran
teilnehmen, wirksamer zu beeinflussen vermag. Großes ist natürlich
der Verantwortung jener anvertraut, die den Dienst am Wort ausüben.
Ihnen obliegt es mit außerordentlicher Sorgfalt im Studieren der
Heiligen Schrift und im Gebet, die Auslegung des Wortes Gottes
vorzubereiten. Dabei müssen sie getreu die Inhalte wiedergeben und
sie so aktualisieren, daß sie in Beziehung zu den Fragen und zum
Leben der Menschen unserer Zeit gebracht werden.
41. Allerdings darf nicht vergessen werden, daß die
liturgische Verkündigung des Wortes Gottes, vor allem im Rahmen
der Eucharistiefeier, nicht nur ein Augenblick der Erbauung und Katechese,
sonderndas Gespräch Gottes mit seinem Volk ist, ein Gespräch,
in dem diesem die Heilswunder verkündet und immer wieder die Ansprüche
des Bundes vor Augen gestellt werden. Das Volk Gottes seinerseits fühlt
sich aufgerufen, diesen Dialog der Liebe durch Dank und Lobpreis, aber
gleichzeitig dadurch zu erwidern, daß es in dem Bemühen um eine
ständige »Umkehr« seine Treue nachweist. Die Sonntagsmesse
verpflichtet also zur inneren Erneuerung des Taufversprechens, das ja in
gewisser Weise im Sprechen des Glaubensbekenntnisses enthalten ist; ausdrücklich
vorgesehen ist es in der Osternachtfeier und bei der Spendung der Taufe während
der Messe. In diesem Rahmen nimmt die Verkündigung des Wortes bei der
sonntäglichen Eucharistiefeier den feierlichen Ton an, den schon das
Alte Testament für den Anlaß der Erneuerung des Bundes vorsah,
wo das Gesetz verkündet wurde und die Israeliten als Volk in der Wüste
am Fuße des Berges Sinai aufgerufen wurden (vgl. Ex 19,7-8;
24,3-7), durch die Erneuerung der Entscheidung zur Treue zu Gott und zur
Einhaltung seiner Gebote ihr »Ja« zu bekräftigen. Gott
erwartet, wenn er uns sein Wort mitteilt, in der Tat unsere Antwort: Es
ist die Antwort, die Christus durch sein »Amen« schon für
uns gegeben hat (vgl. 2 Kor 1,20-22) und die der Heilige Geist so
in uns widerhallen läßt, daß das Gehörte unser Leben
voll einbezieht.(69)
Der Tisch des Leibes Christi
42. Der Tisch des Wortes mündet natürlich in den Tisch des
eucharistischen Brotes und bereitet die Gemeinschaft vor, dessen vielfältige
Dimensionen zu leben, die in der Sonntagsmesse einen besonders feierlichen
Charakter annehmen. In dem festlichen Ton der Zusammenkunft der ganzen
Gemeinde am »Tag des Herrn« stellt die Eucharistie sichtbarer
als an den anderen Tagen die große »Danksagung« dar, mit
der sich die Kirche voll des Heiligen Geistes an den Vater wendet, indem
sie sich mit Christus vereinigt und zur Stimme der ganzen Menschheit wird.
Die wöchentliche Wiederkehr des Sonntags legt nahe, in dankbarer
Erinnerung die Ereignisse der vergangenen Tage aufzugreifen, sie im Lichte
Gottes neu zu bedenken und ihm für seine zahllosen Gaben zu danken,
indem wir ihn »durch Christus, mit Christus und in Christus, in der
Einheit des Heiligen Geistes« preisen. Auf diese Weise wird sich die
christliche Gemeinde aufs neue bewußt, daß durch Christus
alles erschaffen (vgl. Kol 1,16; Joh 1,3) und in ihm, der
in Knechtsgestalt gekommen ist, um unser menschliches Dasein zu teilen und
zu erlösen, alles wieder vereinigt worden ist (vgl. Eph
1,10), um Gott, dem Vater, dargebracht zu werden, in dem alles Ursprung
und Leben hat. Indem das Volk Gottes schließlich mit seinem »Amen«
dem eucharistischen Lobpreis zustimmt, versetzt es sich in den Glauben und
in die Hoffnung auf das Endziel, wenn Christus »seine Herrschaft
Gott, dem Vater, übergibt [...] damit Gott herrscht über alles
und in allem« (1 Kor 15,24.28).
43. Diese jeder Eucharistiefeier innewohnende »Aufwärtsbewegung«,
die sie zu einem freudigen, von Dankbarkeit und Hoffnung erfüllten
Ereignis macht, wird aber in der Sonntagsmesse durch deren besonderen
Zusammenhang mit dem Gedächtnis der Auferstehung ausdrücklich
hervorgehoben. Andererseits ist die »eucharistische« Freude, die
»unsere Herzen erhebt«, Frucht der »Abwärtsbewegung«,
die Gott zu uns hin vollzogen hat und die für immer zum Wesen der
Eucharistie als Opfer gehört, erhabenster Ausdruck und Feier des
Mysteriums der kénosis, das heißt der Demütigung,
durch die Christus »sich erniedrigte und gehorsam war bis zum Tod,
bis zum Tod am Kreuz« (Phil 2,8).
Die Messe ist in der Tat lebendige Vergegenwärtigung des Opfers
von Golgota. Unter den Gestalten von Brot und Wein, auf welche die
Ausgießung des Geistes herabgerufen wurde, der in den
Wandlungsworten in ganz einzigartiger Weise wirksam ist, bringt sich
Christus dem Vater in derselben Opferhaltung dar, mit der er sich am Kreuz
hingegeben hat. »In diesem göttlichen Opfer, das in der Messe
vollzogen wird, [ist] jener selbe Christus enthalten und [wird] unblutig
geopfert, der auf dem Altar des Kreuzes ein für allemal sich selbst
blutig opferte«.(70) Mit seinem Opfer vereinigt Christus das Opfer
der Kirche: »In der Eucharistie wird das Opfer Christi auch zum Opfer
der Glieder seines Leibes. Das Leben der Gläubigen, ihr Lobpreis, ihr
Leiden, ihr Gebet und ihre Arbeit werden mit denen Christi und mit seiner
Ganzhingabe vereinigt und erhalten so einen neuen Wert«.(71) Diese
Teilnahme der ganzen Gemeinde wird besonders offenkundig in der
Versammlung am Sonntag, die es gestattet, die abgelaufene Woche mit ihrer
ganzen menschlichen Last vor den Altar zu tragen.
Paschamahl und brüderliche Begegnung
44. Ausdruck findet diese Einstimmigkeit dann besonders im Wesen des
Paschamahles, das typisch ist für die Eucharistie, in der Christus
selbst zur Speise wird. Denn »zu diesem Zweck vertraute Christus der
Kirche dieses Opfer an: damit die Gläubigen sowohl geistlich, durch
Glaube und Liebe, als auch sakramental, durch das Mahl der heiligen
Kommunion, daran teilnehmen. Die Teilnahme am Abendmahl des Herrn ist
immer Gemeinschaft mit Christus, der sich für uns im Opfer dem Vater
darbringt«.(72) Deshalb empfiehlt die Kirche den Gläubigen, wenn
sie an der Messe teilnehmen, auch die Kommunion zu empfangen,
vorausgesetzt, daß sie sich in der gebührenden Verfassung
befinden und, falls sie sich einer schweren Sünde bewußt sind,
in dem Geist, den der hl. Paulus der Gemeinde von Korinth nahelegte (vgl.
1 Kor 11,27-32), im Sakrament der Buße die Vergebung Gottes
empfangen haben.(73) Besonders eindringlich ist die Einladung zur
eucharistischen Kommunion natürlich bei der Messe am Sonntag und an
den anderen Feiertagen.
Wichtig ist außerdem, sich ganz klar dessen bewußt zu sein,
daß die Gemeinschaft mit Christus zutiefst an die Gemeinschaft mit
den Brüdern gebunden ist. Die eucharistische Zusammenkunft am Sonntag
ist ein Ereignis der Brüderlichkeit, das die Feier, freilich
unter Beachtung des für die liturgische Handlung vorgesehenen Stils,
deutlich herausstellen soll. Dazu trägt die Gebetseinladung und der
Ton des Gebetes selbst bei, das sich der Anliegen der ganzen Gemeinde
annimmt. Der Austausch des Zeichens des Friedens und der Versöhnung,
im römischen Ritus bezeichnenderweise vor der Kommunionausteilung
vorgesehen, ist eine besonders ausdrucksvolle Geste, zu deren Durchführung
die Gläubigen eingeladen werden: als Zeichen der Zustimmung des
Gottesvolkes zu allem, was in der Meßfeier vollzogen worden ist,(74)
und der Verpflichtung zu gegenseitiger Liebe, die in Erinnerung an das
anspruchsvolle Wort Christi durch die Teilnahme an dem einen Brot übernommen
wird: »Wenn du deine Opfergabe zum Altar bringst und dir dabei einfällt,
daß dein Bruder etwas gegen dich hat, so laß deine Gabe dort
vor dem Altar liegen; geh und versöhne dich zuerst mit deinem Bruder,
dann komm und opfere deine Gabe« (Mt 5,23-24).
Von der Messe zur »Sendung«
45. Durch den Empfang des Brotes des Lebens bereiten sich die Jünger
Christi darauf vor, mit der Kraft des Auferstandenen und seines Geistes
die Aufgaben anzupacken, die in ihrem gewöhnlichen Leben auf sie
warten. Denn für den Gläubigen, der den Sinn des Vollzogenen
verstanden hat, kann sich die Eucharistiefeier nicht innerhalb des
Gotteshauses erschöpfen. Wie die ersten Zeugen der Auferstehung, so
sind die Christen, die jeden Sonntag zusammengerufen werden, um die
Gegenwart des Auferstandenen zu erleben und zu bekennen, dazu berufen, in
ihrem Alltagsleben zu Glaubensverkündern und Zeugen zu
werden. Das Schlußgebet nach der Kommunion und der Schlußteil
Segen und Entlassung müssen in dieser Hinsicht wiederentdeckt
und besser bewertet werden, damit alle, die an der Eucharistie
teilgenommen haben, sich tiefer der für sie daraus folgenden
Verantwortung bewußt werden. Nach dem Auseinandergehen der
Versammlung kehrt der Jünger in sein normales Umfeld mit der
Verpflichtung zurück, sein ganzes Leben zu einem Geschenk, zu einem
geistlichen Opfer zu machen, das Gott gefällt (vgl.Röm
12,1). Er fühlt sich den Brüdern gegenüber als Schuldner für
das, was er in der Eucharistiefeier empfangen hat, nicht anders als die
Emmausjünger, die, nachdem sie den auferstandenen Christus »am
Brechen des Brotes« erkannt hatten (vgl. Lk 24,30-32), das
Verlangen spürten, sogleich zu ihren Brüdern zu gehen und mit
ihnen die Freude über die Begegnung mit dem Herrn zu teilen (vgl.
Lk 24,33-35).
Das Sonntagsgebot
46. Da die Eucharistie das Herz des Sonntags ist, versteht man, daß
seit den ersten Jahrhunderten die Bischöfe nicht aufgehört
haben, ihre Gläubigen an die Notwendigkeit der Teilnahme an der
liturgischen Versammlung zu erinnern. »Laßt alles am Tag des
Herrn erklärt zum Beispiel der Traktat Didascalia
Apostolorum aus dem 3. Jahrhundert und eilt voll Eifer zu eurer
Versammlung, denn sie ist euer Lobpreis für Gott. Welche
Entschuldigung werden andernfalls jene vor Gott haben, die am Tag des
Herrn nicht zusammenkommen, um das Wort des Lebens zu hören und sich
von der ewig währenden göttlichen Speise zu nähren?«.(75)
Der Aufruf der Bischöfe hat im allgemeinen im Herzen der Gläubigen
überzeugte Zustimmung gefunden. Auch wenn es Zeiten und Situationen
gegeben hat, wo die ideale Intensität bei der Erfüllung dieser
Pflicht nachließ, muß man doch den echten Heroismus erwähnen,
mit dem Priester und Gläubige in unzähligen Situationen der
Gefahr und eingeschränkter religiöser Freiheit dieser Pflicht
nachgekommen sind, wie sich seit den ersten Jahrhunderten der Kirche bis
in unsere Zeit feststellen läßt.
In seiner ersten an Kaiser Antoninus und den Senat gerichteten Apologie
konnte der hl. Justinus voll Stolz die christliche Praxis der Versammlung
am Sonntag beschreiben, welche die Christen aus Stadt und Land an
demselben Ort zusammenführte.(76) Als ihnen während der
Verfolgung unter Diokletian ihre Versammlungen mit äußerster Härte
verboten wurden, widersetzten sich viele Mutige dem kaiserlichen Edikt und
nahmen den Tod auf sich, um nur nicht die sonntägliche
Eucharistiefeier zu versäumen. Das trifft auf jene Märtyrer aus
Abitana in der Provinz Africa proconsularis zu, die ihren Anklägern
folgendes antworteten: »Wir haben ohne jede Furcht das Mahl des Herrn
gefeiert, weil man es nicht verschieben darf; das ist unser Gesetz«; »Wir
können nicht ohne das Mahl des Herrn leben«. Und eine der Märtyrerinnen
bekannte: »Jawohl, ich bin zur Versammlung gegangen und habe mit
meinen Brüdern das Mahl des Herrn gefeiert, weil ich Christin bin«.(77)
47. Die Kirche hat nie aufgehört, diese auf das innere Bedürfnis
begründeten Gewissenspflicht, die die Christen der ersten
Jahrhunderte so stark empfanden, geltend zu machen, auch wenn sie es zunächst
nicht für notwendig hielt, sie als Gebot vorzuschreiben. Erst später
mußte sie angesichts der Lauheit oder Nachlässigkeit mancher
Christen die Pflicht zur Teilnahme an der Sonntagsmesse deutlich zum
Ausdruck bringen: In den meisten Fällen hat sie das in Form von
Ermahnungen getan, manchmal aber mußte sie auch klare
kirchenrechtliche Verfügungen treffen. Das war der Fall bei
verschiedenen Partikularsynoden seit dem 4. Jahrhundert (so bei der Synode
von Elvira im Jahr 300, die nicht von Pflicht, sondern von
strafrechtlichen Folgen nach dreimaliger Abwesenheit von der Sonntagsmesse
spricht) (78) und vor allem ab dem 6. Jahrhundert (wie bei der Synode von
Agde im Jahr 506).(79) Diese Dekrete von Partikularsynoden führten,
was ganz selbstverständlich ist, zu einer allgemeinen Gewohnheit mit
verpflichtendem Charakter.(80)
Der Codex des kanonischen Rechtes von 1917 faßte zum
ersten Mal die Überlieferung in einem allgemeinen Gesetz
zusammen.(81) Der derzeitige Codex bekräftigt es, indem er festlegt: »Am
Sonntag und an den anderen gebotenen Feiertagen sind die Gläubigen
zur Teilnahme an der Meßfeier verpflichtet«.(82) Ein solches
Gesetz ist normalerweise als Auferlegung einer ernsten Pflicht verstanden
worden: das lehrt auch der Katechismus der Katholischen Kirche,(83) und
man versteht wohl den Grund dafür, wenn man sich überlegt,
welche Bedeutung der Sonntag für das christliche Leben hat.
48. Wie in den heroischen Anfangszeiten, so treten auch heute wieder in
vielen Gegenden der Welt schwierige Situationen für viele Menschen
auf, die ihren Glauben konsequent leben wollen. Die Umwelt verhält
sich gegenüber der Botschaft des Evangeliums manchmal ausgesprochen
feindselig, bisweilen und das ist häufiger der Fall
gleichgültig und unempfänglich. Der Glaubende muß, wenn er
standhalten will, auf die Unterstützung der christlichen Gemeinde zählen
können. Er muß sich daher von der entscheidenden Bedeutung überzeugen,
die es für sein Glaubensleben hat, sich am Sonntag mit den anderen Brüdern
und Schwestern zu versammeln, um im Sakrament des Neuen Bundes das Pascha
des Herrn zu feiern. Es ist sodann in besonderer Weise Aufgabe der Bischöfe,
sich darum zu bemühen, daß »der Sonntag von allen Gläubigen
als wahrer "Tag des Herrn" anerkannt, geheiligt und gefeiert
wird, an dem sich die Kirche versammelt, um durch das Hören des
Wortes Gottes, durch die Darbringung des Herrenopfers, durch die Heiligung
des Tages mit Gebet, Liebeswerken und Arbeitsruhe das Gedächtnis
ihres Ostergeheimnisses zu erneuern«.(84)
49. Da für die Gläubigen die Teilnahme an der Messe eine
Pflicht ist, sofern sie nicht durch einen gewichtigen Grund verhindert
sind, stellt sich für die Bischöfe die entsprechende
Verpflichtung, allen tatsächlich die Möglichkeit zur Erfüllung
des Gebotes zu bieten. Auf dieser Linie bewegen sich die Vorschriften des
Kirchenrechtes, wie zum Beispiel die Befugnis des Priesters, nach
vorheriger Erlaubnis seitens des Diözesanbischofs an Sonntagen und
gebotenen Feiertagen mehr als eine Messe zu zelebrieren,(85) die
Einrichtung der Abendmessen (86) und schließlich die Weisung, nach
welcher die für die Erfüllung der Sonntagspflicht gültige
Zeit bereits am Samstag Abend beginnt, mit der ersten Vesper des
Sonntags.(87) Denn unter liturgischem Gesichtspunkt beginnt der Feiertag
tatsächlich mit dieser Vesper.(88) Infolgedessen ist die Liturgie der
Messe, die manchmal auch als »Vorabendmesse« bezeichnet wird, in
Wirklichkeit aber in jeder Hinsicht eine »Sonntags- bzw.
Feiertagsmesse« ist, dieselbe Messe vom Sonntag mit der Verpflichtung
für den Zelebranten, die Homilie zu halten und mit den Gläubigen
das allgemeine Gebet zu sprechen.
Überdies sollen die Bischöfe die Gläubigen daran
erinnern, daß sie sich im Fall der Abwesenheit von ihrem festen
Wohnsitz am Sonntag um die Teilnahme an der Messe an ihrem Aufenthaltsort
kümmern müssen, wodurch sie durch ihr persönliches Zeugnis
die jeweilige Ortsgemeinde bereichern. Gleichzeitig sollen diese Gemeinden
die von auswärts kommenden Brüder und Schwestern herzlich
aufnahmen; das gilt besonders an Orten, die viele Touristen und Pilger
anziehen, für die oft eigene Initiativen religiöser Betreuung
notwendig sein werden.(89)
Eine freudenvolle und wohlklingende Feier
50. Wegen der eigenen Natur und der Bedeutung der Sonntagsmesse für
das Leben der Gläubigen muß sie mit besonderer Sorgfalt
vorbereitet werden. In den Formen, die sowohl von der pastoralen Klugheit
als auch von den Ortsgebräuchen in Einklang mit den liturgischen
Normen empfohlen werden, muß für die Feier jener festliche
Charakter gewährleistet werden, der der Gedenkfeier des Tages der
Auferstehung des Herrn geziemend ist. Dazu ist es wichtig, dem Gesang der
Versammlung Aufmerksamkeit zu widmen, da dieser besonders geeignet ist,
die Freude des Herzens zum Ausdruck zu bringen, die Feierlichkeit zu
unterstützen und das Teilen des einen Glaubens und derselben Liebe zu
begünstigen. Deswegen muß man sich um die Qualität der
Kirchenmusik bezüglich der Texte wie auch der Melodien kümmern,
damit alles, was sich heute als neu und kreativ anbietet, nicht nur den
liturgischen Vorschriften entspricht, sondern auch jener kirchlichen
Tradition würdig ist, die sich diesbezüglich eines Erbes von
unschätzbarem Wert rühmen kann.
Eine einbindende und aktive Feier
51. Auch müssen alle Anstrengungen unternommen werden, damit alle
Anwesenden Kinder und Erwachsene sich angesprochen fühlen,
indem ihre volle Einbindung in die von der Liturgie empfohlenen Formen
aktiver Teilnahme gefördert wird.(90) Natürlich steht es nur
denjenigen, die das Amtspriestertum im Dienst an ihren Brüdern und
Schwestern ausüben, zu, das eucharistische Opfer zu vollziehen und es
im Namen des ganzen Volkes Gott darzubringen.(91) Die, weit mehr als nur
disziplinäre Unterscheidung zwischen der Aufgabe, die dem Zelebranten
vorbehalten ist, und jener, die den Diakonen und den nicht geweihten Gläubigen
zukommt, hat hier ihre Grundlage.(92) Die Gläubigen müssen sich
auch bewußt sein, daß sie kraft des in der Taufe empfangenen
gemeinsamen Priestertums »an der eucharistischen Darbringung
mitwirken«.(93) Auch wenn die Rollen unterschieden werden müssen,
»bringen sie das göttliche Opferlamm Gott dar und sich selbst
mit ihm; so übernehmen alle bei der liturgischen Handlung ihren je
eigenen Teil, sowohl in der Darbringung wie in der heiligen Kommunion«,(94)
woraus sie Licht und Kraft schöpfen, um durch das Gebet und das
Zeugnis eines heiligmäßigen Lebens ihr Taufpriestertum zu
leben.
Andere Aspekte des christlichen Sonntags
52. Wenn die Teilnahme an der Eucharistiefeier das Herz des Sonntags
ist, wäre es dennoch einschränkend, die Pflicht zu »seiner
Heiligung« allein auf sie zu reduzieren. Denn der Tag des Herrn wird
dann richtig gelebt, wenn er als ganzer vom dankbaren und aktiven Gedächtnis
der Werke Gottes geprägt ist. Das verpflichtet jeden einzelnen Jünger
Christi dazu, auch den anderen, außerhalb des liturgischen
Geschehens gelebten Vorgängen des Tages Familienleben, soziale
Beziehungen, Gelegenheiten zu Erholung und Zerstreuung einen Stil
zu geben, der helfen soll, im gewöhnlichen Leben den Frieden und die
Freude des Auferstandenen aufbrechen zu lassen. Das gelassenere
Zusammensein von Eltern und Kindern kann zum Beispiel Anlaß sein,
sich nicht nur zu öffnen, um einander anzuhören, sondern auch
miteinander Bildungserlebnisse und Augenblicke größerer innerer
Sammlung zu erfahren. Und warum sollte man nicht auch auf der Ebene der
Laien, wenn es möglich ist, besondere Gebetsinitiativen
planen wie zum Beispiel insbesondere die Feier der Vesper
oder auch gegebenenfallsGelegenheiten zur Katechese, die am
Vorabend des Sonntags oder am Nachmittag desselben im Herzen des Christen
auf das eigentliche Geschenk der Eucharistie vorbereiten bzw. es ergänzen
sollen?
Diese ziemlich traditionelle Form der »Heiligung des Sonntags«
ist vielleicht in vielen Kreisen schwieriger geworden; aber die Kirche
bekundet ihren Glauben an die Kraft des Auferstandenen und an die Macht
des Heiligen Geistes, indem sie heute mehr denn je erkennen läßt,
daß sie sich auf dem Gebiet des Glaubens nicht mit Minimal- oder
mittelmäßigen Angeboten zufrieden gibt und den Christen das zu
vollbringen hilft, was am vollkommensten und dem Herrn am wohlgefälligsten
ist. Im übrigen fehlt es aber neben den Schwierigkeiten auch nicht an
positiven und ermutigenden Zeichen. Dank der Gabe des Geistes ist in
vielen kirchlichen Bereichen ein neues Verlangen nach dem Gebet in seinen
vielfältigen Formen festzustellen. Wiederentdeckt werden auch alte Frömmigkeitsformen
wie die Wallfahrt, und oft nutzen die Gläubigen die Sonntagsruhe, um
sich zu Heiligtümern zu begeben und dort sogar mit der ganzen Familie
einige Stunden intensiver Glaubenserfahrung zu erleben. Das sind
Gnadenstunden, die es durch eine geeignete Evangelisierung zu fördern
und mit echter seelsorglicher Weisheit zu lenken gilt.
Versammlungen am Sonntag bei Abwesenheit des Priesters
53. Es bleibt das Problem der Pfarreien, die sich nicht des Dienstes
eines Priesters erfreuen können, der am Sonntag die Eucharistie
feiert. Das kommt in den jungen Kirchen häufig vor, wo ein einziger
Priester die seelsorgliche Verantwortung für Gläubige hat, die über
ein riesiges Gebiet verstreut wohnen. Notsituationen können auch in
den Ländern mit jahrhundertealter christlicher Tradition auftreten,
wenn die zahlenmäßige Abnahme des Klerus verhindert, daß
in jeder Pfarrgemeinde die Anwesenheit des Priesters sichergestellt ist. Für
den Fall, daß die Feier der Eucharistie nicht möglich ist,
empfiehlt die Kirche die Einberufung sonntäglicher Versammlungen bei
Abwesenheit des Priesters (95) gemäß den vom Heiligen Stuhl
erlassenen und den Bischofskonferenzen zur Anwendung übertragenen
Anweisungen und Verfügungen.(96) Doch das Ziel muß die Feier
des Meßopfers bleiben, die einzige wahre Verwirklichung des Pascha
des Herrn, die einzige vollkommene Realisierung der eucharistischen
Versammlung, welcher der Priester beim Brechen des Brotes des Wortes und
des Brotes der Eucharistie in persona Christi vorsteht. Es müssen
daher auf seelsorglicher Ebene alle notwendigen Maßnahmen ergriffen
werden, damit die Gläubigen, die üblicherweise auf die
Eucharistie verzichten müssen, sie so oft wie möglich empfangen
können: sei es, daß man für die regelmäßige
Anwesenheit des Priesters sorgt, sei es, daß man sämtliche Möglichkeiten
nutzt, um die Versammlung der Gläubigen an einem zentral gelegenen
Ort zu veranstalten, der für verschiedene, auch weit entfernt lebende
Gruppen erreichbar ist.
Rundfunk- und Fernsehübertragungen
54. Den Gläubigen, die wegen Krankheit, Gebrechlichkeit oder aus
einem anderen schwerwiegenden Grund verhindert sind, wird es ein
Herzensanliegen sein, sich aus der Ferne so gut als möglich der Meßfeier
anzuschließen, am besten mit den vom Meßbuch für den
betreffenden Tag vorgesehenen Lesungen und Gebeten sowie auch durch das
Verlangen nach der Eucharistie.(97) In vielen Ländern bieten
Fernsehen und Rundfunk die Möglichkeit an, sich einer
Eucharistiefeier zu der Zeit anzuschließen, wo sie an einem heiligen
Ort tatsächlich stattfindet.(98) Natürlich stellen derartige Übertragungen
an sich keine befriedigende Erfüllung des Sonntagsgebotes dar, das
die Teilnahme an der Versammlung der Brüder durch die Zusammenkunft
am selben Ort und der daraus folgenden Möglichkeit zur
eucharistischen Kommunion verlangt. Aber für diejenigen, die an der
Teilnahme an der Eucharistie gehindert und daher von der Erfüllung
des Gebotes entschuldigt sind, stellt die Fernseh- oder Rundfunkübertragung
eine wertvolle Hilfe dar, vor allem, wenn sie durch den hochherzigen
Dienst außerordentlicher Spender ergänzt wird, die den Kranken
die Eucharistie und zugleich den Gruß und die Solidarität der
ganzen Gemeinde überbringen. So bringt auch für diese Christen
die Sonntagsmesse reiche Früchte hervor, und sie können den
Sonntag als echten »Tag des Herrn« und »Tag der Kirche«
erleben.
VIERTES KAPITEL
DIES HOMINIS Der Sonntag Tag der Freude,
der Ruhe und der Solidarität
Die »Fülle der Freude« Christi
55. »Gelobt sei der, der den großen Tag des Sonntags über
alle Tage erhoben hat. Himmel und Erde, Engel und Menschen geben sich der
Freude hin«.(99) Diese Akzente der maronitischen Liturgie stellen
treffend die Freudenakklamationen dar, die seit jeher sowohl in der abendländischen
wie in der östlichen Liturgie für den Sonntag kennzeichnend
waren. Im übrigen haben, geschichtlich betrachtet, die Christen den
Wochentag des auferstandenen Herrn, noch ehe sie ihn als Ruhetag
der zudem damals im staatlichen Kalender gar nicht vorgesehen war
begingen, vor allem als Tag der Freude erlebt. »Am ersten Tag der
Woche seid alle fröhlich«, steht in der Didascalia Apostolorum
zu lesen. (100) Die Bekundung der Freude trat auch in der liturgischen
Praxis durch die Wahl geeigneter Gesten klar zutage. (101) Der hl.
Augustinus, der uns das verbreitete Kirchenbewußtsein vermittelt,
hebt den Freudencharakter des wöchentlich wiederkehrenden Pascha so
hervor: »Man lasse das Fasten und bete, als Zeichen der Auferstehung,
stehend; außerdem soll an allen Sonntagen das Halleluja gesungen
werden«. (102)
56. Ungeachtet der einzelnen rituellen Ausdrucksformen, die sich im
Laufe der Zeit gemäß der kirchlichen Disziplin verändern können,
bleibt die Tatsache bestehen, daß der Sonntag als wöchentliches
Echo des ersten Erlebens des Auferstandenen das Zeichen der Freude tragen
muß, mit der die Jünger den Meister empfingen: »Da freuten
sich die Jünger, daß sie den Herrn sahen« (Joh
20,20). Für sie wie auch später für alle christlichen
Generationen wurde das Wort, das Jesus vor seiner Passion gesprochen
hatte, Wirklichkeit: »Ihr werdet bekümmert sein, aber euer
Kummer wird sich in Freude verwandeln« (Joh 16,20). Hatte er
nicht selbst gebetet, daß die Jünger »die Freude in Fülle«
haben (vgl. Joh 17,13)? Der auferstandene Christus ist für
die Kirche Quelle unerschöpflicher Freude. Der festliche Charakter
der sonntäglichen Eucharistiefeier bringt die Freude zum Ausdruck,
die Christus seiner Kirche durch das Geschenk des Geistes übermittelt.
Die Freude ist ja eine der Früchte des Heiligen Geistes (vgl. Röm
14,17; Gal 5,22).
57. Wenn wir also die Bedeutung des Sonntags in ihrer Fülle
erfassen wollen, müssen wir auch diese Dimension der gläubigen
Existenz wiederentdecken. Sicher soll die christliche Freude das ganze
Leben und nicht nur einen Tag der Woche kennzeichnen. Aber kraft seiner
Bedeutung als Tag des auferstandenen Herrn, an dem das göttliche
Werk der Schöpfung und der »Neuschöpfung« gefeiert
wird, ist der Sonntag in besonderer Weise Tag der Freude, ja der geeignete
Tag, um sich zur Freude zu erziehen und die wahren Wesenszüge sowie
die tiefen Wurzeln wiederzuentdecken. Diese darf nämlich nicht mit
Gefühlen oberflächlicher Befriedigung und flüchtigen Vergnügens
verwechselt werden, die oft das Empfinden und Gefühlsleben für
kurze Zeit berauschen, um dann das Herz unbefriedigt, wenn nicht gar in
Bitterkeit zurückzulassen. Christlich verstanden ist die Freude etwas
viel Dauerhafteres und Trostreicheres; sie kann sogar, wie die Heiligen
bezeugen, (103) die dunkle Nacht des Schmerzes durchhalten, und sie ist im
gewissen Sinn eine »Tugend«, die gepflegt werden muß.
58. Es besteht jedoch kein Gegensatz zwischen christlicher Freude und
echten menschlichen Freuden. Ja, diese werden ausgelöst und finden
ihren letzten Grund eben in der Freude über den verherrlichten
Christus (vgl. Apg 2,24-31), das vollkommene Bild und die
Offenbarung des Menschen nach dem Plan Gottes. Wie mein ehrwürdiger
Vorgänger Paul VI. in dem Apostolischen Schreiben über die
christliche Freude ausführte, »ist die christliche Freude ihrem
Wesen nach innere Teilhabe an der unergründlichen, zugleich göttlichen
und menschlichen Freude im Herzen des verherrlichten Herrn Jesus Christus«.
(104) Und derselbe Papst schloß sein Schreiben mit der Aufforderung,
die Kirche möge am Tag des Herrn nach Kräften Zeugnis geben von
der Freude, die die Apostel erlebt haben. Er rief daher die Bischöfe
auf, »auf die treue und frohe Teilnahme der Gläubigen an der
sonntäglichen Eucharistiefeier nachdrücklich hinzuweisen. Wie können
sie diese Begegnung, dieses Festmahl vernachlässigen, das uns Jesus
in seiner Liebe bereitet? Die Vorbereitung soll jedesmal entsprechend würdig
und festlich sein! Es ist der gekreuzigte und auferstandene Christus, der
durch die Reihen seiner Jünger geht, um sie mit sich in die
Erneuerung seiner Auferstehung zu führen. Es ist hier auf Erden der Höhepunkt
des Liebesbundes zwischen Gott und seinem Volk: Zeichen und Quelle der
christlichen Freude und Vorbereitung auf das ewige Fest«. (105) Aus
dieser Sicht des Glaubens betrachtet, ist der christliche Sonntag ein
echte »Festefeier«, ein von Gott dem Menschen geschenkter Tag,
damit der Mensch menschlich und geistlich zur vollen Reife gelangt.
Die Erfüllung des Sabbat
59. Dieser festliche Aspekt des christlichen Sonntags stellt in
besonderer Weise seine Dimension der Erfüllung des alttestamentlichen
Sabbat heraus. Am Tag des Herrn, den das Alte Testament mit dem Schöpfungswerk
(vgl. Gen 2,1-3; Ex 20,8-11) und dem Auszug aus Ägypten
(vgl. Dtn 5,12-15) verbindet, ist der Christ aufgerufen, die neue
Schöpfung und den neuen Bund zu verkünden, die im Ostermysterium
Christi vollzogen worden sind. Die Feier der Schöpfung wird
keineswegs aufgehoben, sie wird vielmehr in christozentrischer Sicht
vertieft, d. h. gesehen vom Licht des göttliches Planes, »in
Christus alles zu vereinen, was im Himmel und auf Erden ist« (Eph
1,10). Seinen vollen Sinn erhält auch das Gedenken an die im
Exodus erfolgte Befreiung, das zum Gedenken an die vom gestorbenen und
auferstandenen Christus vollbrachten universalen Erlösung wird. Der
Sonntag ist daher weniger eine »Ersetzung« des Sabbat, als
vielmehr dessen vollzogene Verwirklichung und in gewissem Sinn seine
Ausweitung und sein voller Ausdruck in bezug auf den Weg der
Heilsgeschichte, die ihren Höhepunkt in Christus hat.
60. Aus dieser Perspektive kann die biblische Theologie vom »Sabbat«
voll und ganz wiedergewonnen werden, ohne den christlichen Charakter des
Sonntags zu beeinträchtigen. Dieser führt uns immer wieder neu
und mit nie geschwächter Bewunderung zurück zu jenem
geheimnisvollen Anfang, an dem das ewige Wort Gottes mit freier
Entscheidung und Liebe die Welt aus dem Nichts erschuf. Besiegelt wurde
das Schöpfungswerk mit der Segnung und Heiligung des Tages, an dem
Gott ruhte, »nachdem er das ganze Werk der Schöpfung vollendet
hatte« (Gen 2, 3). Von diesem Ruhetag Gottes erhält die
Zeiteinteilung ihren Sinn und nimmt in der Abfolge der Wochen nicht nur
einen chronologischen Rhythmus, sondern sozusagen eine theologische Note
an. Denn, die dauernde Wiederkehr des Sabbat entzieht die Zeit dem Risiko,
sich in sich selbst zu drehen, damit sie durch die Aufnahme Gottes und
seiner kairoì das heißt der von ihm verfügten
Gnaden- und Heilszeiten offen bleibe für die Horizonte des
Ewigen.
61. Indem der »Sabbat«, der von Gott gesegnete und für
heilig erklärte siebte Tag, das gesamte Schöpfungswerk einschließt,
steht er in unmittelbarem Zusammenhang mit dem Werk des sechsten Tages, an
dem Gott den Menschen »als sein Abbild« schuf (vgl. Gen
1,26). Dieser unmittelbarste Zusammenhang zwischen dem »Tag Gottes«
und dem »Tag des Menschen« war den Kirchenvätern in ihren
Betrachtungen über den Schöpfungsbericht nicht entgangen.
Ambrosius sagt dazu: »Dank sei daher dem Herrn, unserem Gott, der ein
Werk schuf, wo er Ruhe finden konnte. Er schuf den Himmel, aber ich lese
nichts davon, daß er sich dort ausgeruht habe; er schuf die Sterne,
den Mond, die Sonne, und auch hier lese ich nicht, daß er sich bei
ihnen ausgeruht habe. Hingegen lese ich, daß er den Menschen schuf
und sich dann ausruhte, während er in ihm einen hatte, dem er die Sünden
vergeben konnte«. (106) Auf diese Weise wird der »Tag Gottes«
für immer direkt mit dem «Tag des Menschen« verbunden
bleiben. Wenn Gottes Gebot lautet: »Gedenke des Sabbats: Halte ihn
heilig!« (Ex 20,8), dann ist das gebotene Innehalten, um den
ihm geweihten Tag zu ehren, für den Menschen durchaus nicht die
Auferlegung einer drückenden Last, sondern vielmehr eine Hilfe, damit
er seine lebenswichtige und befreiende Abhängigkeit vom Schöpfer
und zugleich die Berufung zur Mitarbeit an seinem Werk und zum Empfang
seiner Gnade wahrnimmt. Indem der Mensch die «Ruhe» Gottes ehrt,
findet er sich selbst voll und ganz. So stellt sich der Tag des Herrn als
zutiefst vom göttlichen Segen gekennzeichnet dar (vgl. Gen 2,3).
Dadurch ist dieser Tag, wie die Tiere und die Menschen (vgl. Gen 1,22.28)
mit einer Art »Fruchtbarkeit« ausgestattet. Diese drückt
sich nicht nur durch die andauernde zeitliche Wiederholung aus, sondern
insbesondere in der Belebung und gleichsam in der »Vervielfachung«
der Zeit selber. So wird im Menschen durch das Gedenken an den lebendigen
Gott die Lebensfreude und das Verlangen, das Leben zu fördern und
weiterzugeben, gesteigert.
62. Der Christ wird sich nun erinnern müssen, daß die
eigentlichen Gründe für die Auferlegung der Heiligung des »Herrentages«
gültig bleiben, auch wenn für ihn die Bestimmungen des jüdischen
Sabbats fallen gelassen und von der »Erfüllung« des
Sonntags überwunden worden sind. Sie sind in der Feierlichkeit des
Dekalogs verhaftet und müssen im Licht der Theologie und Spiritualität
des Sonntags wieder gelesen werden. »Achte den Sabbat: Halte ihn
heilig, wie es dir der Herr, dein Gott, zur Pflicht gemacht hat. Sechs
Tage darfst du schaffen und jede Arbeit tun. Der siebte Tag ist ein
Ruhetag, dem Herrn, deinem Gott geweiht. An ihm darfst du keine Arbeit
tun: du, dein Sohn und deine Tochter, dein Sklave und deine Sklavin, dein
Rind, dein Esel und dein ganzes Vieh und der Fremde, der in deinen
Stadtbereichen Wohnrecht hat. Dein Sklave und deine Sklavin sollen sich
ausruhen wie du. Denk daran: Als du in Ägypten Sklave warst, hat dich
der Herr, dein Gott, mit starker Hand und hoch erhobenem Arm dort
herausgeführt. Darum hat es dir der Herr, dein Gott, zur Pflicht
gemacht, den Sabbat zu halten« (Dtn 5,12-15). Die Einhaltung
des Sabbats erscheint hier sehr eng verbunden mit dem Werk der Befreiung,
das Gott für sein Volk durchgeführt hat.
63. Christus ist gekommen, um einen neuen »Auszug« durchzuführen,
er ist gekommen, den Unterdrückten die Freiheit zu bringen. Er hat
viele Heilungen sicher nicht deshalb am Sabbat vollbracht (vgl. Mt
12,9-14 par), um den Tag des Herrn zu verletzen, sondern um dessen volle
Bedeutung zu verwirklichen: »Der Sabbat ist für den Menschen da,
nicht der Mensch für den Sabbat« (Mk 2,27). Indem er der
von manchen seiner Zeitgenossen allzu streng nach dem Buchstaben des
Gesetzes vorgenommenen Auslegung widerspricht und den authentischen Sinn
des biblischen Sabbats entwickelt, führt Jesus, der »Herr über
den Sabbat« (Mk 2,28), die Einhaltung dieses Tages auf seinen
befreienden Charakter zurück, der gleichzeitig zur Wahrung der Rechte
Gottes und der Rechte des Menschen bestimmt ist. So wird verständlich,
warum sich die Christen als Verkünder der im Blut Christi erfüllten
Befreiung zu Recht ermächtigt fühlten, den Sinn des Sabbats auf
den Tag der Auferstehung zu übertragen. Das Pascha Christi hat in der
Tat den Menschen von einer viel radikaleren Versklavung befreit als jener,
die auf einem unterdrückten Volk lastet: Die Sklaverei der Sünde,
die den Menschen von Gott entfernt, entfernt ihn auch von sich selbst und
von den anderen und hinterläßt in der Geschichte immer neue
Keime der Bosheit und Gewalt.
Der Tag der Ruhe
64. Jahrhunderte lang erlebten die Christen den Sonntag nur als Tag des
Kultes, ohne damit auch die besondere Bedeutung der Sabbatruhe verbinden
zu können. Erst im 4. Jahrhundert anerkannte die staatliche
Gesetzgebung des Römischen Reiches den Wochenrhythmus an und verfügte,
daß am »Tag der Sonne« die Richter, die Bevölkerung
der Städte und die verschiedenen Handwerkszünfte die Arbeit
ruhen lassen konnten. (107) Die Christen freuten sich, daß damit die
Hindernisse beseitigt waren, die bis dahin die Einhaltung des Tages des
Herrn manchmal zu einer heroischen Tat gemacht hatten. Nun konnten sie
sich ungehindert dem gemeinsamen Gebet widmen. (108)
Es wäre also ein Fehler, in der den Wochenrhythmus respektierenden
Gesetzgebung eine bloße geschichtliche Gegebenheit ohne Wert für
die Kirche zu sehen, auf welche sie verzichten könnte. Die Konzilien
haben nicht aufgehört, auch nach dem Ende des Reiches an den Verfügungen
festzuhalten, die sich auf die Sonntagsruhe beziehen. In den Ländern,
in denen die Christen eine kleine Minderheit bilden und die auf dem
Kalender vorgesehenen Feiertage nicht dem Sonntag entsprechen, bleibt der
Sonntag später trotzdem immer der Tag des Herrn, der Tag, an dem die
Gläubigen zur eucharistischen Versammlung zusammenkommen. Das
geschieht jedoch um den Preis nicht geringer Opfer. Für die Christen
ist es nicht normal, daß der Sonntag, Fest- und Freudentag, nicht
auch Ruhetag ist, und es ist für sie schwierig, den Sonntag »zu
heiligen«, wenn sie nicht über genügend Freizeit verfügen.
65. Andererseits hat der Zusammenhang zwischen dem Tag des Herrn und dem
Ruhetag in der zivilen Gesellschaft eine Wichtigkeit und Bedeutung, die über
die eigentlich christliche Sicht hinausgehen. Der Wechsel zwischen Arbeit
und Ruhe, der zur menschlichen Natur gehört, ist nämlich von
Gott selbst gewollt, wie aus dem Schöpfungsbericht im Buch Genesis
(vgl. 2,2-3; Ex 20,8-11) hervorgeht: Die Ruhe ist etwas Heiliges,
sie ist für den Menschen die Voraussetzung, um sich dem manchmal
allzu vereinnahmenden Kreislauf der irdischen Verpflichtungen zu entziehen
und sich wieder bewußt zu machen, daß alles Gottes Werk ist.
Die wunderbare Macht, die Gott dem Menschen über die Schöpfung
gibt, könnte Gefahr laufen, ihn vergessen zu lassen, daß Gott
der Schöpfer ist, von dem alles abhängt. Um so dringender ist
diese Anerkennung in unserer Zeit, wo Wissenschaft und Technik die Macht,
die der Mensch durch seine Arbeit ausübt, unglaublich ausgeweitet
haben.
66. Schließlich dürfen wir nicht aus dem Blick verlieren, daß
auch in unserer Zeit für viele die Arbeit harte Knechtschaft ist, sei
es auf Grund der elenden Arbeitsbedingungen und der auferlegten
Arbeitszeiten, besonders in den ärmsten Gegenden der Welt, oder weil
es selbst in den wirtschaftlich hochentwickelten Gesellschaften allzu
viele Fälle von Ungerechtigkeit und Ausbeutung des Menschen durch den
Menschen gibt. Wenn die Kirche im Laufe der Jahrhunderte Gesetze über
die Sonntagsruhe erlassen hat, (109) hatte sie vor allem die Arbeit der
Sklaven und der Arbeiter im Blick; nicht deshalb, weil es sich um eine
weniger würdige Arbeit im Hinblick auf die geistlichen Anforderungen
der sonntäglichen Praxis gehandelt hätte, sondern eher weil sie
am dringendsten einer Regelung bedurfte, die ihre Last erleichterte und
allen die Heiligung des Sonntags erlaubte. Unter diesem Gesichtspunkt
bezeichnete mein Vorgänger Leo XIII. in der EnzyklikaRerum
novarum die Sonntagsruhe als ein Recht des Arbeiters, das der Staat
garantieren müsse. (110)
Auch in unserem geschichtlichen Kontext bleibt die Verpflichtung
bestehen, sich dafür einzusetzen, daß alle Freiheit, Ruhe und
Entspannung erfahren können, die für ihre Würde als
Menschen notwendig sind; eng verbunden mit dieser Würde sind die
religiösen, familiären, kulturellen und zwischenmenschlichen Bedürfnisse
und Ansprüche, die kaum befriedigt werden können, wenn nicht
wenigstens ein Tag in der Woche sichergestellt wird, an dem man miteinander
die Möglichkeit zum Ausruhen und zum Feiern genießen kann.
Dieses Recht des Arbeiters auf Ruhe setzt natürlich sein Recht auf
Arbeit voraus. Während wir über diese Problematik, die mit der
christlichen Auffassung des Sonntags verbunden ist, nachdenken, müssen
wir mit großer Anteilnahme an die Notsituation so vieler Männer
und Frauen erinnern, die wegen fehlender Arbeitsplätze auch an den
Arbeitstagen zur Untätigkeit gezwungen sind.
67. Durch die Sonntagsruhe können die täglichen Sorgen und
Aufgaben wieder ihre richtige Dimension erlangen: die materiellen Dinge, über
die wir uns erregen, machen den Werten des Geistes Platz; die Menschen,
mit denen wir leben, nehmen in der Begegnung und im ruhigeren Gespräch
wieder ihr wahres Gesicht an. Selbst die Schönheiten der Natur
oft genug von einer Herrschermentalität, die sich gegen den Menschen
wendet, verdorben können wiederentdeckt und intensiv genossen
werden. Der Sonntag als ein Tag, an dem der Mensch mit Gott, mit sich
selber und mit seinen Mitmenschen Frieden schließt, wird so zur
Einladung für den Menschen, einen erneuerten Blick auf die
Wunderwerke der Natur zu werfen und sich von jener wunderbaren und
geheimnisvollen Harmonie einbinden zu lassen, von der der heilige
Ambrosius meint, daß sie durch »ein unübertretbares Gesetz
der Eintracht und der Liebe« die verschiedenen Elemente des Kosmos in
ein »Band der Einheit und des Friedens« einigt. (111) Der Mensch
wird sich nun nach den Worten des Apostels mehr bewußt, daß »alles,
was Gott geschaffen hat, gut ist und nichts verwerflich ist, wenn es mit
Dank genossen wird; es wird geheiligt durch Gottes Wort und durch das
Gebet« (1 Tim 4,4-5). Wenn also der Mensch nach sechs
Arbeitstagen die sich in Wirklichkeit für viele bereits auf fünf
Tage verringert haben eine Zeit der Entspannung und besserer Beschäftigung
mit anderen Aspekten des eigenen Lebens sucht, so entspricht das einem
echten Bedürfnis. Der Glaubende muß jedoch dieses Bedürfnis
befriedigen, ohne den wichtigen Ausdrucksformen seines in der Feier und
Heiligung des Herrentages bekundeten persönlichen und
gemeinschaftlichen Glaubens Schaden zuzufügen.
Es ist darum natürlich, daß sich die Christen dafür
einsetzen, daß auch unter den besonderen Gegebenheiten unserer Zeit
die Zivilgesetzgebung ihrer Pflicht zur Heiligung des Sonntags Rechnung trägt.
Es ist für sie jedenfalls eine Gewissenspflicht, die Sonntagsruhe so
zu organisieren, daß ihnen die Teilnahme an der Eucharistiefeier möglich
ist, indem sie sich jener Arbeiten und Tätigkeiten enthalten, die mit
der Heiligung des Sonntags, mit der ihm eigenen Freude und mit der für
Geist und Körper notwendigen Erholung unvereinbar sind. (112)
68. In Anbetracht dessen, daß die Erholung selbst, um nicht in
Leerheit zu enden oder Quelle von Langeweile zu werden, geistige
Bereicherung, größere Freiheit, die Möglichkeit der
Kontemplation und der brüderlichen Gemeinschaft mit sich bringen muß,
werden die Gläubigen unter den Mitteln der Kultur und den von der
Gesellschaft angebotenen Vergnügungen jene auswählen, die am
besten mit einem Leben nach den Vorschriften des Evangeliums übereinstimmen.
So gesehen, gewinnt die Sonntags- und Feiertagsruhe eine »prophetische«
Dimension, indem sie nicht nur den absoluten Primat Gottes, sondern auch
den Primat und die Würde des Menschen gegenüber den Forderungen
des Gesellschafts- und Wirtschaftslebens bekräftigt und in gewisser
Weise den »neuen Himmel« und die »neue Erde«
vorwegnimmt, wo die Befreiung von der Sklaverei der Bedürfnisse endgültig
und vollständig sein wird. Kurz, der Tag des Herrn wird so ganz
authentisch auch zum Tag des Menschen.
Tag der Solidarität
69. Der Sonntag soll den Gläubigen auch Gelegenheit geben, sich den
Tätigkeiten der Barmherzigkeit, der Nächstenliebe und des
Apostolates zu widmen. Die innere Teilnahme an der Freude des
auferstandenen Christus muß auch das volle Teilen der Liebe
einschließen, die im Herzen des Auferstandenen pulsiert: Freude ohne
Liebe gibt es nicht! Jesus selbst erklärt das, wenn er das »neue
Gebot« mit der Freude, die er schenkt, in Zusammenhang bringt: »Wenn
ihr meine Gebote haltet, werdet ihr in meiner Liebe bleiben, so wie ich
die Gebote meines Vaters gehalten habe und in seiner Liebe bleibe. Dies
habe ich euch gesagt, damit meine Freude in euch ist und damit eure Freude
vollkommen wird. Das ist mein Gebot: Liebt einander, so wie ich euch
geliebt habe« (Joh 15,10-12).
Die Sonntagsmesse hält also, wenn sie vollgültig gefeiert
wird, keineswegs von den Pflichten der Nächstenliebe ab, im
Gegenteil, sie verpflichtet die Gläubigen »zu allen Werken der
Liebe, der Frömmigkeit und des Apostolates. Durch solche Werke soll
offenbar werden, dab die Christgläubigen zwar nicht von dieser Welt
sind, daß sie aber Licht der Welt sind und den Vater vor den
Menschen verherrlichen«. (113)
70. Tatsächlich ist seit der Zeit der Apostel die sonntägliche
Zusammenkunft für die Christen ein Augenblick brüderlichen
Teilens gegenüber den Ärmsten gewesen. »Jeder soll immer am
ersten Tag der Woche etwas zurücklegen und so zusammensparen, was er
kann« (1 Kor 16,2). Hier handelt es sich um die von Paulus
angeregte Sammlung für die armen Gemeinden Judäas. Bei der
Eucharistiefeier am Sonntag weitet sich das Herz des Glaubenden zu den
Dimensionen der Kirche. Die Aufforderung des Apostels muß aber in
ihrer ganzen Tiefe begriffen werden: Es liegt ihm fern, eine engherzige »Obolus«-Mentalität
zu fördern, vielmehr appelliert er an eine anspruchsvolle Kultur
des Teilens, die sowohl unter den Gliedern der Gemeinde selbst wie im
Verhältnis zur ganzen Gesellschaft verwirklicht werden soll. (114)
Mehr denn je gilt es, wieder auf die strengen Ermahnungen zu hören,
die er an die Gemeinde von Korinth richtet, die sich schuldig gemacht hat,
bei der mit dem »Herrenmahl« einhergehenden brüderlichen
Agape die Armen gedemütigt zu haben: »Was ihr bei euren
Zusammenkünften tut, ist keine Feier des Herrenmahls mehr; denn jeder
verzehrt sogleich seine eigenen Speisen, und dann hungert der eine, während
der andere schon betrunken ist. Könnt ihr denn nicht zu Hause essen
und trinken? Oder verachtet ihr die Kirche Gottes? Wollt ihr jene demütigen,
die nichts haben?« (1 Kor 11,20-22). Nicht weniger streng
sind die Worte des Jakobus: »Wenn in eure Versammlung ein Mann mit
goldenen Ringen und prächtiger Kleidung kommt, und zugleich kommt ein
Armer in schmutziger Kleidung, und ihr blickt auf den Mann in der prächtigen
Kleidung und sagt: Setz dich hier auf den guten Platz!, und zu dem Armen
sagt ihr: Du kannst dort stehen!, oder: Setz dich zu meinen Füßen!
macht ihr dann nicht untereinander Unterschiede und fällt
Urteile aufgrund verwerflicher Überlegungen?« (2,2-4).
71. Die Weisungen der Apostel fanden schon in den ersten Jahrhunderten
breiten Widerhall und riefen in der Verkündigung der Kirchenväter
kraftvolle Akzente hervor. Feurig sprach der hl. Ambrosius zu den Reichen,
die sich brüsteten, ihre religiösen Verpflichtungen einzulösen,
indem sie in die Kirche gingen, ohne ihre Güter mit den Armen zu
teilen und diese sogar unterdrückten: »Höre, du Reicher,
was sagt der Herr? Und du kommst in die Kirche, nicht um etwas den Armen
zu geben, sondern um zu nehmen« (115) Der hl. Johannes Chrysostomos äußert
sich in diesem Zusammenhang nicht weniger fordernd: »Willst du den
Leib Christi ehren? Geh nicht an ihm vorüber, wenn er nackt ist.
Verehre ihn nicht hier im Tempel mit Seidenstoffen, um dann draußen
an ihm vorüberzugehen, wo er unter Kälte und Nacktheit leidet.
Er, der gesagt hat: "Das ist mein Leib", ist derselbe, der
gesagt hat: "Ihr habt mich hungrig gesehen und habt mir nicht zu
essen gegeben", und "Was ihr für einen der Geringsten
meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan" [...]. Was nützt
es, daß der eucharistische Tisch mit Goldkelchen überladen ist,
wenn Er vor Hunger stirbt? Gib zuerst ihm, dem Hungernden, zu essen, dann
kannst du mit dem, was übriggeblieben ist, auch den Altar schmücken«.
(116)
Diese Worte erinnern die christliche Gemeinde auf wirkungsvolle Weise an
ihre Pflicht, die Eucharistiefeier zu dem Ort zu machen, wo die Brüderlichkeit
zu konkreter Solidarität wird und in der Überlegung und in der
Liebe der Brüder die Letzten zu den Ersten werden, wo Christus selber
durch die großzügige Gabe der Reichen an die Armen auf eine
bestimmte Art das Wunder der Brotvermehrung in die Zeit weiterwirken kann.
(117)
72. Die Eucharistie ist Ereignis und Vorhaben der Brüderlichkeit.
Von der Sonntagsmesse geht eine Welle der Liebe aus, die sich im ganzen
Leben der Gläubigen ausbreiten soll, angefangen damit, daß sie
die Art und Weise, wie der übrige Sonntag gelebt wird, beeinflußt.
Denn wenn der Sonntag der Tag der Freude ist, muß der Christ durch
sein konkretes Verhalten deutlich machen, daß man »allein«
nicht glücklich sein kann. Er blickt um sich, um jene Menschen zu
ermitteln, die konkret seine Solidarität nötig haben könnten.
Es kann vorkommen, daß es in seiner Nachbarschaft oder in seinem
Bekanntenkreis Kranke, Alte, Kinder, Einwanderer »gibt«, die
gerade am Sonntag ihre Einsamkeit, ihre Not, ihren Leidenszustand noch
schmerzlicher empfinden. Der Einsatz für sie darf sich natürlich
nicht auf eine gelegentliche Initiative am Sonntag beschränken. Aber
warum sollte man nicht durch diese Haltung des umfassenden Engagements dem
Tag des Herrn auch einen stärkeren Anstrich des Teilens geben, indem
man den ganzen Erfindungsreichtum aktiviert, zu dem die christliche Liebe
fähig ist? Einsame und notleidende Menschen zu sich zum Essen
einzuladen, Kranke zu besuchen, bedürftige Familien mit Nahrung zu
versorgen, einige Stunden besonderen Initiativen des freiwilligen Dienstes
und der Solidarität zu widmen das wären gewiß Möglichkeiten,
um die am eucharistischen Tisch geschöpfte Liebe Christi in das Leben
einzubringen.
73. So gelebt, wird nicht nur die Eucharistiefeier, sondern der ganze
Sonntag zu einer großartigen Schule der Nächstenliebe, der
Gerechtigkeit und des Friedens. Die Gegenwart des Auferstandenen inmitten
der Seinen wird zum Vorhaben der Solidarität, zum dringenden
Verlangen nach innerer Erneuerung, zum Ansporn, die Strukturen der Sünde
zu ändern, in welche die einzelnen, die Gemeinden, manchmal ganze Völker
verstrickt sind. Der christliche Sonntag ist also alles andere als Vergnügung;
er ist vielmehr in die Zeit eingeschriebene »Prophetie«,
Prophetie, welche die Gläubigen verpflichtet, den Fußstapfen
dessen nachzugehen, der gekommen ist, »damit er den Armen eine gute
Nachricht bringe; damit er den Gefangenen die Entlassung verkünde und
den Blinden das Augenlicht; damit er die Zerschlagenen in Freiheit setze
und ein Gnadenjahr des Herrn ausrufe« (Lk 4,18-19). Im sonntäglichen
Gedächtnis des Ostergeheimnisses begibt sich der Glaubende in die
Schule dessen, der verheißen hat: »Frieden hinterlasse ich
euch, meinen Frieden gebe ich euch« (Joh 14,27). Ind indem er
sich an dieses Wort erinnert, wird er seinerseits zumBaumeister des
Friedens.
FÜNFTES KAPITEL
DIES DIERUM
Der Sonntag,
der ursprüngliche Feiertag,
der den Sinn der Zeit offenbart
Christus Alpha und Omega der Zeit
74. »Im Christentum kommt der Zeit eine fundamentale Bedeutung zu.
Innerhalb ihrer Dimension wird die Welt erschaffen, in ihrem Umfeld
entfaltet sich die Heilsgeschichte, die ihren Höhepunkt in der "Fülle
der Zeit" der Menschwerdung und ihr Ziel in der glorreichen
Wiederkunft des Gottessohnes am Ende der Zeiten hat. In Jesus Christus,
dem fleischgewordenen Wort, wird die Zeit zu einer Dimension Gottes, der
in sich ewig ist«. (118)
Die Jahre des Erdendaseins Christi stellen im Licht des Neuen
Testamentes tatsächlich die Mitte der Zeit dar. Diese Mitte hat ihren
Höhepunkt in der Auferstehung. Denn wenn es auch wahr ist, daß
er vom ersten Augenblick der Empfängnis an im Schoß der
heiligen Jungfrau menschgewordener Gott ist, ist es doch auch wahr, daß
seine Menschlichkeit erst durch die Auferstehung vollständig verklärt
und verherrlicht wird und so seine göttliche Identität und
Herrlichkeit voll offenbart. Paulus wendet in seiner Rede in der Synagoge
von Antiochia in Pisidien sehr treffend die Aussage von Psalm 2 auf die
Auferstehung Christi an: »Mein Sohn bist du, heute habe ich dich
gezeugt« (V. 7). Genau aus diesem Grund stellt uns die Kirche in der
Osternachtfeier den auferstandenen Christus als »Anfang und Ende,
Alpha und Omega« vor. Diese Worte, die vom Priester gesprochen werden
während er in die Osterkerze die Zahl des laufenden Jahres einritzt,
machen offenkundig, daß »Christus der Herr der Zeit ist; er ist
ihr Anfang und ihre Erfüllung; jedes Jahr, jeder Tag und jeder
Augenblick werden von seiner Menschwerdung und seiner Auferstehung
umfangen und befinden sich auf diese Weise in der "Fülle der
Zeit"«. (119)
75. Da der Sonntag das wöchentliche Ostern ist, wo der Tag in
Erinnerung gerufen und vergegenwärtigt wird, an dem Christus von den
Toten auferstanden ist, ist er auch der Tag, der die Bedeutung der Zeit
offenbart. Es besteht keine Verwandtschaft mit den kosmischen Zyklen, in
welchen Naturreligion und menschliche Kultur bestrebt sind, die Zeit dem
Rhythmus anzupassen, wobei sie sich vielleicht dem Mythos von der ewigen
Wiederkehr hingeben. Der christliche Sonntag ist etwas völlig
anderes! Aus der Auferstehung hervorgehend, zerteilt er die Zeiten des
Menschen, die Monate, die Jahre, die Jahrhunderte, wie ein Richtungspfeil,
der sie durchdringt und auf das Ziel der Wiederkunft Christi ausrichtet.
Der Sonntag nimmt den Endtag vorweg, den Tag der Parusie, wie er
im Geschehen der Auferstehung von der Herrlichkeit Christi angekündigt
wird. Der Christ weiß nämlich, daß er auf keine andere
Heilszeit zu warten braucht, sondern daß die Welt, wie lange ihre
zeitliche Dauer auch währen mag, bereits in der Endzeit lebt.
Denn alles, was bis zum Weltende geschehen wird, wird nur eine
Ausweitung und Verdeutlichung dessen sein, was an dem Tag geschehen ist,
an dem der gemarterte Leib des Gekreuzigten durch die Macht des Geistes
auferstanden und seinerseits für die Menschheit zur Quelle des
Geistes geworden ist. Der Christgläubige weiß deswegen, daß
er auf keine andere Zeit der Erlösung warten muß, da die Welt,
wie lange sie auch zeitlich noch dauern wird, sich bereits in der Endzeit
befindet. Vom verherrlichten Christus wird nicht nur die Kirche, sondern
der Kosmos und die Geschichte unablässig geführt und geleitet.
Es ist diese Kraft des Lebens, die Schöpfung, die »bis zum
heutigen Tag seufzt und in Geburtswehen liegt« (Röm
8,22) zielstrebig auf ihre endgültige Erlösung treibt. Von
diesem Weg kann der Mensch nur eine dunkle Ahnung haben; die Christen
besitzen die Chiffre und die Gewißheit dafür, und die Heiligung
des Sonntags ist ein beredtes Zeugnis, das zu geben sie aufgerufen sind,
damit die Zeiten des Menschen immer von der Hoffnung getragen sind.
Der Sonntag im Kirchenjahr
76. Wenn der Tag des Herrn mit seinem Wochenrhythmus in der ältesten
Überlieferung der Kirche ihre Wurzeln hat und für den Christen
von lebenswichtiger Bedeutung ist, so hat die Durchsetzung eines anderen
Rhythmus nicht lange auf sich warten lassen: der Jahreskreis. Es
entspricht in der Tat der menschlichen Psychologie, Jahrestage zu feiern,
wobei man mit der Wiederkehr der Daten und Jahreszeiten die Erinnerung an
Ereignisse der Vergangenheit verbindet. Wenn es sich dann um Ereignisse
handelt, die für das Leben eines Volkes entscheidend sind, so ist es
ganz normal, daß ihr Jahrestag eine festliche Stimmung auslöst,
welche die Monotonie der Tage unterbricht.
Nun standen die Hauptereignisse der Erlösung, auf die sich das
Leben der Kirche gründet, durch Gottes Plan in engem Zusammenhang mit
dem Pascha- und dem Pfingstfest, jährlichen Festen der Juden, und
wurden in ihnen prophetisch angekündigt. Seit dem zweiten Jahrhundert
hat es die Christliche Feier des jährlichen Paschafestes zusätzlich
zum wöchentlichen Pascha möglich gemacht, der Besinnung auf das
Mysterium des gestorbenen und auferstandenen Christus mehr Raum zu geben.
Das Osterfest, dem als Vorbereitung eine Fastenzeit vorausging und als »Fest
der Feste« im Verlauf einer langen Nachtwache gefeiert sowie dann
durch fünfzig, auf das Pfingstfest hinführende Tage verlängert
wurde, ist zum Tag der Initiation der Katechumenen schlechthin geworden.
Wenn sie tatsächlich durch die Taufe der Sünde sterben und zu
einem neuen Leben auferstehen, so deshalb, weil Jesus »wegen unserer
Verfehlungen hingegeben, wegen unserer Gerechtmachung auferweckt wurde«
(Röm 4,25; vgl. 6,3-11). In seiner engen Verknüpfung mit
dem Pascha-Mysterium gewinnt das Pfingstfest besondere Bedeutung, an dem
die Herabkunft des Heiligen Geistes auf die zusammen mit Maria
versammelten Apostel und der Beginn ihrer Entsendung zu allen Völkern
gefeiert wird. (120)
77. Eine solche Logik des Gedenkens lag der Gliederung des ganzen
Kirchenjahres zugrunde. Wie das II. Vatikanische Konzil ausführt,
wollte die Kirche im Jahreskreis »das ganze Mysterium Christi von der
Menschwerdung und Geburt bis zur Himmelfahrt, zum Pfingsttag und zur
Erwartung der seligen Hoffnung und der Wiederkunft des Herrn«
entfalten. »Indem sie so die Mysterien der Erlösung feiert,
erschließt sie die Reichtümer der Machterweise und der
Verdienste ihres Herrn, so daß sie jederzeit gewissermaßen
gegenwärtig gemacht werden und die Gläubigen mit ihnen in Berührung
kommen und mit der Gnade des Heiles erfüllt werden«. (121)
Das feierlichste Fest nach Ostern und Pfingsten ist zweifellos das
Geburtsfest des Herrn, an dem sich die Christen auf das Geheimnis der
Menschwerdung besinnen und in das Wort Gottes versenken, das sich herabläßt,
unser Menschsein anzunehmen, um uns zu Teilhabern an seiner Göttlichkeit
zu machen.
78. Desgleichen »verehrt bei der Feier dieses Jahreskreises der
Mysterien Christi die heilige Kirche mit besonderer Liebe Maria, die
selige Gottesgebärerin, die durch ein unzerreißbares Band mit
dem Heilswerk ihres Sohnes verbunden ist«. (122) In derselben Weise
wurden in den Jahreskreis anläßlich ihrer Jahresfeiern die Gedächtnistage
der Märtyrer und anderer Heiliger eingefügt, dabei »verkündet
die Kirche das Pascha-Mysterium in den Heiligen, die mit Christus gelitten
haben und in ihm verherrlicht sind«. (123) Das im echten Geist der
Liturgie gefeierte Gedächtnis der Heiligen verdunkelt nicht die
zentrale Stellung Christi, sondern hebt sie im Gegenteil hervor, indem sie
die Macht seiner Erlösung aufzeigt. Wie der hl. Paulinus von Nola in
einem seiner Gedichte schreibt, »vergeht alles, die Verherrlichung
der Heiligen dauert in Christus fort, der alles erneuert, während er
derselbe bleibt«. (124) Dieser innere Zusammenhang zwischen der
Verherrlichung der Heiligen und der Verherrlichung Christi ist in die
Ordnung des Kirchenjahres selbst einbezogen und findet gerade in dem
grundlegenden, beherrschenden Wesen des Sonntags als Tag des Herrn seinen
sprechendsten Ausdruck. Das kirchliche und geistliche Engagement des
Christen wird, den Zeiten des Kirchenjahres folgend, bei der Einhaltung
des Sonntags, der dieses Kirchenjahr zerteilt, tief in Christus verankert,
woraus es Nahrung und Ansporn schöpft.
79. Der Sonntag erscheint somit als das natürliche Modell, um jene
Feiertage des Kirchenjahres zu verstehen und zu begehen, deren Wert für
das christliche Leben so groß ist, daß die Kirche beschlossen
hat, ihre Bedeutung dadurch zu unterstreichen, daß sie die Gläubigen
zur Teilnahme an der Messe und zur Einhaltung der Ruhe zu verpflichten,
obgleich diese Feste auf wechselnde Wochentage fallen. (125) Die Zahl
dieser Feiertage ändert sich in den verschiedenen Epochen mit Rücksicht
auf die soziale und wirtschaftliche Situation sowie auf die Verwurzelung
der Feiertage in der Tradition und zudem auf die unterstützende
Absicherung durch die zivile Gesetzgebung. (126)
Die aktuelle kanonisch-liturgische Ordnung sieht die Möglichkeit
vor, daß jede Bischofskonferenz je nach den besonderen Verhältnissen
dieses oder jenes Landes die Zahl der gebotenen Feiertage verringern kann.
Der etwaige diesbezügliche Beschluß bedarf einer vorherigen
besonderen Genehmigung des Apostolischen Stuhls (127) und in diesem Fall
wird die Feier eines Geheimnisses des Herrn wie die Erscheinung, die
Himmelfahrt oder das Fest des Leibes und Blutes Christi den liturgischen
Vorschriften entsprechend auf einen Sonntag verlegt werden, damit es den
Gläubigen nicht vorenthalten bleibt, sich auf das Geheimnis zu
besinnen. (128) Ebenso soll es den Bischöfen ein Anliegen sein, die
Gläubigen zur Teilnahme an der Messe auch an den wichtigen Feiertagen
zu ermuntern, die auf einen Wochentag fallen. (129)
80. Eine eigene seelsorgerische Erörterung jene häufigen
Situationen verdienen, wo volkstümliche und kulturelle Traditionen,
die für ein bestimmtes Umfeld typisch sind, das Feiern der Sonntage
und der anderen liturgischen Feiern zu überschwemmen und den Geist
des authentischen christlichen Glaubens mit Elementen zu vermischen
drohen, die ihm fremd sind und ihn entstellen könnten. In diesen Fällen
muß man mit Hilfe der Katechese und durch entsprechendes pastorales
Eingreifen Klarheit schaffen. Alles, was sich nicht mit dem Evangelium
Christi verträgt, muß verworfen werden. Es darf aber nicht übersehen
werden, daß es diesen Traditionen und das gilt auch für
neue kulturelle Vorhaben der zivilisierten Gesellschaft oft nicht
an Werten fehlt, die sich ohne Schwierigkeit mit den Ansprüchen des
Glaubens verbinden lassen. Es ist Aufgabe der Bischöfe, eine
Unterscheidung vorzunehmen, die die echten Werte, die in der Kultur eines
bestimmten gesellschaftlichen Umfeldes und insbesondere in der Volksfrömmigkeit
vorhanden sind, bewahrt und dadurch bewirken soll, daß die Mebfeier
besonders an den Sonn- und Feiertagen nicht darunter leidet, sondern eine
Bereicherung erfährt. (130)
SCHLUSS
81. Der spirituelle und pastorale Reichtum des Sonntags, wie er der
Kirche von der Überlieferung anvertraut wurde, ist wirklich großartig.
Der Sonntag in der Vollständigkeit seiner Bedeutungen und
Implikationen ist in gewissem Maße eine Zusammenfassung des
christlichen Lebens und Voraussetzung, es richtig zu leben. Man versteht
also, warum der Kirche die Einhaltung des Tages des Herrn am Herzen liegt
und diese im Rahmen der kirchlichen Disziplin eine regelrechte Pflicht
bleibt. Sie darf jedoch nicht nur als Gebot angesehen werden, sondern sie
muß als ein Bedürfnis empfunden werden, das zutiefst in die
christliche Existenz eingeschrieben ist. Es ist tatsächlich von
grundlegender Bedeutung, daß sich jeder Glaubende davon überzeugt,
weder seinen Glauben leben noch am Leben der Gemeinschaft teilnehmen zu können,
wenn er sich nicht vor allem durch die Teilnahme an der sonntäglichen
Eucharistiefeier vom Wort Gottes und vom eucharistischen Brot nährt.
Wenn sich in der Eucharistie jene Fülle kultischer Verehrung
verwirklicht, die die Menschen Gott schulden und die sich mit keiner
anderen religiösen Erfahrung vergleichen lassen. Dies kommt besonders
wirkungsvoll in der sonntäglichen Zusammenkunft der ganzen Gemeinde
zum Ausdruck, die der Stimme des Auferstandenen folgt, der sie
zusammenruft, um ihr das Licht seines Wortes und die Nahrung seines Leibes
als ewige sakramentale Quelle der Erlösung zu schenken. Die Gnade,
die aus dieser Quelle entspringt, erneuert die Menschen, das Leben und die
Geschichte.
82. Und mit dieser festen Glaubensüberzeugung, begleitet vom Bewußtsein,
daß in der Feier des Sonntags auch ein Erbe menschlicher Werte
enthalten sind, müssen die heutigen Christen gegenüber
den Beanspruchungen einer Kultur auftreten, die zwar in wohltuender Weise
die Forderungen nach Erholung und Freizeit durchgesetzt hat, sie aber oft
auf sehr oberflächliche Weise lebt und sich zu Formen des Vergnügens
verleiten läßt, die moralisch umstritten sind. Gewiß fühlt
sich der Christ mit den anderen Menschen im Genießen des wöchentlichen
Ruhetages solidarisch; zugleich aber ist er sich der Neuheit und Ursprünglichkeit
des Sonntags lebhaft bewußt, des Tages, an dem er aufgerufen ist,
sein und das Heil der ganzen Menschheit zu feiern. Wenn es ein Tag der
Freude und der Erholung ist, dann deshalb, weil es der »Herrentag«,
der Tag des auferstandenen Herrn ist.
83. So verstanden und gelebt wird der Sonntag gleichsam zur Seele der
anderen Tage, und in diesem Sinn kann man die Feststellung des Origines
anführen, wonach der vollkommene Christ »sich immer am Tag des
Herrn befindet, immer den Sonntag feiert«. (131) Der Sonntag ist eine
echte Schule, eine ständige Anleitung kirchlicher Pädagogik.
Diese Pädagogik ist unersetzlich, besonders in der Situation der
heutigen Gesellschaft, welche immer stärker von Zersplitterung und
kulturellem Pluralismus gekennzeichnet ist, die ständig die Treue der
einzelnen Christen zu den besonderen Forderungen ihres Glaubens auf die
Probe stellen. In vielen Teilen der Welt zeichnet sich der Zustand eines »Diaspora«-Christentums
ab, das geprägt ist von einer Situation der Zerstreuung, in der es
den Jüngern Christi nicht mehr gelingt, die Kontakte untereinander
ohne Schwierigkeiten aufrechtzuerhalten, und die auch nicht mehr von
Strukturen und Traditionen, wie sie für die christliche Kultur
typisch sind, Hilfe erhalten. In diesem problematischen Umfeld ist die Möglichkeit,
sich am Sonntag mit den Glaubensbrüdern zusammenzufinden, um die
Gaben der Brüderlichkeit auszutauschen, eine unverzichtbare Hilfe.
84. Der Sonntag, der zur Unterstützung des christlichen Lebens
eingeführt wurde, gewinnt natürlich auch einen Zeugnis- und Verkündigungswert.
Als Tag des Gebetes, der Gemeinschaft und der Freude hat er durch die
Ausstrahlung von Lebenskräften und Motiven zur Hoffnung eine Wirkung
auf die Gesellschaft. Er ist die Botschaft, daß die Zeit, die vom
Auferstandenen und vom Herrn der Geschichte bewohnt wird, nicht der Sarg
unserer Illusionen, sondern die Wiege einer stets neuen Zukunft ist, die
Gelegenheit, die uns gegeben wird, um die flüchtigen Augenblicke
dieses Lebens in Samen der Ewigkeit umzuwandeln. Der Sonntag ist eine
Einladung, nach vorne zu schauen, der Sonntag ist der Tag, an dem die
christliche Gemeinde ihren Ruf »Marána tha: Unser
Herr, komm!« (1 Kor 16,22) an Christus richtet. In diesem Ruf
der Hoffnung und Erwartung wird sie zur Begleitung und Stütze der
Hoffnung der Menschen. Und von Christus erleuchtet geht sie, Sonntag für
Sonntag, dem Sonntag entgegen, der kein Ende kennt, dem Sonntag des
himmlischen Jerusalem, wenn die mystische Stadt Gottes in ihren
Grundrissen fertiggestellt sein wird, die »weder Sonne noch Mond
braucht, die ihr leuchten. Denn die Herrlichkeit Gottes erleuchtet sie,
und ihre Leuchte ist das Lamm« (Offb 21,23).
85. In dieser Zielstrebigkeit wird die Kirche vom Geist untertstützt
und beseelt. Er weckt wieder das Gedächtnis daran und aktualisiert für
jede Generation von Gläubigen das Auferstehungsereignis. Die innere
Hingabe vereint uns mit dem Auferstandenen und mit den Brüdern in der
Vertrautheit eines einzigen Leibes, der unseren Glauben stärkt und in
unser Herz die Liebe ausgießt, indem unsere Hoffnung wiederbelebt
wird. Der Geist ist ununterbrochen, an jedem Tag der Kirche, gegenwärtig;
unvorhersehbar und großzügig bricht er mit der Fülle
seiner Gaben herein, doch bei der sonntäglichen Zusammenkunft zur wöchentlichen
Feier des Pascha-Mysteriums läßt sich die Kirche besonders auf
das Hören des Geistes ein und öffnet sich zusammen mit ihm
Christus im brennenden Verlangen nach seiner herrlichen Wiederkehr: »Der
Geist und die Braut aber sagen: Komm!« (Offb 22,17). Gerade
in der Betrachtung der Rolle des Heiligen Geistes war es mein Wunsch, daß
diese Aufforderung zur Wiederentdeckung des Sinnes des Sonntags gerade in
diesem Jahr fallen sollte, das im Zuge der unmittelbaren Vorbereitung auf
das Jubiläumsjahr dem Heiligen Geist gewidmet ist.
86. Ich vertraue die rege Aufnahme dieses Apostolischen Briefes von
seiten der christlichen Gemeinschaft der Fürsprache der Heiligen
Jungfrau an. Sie ist, ohne die zentrale Stellung Christi und seines
Geistes im geringsten zu beeinträchtigen, an jedem Sonntag der Kirche
gegenwärtig. Das verlangt das Geheimnis Christi selbst: Denn, wie könnte
sie, die Mater Domini und die Mater Ecclesiae, an dem Tag,
der zugleich dies Domini und dies ecclesiae, Tag des Herrn
und Tag der Kirche, ist, nicht in besonderer Weise gegenwärtig sein?
Auf die Jungfrau Maria blicken die Gläubigen, die das bei der
Sonntagsmesse verkündete Wort hören, von ihr lernen sie, es in
ihrem Herzen zu bewahren und darüber nachzudenken (vgl. Lk
2,19). Mit Maria lernen sie, am Fuße des Kreuzes zu stehen, um dem
Vater das Opfer Christi darzubringen und damit die Hingabe des eigenen
Lebens zu verbinden. Mit Maria erleben sie die Freude der Auferstehung, während
sie sich die Worte des Magnificat zu eigen machen, die das unerschöpfliche
Geschenk der Barmherzigkeit Gottes in dem unerbittlichen Lauf der Zeit
besingen: »Er erbarmt sich von Geschlecht zu Geschlecht über
alle, die ihn fürchten« (Lk 1,50). Sonntag für
Sonntag begibt sich das pilgernde Volk in die Fußstapfen Marias, und
ihre mütterliche Fürsprache verleiht dem Gebet, das die Kirche
der Heiligsten Dreifaltigkeit richtet, am Sonntag besondere Intensität
und Wirksamkeit.
87. Liebe Brüder und Schwestern, das bevorstehende Jubiläumsjahr
lädt uns ein, unseren geistlichen und pastoralen Einsatz zu
vertiefen. Denn das ist sein eigentlicher Zweck. In dem Jahr, in dem es
gefeiert wird, werden es viele Initiativen auf charakteristische Weise prägen
und ihm den besonderen Stempel aufdrücken, der dem Ende des zweiten
und dem Beginn des dritten Jahrtausends seit der Menschwerdung des Wortes
Gottes zukommt. Aber dieses Jahr und diese besondere Zeit werden vorübergehen
in Erwartung anderer Jubeljahre und anderer feierlicher Jahrestage.
Der Sonntag mit seiner gewöhnlichen »Feierlichkeit« wird
weiterhin die Zeit der Pilgerschaft der Kirche unterteilen bis zu
dem Sonntag, der ohne Ende sein wird.
Ich fordere Euch daher auf, liebe Mitbrüder im Bischofs- und
Priesteramt, unermüdlich mit den Gläubigen dafür zu wirken,
daß der Wert dieses heiligen Tages immer besser anerkannt und gelebt
wird. Das wird für die christlichen Gemeinden Früchte tragen und
zweifellos wohltuenden Einfluß auf die Gesellschaft insgesamt ausüben.
Die Männer und Frauen des dritten Jahrtausends sollen bei der
Begegnung mit der Kirche, die jeden Sonntag voll Freude das Geheimnis
feiert, aus dem sie ihr ganzes Leben schöpft, dem auferstandenen
Christus selbst begegnen können. Und seine Jünger sollen durch
die ständige Erneuerung im wöchentlichen Gedächtnis des
Pascha-Mysteriums immer glaubwürdigere Verkünder des Evangeliums
vom Heil und rührige Baumeister der Zivilisation der Liebe sein.
Allen gilt mein Apostolischer Segen!
Aus dem Vatikan, am 31. Mai, dem Pfingstfest des Jahres 1998, dem
zwanzigsten Jahr meines Pontifikates.
INHALTSVERZEICHNIS
Einführung
Kapitel I DIES DOMINI
Die Feier des Schöpfungswerkes Gottes
»Alles ist durch das Wort geworden« (Joh 1,3)
»Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde« (Gen 1,1)
Der »Sabbat«: das frohe Ruhen des Schöpfers
»Gott segnete den siebten Tag und erklärte ihn für heilig«
(Gen 2,3)
»Gedenken«, um »heiligzuhalten«
Vom Sabbat zum Sonntag
Kapitel II DIES CHRISTI
Der Tag des auferstandenen Herrn und des Geschenkes des Geistes
Das wöchentliche Ostern
Der erste Tag der Woche
Zunehmende Unterscheidung vom Sabbat
Der Tag der Neuschöpfung
Der achte Tag, Bild der Ewigkeit
Der Tag Christi, des Lichtes
Der Tag der Gabe des Geistes
Der Tag des Glaubens
Ein unverzichtbarer Tag!
Kapitel III DIES ECCLESIAE
Die eucharistische Versammlung, das Herz des Sonntags
Die Gegenwart des Auferstandenen
Die eucharistische Versammlung
Die sonntägliche Eucharistiefeier
Der Tag der Kirche
Volk auf der Pilgerschaft
Tag der Hoffnung
Der Tisch des Gotteswortes
Der Tisch des Leibes Christi
Paschamahl und brüderliche Begegnung
Von der Messe zur »Sendung«
Das Sonntagsgebot
Eine freudenvolle und wohlklingende Feier
Eine einbindende und aktive Feier
Andere Aspekte des christlichen Sonntags
Versammlungen am Sonntag bei Abwesenheit des Priesters
Rundfunk- und Fernsehübertragungen
Kapitel IV DIES HOMINIS
Der Sonntag Tag der Freude, der Ruhe und der Solidarität
Die »Fülle der Freude« Christi
Der Erfüllung des Sabbat
Der Tag der Ruhe
Tag der Solidarität
Kapitel V DIES DIERUM Der Sonntag, der ursprüngliche Feiertag, der den Sinn der Zeit
offenbart
Christus Alpha und Omega der Zeit
Der Sonntag im Kirchenjahr
Schluss
(1) Vgl. Apg 1,10: »Kyriake heméra«;
vgl. auch Didaché 14, 1; Ignatius von Antiochien,
Brief an die Magnesier 9, 1-2: SC 10, 88-89.
(2) Pseudo Eusebius von Alexandrien, Sermo 16: PG 86,
416.
(3) In die dominica Paschae II, 52: CCL 78, 550.
(4) II. Vat. Konzil, Konstitution über die heilige Liturgie Sacrosanctum
Concilium, 106.
(5) Ebd.
(6) Vgl. Motu proprio Mysterii paschalis (14. Februar 1969):
AAS 61 (1969), 222-226.
(7) Vgl. Pastorale Erklärung der italienischen Bischofskonferenz »Der
Tag des Herrn« (15. Juli 1984), Ench. CEI 3, 1398.
(8) Konstitution über die heilige Liturgie Sacrosanctum
Concilium, 106.
(9) Predigt bei der Übernahme des Pontifikates (22. Oktober 1978),
5: AAS 70 (1978), 947.
(10) Nr. 25: AAS 73 (1981), 639.
(11) Pastoralkonstitution über die Kirche in der Welt von heuteGaudium
et spes, 34.
(12) Der Sabbat wird von unseren jüdischen Brüdern mit einer »bräutlichen«
Spiritualität erlebt, wie das zum Beispiel in Texten wie Genesis
Rabbah X, 9 und XI, 8 (vgl. Jacob Neusner, Genesis Rabbah,
vol. I, Atlanta 1985, 107 u. 117) deutlich wird. Einen bräutlichen
Ton weist auch der Gesang Leka dôdi auf: »Über
dich wird dein Gott glücklich sein, wie der Bräutigam glücklich
ist über seine Braut [...] o Braut, Königin Sabbat,
komme mitten unter die Gläubigen deines auserwählten Volkes«
(vgl. Preghiera serale del sabato, hrsg. von A. Toaff, Rom
1968-69, 3).
(13) Vgl. A. J. Heschel, The sabbath. Ist meaning for modern man
(22 ed. 1995), 3-24.
(14) »Verum autem sabbatum ipsum redemptorem nostrum Iesum
Christum Dominum habemus«: Ep 13,1: CCL 140 A, 992.
(15) Ep. ad Decentium XXV, 4, 7: PL 20, 555.
(16) Homiliae in Hexaemeron II,8: SC 26, 184.
(17) Vgl. In Io. ev. tractatus XX, 20, 2: CCL 36, 203;Epist.
55, 2: CSEL 34, 170-171.
(18) Besonders greifbar ist dieser Bezug zur Auferstehung in der
russischen Sprache, wo der Sonntag eben »Auferstehung« (voskresén'e)
heißt.
(19) Epist. 10, 96, 7.
(20) Vgl. ebd. Unter Bezugnahme auf den Brief des Plinius erwähnt
auch Tertullian die coetus antelucani in: Apologeticum 2,
6:CCL 1, 88; De corona 3, 3: CCL 2, 1043.
(21) Brief an die Magnesier 9,1-2: SC 10, 88-89.
(22) Sermo 8 in octava Paschalis, 4: PL 46, 841. Dieses
Wesensmerkmal des Sonntags als »erstem Tag« ist im lateinischen
liturgischen Kalender klar ersichtlich, wo der Montag feria secunda,
der Dienstag feria tertia usw. genannt wird. Eine ähnliche
Bezeichnung der Wochentage findet sich im Portugiesischen.
(23) Hl. Gregor von Nyssa, De castigatione: PG 46, 309. Auch in
der maronitischen Liturgie wird der Zusammenhang zwischen dem Sabbat und
dem Sonntag, vom »Geheimnis des Heiligen Samstag« an, betont
(vgl. M. Hayek, Maronite [Eglise], Dictionnaire de spiritualité,
X [1980], 632-644).
(24) Ritus der Kindertaufe, Nr. 9; vgl. Ritus der christlichen
Initiation Erwachsener, Nr. 59.
(25) Vgl. Missale Romanum, Ritus der sonntäglichen
Besprengung mit Weihwasser.
(26) Vgl. Hl. Basilius, Über den Heiligen Geist, 27, 66:
SC 17, 484-485. Vgl. auch Barnabas-Brief, 15, 8-9: SC
172, 186-189; Hl. Justinus, Dialog mit Tryphon, 24,138: PG
6, 528.793; Origenes, Psalmenkommentar, Psalm 118, 1: PG
12, 1588.
(27) »Domine, praestitisti nobis pacem quietis, pacem sabbati,
pacem sine vespera«: Confess., 13, 50: CCL 27,
272.
(28) Vgl. Hl. Augustinus, Epist. 55, 17: CSEL 34, 188: »Ita
ergo erit octavus, qui primus, ut prima vita sed aeterna reddatur«.
(29) So im englischen Sunday und im deutschen Sonntag.
(30) Apologia I, 67: PG 6, 430.
(31) Vgl. Hl. Maximus von Turin, Sermo 44, 1: CCL 23,
178; Ders. Sermo 53, 2: CCL 23, 219; Eusebios von Cäsarea,Comm.
in Ps 91: PG 23, 1169-1173.
(32) Siehe z. B. den Hymnus der Lesehore: »Dies aetasque
ceteris octava splendet sanctior in te quam, Iesu, consecras primitiae
surgentium« (1. Woche); und auch: »Salve dies, dierum
gloria dies felix Christi victoria, dies digna iugi laetitia dies prima.
Lux divina caecis irradiat, in qua Christus infernum spoliat, mortem
vincit et reconciliat summis ima« (2. Woche). Ähnliche Ausdrücke
finden sich in den Hymnen des Stundengebetes in den modernen Sprachen.
(33) Vgl. Clemens Alexandrinus, Stromateis, VI, 138; 1-2: PG
9, 364.
(34) Vgl. Johannes Paul II., Enzyklika Dominum et vivificantem
(18. Mai 1986), 22-26: AAS 78 (1986), 829-837.
(35) Hl. Athanasios von Alexandrien, Festbriefe 1, 10: PG
26, 1366.
(36) Vgl. Bardesanes, Dialog Über das Fatum, 46: PS,
2, 606-607.
(37) Konstitution über die heilige Liturgie Sacrosanctum
Concilium, Anhang: Erklärung zur Kalenderreform.
(38) Vgl. II. Vat. Konzil, Dogmatische Konstitution über die KircheLumen
gentium, 9.
(39) Vgl. Johannes Paul II., Schreiben zum Gründonnerstag Dominicae
Cenae (24. Februar 1980), 4: AAS 72 (1980), 120; EnzyklikaDominum
et vivificantem (18. Mai 1986), 62-64: AAS 78 (1986), 889-894.
(40) Vgl. Johannes Paul II., Apostol. Schreiben Vicesimus quintus
annus (4. Dezember 1988), 9: AAS 81(1989), 905-906.
(41) Nr. 2177.
(42) Vgl. Johannes Paul II., Apostol. Schreiben Vicesimus quintus
annus (4. Dezember 1988), 9: AAS 81 (1989), 905-906.
(43) II. Vat. Konzil, Konstitution über die heilige Liturgie Sacrosanctum
Concilium, 41: vgl. Dekret über die Hirtenaufgabe der BischöfeChristus
Dominus, 15.
(44) Diese sind die Worte des Embolismus, der mit diesen oder ähnlichen
Ausdrücken in verschiedenen Sprachen in einigen Eucharistischen
Hochgebeten formuliert wird. Dieser unterstreicht auf bezeichnende Weise
den »österlichen« Charakter des Sonntags.
(45) Vgl. Kongregation für die Glaubenslehre, Schreiben an die
Bischöfe der katholischen Kirche über einige Aspekte der Kirche
als CommunioCommunionis notio (28. Mai 1992), 11-14: AAS
85 (1993), 844-847.
(46) Rede an die dritte Gruppe der Bischöfe der Vereinigten Staaten
von Amerika (17. März 1998) Nr. 4: Osservatore Romano 18. März
1998, 4.
(47) Konstitution über die heilige Liturgie Sacrosanctum
Concilium, 42.
(48) Hl. Ritenkongregation, Instruktion über den Kult des
eucharistischen Mysteriums Eucharisticum mysterium (25. Mai 1967),
26:AAS 59 (1967), 555.
(49) Vgl. Hl. Cyprian, De Orat. Dom., 23: PL 4, 553;
Ders., De cath. Eccl. unitate, 7: CSEL 3-1, 215; II. Vat.
Konzil, Dogmat. Konstitution über die Kirche Lumen gentium,
4; Konstitution über die heilige Liturgie Sacrosanctum Concilium,
26.
(50) Vgl. Johannes Paul II., Apostol. Schreiben Familiaris consortio
(22. November 1981), 57; 61: AAS 74 (1982), 151; 154.
(51) Vgl. Hl. Kongregation für den Gottesdienst, Direktorium für
die Kindermessen (1. November 1973): AAS 66 (1974), 30-46.
(52) Vgl. Hl. Ritenkongregation, Instruktion über den Kult des
eucharistischen Geheimnisses Eucharisticum mysterium (25. Mai
1967), 26:AAS 59 (1967), 555-556; Hl. Kongregation für die
Bischöfe, Direktorium für den pastoralen Dienst der Bischöfe
Ecclesiae imago (22. Februar 1973), 86c: Enchiridion Vaticanum,
4, Nr. 2071.
(53) Vgl. Johannes Paul II., Nachsynodales Apostol. Schreiben Christifideles
laici (30. Dezember 1988), 30: AAS 81 (1989), 446-447.
(54) Vgl. Hl. Kongregation für den Gottesdienst, Instruktion Messen
für besondere Gruppen (15. Mai 1969), 10: AAS 61 (1969),
810.
(55) Vgl. II. Vat. Konzil, Dogmatische Konstitution über die KircheLumen
gentium, 48-51.
(56) »Haec est vita nostra, ut desiderando exerceamur«:
Hl. Augustinus, In prima Ioan. tract. 4,6: SC 75, 232.
(57) Missale Romanum, Embolismus nach dem Vaterunser.
(58) II. Vat. Konzil, Pastoralkonstitution Gaudium et spes, 1.
(59) II. Vat. Konzil, Dogmatische Konstitution über die KircheLumen
gentium, 1; vgl. Johannes Paul II., Enzyklika Dominum et
vivificantem (18. Mai 1986), 61-64: AAS 78 (1986), 888-894.
(60) II. Vat. Konzil, Konstitution über die heilige Liturgie Sacrosanctum
Concilium, 7; vgl. 33.
(61) Ebd., 56; vgl. Ordo Lectionum Missae, Praenotanda,
Nr. 10.
(62) Konstitution über die heilige Liturgie Sacrosanctum
Concilium, 51.
(63) Vgl. ebd.. 52; Codex des kanonischen Rechtes, can.
767 § 2; Codex des kanonischen Rechtes der orientalischen Kirchen,
can. 614.
(64) Apostol. Konstitution Missale Romanum (3. April 1969):
AAS 61 (1969), 220.
(65) In der Konzilskonstitution Sacrosanctum Concilium, Nr. 24,
ist von »suavis et vivus Sacrae Scripturae affectus« die
Rede.
(66) Johannes Paul II., Schreiben Dominicae Cenae (24. Februar
1980), 10: AAS 72 (1980), 135.
(67) Vgl. II. Vat. Konzil, Dogmatische Konstitution über die göttliche
Offenbarung Dei Verbum, 25.
(68) Vgl. Ordo Lectionum Missae, Praenotanda, Kap. III.
(69) Vgl. Ordo Lectionum Missae, Praenotanda, Kap. I, Nr. 6.
(70) Konzil von Trient, Sess. XXII, Lehre und Kanones über das
Meßopfer, II: DS, 1743; vgl. Katechismus der
Katholischen Kirche, 1366.
(71) Katechismus der Katholischen Kirche, 1368.
(72) Hl. Ritenkongregation, Instruktion über den Kult des
eucharistischen Geheimnisses Eucharisticum mysterium (25. Mai
1967), 3 b: AAS 59 (1967), 541. Vgl. Pius XII., Enzyklika
Mediator Dei (20. November 1947), II: AAS 39 (1947), 564-566.
(73) Vgl. Katechismus der Katholischen Kirche, 1385; vgl. auch
Kongregation für die Glaubenslehre, Schreiben an die Bischöfe
der katholischen Kirche über den Kommunionempfang von
wiederverheirateten geschiedenen Gläubigen (14. September 1994): AAS
86 (1994), 974-979.
(74) Vgl. Innozenz I., Epist. 25,1 an Decentius von Gubbio: PL
20, 553.
(75) II, 59, 2-3: ed. F.X. Funk, 1905, 170-171.
(76) Vgl. Apologia I, 67, 3-5: PG 6, 430.
(77) Acta SS. Saturnini, Dativi et aliorum plurimorum martyrum in
Africa, 7, 9, 10: PL 8, 707.709-710.
(78) Vgl. can. 21, Mansi, Conc. II, 9.
(79) Vgl. can. 47, Mansi, Conc. VIII, 332.
(80) Vgl. den von Innozenz XI. 1679 verurteilten gegenteiligen Satz bezüglich
der moralischen Verpflichtung zur Einhaltung der Feste: DS 2152.
(81) Can. 1248: »Festis de praecepto diebus Missa audienda est«;
can. 1247,1: »Dies festi sub praecepto in universa Ecclesia
sunt... omnes et singuli dies dominici«.
(82) Codex des kanonischen Rechtes, can. 1247; der Codex
des kanonischen Rechtes der orientalischen Kirchen, can. 881 § 1,
schreibt vor, daß »die Christgläubigen zur Pflicht
angehalten sind, an den Sonntagen und an den gebotenen Feiertagen an der Göttlichen
Liturgie teilzunehmen, oder, gemäß den Vorschriften oder der
rechtmäßigen Gewohnheit der eigenen Kirche sui iuris, an
der Feier der Göttlichen Laudes«.
(83) Nr. 2181: »Wer diese Pflicht absichtlich versäumt, begeht
eine schwere Sünde«.
(84) Hl. Kongregation für die Bischöfe, Direktorium für
den pastoralen Dienst der Bischöfe Ecclesiae imago (22.
Februar 1973), 86a: Enchiridion Vaticanum 4, 2069.
(85) Vgl. Codex des kanonischen Rechtes, can. 905 § 2.
(86) Vgl. Pius XII., Apostol. Konstitution Christus Dominus (6.
Januar 1953): AAS 45 (1953), 15-24; Motu proprio Sacram
Communionem (19. März 1957): AAS 49 (1957), 177-178.
Kongregation des Hl. Offiziums, Instruktion über die Einhaltung des
eucharistischen Fastens (6. Januar 1953): AAS 45 (1953), 47-51.
(87) Vgl. Codex des kanonischen Rechtes, can. 1248 § 1;Codex
des Kirchenrechtes der orientalischen Kirchen, can. 881 § 2.
(88) Vgl. Missale Romanum, Normae universales de Anno liturgico et
de Calendario, 3.
(89) Vgl. Hl. Kongregation für die Bischöfe, Direktorium für
den pastoralen Dienst der Bischöfe Ecclesiae imago (22.
Februar 1973), 86: Ench. Vat. 4, 2069-2073.
(90) Vgl. II. Vat. Konzil, Konstitution über die heilige LiturgieSacrosanctum
Concilium, 14. 26; Johannes Paul II., Apost. SchreibenVicesimus
quintus annus (4. Dezember 1998), 4.6.12: AAS 81 (1989),
900-901; 902; 909-910.
(91) Vgl. II. Vat. Konzil, Dogmatische Konstitution über die KircheLumen
gentium, 10.
(92) Vgl. Instruktion mehrerer Dikasterien zu einigen Fragen über
die Mitarbeit der Laien am Dienst der Priester Ecclesia de mysterio
(15. August 1997), 6.8: AAS 89 (1997), 869.870-872.
(93) II. Vat. Konzil, Dogmatische Konstitution über die KircheLumen
gentium, 10: »in oblationem Eucharistiae concurrunt«.
(94) Ebd., 11.
(95) Vgl. Codex des kanonischen Rechtes, can. 1248 § 2.
(96) Vgl. Hl. Kongregation für den Gottesdienst, Direktorium für
die Feier der Sonntagsmesse in Abwesenheit des Priesters Christi
Ecclesia (2. Juni 1988): Ench. Vat. 11, 442-468; Instruktion
mehrerer Dikasterien zu einigen Fragen über die Mitarbeit der Laien
am Dienst der PriesterEcclesia de mysterio (15. August 1997):
AAS 89 (1997), 852-877.
(97) Vgl. Codex des kanonischen Rechtes, can. 1248 § 2;
Kongregation für die Glaubenslehre, Schreiben Sacerdotium
ministeriale (6. August 1983), III: AAS 75 (1983), 1007.
(98) Vgl. Päpstliche Kommission für die Sozialen
Kommunikationsmittel, Instruktion Communio et progressio (23. Mai
1971), 150-152.157: AAS 63 (1971), 645-646.647.
(99) Proklamation durch den Diakon zu Ehren des Tages des Herrn: vgl.
den syrischen Text im Meßbuch nach dem Ritus der Kirche von
Antiochien der Maroniten (syrische und arabische Ausgabe), Jounieh
(Libanon) 1959, 38.
(100) V, 20, 11: ed. F.X. Funk, 1905, 298; vgl. Didaché
14, 1: ed. F.X. Funk, 1901, 32; Tertullian, Apologeticum 16, 11:
CCL 1, 116. Siehe insbesondere Barnabasbrief, 15,9: SC
172, 188-189. »Darum feiern wir den achten Tag, an dem Jesus von
den Toten auferstanden und, nachdem er sich gezeigt hatte, zum Himmel
aufgefahren ist, als ein Freudenfest«.
(101) Tertullian unterrichtet uns zum Beispiel darüber, daß
es an den Sonntagen das Niederknien untersagt war, weil diese Stellung,
die damals vor allem als Bußhaltung galt, am Tag der Freude
unangebracht erschien: vgl.De corona 3,4: CCL 2, 1043.
(102) Vgl. Ep. 55, 28: CSEL 342, 202.
(103) Vgl. Hl. Theresa vom Kinde Jesu und vom Heiligen Antlitz, Derniers
entretiens, 5-6 Juillet 1897, in: Oeuvres complètes,
Cerf-Desclée de Brouwer, Paris 1992, 1024-1025.
(104) Apostol. Schreiben Gaudete in Domino (9. Mai 1975), II:AAS
67 (1975), 295.
(105) Ebd., VII, a.a.O., 322.
(106) Hex. 6, 10, 76: CSEL 321, 261.
(107) Vgl. Erlaß Konstantins vom 3. Juli 321: Codex Theodosianus
II, tit. 8, 1, hrsg. Th. Mommsen, 12, 87; Codex Iustiniani, lib.
3, 12, 2, hrsg. P. Krueger, II, 248.
(108) Vgl. Eusebios von Cäsarea, Vita Constantini, 4, 18:PG
20, 1165.
(109) Das älteste kirchliche Dokument darüber ist can. 29 der
Synode von Laodikeia (2. Hälfte des 4. Jh.), Mansi, t. II, 569-570.
Zwischen dem 6. und 9. Jahrhundert verbaten viele Synoden die «opera
ruralia«. Die auch von den staatlichen Gesetzen vertretene
Gesetzgebung über die am Sonntag verbotenen Arbeiten wurde allmählich
detaillierter.
(110) Vgl. Enzyklika Rerum novarum (15. Mai 1891): Acta
Leonis XIII 11 (1891), 127-128.
(111) Hex. 2, 1, 1: CSEL 321,41.
(112) Vgl. Codex des kanonischen Rechtes, can. 1247; Codex
des Kirchenrechtes der Ostkirchen, can. 881 § 1.4.
(113) II. Vat. Konzil, Konstitution über die heilige Liturgie Sacrosanctum
Concilium, 9.
(114) Vgl. auch Hl. Justinus, Apologia I, 67,6: »Jene, die
reich und zum Spenden bereit sind, geben freiwillig ein jeder, was er
will; das gesammelte Geld wird dem übergeben, der den Vorsitz hat,
und er hilft den Waisen, den Witwen, den Kranken, den Notleidenden, den
Gefangenen, den auswärtigen Gästen, mit einem Wort, er hilft
allen, die Hilfe nötig haben«:PG 6, 430.
(115) De Nabuthae, 10, 45: »Audis, dives, quid Dominus Deus
dicat? Et tu ad ecclesiam venis, non ut aliquid largiaris pauperi, sed ut
auferas«: CSEL 322, 492.
(116) Homilie über das Matthäusevangelium, 50, 3-4:
PG 58, 508.509.
(117) Vgl. Hl. Paulinus von Nola, Brief 13, 11-12a an
Pammachius: CSEL 29, 92-93. Der römische Senator wird gerade
deswegen gelobt, weil er gleichsam das Wunder der Brotvermehrung des
Evangeliums wiederholt hätte, indem er an die eucharistische
Versammlung die Verteilung von Nahrung an die Armen folgen läßt.
(118) Johannes Paul II., Apostol. Schreiben Tertio millennio
adveniente (10. November 1994), 10: AAS 87 (1995), 11.
(119) Ebd.
(120) Vgl. Katechismus der Katholischen Kirche, 731-732.
(121) Konstitution über die heilige Liturgie Sacrosanctum
Concilium, 102.
(122) Ebd., 103.
(123) Ebd., 104.
(124) Carm. XVI, 3-4: »Omnia praetereunt, sanctorum gloria
durat in Christo qui cuncta novat, dum permanet ipse«: CSEL
30, 67.
(125) Vgl. Codex des kanonischen Rechtes, can. 1247; Codex
des Kirchenrechtes der orientalischen Kirchen, can. 881 §§
1.4.
(126) Nach allgemeinem Recht sind gebotene Feiertage in der lateinischen
Kirche das Fest der Geburt unseres Herrn Jesus Christus, der Erscheinung
des Herrn, der Himmelfahrt, des heiligsten Leibes und Blutes Christi, der
heiligen Gottesmutter Maria, ihrer Unbefleckten Empfängnis und ihrer
Aufnahme in den Himmel, das Fest des heiligen Josef, der heiligen Apostel
Petrus und Paulus und Allerheiligen: vgl. Codex des kanonischen
Rechtes, can. 1246. Allgemeine gebotene Feiertage in allen
orentalischen Kirchen sind jene der Geburt unseres Herrn Jesus Christus,
der Epiphanie, der Himmelfahrt, des Todes der Muttergottes, der heiligen
Apostel Petrus und Paulus: vgl. Codex des Kirchenrechtes der
orientalischen Kirchen, can. 880 § 3.
(127) Vgl. Codex des kanonischen Rechtes, can. 1246 § 2; für
die orientalischen Kirchen vgl. Codex des Kirchenrechtes der
Orientalischen Kirchen, can. 880 § 3.
(128) Vgl. Hl. Ritenkongregation, Normae universales de Anno
liturgico et de Calendario (21. März 1969), 5.7: Ench. Vat.
3, 895. 897.
(129) Vgl. Caeremoniale Episcoporum, ed. typica 1995, n. 230.
(130) Vgl. ebd. n. 233.
(131) Contra Celsum VIII, 22: SC 150, 222-224.
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