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JOHANNES PAUL II.
GENERALAUDIENZ
Mittwoch, 24. April 2002
Lesung: Psalm 80, 2 –5. 14. 17
1. »Stoßt in die Posaune zum Vollmond, am Tag unsres
Festes!« (Ps 81, 4). Diese Worte des soeben gesungenen Psalms 81 verweisen
auf eine liturgische Feier nach dem Mondkalender des Volkes Israel. Es ist
schwer zu sagen, auf welchen Feiertag der Psalm hindeutet. Fest steht, daß
der biblische liturgische Kalender zwar vom Ablauf der Jahreszeiten und
folglich von der Natur ausgeht, aber ganz in der Heilsgeschichte verankert ist,
insbesondere in dem entscheidenden Ereignis des Auszugs aus der ägyptischen
Sklaverei, das mit dem Vollmond des ersten Monats in Verbindung steht (vgl. Ex
12, 2. 6; Lev 23, 5). Denn dort hat sich Gott als Befreier und
Erlöser geoffenbart.
Wie es in Vers 7 unseres Psalms so poetisch heißt, war es
Gott selbst, der dem jüdischen Sklaven in Ägypten den Korb voll Ziegeln, die
zum Bau der Städte Pitom und Ramses bestimmt waren, von der Schulter nahm
(vgl. Ex 1, 11. 14). Gott selbst hatte sich auf die Seite des
unterdrückten Volkes gestellt und mit seiner Macht das bittere Zeichen der
Knechtschaft weggenommen und ausgelöscht, den Korb voll von an der Sonne
gebrannten Ziegeln, Zeichen der Zwangsarbeit, zu der die Söhne Israels verpflichtet
worden waren.
2. Verfolgen wir jetzt den Verlauf dieses Canticum der
Liturgie Israels. Es beginnt mit einer Einladung zum Fest, zu Gesang und
Musik: Es ist die öffentliche Einberufung der liturgischen Versammlung entsprechend
der alten Kultvorschrift, die schon in Ägypten mit der Pascha-Feier
entstanden war (vgl. Ps 81, 2 –6a). Nach diesem Aufruf erhebt sich
die Stimme des Herrn durch den Spruch des Priesters im Tempel von Zion, und
diese göttlichen Wort herrschen auch in den übrigen Psalmversen vor (vgl. V.
6b –17).
Die Worte, die sich nun entfalten, sind einfach und drehen
sich um zwei ideelle Pole. Auf der einen Seite ist das göttliche Geschenk der
Freiheit, die dem unterdrückten und unglücklichen Volk Israel angeboten
wurde: »Du riefst in der Not, und ich riß dich heraus« (V. 8). Es wird auch
auf die Hilfe hingewiesen, die der Herr dem Volk Israel auf dem Weg durch die
Wüste in einer schwierigen Situation der Prüfung zuteil werden ließ, das
heißt auf das Geschenk des Wassers in Meriba.
3. Aber auf der anderen Seite führt der Psalmist neben dem
göttlichen Geschenk auch ein anderes bedeutsames Element ein. Die biblische
Religion ist kein einseitiger Monolog Gottes, keine Handlung, die dazu
bestimmt ist, unwirksam zu bleiben. Sie ist vielmehr ein Dialog, ein Wort, auf
das eine Antwort folgt, eine Geste der Liebe, die Zustimmung verlangt. Deshalb
wird den Einladungen, die Gott an das Volk Israel richtet, viel Platz
eingeräumt.
Der Herr lädt es vor allem zur treuen Beachtung des ersten
Gebotes ein, das die Stütze des ganzen Dekalogs ist, das heißt der Glaube an
den einen Herrn und Erlöser und die Absage an die Götzen (vgl. Ex 20,
3 –5). Die Rede des Priesters im Namen Gottes wird vom Verb »hören« bestimmt,
das im Buch Deuteronium sehr beliebt ist und das die gehorsame Zustimmung zum
Gesetz des Sinai ausdrückt und die Antwort Israels auf das Geschenk der
Freiheit anzeigt. In unserem Psalm hört man die Antwort: »Höre, mein Volk
… Israel, wolltest du doch auf mich hören! … Doch mein Volk hat nicht auf
meine Stimme gehört. Israel hat mich nicht gewollt … Ach, daß doch mein
Volk auf mich hörte …!« (Ps 81, 9.12.14).
Nur durch Treue im Hören und im Gehorsam kann das Volk die
Geschenke des Herrn voll annehmen. Gott muß leider mit Bitterkeit Israels
vielfache Untreue zur Kenntnis nehmen. Der Weg durch die Wüste, auf den der
Psalm anspielt, ist ganz von diesen Taten der Rebellion und der
Götzenanbetung gekennzeichnet, die mit der Darstellung des goldenen Kalbs
ihren Höhepunkt erreichen (vgl. Ex 32, 1 –14).
4. Der letzte Teil des Psalms klingt melancholisch (vgl. Ps
81, 14 –17). Denn Gott spricht hier einen Wunsch aus, der noch nicht
erfüllt wurde: »Ach, daß doch mein Volk auf mich hörte, daß Israel gehen
wollte auf meinen Wegen!« (V. 14).
Aber diese von der Liebe inspirierte Melancholie ist mit dem
lebhaften Wunsch verbunden, das auserwählte Volk mit Gütern zu überhäufen.
Wenn das Volk Israel auf den Wegen des Herrn ginge, könnte dieser sofort den
Sieg über die Feinde gewähren (vgl. V. 15) und es »mit bestem Weizen«
nähren und »mit Honig aus dem Felsen sättigen« (V. 17). Es gäbe ein
frohes Festmahl mit frischem Brot und Honig, der aus den Felsen des verheißenen
Landes zu fließen scheint als Zeichen des Wohlstands und vollkommenen Glücks,
wie es oft in der Bibel wiederholt wird (vgl. Dt 6,3; 11,9; 26,9.15; 27,3;
31,20). Durch diesen wunderbaren Ausblick versucht der Herr offensichtlich,
die Umkehr seines Volkes zu erreichen und eine aufrichtige und wirksame
Liebesantwort auf seine überaus hochherzige Liebe zu erlangen.
In der christlichen Lesart offenbart das göttliche Angebot
seinen ganzen Umfang. Denn Origines legt es folgendermaßen aus: Der Herr
»ließ sie in das Land der Verheißung eintreten; er nährte sie nicht mit
dem Manna wie in der Wüste, sondern mit dem Weizenkorn, das auf den Boden
gefallen war (vgl. Joh 12, 24 –25), das auferstanden ist …Christus
ist das Weizenkorn; er ist auch der Felsen, der das Volk Israel in der Wüste
mit Wasser gesättigt hat. Im geistlichen Sinn hat er es mit Honig und nicht
mit Wasser gesättigt, damit alle, die glauben und diese Speise empfangen werden,
in ihrem Mund den Honig schmecken« (Homilie über Psalm 80 , Nr. 17:
Origines-Hieronymus, 74, Homilien über das Buch der Psalmen, Mailand
1993, S. 204 –205).
5. Wie immer in der Heilsgeschichte haben im Streit zwischen
Gott und dem sündigen Volk nicht Urteil und Strafe, sondern Liebe und Vergebung
das letzte Wort. Gott will nicht urteilen und verdammen, sondern die
Menschheit vor dem Bösen retten und befreien. Er wiederholt uns ständig die
Worte, die wir im Buch des Propheten Ezechiel lesen: »Habe ich etwa Gefallen
am Schuldigen und nicht vielmehr daran, daß er seine bösen W ge verläßt
und so am Leben bleibt? …Warum wollt ihr sterben, ihr vom Haus Israel? Ich
hab doch kein Gefallen am Tod dessen, der sterben muß – Spruch Gottes, des
Herrn. Kehrt um, damit ihr am Leben bleibt« (Ez 18, 13. 31 –32).
Die Liturgie wird der bevorzugte Ort, an dem der Mensch den
göttlichen Anruf zur Umkehr hören und in die Arme Gottes zurückkehren kann,
der »barmherzig und gnädig ist, langmütig und reich an Huld und Treue« (Ex
34, 6).
Liebe Schwestern und Brüder!
Gottes Langmut ist unübertrefflich. Aller Untreue seiner Geschöpfe zum
Trotz, geht der Herr auf sein Volk zu und bietet seine Liebe stets neu an. Gottes
Handeln, das erlöst und befreit, drängt auf des Menschen Antwort: „Würde
doch mein Volk auf mich hören!“ (vgl. Ps 81, 14).
Gerade weil die Geschichte kein einsamer Monolog Gottes ist, müssen wir
Menschen in voller Freiheit die Antwort tätiger Liebe geben. In den
Verschlingungen der menschlichen Existenz hilft uns die Kraft der Gnade, auf
Gottes Wegen zu gehen. Wenn wir seine Gebote in Treue befolgen, hat auch in
unserem Leben die Liebe das letzte Wort. Wir stimmen ein in das Loblied des
alttestamentlichen Gottesvolkes: „Jubelt Gott zu, er ist unsere Zuflucht!“ (Ps
81, 2).
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Ein herzlicher Gruß gilt den Pilgern und Besuchern aus den Ländern deutscher
Sprache. In besonderer Weise heiße ich heute die Offiziersanwärter und das
Lehrpersonal der Marineschule Mürwik willkommen. Gerne erteile ich Euch allen, Euren Lieben daheim und den
vielen, die mit uns über Radio Vatikan und das
Fernsehen verbunden sind, den Apostolischen Segen.
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