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 APOSTOLISCHES SCHREIBEN
DIE SCHNELLE ENTWICKLUNG
VON PAPST
JOHANNES PAUL II.
AN DIE VERANTWORTLICHEN
DER SOZIALEN KOMMUNIKATIONSMITTEL

 

1. Die schnelle Entwicklung der Technologie im Bereich der Medien ist sicher eines der Zeichen des Fortschritts in der heutigen Gesellschaft. Wenn man diese Neuerungen, die in beständiger Entwicklung sind, betrachtet, erscheint das Dekret Inter mirifica des II. Vatikanischen Konzils, das von meinem verehrten Vorgänger, dem Diener Gottes Paul VI. am 4. Dezember 1963 veröffentlicht wurde, von noch größerer Aktualität: „Unter den erstaunlichen Erfindungen der Technik, welche die menschliche Geisteskraft gerade in unserer Zeit mit Gottes Hilfe aus der Schöpfung entwickelt hat, richtet sich die besondere Aufmerksamkeit der Kirche auf jene, die sich unmittelbar an den Menschen selbst wenden und neue Wege erschlossen haben, um Nachrichten jeder Art, Gedanken und Weisungen leicht mitzuteilen.“[1]

I. Ein fruchtbarer Weg auf dem Weg des Dekrets Inter mirifica

2. Nach über vierzig Jahren seit der Veröffentlichung dieses Dokumentes erscheint es mehr als angebracht, erneut über die Herausforderungen nachzudenken, die die sozialen Kommunikationsmittel für die Kirche mit sich bringen, die, wie Paul VI. schrieb, „vor ihrem Herrn schuldig würde, wenn sie diese machtvollen Mittel nicht nützte“[2]. Die Kirche ist nämlich nicht nur dazu berufen, die Medien zur Verbreitung des Evangeliums zu nutzen, sondern die heilbringende Botschaft heute mehr denn je in die ‚neue Kultur‘ zu integrieren, die die machtvollen Instrumente der Kommunikation schaffen und verbreiten. Sie ist sich bewusst, dass die Nutzung der Techniken und Technologien der Kommunikation unserer Zeit fester Bestandteil ihrer Sendung im dritten Jahrtausend ist.

Davon angespornt, unternahm die christliche Gemeinschaft bedeutende Schritte und nutzt die Kommunikationsmittel zur Verbreitung religiöser Information, zur Evangelisierung und Katechese, zur Bildung der pastoralen Mitarbeiter in diesem Bereich und zur Erziehung der Nutzer und Empfänger der verschiedenen Kommunikationsmittel zu einer reifen Verantwortung.

3. Die Herausforderungen für die Neuevangelisierung in einer an Kommunikationsmöglichkeiten reichen Welt wie der unseren sind vielfältig. In dieser Hinsicht habe ich in der Enzyklika Redemptoris missio unterstrichen, dass der erste Areopag der modernen Zeit die Welt der Kommunikation ist, die die Menschheit zusammenführen kann und sie – wie man zu sagen pflegt – zu einem „globalen Dorf“ werden lässt. Die sozialen Kommunikationsmittel haben eine solche Wichtigkeit erreicht, dass sie für viele zum Hauptinstrument der Orientierung und Gestaltung des individuellen, familiären und sozialen Verhaltens geworden sind. Es handelt sich um ein komplexes Problem, denn diese Kultur entsteht in erster Linie nicht aus den Inhalten, sondern allein schon aus der Tatsache, dass es neue Weisen gibt, in bisher nicht gekannten Sprachen und Techniken zu kommunizieren.

Unsere Zeit ist eine Zeit der globalen Kommunikation, in der viele Phasen der menschlichen Existenz über mediale Prozesse ablaufen, oder sich zumindest damit befassen müssen. Ich denke nur an die Persönlichkeits- und Gewissensbildung, an die Interpretation und Strukturierung der affektiven Beziehungen, den Verlauf der einzelnen Erziehungs- und der Bildungsphasen, die Schaffung und Verbreitung kultureller Phänomene, die Entfaltung des gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Lebens.

In einer organischen und korrekten Sicht des menschlichen Fortschritts können und müssen die Medien die Gerechtigkeit und Solidarität fördern, indem sie Ereignisse exakt und wahrheitsgetreu wiedergeben, Probleme und Situationen umfassend analysieren und unterschiedliche Meinungen zu Wort kommen lassen. Die obersten Kriterien der Wahrheit und der Gerechtigkeit bilden in der reifen Ausübung der Freiheit und Verantwortung den Rahmen für eine authentische Ordnung von Pflichten im Umgang mit den modernen, machtvollen sozialen Kommunikationsmittel.

II. Unterscheidung nach dem Evangelium und missionarischer Einsatz

4. Auch die Welt der Medien bedarf der Erlösung durch Christus. Eine vertiefte Betrachtung der Heiligen Schrift kann zweifelsohne helfen, die Vorgänge und den Wert der sozialen Kommunikationsmittel mit den Augen des Glaubens zu sehen, denn sie erweist sich als ein „großer Kodex“ der Kommunikation einer Botschaft, die aufgrund ihrer erlösenden Bedeutung nicht vergänglich und beiläufig, sondern fundamental ist.

Die Heilsgeschichte erzählt und dokumentiert, wie sich Gott dem Menschen mitgeteilt hat, und wie diese Mitteilung alle Formen und Variationen des Kommunizierens nutzt. Der Mensch ist nach Gottes Bild und ihm ähnlich geschaffen, um die göttliche Offenbarung aufzunehmen und in einen Dialog der Liebe mit ihm zu treten. Aufgrund der Sünde wurde diese Fähigkeit zum Dialog sowohl auf persönlicher als auch auf gesellschaftlicher Ebene beeinträchtigt, und für die Menschen begann die bittere Erfahrung des Unverständnisses und der Ferne. Doch Gott hat sie nicht verlassen, sondern hat seinen eigenen Sohn gesandt (cfr. Mk 12,1-11). Im fleischgewordenen Wort erreicht die Mitteilung ihre höchste heilbringende Kraft: Damit wird der Mensch im Heiligen Geist fähig, die Erlösung zu empfangen und sie seinen Brüdern und Schwestern zu verkünden und zu bezeugen.

5. Die Kommunikation zwischen Gott und dem Menschen erreichte ihren Höhepunkt im fleischgewordenen Wort. Das Handeln aus Liebe, durch das Gott sich offenbart, schafft gemeinsam mit der Glaubensantwort der Menschen einen fruchtbaren Dialog. Gerade deshalb können wir uns gewissermaßen die Worte der Jünger: „Lehre uns beten“ (Lk 11,1) zu eigen machen und den Herrn bitten, uns zu zeigen, wie wir durch die erstaunlichen Instrumente der sozialen Kommunikation mit ihm und mit den Menschen kommunizieren können. Vor dem Hintergrund dieser letzten und entscheidenden Kommunikation stellen die Medien eine Gelegenheit der Vorsehung dar, um die Menschen aller Breitengrade zu erreichen, die Barrieren von Zeit, Raum und Sprache zu überwinden, die Glaubensinhalte auf verschiedenste Weise zu formulieren, und jedem Suchenden sicheren Halt zu bieten, der ihm ermöglicht, in den Dialog mit dem Mysterium Gottes einzutreten, das sich in Christus in Fülle geoffenbart hat.

Das fleischgewordene Wort hat uns ein Beispiel gegeben, wie wir mit dem Vater und unseren Mitmenschen kommunizieren sollen, sei es in Augenblicken der Stille und der Einkehr, sei es in der Verkündigung an allen Orten und in allen Sprachformen. Er erklärt die Schrift, drückt sich in Gleichnissen aus, redet im häuslichen Kreis, spricht auf den Plätzen, entlang der Straßen, am Ufer des Sees, auf den Höhen der Berge. Die persönliche Begegnung mit ihm lässt einen nicht gleichgültig, sondern lädt ein, ihn nachzuahmen: „Was ich euch im Dunkeln sage, davon redet am hellen Tag, und was man euch ins Ohr flüstert, das verkündet von den Dächern“ (Mt 10,27).

Es gibt einen Höhepunkt, wo das Kommunizieren zur vollen Gemeinschaft wird: Die Begegnung in der Eucharistie. Christus „beim Brechen des Brotes“ (vgl. Lk 24,30-31) zu erkennen, spornt die Gläubigen an, seinen Tod und seine Auferstehung zu verkünden, und macht sie zu mutigen und freudigen Zeugen seines Reiches (vgl. Lk 24,35).

6. Die Erlösung hat die Kommunikationsfähigkeit der Gläubigen geheilt und erneuert. Die Begegnung mit Christus macht sie zu neuen Geschöpfen und lässt sie Teil des Volkes werden, das er sich am Kreuz mit seinem Blut erworben hat. Er nimmt sie mit hinein in das innere Leben der Dreifaltigkeit, das beständige und wechselseitige Mitteilung der vollkommenen und unendlichen Liebe zwischen Vater, Sohn und Heiligem Geist ist.

Die Kommunikation prägt die grundlegenden Bereiche der Kirche, die gerufen ist, allen die frohe Botschaft der Erlösung zu verkünden. Deshalb nutzt sie die von den Massenmedien gebotenen Möglichkeiten. In ihnen sieht sie Wege, die Gottes Vorsehung unserer Zeit geschenkt hat, um die Gemeinschaft zu stärken und eine wirksamere Verkündigung zu erreichen [3]. Die Medien können den universellen Charakter des Volkes Gottes sichtbar machen, einen regeren und unmittelbareren Austausch unter den Ortskirchen fördern und das gegenseitige Verständnis und die Zusammenarbeit nähren.

Danken wir Gott für diese machtvollen Mittel. Wenn sie von den Christen mit dem Geist des Glaubens und gemäß der Eingebungen des Heiligen Geistes genutzt werden, können sie zu einer weiteren Verbreitung des Evangeliums beitragen und die Bande zwischen den kirchlichen Gemeinschaften stärken.

III. Ein Wandel der Denkweise und eine pastorale Erneuerung

7. In den Kommunikationsmitteln findet die Kirche eine wertvolle Hilfe für die Verbreitung des Evangeliums und der religiösen Werte, für die Förderung des Dialogs und der ökumenischen und interreligiösen Zusammenarbeit sowie für die Verteidigung jener dauerhaften Prinzipien, die unbedingt nötig sind, um eine Gesellschaft aufzubauen, die die Würde der menschlichen Person achtet und auf das Gemeinwohl ausgerichtet ist. Gerne bedient sie sich dieser Mittel, um Informationen über sich selbst zur Verfügung zu stellen und die Evangelisierung, die Katechese und die Bildung voranzutreiben und betrachtet diese Anwendung als eine Antwort auf das Gebot des Herrn: „Geht hinaus in die ganze Welt und verkündet das Evangelium allen Geschöpfen!“ (Mk 16,15).

Diese Aufgabe ist sicher nicht leicht in unseren Tagen, in denen sich die Überzeugung breit macht, die Zeit der Gewissheiten sei hoffnungslos vorbei; nunmehr müsse der Mensch lernen, vor einem Horizont völliger Sinnferne im Zeichen des Vorläufigen und Vergänglichen zu leben [4]. In diesem Zusammenhang können die Kommunikationsmittel dazu verwendet werden, „das Evangelium zu verkünden, oder es in den Herzen der Menschen zum Schweigen zu bringen“ [5]. Dies stellt eine große Herausforderung für die Gläubigen dar, vor allem für die Eltern, die Familien und für alle, die verantwortlich sind für die Kinder- und Jugenderziehung. Mit Klugheit und pastoraler Umsicht sollen all jene Mitglieder der Gemeinschaft der Kirche ermutigt werden, die für die Arbeit in der Medienwelt besonders begabt sind, damit sie Fachleute werden, die in der Lage sind, mit der weiten Welt der Massenmedien zu kommunizieren.

8. Aber nicht nur die hauptberuflich in den Medien Tätigen sollen diese wertschätzen, sondern die ganze kirchliche Gemeinschaft. Wenn die sozialen Kommunikationsmittel, wie bereits dargelegt, verschiedene Bereiche des Glaubenslebens betreffen, dann müssen die Christen der Medienkultur, in der wir leben, Rechnung tragen: von der Liturgie, höchster und grundlegender Ausdruck der Kommunikation mit Gott und den Schwestern und Brüdern, bis zur Katechese, die nicht die Tatsache außer Acht lassen kann, dass sie sich an Personen richtet, die unter dem Einfluss der zeitgenössischen Ausdrucksweise und Kultur stehen.

Das aktuelle Phänomen der sozialen Kommunikationsmittel spornt die Kirche zu einer Art pastoraler und kultureller Erneuerung an, um so in der Lage zu sein, den Zeitenwandel, in dem wir leben, in entsprechender Weise bewältigen zu können. Darauf müssen vor allem die Hirten achten: Es ist in der Tat wichtig, sich um eine einprägsame Präsentation zu kümmern, die dem Hören und der Aufnahme der Verkündigung förderlich ist [6]. Besondere Verantwortung kommt in diesem Feld den gottgeweihten Personen zu, die durch ihr eigenes Charisma auf das Engagement im Bereich der sozialen Kommunikation ausgerichtet sind. Geistlich und beruflich ausgebildet, sollen sie „je nach den pastoralen Zweckmäßigkeiten ihren Dienst […] leisten, um einerseits die vom Missbrauch der Medien hervorgerufenen Schäden abzuwenden und andererseits eine höhere Qualität der Sendungen mit Botschaften zu fördern, die das Moralgesetz achten und an menschlichen und christlichen Werten reich sind“ [7].

9. Gerade in Anbetracht der Bedeutung der Medien habe ich es bereits vor fünfzehn Jahren als unangebracht erachtet, sie der Initiative Einzelner oder kleiner Gruppen zu überlassen, und habe vorgeschlagen, sie mit Deutlichkeit in die Pastoralpläne mit einzubeziehen [8]. Besonders die neuen Technologien schaffen neuartige Möglichkeiten für eine Kommunikation als Dienst am Hirtenamt und an der Gestaltung der vielfältigen Aufgaben der christlichen Gemeinschaft. Man denke zum Beispiel daran, wie das Internet nicht nur Ressourcen für eine bessere Information bietet, sondern die Menschen auch an eine interaktive Kommunikation gewöhnt [9]. Viele Christen benutzen bereits auf kreative Weise dieses neue Werkzeug und ergründen seine Möglichkeiten für die Evangelisierung, die Erziehung, die interne Kommunikation, die Verwaltung und die Leitung. Aber neben dem Internet werden auch andere neue Medien benutzt und alle Bewertungen der traditionellen Werkzeuge überprüft. Dennoch sind katholische Zeitungen, Veröffentlichungen verschiedener Natur, Fernsehen und Rundfunk weiterhin von großem Nutzen in einem vollständigen Panorama der kirchlichen Kommunikation.

Während die Inhalte natürlich an die Bedürfnisse der verschiedenen Gruppen angepasst werden, muss ihr Ziel immer sein, den Personen die ethische und sittliche Dimension der Information bewusst zu machen [10]. Ebenso ist es wichtig, die in der Kommunikation Tätigen auszubilden und ihnen pastorale Begleitung zu gewährleisten. Oft sind diese Frauen und Männer besonderem Druck und ethischen Fragen ausgesetzt, die aus ihrer täglichen Arbeit hervorgehen; viele von ihnen „wünschen aufrichtig zu wissen und zu tun, was im ethischen und sittlichen Bereich recht ist“, und erwarten von der Kirche Orientierung und Unterstützung [11].

IV. Die Medien, Brennpunkt der großen sozialen Fragen

10. Die Kirche, die kraft der ihr vom Herrn anvertrauten Heilsbotschaft auch Lehrmeisterin der Menschheit ist, ist sich ihrer Pflicht bewusst, den eigenen Beitrag für ein besseres Verständnis der Perspektiven und der Verantwortungen zu leisten, die mit den aktuellen Entwicklungen der sozialen Kommunikationsmittel einhergehen. Eben weil sie das Gewissen der einzelnen beeinflussen, ihre Mentalität bilden und ihre Sichtweise bestimmen, ist es eindeutig zu bekräftigen, dass die sozialen Kommunikationsmittel ein zu schützendes und zu förderndes Gut darstellen. Es ist notwendig, dass auch die sozialen Kommunikationsmittel in einen organisch strukturierten Rahmen von Pflichten und Rechten eingegliedert werden, sei es hinsichtlich der Bildung und der ethischen Verantwortung, sei es hinsichtlich des Bezugs zu den Gesetzen und den institutionellen Kompetenzen.

Die positive Entwicklung der Medien im Dienst des Gemeinwohls ist eine Verantwortung aller und jedes einzelnen [12]. Wegen der starken Verbindungen der Medien zur Wirtschaft, Politik und Kultur ist es nötig, ein System zu schaffen, das in der Lage ist, die Zentralität und die Würde der Person, den Vorrang der Familie als der grundlegenden Zelle der Gesellschaft, und die richtige Beziehung zwischen den einzelnen Subjekten zu wahren.

11. Es müssen einige Entscheidungen getroffen werden, die sich in drei Grundoptionen zusammenfassen lassen: Bildung, Beteiligung, Dialog.

An erster Stelle steht eine breit angelegte Bildungstätigkeit, damit die Medien bekannt sowie bewusst und angemessen genutzt werden. Die von ihnen eingeführten neuen Sprachformen verändern die Lernvorgänge und die Qualität der zwischenmenschlichen Beziehungen. Deshalb läuft man ohne eine angemessene Bildung Gefahr, dass sie die Personen, statt ihnen zu dienen, instrumentalisieren und beeinträchtigen. Das gilt in besonderer Weise für die Jugendlichen, die den technologischen Neuerungen auf natürliche Weise zugetan sind und deswegen auch noch mehr der Anleitung zu einem verantwortlichen und kritischen Gebrauch der Medien bedürfen.

Zweitens möchte ich erneut den Zugang zu den Medien und die mitverantwortliche Beteiligung an ihrer Leitung in Erinnerung rufen. Wenn die sozialen Kommunikationsmittel ein Gut sind, das für die ganze Menschheit bestimmt ist, so müssen immer zeitgemäße Formen gefunden werden, um den Pluralismus zu garantieren und eine breite Teilnahme an ihrer Leitung zu ermöglichen, auch durch angemessene gesetzliche Regelungen. Die Kultur der Mitverantwortung muss wachsen.

Schließlich dürfen die großen Möglichkeiten der Medien nicht vergessen werden, den Dialog zu fördern, indem sie Träger des gegenseitigen Kennenlernens, der Solidarität und des Friedens werden. Wenn sie im Dienst der Völkerverständigung stehen, sind sie eine mächtige positive Ressource; wenn sie benutzt werden, um Ungerechtigkeit und Konflikte zu nähren, eine zerstörerische „Waffe“. Auf prophetische Weise hat bereits mein ehrwürdiger Vorgänger, der selige Johannes XXIII., in der Enzyklika Pacem in terris die Menschheit vor diesen möglichen Risiken gewarnt [13].

12. Großes Interesse weckt die Reflektion über die Rolle „der öffentlichen Meinung in der Kirche“ und „der Kirche in der öffentlichen Meinung“. In einem Treffen mit den Herausgebern der katholischen Zeitungen hat mein ehrwürdiger Vorgänger Paul VI. gesagt, dass in der Kirche etwas fehlte, wenn es die öffentliche Meinung nicht gäbe. Der gleiche Gedanke wurde bei anderen Gelegenheiten bekräftigt [14], und der Kodex des Kanonischen Rechts erkennt unter bestimmten Voraussetzungen das Recht auf Meinungsäußerung an [15]. Es ist wahr, dass die Glaubenswahrheiten nicht willkürlich ausgelegt werden können und die Achtung der Rechte der Anderen der Äußerung eigener Werturteile dieser ihr eigene innere Grenzen setzt. Nicht weniger wahr ist aber, dass es in anderen Bereichen unter Katholiken Raum für Meinungsaustausch gibt, in einem Dialog, der unter Beachtung der Gerechtigkeit und Klugheit geführt wird.

Sowohl die Kommunikation innerhalb der kirchlichen Gemeinschaft, als auch die der Kirche mit der Welt, erfordern Transparenz und eine neue Weise, die mit der Welt der Medien verbundenen Fragen anzugehen. Eine solche Kommunikation muss sich um einen konstruktiven Dialog bemühen, um in der kirchlichen Gemeinschaft eine richtig informierte und unterscheidungsfähige öffentliche Meinung heranzubilden. Die Kirche hat, wie auch andere Gruppen und Einrichtungen das Bedürfnis und das Recht, die eigenen Tätigkeiten bekannt zu machen, aber sie muss gleichzeitig, wenn nötig, eine angemessene Zurückhaltung üben können, ohne dass dies eine pünktliche und ausreichende Mitteilung über kirchliche Tatsachen beeinträchtigen würde. Dies ist einer der Bereiche, wo die Zusammenarbeit zwischen Laien und Hirten besonders erforderlich ist, denn, wie das Konzil richtig hervorhebt, „aus diesem vertrauten Umgang zwischen Laien und Hirten kann man viel Gutes für die Kirche erwarten. In den Laien wird so der Sinn für eigene Verantwortung gestärkt, die Bereitwilligkeit gefördert. Die Kraft der Laien verbindet sich leichter mit dem Werk der Hirten. Sie können mit Hilfe der Erfahrung der Laien in geistlichen wie in weltlichen Dingen genauer und besser urteilen. So mag die ganze Kirche, durch alle ihre Glieder gestärkt, ihre Sendung für das Leben der Welt wirksamer erfüllen“ [16].

V. Mit der Kraft des Heiligen Geistes kommunizieren

13. Für die Gläubigen und die Menschen guten Willens ist die große Herausforderung in dieser unserer Zeit, eine wahrheitsgemäße und freie Kommunikation zu unterhalten, die dazu beiträgt, den ganzheitlichen Fortschritt der Welt zu festigen. Alle sind dazu aufgefordert, durch eine gesunde Kritikfähigkeit ein aufmerksames Urteilsvermögen und ständige Wachsamkeit gegenüber der Überzeugungskraft der Kommunikationsmittel zu entwickeln.

Auch in diesem Bereich wissen die Christgläubigen, dass sie mit der Hilfe des Heiligen Geistes rechnen können. Diese Hilfe ist um so nötiger, wenn man bedenkt, wie sehr Ideologien, das Streben nach Machtgewinn, Rivalitäten und Konflikte zwischen Einzelnen und Gruppen, menschliche Schwächen und soziale Übel die Kommunikation erschweren können. Die modernen Technologien erhöhen auf beeindruckende Weise die Schnelligkeit, die Menge und die Wichtigkeit der Kommunikation, aber sie begünstigen nicht in gleicher Weise den delikaten Austausch zwischen Geist und Geist, Herz und Herz, der jede Kommunikation auszeichnen muss, die der Solidarität und der Liebe dient.

In der Heilsgeschichte hat sich Christus uns als der „Kommunikator“ des Vaters vorgestellt: „In dieser Endzeit hat Gott zu uns gesprochen durch den Sohn“ (Hebr 1,2). Er, das fleischgewordene ewige Wort, zeigt in seinem Mitteilen immer Respekt für die Zuhörer, lehrt das Verständnis für ihre Situation und ihre Bedürfnisse, fordert zu Anteilnahme an ihrem Leid auf und dazu, ihnen mit entschiedener Bestimmtheit das zu sagen, was sie hören müssen, ohne Einschränkungen oder Kompromisse, Betrug oder Manipulation. Jesus lehrt, dass Kommunikation sittliches Handeln ist: „Ein guter Mensch bringt Gutes hervor, weil er Gutes in sich hat, und ein böser Mensch bringt Böses hervor, weil er Böses in sich hat. Ich sage euch: Über jedes unnütze Wort, das die Menschen reden, werden sie am Tag des Gerichts Rechenschaft ablegen müssen; denn aufgrund deiner Worte wirst du freigesprochen und aufgrund deiner Worte wirst du verurteilt werden“ (Mt 12, 35-37).

14. Der Apostel Paulus hat eine klare Botschaft für alle, die an der sozialen Kommunikation beteiligt sind – Politiker, Kommunikatoren, Mediennutzer: „Legt deshalb die Lüge ab, und redet untereinander die Wahrheit; denn wir sind als Glieder miteinander verbunden. […] Über eure Lippen komme kein böses Wort, sondern nur ein gutes, das den, der es braucht, stärkt, und dem, der es hört, Nutzen bringt“ (Eph 4,25.29).

An alle, die in der Kommunikation tätig sind, und besonders an die Gläubigen, die in diesem wichtigen Bereich der Gesellschaft arbeiten, richte ich die Einladung, die ich seit dem Beginn meines Dienstes als Hirt der universellen Kirche der ganzen Welt zugerufen habe: „Fürchtet euch nicht!“

Fürchtet euch nicht vor den neuen Technologien! Sie sind „unter den erstaunlichen Erfindungen der Technik“ – „inter mirifica“ –, die Gott uns zur Verfügung gestellt hat, um die Wahrheit zu entdecken, zu nutzen, bekannt zu machen, auch die Wahrheit über unsere Würde und über unsere Bestimmung als seine Kinder, Erben seines ewigen Reiches.

Fürchtet euch nicht vor dem Widerstand der Welt! Jesus hat uns versichert: „Ich habe die Welt besiegt!“ (Joh 16,33).

Fürchtet euch auch nicht vor eurer Schwäche und eurer fehlenden Eignung! Der göttliche Meister hat gesagt: „Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt“ (Mt 28,20). Teilt die Botschaft der Hoffnung, der Gnade und der Liebe Christi mit, belebt in dieser vergänglichen Welt die ewige Perspektive des Himmels, eine Perspektive, die kein Kommunikationsmittel jemals direkt erreichen kann: „Was kein Auge gesehen und kein Ohr gehört hat, was keinem Menschen in den Sinn gekommen ist: das Große, das Gott denen bereitet hat, die ihn lieben“ (1 Kor 2,9).

Maria, die uns das Wort des Lebens geschenkt und seine unsterblichen Worte in ihrem Herzen bewahrt hat, empfehle ich den Weg der Kirche in der Welt von heute. Die heilige Jungfrau helfe uns, mit allen Mitteln die Schönheit und die Freude des Lebens in Christus, unserem Erlöser, mitzuteilen.

Aus dem Vatikan, den 24. Januar 2005, Gedenktag des hl. Franz von Sales, Patron der Journalisten.

IOANNES PAULUS II


ANMERKUNGEN

[1] Dekret Inter mirifica, Nr. 1.

[2] Apostolisches Schreiben Evangelii Nuntiandi (8. Dezember 1975):  AAS 68 (1976), 45.

[3] Vgl. Johannes Paul II., Nachsynodales Apostolisches Schreiben Christi Fideles Laici (30. Dezember 1988), 18-24: AAS 81 (1989), 421-435; vgl. Päpstlicher Rat für die sozialen Kommunikationsmittel, Pastorale Instruktion Aetatis novae (22. Februar 1992), 10: AAS 84 (1992), 454-455.

[4] Vgl. Johannes Paul II., Enzyklika Fides et ratio (14. September 1998), 91: AAS 91 (1999), 76-77.

[5] Päpstlicher Rat für die sozialen Kommunikationsmittel, Pastorale Instruktion Ætatis novæ (22. Februar 1992),  4: AAS 84 (1992), 450.

[6] Vgl. Johannes Paul II., Nachsynodales Apostolisches Schreiben Pastores gregis, (16. Oktober 2003), 30 : L`Osservatore Romano (italienische Ausgabe) 17. Oktober 2003, S. 6.

[7] Johannes Paul II., Nachsynodales Apostolisches Schreiben Vita Consecrata (25. März 1996), 99: AAS 88 (1996), 476.

[8] Vgl. Johannes Paul II., Enzyklika Redemptoris missio (17. Dezember 1990), 37 : AAS 83 (1991), 282-286.

[9] Vgl. Päpstliche Kommission für die sozialen Kommunikationsmittel, Kirche und Internet (22. Februar 2002), 6, Vatikanstadt, 2002, S. 13-15.

[10] Vgl. Zweites Vatikanisches Konzil, Inter mirifica, 15 – 16; Päpstliche Kommission für die sozialen Kommunikationsmittel, Communio et progressio (23. Mai 1971), 107: AAS 63 (1971), 631-632; Päpstlicher Rat für die sozialen Kommunikationsmittel, Pastorale Instruktion Aetatis novae, 18: AAS 84 (1992), 460.

[11] Vgl. ebd., 19: l.c.

[12] Vgl. Katechismus der katholischen Kirche, Nr. 2494.

[13] Vgl. Johannes Paul II, Botschaft zum 37. Welttag der sozialen Kommunikationsmittel (24. Januar 2003): L`Osservatore Romano (italienische Ausgabe), 25. Januar 2003, S. 6.

[14] Vgl. Zweites Vatikanisches Konzil, Lumen gentium, 37; Päpstliche Kommission für die sozialen Kommunikationsmittel, Communio et progressio (23. Mai 1971), 114 – 117: AAS 63 (1971), 634-635.

[15] Kan. 212, § 3: „Entsprechend ihrem Wissen, ihrer Zuständigkeit und ihrer hervorragenden Stellung haben sie das Recht und bisweilen sogar die Pflicht, ihre Meinung in dem, was das Wohl der Kirche angeht, den geistlichen Hirten mitzuteilen und sie unter Wahrung der Unversehrtheit des Glaubens und der Sitten und der Ehrfurcht gegenüber den Hirten und unter Beachtung des allgemeinen Nutzens und der Würde der Personen den übrigen Gläubigen kundzutun.”; vgl. Kodex für die orientalischen Kirchen, can. 15, § 3.

[16] Vgl. Zweites Vatikanisches Konzil, Lumen gentium, 37.

 

[NICHTOFFIZIELLE ÜBERSETZUNG]

 

© Copyright 2005 - Libreria Editrice Vaticana

    

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