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DIVINI AMORIS SCIENTIA
Apostolisches Schreiben von Johannes Paul II. zur Proklamation
der hl. Theresia vom Kinde Jesus und vom Heiligen Antlitz zur
Kirchenlehrerin
1. Die Wissenschaft der göttlichen Liebe, die der Vater des Erbarmens
durch Jesus Christus im Heiligen Geist ausgießt, ist ein Geschenk, das den
Kleinen und Demütigen gewährt wird, damit sie die Geheimnisse des
Gottesreiches, die den Gelehrten und Weisen verborgen sind, erkennen und verkünden.
Darum frohlockte Jesus im Heiligen Geist und pries den Vater, der es so verfügt
hat (vgl. Lk 10,2122; Mt 11,2526).
Auch die Mutter Kirche freut sich, da sie feststellt, wie der Herr sich im
Lauf der Geschichte auch weiterhin den Kleinen und Demütigen offenbart und
seine Auserwählten durch den Heiligen Geist, der »alles ergründet,
auch die Tiefen Gottes« (1 Kor 2,10), fähig macht, von dem zu
sprechen, »was uns von Gott geschenkt worden ist, . . . nicht mit Worten,
wie menschliche Weisheit sie lehrt, sondern wie der Geist sie lehrt, indem wir
den Geisterfüllten das Wirken des Geistes deuten« (1 Kor
2,12.13). Auf diese Weise führt der Heilige Geist die Kirche hin zur ganzen
Wahrheit; er unterweist sie mit mannigfaltigen Gaben, zeichnet sie mit seinen Früchten
aus, macht sie jugendlich mit der Kraft des Evangeliums und setzt sie instand,
die Zeichen der Zeit zu erforschen, um immer besser dem Willen Gottes zu
entsprechen (vgl. Lumen Gentium, 4.12; Gaudium et spes, 4).
Unter den Kleinen, denen in bevorzugter Weise die Geheimnisse des
Gottesreiches erschlossen wurden, leuchtet Theresia vom Kinde Jesus und vom
Heiligen Antlitz hervor, Nonne vom Orden der Unbeschuhten Karmelitinnen, deren
Eintritt in die himmlische Heimat sich in diesem Jahr zum hundertsten Mal jährt.
Während ihres Lebens gingen Theresia »neue Lichter« auf, »verborgene
und geheimnisvolle Bedeutungen« (Ms A 83 v), und sie empfing vom göttlichen
Meister jene »Wissenschaft der Liebe«, die sie dann in einer sie
kennzeichnenden Weise in ihren Schriften klar darlegte (vgl. Ms B 1r).
Diese Wissenschaft bringt lichtvoll ihre Kenntnis vom Geheimnis des
Gottesreiches und ihre persönliche Erfahrung der Gnade zum Ausdruck. Sie
kann als ein besonderes Charisma der Weisheit des Evangeliums betrachtet werden,
das Theresia, wie andere Heilige und Lehrer des Glaubens, im Gebet in sich
aufnahm (vgl. Ms C 36 r).
2. Das Beispiel ihres Lebens und ihrer dem Evangelium entstammenden Lehre
wurde in unserer Zeit schnell, überall und stetig aufgenommen. Ihre
Heiligkeit wurde, gewissermaßen in Nachahmung ihrer frühzeitigen
geistlichen Reife, von der Kirche im Zeitraum von wenigen Jahren anerkannt. In
der Tat unterzeichnete Pius X. am 10. Juni 1914 das Dekret zur Einleitung des
Seligsprechungsprozesses, am 14. August 1921 erklärte Benedikt XV. den
heroischen Tugendgrad der Dienerin Gottes und hielt bei diesem Anlaß eine
Ansprache über den Weg der geistlichen Kindschaft.
Pius XI. sprach sie am 29. April 1923 selig. Wenig später, am 17. Mai
1925, nahm der gleiche Papst vor einer ungeheuren Menschenmenge in der
Petersbasilika die Heiligsprechung vor. Dabei betonte er vor allem den Glanz
ihrer Tugenden und die besonderen ihr eigenen Wesenszüge ihrer Lehre. Zwei
Jahre darauf, am 14. Dezember 1927, folgte er den Bitten vieler Missionsbischöfe
und erklärte sie, zusammen mit dem hl. Franziskus Xaverius, zur Patronin
der Missionen.
Nach diesen Anerkennungen durch die Kirche nahm die geistliche Ausstrahlung
Theresias vom Kinde Jesus zu und breitete sich bis in die heutige Zeit über
die ganze Erde aus. Viele Institute geweihten Lebens und kirchliche Bewegungen,
vor allem in den jungen Kirchen, haben sie als Patronin und Lehrmeisterin erwählt
und sich von ihrer geistlichen Lehre anregen lassen. Ihre Botschaft, oft als der
sogenannte »kleine Weg« zusammengefaßt, der nichts anderes ist
als der dem Evangelium gemäße Weg der Heiligkeit für alle, wurde
von Theologen und Kundigen der Spiritualität erforscht. Kathedralen,
Basiliken, Gotteshäuser und Heiligtümer in der ganzen Welt wurden
unter dem Patrozinium der Heiligen von Lisieux errichtet und dem Herrn geweiht.
Sie wird in der katholischen Kirche in den verschiedenen Riten des Ostens und
des Westens verehrt. Viele Gläubige haben die Macht ihrer Fürsprache
erfahren können. Viele, die zum priesterlichen Dienst oder zum geweihten
Leben berufen wurden, besonders in den Missionen und in Klausurklöstern,
schreiben die göttliche Gnade ihrer Berufung ihrer Fürbitte und ihrem
Beispiel zu.
3. Die Hirten der Kirche, angefangen bei meinen Vorgängern, den Päpsten
dieses Jahrhunderts, die Theresias Heiligkeit als Beispiel für alle
vorgestellt haben, betonten auch, daß sie Lehrmeisterin im geistlichen
Leben ist aufgrund einer Lehre, die einfach und zugleich tief ist: Unter Führung
des göttlichen Meisters hat sie aus den Quellen des Evangeliums geschöpft
und dann den Brüdern und Schwestern in der Kirche auf höchst wirksame
Weise davon mitgeteilt (vgl. Ms B 2v3r).
Diese geistliche Lehre wurde uns vor allem durch ihre Selbstbiographie übermittelt.
Aus drei von ihr in den letzten Lebensjahren verfaßten Manuskripten
entnommen und ein Jahr nach ihrem Tod unter dem Titel Histoire d'une Âme
(Geschichte einer Seele), Lisieux 1898, veröffentlicht, hat sie bis in
unsere Tage ein außerordentliches Interesse geweckt. Diese Autobiographie,
zusammen mit ihren anderen Schriften in etwa fünfzig Sprachen übersetzt,
hat Theresia in allen Gegenden der Welt bekannt gemacht, auch außerhalb
der katholischen Kirche. Ein Jahrhundert nach ihrem Tod wird Theresia vom Kinde
Jesus weiterhin als eine der großen Lehrmeisterinnen geistlichen Lebens
unserer Zeit anerkannt.
4. Es ist daher nicht zu verwundern, daß dem Apostolischen Stuhl viele
Bitten vorgelegt wurden, sie möge mit dem Titel einer Kirchenlehrerin
ausgezeichnet werden.
Seit einigen Jahren, und besonders seitdem das hundertste Gedenkjahr ihres
Todes näherrückte, trafen solche Bitten immer zahlreicher, auch von
Bischofskonferenzen, ein. Ferner fanden Studienkongresse statt, und es wurden
immer mehr Schriften veröffentlicht, die hervorheben, daß Theresia
vom Kinde Jesus eine außergewöhnliche Weisheit besaß und daß
sie mit ihrer Lehre vielen Männern und Frauen in allen Lebensverhältnissen
Jesus Christus und sein Evangelium kennen und lieben hilft.
Durch solche Äußerungen angeregt, veranlaßte ich eine
eingehende Untersuchung darüber, ob die Heilige von Lisieux die notwendigen
Voraussetzungen habe, um mit dem Titel Kirchenlehrerin ausgezeichnet zu werden.
5. Es ist mir ein Anliegen, in diesem Zusammenhang kurz einiges aus dem
Leben Theresias vom Kinde Jesus in Erinnerung zu rufen. Sie ist am 2. Januar
1873 in Alençon, Frankreich, geboren. Zwei Tage später wird sie in
der Notre-Dame- Kirche getauft und erhält die Namen Maria Franziska
Theresia. Ihre Eltern sind Louis Martin und Zélie Guérin, deren
beider heroischen Tugendgrad ich vor kurzem anerkannt habe. Nach dem Tod der
Mutter, die am 28. August 1877 starb, siedelt Theresia mit der ganzen Familie in
die Stadt Lisieux über, wo sie, umgeben von der Liebe ihres Vaters und
ihrer Schwestern, streng, zugleich aber auch voll Zärtlichkeit erzogen
wird.
Gegen Ende 1879 empfängt sie zum ersten Mal das Bußsakrament. Am
Pfingsttag 1883 wird ihr durch die Fürsprache »Unserer Lieben Frau von
den Siegen« die einzigartige Gnade der Heilung von einer schweren Krankheit
zuteil. Sie geht bei den Benediktinerinnen von Lisieux in die Schule. Am 8. Mai
1884 empfängt sie nach einer eifrigen Vorbereitung die erste hl. Kommunion.
Einen einzigartigen Höhepunkt bildet die Gnade, daß sie die
tiefinnere Verbundenheit mit Christus empfindet. Wenige Wochen später, am
14. Juni des gleichen Jahres, empfängt sie das Sakrament der Firmung und
ist sich dabei total bewußt, daß ihr damit die persönliche
Anteilnahme an der Gnade des Pfingstfestes zuteil wird. Weihnachten 1886 macht
sie eine sehr tiefe geistliche Erfahrung, die sie als »vollständige
Bekehrung« bezeichnet. Dadurch überwindet sie die emotionelle Schwäche,
die auf den Tod der Mutter gefolgt war, und beginnt »den Lauf eines Riesen«
auf dem Weg ?zur Vollkommenheit (vgl. Ms A 44v 45v).
Theresia hatte Verlangen nach dem kontemplativen Leben, wie ihre Schwestern
Pauline und Maria es im Karmel von Lisieux führten, aber ihr jugendliches
Alter hinderte sie noch daran. Anläßlich einer Pilgerfahrt nach
Italien, wobei sie auch das Heilige Haus in Loreto und die heiligen Stätten
der Ewigen Stadt besucht, wird den Gläubigen der Diözese Lisieux von
Papst Leo XIII. am 20. November 1887 eine Audienz gewährt. Dabei erbittet
und erhält Theresia von Leo XIII. die Erlaubnis, schon mit 15 Jahren in den
Karmel einzutreten.
Am 9. April 1888 tritt sie in den Karmel von Lisieux ein, wo sie am 10.
Januar des folgenden Jahres das Gewand des Ordens der heiligsten Jungfrau empfängt
und am 8. September 1890, dem Fest Mariä Geburt, ihre Ordensprofeß
ablegt. Im Karmel geht sie voll Eifer und Treue den von der Mutter Gründerin,
Theresia von Jesus, vorgezeichneten Weg der Vollkommenheit in der Erfüllung
der verschiedenen ihr in der Gemeinschaft übertragenen Aufgaben. Vom Wort
Gottes erleuchtet, geprüft durch den Schmerz, den die Krankheit ihres so
sehr geliebten Vaters ihr bereitet, der am 29. Juli 1894 stirbt, geht Theresia
voran auf dem Weg zur Heiligkeit. Dabei gibt sie stets der Liebe den Vorzug. Sie
entdeckt den kleinen Weg der geistlichen Kindschaft und unterweist die ihrer
Sorge anvertrauten Novizinnen darin. Auf diesem Weg fortschreitend, dringt sie
immer tiefer in das Geheimnis der Kirche ein, und von der Liebe Christi
angezogen, fühlt sie, wie die apostolische und missionarische Berufung in
ihr stärker wird und sie dazu drängt, alle mit sich zu ziehen, hin zum
göttlichen Bräutigam.
Am 9. Juni 1895, dem Fest der Heiligsten Dreifaltigkeit, weiht sie sich als
Ganzopfer der barmherzigen Liebe Gottes. Am 3. April des folgenden Jahres werden
in der Nacht vom Gründonnerstag zum Karfreitag zum ersten Mal die Anzeichen
der Krankheit erkennbar, die sie zum Tod führen wird. Theresia nimmt sie an
als geheimnisvollen Besuch des göttlichen Bräutigams. Gleichzeitig
beginnt für sie eine innere Anfechtung des Glaubens, eine Prüfung, die
bis zu ihrem Tod andauern wird. Da ihre Krankheit sich verschlimmert, wird sie
am 8. Juli 1897 ins Krankenzimmer verlegt. Ihre Mitschwestern und andere
Ordensfrauen zeichnen ihre Äußerungen auf. Ihre Schmerzen und Prüfungen,
die sie geduldig erträgt, nehmen zu, bis sie am Nachmittag des 30.
September stirbt. »Ich sterbe nicht, ich gehe ins Leben ein«, hatte
sie an einen ihrer geistlichen Brüder, Don Bellière, geschrieben (LT
244). Ihre letzten Worte »Mein Gott, ich liebe dich« sind das Siegel
ihres Lebens.
6. Theresia vom Kinde Jesus hat uns Schriften hinterlassen, durch die sie
mit Recht den Titel einer Lehrerin des geistlichen Lebens verdient. Ihr
Hauptwerk bleibt der Bericht über ihr Leben in den drei autobiographischen
Manuskripten (Manuscrits autobiographiques A, B, C,), erstmals veröffentlicht
unter dem bald berühmt gewordenen Titel Histoire d'une Âme
(Geschichte einer Seele).
Im Manuskript A auf die Bitte der Schwester Agnes von Jesus, damals
Priorin des Klosters, geschrieben und ihr am 21. Januar 1896 übergeben
beschreibt Theresia die Wegstrecken ihrer religiösen Erfahrung: die ersten
Jahre der Kindheit, vor allem das Ereignis ihrer ersten Kommunion und das der
Firmung und die Jugendzeit bis zum Eintritt in den Karmel und zu ihrer ersten
Profeß.
Das Manuskript B, auf die Bitte ihrer Schwester Maria vom göttlichen
Herzen verfaßt während der geistlichen Einkehrtage des gleichen
Jahres, enthält einige der schönsten, der bekanntesten und der am
meist zitierten Seiten der Heiligen von Lisieux. In ihnen offenbart sich die
volle Reife der Heiligen, die von ihrer Berufung in der Kirche als Braut Christi
und Mutter der Seelen spricht.
Das Manuskript C wenige Monate vor ihrem Tod im Monat Juni und in
den ersten Julitagen 1897 niedergeschrieben, und der Priorin Maria de Gonzaga
gewidmet, die sie darum gebeten hatte vervollständigt die im
Manuskript A wiedergegebenen Erinnerungen über das Leben im Karmel. Diese
Seiten offenbaren die übernatürliche Weisheit der Verfasserin. Aus
diesem letzten Abschnitt ihres Lebens berichtet Theresia einige sehr tiefe
Erfahrungen. Bewegende Seiten widmet sie der Prüfung des Glaubens: Es ist
die Rede von der Gnade der Läuterung, die sie in eine lange und
schmerzvolle dunkle Nacht taucht, die aber erhellt ist durch ihr Vertrauen in
die erbarmungsvolle und väterliche Liebe Gottes. Von neuem und ohne sich zu
wiederholen läßt Theresia das strahlende Licht des Evangeliums
aufleuchten. Wir finden hier die schönsten Seiten, die sie dem
vertrauensvollen Sich-den-Händen- Gottes-Überlassen, dem Verbundensein
von Gottes- und-Nächstenliebe und ihrer missionarischen Berufung in der
Kirche gewidmet hat.
In diesen drei verschiedenen Manuskripten, die in der Thematik und in einer
fortschreitenden Beschreibung ihres Lebens und ihres geistlichen Weges übereinstimmen,
hat Theresia uns eine echte Autobiographie dargeboten, die die Geschichte ihrer
Seele darstellt. Aus ihr geht deutlich hervor, daß Gott durch ihr Leben
der Welt eine bestimmte Botschaft gegeben hat. Er hat einen Weg nach dem
Evangelium gewiesen, nämlich den »kleinen Weg«, den alle gehen können,
da ja alle zur Heiligkeit berufen sind.
In den uns erhaltenen 266 Briefen, die an ihre Angehörigen, an
Ordensfrauen und an ihre »Brüder«, die Missionare, gerichtet
sind, offenbart Theresia ihre Weisheit und entfaltet eine Unterweisung, die in
der Tat eine tiefschürfende Praxis geistlicher Seelenführung
darstellt.
Zu ihren Schriften gehören auch 54 Gedichte, darunter einige von großer
theologischer und geistlicher Dichte, von der Heiligen Schrift inspiriert.
Besonders verdienen erwähnt zu werden: Vivre d'Amour (P 17) und
Pourquoi je t'aime, o Marie! (P 54), eine schöne Zusammenfassung
des Weges der Jungfrau Maria nach dem Evangelium. Zu diesen Schriften kommen
noch 8 »Récréations pieuses«: poetische Texte und Bühnenstücke,
von der Heiligen für ihre Klostergemeinschaft erdacht und vorgeführt
zu gewissen, in der Tradition des Karmels gebräuchlichen Festen. Unter
anderen Schriften ist noch an eine Reihe von 21 Gebeten zu erinnern. Und es darf
die Sammlung ihrer Worte, die sie in den letzten Monaten ihres Lebens gesprochen
hat, nicht vergessen werden. Sie sind in verschiedenen Versionen erhalten,
bekannt als Novissima verba (Letzte Worte) und unter dem Titel Derniers
Entretiens (Letzte Gespräche).
7. Aus der genauen Untersuchung der Schriften der hl. Theresia vom Kinde
Jesus und aus dem Echo, das sie in der Kirche fanden, lassen sich die besonders
herausragenden Aspekte der »hervorragenden Lehre« entnehmen, d.h. des
grundlegenden Elementes, auf das sich die Verleihung des Titels »Kirchenlehrerin«
stützt.
Es ist vor allem ein besonderes Charisma der Weisheit festzustellen. Diese
junge Karmelitin ohne besondere theologische Vorbildung, aber vom Licht des
Evangeliums erleuchtet, sieht sich vom göttlichen Meister belehrt, der, wie
sie sagt, »der Lehrmeister der Lehrmeister« (Doctor doctorum) ist
(vgl. Ms A 83 v), von dem sie die »göttlichen Unterweisungen«
(Ms B 1r) empfängt. Sie erkennt, daß sich in ihr die Worte
der Schrift verwirklicht haben: »Wenn jemand klein ist, so komme er zu mir
;
den Geringen wird Barmherzigkeit erwiesen« (Ms B 1v; vgl. Spr
9,4; Weish 6, 6), und sie weiß, daß sie zur Weisheit der
Liebe angeleitet wurde, die den Weisen und Klugen verborgen ist, die aber der göttliche
Meister geruhte, ihr, wie allen Kleinen, zu erschließen (Ms A 49r;
vgl. Lk 10,2122).
Papst Pius XI., der Theresia von Lisieux als »Stern seines Pontifikats«
betrachtete, zögerte nicht, in der Predigt am Tag ihrer Heiligsprechung,
dem 17. Mai 1925, zu behaupten: »
der Geist der Wahrheit enthüllte
ihr und lehrte sie, was er gewöhnlich den Weisen und Klugen verbirgt und
den Unmündigen offenbart (Mt 11,25). Tatsächlich erwarb sie
nach dem Zeugnis Unseres unmittelbaren Vorgängers eine solche
Einsicht in die übernatürlichen Dinge, daß sie den andern einen
sicheren Weg des Heiles vorzeichnen konnte» (AAS 17 [1925] S. 213;
zitiert in O.R. dt. 43, 24.10.97, S. 12).
Ihre Lehre stimmt nicht nur mit der Heiligen Schrift und mit dem
katholischen Glauben überein, sondern sie ragt hervor (eminet)
durch ihre Tiefe und die in ihr zustande gekommene Synthese der Weisheit. Ihre
Lehre ist zur gleichen Zeit ein Bekenntnis des Glaubens der Kirche, ein Erleben
des christlichen Mysteriums und ein Weg zur Heiligkeit. Theresia bietet eine
reife Synthese der christlichen Spiritualität; sie verbindet die Theologie
und das geistliche Leben, ihr Ausdruck ist kraftvoll und sicher, voll großer
Überzeugungs- und Kommunikationsfähigkeit, wie die Aufnahme und
Verbreitung ihrer Botschaft im Gottesvolk zeigt.
Die Lehre Theresias drückt die Dogmen des christlichen Glaubens
konsequent aus und vereint sie harmonisch als Lehre der Wahrheit und
Lebenserfahrung. Diesbezüglich darf nicht vergessen werden, daß, wie
das II. Vatikanische Konzil lehrt, das Verständnis für den von den
Aposteln überkommenen Glaubensschatz in der Kirche unter dem Beistand des
Heiligen Geistes voranschreitet: »
es wächst das Verständnis
der überlieferten Dinge und Worte durch das Nachsinnen und Studium der Gläubigen,
die sie in ihrem Herzen erwägen (vgl. Lk 2,19 u. 51), durch innere
Einsicht, die aus geistlicher Erfahrung stammt, durch die Verkündigung
derer, die mit der Nachfolge im Bischofsamt das sichere Charisma der Wahrheit
empfangen haben« (Dei Verbum, 8).
In den Schriften Theresias von Lisieux finden wir vielleicht nicht, wie bei
anderen Kirchenlehrern, eine wissenschaftlich ausgearbeitete Darstellung der göttlichen
Dinge, aber wir können ihnen ein erleuchtetes Zeugnis des Glaubens
entnehmen, das, während es mit vertrauender Liebe die achtungsvolle
Barmherzigkeit Gottes und das Heil in Christus aufnimmt, das Geheimnis und die
Heiligkeit der Kirche offenbart.
Mit Recht also kann man in der Heiligen von Lisieux das Charisma des
Kirchenlehrers erkennen, sowohl wegen der Gabe des Heiligen Geistes, die sie
empfangen hat, um ihre Glaubenserfahrung zu leben und zum Ausdruck zu bringen,
als auch wegen des besonderen Verstehens des Geheimnisses Christi. In ihr
konzentrieren sich die Gaben des neuen Gesetzes, das heißt die Gnade des
Heiligen Geistes, der sich offenbart im lebendigen Glauben, der durch die Liebe
wirksam ist (vgl. hl. Thomas v. Aquin, Summa Theol. III, q. 106,
art. 1; q. 108, art. 1).
Wir können auf Theresia von Lisieux anwenden, was mein Vorgänger
Paul VI. von einer anderen jungen Heiligen, der Kirchenlehrerin Katharina von
Siena, sagte: »Was uns bei dieser Heiligen am meisten erschüttert, ist
die eingegossene Weisheit, d.h. die klare, tiefe und begeisterte Aufnahme der göttlichen
Wahrheiten und der Geheimnisse des Glaubens [
]: ein Aufnehmen, das
sicherlich von einzigartigen natürlichen Gaben begünstigt, aber
offensichtlich wunderbar einem Charisma der Weisheit des Heiligen Geistes zu
verdanken war« (AAS 62 [1970] S. 675).
8. Mit ihrer einzigartigen Lehre und ihrem unverkennbaren Stil erscheint
Theresia als echte Lehrmeisterin des Glaubens und des christlichen Lebens. Durch
ihre Schriften strömt belebend, wie durch die Aussagen der Heiligen Väter,
die katholische Tradition, deren Reichtümer sich, wie wiederum das II.
Vatikanische Konzil bestätigt, »in Tun und Leben der glaubenden und
betenden Kirche ergießen« (Dei Verbum, 8).
Wenn die Lehre Theresias von Lisieux in ihrer literarischen Gattung und
ihrer Erziehung und Kultur sowie den besonderen Verhältnissen ihrer Zeit
entsprechend aufgenommen wird, erscheint sie in einer providentiellen Einheit
mit der ureigensten Tradition der Kirche, sowohl hinsichtlich des Bekenntnisses
des katholischen Glaubens als auch der Förderung des durchaus echten
geistlichen Lebens, das allen Gläubigen in einer lebendigen und zugänglichen
Sprache vorgelegt wird.
Sie hat in unserer Zeit die Schönheit des Evangeliums aufleuchten
lassen; sie hatte die Sendung, die Kirche, den mystischen Leib Christi, kennen
und lieben zu lehren, und hat dazu beigetragen, die Seelen von den Härten
und Ängsten der jansenistischen Lehre zu heilen, die mehr dazu neigte, die
Gerechtigkeit Gottes als sein göttliches Erbarmen zu betonen. In der
Barmherzigkeit Gottes hat Theresia alle göttlichen Vollkommenheiten
betrachtet und angebetet, denn »selbst die Gerechtigkeit Gottes scheint mir
(mehr vielleicht als jede andere Vollkommenheit) in Liebe gekleidet zu sein«
(Ms A 83 v). So ist sie zu einem lebendigen Abbild jenes Gottes
geworden, der, wie die Kirche es im Tagesgebet am 26. Sonntag im Jahreskreis
formuliert, »omnipotentiam suam parcendo maxime et miserendo manifestat«
(seine Macht vor allem im Erbarmen und im Verschonen offenbart) (vgl. Missale
Romanum).
Wenn Theresia auch keine ganze und eigentliche Sammlung von Lehren
vorzulegen hat, so leuchten doch aus ihren Schriften außergewöhnliche
Lichtblitze der Lehre auf, die, gleichsam durch die Gnade des Heiligen Geistes,
die Offenbarung in ihrem innersten Mark in einzigartiger und neuer Sicht
erfassen und die Unterweisung auf hervorragende Art darbieten.
Der Kern ihrer Botschaft ist das Geheimnis Gottes selbst, der die Liebe ist,
des dreieinigen, in sich unendlich vollkommenen Gottes. Wenn die echte,
christliche, geistliche Erfahrung im Einklang sein muß mit den offenbarten
Wahrheiten, in denen Gott sich selbst und das Geheimnis seines Willens mitteilt
(vgl. Dei Verbum, 2), dann muß man bestätigen, daß
Theresia die göttliche Offenbarung fortschreitend erfahren hat bis hin zur
Kontemplation der erhabensten Wahrheiten unseres Glaubens und deren Fülle
im Geheimnis des dreifaltigen Lebens. Den Gipfelpunkt bildet als Quelle und Ziel
die erbarmende Liebe der drei göttlichen Personen, wie die Heilige es
hauptsächlich in ihrem »Akt der Weihe an die barmherzige Liebe«
zum Ausdruck bringt. An der Basis steht, auf seiten des Menschen, die Erfahrung,
in Jesus Adoptivkind des Vaters zu sein. Darin liegt die eigentliche Bedeutung
der geistlichen Kindschaft: in der vom Heiligen Geist bewirkten Erfahrung, Kind
Gottes zu sein. Ferner befindet sich an der Basis, uns gegenüber, der Nächste,
alle anderen, an deren Heil wir mitarbeiten müssen mit und in Jesus, mit
dieser seiner barmherzigen Liebe.
Durch diese geistliche Kindschaft macht man die Erfahrung, daß alles
von Gott kommt, zu Ihm zurückkehrt und in Ihm bleibt, zum Heil aller
Menschen, im Geheimnis der barmherzigen Liebe. Das ist die Botschaft der Lehre,
die die Heilige hinterließ und die sie selbst gelebt hat.
Wie zu allen Zeiten bei den Heiligen der Kirche, so war auch in Theresias
geistlicher Erfahrung Christus die Mitte und die Fülle der Offenbarung.
Theresia hat Jesus gekannt, sie hat ihn mit der Leidenschaft einer Braut geliebt
und sich dafür eingesetzt, daß auch andere ihn liebten. Sie ist in
die Geheimnisse seiner Kindheit eingedrungen und in die Worte seines
Evangeliums, in die Passion des leidenden Gottesknechtes, die sie in die Züge
seines heiligen Antlitzes eingeprägt fand, in den Glanz seines Lebens in
der Herrlichkeit und in seine eucharistische Gegenwart. Sie hat die Liebe
Christi besungen, wie sie das Evangelium in vielfacher Weise darstellt (vgl.
Gedichte, 24, »Jésus, mon Bien-Âimé,
rappelle-toi!«).
Theresia hat in besonderer Weise Licht empfangen über die Wirklichkeit
des mystischen Leibes Christi, über die Vielfalt seiner Charismen, über
die Gaben des Heiligen Geistes und die überragende Kraft der Liebe, die
gleichsam das Herz der Kirche ist, wo sie ihre Berufung als Kontemplative und
Missionarin entdeckte (vgl. Ms B 2r3v).
Schließlich muß unter den besonders ihr ureigenen Kapiteln ihrer
geistlichen Wissenschaft noch die weise Untersuchung erwähnt werden, die
Theresia über das Geheimnis und den Weg der Jungfrau Maria unternahm, wobei
sie zu Ergebnissen kam, die der Lehre des II. Vatikanischen Konzils im 8.
Kapitel der Konstitution Lumen Gentium und dem, was ich selbst in meiner
Enzyklika Redemptoris Mater vom 25. März 1987 schrieb, sehr nahe
stehen.
9. Die Hauptquelle ihrer geistlichen Erfahrung und ihrer Lehre ist das Wort
Gottes im Alten und Neuen Testament. Das bekennt sie selbst und hebt dabei
besonders ihre leidenschaftliche Liebe zum Evangelium hervor (vgl. Ms A
83v). In ihren Schriften zählt man mehr als tausend Bibelzitate, über
vierhundert aus dem Alten und über sechshundert aus dem Neuen Testament.
Obgleich sie nur unzulänglich vorbereitet war und keine geeigneten
Hilfsmittel für das Studium und die Auslegung der heiligen Bücher zur
Hand hatte, widmete Theresia sich voll Glauben und einzigartigem Eifer der
Betrachtung des Wortes Gottes. Unter dem Einfluß des Heiligen Geistes
gewann sie zu ihrem eigenen und anderer Nutzen eine tiefschürfende Kenntnis
der Offenbarung. Durch die Liebe, mit der sie sich in die Heilige Schrift
versenkte gern hätte sie sich Kenntnisse in Hebräisch und
Griechisch angeeignet, um Geist und Buchstaben der heiligen Bücher besser
zu erfassen , hat sie erkennen lassen, wie wichtig die biblischen Quellen
für das geistliche Leben sind. Sie hat die Ursprünglichkeit und
Frische des Evangeliums bekanntgemacht und eine kluge geistliche Auslegung des
Gotteswortes im Alten und Neuen Testament gepflegt. So entdeckte sie verborgene
Schätze und machte sich Worte und Episoden zu eigen, manchmal nicht ohne übernatürliche
Kühnheit, so, wenn sie z.B. beim Lesen der Schriften des hl. Paulus (vgl.
1 Kor 1213) ihre Berufung zur Liebe daraus entnahm (vgl. Ms B
3r3v). Erleuchtet durch das Wort der Offenbarung hat Theresia geniale
Seiten über die Einheit von Gottes- und Nächstenliebe geschrieben
(vgl. Ms C 11v19r) und sich hineinversetzt in das Gebet Jesu beim
Letzten Abendmahl als Ausdruck seiner Bitte um das Heil aller (vgl. Ms C
34r35r).
Ihre Lehre stimmt, wie ich bereits sagte, mit der Lehre der Kirche überein.
Von Kindheit an wurde sie von ihrer Familie zum Gebet und zur Teilnahme an der
kirchlichen Liturgie erzogen. Bei der Vorbereitung auf ihre erste Beichte, auf
die Erstkommunion und auf das Sakrament der Firmung zeigte sie eine außerordentliche
Liebe zu den Glaubenswahrheiten und lernte den Katechismus fast Wort für
Wort auswendig (vgl. Ms A 37r37v). Am Ende ihres Lebens schrieb
sie mit ihrem eigenen Blut das Apostolische Glaubensbekenntnis als Ausdruck
ihrer vorbehaltlosen Treue zum Glauben nieder.
Außer den Worten der Schrift und der Lehre der Kirche waren Theresias
geistliche Nahrung von Jugend an auch die Unterweisungen der Nachfolge
Christi, die sie, wie sie selbst sagt, fast auswendig kannte (vgl. Ms A
47r). Entscheidend für die Verwirklichung ihrer Berufung als Karmelitin
waren die geistlichen Schriften der Gründerin, Mutter Theresia von Jesus,
besonders jene, die die kontemplative und kirchliche Bedeutung des Charismas des
theresianischen Karmels darlegten (vgl. Ms C 33v). Doch in ganz
besonderer Weise zog Theresia ihre geistliche Nahrung aus der mystischen Lehre
des hl. Johannes vom Kreuz, der ihr wahrer geistlicher Lehrer war (vgl. Ms A
83r). Es ist also nicht zu verwundern, daß auch sie, eine ausgezeichnete
Schülerin in der Schule dieser beiden Heiligen, die später zu
Kirchenlehrern erklärt wurden, schließlich eine Lehrerin des
geistlichen Lebens wurde.
10. Die geistliche Lehre Theresias von Lisieux hat zur Ausbreitung des
Reiches Gottes beigetragen. Mit ihrem Beispiel der Heiligkeit, der vollkommenen
Treue zur Mutter Kirche, der vollen Gemeinschaft mit dem Stuhl Petri wie auch
mit den besonderen Gnaden, die sie für viele Missionare und Missionarinnen
erlangte, hat sie einen außerordentlichen Dienst für die erneuerte
Verkündigung und Praxis des Evangeliums Christi und für die
Ausbreitung des katholischen Glaubens unter allen Völkern der Erde
geleistet.
Es ist nicht notwendig, daß wir uns weiter verbreiten über die
Universalität der theresianischen Lehre und über die umfassende
Aufnahme ihrer Botschaft während des Jahrhunderts, das seit ihrem Tod
vergangen ist: Diese Dinge wurden gut dokumentiert in den Studien, die der
Verleihung des Titels »Kirchenlehrerin« an die Heilige vorausgingen.
In dieser Hinsicht ist die Tatsache von besonderer Bedeutung, daß das
Lehramt der Kirche nicht nur die Heiligkeit Theresias anerkannt, sondern auch
ihre Weisheit und ihre Lehre klar herausgehoben hat. Schon Pius X. sagte von
ihr, daß sie »die größte Heilige der modernen Zeit«
war. Als er mit Freude die erste italienische Ausgabe der »Geschichte einer
Seele« in Empfang nahm, lobte er die Früchte, die sich aus der
theresianischen Spiritualität entnehmen ließen. Benedikt XV. erläuterte
bei der Verkündigung des heroischen Tugendgrades der Dienerin Gottes den
Weg der geistlichen Kindschaft und pries die Wissenschaft von den göttlichen
Wahrheiten, die Gott Theresia verliehen hatte, um andere die Wege des Heils zu
lehren (vgl. AAS 13 [1921] 449452). Pius XI. legte sowohl bei der Selig-
wie bei der Heiligsprechung die Lehre der Heiligen dar und empfahl sie, wobei er
die besondere göttliche Erleuchtung unterstrich (Discorsi di Pio XI,
Bd.I, Turin 1959, S. 91). Er nannte Theresia Lehrmeisterin des Lebens (vgl. AAS
17 [1925] SS. 211214). Pius XII. sagte bei der Weihe der Basilika von
Lisieux 1954 unter anderem, Theresia sei mit ihrer Lehre bis in das Herz des
Evangeliums eingedrungen (vgl. AAS 46 [1954] SS. 404408). Kardinal Angelo
Roncalli, der spätere Papst Johannes XXIII., besuchte einige Male Lisieux,
vor allem als er Nuntius in Paris war. Während seines Pontifikats ließ
er bei verschiedenen Gelegenheiten seine Verehrung für die Heilige erkennen
und erläuterte die Beziehungen zwischen der Lehre der Heiligen von Avila
und derjenigen ihrer Tochter, Theresia von Lisieux (Discorsi, Messaggi,
Colloqui, Bd. 2 [19591960] SS. 771772). Während des II.
Vatikanischen Konzils kamen die Väter mehrmals auf ihr Beispiel und ihre
Lehre zu sprechen. Bei der Jahrhundertfeier ihrer Geburt richtete Paul VI. am 2.
Januar 1973 einen Brief an den Bischof von Bayeux und Lisieux, worin er das
Beispiel Theresias in ihrer Gottsuche pries und sie als Meisterin des Gebetes
und der theologischen Tugend der Hoffnung und als Vorbild der Verbundenheit mit
der Kirche vorstellte; den Lehrern, Erziehern, Priestern und auch den Theologen
empfahl er das Studium ihrer Lehre (vgl. AAS 65 [1973] SS. 1215). Ich
selbst hatte bei verschiedenen Gelegenheiten die Freude, Bezug zu nehmen auf die
Gestalt und die Lehre der Heiligen anläßlich meines unvergeßlichen
Besuchs in Lisieux am 2. Juni 1980, als ich allen in Erinnerung rief: »Von
Theresia von Lisieux kann man mit Überzeugung sagen, daß der Geist
Gottes ihrem Herzen möglich gemacht hat, den Menschen unserer Zeit das
grundlegende Geheimnis, die Wirklichkeit des Evangeliums direkt zu offenbaren:
Der kleine Weg ist der Weg der heiligen Kindheit. Auf diesem Weg gibt es etwas
Einzigartiges, den Genius der hl. Theresia von Lisieux. Gleichzeitig sehen wir
eine sehr grundlegende und allgemein gültige Wahrheit bekräftigt und
neu herausgestellt. Welche Wahrheit aus der Botschaft des Evangeliums ist denn
wohl grundlegender und allgemeiner gültig als jene: Gott ist unser Vater,
und wir sind seine Kinder?« (Insegnamenti di Giovanni Paolo II, Bd.
III/1 [1980] S. 1659; s. O.R.dt., 25, 20.6.1980, S. 12).
Diese einfachen Hinweise auf eine ununterbrochene Reihe von Zeugnissen der Päpste
dieses Jahrhunderts über die Heiligkeit und die Lehre der hl. Theresia vom
Kinde Jesus und auf die universale Ausbreitung ihrer Botschaft bringen klar zum
Ausdruck, wie sehr die Kirche in ihren Hirten und ihren Gläubigen die
geistliche Lehre dieser jungen Heiligen aufgenommen hat.
Zeichen für die Aufnahme der Unterweisung der Heiligen seitens der
Kirche ist auch der Rückgriff auf ihre Lehre in vielen Dokumenten des
ordentlichen Lehramts der Kirche, vor allem wenn von der kontemplativen und
missionarischen Berufung, von Vertrauen auf den gerechten und barmherzigen Gott,
von der christlichen Freude und von der Berufung zur Heiligkeit die Rede ist.
Auch im Katechismus der Katholischen Kirche ist ihre Lehre zu finden
(Nrn. 127, 826, 956, 1011, 2011, 2558). Sie, die aus dem Katechismus so gern die
Wahrheiten des Glaubens lernte, hat es verdient, unter die maßgeblichen
Zeugen der katholischen Lehre gezählt zu werden.
Theresia besitzt eine einzigartige Universalität. Ihre Person, ihre
evangelische Botschaft vom »kleinen Weg« des Vertrauens und der
geistlichen Kindschaft haben eine überraschende, alle Grenzen überschreitende
Aufnahme gefunden und finden sie auch weiterhin.
Der Einfluß ihrer Botschaft umfaßt vor allem Männer und
Frauen, deren Heiligkeit oder heroischen Tugendgrad die Kirche selbst anerkannt
hat, Hirten der Kirche, solche, die sich der Theologie widmen und die
Spiritualität pflegen, Priester und Seminaristen, Ordensmänner und
Ordensfrauen, kirchliche Bewegungen und neue Gemeinschaften, Männer und
Frauen jeder Herkunft und von allen Kontinenten. Allen gibt Theresia ihre persönliche
Bestätigung, daß das christliche Mysterium, für das sie Zeugin
und Apostolin geworden ist da sie sich, wie sie kühn sagt, im Gebet
zur »Apostolin der Apostel« (Ms A 56r) gemacht hat , wörtlich
genommen werden muß mit möglich großem Realismus, da es
zeitlich wie räumlich von universaler Bedeutung ist. Die Kraft ihrer
Botschaft liegt darin, daß sie konkret zeigt, wie alle Verheißungen
Jesu sich erfüllen in dem Gläubigen, der die rettende Gegenwart des
Erlösers mit Vertrauen in sein Leben aufzunehmen weiß.
11. Alle diese Erwägungen bezeugen sehr klar die Aktualität der
Lehre der Heiligen von Lisieux und die starke Auswirkung ihrer Lehre auf die Männer
und Frauen unseres Jahrhunderts. Dazu kommen verschiedene Umstände, aus
denen ihre Bestimmung zur Lehrerin der Kirche unserer Zeit noch deutlicher
hervorgeht.
Vor allem ist Theresia eine Frau, die, wenn sie sich mit dem Evangelium befaßte,
ihm seine verborgenen Reichtümer zu entnehmen verstand, so konkret und mit
so tiefer Resonanz im Leben und Denken, wie es dem weiblichen Genius im
allgemeinen eigen ist. Aus der Schar der heiligen Frauen, in denen die Weisheit
des Evangeliums hell aufleuchtet, ragt Theresia wegen ihrer Universalität
hervor.
Ferner ist sie eine kontemplative Frau. In der Verborgenheit ihres Karmels
lebte sie so das große Abenteuer christlicher Erfahrung, daß sie die
Länge und Breite, die Höhe und Tiefe der Liebe Christi kennenlernte
(vgl. Eph 3,1819). Gott hat nicht gewollt, daß ihre
Geheimnisse verborgen blieben, darum würdigte er Theresia, das Geheimnis
des Königs zu offenbaren (vgl. Ms C 2v). Durch ihr Leben bietet
Theresia ein Zeugnis und eine theologische Erläuterung der Schönheit
des kontemplativen Lebens als Ganzhingabe an Christus, den Bräutigam der
Kirche, und als lebendige Bestätigung des Primates Gottes in allem. Ihr
verborgenes Leben hat eine geheimnisvolle Fruchtbarkeit für die Ausbreitung
des Glaubens und erfüllt die Kirche und die Welt mit dem Wohlgeruch Christi
(vgl. Briefe 169, 2v).
Theresia von Lisieux ist eine Jugendliche. Sie ist in ihrer blühenden
Jugend zur Reife der Heiligkeit gelangt (vgl. Ms C 4r). Sie stellt sich
daher als eine Lehrerin des Lebens nach dem Evangelium dar, die überaus
geeignet ist, die Wege der Jugendlichen zu erleuchten, deren Aufgabe es sein
wird, unter den kommenden Generationen das Evangelium zu leben und zu bezeugen.
Theresia vom Kinde Jesus ist nicht nur ihrem Alter nach die jüngste
Kirchenlehrerin, sondern sie steht uns auch zeitlich am nächsten und
unterstreicht damit sozusagen die Kontinuität, mit der der Geist des Herrn
der Kirche seine Boten, Männer und Frauen, als Lehrer und Zeugen des
Glaubens sendet. Denn bei all ihrer Verschiedenartigkeit, die sich im Lauf der
Geschichte feststellen läßt, und bei deren mannigfaltigen
Auswirkungen im Leben und Denken der Menschen in den einzelnen Epochen dürfen
wir nicht das fortlaufende Band unbeachtet lassen, das die Kirchenlehrer
miteinander verbindet: In jedem geschichtlichen Kontext bleiben sie Zeugen jenes
Evangeliums, das niemals verändert wird, und mit dem Licht und der Kraft,
die ihnen der Heilige Geist gewährt, werden sie seine Boten und verkünden
den Menschen ihrer Zeit dieses Evangelium in seiner ganzen Reinheit. Theresia
ist Lehrmeisterin für unsere Zeit, die nach lebendigen und wesentlichen
Worten, nach heroischen und glaubhaften Zeugnissen dürstet. Darum ist sie
auch von Brüdern und Schwestern anderer christlicher Gemeinschaften geliebt
und angenommen.
12. In diesem Jahr, in dem die Hundertjahrfeier des glorreichen Todes
Theresias vom Kinde Jesus und vom Heiligen Antlitz begangen wird, während
wir uns weiter auf das Große Jubiläum des Jahres 2000 vorbereiten und
nachdem ich zahlreiche und maßgebliche Bitten, vor allem von vielen
Bischofskonferenzen der ganzen Welt, erhalten hatte sowie das offizielle Gesuch,
den Supplex Libellus, datiert vom 8. März 1997, vom Bischof von
Bayeux und Lisieux, dann auch die Gesuche des Generalobern des Ordens der
Unbeschuhten Karmeliten der Heiligen Jungfrau Maria vom Berge Karmel und des
Generalpostulators dieses Ordens, beschloß ich, der für diesen
Bereich zuständigen Kongregation für die Selig- und
Heiligsprechungsprozesse »praehabito voto Congregationis pro Doctrina Fidei
ad eminentem doctrinam quod attinet« (Pastor bonus, 73) die gebührende
Untersuchung zu übergeben für den Prozeß zur Verleihung des
Titels einer Kirchenlehrerin an diese Heilige.
Nachdem die notwendige Dokumentation erbracht war, haben die oben erwähnten
beiden Kongregationen die Frage in ihren jeweiligen Beratungen behandelt: in der
»Consulta« der Kongregation für die Glaubenslehre am 5. Mai 1997
das, was die »hervorragende Lehre« (eminens doctrina)
betrifft, und in der »Consulta« der Kongregation für die Selig-
und Heiligsprechungsprozesse am 29. Mai des gleichen Jahres zur Prüfung der
entsprechenden »Positio«. Am darauffolgenden 17. Juni kamen die diesen
Kongregationen als Mitglieder angehörenden Kardinäle und Bischöfe,
einem von mir für diese Gelegenheit approbierten Verfahren entsprechend, zu
einer interdikasterialen Vollversammlung zusammen und diskutierten die
Angelegenheit. Einmütig brachten sie ihre Zustimmung zur Verleihung des
Titels »Ecclesiae universalis doctor« an die hl. Theresia vom Kinde
Jesus und vom Heiligen Antlitz zum Ausdruck. Dieses Gutachten wurde mir von
Kardinal Joseph Ratzinger, Präfekt der Kongregation für die
Glaubenslehre, und vom Pro-Präfekten der Kongregation für die Selig-
und Heiligsprechungsprozesse, Msgr. Alberto Bovone, Titular-Erzbischof von Cäsarea
in Numidien, persönlich mitgeteilt.
In Anbetracht dessen habe ich am vergangenen 24. August beim Angelusgebet in
Gegenwart Hunderter von Bischöfen und vor einer endlosen Menge von
Jugendlichen aus aller Welt, die zum 12. Weltjugendtag in Paris versammelt
waren, persönlich die Absicht kundtun wollen, Theresia vom Kinde Jesus und
vom Heiligen Antlitz in Rom anläßlich des Weltmissionstages zur
Kirchenlehrerin zu proklamieren.
Heute, am 19. Oktober 1997, habe ich vor einer den Petersplatz dicht füllenden
Menge von Gläubigen aus aller Welt in Gegenwart zahlreicher Kardinäle,
Erzbischöfe und Bischöfe in der festlichen Eucharistiefeier Theresia
vom Kinde Jesus und vom Heiligen Antlitz mit folgenden Worten zur
Kirchenlehrerin proklamiert:
»Den Wünschen einer großen Zahl meiner Brüder im
Bischofsamt und zahlreicher Gläubigen aus aller Welt entgegenkommend, nach
Anhören des Gutachtens der Kongregation für die Selig- und
Heiligsprechungsprozesse und nach Erhalt des Votums der Kongregation für
die Glaubenslehre hinsichtlich der »hervorragenden Lehre« erklären
wir aus sicherer Kenntnis und nach reiflicher Überlegung kraft der vollen
apostolischen Autorität die hl. Jungfrau Theresia vom Kinde Jesus und vom
Heiligen Antlitz zur Kirchenlehrerin. Im Namen des Vaters und des Sohnes und des
Heiligen Geistes.«
Nachdem dies in gebührender Weise vollzogen ist, bestimmen wir, daß
dieses Apostolische Schreiben ehrfürchtig aufbewahrt werde und jetzt und in
Zukunft voll wirksam sei. Außerdem wird entschieden und festgelegt, daß
es vergeblich und zwecklos ist, hieran bewußt oder unbewußt etwas zu
ändern, gleich von welcher Seite es ausgehen mag und mit welcher Autorität
auch immer.
Gegeben in Rom bei Sankt Peter unter dem Fischerring am 19. Tag des
Monats Oktober im Jahre 1997, dem zwanzigsten des Pontifikats.
IOANNES PAULUS PP. II
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