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APOSTOLISCHES SCHREIBEN A CONCILIO
CONSTANTINOPOLITANO I SEINER HEILIGKEIT PAPST JOHANNES
PAUL II.
AN DEN EPISKOPAT DER KATHOLISCHEN KIRCHE ZUR 1600-JAHRFEIER DES I. KONZILS
VON KONSTANTINOPEL UND ZUR 1550-JAHRFEIER DES KONZILS VON EPHESUS
Liebe Brüder im Bischofsamt!
I.
1 . Euch diesen Brief zu schreiben, der sowohl eine theologische
Besinnung sein will als auch eine pastorale Einladung aus der Tiefe des Herzens,
drängt mich vor allem die 1600-Jahrfeier des I. Konzils von Konstantinopel, das
im Jahre 381 stattgefunden hat. Es war, wie ich schon an der Schwelle des neuen
Jahres in der Basilika des heiligen Petrus betonen durfte, »nach dem von Nizäa
das zweite Ökumenische Konzil der Kirche. Ihm verdanken wir das Credo, das in
der Liturgie seinen beständigen Platz hat. Ein besonderes Erbe dieses Konzils
ist die Lehre über den Heiligen Geist, die in der lateinischen Liturgie mit
diesen Worten ausgesagt wird: »Credo in Spiritum Sanctum, Dominum et
vivificantem... qui cum Patre et Filio simul adoratur et conglorificatur, qui
locutus est per prophetas«! (1)
Diese von so vielen christlichen Generationen im Credo
wiederholten Worte sollen deshalb in diesem Jahr für unseren Glauben und unsere
Frömmigkeit von besonderer Bedeutung sein. Sie sollen uns auch die tiefen Bande
neu zum Bewußtsein bringen, welche die Kirche unserer Zeit - die nunmehr dem
dritten Jahrtausend ihres Lebens entgegengeht, eines wunderbar reichen und
erprobten Lebens in ununterbrochener Teilhabe an Christi Kreuz und Auferstehung
in der Kraft des Heiligen Geistes - verbinden mit der Kirche des vierten
Jahrhunderts: die Bande einer von den ersten Ursprüngen her durchgehaltenen
Identität, die Bande der Treue zur Botschaft des Evangeliums und zur Predigt der
Apostel.
So ist das I. Konzil von Konstantinopel, wie aus dem Gesagten
bereits deutlich wird, auch heute noch Ausdruck des einen gemeinsamen Glaubens
der Kirche und der ganzen Christenheit. Indem wir diesen Glauben bekennen - wie
wir es jedesmal im Credo tun - und ihm bei der bevorstehenden Jubiläumsfeier
neues Leben geben, wollen wir hervorheben, was uns - trotz aller Spaltungen im
Laufe der Jahrhunderte - mit allen unseren Brüdern verbindet. Sechzehn
Jahrhunderte nach dem I. Konzil von Konstantinopel danken wir so Gott für die
Wahrheit unseres Herrn, welche dank der Lehre dieses Konzils die Wege unseres
Glaubens und unseres Lebens aus dem Glauben erleuchtet. Bei diesem Jubiläum geht
es nicht nur um die Erinnerung an eine Glaubensformel, die seit sechzehn
Jahr-hunderten in der Kirche Geltung hat, sondern zugleich um das Bemühen, in
Besinnung und Gebet, mit den Hilfen der Spiritualität und der Theologie uns jene
personale Macht zu vergegenwärtigen, die Leben spendet, jenes Geschenk, das
Person ist - Dominum et vivificantem -, jene dritte Person in der Heiligsten
Dreifaltigkeit, an welcher die einzelne Seele und die Kirche als ganze im
Glauben teilhat. Auch heute belebt der Heilige Geist die Kirche und ist ihr
Antrieb auf den Wegen der Heiligkeit und der Liebe. Wie schön schreibt der
heilige Ambrosius in seinem Werk über den Heiligen Geist: »Wenn er auch von
Natur unzugänglich ist, so kann er doch dank seiner Güte von uns empfangen
werden; alles erfüllt er mit seiner Kraft, aber nur die Gerechten haben an ihm
Anteil; er ist einfach in seinem Wesen, reich an Kraft, gegenwärtig in allen; er
teilt, was sein ist, um es jedem zu schenken, und ist voll und ganz an jedem
Ort«! (2)
2. Die Jubiläumsfeier des Konzils von Konstantinopel, des zweiten
Ökumenischen Konzils der Kirche, macht uns Christen am Ende des zweiten
Jahrtausends bewußt, wie lebendig in den ersten Jahrhunderten des ersten
Jahrtausends in der wachsenden Gemeinde das Bedürfnis war, im kirchlichen
Glaubensbekenntnis das unauslotbare Geheimnis Gottes in seiner absoluten
Transzendenz, das Geheimnis von Vater, Sohn und Geist, richtig zu verstehen und
zu verkünden. Dieses Geheimnis hat - zusammen mit anderen wesentlichen Gehalten
christlicher Wahrheit und christlichen Lebens - von Anfang an die Aufmerksamkeit
der Glaubenden auf sich gezogen und zahlreiche, auch widerstreitende Deutungen
gefunden, die dann ein Wort der Kirche notwendig machten, ein feierliches
Zeugnis kraft der Verheißung Christi im Abendmahlssaal: »Der Beistand aber, der
Heilige Geist, den der Vater in meinem Namen senden wird, er wird... euch an
alles erinnern, was ich euch gesagt habe« (3) er, »der Geist der Wahrheit, wird
euch in die ganze Wahrheit führen«. (4)
So müssen wir in diesem Jahr 1981 dem Heiligen Geist in besonderer Weise
dafür danken, daß er inmitten der vielfältigen Schwankungen menschlichen Denkens
die Kirche befähigt hat, ihren Glauben - gewiß in einer der jeweiligen Epoche
eigenen Ausdrucksweise - im vollen Einklang mit der »ganzen Wahrheit« zum
Ausdruck zu bringen.
»Ich glaube an den Heiligen Geist, der Herr ist und das Leben gibt, der aus
dem Vater hervorgeht. Mit dem Vater und dem Sohn wird er angebetet und
verherrlicht, gesprochen hat er durch die Propheten«, so klingen die Worte des
Konstantinopolitanischen Glaubensbekenntnisses aus dem Jahr 381. (5) Jenes
Konzil hat so das Geheimnis des Heiligen Geistes, seines Ursprungs vom Vater,
erläutert und damit seine Einheit und Gleichheit im Gott-Sein mit Vater und Sohn
betont.
II.
3. Wenn ich an die 1600-Jahrfeier des I. Konzils von Konstantinopel erinnere,
muß ich noch ein weiteres bedeutungsvolles Ereignis erwähnen, welches das Jahr
1981 betrifft: in diesem Jahr begehen wir auch die 1550-Jahrfeier des Konzils
von Ephesus, das im Jahre 431 stattfand. Dieses Gedenken steht gleichsam im
Schatten des vorhergehenden Konzils; es hat aber auch seinerseits eine besondere
Bedeutung für unseren Glauben und verdient es darum sehr, in Erinnerung gerufen
zu werden.
Im Glaubensbekenntnis selbst, inmitten der liturgischen Gemeinde, die sich
anschickt, die göttlichen Geheimnisse gläubig zu feiern, sprechen wir ja die
Worte des Konzils: »Et incarnatus est de Spiritu Sancto ex Maria Virgine, et
homo factus est: er ... hat Fleisch angenommen durch den Heiligen Geist von der
Jungfrau Maria und ist Mensch geworden«. Das Konzil von Ephesus hatte darum eine
vorwiegend christologische Bedeutung, indem es die zwei Naturen in Jesus
Christus, die göttliche und die menschliche, definierte, um die authentische
Glaubenslehre der Kirche genauer zu fassen, die bereits durch das Konzil von
Nizäa im Jahre 325 formuliert worden war, aber durch die Verbreitung
unterschiedlicher Ausdeutungen der schon auf diesem Konzil geklärten Wahrheit
und vor allem einiger Glaubensformeln, die in der nestorianischen Verkündigung
benutzt wurden, in Gefahr geraten war. In enger Verbindung mit diesen
Glaubensaussagen hatte das Konzil von Ephesus darüberhinaus eine soteriologische
Bedeutung, indem es in der Form des bekannten Axioms herausstellte, daß »nicht
erlöst sei, was nicht angenommen sei«. Aber in gleich enger Verbindung mit der
Bedeutung jener dogmatischen Definitionen stand eine Glaubenswahrheit, welche
die Jungfrau Maria betraf: sie ist berufen worden zur einzigartigen und
einmaligen Würde, Mutter Gottes, »Theotokos« zu sein, wie es mit aller Klarheit
vor allem in den Briefen des heiligen Kyrill an Nestorios (6) sowie von der
hervorragenden Formula unionis aus dem Jahre 433 (7) dargelegt worden ist. Dies
alles ist ein einziger Hymnus, der von jenen alten Konzilsvätern der
Menschwerdung des eingeborenen Sohnes Gottes in der vollen Wirklichkeit der zwei
Naturen in einer einzigen Person dargebracht wurde. Es ist zugleich ein Hymnus
auf das Erlösungswerk, das durch den Heiligen Geist in der Welt verwirklicht
worden ist. Und das alles mußte notwendigerweise auch der Gottesmutter zur Ehre
gereichen, der ersten Mitwirkenden mit der Kraft des Höchsten, die sie bei der
Verkündigung überschattet hat, als der Glanz des Heiligen Geistes über sie kam.
(8) Und so verstanden es auch unsere Schwestern und Brüder von Ephesus, die am
Abend des 22. Juni, dem Eröffnungstag des Konzils, das in der Kathedrale der
»Gottesmutter« gefeiert wurde, mit diesem Titel der Jungfrau Maria zujubelten
und die Konzilsväter beim Abschluß jener ersten Session im Triumph geleiteten.
Es erscheint mir deshalb sehr angebracht, daß auch dieses alte Konzil, das
dritte der Kirchengeschichte, uns mit seiner reichen theologischen wie
ekklesiologischen Bedeutung in Erinnerung gerufen wird. Die heilige Jungfrau
Maria ist jenes Geschöpf, das in der Kraft der Heiligsten Dreifaltigkeit am
engsten mit dem Werk der Erlösung verbunden ist. Die Menschwerdung des Ewigen
Wortes ist unter ihrem Herzen geschehen, durch den Heiligen Geist. In ihr ist
die Morgenröte der neuen Menschheit aufgeleuchtet, die sich in Christus inmitten
der Welt darstellte, um den ursprünglichen Plan des Bundes mit Gott, der durch
den Ungehorsam des ersten Menschen gebrochen war, zur Erfüllung zu bringen. »Et
incarnatus est de Spiritu Sancto ex Maria Virgine«.
4. Diese beiden Jubiläen werden, wenn auch aus verschiedenem Grunde und mit
unterschiedlicher geschichtlicher Bedeutung, zu einem Lobpreis auf den Heiligen
Geist. All dies ist ja geschehen durch den Heiligen Geist. So wird sichtbar, wie
tief diese zwei großen Gedenkfeiern, die wir im Jahre 1981 begehen dürfen, in
der Verkündigung und im Bekenntnis des Glaubens der Kirche, ja des Glaubens
aller Christen, miteinander verbunden sind. Es ist der Glaube an die Heiligste
Dreifaltigkeit: der Glaube an den Vater, von dem alle guten Gaben kommen, (9)
der Glaube an Christus, den Erlöser des Menschen, der Glaube an den Heiligen
Geist; und so auch - in diesem Licht - die Verehrung der Gottesmutter, die »dem
Wort Gottes zustimmend, Mutter Jesu geworden (ist). Sie umfing den Heilswillen
Gottes mit ganzem Herzen und von Sünde unbehindert und gab sich als Magd des
Herrn ganz der Person und dem Werk ihres Sohnes hin«, und so ist sie »nicht bloß
passiv von Gott benutzt (worden), sondern (hat) in freiem Glauben und Gehorsam
zum Heil der Menschen mitgewirkt«. (10) Es ist so trostreich, daß Maria, die mit
einem solchen Glauben die Ankunft des Herrn erwartet hat, nun auch an diesem
Ende des zweiten Jahrtausends gegenwärtig ist, um unseren Glauben bei dieser
unseren »adventlichen« Erwartung zu erleuchten.
All dies ist uns Quelle unendlicher Freude, Quelle großer Dankbarkeit für
dieses Glaubens-licht, durch das wir an den unergründlichen Geheimnissen Gottes
teilhaben, indem wir daraus den Lebensinhalt unserer Seele machen, so daß diese
mit erweitertem Blick unsere geistige Würde und unser menschliches Geschick
betrachten kann. Darum dürfen auch diese beiden bedeutenden Jubiläen für uns
nicht bloße Erinnerung an eine ferne Vergangenheit bleiben. Sie müssen im
Glauben der Kirche lebendig werden, müssen in ihrem geistlichen Leben neu
widerhallen, ja, sie müssen sogar eine entsprechende äußere Darstellung ihrer
stets lebendigen Aktualität für die gesamte Gemeinschaft der Gläubigen finden.
5. Ich schreibe dies vor allem Euch, meinen lieben und verehrten Brüdern im
Bischof samt. Zugleich aber wende ich mich an die Bruder im Priesteramt, die
engsten Mitarbeiter bei Eurem Hirtendienst »aus der Kraft des Heiligen Geistes«.
Auch an die Brüder und Schwestern aller männlichen und weiblichen religiösen
Gemeinschaften wende ich mich; denn unter ihnen sollte das Zeugnis für den Geist
Christi besonders lebendig und die Sendung jener Frau, die die Magd des Herrn
sein wollte, (11) besonders verehrt sein. Schließlich wende ich mich an alle
Brüder und Schwestern im Laienstand der Kirche, die durch ihr Glaubensbekenntnis
zusammen mit allen anderen Gliedern der kirchlichen Gemeinschaft so oft und seit
so vielen Generationen die Erinnerung an die großen Konzilien immer wieder
erwecken und lebendig erhalten. Ich bin davon überzeugt, daß sie den Hinweis auf
diese Jahresdaten und die entsprechenden Jubiläen dankbar annehmen werden, vor
allem wenn wir uns gemeinsam bewußt machen, wie aktuell zugleich jene
Geheimnisse sind, denen die beiden Konzilien bereits in der ersten Hälfte des
ersten Jahrtausends der Kirchengeschichte einen gültigen Ausdruck gegeben haben.
Ich hege schließlich die Hoffnung, daß die Gedächtnisfeier für die Konzilien
von Konstantinopel und Ephesus, die Ausdruck des Glaubens sind, wie er von der
ungeteilten Kirche gelehrt und bekannt worden ist, uns voranschreiten lasse im
gegenseitigen Verstehen mit unseren geliebten Brüdern in Ost und West, mit denen
wir noch nicht in der vollen Einheit kirchlicher Gemeinschaft stehen, mit denen
zusammen wir aber bereits die Wege zur Einheit in der Wahrheit in Gebet, Demut
und Vertrauen suchen. Was könnte denn auch eher den Weg zu dieser Einheit
beschleunigen als die Erinnerung und damit auch die Verlebendigung dessen, was
durch so viele Jahrhunderte der Inhalt des gemeinsam bekannten Glaubens gewesen
ist und es sogar auch jetzt noch ist, nach den schmerzlichen Trennungen, die im
Laufe der Jahrhunderte eingetreten sind?
III.
6. Es ist deswegen mein Wunsch, daß diese Ereignisse in ihrem inneren
ekklesiologischen Zusammenhang gefeiert werden. Wir dürfen uns bei diesen großen
Jubiläen nicht nur an das Geschehen der Vergangenheit erinnern, sondern müssen
es durch die Gegenwart verlebendigen und eng mit dem Leben und den Aufgaben der
Kirche unserer Zeit in Verbindung bringen, so wie diese von der gesamten
Botschaft des Konzils unserer Zeit, vom II. Vatikanum, dargestellt worden sind.
Wie tief verwurzelt leben doch in dessen Lehräußerungen die in jenen Konzilien
definierten Wahrheiten fort, und wie sehr haben sie den Inhalt der Lehre über
die Kirche geprägt, die ja im II. Vatikanischen Konzil eine zentrale Stelle
einnimmt! Wie wesentlich und konstitutiv sind sie doch für diese Lehre, und wie
intensiv gewinnen zugleich diese zentralen Grundwahrheiten unseres Credos
gewissermaßen eine neue Vitalität und erstrahlen im Gesamtzusammenhang der Lehre
des II. Vatikanischen Konzils in neuem Licht!
Wenn es die Hauptaufgabe unserer Generation und vielleicht auch der kommenden
Generationen in der Kirche sein wird, die Lehre und die Leitlinien dieses großen
Konzils zu verwirklichen und ins Leben umzusetzen, so bieten die Jubiläen des I.
Konzils von Konstantinopel und des Konzils von Ephesus eine günstige
Gelegenheit, diese Aufgabe im lebendigen Zusammenhang mit der Wahrheit zu
erfüllen, die über die Jahr-hunderte hinweg unverändert fortdauert.
7. »Als das Werk vollendet war, das der Vater dem Sohn auf der Erde zu tun
aufgetragen hatte, (12) wurde am Pfingsttag der Heilige Geist gesandt, auf daß
er die Kirche immerfort heilige und die Gläubigen so durch Christus in einem
Geiste Zugang hätten zum Vater. (13) Er ist der Geist des Lebens, die Quelle des
Wassers, das zu ewigem Leben aufsprudelt; (14) durch ihn macht der Vater die in
der Sünde erstorbenen Menschen lebendig, um endlich ihre sterblichen Leiber in
Christus aufzuerwecken. (15) Der Geist wohnt in der Kirche und in den Herzen der
Gläubigen wie in einem Tempel, (16) in ihnen betet er und bezeugt ihre Annahme
an Sohnes Statt. (17) Er führt die Kirche in alle Wahrheit ein, (18) eint sie in
Gemeinschaft und Dienstleistung, bereitet und lenkt sie durch die verschiedenen
hierarchischen und charismatischen Gaben und schmückt sie mit seinen Früchten.
(19) Durch die Kraft des Evangeliums läßt er die Kirche allezeit sich verjüngen,
erneut sie immerfort und geleitet sie zur vollkommenen Vereinigung mit ihrem
Bräutigam. Denn der Geist und die Braut sagen zum Herrn Jesus: "Komm". (20) So
erscheint die ganze Kirche als "das von der Einheit des Vaters und des Sohnes
und des Heiligen Geistes her geeinte Volk"«. (21) Dies ist der Konzilstext, der
sicher am reichhaltigsten ist, am besten zusammenfaßt und - wenn auch nicht als
einziger - zeigt, wie in der gesamten Lehre des II. Vatikanischen Konzils die
Wahrheit über den Heiligen Geist, die vor 1600 Jahren das I. Konzil von
Konstantinopel auf so maßgebliche Weise zum Ausdruck gebracht hat, zu neuem
Leben erwacht und in neuem Glanz erstrahlt.
Das ganze Erneuerungswerk der Kirche, das das II. Vatikanische Konzil so
providentiell vorgelegt und eingeleitet hat - eine Erneuerung, die
»aggiornamento« und zugleich Festigung dessen sein muß, was für die Sendung der
Kirche von bleibender und konstitutiver Natur ist -, kann nur im Heiligen Geist
verwirklicht werden, das heißt mit dem Beistand seines Lichtes und seiner Kraft.
Das ist wichtig, sehr wichtig sogar für die ganze Kirche in ihrer
weltumspannenden Weite wie auch für jede Ortskirche in der Gemeinschaft mit
allen anderen Ortskirchen. Das ist wichtig auch für das ökumenische Bemühen
innerhalb des Christentums und für seinen Weg in der Welt von heute, der in
Richtung auf Gerechtigkeit und Frieden führen muß. Dies ist ebenfalls wichtig
für die Bemühungen um Priester- und Ordensberufe und zugleich für das
Laienapostolat, die Frucht einer neuen Reife der Gläubigen.
8. Die beiden Sätze des Glaubensbekenntnisses von Nizäa und Konstantinopel:
»er... hat Fleisch angenommen durch den Heiligen Geist ... Ich glaube an den
Heiligen Geist, der Herr ist und lebendig macht« erinnern uns daran, daß das
größte vom Heiligen Geist vollbrachte Werk, auf das sich alle anderen
fortwährend wie auf eine Quelle beziehen, gerade die Menschwerdung des Ewigen
Wortes ist durch das Wirken des Geistes im Schoß der Jungfrau Maria.
Christus, der Erlöser des Menschen und der Welt, ist der Mittelpunkt der
Geschichte: »Jesus Christus ist derselbe gestern und heute und in Ewigkeit...«.
(22) Wenn unsere Gedanken und Herzen vom zweiten Jahrtausend her, das seinem
Ende entgegengeht und uns von seiner ersten Ankunft in der Welt trennt, stets
auf ihn gerichtet bleiben, so wenden sie sich gerade damit auch zum Heiligen
Geist hin, durch dessen Wirken seine menschliche Empfängnis geschehen ist; sie
richten sich auch auf jene, von der er empfangen und geboren worden ist: auf die
Jungfrau Maria. Gerade die Jubiläen der zwei großen Konzilien lenken in diesem
Jahr unsere Gedanken und Herzen auf den Heiligen Geist und auf die Gottesmutter
Maria. Und wenn wir uns daran erinnern, welche Freude und welchen Jubel vor 1550
Jahren die Verkündigung des Glaubens an die Gottesmutterschaft der Jungfrau
Maria (Theotokos) in Ephesus hervorgerufen hat, dann wissen wir, daß in diesem
Glaubensbekenntnis zugleich auch das besondere Werk des Heiligen Geistes
verherrlicht worden ist: das Werk, zu dem sowohl die menschliche Empfängnis und
Geburt des Sohnes Gottes durch das Wirken des Heiligen Geistes gehört wie auch -
stets durch denselben Heiligen Geist - die Gottesmutterschaft der Jungfrau
Maria. Diese Mutterschaft ist nicht nur Quelle und Grundlage der gesamten außer
gewöhnlichen Heiligkeit Marias und ihrer einzigartigen Teilnahme an der ganzen
Heilsökonomie, sondern stellt auch eine bleibende mütterliche Verbindung mit der
Kirche dar, die sich gerade aus der Tatsache herleitet, daß sie von der
Heiligsten Dreifaltigkeit zur Mutter Christi erwählt worden ist, der »das Haupt
des Leibes, der Kirche« (23) ist. Diese Verbindung zeigt sich besonders unter
dem Kreuz, wo Maria »heftig mit ihrem Eingeborenen litt und sich mit seinem
Opfer in mütterlichem Geist verband... Schließlich wurde sie von Christus Jesus
selbst, als er am Kreuz starb, dem Jünger zur Mutter gegeben mit den Worten:
"Frau, siehe da dein Sohn" (24)« (25)
Das H. Vatikanische Konzil hat diese unauflösliche Verbindung der seligsten
Jungfrau Maria mit Christus und mit der Kirche auf glückliche Weise
zusammengefaßt: »Da es Gott gefiel, das Sakrament des menschlichen Heils nicht
eher feierlich zu verkünden, als bis er den verheißenen Heiligen Geist
ausgegossen hatte, sehen wir die Apostel vor dem Pfingsttag "einmütig im Gebet
verharren mit den Frauen und Maria, der Mutter Jesu, und seinen Brüdern" (26),
und Maria mit ihren Gebeten die Gabe des Geistes erflehen, der sie schon bei der
Verkündigung überschattet hatte«. (27) Mit diesem Satz verbindet der Text des
Konzils die zwei Momente miteinander, in denen die Mutterschaft Marias auf das
engste mit dem Wirken des Heiligen Geistes verbunden ist: zuerst den Augenblick
der Menschwerdung und sodann den der Geburt der Kirche im Abendmahlssaal von
Jerusalem.
IV
9. Diese gewichtigen Themen und das Zusammentreffen so bedeutungsvoller
Umstände legen es nahe, in diesem zweifachen Jubiläumsjahr der Feier des
Pfingstfestes in der ganzen Kirche ein besonderes Gewicht zu geben.
So lade ich für diesen Tag alle Bischofskonferenzen der katholischen Kirche
und die Patriarchate und Metropolien der katholischen orientalischen Kirchen in
einer von ihnen bestimmten Vertretung nach Rom ein, damit wir miteinander jenes
Erbe neu lebendig werden lassen, das wir aus dem Pfingstsaal in der Kraft des
Heiligen Geistes empfangen haben: der Heilige Geist ist es ja, welcher der
Kirche im Augenblick ihrer Geburt den Weg zu allen Nationen gezeigt hat, zu
allen Völkern und Sprachen und zum Herzen aller Menschen.
Versammelt in der Einheit des Bischofskollegiums, als Erben der apostolischen
Sorge für alle Gemeinden, (28) werden wir aus der lebendigen Fülle dieses
Geistes schöpfen, des Geistes, der die Kirche in ihrer Sendung auf den Wegen der
heutigen Menschheit leitet - am Ende des zweiten Jahrtausends seit der
Menschwerdung des Ewigen Wortes durch den Heiligen Geist im Schoß der Jungfrau
Maria.
10. Der Vormittag dieses Tages soll uns in der Petrusbasilika im Vatikan
zusammenführen. Dort wollen wir die 1600-Jahrfeier des I. Konzils von
Konstantinopel zum Anlaß nehmen, um aus ganzem Herzen unser Credo »in Spiritum
Sanctum« zu singen, »Dominum et vivificantern ... qui locutus est per prophetas
... Et unam sanctam catholicam et apostolicam Ecclesiam«. Wie die Apostel im
Pfingstsaal, wie die Väter jenes Konzils wird uns derjenige miteinander
verbinden, der »durch die Kraft des Evangeliums die Kirche allezeit sich
verjüngen läßt und sie immerfort erneuert«.(29)
So wird das diesjährige Pfingstfest zu einem tiefen und dankbaren Bekenntnis
des Glaubens an den Heiligen Geist, den Herrn und Lebensspender, jenes Glaubens,
den wir in besonderer Weise jenem Konzil verdanken. Zugleich wird es ein
demütiges Gebet und eine inständige Anrufung, eben dieser Geist möge uns helfen,
»das Angesicht der Erde zu erneuern« - auch durch die Erneuerung der Kirche im
Geist des II. Vatikanums; dieses Werk der Erneuerung möge besonnen und geordnet
in allen Ortskirchen und kirchlichen Gemeinschaften durchgeführt werden; es möge
sich vor allem in den Seelen der Menschen vollziehen, ist doch Erneuerung nur in
dauernder Bekehrung zu Gott möglich. Wir werden den Geist der Wahrheit bitten,
daß wir auf dem Weg dieser Erneuerung jenem »Sprechen des Geistes« vollkommen
treu bleiben, das für uns heute in den Weisungen des II. Vatikanischen Konzils
konkret wird, und daß wir diesen Weg nicht aus Rücksicht auf den Geist der Welt
verlassen. Weiter bitten wir ihn - der »fons vivus, ignis, caritas«, lebendiger
Quell, Feuer, Liebe ist -, er möge doch uns selbst und die ganze Kirche, ja
schließlich die Menschheitsfamilie mit jener Liebe durchdringen, die »alles
erhofft und alles erträgt« und »niemals endet«. (30)
Es besteht kein Zweifel, daß im gegenwärtigen Abschnitt der Kirchen- und
Menschheitsgeschichte ein besonderes Bedürfnis dafür besteht, diese Wahrheiten
zu vertiefen und zu verlebendigen. Gelegenheit hierzu gibt uns an Pfingsten die
Feier des 1600. Jahrestages des I. Konzils von Konstantinopel. Möge der Heilige
Geist diese Bekundung unseres Glaubens, möge er das schlichte Sich-öffnen
unserer Herzen für ihn, den Beistand, in dem sich das Geschenk der Einheit
offenbart und verwirklicht, bei dieser Feier des Pfingstfestes huldvoll
entgegennehmen!
11. In einem zweiten Teil der Gedenkfeier wollen wir uns am späten Nachmittag
dieses Tages in der Basilika Santa Maria Maggiore versammeln, wo der
morgendliche Teil durch die Inhalte ergänzt werden soll, die die 1550-Jahrfeier
des Konzils von Ephesus unserer Reflexion darbietet. Das legt uns auch der
besondere Umstand nahe, daß Pfingsten in diesem Jahr auf den gleichen 7. Juni
fällt wie im Jahre 431 und daß an jenem Feiertag, auf den zunächst der Beginn
der Konzilssitzungen (er wurde dann auf den 22. Juni verschoben) festgesetzt
worden war, bereits die ersten Gruppen von Bischöfen in Ephesus einzutreffen
begannen.
Die Betrachtung auch dieser Inhalte wird jedoch im Rahmen dessen geschehen,
was das II. Vatikanische Konzil zu diesem Thema beigetragen hat, und zwar mit
besonderem Bezug auf das großartige VIII. Kapitel der Konstitution Lumen
Gentium. Wie das Konzil von Ephesus durch seine christologische und
soteriologische Lehre die Möglichkeit bot, die Glaubenswahrheit von der
Gottesmutterschaft Mariens - der »Theotokos« - erneut zu bekräftigen, so
gestattet uns das II. Vatikanische Konzil in Erinnerung zu rufen, daß die
Kirche, die im Abendmahlssaal von Jerusalem aus der Kraft des Heiligen Geistes
geboren wird, sogleich beginnt, Maria als das Urbild der geistlichen
Mutterschaft der Kirche selbst anzusehen, gleichsam als ihren Archetyp. An jenem
Tag strahlt sie, die Papst Paul VI. auch Mutter der Kirche genannt hat, ihre
fürbittende Macht über die Mutter Kirche aus und beschützt den apostolischen
Elan, aus dem die Kirche heute noch lebt, indem Gott zu allen Zeiten und aus
allen Breiten die Gläubigen gebiert.
So wird uns die feierliche Pfingstliturgie am Nachmittag in der
Marienbasilika Roms zusammenführen, damit durch diesen Akt in besonderer Weise
in Erinnerung gerufen werde, daß die Apostel im Abendmahlssaal von Jerusalem
einmütig im Gebet verharrten, »zusammen mit... Maria, der Mutter Jesu...«, (31)
und sich so auf das Kommen des Heiligen Geistes vorbereiteten. In ähnlicher
Weise wollen auch wir an jenem so wichtigen Tag einmütig im Gebet verharren,
zusammen mit derjenigen, die - nach den Worten der Dogmatischen Konstitution des
II. Vatikanums über die Kirche - als Gottesmutter »der Typus der Kirche unter
der Rücksicht des Glaubens, der Liebe und der vollkommenen Einheit mit Christus
(ist)«. (32) Im Gebet mit Maria vereint und voller Vertrauen zu ihr stellen wir
so die Kirche und ihre Sendung unter allen Völkern der Erde heute und morgen der
Kraft des Heiligen Geistes anheim. Wir sind es ja, die in uns das Erbe,
derjenigen weitertragen, denen der auferstandene Christus den Auftrag gegeben
hat, in die ganze Welt hinauszugehen und das Evangelium allen Geschöpfen zu
verkünden. (33)
Als die Jünger am Pfingsttag zusammen mit Maria, der Mutter Jesu, im Gebet
vereint waren, wuchs in ihnen die Überzeugung, daß sie diesen Auftrag
durchführen können in der Kraft des Heiligen Geistes, der nach der Vorhersage
des Herrn auf sie herabgekommen war. (34) An diesem gleichen Feiertag wollen
wir, ihre Erben, uns im selben Akt des Glaubens und des Gebetes
zusammenschließen.
V
12. Geliebte Mitbrüder!
Ich weiß, daß Ihr am Gründonnerstag in der Gemeinschaft des Presbyteriums
Eurer Diözesen die Gedächtnisfeier des Letzten Abendmahles begehen werdet, bei
dem Brot und Wein durch die Worte Christi und die Kraft des Heiligen Geistes zum
Leib und Blut unseres Heilandes geworden sind, zum Dank- und Lobopfer unserer
Erlösung.
Sprecht an jenem Tag - und auch bei anderen geeigneten Gelegenheiten - von
diesen wichtigen Jubiläen und Ereignissen zum ganzen Volk Gottes, damit diese,
wie sie es verdienen, in jeder Ortskirche und in jeder Gemeinde in ähnlicher
Weise begangen und gelebt werden, so wie es von den einzelnen Oberhirten gemäß
den Empfehlungen der jeweiligen Bischofskonferenzen und der Patriarchate und
Metropolien der unierten Ostkirchen festgelegt wird.
In lebendiger Vorfreude auf die angekündigten Feierlichkeiten erteile ich
Euch allen, verehrte, liebe Mitbrüder im Bischofsamt, und zusammen mit Euch
allen Euren Gemeinden gern meinen besonderen Apostolischen Segen.
Gegeben zu Rom, bei Sankt Peter, am 25. März 1981, dem Fest der
Verkündigung des Herrn, im dritten Jahr meines Pontifikates.
JOANNES PAULUS PP II
Anmerkungen
1) « L'Osservatore Romano », 2./3. Januar 1981; vgl. Wochenausgabe in
deutscher Sprache, 9. Januar 1981.
2) Hl. Ambrosius, De Spiritu Sancto, I, V, 72; Ausg. O. Faller,
CSEL 79, Wien 1964, S. 45.
3) Jo 14, 26.
4) Jo 16, 13.
5) So erstmals zitiert in den Akten des Konzils von Chalkedon, act. II:
Ausgabe E. Schwartz, Acta Conciliorum Oecumenicorum, II Concilium
universale Chalcedonense, Berlin und Leipzig 1927-32, I, 2, S. 80; vgl. auch
Conciliorum Oecumenicorum Decreta, Bologna 1973, S. 24.
6) Acta Conciliorum Oecumenicorum, I Concilium universale Ephesinum,
Ausgabe E. Schwartz, I, 1, S. 25-28 und 233-242; vgl. auch Conciliorum
Oecumenicorum Decreta, Bologna 1973', S. 40-44; 50-61.
7) Acta Conciliorum Oecumenicorum, I, I, 4, S. 8 f. (A); vgl. auch
Conciliorum Oec. Decreta, S. 69 f.
8) Vgl. Lk 1, 35.
9) Vgl. Jak 1, 17.
10) Lumen Gentium, 56.
11) Vgl. Lk 1, 38
12) Vgl. Joh 17, 4.
13) Vgl. Eph 2, 18.
14) Vgl. Joh 4, 14; 7, 38-39.
15) Vgl. Röm 8, 10-11.
16) Vgl. 1 Kor 3, 16; 6, 19.
17) Vgl. Gal 4, 6; Röm 8, 15-16 u. 26.
18) Vgl. Joh 16, 13.
19) Vgl. Eph 4, 11-12; 1 Kor 12, 4; Gal 5, 22.
20) Vgl. Offb 22, 17.
21) Lumen Gentium, 4.
22) Hebr 13, 8
23) Kol 1, 18.
24) Vgl. Joh 19, 26-27.
25) Lumen Gentium, 58.
26) Apg 1, 14.
27) Lumen Gentium, 59.
28) Vgl. 2 Kor 11, 28.
29) Vgl. Lumen Gentium, 4.
30) 1 Kor 13, 7 f.
31) Apg1,14.
32) Lumen Gentium, 63.
33) Vgl. Mk 16, 15.
34) Vgl. Apg 1, 8.
©
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