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APOSTOLISCHES SCHREIBEN
DIES DOMINI
SEINER HEILIGKEIT
PAPST JOHANNES PAUL II.
AN DIE BISCHÖFE, DEN KLERUS,
DIE ORDENSLEUTE
UND AN DIE GLÄUBIGEN
ÜBER DIE HEILIGUNG DES SONNTAGS
EINFÜHRUNG
Verehrte Brüder im Bischofs- und Priesteramt,
liebe Schwestern und Brüder!
1. Der Tag des Herrn — wie der Sonntag seit der apostolischen Zeit (1)
genannt wird — hat wegen seines engen Zusammenhanges mit dem eigentlichen
Kern des christlichen Mysteriums in der Kirchengeschichte stets in hoher
Achtung gestanden. Denn im Wochenrhythmus erinnert der Sonntag an den Tag
der Auferstehung Christi. Er ist das wöchentliche Ostern, an dem der
Sieg Christi über Sünde und Tod, die Vollendung der ersten Schöpfung in ihm
und der Anbruch der »neuen Schöpfung« (vgl. 2 Kor 5,17) gefeiert
wird. Er ist der Tag der anbetenden und dankbaren Beschwörung des ersten
Tages der Welt und zugleich in der eifrigen Hoffnung die Vorwegnahme des
»letzten Tages«, an dem Christus in Herrlichkeit wiederkommen (vgl. Apg
1,11; 1 Thess 4,13-17) und »alles neu machen« wird (vgl.
Offb 21,5).
Auf den Sonntag paßt daher gut der Freudenruf des Psalmisten: »Dies ist
der Tag, den der Herr gemacht hat; wir wollen jubeln und uns an ihm freuen«
(Ps 118, 24). Diese Einladung zur Freude, die sich die Osterliturgie
zu eigen macht, weist Anzeichen jenes Staunens auf, von dem die Frauen
ergriffen wurden, die bei der Kreuzigung Christi zugegen gewesen waren und,
als sie »am ersten Tag nach dem Sabbat in aller Frühe« (Mk 16,2) zum
Grab gekommen waren, dieses leer fanden. Es ist die Einladung, irgendwie die
Freude der Emmausjünger nachzuerleben, die spürten, wie ihnen »das Herz in
der Brust brannte«, als der Auferstandene sich unterwegs zu ihnen gesellte,
ihnen die Schrift erklärte und sich zu erkennen gab, »als er das Brot brach«
(vgl. Lk
24,32.35). Es ist das Echo der zuerst zögerlichen und dann überwältigenden
Freude, welche die Apostel am Abend jenes gleichen Tages empfanden, als der
auferstandene Jesus in ihre Mitte trat und sie das Geschenk seines Friedens
und seines Geistes empfingen (vgl. Joh 20,19-23).
2. Die Auferstehung Jesu ist das Ursprungsereignis, auf dem der
christliche Glaube beruht (vgl. 1 Kor 15,14): wunderbare
Wirklichkeit, die ganz im Lichte des Glaubens aufgenommen, die aber von
jenen, die den auferstandenen Herrn sehen durften, historisch bezeugt ist.
Sie ist ein wundervolles Ereignis, das sich nicht nur auf absolute Weise in
der Geschichte der Menschen auszeichnet, sondern im Zentrum des
Geheimnisses der Zeit steht. Denn Christus ist Herr »der Zeit und der
Ewigkeit«: daran erinnert uns in der eindrucksvollen Osternachtliturgie der
Ritus der Bereitung der Osterkerze. Dadurch, daß sie nicht nur einmal im
Jahr, sondern an jedem Sonntag des Auferstehungstages Christi gedenkt, will
die Kirche also jede Generation auf die tragende Achse der Geschichte
hinweisen, auf die sich das Geheimnis des Anfangs der Welt wie das ihrer
endgültigen Bestimmung zurückführen lassen.
Man kann daher mit Recht, wie es die Homilie eines Autors aus dem 4.
Jahrhundert tut, vom »Tag des Herrn« als dem »Herrn der Tage« sprechen.(2)
Alle, denen die Gnade, an den auferstandenen Herrn zu glauben, zuteil wurde,
können nicht umhin, die Bedeutung dieses Wochentages mit der lebhaften
Gefühlsregung zu erfassen, die den hl. Hieronymus zu den Worten veranlaßte:
»Der Sonntag ist der Tag der Auferstehung, er ist der Tag der Christen, er
ist unser Tag«.(3) Der Sonntag ist in der Tat für uns Christen der
»Ur-Feiertag«,(4) der nicht nur dazu bestimmt ist, der Abfolge der Zeit
einen festen Rhythmus zu geben, sondern ihren tiefen Sinn zu enthüllen.
3. Die in zweitausend Jahren Geschichte stets anerkannte grundlegende
Bedeutung des Sonntags wurde vom II. Vatikanischen Konzil nachdrücklich
unterstrichen: »Aus apostolischer Überlieferung, die ihren Ursprung auf den
Auferstehungstag Christi zurückführt, feiert die Kirche Christi das
Paschamysterium jeweils am achten Tage, der deshalb mit Recht Tag des Herrn
oder Sonntag genannt wird«.(5) Paul VI. hat diese Bedeutung aufs neue
hervorgehoben mit der Approbation des neuen römischen liturgischen Kalenders
und der allgemeinen Normen für die Ordnung des Kirchenjahres.(6 )Während das
Heranrücken des dritten Jahrtausends die Gläubigen dazu auffordert, im
Lichte Christi über den Gang der Geschichte nachzudenken, sind sie auch
eingeladen, mit neuer Kraft den Sinn des Sonntags wiederzuentdecken: sein
»Geheimnis«, den Wert seiner Feier, seine Bedeutung für das christliche und
menschliche Dasein.
Mit Genugtuung nehme ich Kenntnis von den vielfältigen lehramtlichen
Interventionen und pastoralen Initiativen in der Zeit nach dem Konzil,
welche Ihr, verehrte Mitbrüder im Bischofsamt, sowohl als einzelne wie
gemeinschaftlich — und mit Unterstützung von seiten Eures Klerus — zu diesem
Thema entfaltet habt. An der Schwelle des Großen Jubiläums des Jahres 2000
möchte ich Euch dieses Apostolische Schreiben anbieten, um Euer pastorales
Engagement in einem so lebenswichtigen Bereich zu unterstützen. Aber
zugleich möchte ich mich an Euch, liebe Gläubige, wenden und mich gleichsam
geistig in den einzelnen Gemeinden einfinden, wo Ihr Euch jeden Sonntag mit
Euren Hirten versammelt, um die Eucharistie und den »Tag des Herrn« zu
feiern. Viele der Überlegungen und Gefühle, die in diesem Schreiben lebendig
werden, sind während meines bischöflichen Dienstes in Krakau und dann, nach
der Übernahme des Amtes des Bischofs von Rom und Nachfolgers Petri, bei den
Besuchen der römischen Pfarreien, die ich regelmäßig an den Sonntagen der
verschiedenen Zeiten des Kirchenjahres durchführe, in mir herangereift. So
ist es mir, als würde ich in diesem Brief den lebendigen Dialog, den ich
gerne mit den Gläubigen halte, weiterführen, indem ich mit Euch über den
Sinn des Sonntags nachdenke und unterstreiche, warum er auch unter den neuen
Gegebenheiten unserer Zeit als wahrer »Tag des Herrn« gefeiert werden soll.
4. Es kann nämlich niemandem entgehen, daß bis vor kurzem die »Heiligung«
des Sonntags in den Ländern mit christlicher Tradition erleichtert wurde
durch eine breite Beteiligung der Bevölkerung und durch die Organisation der
zivilisierten Gesellschaft, die in den die verschiedenen Erwerbstätigkeiten
betreffenden gesetzlichen Bestimmungen die Sonntagsruhe als feststehend
vorsah. Heutzutage aber hat gerade in den Ländern, deren Gesetze den
Feiertagscharakter dieses Tages festschreiben, die Entwicklung der
sozio-ökonomischen Verhältnisse häufig zu tiefgreifenden Veränderungen des
kollektiven Verhaltens und infolge davon der Gestaltung des Sonntags
geführt. Es hat sich weithin die Praxis des »Wochenendes« durchgesetzt als
wöchentliche Zeit der Entspannung, die möglichst weitab vom ständigen
Wohnsitz verbracht werden soll und häufig gekennzeichnet ist durch die
Teilnahme an kulturellen, politischen oder sportlichen Aktivitäten, die im
allgemeinen eben auf die Feiertage fallen. Es handelt sich dabei um ein
gesellschaftliches und kulturelles Phänomen, das in dem Maße, in dem es mit
der Achtung echter Werte zur menschlichen Entwicklung und zum Fortschritt
des sozialen Lebens insgesamt beizutragen vermag, sicher nicht ohne positive
Elemente ist. Dieses entspricht nicht nur der Notwendigkeit, Ruhe zu finden,
sondern auch dem Bedürfnis »zu feiern«, was dem Menschen angeboren ist. Wenn
aber der Sonntag seinen ursprünglichen Sinn verliert und er auf ein reines
»Wochenende« reduziert wird, kann es geschehen, daß der Mensch nicht mehr
den »Himmel«(7) sehen kann, weil er in einem so engen Horizont eingesperrt
ist. So ist er unfähig, zu feiern, auch wenn er eine Festtagsgewandung
trägt.
Den Jüngern Christi ist jedenfalls aufgetragen, die Feier des Sonntags,
die eine echte Heiligung des Herrentages sein muß, nicht mit dem
»Wochenende« zu verwechseln, das grundsätzlich als Zeit der Ruhe und des
Vergnügens verstanden wird. In diesem Zusammenhang bedarf es dringend einer
authentischen geistlichen Reife, die den Christen hilft, in voller
Übereinstimmung mit der Gabe des Glaubens »sie selbst zu sein«, immer
bereit, Rechenschaft zu geben über die Hoffnung, die sie erfüllt (vgl. 1
Petr
3,15). Das muß auch ein tieferes Verständnis des Sonntags mit sich
bringen, um ihn auch in schwierigen Situationen in voller Fügsamkeit
gegenüber dem Heiligen Geist leben zu können.
5. Unter diesem Gesichtspunkt erscheint die heutige Lage ziemlich bunt.
Da gibt es einerseits das Beispiel einiger junger Kirchen, die beweisen, mit
wieviel Eifer sich sowohl in den Städten wie in den verstreutesten Dörfern
Menschen zur Feier des Sonntags motivieren lassen. Im Gegensatz dazu ist in
anderen Gegenden wegen der erwähnten soziologischen Schwierigkeiten und
vielleicht auch wegen fehlender starker Glaubensmotivationen ein
außergewöhnlich niedriger Prozentsatz bei der Anzahl der Besucher der
Sonntagsmesse festzustellen. Im Bewußtsein vieler Gläubigen scheint nicht
nur der Sinn für den zentralen Charakter der Eucharistie abzunehmen, sondern
sogar für die Pflicht, dem Herrn dankzusagen durch das gemeinsame Gebet mit
den anderen innerhalb der kirchlichen Gemeinde.
Zu alledem kommt noch hinzu, daß nicht nur in den Missionsländern,
sondern auch in den alten christlichen Ländern wegen des Priestermangels
mitunter die sonntägliche Eucharistiefeier nicht in jeder einzelnen Gemeinde
sichergestellt werden kann.
6. Angesichts dieses Szenariums neuer Situationen und daraus sich
ergebender Fragen erscheint es nötiger denn je, die tiefen
Lehrbegründungen zurückzugewinnen, die dem kirchlichen Gebot zugrunde
liegen, damit allen Gläubigen wirklich klar wird, daß der Sonntag im
christlichen Leben ein unverzichtbarer Wert ist. Wenn wir das tun, bewegen
wir uns auf den Spuren der immerwährenden Überlieferung der Kirche, an die
das II. Vatikanische Konzil kraftvoll erinnerte, wenn es lehrte, daß am
Sonntag »die Christgläubigen zusammenkommen [müssen], um das Wort Gottes zu
hören, an der Eucharistiefeier teilzunehmen und so des Leidens, der
Auferstehung und der Herrlichkeit des Herrn Jesus zu gedenken und Gott
dankzusagen, der sie wiedergeboren hat zu lebendiger Hoffnung durch die
Auferstehung Jesu Christi von den Toten (vgl. 1 Petr 1,3)«.(8)
7. In der Tat, man versteht die Pflicht, den Sonntag vor allem durch die
Teilnahme an der Eucharistiefeier und durch eine von christlicher Freude und
Brüderlichkeit erfüllter Ruhe zu heiligen, nur dann richtig, wenn man die
vielfältigen Dimensionen dieses Tages bedenkt, auf die wir in diesem
Schreiben hinweisen wollen.
Der Sonntag ist ein Tag, der das Herz des christlichen Lebens bildet.
Wenn ich seit dem Beginn meines Pontifikats nicht müde werde zu wiederholen:
»Habt keine Angst! Öffnet, ja reißt die Tore weit auf für Christus!«,(9) so
möchte ich heute alle eindringlich zur Wiederentdeckung des Sonntags
einladen: Habt keine Angst, Eure Zeit Christus zu geben! Ja, öffnen
wir unsere Zeit für Christus, damit er sie erleuchten und lenken kann. Er
kennt das Geheimnis der Zeit und das Geheimnis des Ewigen, und er übergibt
uns »seinen Tag« als ein immer neues Geschenk seiner Liebe. Die
Wiederentdeckung dieses Tages ist eine Gnade, die wir erflehen müssen, um
die eigenen Glaubensbedürfnisse voll zu leben, und auch um konkret Antwort
zu geben auf die tiefsten und wahren Sehnsüchte, die in jedem Menschen sind.
Die Christus geschenkte Zeit ist niemals verlorene Zeit, sondern eine
gewonnene Zeit für die tiefe Vermenschlichung unserer Beziehungen und
unseres Lebens.
ERSTES KAPITEL
DIES DOMINI
Die Feier des Schöpfungswerkes Gottes
»Alles ist durch das Wort geworden« (Joh
1,3)
8. In der christlichen Erfahrung ist der Sonntag vor allem ein
österliches Fest, das völlig von der Herrlichkeit des auferstandenen
Christus erleuchtet wird. Er ist die Feier der »neuen Schöpfung«. Aber
scheinbar ist gerade diese Wesensart des Sonntags, wenn sie in ihrer ganzen
Tiefe verstanden wird, nicht von der Botschaft zu trennen, die uns die
Schrift bereits auf ihren ersten Seiten über den Plan Gottes in der
Schöpfung der Welt bietet. Denn wenn es wahr ist, daß das Wort Fleisch
geworden ist, »als die Zeit erfüllt war« (Gal
4,4), so ist es ebenso wahr, daß es kraft seines Geheimnisses als ewiger
Sohn des Vaters Ursprung und Ende des Universums ist. Das macht Johannes im
Prolog seines Evangeliums geltend: »Alles ist durch das Wort geworden, und
ohne das Wort wurde nichts, was geworden ist« (1,3). Das unterstreicht
gleichermaßen auch Paulus, wenn er an die Kolosser schreibt: »Denn in ihm
wurde alles erschaffen im Himmel und auf Erden, das Sichtbare und das
Unsichtbare [...]; alles ist durch ihn und auf ihn hin geschaffen« (1,16).
Diese aktive Gegenwart des Sohnes im Schöpfungswerk Gottes ist voll offenbar
geworden im Ostergeheimnis, in dem Christus dadurch, daß er »als Erster der
Entschlafenen« (1 Kor 15,20) von den Toten auferstand, die neue
Schöpfung begonnen und den Prozeß eingeleitet hat, den er selber vollenden
wird im Augenblick seiner Wiederkunft in Herrlichkeit, »wenn er seine
Herrschaft Gott, dem Vater, übergibt [...], damit Gott herrscht über alles
und in allem« (1 Kor 15,24.28).
Schon am Morgen der Schöpfung schloß also Gottes Plan diese »kosmische
Sendung« Christi ein. Diese christozentrische Perspektive
bezieht sich auf die gesamte Zeitspanne und war in Gottes wohlgefälligem
Blick gegeben, als er nach Vollendung seines Werkes »den siebten Tag segnete
und ihn für heilig erklärte« (Gen 2,3). Damals entstand — nach dem
von einem Priester verfaßten ersten biblischen Schöpfungsbericht — der
»Sabbat«, der den ersten Bund so stark prägte und so etwas wie die
Vorankündigung des heiligen Tages des neuen und endgültigen Bundes ist. Das
Thema vom »Ruhen Gottes« (vgl. Gen 2,2) und von der Ruhe, die dem
Volk nach seinem Auszug aus Ägypten beim Betreten des verheißenen Landes von
ihm gewährt wurde (vgl. Ex 33,14; Dtn 3,20; 12,9; Jos
21,44; Ps 95,11), wird im Neuen Testament in einem neuen Licht, dem
Licht der endgültigen »Sabbatruhe« (Hebr
4,9) wiedergelesen, in die Christus selber durch seine Auferstehung
eingetreten ist und in die einzutreten das Volk Gottes berufen ist, wenn es
den Spuren seines kindlichen Gehorsams folgt (vgl. Hebr
4,3-16). Deshalb müssen wir zur Einführung in das volle Verständnis des
Sonntags den großartigen Abschnitt über die Schöpfung wiederlesen und die
Theologie vom »Sabbat« vertiefen.
»Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde« (Gen 1,1)
9. Der poetische Stil des Genesisberichtes spiegelt das Staunen des
Menschen angesichts der Unermeßlichkeit der Schöpfung und das Gefühl der
Verehrung wider, die er für den empfindet, der aus dem Nichts alles
hervorgebracht hat. Es handelt sich um einen Abschnitt von intensiver
religiöser Bedeutung, um ein Loblied auf den Schöpfer des Universums, der
gegenüber den immer wiederkehrenden Versuchungen, die Welt selbst zu
vergöttlichen, als der einzige Herr ausgewiesen wird, und zugleich um ein
Loblied auf die Güte der ganz von der mächtigen und barmherzigen Hand Gottes
gestalteten Schöpfung.
»Gott sah, daß es gut war« (Gen 1,10.12 usw.). Dieser Refrain, der
den Bericht im einzelnen unterteilt, wirft ein positives Licht auf jedes
Element des Universums, während er gleichzeitig das Geheimnis für sein
entsprechendes Verständnis und für seine mögliche Erneuerung erahnen läßt:
Die Welt ist in dem Maße gut, in dem sie in ihrem Ursprung verankert bleibt,
und sie wird nach ihrer Entstellung durch die Sünde wieder gut, in dem sie
mit Hilfe der Gnade zu dem zurückkehrt, der sie geschaffen hat. Diese
Dialektik betrifft offensichtlich nicht unmittelbar die unbelebten Dinge und
die Tiere, sondern die Menschen, denen das unvergleichliche Geschenk der
Freiheit gewährt worden ist, das aber auch Gefahr in sich birgt. Gleich im
Anschluß an die Schöpfungsberichte hebt die Bibel diesen dramatischen
Gegensatz zwischen der Größe des nach dem Abbild und Gleichnis Gottes
geschaffenen Menschen und seinem Fall hervor, der in der Welt das düstere
Szenarium der Sünde und des Todes eröffnet (vgl. Gen 3).
10. Der Kosmos weist, da er aus Gottes Händen hervorgegangen ist, dessen
Gütesiegel auf. Es ist eine schöne Welt, würdig, bewundert und genossen,
aber auch, gepflegt und weiterentwickelt zu werden. Die Fertigstellung des
Werkes Gottes eröffnet die Welt der Tätigkeit des Menschen. »Am siebten
Tag vollendete Gott das Werk, das er geschaffen hatte« (Gen 2,2).
Durch diese anthropomorphe Ausdrucksweise vom »Schaffen« Gottes gibt uns die
Bibel nicht nur einen Schimmer von dem geheimnisvollen Verhältnis zwischen
dem Schöpfer und der geschaffenen Welt, sondern sie wirft auch ein Licht auf
die Aufgabe des Menschen gegenüber der Welt. Das »Schaffen« Gottes ist
beispielhaft für den Menschen. Denn dieser ist ja nicht nur dazu berufen,
die Erde zu bewohnen, sondern auch die Welt »aufzubauen«, wodurch er zum
»Mitarbeiter« Gottes wird. Die ersten Kapitel der Genesis stellen, wie ich
in der EnzyklikaLaborem exercens
geschrieben habe, in gewissem Sinne das erste »Evangelium der Arbeit«
dar.(10) Das ist eine Wahrheit, die auch vom II. Vatikanischen Konzil
unterstrichen wird: »Der nach Gottes Bild geschaffene Mensch hat ja den
Auftrag erhalten, sich die Erde mit allem, was zu ihr gehört, zu
unterwerfen, die Welt in Gerechtigkeit und Heiligkeit zu regieren und durch
die Anerkennung Gottes als des Schöpfers aller Dinge sich selbst und die
Gesamtheit der Wirklichkeit auf Gott hinzuordnen, so daß alles dem Menschen
unterworfen und Gottes Name wunderbar sei auf der ganzen Erde«.(11)
Die erhebende Geschichte der Entwicklung von Wissenschaft, Technik und
Kultur in ihren verschiedenen Ausdrucksformen — eine immer raschere und
heute geradezu schwindelerregende Entwicklung — ist in der Geschichte der
Welt die Frucht des Auftrags, mit dem Gott dem Mann und der Frau die Aufgabe
und Verantwortung übertragen hat, die Erde zu erfüllen und sie durch Arbeit
unter Einhaltung seines Gesetzes zu unterwerfen.
Der »Sabbat«: das frohe Ruhen des Schöpfers
11. Wenn auf der ersten Seite der Genesis das »Schaffen« Gottes Vorbild
für den Menschen ist, so gilt das ebenso von seinem »Ruhen«: »Und er ruhte
am siebten Tag« (Gen 2,2). Auch hier stehen wir vor einem
Anthropomorphismus, der eine fruchtbare Botschaft enthält.
Das »Ruhen« Gottes darf nämlich nicht auf banale Weise als eine Art
»Untätigkeit« Gottes ausgelegt werden. Der Schöpfungsakt, der am Anfang der
Welt steht, ist tatsächlich von Natur aus immerwährend; Gott hört nicht auf
zu handeln, wie Jesus selber gerade in bezug auf das Gebot der Sabbatruhe
erinnert: »Mein Vater ist noch immer am Werk, und auch ich bin am Werk« (Joh
5,17). Die göttliche Ruhe des siebten Tages spielt nicht auf einen untätigen
Gott an, sondern unterstreicht die Fülle der vollendeten Ausführung und
drückt gleichsam das Innehalten Gottes vor dem »sehr guten« Werk seiner
Hände aus (Gen 1,31), um einen Blick voll freudiger Genugtuung
darauf zu werfen: einen Blick also, der »kontemplativer« Natur ist, dem es
nicht mehr um neue Realisierungen geht, sondern vielmehr um die Freude über
die Schönheit des Vollbrachten; ein Blick, der allen Dingen gilt, in
besonderer Weise aber dem Menschen als dem Höhepunkt der Schöpfung. Es ist
ein Blick, in dem man irgendwie bereits die »bräutliche« Dynamik der
Beziehung ahnen kann, die Gott zu dem nach seinem Bild geschaffenen Geschöpf
herstellen will, indem er es dazu beruft, sich auf ein Liebesbündnis
einzulassen. Er wird das im Ausblick auf die der ganzen Menschheit
angebotene Rettung schrittweise verwirklichen durch den mit Israel
geschlossenen Heilsbund, der dann in Christus seinen Höhepunkt erreicht:
Denn das fleischgewordene Wort wird — durch die endzeitliche Gabe des
Heiligen Geistes und die Errichtung der Kirche als seinen Leib und seine
Braut — das Angebot der Barmherzigkeit und Liebe des Vaters auf die ganze
Menschheit ausweiten.
12. Im Plan des Schöpfers gibt es eine Unterscheidung, aber auch einen
engen Zusammenhang zwischen Schöpfungsordnung und Heilsordnung. Das
unterstreicht schon das Alte Testament, wenn es das »Sabbat«-Gebot
nicht nur mit dem geheimnisvollen »Ruhen« Gottes nach den Tagen des
schöpferischen Schaffens (vgl. Ex 20,8-11), sondern auch mit der
Rettung in Beziehung setzt, die Israel in der Befreiung aus der
Knechtschaft Ägyptens (vgl. Dtn 5,12-15) von Gott gewährt wurde.
Der Gott, der am siebten Tag ruht und sich seiner Schöpfung erfreut, ist
derselbe, der durch die Befreiung seiner Söhne und Töchter aus der
Zwangsherrschaft des Pharaos seine Herrlichkeit erweist. Im einen wie im
anderen Fall könnte man nach einem bei den Propheten beliebten Bild sagen,
er offenbarte sich wie der Bräutigam gegenüber der Braut (vgl.Hos
2,16-24; Jer 2,2; Jes
54,4-8).
Um nämlich an den Kern des »Sabbat«, des »Ruhens« Gottes, heranzukommen,
wie es einige Elemente gerade der jüdischen Überlieferung nahelegen,(12)
gilt es, die bräutliche Intensität zu erfassen, die vom Alten bis zum Neuen
Testament die Beziehung Gottes zu seinem Volk kennzeichnet. So zum Beispiel
drückt es jene wunderbare Stelle bei Hosea aus: »Ich schließe für Israel an
jenem Tag einen Bund mit den Tieren des Feldes und den Vögeln des Himmels
und mit allem, was auf dem Erdboden kriecht. Ich zerbreche Bogen und
Schwert, es gibt keinen Krieg mehr im Land, ich lasse sie Ruhe und
Sicherheit finden. Ich traue dich mir an auf ewig; ich traue dich mir an um
den Brautpreis von Gerechtigkeit und Recht, von Liebe und Erbarmen, ich
traue dich mir an um den Brautpreis meiner Treue: Dann wirst du den Herrn
erkennen« (2,20-22).
»Gott segnete den siebten Tag und erklärte ihn für heilig«
(Gen 2,3)
13. Das Sabbatgebot, das im ersten Bund den Sonntag des neuen und ewigen
Bundes vorbereitet, hat also im Plan Gottes seine tiefsten Wurzeln. Deshalb
steht es nicht neben rein kultischen Verordnungen, wie das bei vielen
anderen Vorschriften der Fall ist, sondern im Dekalog, in den »Zehn
Geboten«, die die eigentlichen Stützpfeiler des sittlichen Lebens erkennen
lassen, das dem Menschen allgemein ins Herz geschrieben ist. Damit, daß sie
dieses Gebot vor dem Hintergrund der ethischen Grundstrukturen begreifen,
machen Israel und später die Kirche deutlich, daß sie es nicht als eine
bloße Vorschrift zu religiöser Gemeinschaftsdisziplin betrachten, sondern
alseinen bedeutsamen und unverzichtbaren Ausdruck der Beziehung zu Gott,
wie sie von der biblischen Offenbarung verkündet und vorgeschrieben wird.
Aus dieser Perspektive muß dieses Gebot auch heute von den Christen
wiederentdeckt werden. Wenn es auch eine natürliche Übereinstimmung mit dem
menschlichen Bedürfnis nach Ruhe einschließt, so hängt es doch vom Glauben
ab, den tiefen Sinn dieses Gebotes zu erfassen und nicht Gefahr zu laufen,
es zu banalisieren oder zu verraten.
14. Der Tag der Ruhe ist der Sabbat also vor allem deshalb, weil er der
von Gott »gesegnete« und »geheiligte« Tag ist, das heißt, getrennt von den
anderen Tagen, um unter allen der Tag des Herrn zu sein.
Um den Sinn dieser »Heiligung« des Sabbat im ersten Schöpfungsbericht
voll zu verstehen, muß man sich den gesamten Text ansehen, aus dem mit aller
Klarheit hervorgeht, daß jede Wirklichkeit ohne Ausnahme auf Gott
zurückzuführen ist. Er ist Herr über Zeit und Raum. Er ist nicht der Gott
nur eines Tages, sondern der Gott aller Tage des Menschen.
Wenn er also den siebten Tag durch einen besonderen Segen »für heilig
erklärt« und ihn zu »seinem Tag« schlechthin macht, muß das in der
tiefgründigen Dynamik des Dialogs des Bundes, ja des »bräutlichen« Dialogs
verstanden werden. Es ist ein Dialog der Liebe, der keine Unterbrechungen
kennt und trotzdem nicht eintönig ist: Denn er entfaltet sich unter
Verwendung der verschiedenen Tonalitäten der Liebe, von den gewöhnlichen und
indirekten bis hin zu den stärksten Äußerungen, die mit Bildern aus der
Erfahrung der hochzeitlichen Liebe zu beschreiben sich die Worte der Schrift
und dann die Zeugnisse vieler Mystiker nicht scheuen.
15. Wahrhaftig müssen sowohl das ganze Leben, wie auch die ganze Zeit des
Menschen als Lob und Dank gegenüber dem Schöpfer gelebt werden. Aber die
Beziehung des Menschen zu Gott braucht auch Zeiten des ausdrücklichen
Gebetes, wo die Beziehung zum intensiven Dialog wird, der jede Dimension
der Person miteinschließt. Der »Tag des Herrn« ist schlechthin der Tag
dieser Beziehung, an dem der Mensch seinen Gesang zu Gott erhebt und so zur
Stimme der gesamten Schöpfung wird.
Deshalb ist er auch der Tag der Ruhe: Die Unterbrechung des
oftbelastenden Arbeitsrhythmus bringt durch die plastische Sprache der
»Neuheit« und der »Loslösung« die Anerkennung der eigenen und der
Abhängigkeit des Kosmos von Gott zum Ausdruck. Alles kommt von Gott!
Der Tag des Herrn macht diesen Grundsatz ständig geltend. Der »Sabbat« ist
daher auf beeindruckende Weise als ein bezeichnendes Element jener Art
»heiliger Architektur« der Zeit gedeutet worden, die die biblische
Offenbarung charakterisiert.(13) Er erinnert daran, daß
Zeit und Geschichte in Gottes Händen liegen und sich der Mensch seinem
Wirken als Mitarbeiter des Schöpfers in der Welt nicht hingeben kann, ohne
sich ständig dieser Wahrheit bewußt zu sein.
»Gedenken«, um »heiligzuhalten«
16. Das Gebot aus dem Dekalog, mit dem Gott das Einhalten des Sabbats
auferlegt, hat im Buch Exodus eine charakteristische Formulierung gefunden:
»Gedenke des Sabbats: Halte ihn heilig!« (20,8). Und einige Verse später
gibt der inspirierte Text die Begründung dafür, indem er an das Werk Gottes
erinnert: »Denn in sechs Tagen hat der Herr Himmel, Erde und Meer gemacht
und alles, was dazugehört; am siebten Tag ruhte er. Darum hat der Herr den
Sabbattag gesegnet und ihn für heilig erklärt« (V. 11). Bevor das Gebot
etwas zu tun vorschreibt, weist es auf etwas hin, dessen es zu gedenken
gilt. Es lädt dazu ein, das Gedächtnis jenes großartigen und fundamentalen
Gotteswerkes, das die Schöpfung ist, wieder wachzurufen. Dieses Gedächtnis
soll das gesamte religiöse Leben des Menschen beseelen, um dann einzumünden
in den Tag, an dem der Mensch zum Ruhen angehalten ist. Die Ruhe
nimmt so eine typische religiöse Wertigkeit an: Der Gläubige wird
eingeladen, nicht nur zu ruhen, wie Gott geruht hat, sondern im
Herrn zu ruhen, während er ihm in Lobpreis und Danksagung, in kindlicher
Innigkeit und bräutlicher Freundschaft die ganze Schöpfung zurückgibt.
17. Das Thema des »Gedächtnisses« der von Gott vollbrachten Wunderwerke
im Zusammenhang mit der Sabbatruhe ergibt sich auch aus dem Text des
Deuteronomium (5,12-15), wo die Grundlage des Gebotes nicht so sehr im
Schöpfungswerk als in der von Gott vollbrachten Befreiung im Auszug aus
Ägypten gesehen wird: »Denk daran: Als du in Ägypten Sklave warst, hat dich
der Herr, dein Gott, mit starker Hand und hoch erhobenem Arm dort
herausgeführt. Darum hat es dir der Herr, dein Gott, zur Pflicht gemacht,
den Sabbat zu halten« (Dtn 5,15).
Diese Formulierung erscheint wie eine Ergänzung der vorhergehenden:
Zusammen gesehen, enthüllen sie den Sinn des »Tages des Herrn« innerhalb
einer einheitlichen theologischen Sicht der Schöpfung und des Heils. Inhalt
des Gebotes ist daher nicht in erster Linie eine, wie auch immer geartete,
Unterbrechung der Arbeit, sondern die feierliche Begehung der von
Gott vollbrachten Wunderwerke.
In dem Maße, wie dieses von Dankbarkeit und Lob gegenüber Gott
erfüllte »Gedächtnis« lebendig ist, gelangt die Ruhe des Menschen am Tag
des Herrn zu ihrer vollen Bedeutung. Durch sie tritt der Mensch in die
Dimension der »Ruhe« Gottes ein und hat intensiv an ihr teil; auf diese
Weise wird er dazu fähig, sich von einem Taumel jener Freude packen zu
lassen, wie der Schöpfer selber sie nach der Schöpfung empfunden hat, als er
sah, daß alles, was er gemacht hatte »sehr gut war« (Gen 1,31).
Vom Sabbat zum Sonntag
18. Wegen dieser wesentlichen Abhängigkeit des dritten Gebotes vom
Gedächtnis der Heilswerke Gottes haben die Christen, als sie die
Eigentümlichkeit der von Christus eröffneten neuen und endgültigen Zeit
wahrnahmen, den ersten Tag nach dem Sabbat zum Feiertag bestimmt, weil an
diesem Tag die Auferstehung des Herrn stattgefunden hatte. Das
Ostermysterium Christi stellt in der Tat die volle Enthüllung des
Geheimnisses des Anfangs, den Höhepunkt der Heilsgeschichte und die
Vorwegnahme der endzeitlichen Vollendung der Welt dar. Was Gott in der
Schöpfung geschaffen und was er für sein Volk im Exodus vollbracht hat, ist
im Tod und in der Auferstehung Christi zur Vollendung gekommen, auch wenn
sein endgültiger Ausdruck erst in der Parusie, mit der Wiederkunft Christi
in Herrlichkeit, offenbar werden wird. In ihm verwirklicht sich voll der
geistliche Sinn des Sabbats, wie der heilige Gregor der Große
unterstreicht: »Wir betrachten als den wahren Sabbat unseren Erlöser, den
Herrn Jesus Christus«.(14) Darum findet die Freude, mit der Gott die aus dem
Nichts vollzogene Schöpfung am ersten Sabbat der Menschheit betrachtet, dann
in der Freude Ausdruck, mit der Christus am Ostersonntag den Seinen
erschienen ist, um ihnen das Geschenk des Friedens und des Geistes zu
bringen (vgl. Joh
20,19-23). Tatsächlich hat im Ostergeheimnis der Mensch und mit ihm die
gesamte Schöpfung die »bis zum heutigen Tag seufzt und in Wehen liegt« (Röm
8,22), ihren neuen »Exodus« zur Freiheit der Kinder Gottes erlebt, die mit
Christus rufen dürfen: »Abba, Vater« (Röm 8,15; Gal 4,6). Im
Lichte dieses Geheimnisses wird der Sinn des alttestamentlichen Gebotes über
den Tag des Herrn wiedergewonnen, bereichert und völlig aufgedeckt in der
Herrlichkeit, die im Antlitz des auferstandenen Christus aufscheint (vgl.
2 Kor 4,6). Vom »Sabbat« geht man über zum »ersten Tag nach dem Sabbat«,
vom siebten Tag auf den ersten Tag: der
dies Domini wird zum dies Christi!
ZWEITES KAPITEL
DIES CHRISTI
Der Tag des auferstandenen Herrn
und des Geschenkes des Geistes
Das wöchentliche Ostern
19. »Auf Grund der verehrungswürdigen Auferstehung unseres Herrn Jesus
Christus feiern wir den Sonntag nicht nur an Ostern, sondern auch in jedem
Wochenzyklus«: so schrieb am Anfang des 5. Jahrhunderts Papst Innozenz
I.(15) und bezeugte damit eine nunmehr gefestigte Gepflogenheit, die sich
bereits in den ersten Jahren nach der Auferstehung des Herrn herausgebildet
hatte. Der hl. Basilius spricht von dem »durch die Auferstehung des Herrn
geehrten heiligen Sonntag, dem ersten aller Tage«.(16) Der hl. Augustinus
nennt den Sonntag »Ostersakrament«.(17)
Diese enge Verbindung des Sonntags mit der Auferstehung des Herrn wird
von allen Kirchen, im Westen wie im Osten, nachdrücklich betont. Besonders
in der Tradition der Ostkirchen wird jeder Sonntag als anastàsimos hemèra,
Auferstehungstag,(18) begangen und ist auf Grund dieses seines Charakters
der Mittelpunkt des ganzen Kultes.
Im Lichte dieser ununterbrochenen und weltweiten Überlieferung ist klar
zu erkennen, daß man den Tag des Herrn, so sehr er, wie gesagt, im
Schöpfungswerk selber und unmittelbarer, im Geheimnis der biblischen »Ruhe«
Gottes wurzelt, dennoch in besonderer Weise auf die Auferstehung Christi
beziehen muß, um seine volle Bedeutung zu begreifen. Das geschieht am
christlichen Sonntag, der jede Woche den Gläubigen das Ostergeschehen, aus
dem das Heil der Welt entspringt, wieder zur Betrachtung und zum Leben
anbietet.
20. Nach dem einvernehmlichen Zeugnis der Evangelien geschah die
Auferstehung Jesu Christi von den Toten am »ersten Tag nach dem Sabbat« (Mk
16,2.9; Lk 24,1; Joh 20,1). An demselben Tag zeigte sich der
Auferstandene den zwei Emmausjüngern (vgl. Lk 24,13-35) und erschien
den versammelten elf Aposteln (vgl. Lk 24,36; Joh 20,19). Acht
Tage danach — so bezeugt das Johannesevangelium (vgl. 20,26) — hatten sich
die Jünger wieder versammelt, als ihnen Jesus erschien und sich dem Thomas
zu erkennen gab, indem er ihm seine Wundmale zeigte. Auch der Pfingsttag war
ein Sonntag, der erste Tag der achten Woche nach dem jüdischen Paschafest
(vgl. Apg 2,1), als sich mit der Ausgießung des Heiligen Geistes die
Verheißung erfüllte, die Jesus nach der Auferstehung den Aposteln gemacht
hatte (vgl. Lk 24,49; Apg
1,45). Das war der Tag der ersten Verkündigung und der ersten Taufen:
Petrus verkündete der versammelten Menge, daß Christus auferstanden war, und
»die, die sein Wort annahmen, ließen sich taufen« (Apg 2,41). Dies
war die Epiphanie der Kirche, die als Volk offenbar wurde, in dem die
verstreuten Kinder Gottes ungeachtet aller Verschiedenheiten in Einheit
zusammenströmen.
Der erste Tag der Woche
21. Auf dieser Grundlage begann schon zur Zeit der Apostel »der erste Tag
nach dem Sabbat«, der erste Tag der Woche, den Rhythmus des Lebens der
Jünger Christi zu bestimmen (vgl. 1 Kor 16,2). Am »ersten Tag nach
dem Sabbat« versammelten sich auch die Gläubigen von Troas, »um das Brot zu
brechen«, als Paulus seine Abschiedspredigt an sie richtete und ein Wunder
vollbrachte, um einen eben verstorbenen jungen Mann, Eutychius, ins Leben
zurückzuholen (vgl.
Apg 20,7-12). Die Offenbarung des Johannes bezeugt die Gewohnheit,
diesem ersten Tag der Woche den Namen »Tag des Herrn« zu geben (1,10). Von
da an wird das eines der Wesensmerkmale sein, welche die Christen von ihrer
Umwelt unterscheiden. Das schrieb schon zu Beginn des zweiten Jahrhunderts
der Statthalter von Bithynien, Plinius der Jüngere, der die Gewohnheit der
Christen festhielt, »sich an einem festen Tag vor Sonnenaufgang zu
versammeln und miteinander einen Lobgesang auf Christus als einen Gott zu
singen«.(19) Und in der Tat, wenn die Christen »Tag des Herrn« sagten,
verliehen sie diesem Begriff die Sinnfülle, die sich aus der Osterbotschaft
herleitet: »Jesus Christus ist der Herr« (Phil 2,11; vgl. Apg
2,36;
1 Kor 12,3). Damit wurde Christus derselbe Titel zuerkannt, mit dem
die Septuaginta in der Offenbarung des Alten Testamentes den Namen Gottes,
JHWH, übersetzte, den auszusprechen verboten war.
22. In dieser Frühzeit der Kirche war der Wochenrhythmus der Tage in den
Gegenden, wo sich das Evangelium ausbreitete, nicht allgemein bekannt, und
die Festtage des römischen und griechischen Kalenders fielen nicht mit dem
christlichen Sonntag zusammen. Das brachte für die Christen nicht geringe
Schwierigkeiten mit sich, wenn sie den Tag des Herrn mit der für ihn
typischen Festlegung auf einen bestimmten Wochentag einhalten wollten. So
erklärt sich, warum die Gläubigen genötigt waren, sich vor Sonnenaufgang zu
versammeln.(20) Trotzdem setzte sich das Festhalten am Wochenrhythmus durch,
da es sich auf das Neue Testament gründete und an die Offenbarung des Alten
Testamentes gebunden war. Das unterstreichen gern die Apologeten und die
Kirchenväter in ihren Schriften und in ihrer Verkündigung. Das
Ostergeheimnis wurde anhand jener Schrifttexte veranschaulicht, die — nach
dem Zeugnis des hl. Lukas (vgl. 24,27.44-47) — der auferstandene
Christus selbst den Jüngern erklärt haben soll. Im Lichte dieser Texte
gewann die Feier des Auferstehungstages einen lehrhaften und symbolischen
Wert, der das ganz Neue des christlichen Geheimnisses auszudrücken
vermochte.
Zunehmende Unterscheidung vom Sabbat
23. Auf dieses Neue kommt die Katechese der ersten Jahrhunderte immer
wieder zurück, wenn sie sich bemüht, den Sonntag im Vergleich zum jüdischen
Sabbat zu charakterisieren. Am Sabbat bestand für die Juden die Pflicht zur
Zusammenkunft in der Synagoge und mußte die vom Gesetz vorgeschriebene Ruhe
eingehalten werden. Die Apostel und besonders der hl. Paulus suchten zuerst
weiterhin die Synagoge auf, um dort Jesus Christus verkünden zu können,
indem sie »die Worte der Propheten, die an jedem Sabbat vorgelesen wurden« (Apg
13,27), kommentierten. In einigen Gemeinden bestanden, wie man feststellen
konnte, die Einhaltung des Sabbats und die Feier des Sonntags gleichzeitig
nebeneinander. Sehr bald begann man jedoch die beiden Tage immer klarer zu
unterscheiden, um vor allem auf die Beharrlichkeit jener Christen zu
reagieren, die aus dem Judentum kamen und daher dazu neigten, an der
Verpflichtung aus dem alten Gesetz festzuhalten. Der hl. Ignatius von
Antiochien schreibt: »Wenn diejenigen, die unter den alten Umständen lebten,
zu einer neuen Hoffnung gelangt sind, indem sie nicht mehr den Sabbat
einhalten, sondern nach dem Tag des Herrn leben, dem Tag, an dem unser Leben
durch ihn und seinen Tod aufgebrochen ist [...], Geheimnis von dem wir den
Glauben erhalten haben und in dem wir bleiben, um als glaubwürdige Jünger
Christi, unseres alleinigen Meisters, befunden zu werden, wie könnten dann
wir ohne ihn leben, da doch auch die Propheten, seine Jünger im Geiste, ihn
als Meister erwarteten?«.(21) Und der hl. Augustinus bemerkt: »Deshalb hat
der Herr auch seinem Tag, dem dritten Tag nach der Passion, sein Siegel
aufgeprägt. Er ist jedoch im Wochenzyklus der achte nach dem siebten, das
heißt nach dem Sabbat, und der erste Tag der Woche«.(22) Die Unterscheidung
des Sonntags vom jüdischen Sabbat festigt sich im kirchlichen Bewußtsein
zunehmend, auch wenn in bestimmten Perioden der Geschichte wegen des
Nachdrucks, der auf die Pflicht zur Sonntagsruhe gelegt wird, eine gewisse
Tendenz zur »Sabbatisierung« des Herrentages festzustellen sein wird. Es gab
übrigens durchaus Teile der Christenheit, wo der Sabbat und der Sonntag als
»zwei brüderliche Tage« begangen wurden.(23)
Der Tag der Neuschöpfung
24. Der Vergleich des christlichen Sonntags mit der Sabbatauffassung des
Alten Testamentes löste auch eingehende theologische Untersuchungen aus, die
großes Interesse fanden. Insbesondere wurde der einzigartige Zusammenhang
deutlich gemacht, der zwischen Auferstehung und Schöpfung besteht. Das
christliche Denken gelangte spontan dahin, die »am ersten Tag der Woche«
geschehene Auferstehung mit dem ersten Tag jener kosmischen Woche (vgl.
Gen 1,1-2,4) in Verbindung zu bringen, nach welcher das Buch Genesis das
Schöpfungsgeschehen einteilt: der Tag der Erschaffung des Lichtes
(vgl.1,3-5). Dieser Zusammenhang legte es nahe, die Auferstehung als den
Beginn einer Neuschöpfung zu verstehen, deren Erster der verherrlichte
Christus ist, »der Erstgeborene der ganzen Schöpfung« (Kol 1,15),
aber auch »der Erstgeborene der Toten« (Kol 1,18).
25. Der Sonntag ist tatsächlich der Tag, an welchem mehr als an jedem
anderen der Christ aufgerufen ist, des Heils zu gedenken, das ihm in der
Taufe angeboten worden ist und ihn in Christus zu einem neuen Menschen
gemacht hat. »Mit Christus wurdet ihr in der Taufe begraben, mit ihm auch
auferweckt, durch den Glauben an die Kraft Gottes, der ihn von den Toten
auferweckt hat« (Kol 2,12; vgl. Röm
6,4-6). Die Liturgie unterstreicht diese Taufdimension des Sonntags, sei
es durch die Aufforderung, Tauffeiern außer in der Osternacht auch an diesem
Wochentag abzuhalten, »an dem die Kirche der Auferstehung des Herrn
gedenkt«,(24) sei es dadurch, daß sie als angemessenen Bußritus zu Beginn
der Messe die Besprengung mit Weihwasser empfiehlt, die an das Taufgeschehen
erinnert, aus dem jede christliche Existenz geboren wird.(25)
Der achte Tag, Bild der Ewigkeit
26. Andererseits führte der Umstand, daß der Sabbat der siebte Tag der
Woche ist, dazu, den Tag des Herrn im Lichte einer ergänzenden Symbolik zu
betrachten, an welcher den Kirchenvätern sehr gelegen war: Der Sonntag ist
nicht nur der erste Tag, er ist auch der »achte Tag«, das heißt er nimmt im
Vergleich zur Abfolge der sieben Tage eine einzigartige und transzendente
Stellung ein, die nicht nur den Beginn der Zeit, sondern auch ihr Ende in
der »zukünftigen Ewigkeit« beschwört. Der hl. Basilius erklärt, der Sonntag
sei wirklich der einzige Tag, der auf die jetzige Zeit folgen werde, der Tag
ohne Ende, der weder Abend noch Morgen kennt, die unvergängliche Ewigkeit,
die nicht altern kann; der Sonntag ist die unaufhörliche Vorankündigung des
Lebens ohne Ende, die die Hoffnung der Christen immer wieder belebt und sie
auf ihrem Weg ermutigt.(26) Im Ausblick auf den letzten Tag, der die
vorläufige Symbolik des Sabbat voll Wirklichkeit werden läßt, schließt der
hl. Augustinus die Bekenntnisse, indem er vom eschaton als »Frieden
der Ruhe, Frieden des Sabbat, Frieden ohne Abend« spricht.(27) Die Feier des
Sonntags, des »ersten« und zugleich »achten« Tages, verweist den Christen
auf das Ziel des ewigen Lebens.(28)
Der Tag Christi, des Lichtes
27. In dieser christozentrischen Sicht ist noch eine andere symbolische
Bedeutung zu verstehen, die die gläubige Reflexion und die pastorale Praxis
dem Tag des Herrn zuschrieben. Auf Grund einer wohlüberlegten pastoralen
Eingebung sah sich nämlich die Kirche veranlaßt, die Bezeichnung »Tag der
Sonne« — ein Ausdruck, mit dem die Römer diesen Tag benannten und der noch
in einigen modernen Sprachen aufscheint (29) — für den Herrentag zu
christianisieren; dadurch sollten die Gläubigen von Sitzungen des
Sonnenkultes, wo die Sonne als Gott verehrt wurde, abgehalten und die Feier
dieses Tages auf Christus, die wahre »Sonne« der Menschheit, ausgerichtet
werden. Der hl. Justinus gebraucht, wenn er an die Heiden schreibt, die
gängige Terminologie, um zu vermerken, daß die Christen ihre Versammlung »am
Sonnentag« abhielten,(30) aber der Bezug auf diesen Ausdruck gewinnt nun für
die Gläubigen einen neuen, vollkommen evangelischen Sinn.(31) Christus ist
tatsächlich das Licht der Welt (vgl. Joh
9,5; vgl. auch 1,4-5.9), und der Tag zum Gedächtnis seiner Auferstehung
ist in der Wocheneinteilung der Zeit der ewige Widerschein dieser Epiphanie
seiner Herrlichkeit. Das Thema des Sonntags als vom Sieg des auferstandenen
Christus erhellten Tag findet auch Platz in der Stundenliturgie (32) und ist
von besonderer Eindringlichkeit in der nächtlichen Gebetsversammlung, die in
den orientalischen Liturgien auf den Sonntag vorbereitet und in ihn
einführt. Wenn sich die Kirche an diesem Tag versammelt, macht sie sich in
jeder Generation aufs neue das Staunen des Zacharias zu eigen, wenn sie
ihren Blick auf Christus richtet und ihn als »das strahlende Licht aus der
Höhe, um allen zu leuchten, die in Finsternis sitzen und im Schatten des
Todes« (Lk 1,78-79), verkündet und vor Freude zittert wie Simeon, als
er das göttliche Kind in seine Arme nahm, das gekommen ist als »Licht, das
die Heiden erleuchtet« (Lk 2,32).
Der Tag der Gabe des Geistes
28. Der Sonntag als Tag des Lichtes, könnte in bezug auf den Heiligen
Geist auch Tag des »Feuers« heißen. Denn das Licht Christi steht in engem
Zusammenhang mit dem »Feuer« des Geistes, und beide Bilder weisen auf den
Sinn des christlichen Sonntags hin.(33) Als Jesus am Abend des Ostertages
den Aposteln erschien, hauchte er sie an und sprach: »Empfangt den Heiligen
Geist! Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben; wem ihr die
Vergebung verweigert, dem ist sie verweigert« (Joh 20,22-23). Die
Ausgießung des Heiligen Geistes war das große Geschenk des Auferstandenen an
seine Jünger am Ostersonntag. Es war wieder Sonntag, als fünfzig Tage nach
der Auferstehung der Geist, wie ein »heftiger Sturm« und ein »Feuer« (Apg
2,2-3) voll Kraft auf die Apostel herabkam, die mit Maria im Abendmahlssaal
versammelt waren. Pfingsten ist nicht nur ein Ereignis der Urkirche, sondern
ein Geheimnis, das die Kirche ständig belebt.(34) Auch wenn dieses Ereignis
jedes Jahr durch die Feier des Pfingstfestes zum Abschluß des »großen
Sonntags« (35) liturgisch besonders herausgehoben wird, gehört es eben durch
seinen engen Zusammenhang mit dem Ostermysterium auch zum tieferen Sinn
jedes Sonntags. Das »wöchentliche Ostern« wird so gewissermaßen zum
»wöchentlichen Pfingsten«, bei dem die Christen die freudige Erfahrung der
Begegnung der Apostel mit dem Auferstandenen wiedererleben, indem sie sich
vom Hauch seines Geistes mit Leben erfüllen lassen.
Der Tag des Glaubens
29. Auf Grund all dieser für ihn charakteristischen Dimensionen erscheint
der Sonntag als der Tag des Glaubens schlechthin. An ihm macht der Heilige
Geist, das lebendige »Gedächtnis« der Kirche (vgl.Joh 14,26), die
erste Erscheinung des Auferstandenen zu einem Ereignis, das sich im »Heute«
jedes einzelnen der Jünger Christi erneuert. Wenn die Gläubigen in der
Zusammenkunft am Sonntag vor ihm stehen, fühlen sie sich angesprochen wie
der Apostel Thomas: »Streck deinen Finger aus — hier sind meine Hände!
Streck deine Hand aus und leg sie in meine Seite, und sei nicht ungläubig,
sondern gläubig!« (Joh 20,27). Ja, der Sonntag ist der Tag des
Glaubens. Das wird dadurch unterstrichen, daß die Liturgie der sonntäglichen
Eucharistiefeier, wie im übrigen jene der liturgischen Hochfeste, das
Glaubensbekenntnis vorsieht. Das gesprochene oder gesungene »Credo« stellt
den Tauf- und Ostercharakter des Sonntags heraus und macht ihn zu dem Tag,
an dem in besonderer Weise der Getaufte im neugestärkten Bewußtsein des
Taufversprechens seine Zugehörigkeit zu Christus und zu seinem Evangelium
erneuert. Wenn er das Wort hört und den Leib des Herrn empfängt, betrachtet
er den auferstandenen, in den »heiligen Zeichen« gegenwärtigen Jesus und
bekennt mit dem Apostel Thomas: »Mein Herr und mein Gott!« (Joh
20,28).
Ein unverzichtbarer Tag!
30. Man versteht nun, warum die Identität dieses Tages gerade auch im
Zusammenhang mit den Schwierigkeiten unserer Zeit gewahrt und vor allem
intensiv gelebt werden muß. Ein orientalischer Autor vom Beginn des 3.
Jahrhunderts berichtet, daß in jeder Region die Gläubigen schon damals den
Sonntag regelmäßig heiligten.(36) Die freiwillige Gepflogenheit ist dann zur
rechtlich festgelegten Vorschrift geworden: Der Tag des Herrn hat der
zweitausendjährigen Geschichte der Kirche ihren Rhythmus gegeben. Wie könnte
man da annehmen, er würde nicht weiter ihre Zukunft markieren? Die Probleme,
die in unserer Zeit die Einhaltung der Sonntagspflicht schwieriger machen
können, lassen die Kirche nicht ungerührt und finden bei ihr mütterliche
Aufmerksamkeit für die Verhältnisse ihrer einzelnen Kinder. Sie fühlt sich
im besonderen zu einem neuen katechetischen und pastoralen Engagement
aufgerufen, damit keiner ihrer Gläubigen unter normalen Lebensbedingungen
vom reichen Gnadenstrom abgeschnitten bleibe, den die Feier des Herrentages
mit sich bringt. In demselben Geist hat das II. Vatikanische Konzil in einer
Stellungnahme zur Hypothese einer kirchlichen Kalenderreform im Hinblick auf
Veränderungen weltlicher Kalendersysteme erklärt, die Kirche »steht nur
jenen nicht ablehnend gegenüber, welche die Siebentagewoche mit dem Sonntag
bewahren und schützen«.(37) An der Schwelle des dritten Jahrtausends bleibt
die Feier des christlichen Sonntags wegen der Bedeutungen und Dimensionen,
die sie in bezug auf die Fundamente des Glaubens wachruft und einschließt,
ein bedeutsames Element der christlichen Identität.
DRITTES KAPITEL
DIES ECCLESIAE Die eucharistische Versammlung
ist das Herz des Sonntags
Die Gegenwart des Auferstandenen
31. »Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt« (Mt
28,20). Dieses Versprechen Christi tönt immer noch in der Kirche und wird
von ihr als fruchtbares Geheimnis ihres Lebens und Quelle ihrer Hoffnung
aufgenommen. Wenn der Sonntag der Auferstehungstag ist, so ist er nicht nur
das Gedächtnis eines Ereignisses der Vergangenheit: Er ist die Feier der
lebendigen Gegenwart des Auferstandenen inmitten der Seinen.
Damit diese Gegenwart auf angemessene Weise verkündet und gelebt werde,
genügt es nicht, daß die Jünger Christi einzeln beten und im Stillen, im
Innersten ihres Herzens des Todes und der Auferstehung Christi gedenken.
Denn alle, die die Gnade der Taufe empfangen haben, sind nicht nur einzeln,
sondern als Glieder des mystischen Leibes gerettet worden und gehören zum
Volk Gottes.(38) Es ist daher wichtig, daß sie sich versammeln, um die
Identität der Kirche als ekklèsía, als vom auferstandenen Herrn
zusammengerufene Versammlung, vollgültig zum Ausdruck zu bringen: der Herr
hat sein Leben hingegeben, »um die versprengten Kinder Gottes wieder zu
sammeln« (Joh 11,52). Sie sind durch die Gabe des Geistes »einer«
geworden in Christus (vgl. Gal
3,28). Äuberlich tritt diese Einheit in Erscheinung, wenn sich die
Christen versammeln: Dabei werden sie sich selbt bewußt und bezeugen vor der
Welt, daß sie das Volk der Erlösten sind, das sich aus »Menschen aus allen
Stämmen und Sprachen, aus allen Nationen und Völkern« (Offb 5,9)
zusammensetzt. In der Versammlung der Jünger Christi findet das Bild von der
christlichen Urgemeinde seine zeitliche Verewigung, wie es von Lukas in der
Apostelgeschichte mit beispielhafter Absicht gezeichnet wird, als er von den
ersten Getauften berichtet: »Sie hielten an der Lehre der Apostel fest und
an der Gemeinschaft, am Brechen des Brotes und an den Gebeten« (2,42).
Die eucharistische Versammlung
32. Diese Wirklichkeit des kirchlichen Lebens hat in der Eucharistie
nicht nur eine besondere Ausdruckskraft, sondern gewissermaßen ihre
»Quelle«.(39) Die Eucharistie nährt und formt die Kirche: »Ein Brot
ist es: Darum sind wir viele ein Leib; denn wir alle haben teil an
dem einen Brot« (1 Kor 10,17). Wegen dieser lebenswichtigen Beziehung
zum Sakrament des Leibes und Blutes des Herrn wird das Geheimnis der Kirche
auf unüberbietbare Weise in der Eucharistie verkündet, ausgekostet und
gelebt.(40)
Immer, wenn die Eucharistie gefeiert wird, verwirklicht sich die ihr
innewohnende kirchliche Dimension. Am stärksten aber kommt sie an dem Tag
zum Ausdruck, an dem die ganze Gemeinde zusammengerufen wird, um der
Auferstehung des Herrn zu gedenken. Bezeichnenderweise lehrt der Katechismus
der Katholischen Kirche: »Die sonntägliche Feier des Tages des Herrn und
seiner Eucharistie steht im Mittelpunkt des Lebens der Kirche«.(41)
33. In der Tat erleben die Christen in der Sonntagsmesse auf besonders
intensive Weise wieder die Erfahrung, die von den versammelten Aposteln am
Abend des ersten Tages der Woche gemacht wurde, als sich ihnen der
Auferstandene zeigte (vgl. Joh 20,19). In jener kleinen Kerngruppe
von Jüngern, in der Frühzeit der Kirche, war in gewisser Weise das
Gottesvolk aller Zeiten gegenwärtig. Durch ihr Zeugnis breitet sich über
jede Generation von Gläubigen das Heil Christi aus, bereichert durch das
messianische Geschenk des Friedens, den er durch sein Blut erworben und
zusammen mit seinem Geist angeboten hat: »Friede sei mit euch!«. Darin, daß
Christus »acht Tage darauf« (Joh 20,26) wieder in ihre Mitte tritt,
kann man das Ursymbol für die Gepflogenheit der christlichen Gemeinde sehen,
alle acht Tage, am »Tag des Hern« oder Sonntag, zusammenzukommen, den
Glauben an die Auferstehung zu bekennen und die Früchte der von ihm
verheißenen Seligkeit zu ernten: »Selig sind, die nicht sehen und doch
glauben!« (Joh 20,19). Dieser enge Zusammenhang zwischen der
Erscheinung des Auferstandenen und der Eucharistie wird vom Lukasevangelium
in der Erzählung über die beiden Emmausjünger angedeutet, zu denen sich
Christus auf dem Weg gesellte, um sie an das Verständnis des Wortes
heranzuführen und sich schließlich mit ihnen zu Tisch zu setzen. Sie
erkannten ihn, als er »das Brot nahm, den Lobpreis sprach, das Brot brach
und es ihnen gab« (24,30). Die Gesten Jesu in dieser Erzählung sind
dieselben wie jene, die er beim Letzten Abendmahl vollzogen hatte, mit
deutlicher Anspielung auf das »Brechen des Brotes«, wie die Eucharistie in
der ersten Christengeneration genannt wurde.
Die sonntägliche Eucharistiefeier
34. Die Eucharistie am Sonntag hat natürlich an sich weder einen anderen
Status als die an jedem anderen Tag gefeierte noch ist sie vom gesamten
liturgischen und sakramentalen Leben zu trennen. Die Liturgie ist ihrem
Wesen nach eine Epiphanie der Kirche,(42) die am offenkundigsten zutage
tritt, wenn die Diözesangemeinde sich mit ihrem Bischof zum Gebet
versammelt: »Die Kirche wird auf eine vorzügliche Weise dann sichtbar, wenn
das ganze heilige Gottesvolk voll und tätig an denselben liturgischen
Feiern, besonders an derselben Eucharistiefeier, teilnimmt: in der Einheit
des Gebets und an dem einen Altar und unter dem Vorsitz des Bischofs, der
umgeben ist von seinem Presbyterium und den Dienern des Altars«.(43) Die
Verbundenheit mit dem Bischof und mit der ganzen kirchlichen Gemeinschaft
ist in jeder Eucharistiefeier gegeben, an welchem Wochentag immer und auch
wenn sie nicht unter dem Vorsitz des Bischofs gefeiert wird. Ausdruck dafür
ist die Erwähnung des Bischofs im eucharistischen Hochgebet.
Mit der Verpflichtung zur gemeinsamen Anwesenheit und mit der besonderen
Feierlichkeit, die die sonntägliche Eucharistiefeier kennzeichnen, weil
diese eben »an dem Tag in Gemeinschaft mit der ganzen Kirche« gefeiert wird,
»an dem Christus von den Toten erstanden ist«,(44) manifestiert sie mit
nochmaligem Nachdruck ihre kirchliche Dimension: Sie ist Vorbild für die
anderen Eucharistiefeiern. Jede Gemeinde erfährt sich, wenn sie alle ihre
Glieder zum »Brechen des Brotes« versammelt, als Ort, an dem sich das
Geheimnis der Kirche konkret verwirklicht. Bei dieser Feier öffnet sich die
Gemeinschaft der communio mit der Weltkirche,(45) indem sie den Vater
bittet, daß »er der Kirche auf der ganzen Erde gedenke« und sie in der
Einheit aller Gläubigen mit dem Papst und mit den Bischöfen der einzelnen
Teilkirchen wachsen lasse zur Vollkommenheit der Liebe.
Der Tag der Kirche
35. Der dies Domini offenbart sich somit auch als dies ecclesiae.
Da versteht man, warum die Gemeinschaftsdimension der sonntäglichen
Eucharistiefeier auf Seelsorgsebene besonders hervorgehoben werden soll. Wie
ich bei einer anderen Gelegenheit erinnert habe, ist unter die zahlreichen
Aktivitäten, die eine Pfarrei ausübt, »keine so lebensnotwendig oder
gemeinschaftsbildend wie die sonntägliche Feier des Tages des Herrn und
seiner Eucharistie« (46) In diesem Sinne hat das II. Vatikanische Konzil von
der Notwendigkeit gesprochen, darauf hinzuarbeiten, daß »der Sinn für die
Pfarrgemeinschaft vor allem in der gemeinsamen Feier der Sonntagsmesse
wachse«.(47) Auf derselben Linie liegen die darauffolgenden liturgischen
Richtlinien, die die Forderung enthalten, daß die Eucharistiefeiern, die an
normalen Tagen in anderen Kirchen und Kapellen gehalten werden, an Sonn- und
Feiertagen mit der Messe der Pfarrgemeinde abgestimmt werden sollen, um »das
kirchliche Gemeinschaftsgefühl zu stärken, das in besonderer Weise in der
gemeinsamen Feier der Sonntagsmesse Nahrung und Ausdruck findet, unabhängig
davon, ob sie, vor allem im Dom, unter dem Vorsitz des Bischofs, oder in der
versammelten Pfarrgemeinde, deren Seelsorger den Bischof vertritt, gefeiert
wird«.(48)
36. Die sonntägliche Versammlung ist ein vorzüglicher Ort der Einheit:
Denn hier wird das sacramentum unitatis gefeiert, das zutiefst das
Wesen der Kirche als »von der« und »in der« Einheit des Vaters, des Sohnes
und des Heiligen Geistes versammeltes Volk kennzeichnet.(49) Dabei erleben
die christlichen Familien eine der gelungensten Äuberungen ihrer Identität
und ihres »Auftrags« als »Hauskirchen«, wenn die Eltern zusammen mit ihren
Kindern an dem einen Mahl des Wortes und des Brotes des Lebens
teilnehmen.(50) In diesem Zusammenhang muß daran erinnert werden, daß es vor
allem Aufgabe der Eltern ist, ihre Kinder zur Teilnahme an der Sonntagsmesse
zu erziehen, wobei sie von den Religionslehrern unterstützt werden, die die
Einführung in die Messe in das Unterrichtsprogramm der ihnen anvertrauten
Kinder einbauen und diesen den wahren Grund der Pflicht des Sonntagsgebotes
erläutern müssen. Dazu wird auch, wenn die Umstände es angeraten sein
lassen, die Feier von Kindermessen nach den verschiedenen, von den
liturgischen Normen vorgesehenen Bestimmungen beitragen.(51)
Es ist normal, daß sich zu den Sonntagsmessen der Pfarrgemeinde als
»eucharistischer Gemeinschaft« (52) die in ihr vorhandenen Gruppen,
Bewegungen, Vereinigungen und auch kleine Ordensgemeinschaften einfinden.
Das läßt sie das erfahren, was ihnen, jenseits der spezifischen geistlichen
Wege, die sie gemäß der Unterscheidung der kirchlichen Autorität
legitimerweise kennzeichnen, zutiefst gemeinsam ist.(53) Deswegen soll man
am Sonntag, dem Tag der Versammlung des Gottesvolkes, die Messen der kleinen
Gruppen nicht fördern: Dabei geht es nicht nur darum zu vermeiden, daß es
den Versammlungen der Pfarrgemeinden am notwendigen Dienst der Priester
fehlt, sondern auch darum, es so einzurichten, daß das Leben und die Einheit
der kirchlichen Gemeinschaft voll bewahrt und gefördert werden.(54) Etwaige,
klar umgrenzte Ausnahmen von diesem Grundsatz zu genehmigen angesichts
besonderer Anforderungen erzieherischer oder pastoraler Natur, obliegt der
besonnenen Unterscheidung der Bischöfe der Teilkirchen; sie müssen dabei
nicht nur das Wohl einzelner oder von Gruppen, sondern insbesondere die
Früchte im Auge haben, die der ganzen Kirchengemeinschaft daraus erwachsen
können.
Volk auf der Pilgerschaft
37. Wenn wir die Kirche auf ihrem Weg durch die Zeit betrachten, sind die
Bezugnahme auf die Auferstehung Christi und die wöchentliche Wiederkehr des
feierlichen Gedächtnisses dieses Ereignisses eine hilfreiche Erinnerung an
den Charakter der Pilgerschaft und die eschatologische Dimension des
Gottesvolkes. Denn von Sonntag zu Sonntag ist die Kirche auf dem Weg zum
letzten »Tag des Herrn«, dem Sonntag, der kein Ende kennt. Die Erwartung der
Wiederkunft Christi gehört tatsächlich zum eigentlichen Geheimnis der Kirche
(55) und tritt in jeder Eucharistiefeier zutage. Aber der Tag des Herrn mit
seinem besonderen Gedächtnis der Herrlichkeit des auferstandenen Christus
weist mit größter Eindringlichkeit auch auf die künftige Herrlichkeit seiner
»Wiederkunft« hin. Das macht den Sonntag zu dem Tag, an welchem die Kirche
dadurch, daß sie ihren »bräutlichen« Charakter klarer erkennen läßt,
gewissermaßen die eschatologische Wirklichkeit des himmlischen Jerusalem
vorwegnimmt. Indem die Kirche ihre Kinder in der eucharistischen Versammlung
zusammenführt und sie zur Erwartung des »himmlischen Bräutigams« erzieht,
führt sie gleichsam eine »Übung des Verlangens« (56) durch, bei der sie im
voraus die Freude an dem neuen Himmel und der neuen Erde genießt, wenn die
heilige Stadt, das neue Jerusalem aus dem Himmel herabkommen wird, »bereit
wie eine Braut, die sich für ihren Mann geschmückt hat« (Offb 21,2).
Tag der Hoffnung
38. Wenn unter diesem Gesichtspunkt der Sonntag der Tag des Glaubens ist,
so ist er gleichfalls der Tag der christlichen Hoffnung. Die Teilnahme am
»Abendmahl des Herrn« ist nämlich die Vorwegnahme des himmlischen
»Hochzeitsmahles des Lammes« (Offb
19,9). Wenn die christliche Gemeinde das Gedächtnis des auferstandenen und
zum Himmel aufgestiegenen Christus feiert, erwartet sie »voll Zuversicht das
Kommen unseres Erlösers Jesus Christus«.(57) Die durch diesen intensiven
Wochenrhythmus gelebte und genährte christliche Hoffnung wird zum Sauerteig
und Licht der menschlichen Hoffnung. Deshalb werden in das allgemeine
Fürbittgebet die Anliegen nicht nur der christlichen Gemeinschaft, sondern
der ganzen Menschheit hineingenommen; die zur Eucharistiefeier versammelte
Kirche bezeugt damit vor der Welt, daß sie »Freude und Hoffnung, Trauer und
Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art«
zu ihren eigenen macht.(58) Die Kirche macht dadurch, daß sie das Zeugnis,
das ihre Kinder sich bei der Arbeit und den verschiedenen Verpflichtungen
des täglichen Lebens an allen Wochentagen durch die Verkündigung des
Evangeliums und die Übung der Liebe zu erbringen bemühen, mit der
sonntäglichen Eucharistiefeier krönt, noch offenkundiger deutlich, daß sie
»gleichsam das Sakrament, das heißt Zeichen und Werkzeug für die innigste
Vereinigung mit Gott wie für die Einheit der ganzen Menschheit« ist.(59)
Der Tisch des Gotteswortes
39. Bei der Sonntagsmesse wie übrigens bei jeder Eucharistiefeier kommt
es durch die Teilnahme an den beiden Tischen des Wortes Gottes und des
Brotes des Lebens zur Begegnung mit dem Auferstandenen. Der erste Tisch gibt
jenes Verständnis der Heilsgeschichte und besonders des Paschamysteriums
weiter, das der auferstandene Jesus den Jüngern vermittelt hat: Es ist er,
der spricht, der in seinem Wort gegenwärtig ist, »wenn die heiligen
Schriften in der Kirche gelesen werden«.(60) Beim zweiten Tisch verwirklicht
sich die reale, substantielle und dauernde Gegenwart des auferstandenen
Herrn durch das Gedächtnis seines Leidens und seiner Auferstehung mit der
Darbringung jenes Brotes des Lebens, das Unterpfand der zukünftigen
Herrlichkeit ist. Das II. Vatikanische Konzil hat daran erinnert, daß
»Wortgottesdienst und Eucharistiefeier so eng miteinander verbunden [sind],
daß sie einen einzigen Kultakt ausmachen«.(61) Desgleichen hat das Konzil
festgelegt, daß »den Gläubigen der Tisch des Gotteswortes reicher bereitet
werde, [indem] die Schatzkammer der Bibel weiter aufgetan werde«.(62) Sodann
hat es angeordnet, daß in den Messen an Sonntagen und an gebotenen
Feiertagen die Homilie nicht ausfallen dürfe, es sei denn, es liege ein
schwerwiegender Grund vor.(63) Glaubhaften Ausdruck haben diese guten
Verfügungen in der Liturgiereform gefunden; unter Bezugnahme auf sie schrieb
Paul VI. zur Erläuterung des reicheren Angebotes an Bibellesungen an
Sonntagen und Feiertagen: »Das alles ist angeordnet worden, um bei den
Gläubigen immer stärker "jenen Hunger nach einem Wort des Herrn" (Am
8,11) zu steigern, der unter der Führung des Heiligen Geistes das Volk des
neuen Bundes zur vollkommenen Einheit der Kirche anspornen soll«.(64)
40. Wenn wir über dreißig Jahre nach dem Konzil über die sonntägliche
Eucharistiefeier nachdenken, gilt es zu überprüfen, wie das Wort Gottes
verkündet wird, und ob die Kenntnis und Liebe der Heiligen Schrift beim Volk
Gottes wirklich zugenommen hat.(65) Beide Aspekte, sowohl jener der Feier
wie jener der gelebten Existenz, stehen in enger Beziehung. Auf der
einen Seite muß uns die vom Konzil eröffnete Möglichkeit, das Wort Gottes in
der eigenen Sprache der teilnehmenden Gemeinde zu verkünden, dieser
gegenüber eine »neue Verantwortung« wahrnehmen lassen, so daß »schon aus der
Art des Vorlesens oder Singens der besondere Charakter der heiligen Texte
aufleuchtet«.(66) Andererseits ist es notwendig, daß die Gläubigen geistig
auf das Hören des verkündeten Wortes gut vorbereitet werden durch eine
angemessene Kenntnis der Heiligen Schrift und, wo es pastoral möglich ist,
durcheigene Initiativen zur gründlicheren Erklärung der Bibelstellen,
besonders jener bei den Messen an Feiertagen. Wenn nämlich die Lesung des
heiligen Textes, die im Geist des Gebets und in Übereinstimmung mit der
kirchlichen Erklärung erfolgen muß,(67) nicht das gewöhnliche Leben der
einzelnen und der christlichen Familien erfüllt, wird die Verkündigung des
Wortes Gottes in der Liturgie allein kaum imstande sein, die erhofften
Früchte zu erbringen. Höchst lobenswert sind demnach jene Initiativen, durch
welche die Pfarrgemeinden unter Einbeziehung aller Teilnehmer an der
Eucharistiefeier — Priester, liturgischer Dienst und Gläubige (68) — bereits
im Laufe der Woche die Sonntagsmesse vorbereiten und im voraus über das
Gotteswort, das verkündet werden soll, nachdenken. Das damit angestrebte
Ziel ist, daß die ganze Meßfeier, also Gebet, Hören, Singen und nicht nur
die Homilie, die Botschaft des Sonntagsgottesdienstes so zum Ausdruck
bringen möge, daß sie alle, die daran teilnehmen, wirksamer zu beeinflussen
vermag. Großes ist natürlich der Verantwortung jener anvertraut, die den
Dienst am Wort ausüben. Ihnen obliegt es mit außerordentlicher Sorgfalt im
Studieren der Heiligen Schrift und im Gebet, die Auslegung des Wortes Gottes
vorzubereiten. Dabei müssen sie getreu die Inhalte wiedergeben und sie so
aktualisieren, daß sie in Beziehung zu den Fragen und zum Leben der Menschen
unserer Zeit gebracht werden.
41. Allerdings darf nicht vergessen werden, daß die liturgische
Verkündigung des Wortes Gottes, vor allem im Rahmen der
Eucharistiefeier, nicht nur ein Augenblick der Erbauung und Katechese,
sonderndas Gespräch Gottes mit seinem Volk ist, ein Gespräch, in dem
diesem die Heilswunder verkündet und immer wieder die Ansprüche des Bundes
vor Augen gestellt werden. Das Volk Gottes seinerseits fühlt sich
aufgerufen, diesen Dialog der Liebe durch Dank und Lobpreis, aber
gleichzeitig dadurch zu erwidern, daß es in dem Bemühen um eine ständige
»Umkehr« seine Treue nachweist. Die Sonntagsmesse verpflichtet also zur
inneren Erneuerung des Taufversprechens, das ja in gewisser Weise im
Sprechen des Glaubensbekenntnisses enthalten ist; ausdrücklich vorgesehen
ist es in der Osternachtfeier und bei der Spendung der Taufe während der
Messe. In diesem Rahmen nimmt die Verkündigung des Wortes bei der
sonntäglichen Eucharistiefeier den feierlichen Ton an, den schon das Alte
Testament für den Anlaß der Erneuerung des Bundes vorsah, wo das Gesetz
verkündet wurde und die Israeliten als Volk in der Wüste am Fuße des Berges
Sinai aufgerufen wurden (vgl. Ex 19,7-8; 24,3-7), durch die
Erneuerung der Entscheidung zur Treue zu Gott und zur Einhaltung seiner
Gebote ihr »Ja« zu bekräftigen. Gott erwartet, wenn er uns sein Wort
mitteilt, in der Tat unsere Antwort: Es ist die Antwort, die Christus durch
sein »Amen« schon für uns gegeben hat (vgl. 2 Kor 1,20-22) und die
der Heilige Geist so in uns widerhallen läßt, daß das Gehörte unser Leben
voll einbezieht.(69)
Der Tisch des Leibes Christi
42. Der Tisch des Wortes mündet natürlich in den Tisch des
eucharistischen Brotes und bereitet die Gemeinschaft vor, dessen vielfältige
Dimensionen zu leben, die in der Sonntagsmesse einen besonders feierlichen
Charakter annehmen. In dem festlichen Ton der Zusammenkunft der ganzen
Gemeinde am »Tag des Herrn« stellt die Eucharistie sichtbarer als an den
anderen Tagen die große »Danksagung« dar, mit der sich die Kirche voll des
Heiligen Geistes an den Vater wendet, indem sie sich mit Christus vereinigt
und zur Stimme der ganzen Menschheit wird. Die wöchentliche Wiederkehr des
Sonntags legt nahe, in dankbarer Erinnerung die Ereignisse der vergangenen
Tage aufzugreifen, sie im Lichte Gottes neu zu bedenken und ihm für seine
zahllosen Gaben zu danken, indem wir ihn »durch Christus, mit Christus und
in Christus, in der Einheit des Heiligen Geistes« preisen. Auf diese Weise
wird sich die christliche Gemeinde aufs neue bewußt, daß durch Christus
alles erschaffen (vgl. Kol 1,16; Joh 1,3) und in ihm, der in
Knechtsgestalt gekommen ist, um unser menschliches Dasein zu teilen und zu
erlösen, alles wieder vereinigt worden ist (vgl. Eph
1,10), um Gott, dem Vater, dargebracht zu werden, in dem alles Ursprung
und Leben hat. Indem das Volk Gottes schließlich mit seinem »Amen« dem
eucharistischen Lobpreis zustimmt, versetzt es sich in den Glauben und in
die Hoffnung auf das Endziel, wenn Christus »seine Herrschaft Gott, dem
Vater, übergibt [...] damit Gott herrscht über alles und in allem« (1 Kor
15,24.28).
43. Diese jeder Eucharistiefeier innewohnende »Aufwärtsbewegung«, die sie
zu einem freudigen, von Dankbarkeit und Hoffnung erfüllten Ereignis macht,
wird aber in der Sonntagsmesse durch deren besonderen Zusammenhang mit dem
Gedächtnis der Auferstehung ausdrücklich hervorgehoben. Andererseits ist die
»eucharistische« Freude, die »unsere Herzen erhebt«, Frucht der
»Abwärtsbewegung«, die Gott zu uns hin vollzogen hat und die für immer zum
Wesen der Eucharistie als Opfer gehört, erhabenster Ausdruck und Feier des
Mysteriums der kénosis, das heißt der Demütigung, durch die Christus
»sich erniedrigte und gehorsam war bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz« (Phil
2,8).
Die Messe ist in der Tat lebendige Vergegenwärtigung des Opfers von
Golgota. Unter den Gestalten von Brot und Wein, auf welche die
Ausgießung des Geistes herabgerufen wurde, der in den Wandlungsworten in
ganz einzigartiger Weise wirksam ist, bringt sich Christus dem Vater in
derselben Opferhaltung dar, mit der er sich am Kreuz hingegeben hat. »In
diesem göttlichen Opfer, das in der Messe vollzogen wird, [ist] jener selbe
Christus enthalten und [wird] unblutig geopfert, der auf dem Altar des
Kreuzes ein für allemal sich selbst blutig opferte«.(70) Mit seinem Opfer
vereinigt Christus das Opfer der Kirche: »In der Eucharistie wird das Opfer
Christi auch zum Opfer der Glieder seines Leibes. Das Leben der Gläubigen,
ihr Lobpreis, ihr Leiden, ihr Gebet und ihre Arbeit werden mit denen Christi
und mit seiner Ganzhingabe vereinigt und erhalten so einen neuen Wert«.(71)
Diese Teilnahme der ganzen Gemeinde wird besonders offenkundig in der
Versammlung am Sonntag, die es gestattet, die abgelaufene Woche mit ihrer
ganzen menschlichen Last vor den Altar zu tragen.
Paschamahl und brüderliche Begegnung
44. Ausdruck findet diese Einstimmigkeit dann besonders im Wesen des
Paschamahles, das typisch ist für die Eucharistie, in der Christus selbst
zur Speise wird. Denn »zu diesem Zweck vertraute Christus der Kirche dieses
Opfer an: damit die Gläubigen sowohl geistlich, durch Glaube und Liebe, als
auch sakramental, durch das Mahl der heiligen Kommunion, daran teilnehmen.
Die Teilnahme am Abendmahl des Herrn ist immer Gemeinschaft mit Christus,
der sich für uns im Opfer dem Vater darbringt«.(72) Deshalb empfiehlt die
Kirche den Gläubigen, wenn sie an der Messe teilnehmen, auch die Kommunion
zu empfangen, vorausgesetzt, daß sie sich in der gebührenden Verfassung
befinden und, falls sie sich einer schweren Sünde bewußt sind, in dem Geist,
den der hl. Paulus der Gemeinde von Korinth nahelegte (vgl.
1 Kor 11,27-32), im Sakrament der Buße die Vergebung Gottes empfangen
haben.(73) Besonders eindringlich ist die Einladung zur eucharistischen
Kommunion natürlich bei der Messe am Sonntag und an den anderen Feiertagen.
Wichtig ist außerdem, sich ganz klar dessen bewußt zu sein, daß die
Gemeinschaft mit Christus zutiefst an die Gemeinschaft mit den Brüdern
gebunden ist. Die eucharistische Zusammenkunft am Sonntag ist ein
Ereignis der Brüderlichkeit, das die Feier, freilich unter Beachtung des
für die liturgische Handlung vorgesehenen Stils, deutlich herausstellen
soll. Dazu trägt die Gebetseinladung und der Ton des Gebetes selbst bei, das
sich der Anliegen der ganzen Gemeinde annimmt. Der Austausch des Zeichens
des Friedens und der Versöhnung, im römischen Ritus bezeichnenderweise vor
der Kommunionausteilung vorgesehen, ist eine besonders ausdrucksvolle Geste,
zu deren Durchführung die Gläubigen eingeladen werden: als Zeichen der
Zustimmung des Gottesvolkes zu allem, was in der Meßfeier vollzogen worden
ist,(74) und der Verpflichtung zu gegenseitiger Liebe, die in Erinnerung an
das anspruchsvolle Wort Christi durch die Teilnahme an dem einen Brot
übernommen wird: »Wenn du deine Opfergabe zum Altar bringst und dir dabei
einfällt, daß dein Bruder etwas gegen dich hat, so laß deine Gabe dort vor
dem Altar liegen; geh und versöhne dich zuerst mit deinem Bruder, dann komm
und opfere deine Gabe« (Mt 5,23-24).
Von der Messe zur »Sendung«
45. Durch den Empfang des Brotes des Lebens bereiten sich die Jünger
Christi darauf vor, mit der Kraft des Auferstandenen und seines Geistes die
Aufgaben anzupacken, die in ihrem gewöhnlichen Leben auf sie warten. Denn
für den Gläubigen, der den Sinn des Vollzogenen verstanden hat, kann sich
die Eucharistiefeier nicht innerhalb des Gotteshauses erschöpfen. Wie die
ersten Zeugen der Auferstehung, so sind die Christen, die jeden Sonntag
zusammengerufen werden, um die Gegenwart des Auferstandenen zu erleben und
zu bekennen, dazu berufen, in ihrem Alltagsleben zu Glaubensverkündern
und Zeugen zu werden. Das Schlußgebet nach der Kommunion und der
Schlußteil — Segen und Entlassung — müssen in dieser Hinsicht wiederentdeckt
und besser bewertet werden, damit alle, die an der Eucharistie teilgenommen
haben, sich tiefer der für sie daraus folgenden Verantwortung bewußt werden.
Nach dem Auseinandergehen der Versammlung kehrt der Jünger in sein normales
Umfeld mit der Verpflichtung zurück, sein ganzes Leben zu einem Geschenk, zu
einem geistlichen Opfer zu machen, das Gott gefällt (vgl.Röm
12,1). Er fühlt sich den Brüdern gegenüber als Schuldner für das, was er
in der Eucharistiefeier empfangen hat, nicht anders als die Emmausjünger,
die, nachdem sie den auferstandenen Christus »am Brechen des Brotes« erkannt
hatten (vgl. Lk 24,30-32), das Verlangen spürten, sogleich zu ihren
Brüdern zu gehen und mit ihnen die Freude über die Begegnung mit dem Herrn
zu teilen (vgl.
Lk 24,33-35).
Das Sonntagsgebot
46. Da die Eucharistie das Herz des Sonntags ist, versteht man, daß seit
den ersten Jahrhunderten die Bischöfe nicht aufgehört haben, ihre Gläubigen
an die Notwendigkeit der Teilnahme an der liturgischen Versammlung zu
erinnern. »Laßt alles am Tag des Herrn — erklärt zum Beispiel der Traktat
Didascalia Apostolorum aus dem 3. Jahrhundert — und eilt voll Eifer zu
eurer Versammlung, denn sie ist euer Lobpreis für Gott. Welche
Entschuldigung werden andernfalls jene vor Gott haben, die am Tag des Herrn
nicht zusammenkommen, um das Wort des Lebens zu hören und sich von der ewig
währenden göttlichen Speise zu nähren?«.(75) Der Aufruf der Bischöfe hat im
allgemeinen im Herzen der Gläubigen überzeugte Zustimmung gefunden. Auch
wenn es Zeiten und Situationen gegeben hat, wo die ideale Intensität bei der
Erfüllung dieser Pflicht nachließ, muß man doch den echten Heroismus
erwähnen, mit dem Priester und Gläubige in unzähligen Situationen der Gefahr
und eingeschränkter religiöser Freiheit dieser Pflicht nachgekommen sind,
wie sich seit den ersten Jahrhunderten der Kirche bis in unsere Zeit
feststellen läßt.
In seiner ersten an Kaiser Antoninus und den Senat gerichteten Apologie
konnte der hl. Justinus voll Stolz die christliche Praxis der Versammlung am
Sonntag beschreiben, welche die Christen aus Stadt und Land an demselben Ort
zusammenführte.(76) Als ihnen während der Verfolgung unter Diokletian ihre
Versammlungen mit äußerster Härte verboten wurden, widersetzten sich viele
Mutige dem kaiserlichen Edikt und nahmen den Tod auf sich, um nur nicht die
sonntägliche Eucharistiefeier zu versäumen. Das trifft auf jene Märtyrer aus
Abitana in der Provinz Africa proconsularis zu, die ihren Anklägern
folgendes antworteten: »Wir haben ohne jede Furcht das Mahl des Herrn
gefeiert, weil man es nicht verschieben darf; das ist unser Gesetz«; »Wir
können nicht ohne das Mahl des Herrn leben«. Und eine der Märtyrerinnen
bekannte: »Jawohl, ich bin zur Versammlung gegangen und habe mit meinen
Brüdern das Mahl des Herrn gefeiert, weil ich Christin bin«.(77)
47. Die Kirche hat nie aufgehört, diese auf das innere Bedürfnis
begründeten Gewissenspflicht, die die Christen der ersten Jahrhunderte so
stark empfanden, geltend zu machen, auch wenn sie es zunächst nicht für
notwendig hielt, sie als Gebot vorzuschreiben. Erst später mußte sie
angesichts der Lauheit oder Nachlässigkeit mancher Christen die Pflicht zur
Teilnahme an der Sonntagsmesse deutlich zum Ausdruck bringen: In den meisten
Fällen hat sie das in Form von Ermahnungen getan, manchmal aber mußte sie
auch klare kirchenrechtliche Verfügungen treffen. Das war der Fall bei
verschiedenen Partikularsynoden seit dem 4. Jahrhundert (so bei der Synode
von Elvira im Jahr 300, die nicht von Pflicht, sondern von strafrechtlichen
Folgen nach dreimaliger Abwesenheit von der Sonntagsmesse spricht) (78) und
vor allem ab dem 6. Jahrhundert (wie bei der Synode von Agde im Jahr
506).(79) Diese Dekrete von Partikularsynoden führten, was ganz
selbstverständlich ist, zu einer allgemeinen Gewohnheit mit verpflichtendem
Charakter.(80)
Der Codex des kanonischen Rechtes von 1917 faßte zum ersten Mal
die Überlieferung in einem allgemeinen Gesetz zusammen.(81) Der derzeitige
Codex bekräftigt es, indem er festlegt: »Am Sonntag und an den anderen
gebotenen Feiertagen sind die Gläubigen zur Teilnahme an der Meßfeier
verpflichtet«.(82) Ein solches Gesetz ist normalerweise als Auferlegung
einer ernsten Pflicht verstanden worden: das lehrt auch der Katechismus der
Katholischen Kirche,(83) und man versteht wohl den Grund dafür, wenn man
sich überlegt, welche Bedeutung der Sonntag für das christliche Leben hat.
48. Wie in den heroischen Anfangszeiten, so treten auch heute wieder in
vielen Gegenden der Welt schwierige Situationen für viele Menschen auf, die
ihren Glauben konsequent leben wollen. Die Umwelt verhält sich gegenüber der
Botschaft des Evangeliums manchmal ausgesprochen feindselig, bisweilen — und
das ist häufiger der Fall — gleichgültig und unempfänglich. Der Glaubende
muß, wenn er standhalten will, auf die Unterstützung der christlichen
Gemeinde zählen können. Er muß sich daher von der entscheidenden Bedeutung
überzeugen, die es für sein Glaubensleben hat, sich am Sonntag mit den
anderen Brüdern und Schwestern zu versammeln, um im Sakrament des Neuen
Bundes das Pascha des Herrn zu feiern. Es ist sodann in besonderer Weise
Aufgabe der Bischöfe, sich darum zu bemühen, daß »der Sonntag von allen
Gläubigen als wahrer "Tag des Herrn" anerkannt, geheiligt und gefeiert wird,
an dem sich die Kirche versammelt, um durch das Hören des Wortes Gottes,
durch die Darbringung des Herrenopfers, durch die Heiligung des Tages mit
Gebet, Liebeswerken und Arbeitsruhe das Gedächtnis ihres Ostergeheimnisses
zu erneuern«.(84)
49. Da für die Gläubigen die Teilnahme an der Messe eine Pflicht ist,
sofern sie nicht durch einen gewichtigen Grund verhindert sind, stellt sich
für die Bischöfe die entsprechende Verpflichtung, allen tatsächlich die
Möglichkeit zur Erfüllung des Gebotes zu bieten. Auf dieser Linie bewegen
sich die Vorschriften des Kirchenrechtes, wie zum Beispiel die Befugnis des
Priesters, nach vorheriger Erlaubnis seitens des Diözesanbischofs an
Sonntagen und gebotenen Feiertagen mehr als eine Messe zu zelebrieren,(85)
die Einrichtung der Abendmessen (86) und schließlich die Weisung, nach
welcher die für die Erfüllung der Sonntagspflicht gültige Zeit bereits am
Samstag Abend beginnt, mit der ersten Vesper des Sonntags.(87) Denn unter
liturgischem Gesichtspunkt beginnt der Feiertag tatsächlich mit dieser
Vesper.(88) Infolgedessen ist die Liturgie der Messe, die manchmal auch als
»Vorabendmesse« bezeichnet wird, in Wirklichkeit aber in jeder Hinsicht eine
»Sonntags- bzw. Feiertagsmesse« ist, dieselbe Messe vom Sonntag mit der
Verpflichtung für den Zelebranten, die Homilie zu halten und mit den
Gläubigen das allgemeine Gebet zu sprechen.
Überdies sollen die Bischöfe die Gläubigen daran erinnern, daß sie sich
im Fall der Abwesenheit von ihrem festen Wohnsitz am Sonntag um die
Teilnahme an der Messe an ihrem Aufenthaltsort kümmern müssen, wodurch sie
durch ihr persönliches Zeugnis die jeweilige Ortsgemeinde bereichern.
Gleichzeitig sollen diese Gemeinden die von auswärts kommenden Brüder und
Schwestern herzlich aufnahmen; das gilt besonders an Orten, die viele
Touristen und Pilger anziehen, für die oft eigene Initiativen religiöser
Betreuung notwendig sein werden.(89)
Eine freudenvolle und wohlklingende Feier
50. Wegen der eigenen Natur und der Bedeutung der Sonntagsmesse für das
Leben der Gläubigen muß sie mit besonderer Sorgfalt vorbereitet werden. In
den Formen, die sowohl von der pastoralen Klugheit als auch von den
Ortsgebräuchen in Einklang mit den liturgischen Normen empfohlen werden, muß
für die Feier jener festliche Charakter gewährleistet werden, der der
Gedenkfeier des Tages der Auferstehung des Herrn geziemend ist. Dazu ist es
wichtig, dem Gesang der Versammlung Aufmerksamkeit zu widmen, da dieser
besonders geeignet ist, die Freude des Herzens zum Ausdruck zu bringen, die
Feierlichkeit zu unterstützen und das Teilen des einen Glaubens und
derselben Liebe zu begünstigen. Deswegen muß man sich um die Qualität der
Kirchenmusik bezüglich der Texte wie auch der Melodien kümmern, damit alles,
was sich heute als neu und kreativ anbietet, nicht nur den liturgischen
Vorschriften entspricht, sondern auch jener kirchlichen Tradition würdig
ist, die sich diesbezüglich eines Erbes von unschätzbarem Wert rühmen kann.
Eine einbindende und aktive Feier
51. Auch müssen alle Anstrengungen unternommen werden, damit alle
Anwesenden — Kinder und Erwachsene — sich angesprochen fühlen, indem ihre
volle Einbindung in die von der Liturgie empfohlenen Formen aktiver
Teilnahme gefördert wird.(90) Natürlich steht es nur denjenigen, die das
Amtspriestertum im Dienst an ihren Brüdern und Schwestern ausüben, zu, das
eucharistische Opfer zu vollziehen und es im Namen des ganzen Volkes Gott
darzubringen.(91) Die, weit mehr als nur disziplinäre Unterscheidung
zwischen der Aufgabe, die dem Zelebranten vorbehalten ist, und jener, die
den Diakonen und den nicht geweihten Gläubigen zukommt, hat hier ihre
Grundlage.(92) Die Gläubigen müssen sich auch bewußt sein, daß sie kraft des
in der Taufe empfangenen gemeinsamen Priestertums »an der eucharistischen
Darbringung mitwirken«.(93) Auch wenn die Rollen unterschieden werden
müssen, »bringen sie das göttliche Opferlamm Gott dar und sich selbst mit
ihm; so übernehmen alle bei der liturgischen Handlung ihren je eigenen Teil,
sowohl in der Darbringung wie in der heiligen Kommunion«,(94) woraus sie
Licht und Kraft schöpfen, um durch das Gebet und das Zeugnis eines
heiligmäßigen Lebens ihr Taufpriestertum zu leben.
Andere Aspekte des christlichen Sonntags
52. Wenn die Teilnahme an der Eucharistiefeier das Herz des Sonntags ist,
wäre es dennoch einschränkend, die Pflicht zu »seiner Heiligung« allein auf
sie zu reduzieren. Denn der Tag des Herrn wird dann richtig gelebt, wenn er
als ganzer vom dankbaren und aktiven Gedächtnis der Werke Gottes geprägt
ist. Das verpflichtet jeden einzelnen Jünger Christi dazu, auch den anderen,
außerhalb des liturgischen Geschehens gelebten Vorgängen des Tages —
Familienleben, soziale Beziehungen, Gelegenheiten zu Erholung und
Zerstreuung — einen Stil zu geben, der helfen soll, im gewöhnlichen Leben
den Frieden und die Freude des Auferstandenen aufbrechen zu lassen. Das
gelassenere Zusammensein von Eltern und Kindern kann zum Beispiel Anlaß
sein, sich nicht nur zu öffnen, um einander anzuhören, sondern auch
miteinander Bildungserlebnisse und Augenblicke größerer innerer Sammlung zu
erfahren. Und warum sollte man nicht auch auf der Ebene der Laien, wenn es
möglich ist, besondere Gebetsinitiativen
planen — wie zum Beispiel insbesondere die Feier der Vesper — oder auch
gegebenenfallsGelegenheiten zur Katechese, die am Vorabend des
Sonntags oder am Nachmittag desselben im Herzen des Christen auf das
eigentliche Geschenk der Eucharistie vorbereiten bzw. es ergänzen sollen?
Diese ziemlich traditionelle Form der »Heiligung des Sonntags« ist
vielleicht in vielen Kreisen schwieriger geworden; aber die Kirche bekundet
ihren Glauben an die Kraft des Auferstandenen und an die Macht des Heiligen
Geistes, indem sie heute mehr denn je erkennen läßt, daß sie sich auf dem
Gebiet des Glaubens nicht mit Minimal- oder mittelmäßigen Angeboten
zufrieden gibt und den Christen das zu vollbringen hilft, was am
vollkommensten und dem Herrn am wohlgefälligsten ist. Im übrigen fehlt es
aber neben den Schwierigkeiten auch nicht an positiven und ermutigenden
Zeichen. Dank der Gabe des Geistes ist in vielen kirchlichen Bereichen ein
neues Verlangen nach dem Gebet in seinen vielfältigen Formen festzustellen.
Wiederentdeckt werden auch alte Frömmigkeitsformen wie die Wallfahrt, und
oft nutzen die Gläubigen die Sonntagsruhe, um sich zu Heiligtümern zu
begeben und dort sogar mit der ganzen Familie einige Stunden intensiver
Glaubenserfahrung zu erleben. Das sind Gnadenstunden, die es durch eine
geeignete Evangelisierung zu fördern und mit echter seelsorglicher Weisheit
zu lenken gilt.
Versammlungen am Sonntag bei Abwesenheit des Priesters
53. Es bleibt das Problem der Pfarreien, die sich nicht des Dienstes
eines Priesters erfreuen können, der am Sonntag die Eucharistie feiert. Das
kommt in den jungen Kirchen häufig vor, wo ein einziger Priester die
seelsorgliche Verantwortung für Gläubige hat, die über ein riesiges Gebiet
verstreut wohnen. Notsituationen können auch in den Ländern mit
jahrhundertealter christlicher Tradition auftreten, wenn die zahlenmäßige
Abnahme des Klerus verhindert, daß in jeder Pfarrgemeinde die Anwesenheit
des Priesters sichergestellt ist. Für den Fall, daß die Feier der
Eucharistie nicht möglich ist, empfiehlt die Kirche die Einberufung
sonntäglicher Versammlungen bei Abwesenheit des Priesters (95) gemäß den vom
Heiligen Stuhl erlassenen und den Bischofskonferenzen zur Anwendung
übertragenen Anweisungen und Verfügungen.(96) Doch das Ziel muß die Feier
des Meßopfers bleiben, die einzige wahre Verwirklichung des Pascha des
Herrn, die einzige vollkommene Realisierung der eucharistischen Versammlung,
welcher der Priester beim Brechen des Brotes des Wortes und des Brotes der
Eucharistie in persona Christi vorsteht. Es müssen daher auf seelsorglicher
Ebene alle notwendigen Maßnahmen ergriffen werden, damit die Gläubigen, die
üblicherweise auf die Eucharistie verzichten müssen, sie so oft wie möglich
empfangen können: sei es, daß man für die regelmäßige Anwesenheit des
Priesters sorgt, sei es, daß man sämtliche Möglichkeiten nutzt, um die
Versammlung der Gläubigen an einem zentral gelegenen Ort zu veranstalten,
der für verschiedene, auch weit entfernt lebende Gruppen erreichbar ist.
Rundfunk- und Fernsehübertragungen
54. Den Gläubigen, die wegen Krankheit, Gebrechlichkeit oder aus einem
anderen schwerwiegenden Grund verhindert sind, wird es ein Herzensanliegen
sein, sich aus der Ferne so gut als möglich der Meßfeier anzuschließen, am
besten mit den vom Meßbuch für den betreffenden Tag vorgesehenen Lesungen
und Gebeten sowie auch durch das Verlangen nach der Eucharistie.(97) In
vielen Ländern bieten Fernsehen und Rundfunk die Möglichkeit an, sich einer
Eucharistiefeier zu der Zeit anzuschließen, wo sie an einem heiligen Ort
tatsächlich stattfindet.(98) Natürlich stellen derartige Übertragungen an
sich keine befriedigende Erfüllung des Sonntagsgebotes dar, das die
Teilnahme an der Versammlung der Brüder durch die Zusammenkunft am selben
Ort und der daraus folgenden Möglichkeit zur eucharistischen Kommunion
verlangt. Aber für diejenigen, die an der Teilnahme an der Eucharistie
gehindert und daher von der Erfüllung des Gebotes entschuldigt sind, stellt
die Fernseh- oder Rundfunkübertragung eine wertvolle Hilfe dar, vor allem,
wenn sie durch den hochherzigen Dienst außerordentlicher Spender ergänzt
wird, die den Kranken die Eucharistie und zugleich den Gruß und die
Solidarität der ganzen Gemeinde überbringen. So bringt auch für diese
Christen die Sonntagsmesse reiche Früchte hervor, und sie können den Sonntag
als echten »Tag des Herrn« und »Tag der Kirche« erleben.
VIERTES KAPITEL
DIES HOMINIS Der Sonntag – Tag der Freude,
der Ruhe und der Solidarität
Die »Fülle der Freude« Christi
55. »Gelobt sei der, der den großen Tag des Sonntags über alle Tage
erhoben hat. Himmel und Erde, Engel und Menschen geben sich der Freude
hin«.(99) Diese Akzente der maronitischen Liturgie stellen treffend die
Freudenakklamationen dar, die seit jeher sowohl in der abendländischen wie
in der östlichen Liturgie für den Sonntag kennzeichnend waren. Im übrigen
haben, geschichtlich betrachtet, die Christen den Wochentag des
auferstandenen Herrn, noch ehe sie ihn als Ruhetag — der zudem damals im
staatlichen Kalender gar nicht vorgesehen war — begingen, vor allem als Tag
der Freude erlebt. »Am ersten Tag der Woche seid alle fröhlich«, steht in
der Didascalia Apostolorum zu lesen. (100) Die Bekundung der Freude trat
auch in der liturgischen Praxis durch die Wahl geeigneter Gesten klar
zutage. (101) Der hl. Augustinus, der uns das verbreitete Kirchenbewußtsein
vermittelt, hebt den Freudencharakter des wöchentlich wiederkehrenden Pascha
so hervor: »Man lasse das Fasten und bete, als Zeichen der Auferstehung,
stehend; außerdem soll an allen Sonntagen das Halleluja gesungen werden«.
(102)
56. Ungeachtet der einzelnen rituellen Ausdrucksformen, die sich im Laufe
der Zeit gemäß der kirchlichen Disziplin verändern können, bleibt die
Tatsache bestehen, daß der Sonntag als wöchentliches Echo des ersten
Erlebens des Auferstandenen das Zeichen der Freude tragen muß, mit der die
Jünger den Meister empfingen: »Da freuten sich die Jünger, daß sie den Herrn
sahen« (Joh
20,20). Für sie wie auch später für alle christlichen Generationen wurde
das Wort, das Jesus vor seiner Passion gesprochen hatte, Wirklichkeit: »Ihr
werdet bekümmert sein, aber euer Kummer wird sich in Freude verwandeln« (Joh
16,20). Hatte er nicht selbst gebetet, daß die Jünger »die Freude in Fülle«
haben (vgl. Joh 17,13)? Der auferstandene Christus ist für die Kirche
Quelle unerschöpflicher Freude. Der festliche Charakter der sonntäglichen
Eucharistiefeier bringt die Freude zum Ausdruck, die Christus seiner Kirche
durch das Geschenk des Geistes übermittelt. Die Freude ist ja eine der
Früchte des Heiligen Geistes (vgl. Röm
14,17; Gal 5,22).
57. Wenn wir also die Bedeutung des Sonntags in ihrer Fülle erfassen
wollen, müssen wir auch diese Dimension der gläubigen Existenz
wiederentdecken. Sicher soll die christliche Freude das ganze Leben und
nicht nur einen Tag der Woche kennzeichnen. Aber kraft seiner Bedeutung als
Tag des auferstandenen Herrn, an dem das göttliche Werk der Schöpfung
und der »Neuschöpfung« gefeiert wird, ist der Sonntag in besonderer Weise
Tag der Freude, ja der geeignete Tag, um sich zur Freude zu erziehen und die
wahren Wesenszüge sowie die tiefen Wurzeln wiederzuentdecken. Diese darf
nämlich nicht mit Gefühlen oberflächlicher Befriedigung und flüchtigen
Vergnügens verwechselt werden, die oft das Empfinden und Gefühlsleben für
kurze Zeit berauschen, um dann das Herz unbefriedigt, wenn nicht gar in
Bitterkeit zurückzulassen. Christlich verstanden ist die Freude etwas viel
Dauerhafteres und Trostreicheres; sie kann sogar, wie die Heiligen bezeugen,
(103) die dunkle Nacht des Schmerzes durchhalten, und sie ist im gewissen
Sinn eine »Tugend«, die gepflegt werden muß.
58. Es besteht jedoch kein Gegensatz zwischen christlicher Freude und
echten menschlichen Freuden. Ja, diese werden ausgelöst und finden ihren
letzten Grund eben in der Freude über den verherrlichten Christus (vgl.
Apg 2,24-31), das vollkommene Bild und die Offenbarung des Menschen nach
dem Plan Gottes. Wie mein ehrwürdiger Vorgänger Paul VI. in dem
Apostolischen Schreiben über die christliche Freude ausführte, »ist die
christliche Freude ihrem Wesen nach innere Teilhabe an der unergründlichen,
zugleich göttlichen und menschlichen Freude im Herzen des verherrlichten
Herrn Jesus Christus«. (104) Und derselbe Papst schloß sein Schreiben mit
der Aufforderung, die Kirche möge am Tag des Herrn nach Kräften Zeugnis
geben von der Freude, die die Apostel erlebt haben. Er rief daher die
Bischöfe auf, »auf die treue und frohe Teilnahme der Gläubigen an der
sonntäglichen Eucharistiefeier nachdrücklich hinzuweisen. Wie können sie
diese Begegnung, dieses Festmahl vernachlässigen, das uns Jesus in seiner
Liebe bereitet? Die Vorbereitung soll jedesmal entsprechend würdig und
festlich sein! Es ist der gekreuzigte und auferstandene Christus, der durch
die Reihen seiner Jünger geht, um sie mit sich in die Erneuerung seiner
Auferstehung zu führen. Es ist hier auf Erden der Höhepunkt des Liebesbundes
zwischen Gott und seinem Volk: Zeichen und Quelle der christlichen Freude
und Vorbereitung auf das ewige Fest«. (105) Aus dieser Sicht des Glaubens
betrachtet, ist der christliche Sonntag ein echte »Festefeier«, ein von Gott
dem Menschen geschenkter Tag, damit der Mensch menschlich und geistlich zur
vollen Reife gelangt.
Die Erfüllung des Sabbat
59. Dieser festliche Aspekt des christlichen Sonntags stellt in
besonderer Weise seine Dimension der Erfüllung des alttestamentlichen Sabbat
heraus. Am Tag des Herrn, den das Alte Testament mit dem Schöpfungswerk
(vgl. Gen 2,1-3; Ex 20,8-11) und dem Auszug aus Ägypten (vgl.
Dtn 5,12-15) verbindet, ist der Christ aufgerufen, die neue Schöpfung
und den neuen Bund zu verkünden, die im Ostermysterium Christi vollzogen
worden sind. Die Feier der Schöpfung wird keineswegs aufgehoben, sie wird
vielmehr in christozentrischer Sicht vertieft, d. h. gesehen vom Licht des
göttliches Planes, »in Christus alles zu vereinen, was im Himmel und auf
Erden ist« (Eph
1,10). Seinen vollen Sinn erhält auch das Gedenken an die im Exodus
erfolgte Befreiung, das zum Gedenken an die vom gestorbenen und
auferstandenen Christus vollbrachten universalen Erlösung wird. Der Sonntag
ist daher weniger eine »Ersetzung« des Sabbat, als vielmehr dessen
vollzogene Verwirklichung und in gewissem Sinn seine Ausweitung und sein
voller Ausdruck in bezug auf den Weg der Heilsgeschichte, die ihren
Höhepunkt in Christus hat.
60. Aus dieser Perspektive kann die biblische Theologie vom »Sabbat« voll
und ganz wiedergewonnen werden, ohne den christlichen Charakter des Sonntags
zu beeinträchtigen. Dieser führt uns immer wieder neu und mit nie
geschwächter Bewunderung zurück zu jenem geheimnisvollen Anfang, an dem das
ewige Wort Gottes mit freier Entscheidung und Liebe die Welt aus dem Nichts
erschuf. Besiegelt wurde das Schöpfungswerk mit der Segnung und Heiligung
des Tages, an dem Gott ruhte, »nachdem er das ganze Werk der Schöpfung
vollendet hatte« (Gen 2, 3). Von diesem Ruhetag Gottes erhält die
Zeiteinteilung ihren Sinn und nimmt in der Abfolge der Wochen nicht nur
einen chronologischen Rhythmus, sondern sozusagen eine theologische Note an.
Denn, die dauernde Wiederkehr des Sabbat entzieht die Zeit dem Risiko, sich
in sich selbst zu drehen, damit sie durch die Aufnahme Gottes und seiner
kairoì — das heißt der von ihm verfügten Gnaden- und Heilszeiten — offen
bleibe für die Horizonte des Ewigen.
61. Indem der »Sabbat«, der von Gott gesegnete und für heilig erklärte
siebte Tag, das gesamte Schöpfungswerk einschließt, steht er in
unmittelbarem Zusammenhang mit dem Werk des sechsten Tages, an dem Gott den
Menschen »als sein Abbild« schuf (vgl. Gen
1,26). Dieser unmittelbarste Zusammenhang zwischen dem »Tag Gottes« und
dem »Tag des Menschen« war den Kirchenvätern in ihren Betrachtungen über den
Schöpfungsbericht nicht entgangen. Ambrosius sagt dazu: »Dank sei daher dem
Herrn, unserem Gott, der ein Werk schuf, wo er Ruhe finden konnte. Er schuf
den Himmel, aber ich lese nichts davon, daß er sich dort ausgeruht habe; er
schuf die Sterne, den Mond, die Sonne, und auch hier lese ich nicht, daß er
sich bei ihnen ausgeruht habe. Hingegen lese ich, daß er den Menschen schuf
und sich dann ausruhte, während er in ihm einen hatte, dem er die Sünden
vergeben konnte«. (106) Auf diese Weise wird der »Tag Gottes« für immer
direkt mit dem «Tag des Menschen« verbunden bleiben. Wenn Gottes Gebot
lautet: »Gedenke des Sabbats: Halte ihn heilig!« (Ex 20,8), dann ist
das gebotene Innehalten, um den ihm geweihten Tag zu ehren, für den Menschen
durchaus nicht die Auferlegung einer drückenden Last, sondern vielmehr eine
Hilfe, damit er seine lebenswichtige und befreiende Abhängigkeit vom
Schöpfer und zugleich die Berufung zur Mitarbeit an seinem Werk und zum
Empfang seiner Gnade wahrnimmt. Indem der Mensch die «Ruhe» Gottes ehrt,
findet er sich selbst voll und ganz. So stellt sich der Tag des Herrn als
zutiefst vom göttlichen Segen gekennzeichnet dar (vgl. Gen 2,3).
Dadurch ist dieser Tag, wie die Tiere und die Menschen (vgl. Gen
1,22.28) mit einer Art »Fruchtbarkeit« ausgestattet. Diese drückt sich nicht
nur durch die andauernde zeitliche Wiederholung aus, sondern insbesondere in
der Belebung und gleichsam in der »Vervielfachung« der Zeit selber. So wird
im Menschen durch das Gedenken an den lebendigen Gott die Lebensfreude und
das Verlangen, das Leben zu fördern und weiterzugeben, gesteigert.
62. Der Christ wird sich nun erinnern müssen, daß die eigentlichen Gründe
für die Auferlegung der Heiligung des »Herrentages« gültig bleiben, auch
wenn für ihn die Bestimmungen des jüdischen Sabbats fallen gelassen und von
der »Erfüllung« des Sonntags überwunden worden sind. Sie sind in der
Feierlichkeit des Dekalogs verhaftet und müssen im Licht der Theologie und
Spiritualität des Sonntags wieder gelesen werden. »Achte den Sabbat: Halte
ihn heilig, wie es dir der Herr, dein Gott, zur Pflicht gemacht hat. Sechs
Tage darfst du schaffen und jede Arbeit tun. Der siebte Tag ist ein Ruhetag,
dem Herrn, deinem Gott geweiht. An ihm darfst du keine Arbeit tun: du, dein
Sohn und deine Tochter, dein Sklave und deine Sklavin, dein Rind, dein Esel
und dein ganzes Vieh und der Fremde, der in deinen Stadtbereichen Wohnrecht
hat. Dein Sklave und deine Sklavin sollen sich ausruhen wie du. Denk daran:
Als du in Ägypten Sklave warst, hat dich der Herr, dein Gott, mit starker
Hand und hoch erhobenem Arm dort herausgeführt. Darum hat es dir der Herr,
dein Gott, zur Pflicht gemacht, den Sabbat zu halten« (Dtn 5,12-15).
Die Einhaltung des Sabbats erscheint hier sehr eng verbunden mit dem Werk
der Befreiung, das Gott für sein Volk durchgeführt hat.
63. Christus ist gekommen, um einen neuen »Auszug« durchzuführen, er ist
gekommen, den Unterdrückten die Freiheit zu bringen. Er hat viele Heilungen
sicher nicht deshalb am Sabbat vollbracht (vgl. Mt
12,9-14 par), um den Tag des Herrn zu verletzen, sondern um dessen volle
Bedeutung zu verwirklichen: »Der Sabbat ist für den Menschen da, nicht der
Mensch für den Sabbat« (Mk 2,27). Indem er der von manchen seiner
Zeitgenossen allzu streng nach dem Buchstaben des Gesetzes vorgenommenen
Auslegung widerspricht und den authentischen Sinn des biblischen Sabbats
entwickelt, führt Jesus, der »Herr über den Sabbat« (Mk 2,28), die
Einhaltung dieses Tages auf seinen befreienden Charakter zurück, der
gleichzeitig zur Wahrung der Rechte Gottes und der Rechte des Menschen
bestimmt ist. So wird verständlich, warum sich die Christen als Verkünder
der im Blut Christi erfüllten Befreiung zu Recht ermächtigt fühlten, den
Sinn des Sabbats auf den Tag der Auferstehung zu übertragen. Das Pascha
Christi hat in der Tat den Menschen von einer viel radikaleren Versklavung
befreit als jener, die auf einem unterdrückten Volk lastet: Die Sklaverei
der Sünde, die den Menschen von Gott entfernt, entfernt ihn auch von sich
selbst und von den anderen und hinterläßt in der Geschichte immer neue Keime
der Bosheit und Gewalt.
Der Tag der Ruhe
64. Jahrhunderte lang erlebten die Christen den Sonntag nur als Tag des
Kultes, ohne damit auch die besondere Bedeutung der Sabbatruhe verbinden zu
können. Erst im 4. Jahrhundert anerkannte die staatliche Gesetzgebung des
Römischen Reiches den Wochenrhythmus an und verfügte, daß am »Tag der Sonne«
die Richter, die Bevölkerung der Städte und die verschiedenen
Handwerkszünfte die Arbeit ruhen lassen konnten. (107) Die Christen freuten
sich, daß damit die Hindernisse beseitigt waren, die bis dahin die
Einhaltung des Tages des Herrn manchmal zu einer heroischen Tat gemacht
hatten. Nun konnten sie sich ungehindert dem gemeinsamen Gebet widmen. (108)
Es wäre also ein Fehler, in der den Wochenrhythmus respektierenden
Gesetzgebung eine bloße geschichtliche Gegebenheit ohne Wert für die Kirche
zu sehen, auf welche sie verzichten könnte. Die Konzilien haben nicht
aufgehört, auch nach dem Ende des Reiches an den Verfügungen festzuhalten,
die sich auf die Sonntagsruhe beziehen. In den Ländern, in denen die
Christen eine kleine Minderheit bilden und die auf dem Kalender vorgesehenen
Feiertage nicht dem Sonntag entsprechen, bleibt der Sonntag später trotzdem
immer der Tag des Herrn, der Tag, an dem die Gläubigen zur eucharistischen
Versammlung zusammenkommen. Das geschieht jedoch um den Preis nicht geringer
Opfer. Für die Christen ist es nicht normal, daß der Sonntag, Fest- und
Freudentag, nicht auch Ruhetag ist, und es ist für sie schwierig, den
Sonntag »zu heiligen«, wenn sie nicht über genügend Freizeit verfügen.
65. Andererseits hat der Zusammenhang zwischen dem Tag des Herrn und dem
Ruhetag in der zivilen Gesellschaft eine Wichtigkeit und Bedeutung, die über
die eigentlich christliche Sicht hinausgehen. Der Wechsel zwischen Arbeit
und Ruhe, der zur menschlichen Natur gehört, ist nämlich von Gott selbst
gewollt, wie aus dem Schöpfungsbericht im Buch Genesis (vgl. 2,2-3; Ex
20,8-11) hervorgeht: Die Ruhe ist etwas Heiliges, sie ist für den Menschen
die Voraussetzung, um sich dem manchmal allzu vereinnahmenden Kreislauf der
irdischen Verpflichtungen zu entziehen und sich wieder bewußt zu machen, daß
alles Gottes Werk ist. Die wunderbare Macht, die Gott dem Menschen über die
Schöpfung gibt, könnte Gefahr laufen, ihn vergessen zu lassen, daß Gott der
Schöpfer ist, von dem alles abhängt. Um so dringender ist diese Anerkennung
in unserer Zeit, wo Wissenschaft und Technik die Macht, die der Mensch durch
seine Arbeit ausübt, unglaublich ausgeweitet haben.
66. Schließlich dürfen wir nicht aus dem Blick verlieren, daß auch in
unserer Zeit für viele die Arbeit harte Knechtschaft ist, sei es auf Grund
der elenden Arbeitsbedingungen und der auferlegten Arbeitszeiten, besonders
in den ärmsten Gegenden der Welt, oder weil es selbst in den wirtschaftlich
hochentwickelten Gesellschaften allzu viele Fälle von Ungerechtigkeit und
Ausbeutung des Menschen durch den Menschen gibt. Wenn die Kirche im Laufe
der Jahrhunderte Gesetze über die Sonntagsruhe erlassen hat, (109) hatte sie
vor allem die Arbeit der Sklaven und der Arbeiter im Blick; nicht deshalb,
weil es sich um eine weniger würdige Arbeit im Hinblick auf die geistlichen
Anforderungen der sonntäglichen Praxis gehandelt hätte, sondern eher weil
sie am dringendsten einer Regelung bedurfte, die ihre Last erleichterte und
allen die Heiligung des Sonntags erlaubte. Unter diesem Gesichtspunkt
bezeichnete mein Vorgänger Leo XIII. in der EnzyklikaRerum novarum
die Sonntagsruhe als ein Recht des Arbeiters, das der Staat garantieren
müsse. (110)
Auch in unserem geschichtlichen Kontext bleibt die Verpflichtung
bestehen, sich dafür einzusetzen, daß alle Freiheit, Ruhe und Entspannung
erfahren können, die für ihre Würde als Menschen notwendig sind; eng
verbunden mit dieser Würde sind die religiösen, familiären, kulturellen und
zwischenmenschlichen Bedürfnisse und Ansprüche, die kaum befriedigt werden
können, wenn nicht wenigstens ein Tag in der Woche sichergestellt wird, an
dem man miteinander
die Möglichkeit zum Ausruhen und zum Feiern genießen kann. Dieses Recht
des Arbeiters auf Ruhe setzt natürlich sein Recht auf Arbeit voraus. Während
wir über diese Problematik, die mit der christlichen Auffassung des Sonntags
verbunden ist, nachdenken, müssen wir mit großer Anteilnahme an die
Notsituation so vieler Männer und Frauen erinnern, die wegen fehlender
Arbeitsplätze auch an den Arbeitstagen zur Untätigkeit gezwungen sind.
67. Durch die Sonntagsruhe können die täglichen Sorgen und Aufgaben
wieder ihre richtige Dimension erlangen: die materiellen Dinge, über die wir
uns erregen, machen den Werten des Geistes Platz; die Menschen, mit denen
wir leben, nehmen in der Begegnung und im ruhigeren Gespräch wieder ihr
wahres Gesicht an. Selbst die Schönheiten der Natur — oft genug von einer
Herrschermentalität, die sich gegen den Menschen wendet, verdorben — können
wiederentdeckt und intensiv genossen werden. Der Sonntag als ein Tag, an dem
der Mensch mit Gott, mit sich selber und mit seinen Mitmenschen Frieden
schließt, wird so zur Einladung für den Menschen, einen erneuerten Blick auf
die Wunderwerke der Natur zu werfen und sich von jener wunderbaren und
geheimnisvollen Harmonie einbinden zu lassen, von der der heilige Ambrosius
meint, daß sie durch »ein unübertretbares Gesetz der Eintracht und der
Liebe« die verschiedenen Elemente des Kosmos in ein »Band der Einheit und
des Friedens« einigt. (111) Der Mensch wird sich nun nach den Worten des
Apostels mehr bewußt, daß »alles, was Gott geschaffen hat, gut ist und
nichts verwerflich ist, wenn es mit Dank genossen wird; es wird geheiligt
durch Gottes Wort und durch das Gebet« (1 Tim 4,4-5). Wenn also der
Mensch nach sechs Arbeitstagen — die sich in Wirklichkeit für viele bereits
auf fünf Tage verringert haben — eine Zeit der Entspannung und besserer
Beschäftigung mit anderen Aspekten des eigenen Lebens sucht, so entspricht
das einem echten Bedürfnis. Der Glaubende muß jedoch dieses Bedürfnis
befriedigen, ohne den wichtigen Ausdrucksformen seines in der Feier und
Heiligung des Herrentages bekundeten persönlichen und gemeinschaftlichen
Glaubens Schaden zuzufügen.
Es ist darum natürlich, daß sich die Christen dafür einsetzen, daß auch
unter den besonderen Gegebenheiten unserer Zeit die Zivilgesetzgebung ihrer
Pflicht zur Heiligung des Sonntags Rechnung trägt. Es ist für sie jedenfalls
eine Gewissenspflicht, die Sonntagsruhe so zu organisieren, daß ihnen die
Teilnahme an der Eucharistiefeier möglich ist, indem sie sich jener Arbeiten
und Tätigkeiten enthalten, die mit der Heiligung des Sonntags, mit der ihm
eigenen Freude und mit der für Geist und Körper notwendigen Erholung
unvereinbar sind. (112)
68. In Anbetracht dessen, daß die Erholung selbst, um nicht in Leerheit
zu enden oder Quelle von Langeweile zu werden, geistige Bereicherung,
größere Freiheit, die Möglichkeit der Kontemplation und der brüderlichen
Gemeinschaft mit sich bringen muß, werden die Gläubigen unter den Mitteln
der Kultur und den von der Gesellschaft angebotenen Vergnügungen jene
auswählen, die am besten mit einem Leben nach den Vorschriften des
Evangeliums übereinstimmen. So gesehen, gewinnt die Sonntags- und
Feiertagsruhe eine »prophetische« Dimension, indem sie nicht nur den
absoluten Primat Gottes, sondern auch den Primat und die Würde des Menschen
gegenüber den Forderungen des Gesellschafts- und Wirtschaftslebens
bekräftigt und in gewisser Weise den »neuen Himmel« und die »neue Erde«
vorwegnimmt, wo die Befreiung von der Sklaverei der Bedürfnisse endgültig
und vollständig sein wird. Kurz, der Tag des Herrn wird so ganz authentisch
auch zum Tag des Menschen.
Tag der Solidarität
69. Der Sonntag soll den Gläubigen auch Gelegenheit geben, sich den
Tätigkeiten der Barmherzigkeit, der Nächstenliebe und des Apostolates zu
widmen. Die innere Teilnahme an der Freude des auferstandenen Christus muß
auch das volle Teilen der Liebe einschließen, die im Herzen des
Auferstandenen pulsiert: Freude ohne Liebe gibt es nicht! Jesus selbst
erklärt das, wenn er das »neue Gebot« mit der Freude, die er schenkt, in
Zusammenhang bringt: »Wenn ihr meine Gebote haltet, werdet ihr in meiner
Liebe bleiben, so wie ich die Gebote meines Vaters gehalten habe und in
seiner Liebe bleibe. Dies habe ich euch gesagt, damit meine Freude in euch
ist und damit eure Freude vollkommen wird. Das ist mein Gebot: Liebt
einander, so wie ich euch geliebt habe« (Joh 15,10-12).
Die Sonntagsmesse hält also, wenn sie vollgültig gefeiert wird,
keineswegs von den Pflichten der Nächstenliebe ab, im Gegenteil, sie
verpflichtet die Gläubigen »zu allen Werken der Liebe, der Frömmigkeit und
des Apostolates. Durch solche Werke soll offenbar werden, dab die
Christgläubigen zwar nicht von dieser Welt sind, daß sie aber Licht der Welt
sind und den Vater vor den Menschen verherrlichen«. (113)
70. Tatsächlich ist seit der Zeit der Apostel die sonntägliche
Zusammenkunft für die Christen ein Augenblick brüderlichen Teilens gegenüber
den Ärmsten gewesen. »Jeder soll immer am ersten Tag der Woche etwas
zurücklegen und so zusammensparen, was er kann« (1 Kor 16,2). Hier
handelt es sich um die von Paulus angeregte Sammlung für die armen Gemeinden
Judäas. Bei der Eucharistiefeier am Sonntag weitet sich das Herz des
Glaubenden zu den Dimensionen der Kirche. Die Aufforderung des Apostels muß
aber in ihrer ganzen Tiefe begriffen werden: Es liegt ihm fern, eine
engherzige »Obolus«-Mentalität zu fördern, vielmehr appelliert er an eine
anspruchsvolle Kultur des Teilens, die sowohl unter den Gliedern der
Gemeinde selbst wie im Verhältnis zur ganzen Gesellschaft verwirklicht
werden soll. (114) Mehr denn je gilt es, wieder auf die strengen Ermahnungen
zu hören, die er an die Gemeinde von Korinth richtet, die sich schuldig
gemacht hat, bei der mit dem »Herrenmahl« einhergehenden brüderlichen Agape
die Armen gedemütigt zu haben: »Was ihr bei euren Zusammenkünften tut, ist
keine Feier des Herrenmahls mehr; denn jeder verzehrt sogleich seine eigenen
Speisen, und dann hungert der eine, während der andere schon betrunken ist.
Könnt ihr denn nicht zu Hause essen und trinken? Oder verachtet ihr die
Kirche Gottes? Wollt ihr jene demütigen, die nichts haben?« (1 Kor
11,20-22). Nicht weniger streng sind die Worte des Jakobus: »Wenn in eure
Versammlung ein Mann mit goldenen Ringen und prächtiger Kleidung kommt, und
zugleich kommt ein Armer in schmutziger Kleidung, und ihr blickt auf den
Mann in der prächtigen Kleidung und sagt: Setz dich hier auf den guten
Platz!, und zu dem Armen sagt ihr: Du kannst dort stehen!, oder: Setz dich
zu meinen Füßen! — macht ihr dann nicht untereinander Unterschiede und fällt
Urteile aufgrund verwerflicher Überlegungen?« (2,2-4).
71. Die Weisungen der Apostel fanden schon in den ersten Jahrhunderten
breiten Widerhall und riefen in der Verkündigung der Kirchenväter kraftvolle
Akzente hervor. Feurig sprach der hl. Ambrosius zu den Reichen, die sich
brüsteten, ihre religiösen Verpflichtungen einzulösen, indem sie in die
Kirche gingen, ohne ihre Güter mit den Armen zu teilen und diese sogar
unterdrückten: »Höre, du Reicher, was sagt der Herr? Und du kommst in die
Kirche, nicht um etwas den Armen zu geben, sondern um zu nehmen« (115) Der
hl. Johannes Chrysostomos äußert sich in diesem Zusammenhang nicht weniger
fordernd: »Willst du den Leib Christi ehren? Geh nicht an ihm vorüber, wenn
er nackt ist. Verehre ihn nicht hier im Tempel mit Seidenstoffen, um dann
draußen an ihm vorüberzugehen, wo er unter Kälte und Nacktheit leidet. Er,
der gesagt hat: "Das ist mein Leib", ist derselbe, der gesagt hat: "Ihr habt
mich hungrig gesehen und habt mir nicht zu essen gegeben", und "Was ihr für
einen der Geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan"
[...]. Was nützt es, daß der eucharistische Tisch mit Goldkelchen überladen
ist, wenn Er vor Hunger stirbt? Gib zuerst ihm, dem Hungernden, zu essen,
dann kannst du mit dem, was übriggeblieben ist, auch den Altar schmücken«.
(116)
Diese Worte erinnern die christliche Gemeinde auf wirkungsvolle Weise an
ihre Pflicht, die Eucharistiefeier zu dem Ort zu machen, wo die
Brüderlichkeit zu konkreter Solidarität wird und in der Überlegung und in
der Liebe der Brüder die Letzten zu den Ersten werden, wo Christus selber
durch die großzügige Gabe der Reichen an die Armen auf eine bestimmte Art
das Wunder der Brotvermehrung in die Zeit weiterwirken kann. (117)
72. Die Eucharistie ist Ereignis und Vorhaben der Brüderlichkeit. Von der
Sonntagsmesse geht eine Welle der Liebe aus, die sich im ganzen Leben der
Gläubigen ausbreiten soll, angefangen damit, daß sie die Art und Weise, wie
der übrige Sonntag gelebt wird, beeinflußt. Denn wenn der Sonntag der Tag
der Freude ist, muß der Christ durch sein konkretes Verhalten deutlich
machen, daß man »allein« nicht glücklich sein kann. Er blickt um sich, um
jene Menschen zu ermitteln, die konkret seine Solidarität nötig haben
könnten. Es kann vorkommen, daß es in seiner Nachbarschaft oder in seinem
Bekanntenkreis Kranke, Alte, Kinder, Einwanderer »gibt«, die gerade am
Sonntag ihre Einsamkeit, ihre Not, ihren Leidenszustand noch schmerzlicher
empfinden. Der Einsatz für sie darf sich natürlich nicht auf eine
gelegentliche Initiative am Sonntag beschränken. Aber warum sollte man nicht
durch diese Haltung des umfassenden Engagements dem Tag des Herrn auch einen
stärkeren Anstrich des Teilens geben, indem man den ganzen
Erfindungsreichtum aktiviert, zu dem die christliche Liebe fähig ist?
Einsame und notleidende Menschen zu sich zum Essen einzuladen, Kranke zu
besuchen, bedürftige Familien mit Nahrung zu versorgen, einige Stunden
besonderen Initiativen des freiwilligen Dienstes und der Solidarität zu
widmen — das wären gewiß Möglichkeiten, um die am eucharistischen Tisch
geschöpfte Liebe Christi in das Leben einzubringen.
73. So gelebt, wird nicht nur die Eucharistiefeier, sondern der ganze
Sonntag zu einer großartigen Schule der Nächstenliebe, der Gerechtigkeit und
des Friedens. Die Gegenwart des Auferstandenen inmitten der Seinen wird zum
Vorhaben der Solidarität, zum dringenden Verlangen nach innerer Erneuerung,
zum Ansporn, die Strukturen der Sünde zu ändern, in welche die einzelnen,
die Gemeinden, manchmal ganze Völker verstrickt sind. Der christliche
Sonntag ist also alles andere als Vergnügung; er ist vielmehr in die Zeit
eingeschriebene »Prophetie«, Prophetie, welche die Gläubigen verpflichtet,
den Fußstapfen dessen nachzugehen, der gekommen ist, »damit er den Armen
eine gute Nachricht bringe; damit er den Gefangenen die Entlassung verkünde
und den Blinden das Augenlicht; damit er die Zerschlagenen in Freiheit setze
und ein Gnadenjahr des Herrn ausrufe« (Lk 4,18-19). Im sonntäglichen
Gedächtnis des Ostergeheimnisses begibt sich der Glaubende in die Schule
dessen, der verheißen hat: »Frieden hinterlasse ich euch, meinen Frieden
gebe ich euch« (Joh 14,27). Ind indem er sich an dieses Wort
erinnert, wird er seinerseits zumBaumeister des Friedens.
FÜNFTES KAPITEL
DIES DIERUM
Der Sonntag,
der ursprüngliche Feiertag,
der den Sinn der Zeit offenbart
Christus – Alpha und Omega der Zeit
74. »Im Christentum kommt der Zeit eine fundamentale Bedeutung zu.
Innerhalb ihrer Dimension wird die Welt erschaffen, in ihrem Umfeld
entfaltet sich die Heilsgeschichte, die ihren Höhepunkt in der "Fülle der
Zeit" der Menschwerdung und ihr Ziel in der glorreichen Wiederkunft des
Gottessohnes am Ende der Zeiten hat. In Jesus Christus, dem
fleischgewordenen Wort, wird die Zeit zu einer Dimension Gottes, der in sich
ewig ist«. (118)
Die Jahre des Erdendaseins Christi stellen im Licht des Neuen Testamentes
tatsächlich die Mitte der Zeit dar. Diese Mitte hat ihren Höhepunkt in der
Auferstehung. Denn wenn es auch wahr ist, daß er vom ersten Augenblick der
Empfängnis an im Schoß der heiligen Jungfrau menschgewordener Gott ist, ist
es doch auch wahr, daß seine Menschlichkeit erst durch die Auferstehung
vollständig verklärt und verherrlicht wird und so seine göttliche Identität
und Herrlichkeit voll offenbart. Paulus wendet in seiner Rede in der
Synagoge von Antiochia in Pisidien sehr treffend die Aussage von Psalm 2 auf
die Auferstehung Christi an: »Mein Sohn bist du, heute habe ich dich
gezeugt« (V. 7). Genau aus diesem Grund stellt uns die Kirche in der
Osternachtfeier den auferstandenen Christus als »Anfang und Ende, Alpha und
Omega« vor. Diese Worte, die vom Priester gesprochen werden während er in
die Osterkerze die Zahl des laufenden Jahres einritzt, machen offenkundig,
daß »Christus der Herr der Zeit ist; er ist ihr Anfang und ihre Erfüllung;
jedes Jahr, jeder Tag und jeder Augenblick werden von seiner Menschwerdung
und seiner Auferstehung umfangen und befinden sich auf diese Weise in der
"Fülle der Zeit"«. (119)
75. Da der Sonntag das wöchentliche Ostern ist, wo der Tag in Erinnerung
gerufen und vergegenwärtigt wird, an dem Christus von den Toten auferstanden
ist, ist er auch der Tag, der die Bedeutung der Zeit offenbart. Es besteht
keine Verwandtschaft mit den kosmischen Zyklen, in welchen Naturreligion und
menschliche Kultur bestrebt sind, die Zeit dem Rhythmus anzupassen, wobei
sie sich vielleicht dem Mythos von der ewigen Wiederkehr hingeben. Der
christliche Sonntag ist etwas völlig anderes! Aus der Auferstehung
hervorgehend, zerteilt er die Zeiten des Menschen, die Monate, die Jahre,
die Jahrhunderte, wie ein Richtungspfeil, der sie durchdringt und auf das
Ziel der Wiederkunft Christi ausrichtet. Der Sonntag nimmt den Endtag
vorweg, den Tag der Parusie, wie er im Geschehen der Auferstehung von
der Herrlichkeit Christi angekündigt wird. Der Christ weiß nämlich, daß er
auf keine andere Heilszeit zu warten braucht, sondern daß die Welt, wie
lange ihre zeitliche Dauer auch währen mag, bereits in der Endzeit lebt.
Denn alles, was bis zum Weltende geschehen wird, wird nur eine Ausweitung
und Verdeutlichung dessen sein, was an dem Tag geschehen ist, an dem der
gemarterte Leib des Gekreuzigten durch die Macht des Geistes auferstanden
und seinerseits für die Menschheit zur Quelle des Geistes geworden ist. Der
Christgläubige weiß deswegen, daß er auf keine andere Zeit der Erlösung
warten muß, da die Welt, wie lange sie auch zeitlich noch dauern wird, sich
bereits in der Endzeit befindet. Vom verherrlichten Christus wird nicht nur
die Kirche, sondern der Kosmos und die Geschichte unablässig geführt und
geleitet. Es ist diese Kraft des Lebens, die Schöpfung, die »bis zum
heutigen Tag seufzt und in Geburtswehen liegt« (Röm
8,22) zielstrebig auf ihre endgültige Erlösung treibt. Von diesem Weg kann
der Mensch nur eine dunkle Ahnung haben; die Christen besitzen die Chiffre
und die Gewißheit dafür, und die Heiligung des Sonntags ist ein beredtes
Zeugnis, das zu geben sie aufgerufen sind, damit die Zeiten des Menschen
immer von der Hoffnung getragen sind.
Der Sonntag im Kirchenjahr
76. Wenn der Tag des Herrn mit seinem Wochenrhythmus in der ältesten
Überlieferung der Kirche ihre Wurzeln hat und für den Christen von
lebenswichtiger Bedeutung ist, so hat die Durchsetzung eines anderen
Rhythmus nicht lange auf sich warten lassen: der Jahreskreis. Es entspricht
in der Tat der menschlichen Psychologie, Jahrestage zu feiern, wobei man mit
der Wiederkehr der Daten und Jahreszeiten die Erinnerung an Ereignisse der
Vergangenheit verbindet. Wenn es sich dann um Ereignisse handelt, die für
das Leben eines Volkes entscheidend sind, so ist es ganz normal, daß ihr
Jahrestag eine festliche Stimmung auslöst, welche die Monotonie der Tage
unterbricht.
Nun standen die Hauptereignisse der Erlösung, auf die sich das Leben der
Kirche gründet, durch Gottes Plan in engem Zusammenhang mit dem Pascha- und
dem Pfingstfest, jährlichen Festen der Juden, und wurden in ihnen
prophetisch angekündigt. Seit dem zweiten Jahrhundert hat es die Christliche
Feier des jährlichen Paschafestes zusätzlich zum wöchentlichen Pascha
möglich gemacht, der Besinnung auf das Mysterium des gestorbenen und
auferstandenen Christus mehr Raum zu geben. Das Osterfest, dem als
Vorbereitung eine Fastenzeit vorausging und als »Fest der Feste« im Verlauf
einer langen Nachtwache gefeiert sowie dann durch fünfzig, auf das
Pfingstfest hinführende Tage verlängert wurde, ist zum Tag der Initiation
der Katechumenen schlechthin geworden. Wenn sie tatsächlich durch die Taufe
der Sünde sterben und zu einem neuen Leben auferstehen, so deshalb, weil
Jesus »wegen unserer Verfehlungen hingegeben, wegen unserer Gerechtmachung
auferweckt wurde« (Röm 4,25; vgl. 6,3-11). In seiner engen
Verknüpfung mit dem Pascha-Mysterium gewinnt das Pfingstfest besondere
Bedeutung, an dem die Herabkunft des Heiligen Geistes auf die zusammen mit
Maria versammelten Apostel und der Beginn ihrer Entsendung zu allen Völkern
gefeiert wird. (120)
77. Eine solche Logik des Gedenkens lag der Gliederung des ganzen
Kirchenjahres zugrunde. Wie das II. Vatikanische Konzil ausführt, wollte die
Kirche im Jahreskreis »das ganze Mysterium Christi von der Menschwerdung und
Geburt bis zur Himmelfahrt, zum Pfingsttag und zur Erwartung der seligen
Hoffnung und der Wiederkunft des Herrn« entfalten. »Indem sie so die
Mysterien der Erlösung feiert, erschließt sie die Reichtümer der
Machterweise und der Verdienste ihres Herrn, so daß sie jederzeit
gewissermaßen gegenwärtig gemacht werden und die Gläubigen mit ihnen in
Berührung kommen und mit der Gnade des Heiles erfüllt werden«. (121)
Das feierlichste Fest nach Ostern und Pfingsten ist zweifellos das
Geburtsfest des Herrn, an dem sich die Christen auf das Geheimnis der
Menschwerdung besinnen und in das Wort Gottes versenken, das sich herabläßt,
unser Menschsein anzunehmen, um uns zu Teilhabern an seiner Göttlichkeit zu
machen.
78. Desgleichen »verehrt bei der Feier dieses Jahreskreises der Mysterien
Christi die heilige Kirche mit besonderer Liebe Maria, die selige
Gottesgebärerin, die durch ein unzerreißbares Band mit dem Heilswerk ihres
Sohnes verbunden ist«. (122) In derselben Weise wurden in den Jahreskreis
anläßlich ihrer Jahresfeiern die Gedächtnistage der Märtyrer und anderer
Heiliger eingefügt, dabei »verkündet die Kirche das Pascha-Mysterium in den
Heiligen, die mit Christus gelitten haben und in ihm verherrlicht sind«.
(123) Das im echten Geist der Liturgie gefeierte Gedächtnis der Heiligen
verdunkelt nicht die zentrale Stellung Christi, sondern hebt sie im
Gegenteil hervor, indem sie die Macht seiner Erlösung aufzeigt. Wie der hl.
Paulinus von Nola in einem seiner Gedichte schreibt, »vergeht alles, die
Verherrlichung der Heiligen dauert in Christus fort, der alles erneuert,
während er derselbe bleibt«. (124) Dieser innere Zusammenhang zwischen der
Verherrlichung der Heiligen und der Verherrlichung Christi ist in die
Ordnung des Kirchenjahres selbst einbezogen und findet gerade in dem
grundlegenden, beherrschenden Wesen des Sonntags als Tag des Herrn seinen
sprechendsten Ausdruck. Das kirchliche und geistliche Engagement des
Christen wird, den Zeiten des Kirchenjahres folgend, bei der Einhaltung des
Sonntags, der dieses Kirchenjahr zerteilt, tief in Christus verankert,
woraus es Nahrung und Ansporn schöpft.
79. Der Sonntag erscheint somit als das natürliche Modell, um jene
Feiertage des Kirchenjahres zu verstehen und zu begehen, deren Wert für das
christliche Leben so groß ist, daß die Kirche beschlossen hat, ihre
Bedeutung dadurch zu unterstreichen, daß sie die Gläubigen zur Teilnahme an
der Messe und zur Einhaltung der Ruhe zu verpflichten, obgleich diese Feste
auf wechselnde Wochentage fallen. (125) Die Zahl dieser Feiertage ändert
sich in den verschiedenen Epochen mit Rücksicht auf die soziale und
wirtschaftliche Situation sowie auf die Verwurzelung der Feiertage in der
Tradition und zudem auf die unterstützende Absicherung durch die zivile
Gesetzgebung. (126)
Die aktuelle kanonisch-liturgische Ordnung sieht die Möglichkeit vor, daß
jede Bischofskonferenz je nach den besonderen Verhältnissen dieses oder
jenes Landes die Zahl der gebotenen Feiertage verringern kann. Der etwaige
diesbezügliche Beschluß bedarf einer vorherigen besonderen Genehmigung des
Apostolischen Stuhls (127) und in diesem Fall wird die Feier eines
Geheimnisses des Herrn wie die Erscheinung, die Himmelfahrt oder das Fest
des Leibes und Blutes Christi den liturgischen Vorschriften entsprechend auf
einen Sonntag verlegt werden, damit es den Gläubigen nicht vorenthalten
bleibt, sich auf das Geheimnis zu besinnen. (128) Ebenso soll es den
Bischöfen ein Anliegen sein, die Gläubigen zur Teilnahme an der Messe auch
an den wichtigen Feiertagen zu ermuntern, die auf einen Wochentag fallen.
(129)
80. Eine eigene seelsorgerische Erörterung jene häufigen Situationen
verdienen, wo volkstümliche und kulturelle Traditionen, die für ein
bestimmtes Umfeld typisch sind, das Feiern der Sonntage und der anderen
liturgischen Feiern zu überschwemmen und den Geist des authentischen
christlichen Glaubens mit Elementen zu vermischen drohen, die ihm fremd sind
und ihn entstellen könnten. In diesen Fällen muß man mit Hilfe der Katechese
und durch entsprechendes pastorales Eingreifen Klarheit schaffen. Alles, was
sich nicht mit dem Evangelium Christi verträgt, muß verworfen werden. Es
darf aber nicht übersehen werden, daß es diesen Traditionen — und das gilt
auch für neue kulturelle Vorhaben der zivilisierten Gesellschaft — oft nicht
an Werten fehlt, die sich ohne Schwierigkeit mit den Ansprüchen des Glaubens
verbinden lassen. Es ist Aufgabe der Bischöfe, eine Unterscheidung
vorzunehmen, die die echten Werte, die in der Kultur eines bestimmten
gesellschaftlichen Umfeldes und insbesondere in der Volksfrömmigkeit
vorhanden sind, bewahrt und dadurch bewirken soll, daß die Mebfeier
besonders an den Sonn- und Feiertagen nicht darunter leidet, sondern eine
Bereicherung erfährt. (130)
SCHLUSS
81. Der spirituelle und pastorale Reichtum des Sonntags, wie er der
Kirche von der Überlieferung anvertraut wurde, ist wirklich großartig. Der
Sonntag in der Vollständigkeit seiner Bedeutungen und Implikationen ist in
gewissem Maße eine Zusammenfassung des christlichen Lebens und
Voraussetzung, es richtig zu leben. Man versteht also, warum der Kirche die
Einhaltung des Tages des Herrn am Herzen liegt und diese im Rahmen der
kirchlichen Disziplin eine regelrechte Pflicht bleibt. Sie darf jedoch nicht
nur als Gebot angesehen werden, sondern sie muß als ein Bedürfnis empfunden
werden, das zutiefst in die christliche Existenz eingeschrieben ist. Es ist
tatsächlich von grundlegender Bedeutung, daß sich jeder Glaubende davon
überzeugt, weder seinen Glauben leben noch am Leben der Gemeinschaft
teilnehmen zu können, wenn er sich nicht vor allem durch die Teilnahme an
der sonntäglichen Eucharistiefeier vom Wort Gottes und vom eucharistischen
Brot nährt. Wenn sich in der Eucharistie jene Fülle kultischer Verehrung
verwirklicht, die die Menschen Gott schulden und die sich mit keiner anderen
religiösen Erfahrung vergleichen lassen. Dies kommt besonders wirkungsvoll
in der sonntäglichen Zusammenkunft der ganzen Gemeinde zum Ausdruck, die der
Stimme des Auferstandenen folgt, der sie zusammenruft, um ihr das Licht
seines Wortes und die Nahrung seines Leibes als ewige sakramentale Quelle
der Erlösung zu schenken. Die Gnade, die aus dieser Quelle entspringt,
erneuert die Menschen, das Leben und die Geschichte.
82. Und mit dieser festen Glaubensüberzeugung, begleitet vom Bewußtsein,
daß in der Feier des Sonntags auch ein Erbe menschlicher Werte enthalten
sind, müssen die heutigen Christen gegenüber den Beanspruchungen
einer Kultur auftreten, die zwar in wohltuender Weise die Forderungen nach
Erholung und Freizeit durchgesetzt hat, sie aber oft auf sehr oberflächliche
Weise lebt und sich zu Formen des Vergnügens verleiten läßt, die moralisch
umstritten sind. Gewiß fühlt sich der Christ mit den anderen Menschen im
Genießen des wöchentlichen Ruhetages solidarisch; zugleich aber ist er sich
der Neuheit und Ursprünglichkeit des Sonntags lebhaft bewußt, des Tages, an
dem er aufgerufen ist, sein und das Heil der ganzen Menschheit zu feiern.
Wenn es ein Tag der Freude und der Erholung ist, dann deshalb, weil es der
»Herrentag«, der Tag des auferstandenen Herrn ist.
83. So verstanden und gelebt wird der Sonntag gleichsam zur Seele der
anderen Tage, und in diesem Sinn kann man die Feststellung des Origines
anführen, wonach der vollkommene Christ »sich immer am Tag des Herrn
befindet, immer den Sonntag feiert«. (131) Der Sonntag ist eine echte
Schule, eine ständige Anleitung kirchlicher Pädagogik. Diese Pädagogik ist
unersetzlich, besonders in der Situation der heutigen Gesellschaft, welche
immer stärker von Zersplitterung und kulturellem Pluralismus gekennzeichnet
ist, die ständig die Treue der einzelnen Christen zu den besonderen
Forderungen ihres Glaubens auf die Probe stellen. In vielen Teilen der Welt
zeichnet sich der Zustand eines »Diaspora«-Christentums ab, das geprägt ist
von einer Situation der Zerstreuung, in der es den Jüngern Christi nicht
mehr gelingt, die Kontakte untereinander ohne Schwierigkeiten
aufrechtzuerhalten, und die auch nicht mehr von Strukturen und Traditionen,
wie sie für die christliche Kultur typisch sind, Hilfe erhalten. In diesem
problematischen Umfeld ist die Möglichkeit, sich am Sonntag mit den
Glaubensbrüdern zusammenzufinden, um die Gaben der Brüderlichkeit
auszutauschen, eine unverzichtbare Hilfe.
84. Der Sonntag, der zur Unterstützung des christlichen Lebens eingeführt
wurde, gewinnt natürlich auch einen Zeugnis- und Verkündigungswert. Als Tag
des Gebetes, der Gemeinschaft und der Freude hat er durch die Ausstrahlung
von Lebenskräften und Motiven zur Hoffnung eine Wirkung auf die
Gesellschaft. Er ist die Botschaft, daß die Zeit, die vom Auferstandenen und
vom Herrn der Geschichte bewohnt wird, nicht der Sarg unserer Illusionen,
sondern die Wiege einer stets neuen Zukunft ist, die Gelegenheit, die uns
gegeben wird, um die flüchtigen Augenblicke dieses Lebens in Samen der
Ewigkeit umzuwandeln. Der Sonntag ist eine Einladung, nach vorne zu schauen,
der Sonntag ist der Tag, an dem die christliche Gemeinde ihren Ruf »Marána
tha: Unser Herr, komm!« (1 Kor 16,22) an Christus richtet. In
diesem Ruf der Hoffnung und Erwartung wird sie zur Begleitung und Stütze der
Hoffnung der Menschen. Und von Christus erleuchtet geht sie, Sonntag für
Sonntag, dem Sonntag entgegen, der kein Ende kennt, dem Sonntag des
himmlischen Jerusalem, wenn die mystische Stadt Gottes in ihren Grundrissen
fertiggestellt sein wird, die »weder Sonne noch Mond braucht, die ihr
leuchten. Denn die Herrlichkeit Gottes erleuchtet sie, und ihre Leuchte ist
das Lamm« (Offb 21,23).
85. In dieser Zielstrebigkeit wird die Kirche vom Geist untertstützt und
beseelt. Er weckt wieder das Gedächtnis daran und aktualisiert für jede
Generation von Gläubigen das Auferstehungsereignis. Die innere Hingabe
vereint uns mit dem Auferstandenen und mit den Brüdern in der Vertrautheit
eines einzigen Leibes, der unseren Glauben stärkt und in unser Herz die
Liebe ausgießt, indem unsere Hoffnung wiederbelebt wird. Der Geist ist
ununterbrochen, an jedem Tag der Kirche, gegenwärtig; unvorhersehbar und
großzügig bricht er mit der Fülle seiner Gaben herein, doch bei der
sonntäglichen Zusammenkunft zur wöchentlichen Feier des Pascha-Mysteriums
läßt sich die Kirche besonders auf das Hören des Geistes ein und öffnet sich
zusammen mit ihm Christus im brennenden Verlangen nach seiner herrlichen
Wiederkehr: »Der Geist und die Braut aber sagen: Komm!« (Offb 22,17).
Gerade in der Betrachtung der Rolle des Heiligen Geistes war es mein Wunsch,
daß diese Aufforderung zur Wiederentdeckung des Sinnes des Sonntags gerade
in diesem Jahr fallen sollte, das im Zuge der unmittelbaren Vorbereitung auf
das Jubiläumsjahr dem Heiligen Geist gewidmet ist.
86. Ich vertraue die rege Aufnahme dieses Apostolischen Briefes von
seiten der christlichen Gemeinschaft der Fürsprache der Heiligen Jungfrau
an. Sie ist, ohne die zentrale Stellung Christi und seines Geistes im
geringsten zu beeinträchtigen, an jedem Sonntag der Kirche gegenwärtig. Das
verlangt das Geheimnis Christi selbst: Denn, wie könnte sie, die Mater
Domini und die Mater Ecclesiae, an dem Tag, der zugleich dies
Domini und dies ecclesiae, Tag des Herrn und Tag der Kirche, ist,
nicht in besonderer Weise gegenwärtig sein?
Auf die Jungfrau Maria blicken die Gläubigen, die das bei der
Sonntagsmesse verkündete Wort hören, von ihr lernen sie, es in ihrem Herzen
zu bewahren und darüber nachzudenken (vgl. Lk
2,19). Mit Maria lernen sie, am Fuße des Kreuzes zu stehen, um dem Vater
das Opfer Christi darzubringen und damit die Hingabe des eigenen Lebens zu
verbinden. Mit Maria erleben sie die Freude der Auferstehung, während sie
sich die Worte des Magnificat zu eigen machen, die das
unerschöpfliche Geschenk der Barmherzigkeit Gottes in dem unerbittlichen
Lauf der Zeit besingen: »Er erbarmt sich von Geschlecht zu Geschlecht über
alle, die ihn fürchten« (Lk 1,50). Sonntag für Sonntag begibt sich
das pilgernde Volk in die Fußstapfen Marias, und ihre mütterliche Fürsprache
verleiht dem Gebet, das die Kirche der Heiligsten Dreifaltigkeit richtet, am
Sonntag besondere Intensität und Wirksamkeit.
87. Liebe Brüder und Schwestern, das bevorstehende Jubiläumsjahr lädt uns
ein, unseren geistlichen und pastoralen Einsatz zu vertiefen. Denn das ist
sein eigentlicher Zweck. In dem Jahr, in dem es gefeiert wird, werden es
viele Initiativen auf charakteristische Weise prägen und ihm den besonderen
Stempel aufdrücken, der dem Ende des zweiten und dem Beginn des dritten
Jahrtausends seit der Menschwerdung des Wortes Gottes zukommt. Aber dieses
Jahr und diese besondere Zeit werden vorübergehen — in Erwartung anderer
Jubeljahre und anderer feierlicher Jahrestage. Der Sonntag mit seiner
gewöhnlichen »Feierlichkeit« wird weiterhin die Zeit der Pilgerschaft der
Kirche unterteilen — bis zu dem Sonntag, der ohne Ende sein wird.
Ich fordere Euch daher auf, liebe Mitbrüder im Bischofs- und Priesteramt,
unermüdlich mit den Gläubigen dafür zu wirken, daß der Wert dieses heiligen
Tages immer besser anerkannt und gelebt wird. Das wird für die christlichen
Gemeinden Früchte tragen und zweifellos wohltuenden Einfluß auf die
Gesellschaft insgesamt ausüben.
Die Männer und Frauen des dritten Jahrtausends sollen bei der Begegnung
mit der Kirche, die jeden Sonntag voll Freude das Geheimnis feiert, aus dem
sie ihr ganzes Leben schöpft, dem auferstandenen Christus selbst begegnen
können. Und seine Jünger sollen durch die ständige Erneuerung im
wöchentlichen Gedächtnis des Pascha-Mysteriums immer glaubwürdigere
Verkünder des Evangeliums vom Heil und rührige Baumeister der Zivilisation
der Liebe sein.
Allen gilt mein Apostolischer Segen!
Aus dem Vatikan, am 31. Mai, dem Pfingstfest des Jahres 1998, dem
zwanzigsten Jahr meines Pontifikates.
INHALTSVERZEICHNIS
Einführung
Kapitel I DIES DOMINI
Die Feier des Schöpfungswerkes Gottes
»Alles ist durch das Wort geworden« (Joh 1,3)
»Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde« (Gen 1,1)
Der »Sabbat«: das frohe Ruhen des Schöpfers
»Gott segnete den siebten Tag und erklärte ihn für heilig« (Gen
2,3)
»Gedenken«, um »heiligzuhalten«
Vom Sabbat zum Sonntag
Kapitel II DIES CHRISTI
Der Tag des auferstandenen Herrn und des Geschenkes des Geistes
Das wöchentliche Ostern
Der erste Tag der Woche
Zunehmende Unterscheidung vom Sabbat
Der Tag der Neuschöpfung
Der achte Tag, Bild der Ewigkeit
Der Tag Christi, des Lichtes
Der Tag der Gabe des Geistes
Der Tag des Glaubens
Ein unverzichtbarer Tag!
Kapitel III DIES ECCLESIAE
Die eucharistische Versammlung, das Herz des Sonntags
Die Gegenwart des Auferstandenen
Die eucharistische Versammlung
Die sonntägliche Eucharistiefeier
Der Tag der Kirche
Volk auf der Pilgerschaft
Tag der Hoffnung
Der Tisch des Gotteswortes
Der Tisch des Leibes Christi
Paschamahl und brüderliche Begegnung
Von der Messe zur »Sendung«
Das Sonntagsgebot
Eine freudenvolle und wohlklingende Feier
Eine einbindende und aktive Feier
Andere Aspekte des christlichen Sonntags
Versammlungen am Sonntag bei Abwesenheit des Priesters
Rundfunk- und Fernsehübertragungen
Kapitel IV DIES HOMINIS
Der Sonntag – Tag der Freude, der Ruhe und der Solidarität
Die »Fülle der Freude« Christi
Der Erfüllung des Sabbat
Der Tag der Ruhe
Tag der Solidarität
Kapitel V DIES DIERUM Der Sonntag, der ursprüngliche
Feiertag, der den Sinn der Zeit offenbart
Christus – Alpha und Omega der Zeit
Der Sonntag im Kirchenjahr
Schluss
(1) Vgl. Apg 1,10: »Kyriake heméra«; vgl. auch Didaché
14, 1; Ignatius von Antiochien,
Brief an die Magnesier 9, 1-2: SC 10, 88-89.
(2) Pseudo Eusebius von Alexandrien, Sermo 16: PG 86, 416.
(3) In die dominica Paschae II, 52: CCL 78, 550.
(4) II. Vat. Konzil, Konstitution über die heilige Liturgie
Sacrosanctum Concilium, 106.
(5) Ebd.
(6) Vgl. Motu proprio Mysterii paschalis (14. Februar 1969):
AAS 61 (1969), 222-226.
(7) Vgl. Pastorale Erklärung der italienischen Bischofskonferenz »Der
Tag des Herrn« (15. Juli 1984), Ench. CEI 3, 1398.
(8) Konstitution über die heilige Liturgie Sacrosanctum Concilium,
106.
(9) Predigt bei der Übernahme des Pontifikates (22. Oktober 1978), 5:
AAS 70 (1978), 947.
(10) Nr. 25: AAS 73 (1981), 639.
(11) Pastoralkonstitution über die Kirche in der Welt von heuteGaudium
et spes, 34.
(12) Der Sabbat wird von unseren jüdischen Brüdern mit einer
»bräutlichen« Spiritualität erlebt, wie das zum Beispiel in Texten wie
Genesis Rabbah X, 9 und XI, 8 (vgl. Jacob Neusner, Genesis Rabbah,
vol. I, Atlanta 1985, 107 u. 117) deutlich wird. Einen bräutlichen Ton weist
auch der Gesang Leka dôdi auf: »Über dich wird dein Gott glücklich
sein, wie der Bräutigam glücklich ist über seine Braut [...] o Braut,
Königin Sabbat, komme mitten unter die Gläubigen deines auserwählten
Volkes« (vgl. Preghiera serale del sabato, hrsg. von A. Toaff, Rom
1968-69, 3).
(13) Vgl. A. J. Heschel, The sabbath. Ist meaning for modern man
(22 ed. 1995), 3-24.
(14) »Verum autem sabbatum ipsum redemptorem nostrum Iesum Christum
Dominum habemus«: Ep 13,1: CCL 140 A, 992.
(15) Ep. ad Decentium XXV, 4, 7: PL 20, 555.
(16) Homiliae in Hexaemeron II,8: SC 26, 184.
(17) Vgl. In Io. ev. tractatus XX, 20, 2: CCL 36, 203;Epist.
55, 2: CSEL 34, 170-171.
(18) Besonders greifbar ist dieser Bezug zur Auferstehung in der
russischen Sprache, wo der Sonntag eben »Auferstehung« (voskresén'e)
heißt.
(19) Epist. 10, 96, 7.
(20) Vgl. ebd. Unter Bezugnahme auf den Brief des Plinius erwähnt
auch Tertullian die coetus antelucani in: Apologeticum 2, 6:CCL
1, 88; De corona 3, 3: CCL 2, 1043.
(21) Brief an die Magnesier 9,1-2: SC 10, 88-89.
(22) Sermo 8 in octava Paschalis, 4: PL 46, 841. Dieses
Wesensmerkmal des Sonntags als »erstem Tag« ist im lateinischen liturgischen
Kalender klar ersichtlich, wo der Montag feria secunda, der Dienstag
feria tertia usw. genannt wird. Eine ähnliche Bezeichnung der Wochentage
findet sich im Portugiesischen.
(23) Hl. Gregor von Nyssa, De castigatione: PG 46, 309. Auch in
der maronitischen Liturgie wird der Zusammenhang zwischen dem Sabbat und dem
Sonntag, vom »Geheimnis des Heiligen Samstag« an, betont (vgl. M. Hayek,
Maronite [Eglise], Dictionnaire de spiritualité,
X [1980], 632-644).
(24) Ritus der Kindertaufe, Nr. 9; vgl. Ritus der christlichen
Initiation Erwachsener, Nr. 59.
(25) Vgl. Missale Romanum, Ritus der sonntäglichen Besprengung mit
Weihwasser.
(26) Vgl. Hl. Basilius, Über den Heiligen Geist, 27, 66:
SC 17, 484-485. Vgl. auch Barnabas-Brief, 15, 8-9: SC
172, 186-189; Hl. Justinus, Dialog mit Tryphon, 24,138: PG
6, 528.793; Origenes, Psalmenkommentar, Psalm 118, 1: PG
12, 1588.
(27) »Domine, praestitisti nobis pacem quietis, pacem sabbati, pacem
sine vespera«: Confess., 13, 50: CCL 27, 272.
(28) Vgl. Hl. Augustinus, Epist. 55, 17: CSEL 34, 188: »Ita
ergo erit octavus, qui primus, ut prima vita sed aeterna reddatur«.
(29) So im englischen Sunday und im deutschen Sonntag.
(30) Apologia I, 67: PG 6, 430.
(31) Vgl. Hl. Maximus von Turin, Sermo 44, 1: CCL 23, 178;
Ders. Sermo 53, 2: CCL 23, 219; Eusebios von Cäsarea,Comm.
in Ps 91: PG 23, 1169-1173.
(32) Siehe z. B. den Hymnus der Lesehore: »Dies aetasque ceteris
octava splendet sanctior in te quam, Iesu, consecras primitiae surgentium«
(1. Woche); und auch: »Salve dies, dierum gloria dies felix Christi
victoria, dies digna iugi laetitia dies prima. Lux divina caecis irradiat,
in qua Christus infernum spoliat, mortem vincit et reconciliat summis ima«
(2. Woche). Ähnliche Ausdrücke finden sich in den Hymnen des Stundengebetes
in den modernen Sprachen.
(33) Vgl. Clemens Alexandrinus, Stromateis, VI, 138; 1-2: PG
9, 364.
(34) Vgl. Johannes Paul II., Enzyklika Dominum et vivificantem
(18. Mai 1986), 22-26: AAS 78 (1986), 829-837.
(35) Hl. Athanasios von Alexandrien, Festbriefe 1, 10: PG
26, 1366.
(36) Vgl. Bardesanes, Dialog Über das Fatum, 46: PS, 2,
606-607.
(37) Konstitution über die heilige Liturgie Sacrosanctum Concilium,
Anhang: Erklärung zur Kalenderreform.
(38) Vgl. II. Vat. Konzil, Dogmatische Konstitution über die KircheLumen
gentium, 9.
(39) Vgl. Johannes Paul II., Schreiben zum Gründonnerstag Dominicae
Cenae (24. Februar 1980), 4: AAS 72 (1980), 120; EnzyklikaDominum
et vivificantem (18. Mai 1986), 62-64: AAS 78 (1986), 889-894.
(40) Vgl. Johannes Paul II., Apostol. Schreiben Vicesimus quintus
annus (4. Dezember 1988), 9: AAS 81(1989), 905-906.
(41) Nr. 2177.
(42) Vgl. Johannes Paul II., Apostol. Schreiben Vicesimus quintus
annus (4. Dezember 1988), 9: AAS 81 (1989), 905-906.
(43) II. Vat. Konzil, Konstitution über die heilige Liturgie
Sacrosanctum Concilium, 41: vgl. Dekret über die Hirtenaufgabe der
BischöfeChristus Dominus, 15.
(44) Diese sind die Worte des Embolismus, der mit diesen oder ähnlichen
Ausdrücken in verschiedenen Sprachen in einigen Eucharistischen Hochgebeten
formuliert wird. Dieser unterstreicht auf bezeichnende Weise den
»österlichen« Charakter des Sonntags.
(45) Vgl. Kongregation für die Glaubenslehre, Schreiben an die Bischöfe
der katholischen Kirche über einige Aspekte der Kirche als CommunioCommunionis
notio (28. Mai 1992), 11-14: AAS
85 (1993), 844-847.
(46) Rede an die dritte Gruppe der Bischöfe der Vereinigten Staaten von
Amerika (17. März 1998) Nr. 4: Osservatore Romano 18. März 1998, 4.
(47) Konstitution über die heilige Liturgie Sacrosanctum Concilium,
42.
(48) Hl. Ritenkongregation, Instruktion über den Kult des eucharistischen
Mysteriums Eucharisticum mysterium (25. Mai 1967), 26:AAS 59
(1967), 555.
(49) Vgl. Hl. Cyprian, De Orat. Dom., 23: PL 4, 553;
Ders., De cath. Eccl. unitate, 7: CSEL 3-1, 215; II. Vat.
Konzil, Dogmat. Konstitution über die Kirche Lumen gentium, 4;
Konstitution über die heilige Liturgie Sacrosanctum Concilium, 26.
(50) Vgl. Johannes Paul II., Apostol. Schreiben Familiaris consortio
(22. November 1981), 57; 61: AAS 74 (1982), 151; 154.
(51) Vgl. Hl. Kongregation für den Gottesdienst, Direktorium für die
Kindermessen (1. November 1973): AAS 66 (1974), 30-46.
(52) Vgl. Hl. Ritenkongregation, Instruktion über den Kult des
eucharistischen Geheimnisses Eucharisticum mysterium (25. Mai 1967),
26:AAS 59 (1967), 555-556; Hl. Kongregation für die Bischöfe,
Direktorium für den pastoralen Dienst der Bischöfe
Ecclesiae imago (22. Februar 1973), 86c: Enchiridion Vaticanum,
4, Nr. 2071.
(53) Vgl. Johannes Paul II., Nachsynodales Apostol. Schreiben
Christifideles laici (30. Dezember 1988), 30: AAS 81 (1989),
446-447.
(54) Vgl. Hl. Kongregation für den Gottesdienst, Instruktion Messen
für besondere Gruppen (15. Mai 1969), 10: AAS 61 (1969), 810.
(55) Vgl. II. Vat. Konzil, Dogmatische Konstitution über die KircheLumen
gentium, 48-51.
(56) »Haec est vita nostra, ut desiderando exerceamur«: Hl.
Augustinus, In prima Ioan. tract. 4,6: SC 75, 232.
(57) Missale Romanum, Embolismus nach dem Vaterunser.
(58) II. Vat. Konzil, Pastoralkonstitution Gaudium et spes, 1.
(59) II. Vat. Konzil, Dogmatische Konstitution über die KircheLumen
gentium, 1; vgl. Johannes Paul II., Enzyklika Dominum et vivificantem
(18. Mai 1986), 61-64: AAS 78 (1986), 888-894.
(60) II. Vat. Konzil, Konstitution über die heilige Liturgie
Sacrosanctum Concilium, 7; vgl. 33.
(61) Ebd., 56; vgl. Ordo Lectionum Missae, Praenotanda, Nr.
10.
(62) Konstitution über die heilige Liturgie Sacrosanctum Concilium,
51.
(63) Vgl. ebd.. 52; Codex des kanonischen Rechtes, can. 767
§ 2; Codex des kanonischen Rechtes der orientalischen Kirchen, can.
614.
(64) Apostol. Konstitution Missale Romanum (3. April 1969):
AAS 61 (1969), 220.
(65) In der Konzilskonstitution Sacrosanctum Concilium, Nr. 24,
ist von »suavis et vivus Sacrae Scripturae affectus« die Rede.
(66) Johannes Paul II., Schreiben Dominicae Cenae (24. Februar
1980), 10: AAS 72 (1980), 135.
(67) Vgl. II. Vat. Konzil, Dogmatische Konstitution über die göttliche
Offenbarung Dei Verbum, 25.
(68) Vgl. Ordo Lectionum Missae, Praenotanda, Kap. III.
(69) Vgl. Ordo Lectionum Missae, Praenotanda, Kap. I, Nr. 6.
(70) Konzil von Trient, Sess. XXII, Lehre und Kanones über das
Meßopfer, II: DS, 1743; vgl. Katechismus der Katholischen
Kirche, 1366.
(71) Katechismus der Katholischen Kirche, 1368.
(72) Hl. Ritenkongregation, Instruktion über den Kult des eucharistischen
Geheimnisses Eucharisticum mysterium (25. Mai 1967), 3 b: AAS
59 (1967), 541. Vgl. Pius XII., Enzyklika
Mediator Dei (20. November 1947), II: AAS 39 (1947), 564-566.
(73) Vgl. Katechismus der Katholischen Kirche, 1385; vgl. auch
Kongregation für die Glaubenslehre, Schreiben an die Bischöfe der
katholischen Kirche über den Kommunionempfang von wiederverheirateten
geschiedenen Gläubigen (14. September 1994): AAS
86 (1994), 974-979.
(74) Vgl. Innozenz I., Epist. 25,1 an Decentius von Gubbio: PL
20, 553.
(75) II, 59, 2-3: ed. F.X. Funk, 1905, 170-171.
(76) Vgl. Apologia I, 67, 3-5: PG 6, 430.
(77) Acta SS. Saturnini, Dativi et aliorum plurimorum martyrum in
Africa, 7, 9, 10: PL 8, 707.709-710.
(78) Vgl. can. 21, Mansi, Conc. II, 9.
(79) Vgl. can. 47, Mansi, Conc. VIII, 332.
(80) Vgl. den von Innozenz XI. 1679 verurteilten gegenteiligen Satz
bezüglich der moralischen Verpflichtung zur Einhaltung der Feste: DS
2152.
(81) Can. 1248: »Festis de praecepto diebus Missa audienda est«;
can. 1247,1: »Dies festi sub praecepto in universa Ecclesia sunt... omnes
et singuli dies dominici«.
(82) Codex des kanonischen Rechtes, can. 1247; der Codex des
kanonischen Rechtes der orientalischen Kirchen, can. 881 § 1, schreibt
vor, daß »die Christgläubigen zur Pflicht angehalten sind, an den Sonntagen
und an den gebotenen Feiertagen an der Göttlichen Liturgie teilzunehmen,
oder, gemäß den Vorschriften oder der rechtmäßigen Gewohnheit der eigenen
Kirche sui iuris, an der Feier der Göttlichen Laudes«.
(83) Nr. 2181: »Wer diese Pflicht absichtlich versäumt, begeht eine
schwere Sünde«.
(84) Hl. Kongregation für die Bischöfe, Direktorium für den pastoralen
Dienst der Bischöfe Ecclesiae imago (22. Februar 1973), 86a:
Enchiridion Vaticanum 4, 2069.
(85) Vgl. Codex des kanonischen Rechtes, can. 905 § 2.
(86) Vgl. Pius XII., Apostol. Konstitution Christus Dominus (6.
Januar 1953): AAS 45 (1953), 15-24; Motu proprio Sacram
Communionem (19. März 1957): AAS 49 (1957), 177-178. Kongregation
des Hl. Offiziums, Instruktion über die Einhaltung des eucharistischen
Fastens (6. Januar 1953): AAS 45 (1953), 47-51.
(87) Vgl. Codex des kanonischen Rechtes, can. 1248 § 1;Codex
des Kirchenrechtes der orientalischen Kirchen, can. 881 § 2.
(88) Vgl. Missale Romanum, Normae universales de Anno liturgico et de
Calendario, 3.
(89) Vgl. Hl. Kongregation für die Bischöfe, Direktorium für den
pastoralen Dienst der Bischöfe Ecclesiae imago (22. Februar 1973),
86: Ench. Vat. 4, 2069-2073.
(90) Vgl. II. Vat. Konzil, Konstitution über die heilige LiturgieSacrosanctum
Concilium, 14. 26; Johannes Paul II., Apost. SchreibenVicesimus
quintus annus (4. Dezember 1998), 4.6.12: AAS 81 (1989), 900-901;
902; 909-910.
(91) Vgl. II. Vat. Konzil, Dogmatische Konstitution über die KircheLumen
gentium, 10.
(92) Vgl. Instruktion mehrerer Dikasterien zu einigen Fragen über die
Mitarbeit der Laien am Dienst der Priester Ecclesia de mysterio
(15. August 1997), 6.8: AAS 89 (1997), 869.870-872.
(93) II. Vat. Konzil, Dogmatische Konstitution über die KircheLumen
gentium, 10: »in oblationem Eucharistiae concurrunt«.
(94) Ebd., 11.
(95) Vgl. Codex des kanonischen Rechtes, can. 1248 § 2.
(96) Vgl. Hl. Kongregation für den Gottesdienst, Direktorium für die
Feier der Sonntagsmesse in Abwesenheit des Priesters Christi Ecclesia
(2. Juni 1988): Ench. Vat. 11, 442-468; Instruktion mehrerer
Dikasterien zu einigen Fragen über die Mitarbeit der Laien am Dienst der
PriesterEcclesia de mysterio (15. August 1997):
AAS 89 (1997), 852-877.
(97) Vgl. Codex des kanonischen Rechtes, can. 1248 § 2; Kongregation für
die Glaubenslehre, Schreiben Sacerdotium ministeriale (6. August
1983), III: AAS 75 (1983), 1007.
(98) Vgl. Päpstliche Kommission für die Sozialen Kommunikationsmittel,
Instruktion Communio et progressio (23. Mai 1971), 150-152.157:
AAS 63 (1971), 645-646.647.
(99) Proklamation durch den Diakon zu Ehren des Tages des Herrn: vgl. den
syrischen Text im Meßbuch nach dem Ritus der Kirche von Antiochien der
Maroniten (syrische und arabische Ausgabe), Jounieh (Libanon) 1959, 38.
(100) V, 20, 11: ed. F.X. Funk, 1905, 298; vgl. Didaché
14, 1: ed. F.X. Funk, 1901, 32; Tertullian, Apologeticum 16, 11:
CCL 1, 116. Siehe insbesondere Barnabasbrief, 15,9: SC
172, 188-189. »Darum feiern wir den achten Tag, an dem Jesus von den
Toten auferstanden und, nachdem er sich gezeigt hatte, zum Himmel
aufgefahren ist, als ein Freudenfest«.
(101) Tertullian unterrichtet uns zum Beispiel darüber, daß es an den
Sonntagen das Niederknien untersagt war, weil diese Stellung, die damals vor
allem als Bußhaltung galt, am Tag der Freude unangebracht erschien: vgl.De
corona 3,4: CCL 2, 1043.
(102) Vgl. Ep. 55, 28: CSEL 342, 202.
(103) Vgl. Hl. Theresa vom Kinde Jesu und vom Heiligen Antlitz, Derniers
entretiens, 5-6 Juillet 1897, in: Oeuvres complètes, Cerf-Desclée de
Brouwer, Paris 1992, 1024-1025.
(104) Apostol. Schreiben Gaudete in Domino (9. Mai 1975), II:AAS
67 (1975), 295.
(105) Ebd., VII, a.a.O., 322.
(106) Hex. 6, 10, 76: CSEL 321, 261.
(107) Vgl. Erlaß Konstantins vom 3. Juli 321: Codex Theodosianus II, tit.
8, 1, hrsg. Th. Mommsen, 12, 87; Codex Iustiniani, lib. 3, 12, 2,
hrsg. P. Krueger, II, 248.
(108) Vgl. Eusebios von Cäsarea, Vita Constantini, 4, 18:PG
20, 1165.
(109) Das älteste kirchliche Dokument darüber ist can. 29 der Synode von
Laodikeia (2. Hälfte des 4. Jh.), Mansi, t. II, 569-570. Zwischen dem 6. und
9. Jahrhundert verbaten viele Synoden die «opera ruralia«. Die auch von den
staatlichen Gesetzen vertretene Gesetzgebung über die am Sonntag verbotenen
Arbeiten wurde allmählich detaillierter.
(110) Vgl. Enzyklika Rerum novarum (15. Mai 1891): Acta Leonis
XIII 11 (1891), 127-128.
(111) Hex. 2, 1, 1: CSEL 321,41.
(112) Vgl. Codex des kanonischen Rechtes, can. 1247; Codex des
Kirchenrechtes der Ostkirchen, can. 881 § 1.4.
(113) II. Vat. Konzil, Konstitution über die heilige Liturgie
Sacrosanctum Concilium, 9.
(114) Vgl. auch Hl. Justinus, Apologia I, 67,6: »Jene, die reich
und zum Spenden bereit sind, geben freiwillig ein jeder, was er will; das
gesammelte Geld wird dem übergeben, der den Vorsitz hat, und er hilft den
Waisen, den Witwen, den Kranken, den Notleidenden, den Gefangenen, den
auswärtigen Gästen, mit einem Wort, er hilft allen, die Hilfe nötig haben«:PG
6, 430.
(115) De Nabuthae, 10, 45: »Audis, dives, quid Dominus Deus dicat? Et
tu ad ecclesiam venis, non ut aliquid largiaris pauperi, sed ut auferas«:
CSEL 322, 492.
(116) Homilie über das Matthäusevangelium, 50, 3-4:
PG 58, 508.509.
(117) Vgl. Hl. Paulinus von Nola, Brief 13, 11-12a an Pammachius:
CSEL 29, 92-93. Der römische Senator wird gerade deswegen gelobt, weil
er gleichsam das Wunder der Brotvermehrung des Evangeliums wiederholt hätte,
indem er an die eucharistische Versammlung die Verteilung von Nahrung an die
Armen folgen läßt.
(118) Johannes Paul II., Apostol. Schreiben Tertio millennio
adveniente (10. November 1994), 10: AAS 87 (1995), 11.
(119) Ebd.
(120) Vgl. Katechismus der Katholischen Kirche, 731-732.
(121) Konstitution über die heilige Liturgie Sacrosanctum Concilium,
102.
(122) Ebd., 103.
(123) Ebd., 104.
(124) Carm. XVI, 3-4: »Omnia praetereunt, sanctorum gloria durat in
Christo qui cuncta novat, dum permanet ipse«: CSEL
30, 67.
(125) Vgl. Codex des kanonischen Rechtes, can. 1247; Codex des
Kirchenrechtes der orientalischen Kirchen, can. 881 §§ 1.4.
(126) Nach allgemeinem Recht sind gebotene Feiertage in der lateinischen
Kirche das Fest der Geburt unseres Herrn Jesus Christus, der Erscheinung des
Herrn, der Himmelfahrt, des heiligsten Leibes und Blutes Christi, der
heiligen Gottesmutter Maria, ihrer Unbefleckten Empfängnis und ihrer
Aufnahme in den Himmel, das Fest des heiligen Josef, der heiligen Apostel
Petrus und Paulus und Allerheiligen: vgl. Codex des kanonischen Rechtes,
can. 1246. Allgemeine gebotene Feiertage in allen orentalischen Kirchen sind
jene der Geburt unseres Herrn Jesus Christus, der Epiphanie, der
Himmelfahrt, des Todes der Muttergottes, der heiligen Apostel Petrus und
Paulus: vgl. Codex des Kirchenrechtes der orientalischen Kirchen,
can. 880 § 3.
(127) Vgl. Codex des kanonischen Rechtes, can. 1246 § 2; für die
orientalischen Kirchen vgl. Codex des Kirchenrechtes der Orientalischen
Kirchen, can. 880 § 3.
(128) Vgl. Hl. Ritenkongregation, Normae universales de Anno liturgico
et de Calendario (21. März 1969), 5.7: Ench. Vat.
3, 895. 897.
(129) Vgl. Caeremoniale Episcoporum, ed. typica 1995, n. 230.
(130) Vgl. ebd. n. 233.
(131) Contra Celsum VIII, 22: SC 150, 222-224.
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