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JOHANNES PAUL II.
GENERALAUDIENZ
Mittwoch, 10. April 2002
Lesung: Psalm 80, 2 –3a. 9 –10. 18. 19 1.
Liebe Schwestern und Brüder!
1. Der soeben erklungene Psalm hat den Ton einer Klage und
Bitte des ganzen Volkes Israel. Im ersten Teil wird ein bekanntes biblisches
Bild, das des Hirten, verwendet. Der Herr wird als »Hirte Israels« angerufen,
der »Josef weidet wie eine Herde« (Ps 80, 2). Von der Höhe der
Bundeslade aus, auf den Kerubim thronend, leitet der Herr seine Herde, das
heißt sein Volk, und beschützt es in den Gefahren.
Das hat er während des Durchzugs durch die Wüste getan. Aber
jetzt scheint er abwesend zu sein, gleichsam eingeschlafen, desinteressiert.
Die Herde, die er leiten und nähren sollte (vgl. Ps 22), speist er nur
mit Tränenbrot (vgl. Ps 80, 6). Die Feinde verspotten dieses
gedemütigte und erniedrigte Volk; aber Gott scheint dies nicht zu
beeindrucken, er »kommt nicht zu Hilfe« (V. 3), er bietet seine Macht nicht
auf zum Schutz der Opfer von Gewalt und Unterdrückung. Der wiederholte
antiphonale Ruf (vgl. V. 4. 8) soll Gott aus seiner unbeteiligten Haltung
wachrütteln, um zu bewirken, daß er sich wieder als Hirt und Hüter seines
Volkes erweist.
2. Im zweiten Teil des Gebets, der voll von Anspannung und
zugleich voller Zuversicht ist, finden wir ein anderes in der Bibel beliebtes
Symbol, das des Weinbergs. Es ist ein leicht verständliches Bild, weil es zur
Vorstellung vom verheißenen Land paßt und Zeichen der Fruchtbarkeit und
Freude ist.
Der Weinberg – so lehrt der Prophet Jesaja in einer seiner
schönsten poetischen Seiten (vgl. Jes 5, 1 –7) – versinnbildlicht
das Volk Israel. Zwei Grunddimensionen werden beschrieben: Einerseits, weil er
von Gott gepflanzt ist (vgl. Jes 5, 2; Ps 79, 9 –10), stellt
der Weinberg das Geschenk, die Gnade, die Liebe Gottes dar; anderseits
erfordert er die Arbeit des Winzers, durch die er Trauben hervorbringt, aus
denen dann Wein gemacht werden kann; er stellt folglich die menschliche
Antwort dar, das persönliche Bemühen und die Frucht der guten Werke.
3. Durch das Bild des Weinbergs ruft der Psalm die wichtigsten
Etappen der jüdischen Geschichte in Erinnerung: ihre Wurzeln, die Erfahrung
des Auszugs aus Ägypten, den Einzug ins Gelobte Land. Mit Salomons Reich
hatte der Weinberg seine weiteste Ausdehnung – über Palästina hinaus –
erlangt. Er reichte von den nördlichen Bergen des Libanon mit seinen Zedern
bis zum Mittelmeer und fast bis zum großen Eufrat (vgl. V. 11 –12).
Aber die Schönheit dieser Blüte ist zerstört. Der Psalm
erinnert uns daran, daß ein Sturm auf den Weinberg Gottes niedergegangen ist,
das heißt, Israel hat eine schwere Prüfung erlitten, eine harte Invasion hat
das verheißene Land verwüstet. Gott selbst hat, als wäre er ein
Eindringling, die Mauern des Weinbergs eingerissen und damit zugelassen, daß
die Räuber ihn plündern; diese sind vom Eber dargestellt, der nach alter
Sichtweise als gewalttätiges und unreines Tier gilt. Zur Gewalt des Ebers
gesellen sich alle wilden Tiere als Symbol einer Horde von Feinden, die alles
verwüstet (vgl. V. 13 –14).
4. Da richtet das Volk einen dringenden Hilferuf an Gott und
bittet, er möge zurückkehren und sich zum Schutz der Opfer erheben und sein
Schweigen brechen: »Gott der Heerscharen, wende dich uns wieder zu! Blick vom
Himmel herab, und sieh auf uns! Sorge für diesen Weinstock« (V. 15). Und
Gott wird wieder zum Schützer des lebensfähigen Wurzelstocks dieses
Weinbergs, der einem so gewaltigen Sturm ausgesetzt war. Gott jagt alle
hinfort, die versucht hatten, den Weinberg zu zerstören und zu verbrennen
(vgl. V. 16 –17).
Jetzt wird im Psalm eine messianische Hoffnung offenbar. Denn
in Vers 18 heißt es: »Deine Hand schütze den Mann zu deiner Rechten, den
Menschensohn, den du für dich groß und stark gemacht.« Man denkt vielleicht
zuerst an König David, der mit Hilfe des Herrn den Aufstand zur Befreiung
angeführt hat. Aber inbegriffen ist auch die Hoffnung auf den zukünftigen
Messias, den »Menschensohn«, der vom Propheten Daniel besungen wird (vgl. 7,
13 –14) und dessen Titel Jesus bevorzugte, wenn er sein Werk und seine
messianische Person benannte. Ja, die Kirchenväter sind sich darin einig,
daß der im Psalm erwähnte Weinberg eine prophetische Vorschau auf Christus,
den »wahren Weinstock« (Joh 15, 1), und auf die Kirche ist.
5. Damit das Angesicht des Herrn wieder leuchtet, ist es
notwendig, daß Israel sich in treuer Liebe und im Gebet zu Gott, dem Retter,
bekehrt. Das bekräftigt der Psalm mit den Worten: »Dann wollen wir nicht von
dir weichen« (Ps 79, 19).
Psalm 80 ist also ein Lied, das stark vom Leiden, aber auch
von einer unerschütterlichen Zuversicht geprägt ist. Gott ist immer bereit,
sich seinem Volk »hinzuwenden«, aber es ist auch notwendig, daß sich sein
Volk in treuer Liebe zu ihm »hinwendet«. Wenn wir uns von der Sünde
abkehren, wird der Herr sich von seiner Absicht, zu strafen, »abkehren«: Das
ist die Überzeugung des Psalmisten, die auch in unseren Herzen Widerhall
findet und sie auf die Hoffnung hin öffnet.
Psalm 80 ist ein eindringliches Bittgebet des Volkes Israel in
einer verzweifelten Lage: Gott, der Herr, der sich immer wieder als Führer
und Beschützer seines auserwählten Volkes erwiesen hat, scheint nunmehr
abwesend zu sein: Der Herde fehlt der Hirte, der Weinberg ist verwüstet.
Diese beiden Bilder verdeutlichen die schlimme Lage der
Menschen, die sich betend ihrem Schöpfer zuwenden. Ihnen wird dabei bewußt, daß nicht Gott sich abgewandt
hat. Sie sind es, die einen anderen Weg
gegangen sind. Doch werden sie das Antlitz des Herrn wiederfinden, wenn sie
umkehren und in Treue dem Willen Gottes folgen: „Erhalt uns am Leben! Dann
wollen wir deinen Namen anrufen und nicht von dir weichen" (Ps 80, 19).
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Von Herzen heiße ich alle Pilger und Besucher aus den Ländern
deutscher Sprache willkommen. In besonderer Weise begrüße ich die Kommission
für Ökumene des Bistums Hildesheim sowie alle Jugendlichen aus Deutschland, Österreich und der
Schweiz. Euch allen und Euren Lieben daheim sowie allen, die mit uns über Radio Vatikan oder das Fernsehen verbunden
sind, erteile ich
gerne den Apostolischen Segen.
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