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ENZYKLIKA FIDES ET RATIO
VON PAPST JOHANNES PAUL II. AN DIE BISCHÖFE DER KATHOLISCHEN KIRCHE ÜBER DAS VERHÄLTNIS VON GLAUBE UND VERNUNFT
Ehrwürdige Brüder im Bischofsamt, Gruß und Apostolischen Segen!
Glaube und Vernunft (Fides et ratio) sind wie die beiden Flügel,
mit denen sich der menschliche Geist zur Betrachtung der Wahrheit erhebt.
Das Streben, die Wahrheit zu erkennen und letztlich ihn selbst zu
erkennen, hat Gott dem Menschen ins Herz gesenkt, damit er dadurch, daß
er Ihn erkennt und liebt, auch zur vollen Wahrheit über sich selbst
gelangen könne (vgl. Ex 33, 18; Ps 27 [26], 8-9; Ps
63 [62], 2-3; Joh 14, 8; 1 Joh 3, 2).
EINLEITUNG
»ERKENNE DICH SELBST« [1-6]
1. Sowohl im Orient als auch im Abendland läßt sich ein Weg
feststellen, der im Laufe der Jahrhunderte die Menschheit fortschreitend
zur Begegnung mit der Wahrheit und zur Auseinandersetzung mit ihr geführt
hat. Ein Weg, der sich anders konnte es gar nicht sein im
Horizont des Selbstbewußtseins der menschlichen Person entfaltet
hat: je mehr der Mensch die Wirklichkeit und die Welt erkennt, desto
besser erkennt er sich selbst in seiner Einmaligkeit, während sich für
ihn immer drängender die Frage nach dem Sinn der Dinge und seines
eigenen Daseins stellt. Alles, was als Gegenstand unserer Erkenntnis
erscheint, wird daher selbst Teil unseres Lebens. Am Architrav des Tempels
von Delphi war die ermahnende Aufforderung: Erkenne dich selbst! eingemeißelt
als Zeugnis für eine Grundwahrheit, die als Mindestregel von
jedem Menschen angenommen werden muß, der sich innerhalb der ganzen
Schöpfung gerade dadurch als »Mensch« auszeichnen will, daß
er sich selbst erkennt.
Im übrigen zeigt uns ein bloßer Blick auf die Geschichte des
Altertums deutlich, daß in verschiedenen Gegenden der Erde, die von
ganz unterschiedlichen Kulturen geprägt waren, zur selben Zeit
dieselben Grundsatzfragen auftauchten, die den Gang des menschlichen
Daseins kennzeichnen: Wer bin ich? Woher komme ich und wohin gehe ich?
Warum gibt es das Böse? Was wird nach diesem Leben sein? Diese
Fragen finden sich in Israels heiligen Schriften, sie tauchen aber auch in
den Weden und ebenso in der Awesta auf; wir finden sie in den Schriften
des Konfuzius und Lao-tse sowie in der Verkündigung der Tirthankara
und bei Buddha. Sie zeigen sich auch in den Dichtungen des Homer und in
den Tragödien von Euripides und Sophokles wie auch in den
philosophischen Abhandlungen von Platon und Aristoteles. Es sind Fragen,
die ihren gemeinsamen Ursprung in der Suche nach Sinn haben, die dem
Menschen seit jeher auf der Seele brennt: von der Antwort auf diese Fragen
hängt in der Tat die Richtung ab, die das Dasein prägen soll.
2. Die Kirche ist an diesem Weg der Suche nicht unbeteiligt und kann es
auch gar nicht sein. Seit dem Ostertag, wo sie die letzte Wahrheit über
das Leben des Menschen als Geschenk empfangen hat, ist sie zur Pilgerin
auf den Straßen der Welt geworden, um zu verkünden, daß
Jesus Christus »der Weg, die Wahrheit und das Leben« ist (Joh
14, 6). Unter den verschiedenen Diensten, die sie der Menschheit
anzubieten hat, gibt es einen, der ihre Verantwortung in ganz besonderer
Weise herausstellt: den Dienst an der Wahrheit.(1) Diese Sendung
macht einerseits die gläubige Gemeinde zur Teilhaberin an der
gemeinsamen Bemühung, welche die Menschheit vollbringt, um die
Wahrheit zu erreichen;(2) andererseits verpflichtet sie sie dazu, sich um
die Verkündigung der erworbenen Gewißheiten zu kümmern;
dies freilich in dem Bewußtsein, daß jede erreichte Wahrheit
immer nur eine Etappe auf dem Weg zu jener vollen Wahrheit ist, die in der
letzten Offenbarung Gottes enthüllt werden wird: »Jetzt schauen
wir in einen Spiegel und sehen nur rätselhafte Umrisse, dann aber
schauen wir von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich unvollkommen,
dann aber werde ich durch und durch erkennen« (1 Kor 13, 12).
3. Der Mensch besitzt vielfältige Möglichkeiten, um den
Fortschritt in der Wahrheitserkenntnis voranzutreiben und so sein Dasein
immer menschlicher zu machen. Unter diesen ragt die Philosophie hervor,
die unmittelbar dazu beiträgt, die Frage nach dem Sinn des Lebens zu
stellen und die Antwort darauf zu entwerfen: sie stellt sich daher als
eine der vornehmsten Aufgaben der Menschheit dar. Seiner etymologischen
Herkunft aus dem Griechischen entsprechend bedeutet das Wort Philosophie »Liebe
zur Weisheit«. Die Entstehung und Entfaltung der Philosophie fällt
tatsächlich genau in die Zeit, als der Mensch begonnen hat, sich nach
dem Grund der Dinge und nach ihrem Ziel zu fragen. Sie zeigt in
verschiedenen Arten und Formen, daß das Streben nach Wahrheit zur
Natur des Menschen gehört. Es ist eine seiner Vernunft angeborene
Eigenschaft, sich nach dem Ursprung der Dinge zu fragen, auch wenn sich
die nach und nach gegebenen Antworten in einen Horizont einfügen, der
die Komplementarität der verschiedenen Kulturen, in denen der Mensch
lebt, deutlich macht.
Die Tatsache, daß sich die Philosophie stark auf die Gestaltung
und Entwicklung der Kulturen des Abendlandes auswirkte, darf uns nicht den
Einfluß vergessen lassen, den sie auch auf die Daseinsvorstellungen
ausgeübt hat, aus denen der Orient lebt. Jedes Volk besitzt nämlich
seine ihm eigene Ur-Weisheit, die als echter Reichtum der Kulturen danach
strebt, sich auch in rein philosophischen Formen auszudrücken und zur
Reife zu gelangen. Wie sehr das zutrifft, beweist der Umstand, daß
eine bis in unsere Tage gegenwärtige Grundform philosophischen
Wissens sogar in den Postulaten nachweisbar ist, denen die verschiedenen
nationalen und internationalen Gesetzgebungen bei der Regelung des
gesellschaftlichen Lebens folgen.
4. Es muß allerdings betont werden, daß sich hinter einem
einzigen Begriff verschiedene Bedeutungen verbergen. Daher erweist sich
eine einleitende erläuternde Darstellung als notwendig. Angespornt
von dem Streben, die letzte Wahrheit über das Dasein zu entdecken,
versucht der Mensch jene universalen Kenntnisse zu erwerben, die es ihm
erlauben, sich selbst besser zu begreifen und in seiner
Selbstverwirklichung voranzukommen. Die grundlegenden Erkenntnisse
entspringen dem Staunen, das durch die Betrachtung der Schöpfung
in ihm geweckt wird: der Mensch wird von Staunen ergriffen, sobald er sich
als eingebunden in die Welt und in Beziehung zu den anderen entdeckt, die
ihm ähnlich sind und deren Schicksal er teilt. Hier beginnt der Weg,
der ihn dann zur Entdeckung immer neuer Erkenntnishorizonte führen
wird. Ohne das Staunen würde der Mensch in die Monotonie der
Wiederholung verfallen und sehr bald zu einer wirklichen Existenz als
Person unfähig werden.
Die dem menschlichen Geist eigentümliche Fähigkeit zum
spekulativen Denken führt durch die philosophische Betätigung
zur Ausbildung einer Form strengen Denkens und so, durch die logische
Folgerichtigkeit der Aussagen und die Geschlossenheit der Inhalte, zum
Aufbau eines systematischen Wissens. Dank dieses Prozesses wurden in
verschiedenen kulturellen Umfeldern und in verschiedenen Epochen
Ergebnisse erzielt, die zur Ausarbeitung echter Denksysteme geführt
haben. Dadurch war man im Laufe der Geschichte immer wieder der Versuchung
ausgesetzt, eine einzige Strömung mit dem gesamten philosophischen
Denken gleichzusetzen. Ganz offenkundig tritt jedoch in diesen Fällen
ein gewisser »philosophischer Hochmut« auf den Plan, der
Anspruch darauf erhebt, die aus seiner eigenen Perspektive stammende,
unvollkommene Sicht zur allgemeinen Lesart zu erheben. In Wirklichkeit muß
jedes philosophische System, auch wenn es ohne jegliche
Instrumentalisierung in seiner Ganzheit anerkannt wird, dem
philosophischen Denken die Priorität zuerkennen, von dem es
seinen Ausgang nimmt und dem es folgerichtig dienen soll.
So ist es möglich, trotz des Wandels der Zeiten und der
Fortschritte des Wissens einen Kern philosophischer Erkenntnisse zu
erkennen, die in der Geschichte des Denkens ständig präsent
sind. Man denke, um nur ein Beispiel zu nennen, an die Prinzipien der
Non-Kontradiktion, der Finalität, der Kausalität wie auch an die
Auffassung von der Person als freiem und verständigem Subjekt und an
ihre Fähigkeit, Gott, die Wahrheit und das Gute zu erkennen; man
denke ferner an einige moralische Grundsätze, die allgemein geteilt
werden. Diese und andere Themen weisen darauf hin, daß es abgesehen
von den einzelnen Denkrichtungen eine Gesamtheit von Erkenntnissen gibt,
in der man so etwas wie ein geistiges Erbe der Menschheit erkennen kann;
gleichsam als befänden wir uns im Angesicht einer impliziten
Philosophie, auf Grund der sich ein jeder bewußt ist, diese
Prinzipien, wenngleich in undeutlicher, unreflektierter Form zu besitzen.
Diese Erkenntnisse sollten, eben weil sie in irgendeiner Weise von allen
geteilt werden, eine Art Bezugspunkt der verschiedenen philosophischen
Schulen darstellen. Wenn es der Vernunft gelingt, die ersten und
allgemeinen Prinzipien des Seins zu erfassen und zu formulieren und daraus
in rechter Weise konsequente Schlußfolgerungen von logischer und
deontologischer Bedeutung zu entwickeln, dann kann sie sich als eine
richtige Vernunft oder, wie die antiken Denker sie nannten, als orthòs
logos, recta ratio ausgeben.
5. Die Kirche ihrerseits kann nicht umhin, den Einsatz der Vernunft für
das Erreichen von Zielen anzuerkennen, die das menschliche Dasein immer würdiger
machen. Denn sie sieht in der Philosophie den Weg, um Grundwahrheiten zu
erkennen, welche die Existenz des Menschen betreffen. Gleichzeitig
betrachtet sie die Philosophie als unverzichtbare Hilfe, um das
Glaubensverständnis zu vertiefen und die Wahrheit des Evangeliums
allen, die sie noch nicht kennen, mitzuteilen.
Im Anschluß an ähnliche Initiativen meiner Vorgänger möchte
daher auch ich den Blick auf diese besondere Betätigung der Vernunft
richten. Dazu drängt mich die Beobachtung, daß vor allem in
unserer Zeit die Suche nach der letzten Wahrheit oft getrübt
erscheint. Die moderne Philosophie hat zweifellos das große
Verdienst, ihre Aufmerksamkeit auf den Menschen konzentriert zu haben. Von
daher hat eine mit Fragen beladene Vernunft ihr Streben nach immer mehr
und immer tieferer Erkenntnis weiterentwickelt. So wurden komplexe
Denksysteme aufgebaut, die in den verschiedenen Wissensbereichen Früchte
getragen haben, da sie die Entfaltung von Kultur und Geschichte förderten.
Die Anthropologie, die Logik, die Naturwissenschaften, die Geschichte, die
Sprache..., gewissermaßen die Gesamtheit des Wissens wurde davon
erfaßt. Die positiven Ergebnisse, die erzielt wurden, dürfen
jedoch nicht zur Vernachlässigung der Tatsache verleiten, daß
dieselbe Vernunft, mit einseitigen Forschungen über den Menschen als
Subjekt beschäftigt, vergessen zu haben scheint, daß dieser
Mensch immer auch dazu berufen ist, sich einer Wahrheit zuzuwenden, die
ihn übersteigt. Ohne Beziehung zu dieser Wahrheit bleibt jeder vom
eigenen Gutdünken abhängig, und seine Verfaßtheit als
Person wird schließlich nach pragmatischen, im wesentlichen auf
empirischen Angaben beruhenden Kriterien beurteilt, in der irrigen Überzeugung,
alles müsse von der Technik beherrscht werden. So kam es, daß
sich die Vernunft, anstatt die Spannung zur Wahrheit bestmöglich
auszudrücken, unter der Last des vielen Wissens über sich selbst
gebeugt hat und von Tag zu Tag unfähiger wurde, den Blick nach oben
zu erheben, um das Wagnis einzugehen, zur Wahrheit des Seins zu gelangen.
Die moderne Philosophie hat das Fragen nach dem Sein vernachlässigt
und ihr Suchen auf die Kenntnis vom Menschen konzentriert. Anstatt von der
dem Menschen eigenen Fähigkeit zur Wahrheitserkenntnis Gebrauch zu
machen, hat sie es vorgezogen, deren Grenzen und Bedingtheiten
herauszustellen.
Daraus enstanden verschiedene Formen von Agnostizismus und Relativismus,
die schließlich zur Folge hatten, daß sich das philosophische
Suchen im Fließsand eines allgemeinen Skeptizismus verlor. In jüngster
Zeit haben dann verschiedene Lehren Bedeutung erlangt, die sogar jene
Wahrheiten zu entwerten trachten, die erreicht zu haben für den
Menschen eine Gewißheit war. Die legitime Pluralität von
Denkpositionen ist einem indifferenten Pluralismus gewichen, der auf der
Annahme fußt, alle Denkpositionen seien gleichwertig: Das ist eines
der verbreitetsten Symptome für das Mißtrauen gegenüber
der Wahrheit, das man in der heutigen Welt feststellen kann. Auch manche
aus dem Orient stammende Lebensanschauungen entgehen nicht diesem
Vorbehalt. In ihnen wird nämlich der Wahrheit ihr Exklusivcharakter
abgesprochen. Dabei geht man von der Annahme aus, daß die Wahrheit
in verschiedenen, ja sogar einander widersprechenden Lehren gleichermaßen
in Erscheinung trete. In diesem Horizont ist alles auf Meinung reduziert.
Man hat den Eindruck einer Bewegung, die sich wie eine Welle nach oben und
nach unten bewegt: Während es dem philosophischen Denken einerseits
gelungen ist, in den Weg einzumünden, der es immer näher an die
menschliche Existenz und ihre Ausdrucksformen heranführt, ist es
andererseits bestrebt, existentielle, hermeneutische oder linguistische
Anschauungen zu entwickeln, die auf die radikale Frage nach der Wahrheit
des Lebens als Person, des Seins und Gottes verzichten. Als Folge davon
sind beim modernen Menschen, und das nicht nur bei einigen Philosophen,
Haltungen eines verbreiteten Mißtrauens gegenüber den großartigen
Erkenntnisfähigkeiten des Menschen zutage getreten. Mit falscher
Bescheidenheit gibt man sich mit provisorischen Teilwahrheiten zufrieden,
ohne überhaupt noch zu versuchen, radikale Fragen nach dem Sinn und
letzten Grund des menschlichen, persönlichen und gesellschaftlichen
Lebens zu stellen. Die Hoffnung, von der Philosophie endgültige
Antworten auf diese Fragen zu erhalten, ist also geschwunden.
6. Ausgestattet mit der Kompetenz, die ihr als Verwahrerin der
Offenbarung Jesu Christi erwächst, will nun die Kirche die
Notwendigkeit des Nachdenkens über die Wahrheit neu bekräftigen.
Aus diesem Grund habe ich beschlossen, mich sowohl an die Mitbrüder
im Bischofsamt zu wenden, mit denen ich die Sendung teile, »offen die
Wahrheit« (2 Kor 4, 2) zu verkünden, als auch an die
Theologen und Philosophen, deren Aufgabe die Erforschung der verschiedenen
Aspekte der Wahrheit ist, sowie an alle Menschen, die sich auf der Suche
befinden: Ich will sie teilhaben lassen an einigen Überlegungen
hinsichtlich des Weges, der zur wahren Weisheit führt, damit jeder,
der die Liebe zu ihr im Herzen trägt, den richtigen Weg einzuschlagen
vermag, um sie zu erreichen und in ihr Ruhe in seiner Mühsal sowie
geistige Freude zu finden.
Anstoß zu dieser Initiative ist für mich zunächst die
vom II. Vatikanischen Konzil formulierte Erkenntnis, daß die Bischöfe
»Zeugen der göttlichen und katholischen Wahrheit« sind.(3)
Die Wahrheit zu bezeugen ist also eine Aufgabe, die uns Bischöfen übertragen
wurde; ihr können wir uns nicht versagen, ohne das Amt, das wir
erhalten haben, zu vernachlässigen. Durch neuerliche Bekräftigung
der Glaubenswahrheit können wir dem Menschen unserer Zeit wieder
echtes Vertrauen in seine Erkenntnisfähigkeiten geben und der
Philosophie eine Herausforderung bieten, damit sie ihre volle Würde
wiedererlangen und entfalten kann.
Noch ein weiterer Beweggrund veranlaßt mich zur Abfassung dieser Überlegungen.
In der Enzyklika Veritatis splendor habe ich »einige
fundamentale Wahrheiten der katholischen Lehre in Erinnerung«
gerufen, »die im heutigen Kontext Gefahr laufen, verfälscht oder
verneint zu werden«.(4) Mit dem vorliegenden Schreiben möchte
ich nun jenen Gedanken weiterführen und dabei die Aufmerksamkeit eben
auf das Thema Wahrheit und auf ihr Fundament im Verhältnis
zum Glauben konzentrieren. Denn man kann nicht leugnen, daß
unsere Zeit mit ihren raschen und umfassenden Veränderungen vor allem
die jungen Generationen, denen die Zukunft gehört und von denen sie
abhängt, dem Gefühl aussetzt, ohne echte Bezugspunkte zu sein.
Das Erfordernis eines Fundamentes, auf dem das Dasein des einzelnen und
der Gesellschaft aufgebaut werden kann, macht sich vor allem dann in
dringender Weise bemerkbar, wenn man die Bruchstückhaftigkeit von
Angeboten feststellen muß, die unter Vortäuschung der Möglichkeit,
zum wahren Sinn des Daseins zu gelangen, das Vergängliche zum Wert
erheben. So kommt es, daß viele ihr Leben fast bis an den Rand des
Abgrunds dahinschleppen, ohne zu wissen, worauf sie eigentlich zugehen.
Das hängt auch damit zusammen, daß diejenigen, die dazu berufen
waren, die Frucht ihres Nachdenkens in kulturellen Formen auszudrücken,
den Blick von der Wahrheit abgewandt haben und der Mühe geduldigen
Suchens nach dem, was gelebt zu werden verdient, den Erfolg im
Unmittelbaren vorziehen. Die Philosophie, der die große
Verantwortung zukommt, das Denken und die Kultur durch den fortwährenden
Hinweis auf die Wahrheitssuche zu gestalten, muß mit aller Kraft
ihre ursprüngliche Berufung zurückgewinnen. Deshalb habe ich
nicht nur das Bedürfnis gefühlt, sondern es auch als meine
Pflicht empfunden, mich zu diesem Thema zu äußern, damit die
Menschheit an der Schwelle des dritten Jahrtausends christlicher
Zeitrechnung sich der großartigen Fähigkeiten, die ihr gewährt
wurden, deutlicher bewußt werde und sich mit neuem Mut für die
Verwirklichung des Heilsplanes einsetze, in den ihre Geschichte
eingebettet ist.
KAPITEL I
DIE OFFENBARUNG DER WEISHEIT GOTTES
Jesus als Offenbarer des Vaters [7-12]
7. Jede von der Kirche angestellte Reflexion erfolgt auf der Grundlage
des Bewußtseins, Verwahrerin einer Botschaft zu sein, die ihren
Ursprung in Gott selbst hat (vgl. 2 Kor 4, 1-2). Die Erkenntnis,
die sie dem Menschen anbietet, rührt nicht aus ihrem eigenen
Nachdenken her, und wäre es noch so erhaben, sondern aus dem gläubigen
Hören des Wortes Gottes (vgl. 1 Thess 2, 13). Am Anfang
unseres Gläubigseins steht eine einzigartige Begegnung, die das
Offenbarwerden eines seit ewigen Zeiten verborgenen, jetzt aber enthüllten
Geheimnisses (vgl. 1 Kor 2, 7; Röm 16, 25-26)
markiert: »Gott hat in seiner Güte und Weisheit beschlossen,
sich selbst zu offenbaren und das Geheimnis seines Willens kundzutun (vgl.
Eph 1, 9): daß die Menschen durch Christus, das
fleischgewordene Wort, im Heiligen Geist Zugang zum Vater haben und
teilhaftig werden der göttlichen Natur«.(5) Dabei handelt es
sich um eine völlig ungeschuldete Initiative, die von Gott ausgeht,
um die Menschheit zu erreichen und zu retten. Gott als Quelle der Liebe
will sich zu erkennen geben, und die Erkenntnis, die der Mensch von Ihm
hat, bringt jede andere wahre Erkenntnis über den Sinn seiner eigenen
Existenz zur Vollendung, zu der sein Verstand zu gelangen vermag.
8. Unter beinahe wörtlicher Übernahme der von der dogmatischen
Konstitution Dei Filius des I. Vatikanischen Konzils dargebotenen
Lehre und unter Berücksichtigung der vom Konzil von Trient
vorgelegten Grundsätze hat die Konstitution Dei Verbum des
II. Vatikanums den Gang der Glaubenseinsicht, intelligentia fidei,
durch die Jahrhunderte fortgesetzt, indem sie über die
Offenbarung im Lichte der biblischen Lehre und der gesamten Vätertradition
nachdachte. Die Konzilsväter des I. Vatikanums hatten den übernatürlichen
Charakter der Offenbarung Gottes hervorgehoben. Die rationalistische
Kritik, die zu jener Zeit auf Grund weitverbreiteter falscher Thesen gegen
den Glauben vorgebracht wurde, betraf die Leugnung jeder Erkenntnis, die
nicht den natürlichen Fähigkeiten der Vernunft entspränge.
Dieser Umstand hatte das Konzil zu der nachdrücklichen Bekräftigung
verpflichtet, daß es außer der Erkenntnis der menschlichen
Vernunft, die auf Grund ihrer Natur den Schöpfer zu erreichen vermag,
eine Erkenntnis gibt, die dem Glauben eigentümlich ist. Diese
Erkenntnis ist Ausdruck einer Wahrheit, die sich auf die Tatsache des sich
offenbarenden Gottes selbst gründet und Wahrheitsgewißheit ist,
weil Gott weder täuscht noch täuschen will.(6)
9. Das I. Vatikanische Konzil lehrt also, daß die durch
philosophisches Nachdenken erlangte Wahrheit und die Wahrheit der
Offenbarung weder sich miteinander vermischen noch einander überflüssig
machen. »Es gibt zwei Erkenntnisordnungen, die nicht nur im Prinzip,
sondern auch im Gegenstand verschieden sind: im Prinzip, weil wir in der
einen [Ordnung] mit der natürlichen Vernunft, in der anderen mit dem
göttlichen Glauben erkennen; im Gegenstand aber, weil uns außer
der Wahrheit, zu der die natürliche Vernunft gelangen kann, in Gott
verborgene Geheimnisse zu glauben vorgelegt werden, die, wenn sie nicht
von Gott geoffenbart wären, nicht bekannt werden könnten«.(7)
Der Glaube, der sich auf das Zeugnis Gottes gründet und der übernatürlichen
Hilfe der Gnade bedient, ist in der Tat von einer anderen Ordnung als die
philosophische Erkenntnis. Denn diese stützt sich auf die
Sinneswahrnehmung, auf die Erfahrung und bewegt sich allein im Licht des
Verstandes. Die Philosophie und die Wissenschaften schweifen im Bereich
der natürlichen Vernunft umher, während der vom Geist
erleuchtete und geleitete Glaube in der Heilsbotschaft die »Fülle
von Gnade und Wahrheit« (vgl. Joh 1, 14) erkennt, die Gott in
der Geschichte endgültig durch seinen Sohn Jesus Christus offenbart
hat (vgl. 1 Joh 5, 9; Joh 5, 31-32).
10. Die Konzilsväter des II. Vatikanums haben den Blick fest auf
den offenbarenden Jesus gerichtet und dabei den Heilscharakter der
Offenbarung Gottes in der Geschichte dargelegt. Das Wesen der Offenbarung
haben sie so formuliert: »In dieser Offenbarung redet der unsichtbare
Gott (vgl. Kol 1, 15; 1 Tim 1, 17) aus überströmender
Liebe die Menschen an wie Freunde (vgl. Ex 33, 11; Joh 15,
14-15) und verkehrt mit ihnen (vgl. Bar 3, 38), um sie in seine
Gemeinschaft einzuladen und aufzunehmen. Das Offenbarungsgeschehen
ereignet sich in Tat und Wort, die innerlich miteinander verknüpft
sind: die Werke nämlich, die Gott im Verlauf der Heilsgeschichte
wirkt, offenbaren und bekräftigen die Lehre und die durch die Worte
bezeichneten Wirklichkeiten; die Worte verkündigen die Werke und
lassen das Geheimnis, das sie enthalten, ans Licht treten. Die Tiefe der
durch diese Offenbarung über Gott und über das Heil des Menschen
erschlossenen Wahrheit leuchtet uns auf in Christus, der zugleich der
Mittler und die Fülle der ganzen Offenbarung ist«.(8)
11. So ist die Offenbarung Gottes eingebettet in Zeit und Geschichte.
Ja, die Menschwerdung Jesu Christi geschieht in der »Fülle der
Zeit« (Gal 4, 4). Zweitausend Jahre nach jenem Ereignis sehe
ich es als meine Pflicht an, nachdrücklich hervorzuheben, daß »im
Christentum der Zeit eine fundamentale Bedeutung« zukommt.(9) Denn in
ihr kommt das ganze Werk der Schöpfung und der Erlösung an den
Tag; vor allem wird sichtbar, daß wir durch die Menschwerdung des
Gottessohnes schon jetzt die zukünftige Vollendung der Zeit erleben
und vorwegnehmen (vgl. Hebr 1, 2).
Die Wahrheit, die Gott dem Menschen über sich und über sein
Leben übergeben hat, ist daher eingebettet in Zeit und Geschichte.
Sie ist natürlich ein für allemal im Geheimnis des Jesus von
Nazaret verkündet worden. Das sagt mit ausdrucksvollen Worten die
Konstitution Dei Verbum: »Nachdem Gott viele Male und auf
viele Weisen durch die Propheten gesprochen hatte, hat er zuletzt in
diesen Tagen zu uns gesprochen im Sohn (Hebr 1, 1-2). Er hat
seinen Sohn, das ewige Wort, das Licht aller Menschen, gesandt, damit er
unter den Menschen wohne und ihnen vom Innern Gottes Kunde bringe (vgl.
Joh 1, 1-18). Jesus Christus, das fleischgewordene Wort, als Mensch
zu den Menschen gesandt, redet die Worte Gottes (Joh
3, 34) und vollendet das Heilswerk, dessen Durchführung der Vater
ihm aufgetragen hat (vgl. Joh 5, 36; 17, 4). Wer ihn sieht, sieht
auch den Vater (vgl. Joh 14, 9). Er ist es, der durch sein ganzes
Dasein und seine ganze Erscheinung, durch Worte und Werke, durch Zeichen
und Wunder, vor allem aber durch seinen Tod und seine herrliche
Auferstehung von den Toten, schließlich durch die Sendung des
Geistes der Wahrheit die Offenbarung erfüllt und abschließt«.(10)
Die Geschichte stellt also für das Volk Gottes einen Weg dar, der
ganz durchlaufen werden muß, so daß die geoffenbarte Wahrheit
dank des unablässigen Wirkens des Heiligen Geistes ihre Inhalte voll
zum Ausdruck bringen kann (vgl. Joh 16, 13). Das lehrt wiederum
die Konstitution Dei Verbum, wenn sie feststellt: »Die Kirche
strebt im Gang der Jahrhunderte ständig der Fülle der göttlichen
Wahrheit entgegen, bis sich an ihr Gottes Worte erfüllen«.(11)
12. Die Geschichte wird daher zu dem Ort, an dem wir Gottes Handeln für
die Menschheit feststellen können. Er erreicht uns in dem, was für
uns am vertrautesten und leicht zu überprüfen ist, weil es sich
um unsere tägliche Umgebung handelt, ohne die wir uns nicht zu
begreifen vermöchten.
Die Menschwerdung Gottes erlaubt es, die ewige und endgültige
Synthese vollzogen zu sehen, die sich der menschliche Geist von sich aus
nicht einmal hätte vorstellen können: das Ewige geht ein in die
Zeit, das Ganze verbirgt sich im Bruchstück, Gott nimmt die Gestalt
des Menschen an. Die in der Offenbarung Christi zum Ausdruck gekommene
Wahrheit ist somit nicht mehr in einen engen territorialen und kulturellen
Bereich eingeschlossen, sondern öffnet sich jedem Mann und jeder
Frau, der die sie als ein für allemal gültiges Wort annehmen
will, um dem Dasein Sinn zu geben. Nun haben alle Menschen in Christus
Zugang zum Vater; durch seinen Tod und seine Auferstehung hat er das göttliche
Leben geschenkt, das der erste Adam ausgeschlagen hatte (vgl. Röm
5, 12-15). Mit dieser Offenbarung wird dem Menschen die letzte
Wahrheit über sein Leben und über das Schicksal der Geschichte
angeboten: »Tatsächlich klärt sich nur im Geheimnis des
fleischgewordenen Wortes das Geheimnis des Menschen wahrhaft auf«,
stellt die Konstitution Gaudium et spes(12) fest. Außerhalb
dieser Sicht bleibt das Geheimnis der menschlichen Person ein unlösbares
Rätsel. Wo sonst als in dem Licht, das vom Geheimnis der Passion, des
Todes und der Auferstehung Christi ausstrahlt, könnte der Mensch die
Antwort auf so dramatische Fragen suchen wie die des Schmerzes, des
Leidens Unschuldiger und des Todes?
Die Vernunft vor dem Geheimnis [13-15]
13. Es soll freilich nicht vergessen werden, daß die Offenbarung
bis heute etwas Geheimnisvolles bleibt. Gewiß enthüllt Jesus
durch sein Leben das Antlitz des Vaters, denn er ist ja gekommen, »damit
er vom Innern Gottes Kunde bringe«;(13) doch die Erkenntnis, die wir
von diesem Antlitz haben, ist stets von der Bruchstückhaftigkeit und
Begrenztheit unseres Begreifens gezeichnet. Einzig und allein der Glaube
gestattet es, in das Innere des Geheimnisses einzutreten, dessen Verständnis
er in angemessener Weise begünstigt.
Das Konzil lehrt, daß »dem offenbarenden Gott der Gehorsam
des Glaubens zu leisten« ist.(14) Mit dieser kurzen, aber wichtigen
Aussage wird auf eine fundamentale Wahrheit des Christentums hingewiesen.
Es heißt darin vor allem, daß der Glaube gehorsame Antwort an
Gott ist. Das aber setzt voraus, daß dieser in seiner Gottheit,
Transzendenz und höchsten Freiheit anerkannt wird. Der Gott, der sich
zu erkennen gibt, bringt in der Autorität seiner absoluten
Transzendenz die Glaubwürdigkeit der von ihm geoffenbarten Inhalte
mit. Durch den Glauben gibt der Mensch seine Zustimmung zu diesem
göttlichen Zeugnis. Das heißt, er anerkennt voll und ganz die
Wahrheit dessen, was geoffenbart wurde, weil Gott selbst sich zu ihrem
Garanten macht. Diese dem Menschen geschenkte und von ihm nicht
einforderbare Wahrheit fügt sich in den Horizont der interpersonalen
Kommunikation ein. Sie drängt die Vernunft, sich der Wahrheit zu öffnen
und ihren tiefen Sinn anzunehmen. Darum ist der Akt, mit dem man sich Gott
anvertraut, von der Kirche stets als ein grundlegender
Entscheidungsvorgang angesehen worden, in den die ganze Person eingebunden
ist. Verstand und Wille setzen bis zum äußersten ihre geistige
Natur ein, um dem Subjekt den Vollzug eines Aktes zu erlauben, in dem die
persönliche Freiheit im Vollsinn gelebt wird.(15) Im Glauben ist also
die Freiheit nicht einfach nur da; sie ist gefordert. Ja, der Glaube ermöglicht
es einem jeden, seine Freiheit bestmöglich zum Ausdruck zu bringen.
Mit anderen Worten, die Freiheit verwirklicht sich nicht in Entscheidungen
gegen Gott. In der Tat, wie könnte die Weigerung, sich dem zu öffnen,
was die Selbstverwirklichung ermöglicht, als ein glaubwürdiger
Gebrauch der Freiheit angesehen werden? Im Glauben vollzieht der Mensch
den bedeutsamsten Akt seines Daseins; denn die Freiheit gelangt zur Gewißheit
der Wahrheit und entschließt sich, in ihr zu leben.
Der Vernunft, die das Geheimnis zu verstehen sucht, kommen auch die in
der Offenbarung vorhandenen Zeichen zur Hilfe. Sie dienen dazu, die
Wahrheitssuche gründlicher vorzunehmen und dem Verstand selbständige
Erkundungen auch innerhalb des Geheimnisses zu ermöglichen. Diese
Zeichen geben zwar einerseits der Vernunft größeres Gewicht,
weil sie ihr erlauben, mit den ihr eigenen Mitteln, auf die sie zu Recht
stolz ist, das Geheimnis von innen her zu ergründen; andererseits
sind die Zeichen für die Vernunft Ansporn, über ihre
zeichenhafte Wirklichkeit hinauszugehen, um deren jenseitige Bedeutung,
die sie tragen, zu erfassen. In ihnen ist also eine verborgene Wahrheit
bereits gegenwärtig, auf die der Verstand verwiesen wird und von der
er nicht absehen kann, ohne das ihm angebotene Zeichen selbst zu zerstören.
Man wird gewissermaßen auf den sakramentalen Horizont der
Offenbarung und insbesondere auf das Zeichen der Eucharistie verwiesen, wo
es die unauflösliche Einheit zwischen der Wirklichkeit und ihrer
Bedeutung erlaubt, die Tiefe des Geheimnisses zu erfassen. Christus ist in
der Eucharistie wahrhaftig gegenwärtig und lebendig, er wirkt und
handelt durch seinen Geist, doch wie der hl. Thomas richtig gesagt hatte:
»Du siehst nicht, du begreifst nicht, aber der Glaube bestärkt
dich jenseits der Natur. Was da erscheint, ist ein Zeichen: es verbirgt im
Geheimnis erhabene Wirklichkeiten«.(16) Ihm pflichtet der Philosoph
Pascal bei: »Wie Jesus Christus unter den Menschen unerkannt
geblieben ist, so unterscheidet sich seine Wahrheit äußerlich
nicht von den allgemeinen Meinungen. Und so ist die Eucharistie gewöhnliches
Brot«.(17)
Die Glaubenserkenntnis hebt also das Geheimnis nicht auf; sie macht es
nur einsichtiger und offenbart es als für das Leben des Menschen
wesentliche Tatsache: »Christus der Herr ... macht eben in der
Offenbarung des Geheimnisses des Vaters und seiner Liebe dem Menschen den
Menschen selbst voll kund und erschließt ihm seine höchste
Berufung«,(18) nämlich teilzuhaben am Geheimnis des dreifaltigen
Lebens Gottes.(19)
14. Die Lehre der beiden Vatikanischen Konzilien eröffnet auch für
das philosophische Wissen einen Horizont echter Neuerung. Die Offenbarung
führt in die Geschichte einen Bezugspunkt ein, von dem der Mensch
nicht absehen kann, wenn er dahin gelangen will, das Geheimnis seines
Daseins zu verstehen; andererseits verweist diese Erkenntnis ständig
auf das Geheimnis Gottes, das der Verstand nicht auszuschöpfen
vermag, sondern nur im Glauben empfangen und annehmen kann. Innerhalb
dieser beiden Momente hat die Vernunft ihren besonderen Platz, der ihr das
Erkunden und Begreifen erlaubt, ohne von etwas anderem eingeschränkt
zu werden als von ihrer Endlichkeit angesichts des unendlichen
Geheimnisses Gottes.
Die Offenbarung führt also in unsere Geschichte eine universale und
letzte Wahrheit ein, die den Verstand des Menschen dazu herausfordert,
niemals stehenzubleiben; ja, sie spornt ihn an, den Raum seines Wissens ständig
zu erweitern, bis er gewahr wird, ohne jegliche Unterlassung alles in
seiner Macht Stehende getan zu haben. Bei dieser Überlegung kommt uns
eine der geistreichsten und bedeutendsten schöpferischen Persönlichkeiten
der Menschheitsgeschichte zu Hilfe, auf die sich sowohl die Philosophie
als auch die Theologie beziehen: der hl. Anselm. In seinem Proslogion
schreibt der Bischof von Canterbury: »Während ich häufig
und voll Eifer meine Gedanken auf dieses Problem richtete, schien es mir
zuweilen, als könnte ich das, wonach ich suchte, schon ergreifen; ein
anderes Mal hingegen entglitt es vollständig meinem Denken; bis ich
schließlich die Hoffnung, es je finden zu können, verlor und
die Suche nach etwas, das sich unmöglich finden ließ, aufgeben
wollte. Als ich aber jene Gedanken aus mir vertreiben wollte, damit sie
nicht meinen Geist beschäftigten und mich von anderen Problemen
abhalten würden, aus denen ich irgendeinen Gewinn ziehen konnte, da
stellten sie sich mit immer größerer Aufdringlichkeit ein
[...]. Was aber habe ich Armseliger, einer von Evas Söhnen, fern von
Gott, was habe ich zu unternehmen begonnen und was ist mir gelungen?
Wonach ging meine Neigung und wohin bin ich gelangt? Wonach strebte ich
und wonach sehne ich mich noch immer? [...] O Herr, du bist nicht nur das
Größte, das man sich denken kann (non solum es quo maius
cogitari nequit), sondern du bist größer als alles, was man
sich denken kann (quiddam maius quam cogitari possit) [...]. Wenn
du nicht so beschaffen wärest, könnte man sich etwas Größeres
als dich vorstellen, aber das ist unmöglich«.(20)
15. Die Wahrheit der christlichen Offenbarung, der wir in Jesus von
Nazaret begegnen, ermöglicht jedem, das »Geheimnis« des
eigenen Lebens anzunehmen, sie achtet zutiefst die Autonomie des Geschöpfes
und seine Freiheit, verpflichtet es aber im Namen der Wahrheit, sich der
Transzendenz zu öffnen. Hier erreicht das Verhältnis von
Freiheit und Wahrheit seinen Höhepunkt, und man versteht voll und
ganz das Wort des Herrn: »Dann werdet ihr die Wahrheit erkennen, und
die Wahrheit wird euch befreien« (Joh 8, 32).
Die christliche Offenbarung ist der wahre Leitstern für den
Menschen zwischen den Bedingtheiten der immanentistischen Denkweise und
den Verengungen einer technokratischen Logik; sie ist die äußerste
von Gott angebotene Möglichkeit, um den ursprünglichen Plan der
Liebe, der mit der Schöpfung begonnen hat, vollständig
wiederzufinden. Dem Menschen, der sich nach Erkenntnis des Wahren sehnt,
wird, sofern er noch imstande ist, den Blick über sich selbst und die
eigenen Pläne hinaus zu erheben, die Möglichkeit gegeben, das
natürliche Verhältnis zu seinem Leben dadurch wiederzugewinnen,
daß er den Weg der Wahrheit geht. Die Worte aus dem Buch Deuteronomium
lassen sich gut auf diese Situation anwenden: »Dieses Gebot, auf
das ich dich heute verpflichte, geht nicht über deine Kraft und ist
nicht fern von dir. Es ist nicht im Himmel, so daß du sagen müßtest:
Wer steigt für uns in den Himmel hinauf, holt es herunter und verkündet
es uns, damit wir es halten können? Es ist auch nicht jenseits des
Meeres, so daß du sagen müßtest: Wer fährt für
uns über das Meer, holt es herüber und verkündet es uns,
damit wir es halten können? Nein, das Wort ist ganz nah bei dir, es
ist in deinem Mund und in deinem Herzen, du kannst es halten« (30,
11-14). Diesem Text stimmt der heilige Augustinus, Philosoph und Theologe,
mit dem berühmten Gedanken zu: »Noli foras ire, in te ipsum
redi. In interiore homine habitat veritas« [Geh nicht nach draußen,
kehre zu dir selbst zurück. Im Inneren des Menschen wohnt die
Wahrheit].(21)
Im Lichte dieser Überlegungen drängt sich eine erste Schlußfolgerung
auf: Die Wahrheit, welche die Offenbarung uns erkennen läßt,
ist nicht die reife Frucht oder der Höhepunkt eines von der Vernunft
aufbereiteten Denkens. Sie erscheint hingegen mit dem Wesensmerkmal der
Ungeschuldetheit, bringt Denken hervor und fordert, als Ausdruck der Liebe
angenommen zu werden. Diese geoffenbarte Wahrheit ist in unsere Geschichte
gelegte Vorwegnahme jener letzten und endgültigen Anschauung Gottes,
die denen vorbehalten ist, die an ihn glauben oder ihn mit aufrichtigem
Herzen suchen. Das letzte Ziel des menschlichen Daseins als Person ist
also Forschungsobjekt sowohl der Philosophie als auch der Theologie. Beide
führen uns, wenn auch mit unterschiedlichen Mitteln und Inhalten,
diesen »Pfad zum Leben« (Ps 16, 11) vor Augen, der
schließlich, wie uns der Glaube sagt, in die volle und ewig währende
Freude der Anschauung des dreieinigen Gottes einmündet.
KAPITEL II
CREDO UT INTELLEGAM
Die Weisheit weiß und versteht alles (vgl. Weish 9, 11)
[16-20]
16. Wie tief der Zusammenhang zwischen Glaubens- und Vernunfterkenntnis
ist, wird bereits in der Heiligen Schrift mit erstaunlich deutlichen
Hinweisen aufgezeigt. Das bezeugen besonders die Weisheitsbücher.
Was bei der unvoreingenommenen Lektüre dieser Seiten der Heiligen
Schrift beeindruckt, ist die Tatsache, daß in diesen Texten nicht
nur Israels Glaube enthalten ist, sondern auch der Reichtum bereits
untergegangener Zivilisationen und Kulturen. Wie nach einem besonderen
Plan lassen Ägypten und Mesopotamien wieder ihre Stimme hören,
und manche gemeinsamen Züge der altorientalischen Kulturen werden auf
diesen Seiten, die so reich sind an inneren Einsichten einzigartiger
Tiefe, wieder ins Leben zurückgeholt.
Es ist kein Zufall, daß der heilige Verfasser den weisen Menschen,
den er beschreiben möchte, als denjenigen darstellt, der die Wahrheit
liebt und nach ihr sucht: »Wohl dem Menschen, der nachsinnt über
die Weisheit, der sich bemüht um Einsicht, der seinen Sinn richtet
auf ihre Wege und auf ihre Pfade achtet, der ihr nachgeht wie ein Späher
und an ihren Eingängen lauert, der durch ihre Fenster schaut und an
ihren Türen horcht, der sich bei ihrem Haus niederläßt und
seine Zeltstricke an ihrer Mauer befestigt, der neben ihr sein Zelt
aufstellt und so eine gute Wohnung hat, der sein Nest in ihr Laub baut und
in ihren Zweigen die Nacht verbringt, der sich in ihrem Schatten vor der
Hitze verbirgt und im Schutz ihres Hauses wohnt« (Sir 14,
20-27).
Wie man sieht, ist für den inspirierten Verfasser der sehnliche
Wunsch nach Erkenntnis ein Wesensmerkmal, das alle Menschen vereint. Dank
des Denkvermögens ist allen, Glaubenden wie Nichtglaubenden, die Möglichkeit
gegeben, »zu schöpfen im tiefen Wasser« der Erkenntnis
(vgl. Spr 20, 5). Im alten Israel erfolgte das Erkennen der Welt
und ihrer Erscheinungen sicher nicht durch Abstraktion, wie das für
den jonischen Philosophen oder den ägyptischen Weisen zutrifft. Noch
weniger empfing der gute Israelit die Erkenntnis mit Hilfe der Kriterien,
wie sie der zunehmend nach Wissensspaltung tendierenden modernen Zeit
eigen sind. Trotzdem hat die Welt der Bibel in das große Meer der
Erkenntnislehre ihren originellen Beitrag einfließen lassen.
Wie sieht dieser Beitrag aus? Die Besonderheit, die den Bibeltext
auszeichnet, besteht in der Überzeugung, daß zwischen der
Vernunft- und der Glaubenserkenntnis eine tiefe, untrennbare Einheit
besteht. Die Welt und was in ihr vorgeht ebenso wie die Geschichte und die
wechselvollen Ereignisse des Volkes sind Wirklichkeiten, die mit den
Mitteln der Vernunft betrachtet, analysiert und beurteilt werden, ohne daß
aber der Glaube an diesem Prozeß unbeteiligt bliebe. Er greift nicht
ein, um die Autonomie der Vernunft zu beschneiden oder ihren Handlungsraum
einzuschränken, sondern nur dazu, um dem Menschen begreiflich zu
machen, daß der Gott Israels in diesen Geschehnissen sichtbar wird
und handelt. Die Welt und die geschichtlichen Begebenheiten gründlich
zu kennen, ist also unmöglich, ohne sich gleichzeitig zum Glauben an
den in ihnen wirkenden Gott zu bekennen. Der Glaube schärft den
inneren Blick, indem er den Verstand dafür offen macht, im Strom der
Ereignisse die tätige Gegenwart der Vorsehung zu entdecken. Ein Satz
aus dem Buch der Sprichwörter ist in diesem Zusammenhang
bezeichnend: »Des Menschen Herz plant seinen Weg, doch der Herr lenkt
seinen Schritt« (Spr 16, 9). Man könnte sagen, der
Mensch vermag mit dem Licht der Vernunft seinen Weg zu erkennen, kann ihn
aber nur dann rasch und ohne Hindernisse zu Ende gehen, wenn er mit
redlichem Herzen sein Forschen in den Horizont des Glaubens einfügt.
Vernunft und Glaube lassen sich daher nicht voneinander trennen, ohne daß
es für den Menschen unmöglich wird, sich selbst, die Welt und
Gott in entsprechender Weise zu erkennen.
17. Es gibt also keinen Grund für das Bestehen irgendeines
Konkurrenzkampfes zwischen Vernunft und Glaube: sie wohnen einander inne,
und beide haben ihren je eigenen Raum zu ihrer Verwirklichung. Wieder ist
es das Buch der Sprichwörter, das uns mit dem Ausruf in diese
Richtung weist: »Gottes Ehre ist es, eine Sache zu verhüllen,
des Königs Ehre ist es, eine Sache zu erforschen« (Spr 25,
2). Gott und der Mensch sind in ihrer jeweiligen Welt in eine einzigartige
Wechselbeziehung gestellt. In Gott hat alles seinen Ursprung, in ihm
sammelt sich die Fülle des Geheimnisses, und das macht seine Ehre
aus; dem Menschen fällt die Aufgabe zu, mit seiner Vernunft nach der
Wahrheit zu forschen, und darin besteht sein Adel. Ein weiterer Stein zu
diesem Mosaik wird vom Psalmisten hinzugefügt, wenn er betet: »Wie
schwierig sind für mich, o Gott, deine Gedanken, wie gewaltig ist
ihre Zahl! Wollte ich sie zählen, es wären mehr als der Sand. Käme
ich bis zum Ende, wäre ich noch immer bei dir« (Ps 139, 17-18).
Das Streben nach Erkenntnis ist so groß und mit einem derartigen
Dynamismus verbunden, daß sich das Herz des Menschen trotz der
Erfahrung der unüberschreitbaren Grenze nach dem unendlichen Reichtum
sehnt, der sich jenseits befindet, weil es ahnt, daß dort die
befriedigende Antwort auf jede noch ungelöste Frage gehütet
wird.
18. Wir können daher sagen, Israel hat es vermocht, mit seinem
Nachdenken der Vernunft den Weg zum Geheimnis zu eröffnen. In der
Offenbarung Gottes konnte es alles gründlich erkunden, was es mit der
Vernunft vergeblich zu erreichen versuchte. Von dieser tiefsten
Erkenntnisform ausgehend hat das auserwählte Volk verstanden, daß
die Vernunft einige Grundregeln beachten muß, um der ihr eigenen
Natur bestmöglich Ausdruck geben zu können. Die erste Regel
besteht in der Berücksichtigung der Tatsache, daß das Erkennen
des Menschen ein Weg ist, der keinen Stillstand kennt; die zweite entsteht
aus dem Bewußtsein, daß man sich auf diesen Weg nicht mit dem
Hochmut dessen begeben darf, der meint, alles sei Frucht persönlicher
Errungenschaft; eine dritte Regel gründet auf der »Gottesfurcht«:
die Vernunft muß Gottes souveräne Transzendenz und zugleich
seine sorgende Liebe bei der Lenkung der Welt anerkennen.
Wenn der Mensch von diesen Regeln abweicht, setzt er sich der Gefahr des
Scheiterns aus und befindet sich schließlich in der Verfassung des »Toren«.
Für die Bibel beinhaltet diese Torheit eine Bedrohung des Lebens.
Denn der Tor bildet sich ein, viele Dinge zu wissen, ist aber in
Wirklichkeit nicht imstande, den Blick auf die wesentlichen Dinge zu
heften. Das hindert ihn daran, Ordnung in seinen Verstand zu bringen (vgl.
Spr 1, 7) und gegenüber sich selbst und seiner Umgebung eine
entsprechende Haltung einzunehmen. Wenn er dann so weit geht zu behaupten:
»Es gibt keinen Gott« (Ps 14, 1), enthüllt er mit
endgültiger Klarheit, wie unzureichend sein Wissen ist und wie weit
er von der vollen Wahrheit über die Dinge, ihren Ursprung und ihre
Bestimmung entfernt ist.
19. Einige wichtige Texte, die weiteres Licht auf dieses Thema werfen,
sind im 13. Kapitel des Buches der Weisheit enthalten. Darin spricht der
Verfasser von Gott, der sich auch durch die Natur erkennen läßt.
In der Antike fiel das Studium der Naturwissenschaften großenteils
mit dem philosophischen Wissen zusammen. Nachdem der heilige Text ausgeführt
hat, daß der Mensch mit seinem Verstand in der Lage ist, »den
Aufbau der Welt und das Wirken der Elemente, ... den Kreislauf der Jahre
und die Stellung der Sterne, die Natur der Tiere und die Wildheit der
Raubtiere« zu verstehen (Weish 7, 17. 19-20), mit einem Wort,
daß er fähig ist zu philosophieren, vollzieht er einen sehr
bemerkenswerten Schritt nach vorn. Während der Verfasser das Denken
der griechischen Philosophie aufgreift, auf das er sich in diesem
Zusammenhang offensichtlich bezieht, erklärt er, daß man eben
durch vernünftiges Nachdenken über die Natur wieder auf den Schöpfer
zurückkommen könne: »Denn von der Größe und Schönheit
der Geschöpfe läßt sich auf ihren Schöpfer schließen«
(Weish 13, 5). Es wird also eine erste Stufe der göttlichen
Offenbarung anerkannt, die aus dem wunderbaren »Buch der Natur«
besteht; liest der Mensch dieses Buch mit den seiner Vernunft eigenen
Mitteln, kann er zur Erkenntnis des Schöpfers gelangen. Wenn der
Mensch mit seinem Verstand Gott, den Schöpfer von allem, nicht zu
erkennen vermag, dann liegt das nicht so sehr am Fehlen eines geeigneten
Mittels als vielmehr an dem Hindernis, das ihm von seinem freien Willen
und seiner Sünde in den Weg gelegt wurde.
20. Die Vernunft wird in dieser Sicht gewürdigt, aber nicht überbewertet.
Denn alles, was sie erreicht, kann zwar wahr sein, erlangt aber volle
Bedeutung erst, wenn sein Inhalt in den weiteren Horizont des Glaubens
gestellt wird: »Der Herr lenkt die Schritte eines jeden. Wie könnte
der Mensch seinen Weg verstehen?« (Spr 20, 24). Nach dem
Alten Testament befreit also der Glaube die Vernunft, da er ihr ermöglicht,
ihren Erkenntnisgegenstand konsequent zu erreichen und ihn in jene höchste
Ordnung zu stellen, in der alles seine Sinnhaftigkeit erlangt. Mit einem
Wort, der Mensch gelangt durch die Vernunft zur Wahrheit, weil er zugleich
mit dem Glauben den tiefen Sinn von allem und insbesondere den Sinn seines
eigenen Daseins entdeckt. Mit Recht setzt daher der Verfasser als den
Anfang der wahren Erkenntnis die Gottesfurcht voraus: »Gottesfurcht
ist Anfang der Erkenntnis« (Spr 1, 7; vgl. Sir 1,
14).
»Erwirb dir Weisheit, erwirb dir Einsicht« (Spr
4, 5) [21-23]
21. Die Erkenntnis beruht nach dem Alten Testament nicht nur auf einer
sorgfältigen Beobachtung des Menschen, der Welt und der Geschichte,
sondern setzt auch eine unerläßliche Beziehung zum Glauben und
zu den Inhalten der Offenbarung voraus. Hier liegen auch die
Herausforderungen, denen sich das auserwählte Volk stellen mußte
und auf die es geantwortet hat. Beim Nachdenken über diese seine Lage
hat der biblische Mensch entdeckt, daß er sich nur begreifen kann,
insofern er »in Beziehung steht«: in Beziehung zu sich selbst,
zum Volk, zur Welt und zu Gott. Diese Öffnung für das Geheimnis,
die ihm von der Offenbarung zukam, war schließlich für ihn die
Quelle einer wahren Erkenntnis, die seiner Vernunft das Eintauchen in die
Räume des Unendlichen erlaubte, wodurch er bis dahin unverhoffte
Verständnismöglichkeiten erhielt.
Die Anstrengung des Forschens war für den Verfasser nicht frei von
der Mühseligkeit, die von der Auseinandersetzung mit den Grenzen der
Vernunft herrührt. Das läßt sich zum Beispiel den Worten
entnehmen, mit denen das Buch der Sprichwörter den Zustand der Erschöpfung
offenlegt, der sich bei dem Versuch, die geheimnisvollen Pläne Gottes
zu begreifen, einstellte (vgl. Spr 30, 1-6). Der Glaubende gibt
sich jedoch trotz der Beschwerlichkeit nicht geschlagen. Die Kraft, um
seinen Weg zur Wahrheit fortzusetzen, erhält er aus der Gewißheit,
daß Gott ihn als »Forscher« erschaffen hat (vgl. Koh
1, 13), der den Auftrag hat, trotz der ständigen Erpressung durch
den Zweifel nichts unversucht zu lassen. Dadurch, daß er sich auf
Gott stützt, bleibt er immer und überall auf das Schöne,
Gute und Wahre ausgerichtet.
22. Der hl. Paulus hilft uns im ersten Kapitel seines Briefes an die Römer,
die Überlegung der Weisheitsbücher in ihrer Eindringlichkeit
besser zu würdigen. Mit seiner Darlegung einer philosophischen
Argumentation in der Sprache des Volkes bringt der Apostel eine tiefe
Wahrheit zum Ausdruck: Durch die Schöpfung können die »Augen
des Verstandes« zur Erkenntnis Gottes gelangen. Denn durch die Geschöpfe
läßt er die Vernunft seine »Macht« und seine »Gottheit«
erahnen (vgl. Röm 1, 20). Der Vernunft des Menschen wird also
eine Fähigkeit zuerkannt, die gleichsam ihre natürlichen Grenzen
zu übersteigen scheint: nicht nur daß sie von dem Augenblick
an, wo sie kritisch darüber nachdenken kann, nicht mehr in die
sinnliche Erkenntnis verbannt ist, sondern auch durch das Argumentieren über
die Sinneswahrnehmungen kann sie zu dem Grund vordringen, der am Anfang
jeder sinnlich wahrnehmbaren Wirklichkeit steht. In philosophischer
Fachsprache könnten wir sagen, daß in dem wichtigen Text die
metaphysische Fähigkeit des Menschen bejaht wird.
Nach Überzeugung des Apostels war im ursprünglichen Schöpfungsplan
die Fähigkeit der Vernunft vorgesehen, die Sinnenwelt mit
Leichtigkeit zu übersteigen, um zum eigentlichen Ursprung von allem
zu gelangen: dem Schöpfer. Infolge des Ungehorsams, durch den sich
der Mensch die volle und absolute Unabhängigkeit gegenüber
seinem Schöpfer erwirken wollte, ist diese Leichtigkeit des Aufstiegs
zum Schöpfergott verloren gegangen.
Das Buch Genesis beschreibt auf anschauliche Weise diesen Zustand des
Menschen, wenn es davon erzählt, daß Gott ihn in den Garten
Eden setzte, in dessen Mitte »der Baum der Erkenntnis von Gut und Böse«
stand (Gen 2, 17). Das Symbol ist klar: Der Mensch war nicht in
der Lage, von sich aus zu unterscheiden und zu entscheiden, was gut und
was böse war, sondern mußte sich auf ein höheres Prinzip
berufen. Verblendung durch Überheblichkeit verführte unsere
Stammeltern zu der trügerischen Täuschung, sie wären souverän
und unabhängig und könnten auf die von Gott stammende Erkenntnis
verzichten. In ihren Ur-Ungehorsam zogen sie jeden Mann und jede Frau
hinein und fügten der Vernunft Wunden zu, die von da an den Weg zur
vollen Wahrheit behindern sollten. Das menschliche Vermögen, die
Wahrheit zu erkennen, wurde nunmehr von der Auflehnung gegen denjenigen
beeinträchtigt, der Quelle und Ursprung der Wahrheit ist. Wieder ist
es der Apostel der darlegt, wie auf Grund der Sünde die Gedanken der
Menschen »nichtig« geworden sind und sich ihre Überlegungen
als entstellt und falsch orientiert erwiesen haben (vgl. Röm 1,
21-22). Die Augen des Verstandes waren nun nicht mehr in der Lage, klar zu
sehen: die Vernunft wurde zunehmend zur Gefangenen ihrer selbst. Das
Kommen Christi war das Heilsereignis, das die Vernunft aus ihrer
Schwachheit erlöste und sie von den Fesseln, in denen sie sich selbst
gefangen hatte, befreite.
23. Das Verhältnis des Christen zur Philosophie verlangt daher eine
tiefgreifende Unterscheidung. Im Neuen Testament, vor allem in den Briefen
des hl. Paulus, tritt eine Tatsache klar ans Licht: die Gegenüberstellung
zwischen der »Weisheit dieser Welt« und der in Jesus Christus
geoffenbarten Weisheit Gottes. Die Tiefgründigkeit der geoffenbarten
Weisheit sprengt den Zirkel unserer üblichen Denkschemata, die
keinesfalls in der Lage sind, sie adäquat wiederzugeben.
Der Anfang des ersten Briefes an die Korinther wirft dieses Dilemma in
radikaler Weise auf. Der gekreuzigte Sohn Gottes ist das geschichtliche
Ereignis, an dem jeder Versuch des Verstandes scheitert, auf rein
menschlichen Argumenten einen ausreichenden Beleg für den Sinn des
Daseins aufzubauen. Der wahre Knotenpunkt, der die Philosophie
herausfordert, ist der Tod Jesu Christi am Kreuz. Denn hier ist jeder
Versuch, den Heilsplan des Vaters auf reine menschliche Logik zurückzuführen,
zum Scheitern verurteilt. »Wo ist ein Weiser? Wo ein
Schriftgelehrter? Wo ein Wortführer in dieser Welt? Hat Gott nicht
die Weisheit der Welt als Torheit entlarvt?« (1 Kor 1, 20),
fragt sich der Apostel emphatisch. Für das, was Gott verwirklichen
will, genügt nicht bloß die Weisheit des weisen Menschen,
vielmehr ist ein entschlossener Übergang zur Annahme von etwas völlig
Neuem gefordert: »Das Törichte in der Welt hat Gott erwählt,
um die Weisen zuschanden zu machen [...]. Und das Niedrige in der Welt und
das Verachtete hat Gott erwählt: das, was nichts ist, um das, was
etwas ist, zu vernichten« (1 Kor 1, 27-28). Die Weisheit des
Menschen lehnt es ab, in ihrer Schwachheit die Voraussetzung für ihre
Stärke zu sehen; aber der hl. Paulus zögert nicht zu bekräftigen:
»Wenn ich schwach bin, dann bin ich stark« (2 Kor 12,
10). Der Mensch vermag nicht zu begreifen, wie der Tod Quelle von Leben
und Liebe sein könne, aber Gott hat gerade das für die Enthüllung
des Geheimnisses seines Heilsplanes erwählt, was die Vernunft als »Torheit«
und »Ärgernis« ansieht. Mit Hilfe der Sprache der
Philosophen seiner Zeit erreicht Paulus den Höhepunkt seiner Lehre
und des Paradoxons, das er ausdrücken will: »Gott hat in der
Welt das, was nichts ist, erwählt, um das, was etwas ist, zu
vernichten« (1 Kor 1, 28). Der Apostel scheut sich nicht, von
der radikalsten Sprache, welche die Philosophen in ihren Erwägungen über
Gott verwendeten, Gebrauch zu machen, um das Wesen der ungeschuldeten
Liebe zum Ausdruck zu bringen, die sich im Kreuz Jesu Christi geoffenbart
hat. Die Vernunft kann das Geheimnis, das das Kreuz darstellt, nicht der
Liebe entleeren; statt dessen kann das Kreuz der Vernunft die letzte
Antwort geben, nach der sie sucht. Nicht die Weisheit der Worte, sondern
das Wort von der Weisheit ist es, das der hl. Paulus als Kriterium der
Wahrheit und damit des Heils festsetzt.
Die Weisheit des Kreuzes überwindet daher jede kulturelle Grenze,
die man ihr auferlegen will, und verpflichtet dazu, sich der Universalität
der Wahrheit, deren Trägerin sie ist, zu öffnen. Was für
eine Herausforderung stellt sich da unserer Vernunft und welchen Nutzen
zieht sie daraus, wenn sie sich denn geschlagen gibt! Die Philosophie, die
schon von sich aus imstande ist, die unablässige
Selbsttranszendierung des Menschen auf die Wahrheit hin zu erkennen, kann
sich mit Hilfe des Glaubens öffnen, um in der »Torheit« des
Kreuzes die echte Kritik an denen aufzugreifen, die sich der Täuschung
hingeben, die Wahrheit zu besitzen, während sie sie in die Untiefen
ihres Systems gefangenhalten. Das Verhältnis von Glaube und
Philosophie trifft in der Verkündigung vom gekreuzigten und
auferstandenen Christus auf die Felsenklippe, an der es Schiffbruch
erleiden kann. Doch jenseits dieser Klippe kann es in das unendliche Meer
der Wahrheit einmünden. Hier zeigt sich deutlich die Grenze zwischen
Vernunft und Glaube, es wird aber auch der Raum klar erkennbar, in dem
sich beide begegnen können.
KAPITEL III
INTELLEGO UT CREDAM
Auf dem Weg der Suche nach der Wahrheit [24-27]
24. Der Evangelist Lukas erzählt in der Apostelgeschichte, daß
Paulus auf seinen Missionsreisen nach Athen kam. Die Stadt der Philosophen
war voll von Statuen, die verschiedene Götzen darstellten. Ein Altar
erregte seine Aufmerksamkeit, und er nahm das sogleich zum Anlaß,
darin eine gemeinsame Grundlage zu entdecken, auf der er mit der Verkündigung
des Kerygmas beginnen konnte. Und so sprach er: »Athener, nach allem,
was ich sehe, seid ihr besonders fromme Menschen. Denn als ich umherging
und mir eure Heiligtümer ansah, fand ich auch einen Altar mit der
Aufschrift: Einem unbekannten Gott. Was ihr verehrt, ohne es zu kennen,
das verkünde ich euch« (Apg 17, 22-23). Von da ausgehend
spricht der hl. Paulus von Gott als Schöpfer, als dem, der alles übersteigt
und alles zum Leben bringt. Dann setzt er seine Rede so fort: »Er hat
aus einem einzigen Menschen das ganze Menschengeschlecht erschaffen, damit
es die ganze Erde bewohne. Er hat für sie bestimmte Zeiten und die
Grenzen ihrer Wohnsitze festgelegt. Sie sollten Gott suchen, ob sie ihn
ertasten und finden könnten; denn keinem von uns ist er fern« (Apg
17, 26-27).
Der Apostel legt eine Wahrheit vor, die sich die Kirche stets zunutze
gemacht hat: Das Streben und die Sehnsucht nach Gott ist tief in das
Menschenherz eingesät. Daran erinnert auch ausdrücklich die
Karfreitagsliturgie, wenn sie uns im Gebet für alle Nichtglaubenden
sprechen läßt: »Allmächtiger, ewiger Gott, du hast
eine so tiefe Sehnsucht nach dir ins Herz des Menschen gesenkt, daß
sie erst Frieden haben, wenn sie dich finden«.(22) Es gibt also einen
Weg, den der Mensch, wenn er will, gehen kann; er beginnt mit der Fähigkeit
der Vernunft, sich über das Zufällige zu erheben, um auf das
Unendliche zuzutreiben.
Der Mensch hat auf verschiedene Weise und zu verschiedenen Zeiten
bewiesen, daß er imstande ist, dieser seiner tiefsten Sehnsucht
Ausdruck zu verleihen. Literatur, Musik, Malerei, Bildhauerei, Architektur
und jedes andere Erzeugnis seines schöpferischen Verstandes sind zu
Kanälen geworden, durch die er sein sehnsüchtiges Suchen ausdrückt.
In besonderer Weise hat die Philosophie diesen Antrieb in sich aufgenommen
und mit ihren Mitteln sowie ihren wissenschaftlichen Möglichkeiten
gemäß diesem universalen Streben des Menschen Ausdruck
verliehen.
25. »Alle Menschen streben nach Wissen«;(23) Gegenstand dieses
Strebens ist die Wahrheit. Selbst das Alltagsleben zeigt, wie sehr ein
jeder daran interessiert ist herauszufinden, wie über das bloß
gehörte Wort hinaus die Dinge in Wahrheit sind. Der Mensch ist das
einzige Wesen in der ganzen sichtbaren Schöpfung, das nicht nur zu
wissen fähig ist, sondern auch um dieses Wissen weiß; darum
interessiert er sich für die tatsächliche Wahrheit dessen, was für
ihn sichtbar ist. Ehrlicherweise darf niemandem die Wahrheit seines
Wissens gleichgültig sein. Wenn er entdeckt, daß es falsch ist,
verwirft er es; wenn er es hingegen als wahr feststellen kann, ist er
zufrieden. Das ist die Lehre des hl. Augustinus, wenn er schreibt: »Ich
habe manchen gefunden, der andere täuschen wollte, aber keinen, der
getäuscht sein wollte«.(24) Mit Recht gilt ein Mensch dann als
erwachsen, wenn er mit eigenen Mitteln zwischen wahr und falsch
unterscheiden kann, indem er sich über die objektive Wirklichkeit der
Dinge sein Urteil bildet. Hier liegt der Grund zu vielen Forschungen,
besonders auf dem Gebiet der Naturwissenschaften, die in den letzten
Jahrhunderten so bedeutsame Ergebnisse erbracht und damit einen echten
Fortschritt der gesamten Menschheit gefördert haben.
Nicht weniger wichtig als die Forschung auf theoretischem Gebiet ist
jene im praktischen Bereich. Denn durch sein sittliches Handeln schlägt
die menschliche Person, wenn sie ihrem freien und rechten Willen gemäß
handelt, den Weg der Glückseligkeit ein und strebt nach
Vollkommenheit. Auch in diesem Fall geht es um die Wahrheit. Diese Überzeugung
habe ich in der Enzyklika Veritatis splendor unterstrichen: »Moral
ohne Freiheit gibt es nicht... Wenn für den Menschen das Recht
besteht, auf seinem Weg der Wahrheitssuche respektiert zu werden, so
besteht noch vorher die für jeden schwerwiegende moralische
Verpflichtung, die Wahrheit zu suchen und an der anerkannten Wahrheit
festzuhalten«.(25)
Es ist also notwendig, daß die angenommenen und durch das eigene
Leben verfolgten Werte wahr sind, weil nur wahre Werte die menschliche
Person durch Verwirklichung ihrer Natur vollenden können. Diese
Wahrheit der Werte findet der Mensch nicht dadurch, daß er sich in
sich verschließt, sondern indem er sich öffnet, um sie auch in
den über ihn hinausgehenden Dimensionen anzunehmen. Das ist eine
unerläßliche Voraussetzung, damit ein jeder er selbst werden
und als erwachsene, reife Person wachsen kann.
26. Die Wahrheit stellt sich beim Menschen anfangs in Frageform vor:
Hat das Leben einen Sinn? Wohin führt es? Auf den ersten
Blick könnte das Dasein des Menschen als Person gänzlich sinnlos
erscheinen. Man braucht nicht Philosophen, die die Absurdität
vertreten, oder die provokatorischen Fragen im Buch Ijob heranzuziehen, um
am Sinn des Lebens zu zweifeln. Die tägliche Erfahrung von eigenem
und fremdem Leid, der Anblick so vieler Tatsachen, die im Lichte der
Wahrheit unerklärlich erscheinen, genügen, daß wir
unausweichlich eine so dramatische Frage wie jene nach dem Sinn
stellen.(26) Hinzukommt, daß die erste absolut sichere Wahrheit
unserer Existenz außer der Tatsache, daß wir überhaupt da
sind, die Unvermeidbarkeit unseres Todes ist. Angesichts dieses bestürzenden
Umstandes stellt sich die Suche nach einer erschöpfenden Antwort.
Jeder will und soll die Wahrheit über sein Ende kennen.
Er will wissen, ob der Tod das endgültige Ende seines Daseins ist
oder ob es noch etwas gibt, das über den Tod hinausreicht; ob er auf
ein Weiterleben hoffen darf oder nicht. Nicht von ungefähr hat das
philosophische Denken seine entscheidende Orientierung vom Tod des
Sokrates her erhalten und ist seit über zweitausend Jahren davon geprägt
geblieben. Es ist also durchaus kein Zufall, daß angesichts der
Tatsache des Todes die Philosophen sich dieses Problems, zusammen mit der
Frage nach dem Sinn des Lebens und der Unsterblichkeit, immer von neuem
angenommen haben.
27. Niemand, weder der Philosoph noch der gewöhnliche Mensch, kann
diesen Fragen aus dem Weg gehen. Von der Antwort darauf hängt eine
entscheidende Etappe der Suche ab: Ob es möglich ist, zu einer
universalen und absoluten Wahrheit zu gelangen oder nicht. An und für
sich erscheint jede Wahrheit, auch Teilwahrheit, wenn sie wirklich
Wahrheit ist, als universal. Was wahr ist, muß für alle und für
immer wahr sein. Außer dieser Universalität sucht der Mensch
jedoch nach einem Absoluten, das in der Lage sein soll, seinem ganzen
Suchen und Forschen Antwort und Sinn zu geben: etwas Letztes, das sich als
Grund jeder Sache herausstellt. Mit anderen Worten, er sucht nach einer
endgültigen Erklärung, nach einem höchsten Wert, über
den hinaus es weitere Fragen oder Verweise weder gibt noch geben kann.
Hypothesen können den Menschen faszinieren, aber sie befriedigen ihn
nicht. Es kommt für alle der Zeitpunkt, wo sie, ob sie es zugeben
oder nicht, das Bedürfnis haben, ihre Existenz in einer als endgültig
anerkannten Wahrheit zu verankern, welche eine Gewißheit vermittelt,
die nicht mehr dem Zweifel unterworfen ist.
Die Philosophen haben im Laufe der Jahrhunderte versucht, eine solche
Wahrheit zu entdecken und zum Ausdruck zu bringen, indem sie Denksysteme
und -schulen ins Leben riefen. Über die philosophischen Systeme
hinaus gibt es jedoch noch andere Ausdrucksformen, in denen der Mensch
seiner »Philosophie« Gestalt zu geben versucht: dabei handelt es
sich um persönliche Überzeugungen oder Erfahrungen, um familiäre
oder kulturelle Traditionen oder um Lebensprogramme, wo man sich der
Autorität eines Meisters anvertraut. Aus jeder dieser Erscheinungen
spricht stets der lebhafte Wunsch, zur Gewißheit der Wahrheit und
ihres absoluten Wertes zu gelangen.
Die verschiedenen Gesichter der Wahrheit des Menschen [28-35]
28. Die Wahrheitssuche stellt sich zugegebenermaßen nicht immer
mit solcher Transparenz und Folgerichtigkeit dar. Die angeborene
Begrenztheit der Vernunft und die Unbeständigkeit des Herzens trüben
oft die persönliche Suche und lenken sie ab. Verschiedenartige andere
Interessen können die Wahrheit unterdrücken. Es kommt vor, daß
der Mensch, kaum daß er die Wahrheit flüchtig erblickt,
geradewegs vor ihr flieht, weil er sich vor ihren Ansprüchen fürchtet.
Trotzdem beeinflußt die Wahrheit, auch wenn er sie meidet, immer
sein Dasein. Denn niemals könnte er sein Leben auf Zweifel, Ungewißheit
oder Lüge gründen; eine solche Existenz wäre ständig
von Angst und Furcht bedroht. Man kann also den Menschen als den
definieren, der nach der Wahrheit sucht.
29. Es ist undenkbar, daß eine so tief in der menschlichen Natur
verwurzelte Suche völlig nutzlos und vergeblich sein könnte. Die
Fähigkeit, nach der Wahrheit zu suchen und Fragen zu stellen, schließt
nämlich bereits eine erste Antwort ein. Der Mensch würde gar
nicht anfangen, etwas zu suchen, von dem er überhaupt nichts wüßte
oder das er für absolut unerreichbar hielte. Erst die Aussicht, zu
einer Antwort gelangen zu können, kann ihn veranlassen, den ersten
Schritt zu tun. Tatsächlich geschieht genau das normalerweise in der
wissenschaftlichen Forschung. Wenn ein Wissenschaftler, seiner Intuition
folgend, sich der Suche nach der logischen und nachweisbaren Erklärung
eines bestimmten Phänomens widmet, vertraut er von Anfang an darauf,
eine Antwort zu finden, und kapituliert nicht angesichts der Mißerfolge.
Er hält seine ursprüngliche Eingebung nicht für nutzlos,
nur weil er das Ziel nicht erreicht hat; er wird vielmehr zu Recht sagen,
er habe noch nicht die adäquate Antwort gefunden.
Dasselbe muß auch für die Wahrheitssuche im Bereich der
letzten Fragen gelten. Die Sehnsucht nach der Wahrheit wurzelt so tief im
Herzen des Menschen, daß das Abstandnehmen davon die Existenz gefährden
würde. Es genügt schließlich die Beobachtung des
Alltagslebens um festzustellen, daß jeder von uns die quälende
Last einiger wesentlicher Fragen in sich trägt und zugleich in seinem
Herzen zumindest den Entwurf der dazugehörigen Antworten hütet.
Es sind Antworten, von deren Wahrheit man auch deshalb überzeugt ist,
weil man die Erfahrung macht, daß sie sich im wesentlichen nicht von
den Antworten unterscheiden, zu denen viele andere gelangt sind.
Sicherlich besitzt nicht jede Wahrheit, die erworben wird, denselben Wert.
Von der Gesamtheit der erreichten Ergebnisse wird jedoch die Fähigkeit
des Menschen bestätigt, grundsätzlich zur Wahrheit zu gelangen.
30. Es mag nützlich sein, diese verschiedenen Formen der Wahrheit
im folgenden kurz zu erwähnen. Am zahlreichsten sind jene Formen, die
auf unmittelbarer Einsichtigkeit beruhen oder durch Erprobung Bestätigung
finden. Es handelt sich dabei um die Wahrheitsordnung des Alltagslebens
und der wissenschaftlichen Forschung. Auf einer anderen Ebene sind die
Wahrheiten philosophischen Charakters anzusiedeln, zu denen der Mensch
durch die spekulative Kraft seines Verstandes gelangt. Schließlich
gibt es die religiösen Wahrheiten, die in gewissem Maße auch in
der Philosophie verwurzelt sind. Enthalten sind sie in den Antworten,
welche die verschiedenen Religionen in ihren Traditionen auf die letzten
Fragen geben.(27)
Was die philosophischen Wahrheiten betrifft, gilt es klarzustellen, daß
sie sich nicht allein auf die mitunter kurzlebigen Wahrheiten der
Berufsphilosophen beschränken. Wie ich schon gesagt habe, ist jeder
Mensch auf eine gewisse Art ein Philosoph und besitzt seine
philosophischen Auffassungen, nach denen er sein Leben ausrichtet. Er
bildet sich auf die eine oder andere Weise eine Gesamtanschauung und eine
Antwort auf die Frage nach dem Sinn seines Daseins: in diesem Licht deutet
er sein persönliches Schicksal und regelt sein Verhalten. Hier müßte
er sich die Frage nach dem Verhältnis der philosophisch-religiösen
Wahrheiten zu der in Jesus Christus geoffenbarten Wahrheit stellen. Bevor
wir diese Frage beantworten, müssen wir noch eine weitere Gegebenheit
der Philosophie bedenken.
31. Der Mensch ist nicht geschaffen, um allein zu leben. Er wird geboren
und wächst in einer Familie auf, um sich später mit seiner
Arbeit in die Gesellschaft einzugliedern. Er findet sich also von Geburt
an in verschiedene Traditionen eingebunden, von denen er nicht nur die
Sprache und die kulturelle Bildung, sondern auch vielfältige
Wahrheiten empfängt, denen er gleichsam instinktiv glaubt. Persönliches
Wachstum und Reifung bringen es jedoch mit sich, daß diese
Wahrheiten durch den besonderen Einsatz des kritischen Denkens in Zweifel
gezogen und überprüft werden können. Das hindert nicht, daß
nach dieser Übergangsphase dieselben Wahrheiten aufgrund der mit
ihnen gemachten Erfahrung oder kraft nachfolgender Überlegungen »wiedergewonnen«
werden. Trotzdem sind im Leben eines Menschen die einfachhin geglaubten
Wahrheiten viel zahlreicher als jene, die er durch persönliche Überprüfung
erwirbt. Wer wäre denn imstande, die unzähligen
wissenschaftlichen Ergebnisse, auf die sich das moderne Leben stützt,
kritisch zu prüfen? Wer vermöchte für sich allein den Strom
der Informationen zu kontrollieren, die Tag für Tag aus allen Teilen
der Welt eintreffen und die immerhin als grundsätzlich wahr
angenommen werden? Wer könnte schließlich die Erfahrungs und
Denkwege wiederholen, auf denen sich die Schätze der Menschheit an
Weisheit und Religiosität angesammelt haben? Der Mensch, ein Wesen,
das nach der Wahrheit sucht, ist also auch derjenige, der vom Glauben
lebt.
32. Im Glauben vertraut sich ein jeder den von anderen Personen
erworbenen Erkenntnissen an. Darin ist eine bedeutungsvolle Spannung
erkennbar: einerseits erscheint die Erkenntnis durch Glauben als eine
unvollkommene Erkenntnisform, die sich nach und nach durch die persönlich
gewonnene Einsicht vervollkommnen soll; andererseits erweist sich der
Glaube oft als menschlich reicher im Vergleich zur bloßen
Einsichtigkeit, weil er eine Beziehung zwischen Personen einschließt
und nicht nur die persönlichen Erkenntnisfähigkeiten, sondern
auch die tiefergehende Fähigkeit ins Spiel bringt, sich anderen
Personen anzuvertrauen, indem man eine festere und innige Verbindung mit
ihnen eingeht.
Es sei unterstrichen, daß die in dieser zwischenmenschlichen
Beziehung gesuchten Wahrheiten nicht in erster Linie in die faktische oder
in die philosophische Ordnung gehören. Gesucht wird vielmehr nach der
eigentlichen Wahrheit der Person: was sie ist und was sie von ihrem
Innersten sichtbar werden läßt. Die Vollkommenheit des Menschen
besteht nämlich nicht allein in der Aneignung der abstrakten
Erkenntnis der Wahrheit, sondern auch in einer lebendigen Beziehung der
Hingabe und Treue gegenüber dem anderen. In dieser Treue, die sich
hinzugeben vermag, findet der Mensch volle Gewißheit und Sicherheit.
Gleichzeitig ist die Erkenntnis durch Glauben, die sich auf das
zwischenmenschliche Vertrauen stützt, jedoch nicht ohne Bezug zur
Wahrheit: der gläubige Mensch vertraut sich der Wahrheit an, die der
andere ihm kundtut.
Wie viele Beispiele ließen sich zur Erläuterung dieser
Tatsache anführen! Meine Gedanken wenden sich jedoch geradewegs dem
Zeugnis der Märtyrer zu. Der Märtyrer ist in der Tat der zuverlässigste
Zeuge der Wahrheit über das Dasein. Er weiß, daß er in
der Begegnung mit Jesus Christus die Wahrheit über sein Leben
gefunden hat; nichts und niemand wird ihm jemals diese Gewißheit zu
entreißen vermögen. Weder das Leiden noch der gewaltsame Tod
werden ihn dazu bringen können, die Zustimmung zu der Wahrheit zu
widerrufen, die er in der Begegnung mit Christus entdeckt hat. Deshalb
fasziniert uns bis heute das Zeugnis der Märtyrer, es weckt
Zustimmung, stößt auf Gehör und findet Nachahmung. Das ist
der Grund, warum man auf ihr Wort vertraut: Man entdeckt in ihnen ganz
offensichtlich eine Liebe, die keiner langen Argumentationen bedarf, um zu
überzeugen, da sie zu jedem von dem spricht, was er im Innersten
bereits als wahr vernimmt und seit langem gesucht hat. Schließlich
ruft der Märtyrer ein tiefes Vertrauen in uns hervor, weil er sagt,
was wir bereits empfinden, und offenkundig macht, was auch wir, wenn wir
denn die Kraft dazu fänden, gern ausdrücken würden.
33. So kann man sehen, daß die Linien des Problems fortschreitend
ergänzt werden. Der Mensch sucht von Natur aus nach der Wahrheit.
Diese Suche ist nicht allein zur Aneignung von partiellen, faktischen oder
wissenschaftlichen Wahrheiten bestimmt; der Mensch sucht nicht nur für
jede seiner Entscheidungen das wahre Gute. Seine Suche strebt nach einer
jenseitigen Wahrheit, die in der Lage sein soll, den Sinn des Lebens zu
erklären; es handelt sich daher um eine Suche, die nur im Absoluten
Antwort finden kann.(28) Dank der dem Denken innewohnenden Fähigkeiten
ist der Mensch imstande, einer solchen Wahrheit zu begegnen und sie zu
erkennen. Diese lebenswichtige und für seine Existenz wesentliche
Wahrheit wird nicht nur auf rationalem Weg erreicht, sondern auch dadurch,
daß sich der Mensch vertrauensvoll auf andere Personen verläßt,
welche die Sicherheit und Authentizität der Wahrheit garantieren können.
Die Fähigkeit und Entscheidung, sich selbst und sein Leben einem
anderen Menschen anzuvertrauen, stellen gewiß einen der
anthropologisch gewichtigsten und ausdrucksstärksten Akte dar.
Man möge nicht vergessen, daß auch die Vernunft bei ihrer
Suche auf die Unterstützung durch vertrauensvollen Dialog und
aufrichtige Freundschaft angewiesen ist. Ein Klima aus Verdacht und Mißtrauen,
wie es die spekulative Forschung mitunter umgibt, vernachlässigt die
Lehre der antiken Philosophen, welche die Freundschaft als eine der für
das richtige Philosophieren geeignetsten Rahmenbedingungen herausstellten.
Aus dem bisher Gesagten geht hervor, daß sich der Mensch auf einer
nach menschlichem Ermessen endlosen Suche befindet: der Suche nach
Wahrheit und der Suche nach einer Person, der er sich anvertrauen kann.
Der christliche Glaube kommt ihm dadurch entgegen, daß er ihm die
konkrete Möglichkeit bietet, das Ziel dieser Suche verwirklicht zu
sehen. Indem er beim Menschen das Stadium des gewöhnlichen Glaubens überwindet,
führt er ihn in jene Gnadenordnung ein, die ihm die Teilhabe an dem
Geheimnis Christi erlaubt, in dem ihm die wahre und angemessene Erkenntnis
des dreieinigen Gottes geschenkt wird. In Jesus Christus, der die Wahrheit
ist, anerkennt somit der Glaube den letzten Aufruf, der an die Menschheit
gerichtet wird, damit sie das, was sie als Streben und Sehnsucht erfährt,
zur Erfüllung bringen kann.
34. Diese »Wahrheit«, die uns Gott in Jesus Christus
offenbart, steht nicht im Widerspruch zu den Wahrheiten, zu denen man
durch das Philosophieren gelangt. Die beiden Erkenntnisordnungen führen
ja erst zur Wahrheit in ihrer Fülle. Die Einheit der Wahrheit ist
bereits ein grundlegendes Postulat der menschlichen Vernunft, das im
Non-Kontradiktionsprinzip ausgedrückt ist. Die Offenbarung bietet die
Sicherheit für diese Einheit, indem sie zeigt, daß der Schöpfergott
auch der Gott der Heilsgeschichte ist. Ein und derselbe Gott, der die
Verstehbarkeit und Vernünftigkeit der natürlichen Ordnung der
Dinge, auf die sich die Wissenschaftler vertrauensvoll stützen,(29)
begründet und gewährleistet, ist identisch mit dem Gott, der
sich als Vater unseres Herrn Jesus Christus offenbart. Diese Einheit von
natürlicher und geoffenbarter Wahrheit findet ihre lebendige und
personale Identifikation in Christus, worauf der Apostel anspielt: »Die
Wahrheit ist in Christus« (vgl. Eph 4, 21; Kol 1,
15-20). Er ist das ewige Wort, in dem alles erschaffen worden ist,
und zugleich ist er das fleischgewordene Wort, das in seiner
ganzen Person den Vater offenbart (vgl. Joh 1, 14.18).(30) Das,
was die menschliche Vernunft sucht, »ohne es zu kennen« (Apg
17, 23), kann nur durch Christus gefunden werden: denn in ihm
offenbart sich die »volle Wahrheit« (vgl. Joh 1, 14-16)
jedes Wesens, das in ihm und durch ihn erschaffen worden ist und daher in
ihm seine Vollendung findet (vgl. Kol 1, 17).
35. Vor dem Hintergrund dieser allgemeinen Betrachtungen gilt es nun,
eine unmittelbarere Untersuchung des Verhältnisses zwischen
geoffenbarter Wahrheit und Philosophie vorzunehmen. Dieses Verhältnis
nötigt uns zu einer doppelten Überlegung, da die Wahrheit, die
aus der Offenbarung stammt, gleichzeitig eine Wahrheit ist, die im Lichte
der Vernunft verstanden werden muß. Erst in dieser zweifachen
Bedeutung ist es nämlich möglich, das richtige Verhältnis
zum philosophischen Wissen genau zu bestimmen. Wir betrachten deshalb zunächst
die Beziehungen zwischen Glaube und Philosophie im Laufe der Geschichte.
Von daher werden sich einige Grundsätze feststellen lassen, an die
man sich als Bezugspunkte halten muß, um das richtige Verhältnis
zwischen den beiden Erkenntnisordnungen festzulegen.
KAPITEL IV
DAS VERHÄLTNIS VON GLAUBE UND VERNUNFT
Bedeutsame Schritte der Begegnung zwischen Glaube und Vernunft
[36-42]
36. Nach dem Zeugnis der Apostelgeschichte sah sich die christliche Verkündigung
von Anfang an mit den zeitgenössischen philosophischen Strömungen
konfrontiert. So berichtet das Buch darüber, daß der hl. Paulus
in Athen mit »einigen epikureischen und stoischen Philosophen«
diskutierte (17, 18). Die exegetische Analyse jener Rede, die der Apostel
im Areopag gehalten hatte, hob die wiederholten Anspielungen auf populäre
Überzeugungen zumeist stoischer Herkunft hervor. Das war sicher kein
Zufall. Um von den Heiden verstanden zu werden, konnten es die ersten
Christen in ihren Reden nicht beim Hinweis »auf Mose und die
Propheten« bewenden lassen; sie mußten sich auch auf die natürliche
Gotteserkenntnis und auf die Stimme des moralischen Gewissens jedes
Menschen stützen (vgl. Röm 1, 19-21; 2, 14-15; Apg
14, 14-16). Da diese natürliche Erkenntnis jedoch in der
heidnischen Religion zum Götzendienst verkommen war (vgl. Röm
1, 21-32), hielt es der Apostel für klüger, seine Rede mit
dem Denken der Philosophen zu verknüpfen, die von Anfang an den
Mythen und Mysterienkulten Gedanken entgegengesetzt hatten, die der göttlichen
Transzendenz größere Achtung entgegenbrachten.
Die Gottesvorstellung der Menschen von mythologischen Formen zu
reinigen, war in der Tat eine der größten Anstrengungen, die
die Philosophen des klassischen Denkens unternommen haben. Wie wir wissen,
war auch die griechische Religion, nicht anders als die meisten kosmischen
Religionen, polytheistisch. Dabei ging sie so weit, daß sie Dinge
und Naturphänomene vergöttlichte. Die Versuche des Menschen, den
Ursprung der Götter und in ihnen des Universums zu begreifen, fanden
ihren ersten Ausdruck in der Dichtkunst. Die Theogonien sind bis heute das
erste Zeugnis dieser Suche des Menschen. Aufgabe der Väter der
Philosophie war es, den Zusammenhang zwischen Vernunft und Religion
sichtbar zu machen. Da sie den Blick auf allgemeine Prinzipien hin
ausweiteten, gaben sie sich nicht mehr mit alten Mythen zufrieden, sondern
wollten ihrem Glauben an die Gottheit eine rationale Grundlage geben. So
wurde ein Weg eingeschlagen, der, ausgehend von den einzelnen alten Überlieferungen,
in eine Entwicklung einmündete, die den Anforderungen der allgemeinen
Vernunft entsprach. Das Ziel, das diese Entwicklung anstrebte, war das
kritische Bewußtsein dessen, woran man glaubte. Dieser Weg schlug
sich positiv zunächst in der Gottesvorstellung nieder. Formen von
Aberglauben wurden als solche erkannt, und die Religion wurde durch die
Kraft der rationalen Analyse wenigstens zum Teil geläutert. Auf
dieser Grundlage begannen die Kirchenväter einen fruchtbaren Dialog
mit den antiken Philosophen und bahnten so der Verkündigung und dem
Verständnis des Gottes Jesu Christi den Weg.
37. Wenn man auf diese Annäherungsbewegung der Christen an die
Philosophie hinweist, muß man freilich auch die vorsichtige Haltung
erwähnen, die andere Elemente der heidnischen Kulturwelt, wie zum
Beispiel die Gnosis, bei ihnen hervorriefen. Als praktische Weisheit und
Lebensschule konnte die Philosophie leicht mit einer Erkenntnis höherer,
esoterischer Art, die nur wenigen Vollkommenen vorbehalten war,
verwechselt werden. Zweifellos denkt der hl. Paulus an diese Weise
esoterischer Spekulationen, wenn er die Kolosser warnt: »Gebt acht,
daß euch niemand mit seiner Philosophie und falschen Lehre verführt,
die sich nur auf menschliche Überlieferung stützen und sich auf
die Elementarmächte der Welt, nicht auf Christus berufen« (2,
8). Die Worte des Apostels erscheinen äußerst aktuell, wenn wir
sie auf die verschiedenen Formen der Esoterik beziehen, die heutzutage
auch bei manchen Gläubigen, denen es am erforderlichen kritischen
Sinn mangelt, um sich greifen. Dem Beispiel des hl. Paulus folgend erhoben
andere Schriftsteller der ersten Jahrhunderte, im besonderen der hl. Irenäus
und Tertullian, ihrerseits Vorbehalte gegen eine kulturelle Konzeption,
die forderte, die Wahrheit der Offenbarung der Interpretation der
Philosophen unterzuordnen.
38. Die Begegnung des Christentums mit der Philosophie erfolgte also
weder spontan noch war sie einfach. Die Tätigkeit der Philosophen und
der Besuch ihrer Schulen erschien den ersten Christen eher als Störung
denn als Chance. Für sie war die erste, dringende Aufgabe die Verkündigung
des auferstandenen Christus in einer persönlichen Begegnung, die den
Gesprächspartner zur inneren Umkehr und zur Bitte um die Taufe führen
sollte. Das heißt freilich nicht, daß sie die Aufgabe, das
Verständnis des Glaubens und seiner Begründungen zu vertiefen,
unbeachtet gelassen hätten. Im Gegenteil: Die Kritik des Kelsos, der
die Christen bezichtigt, »ungebildete und grobschlächtige«
Leute(31) zu sein, stellt sich daher als ungerecht und als Vorwand heraus.
Die Erklärung für ihre anfängliche Gleichgültigkeit muß
anderswo gesucht werden. In Wirklichkeit bot die Begegnung mit dem
Evangelium eine derart befriedigende Antwort auf die bis dahin ungelöste
Frage nach dem Sinn des Lebens, daß ihnen der Umgang mit den
Philosophen wie eine ferne und in gewisser Hinsicht überholte
Angelegenheit vorkam.
Das erscheint heute noch klarer, wenn man an jenen Beitrag des
Christentums denkt, der in der Bestätigung des Rechtes aller auf
Zugang zur Wahrheit besteht. Das Christentum hatte nach dem Niederreißen
der durch Rasse, sozialen Stand und Geschlecht bedingten Schranken von
Anfang an die Gleichheit aller Menschen vor Gott verkündet. Die erste
Konsequenz dieser Auffassung wandte man auf das Thema Wahrheit an. Der
elitäre Charakter, den die Wahrheitssuche bei den Alten hatte, wurde
mit Entschlossenheit überwunden: Da der Zugang zur Wahrheit ein Gut
ist, das es ermöglicht, zu Gott zu gelangen, müssen alle in der
Lage sein, diesen Weg gehen zu können. Die Wege, um die Wahrheit zu
erreichen, sind vielfältig; dennoch kann, da die christliche Wahrheit
Heilswert besitzt, jeder dieser Wege nur dann eingeschlagen werden, wenn
er zum letzten Ziel, das heißt zur Offenbarung Jesu Christi, führt.
Als Pionier einer positiven Begegnung mit dem philosophischen Denken,
wenn auch unter dem Vorzeichen vorsichtiger Unterscheidung, muß der
hl. Justin genannt werden: Obwohl er sich seine große Wertschätzung
für die griechische Philosophie auch nach seiner Bekehrung bewahrt
hatte, beteuerte er klar und entschieden, im Christentum »die einzige
sichere und nutzbringende Philosophie« gefunden zu haben.(32) Ähnlich
nannte Clemens Alexandrinus das Evangelium »die wahre Philosophie«(33)
und interpretierte die Philosophie in Analogie zum mosaischen Gesetz als
eine Vorunterweisung für den christlichen Glauben(34) und eine
Vorbereitung auf das Evangelium.(35) Denn »nach dieser Weisheit trägt
die Philosophie Verlangen; diese ist ein Streben der Seele sowohl nach der
Fähigkeit richtigen Denkens als auch nach der Reinheit des Lebens;
sie ist gegen die Weisheit freundschaftlich und liebevoll gesinnt und tut
alles, um ihrer teilhaftig zu werden. Philosophen aber heißen bei
uns diejenigen, die nach der Weisheit, die alle Dinge geschaffen hat und
alles lehrt, Verlangen tragen, das heißt nach der Erkenntnis des
Sohnes Gottes«.(36) Hauptzweck der griechischen Philosophie ist für
den Alexandriner nicht die Ergänzung oder Stärkung der
christlichen Wahrheit; ihre Aufgabe ist vielmehr die Verteidigung des
Glaubens: »In sich vollendet und keiner Ergänzung bedürftig
ist die Lehre im Sinne des Erlösers, da sie göttliche Kraft und
Weisheit ist. Wenn aber die griechische Weisheit hinzukommt, so macht sie
die Wahrheit zwar nicht wirksamer, aber weil sie die sophistischen
Angriffe entkräftet und die listigen Angriffe gegen die Wahrheit
abwehrt, ist sie mit Recht Zaun und Mauer des Weinbergs genannt worden«.(37)
39. In der Geschichte dieser Entwicklung läßt sich jedenfalls
die kritische Übernahme des philosophischen Denkens seitens der
christlichen Denker feststellen. Unter den ersten Beispielen, denen man
begegnen kann, ist Origenes sicher von maßgebender Bedeutung. Um auf
die vom Philosophen Kelsos erhobenen Angriffe zu antworten und ihnen zu
entgegnen, übernimmt Origenes die platonische Philosophie. Unter
Einbeziehung zahlreicher Elemente des platonischen Denkens geht er daran,
zum ersten Mal so etwas wie eine christliche Theologie zu erarbeiten. Der
Name Theologie ebenso wie die Vorstellung von ihr als vernünftiges
Reden über Gott war nämlich bis dahin noch an ihren griechischen
Ursprung gebunden. In der aristotelischen Philosophie zum Beispiel
bezeichnete der Ausdruck den vornehmsten Teil und eigentlichen Höhepunkt
der philosophischen Erörterung. Was vorher auf eine allgemeine Lehre über
die Götter hindeutete, bekam hingegen im Lichte der christlichen
Offenbarung eine ganz neue Bedeutung, weil Theologie nunmehr das
Nachdenken bezeichnete, das der Glaubende vollzog, um die wahre Lehre
über Gott zu formulieren. Dieses in ständiger
Weiterentwicklung begriffene neue christliche Denken bediente sich der
Philosophie, war aber gleichzeitig auf klare Unterscheidung von ihr
bedacht. Die Geschichte zeigt, daß das in die Theologie übernommene
platonische Denken selbst tiefgreifende Veränderungen erfahren hat,
besonders was Begriffe wie Unsterblichkeit der Seele, Vergöttlichung
des Menschen und Ursprung des Bösen betrifft.
40. Besondere Erwähnung verdienen in diesem Christianisierungswerk
des platonischen und neuplatonischen Denkens die Kappadokier, Dionysios
Areopagita und vor allem der hl. Augustinus. Der große abendländische
Gelehrte war mit verschiedenen philosophischen Schulen in Kontakt
gekommen, doch hatten ihn alle enttäuscht. Als dann die Wahrheit des
christlichen Glaubens in sein Blickfeld trat, besaß er die Kraft,
jene radikale Bekehrung zu vollziehen, zu welcher ihn die von ihm vorher
wiederholt aufgesuchten Philosophen nicht bringen konnten. Den Grund dafür
erzählt er selbst: »Von jetzt an aber gab ich immerhin der
katholischen Lehre den Vorzug; empfand ich doch, um wieviel bescheidener
und ohne die geringste betrügerische Absicht hier befohlen wird zu
glauben, was nicht bewiesen wird, gleichviel ob es zu beweisen wäre,
aber nicht für jeden, oder überhaupt nicht bewiesen werden kann;
während bei den anderen das Wissen in vermessener Weise versprochen
und über die Glaubwilligkeit gelacht wird und nachher befohlen wird,
daß man nur Erdichtetes, ja Abwegigstes glauben soll, das nie
bewiesen werden kann«.(38) Denselben Platonikern, auf die man sich
vorwiegend bezog, warf Augustinus vor, daß sie zwar das
anzustrebende Ziel kannten, jedoch nichts von dem Weg wissen wollten, der
dorthin führt: dem fleischgewordenen Wort.(39) Dem Bischof von Hippo
gelang es, die erste große Synthese des philosophischen und
theologischen Denkens zu erstellen, in die Strömungen des
griechischen und lateinischen Denkens einflossen. Auch bei ihm wurde die
große Einheit des Wissens, deren Ausgangspunkt und Grundlage das
biblische Denken war, von der Gründlichkeit des spekulativen Denkens
bestätigt und getragen. Die vom hl. Augustinus vollzogene Synthese
sollte Jahrhunderte lang die höchste Form philosophischen und
theologischen Denkens bleiben, die das Abendland gekannt hat. Gefestigt
durch seine persönliche Lebensgeschichte und gestützt auf ein
wunderbar heiligmäßiges Leben, war er auch in der Lage, in
seine Werke vielfältige Gegebenheiten einzubringen, die durch den Rückgriff
auf die Erfahrung künftige Entwicklungen mancher philosophischer
Denkrichtungen anzeigten.
41. Die Kirchenväter des Ostens und des Abendlandes haben also in
verschiedenen Formen Verbindung mit den philosophischen Schulen
aufgenommen. Das heißt nicht, daß sie den Inhalt ihrer
Botschaft mit den Systemen, auf die sie Bezug nahmen, identifiziert hätten.
Die Frage Tertullians: »Was haben Athen und Jerusalem gemein? Was die
Akademie und die Kirche?«(40) ist ein klares Anzeichen für das
kritische Bewußtsein, mit dem sich die christlichen Denker von
Anfang an mit dem Problem des Verhältnisses von Glaube und
Philosophie auseinandersetzten; sie sahen es umfassend, in seinen
positiven Aspekten ebenso wie in seinen Grenzen. Sie waren keine naiven
Denker. Gerade weil sie den Inhalt des Glaubens intensiv lebten,
vermochten sie zu den tiefgründigsten Formen spekulativen Denkens zu
gelangen. Es ist daher ungerecht und oberflächlich, ihr Werk auf die
bloße Umsetzung der Glaubensinhalte in philosophische Kategorien
einzuengen. Sie haben weit mehr geleistet. Es gelang ihnen nämlich,
das voll sichtbar werden zu lassen, was sich noch unausgesprochen und propädeutisch
im Denken der großen antiken Philosophen andeutete.(41) Sie hatten,
wie gesagt, die Aufgabe zu zeigen, wie die von den äußeren
Fesseln befreite Vernunft aus der Sackgasse der Mythen herausfinden könnte,
um sich der Transzendenz auf angemessenere Weise zu öffnen. Eine geläuterte
und aufrichtige Vernunft war also imstande, sich auf die höchsten
Ebenen der Reflexion zu erheben, und schuf damit eine solide Grundlage für
die Wahrnehmung des Seins, der Transzendenz und des Absoluten.
Genau hierin liegt das von den Kirchenvätern vollbrachte Neue. Sie
anerkannten voll die für das Absolute offene Vernunft und pflanzten
ihr den aus der Offenbarung stammenden Reichtum ein. Zur Begegnung kam es
nicht nur auf der Ebene von Kulturen, von denen die eine vielleicht dem
Zauber der anderen verfallen war; sie geschah in den Herzen und war
Begegnung zwischen dem Geschöpf und seinem Schöpfer. Die
Vernunft konnte dadurch, daß sie über das Ziel, dem sie kraft
ihrer Natur unbewußt zustrebte, hinausging, in der Person des
fleischgewordenen Wortes zum höchsten Gut und zur höchsten
Wahrheit gelangen. Die Kirchenväter scheuten sich jedoch nicht, gegenüber
den Philosophien sowohl die gemeinsamen Elemente als auch die
Verschiedenheiten anzuerkennen, die diese bezüglich der Offenbarung
aufwiesen. Das Bewußtsein von den Übereinstimmungen trübte
in ihnen nicht das Erkennen der Unterschiede.
42. In der scholastischen Theologie wird unter dem Anstoß der
Interpretation des intellectus fidei durch Anselm von Canterbury
die Rolle der philosophisch geschulten Vernunft noch gewichtiger. Für
den heiligen Erzbischof von Canterbury steht der Vorrang des Glaubens
nicht im Wettbewerb mit der Suche, wie sie der Vernunft eigen ist. Diese
ist nämlich nicht dazu berufen, ein Urteil über die
Glaubensinhalte zu formulieren; sie wäre, weil dafür ungeeignet,
dazu auch gar nicht fähig. Ihre Aufgabe besteht vielmehr darin, einen
Sinn zu finden, Gründe zu entdecken, die es allen erlauben, zu einem
gewissen Verständnis der Glaubensinhalte zu gelangen. Der hl. Anselm
unterstreicht die Tatsache, daß sich der Verstand auf die Suche nach
dem begeben muß, was er liebt: je mehr er liebt, um so mehr sehnt er
sich nach Erkenntnis. Wer für die Wahrheit lebt, strebt nach einer
Erkenntnisform, die immer mehr von Liebe zu dem entbrennt, was er erkennt,
auch wenn er einräumen muß, noch nicht alles getan zu haben,
was in seinem Verlangen gelegen wäre: »Ad te videndum factus
sum; et nondum feci propter quod factus sum«.(42) Das Streben
nach Wahrheit drängt also die Vernunft, immer weiterzugehen; ja, sie
wird gleichsam überwältigt von der Feststellung, daß ihre
Fähigkeit immer größer ist als das, was sie tatsächlich
erreicht. An diesem Punkt jedoch vermag die Vernunft zu entdecken, wo die
Vollendung ihres Weges liegt: »Denn ich meine, daß einer, der
etwas Unbegreifliches erforscht, sich zufriedengeben sollte, mit Hilfe der
vernünftigen Auseinandersetzung mit sehr hoher Gewißheit die
Wirklichkeit zu erkennen, auch wenn er nicht imstande ist, mit dem
Verstand bis zu ihrer Seinsweise durchzudringen [...]. Denn gibt es etwas
so Unbegreifliches und Unaussprechbares wie das, was oberhalb von allem
ist? Wenn also das, was man bislang über das höchste Wesen
diskutiert hat, auf Grund notwendiger Argumente festgelegt worden ist,
obwohl man mit dem Verstand nicht derart bis zu ihm durchzudringen vermag,
daß man es auch mit Worten erklären könnte, gerät
deshalb das Fundament seiner Gewißheit nicht im geringsten ins
Wanken. Denn wenn eine vorgängige Überlegung vernunftgemäß
begriffen hat, daß die Art, wie die oberste Weisheit weiß, was
sie geschaffen hat [...] unbegreiflich ist (rationabiliter
comprehendit incomprensibile esse), wer wird dann erklären können,
wie sie selbst sich erkennt und sich nennt sie, über die der
Mensch nichts oder fast nichts wissen kann?«.(43)
Der grundlegende Einklang von philosophischer Erkenntnis und Erkenntnis
des Glaubens wird noch einmal bekräftigt: der Glaube verlangt, daß
sein Gegenstand mit Hilfe der Vernunft verstanden wird; die Vernunft gibt
auf dem Höhepunkt ihrer Suche das, was der Glaube vorlegt, als
notwendig zu.
Die bleibende Neuheit des Denkens des hl. Thomas von Aquin
[43-44]
43. Ein ganz besonderer Platz auf diesem langen Weg gebührt dem hl.
Thomas nicht nur wegen des Inhalts seiner Lehre, sondern auch wegen der
Beziehung, die er im Dialog mit dem arabischen und jüdischen Denken
seiner Zeit herstellen konnte. In einer Epoche, in der die christlichen
Denker die Schätze der antiken, genauer der aristotelischen
Philosophie wiederentdeckten, kam ihm das große Verdienst zu, daß
er die Harmonie, die zwischen Vernunft und Glaube besteht, in den
Vordergrund gerückt hat. Das Licht der Vernunft und das Licht des
Glaubens kommen beide von Gott, lautete sein Argument; sie können
daher einander nicht widersprechen.(44)
Noch grundlegender anerkennt Thomas, daß die Natur, die Gegenstand
der Philosophie ist, zum Verstehen der göttlichen Offenbarung
beitragen kann. Der Glaube fürchtet demnach die Vernunft nicht,
sondern sucht sie und vertraut auf sie. Wie die Gnade die Natur
voraussetzt und vollendet,(45) so setzt der Glaube die Vernunft voraus und
vollendet sie. Vom Glauben erleuchtet, wird diese von der Gebrechlichkeit
und den aus dem Ungehorsam der Sünde herrührenden Grenzen
befreit und findet die nötige Kraft, um sich zur Erkenntnis des
Geheimnisses vom dreieinigen Gott zu erheben. Der Doctor Angelicus hat, so
nachdrücklich er auch den übernatürlichen Charakter des
Glaubens unterstrich, den Wert seiner Vernunftgemäßheit nicht
vergessen; ja, er vermochte in die Tiefe zu gehen und den Sinn dieser
Vernunftgemäßheit näher zu erklären. Denn der Glaube
ist eine Art »Denkübung«; die Vernunft nimmt sich durch
ihre Zustimmung zu den Glaubensinhalten weder zurück noch erniedrigt
sie sich; zu den Glaubensinhalten gelangt man in jedem Fall durch freie
Entscheidung und das eigene Gewissen.(46)
Aus diesem Grund ist der hl. Thomas zu Recht von der Kirche immer als
Lehrmeister des Denkens und Vorbild dafür hingestellt worden, wie
Theologie richtig betrieben werden soll. Ich möchte in diesem
Zusammenhang anführen, was mein Vorgänger, der Diener Gottes
Papst Paul VI., anläßlich des siebenhundertsten Todestages des
hl. Thomas geschrieben hat: »Thomas besaß zweifellos in höchstem
Maße den Mut zur Wahrheit, die Freiheit des Geistes, wenn er an die
neuen Probleme heranging, die intellektuelle Redlichkeit dessen, der die
Verschmelzung des Christentums mit der weltlichen Philosophie ebenso wenig
gelten läßt wie deren apriorische Ablehnung. Er ging deshalb in
die Geschichte des christlichen Denkens als ein Pionier auf dem neuen Weg
der Philosophie und der universalen Kultur ein. Der zentrale, ja gleichsam
Kernpunkt der Lösung, die er mit seinem genialen prophetischen
Scharfsinn für das Problem der neuen Gegenüberstellung von
Vernunft und Glaube fand, war die Versöhnung zwischen der säkularen
Diesseitigkeit der Welt und der Radikalität des Evangeliums; damit
entzog er sich der widernatürlichen Tendenz zur Leugnung der Welt und
ihrer Werte, ohne allerdings die höchsten und unbeugsamen Ansprüche
der übernatürlichen Ordnung zu vernachlässigen«.(47)
44. Zu den großen Einsichten des hl. Thomas gehört auch jene
bezüglich der Rolle, die der Heilige Geist dabei spielt, menschliches
Wissen zu Weisheit reifen zu lassen. Bereits auf den ersten Seiten seiner
Summa Theologiae(48) zeigte der Aquinat den Vorrang jener Weisheit
auf, die Gabe des Heiligen Geistes ist und in die Erkenntnis der göttlichen
Wirklichkeiten einführt. Seine Theologie ermöglicht es, die
Eigenart der Weisheit in ihrer engen Beziehung zum Glauben und zur
Gotteserkenntnis zu begreifen. Die Weisheit erkennt auf Grund ihrer natürlichen
Verwandtschaft (Konnaturalität), sie setzt den Glauben voraus und
formuliert schließlich ihr richtiges Urteil von der Wahrheit des
Glaubens her: »Die Weisheit, die zu den Gaben des Heiligen Geistes zählt,
unterscheidet sich von jener (Klugheit), die zu den Tugenden des
Verstandes gehört. Diese letztere nämlich erwirbt man sich durch
das Studium: jene hingegen kommt von oben, wie es der hl.
Jakobus ausdrückt. So ist sie auch verschieden vom Glauben. Denn der
Glaube nimmt die göttliche Wahrheit so an, wie sie ist: Eigenart der
Gabe der Weisheit ist es hingegen, gemäß der göttlichen
Wahrheit zu urteilen«.(49)
Der Vorrang, den er dieser Weisheit zuerkennt, läßt den
Doctor Angelicus freilich nicht das Vorhandensein zweier anderer ergänzender
Weisheitsformen vergessen: die philosophische, die sich auf das
Vermögen des Verstandes stützt, innerhalb der ihm angeborenen
Grenzen die Wirklichkeit zu erforschen; und die theologische, die
auf der Offenbarung beruht und die Glaubensinhalte prüft, wodurch sie
zum Geheimnis Gottes selbst vorstößt.
Zutiefst davon überzeugt, daß »omne verum a
quocumque dicatur a Spiritu Sancto est«,(50) liebte der hl.
Thomas in uneigennütziger Weise die Wahrheit. Er suchte sie überall,
wo sie sich zeigen könnte, und machte ihre Universalität höchst
einsichtig. Das Lehramt der Kirche hat in ihm die Leidenschaft für
die Wahrheit erkannt und gewürdigt; sein Denken erreichte, eben weil
es immer im Horizont der universalen, objektiven und transzendenten
Wahrheit blieb, »Gipfel, wie sie die menschliche Intelligenz niemals
zu denken vermocht hätte«.(51) Er darf also mit Recht »Apostel
der Wahrheit«(52) genannt werden. Weil er die Wahrheit vorbehaltlos
anstrebte, konnte er in seinem Realismus deren Objektivität
anerkennen. Seine Philosophie ist wahrhaftig die Philosophie des Seins und
nicht des bloßen Scheins.
Das Drama der Trennung zwischen Glaube und Vernunft [45-48]
45. Mit der Errichtung der ersten Universitäten sah sich die
Theologie mit anderen Formen des Forschens und des wissenschaftlichen
Wissens unmittelbarer konfrontiert. Der hl. Albertus Magnus und der hl.
Thomas waren die ersten, die, obwohl sie an einer organischen Verbindung
zwischen Theologie und Philosophie festhielten, der Philosophie und den
Wissenschaften die nötige Autonomie zuerkannten, die diese brauchen,
um sich den jeweiligen Forschungsgebieten erfolgreich widmen zu können.
Vom späten Mittelalter an verwandelte sich jedoch die legitime
Unterscheidung zwischen den beiden Wissensformen nach und nach in eine
unselige Trennung. Infolge des Vorherrschens eines übertriebenen
rationalistischen Geistes bei einigen Denkern wurden die Denkpositionen
radikaler, bis man tatsächlich bei einer getrennten und gegenüber
den Glaubensinhalten absolut autonomen Philosophie anlangte. Zu den Folgen
dieser Trennung gehörte unter anderen auch ein wachsender Argwohn
gegenüber der Vernunft. Einige begannen, sich zu einem allgemeinen,
skeptischen und agnostischen Mißtrauen zu bekennen, entweder um dem
Glauben mehr Raum vorzubehalten oder aber um jede nur mögliche seiner
Beziehungen zur Vernunft in Mißkredit zu bringen.
Was das patristische und mittelalterliche Denken als tiefe Einheit, die
eine zu den höchsten Formen spekulativen Denkens befähigende
Erkenntnis hervorbrachte, ersonnen und verwirklicht hatte, wurde
letztendlich von jenen Systemen zerstört, die für eine vom
Glauben getrennte und zu ihm alternative Vernunfterkenntnis eintraten.
46. Die auffälligsten Radikalisierungen sind bekannt und vor allem
in der Geschichte des Abendlandes deutlich sichtbar. Das moderne
philosophische Denken hat sich, so kann man ohne Übertreibung sagen,
zu einem gehörigen Teil in seiner allmählichen Abwendung von der
christlichen Offenbarung entwickelt, bis es schließlich zu klaren
Gegenpositionen gelangte. Im vorigen Jahrhundert hat diese Bewegung ihren
Höhepunkt erreicht. Einige Vertreter des Idealismus haben auf
verschiedenste Weise versucht, den Glauben und seine Inhalte, ja sogar das
Geheimnis vom Tod und Auferstehung Jesu Christi, in rational faßbare
dialektische Strukturen umzuwandeln. Diesem Denken stellten sich
verschiedene, philosophisch aufbereitete Formen eines atheistischen
Humanismus entgegen, die den Glauben als für die Entwicklung der
vollen Vernünftigkeit schädlich und entfremdend darstellten. Sie
scheuten sich nicht, sich als neue Religionen zu präsentieren; damit
war die Ausgangsbasis für Zielsetzungen geschaffen, die sich auf der
politisch-gesellschaftlichen Ebene zu totalitären Systemen und damit
zu einem Trauma für die Menschheit auswuchsen.
Im Bereich der wissenschaftlichen Forschung setzte sich eine
positivistische Denkweise durch, die sich nicht nur von jedem Bezug zur
christlichen Weltanschauung entfernt, sondern auch und vor allem jeden
Hinweis auf die metaphysische und moralische Sicht fallen gelassen hatte.
Die Folge davon ist, daß bestimmte Wissenschaftler, die keinen
sittlichen Anhaltspunkt haben, Gefahr laufen, daß nicht mehr der
Mensch und die Ganzheit seines Lebens im Mittelpunkt ihres Interesses
steht. Mehr noch: einige von ihnen scheinen in Kenntnis der dem
technologischen Fortschritt innewohnenden Möglichkeiten außer
der Logik des Marktes der Versuchung zu einer demiurgischen Macht über
die Natur und über den Menschen selbst nachzugeben.
Als Folge der Krise des Rationalismus hat sich schließlich der
Nihilismus herausgebildet. Er schafft es, als Philosophie vom
Nichts auf unsere Zeitgenossen seinen Zauber auszuüben. Seine Anhänger
stellen Theorien darüber auf, daß die Suche in sich selbst ihr
Ende hat, ohne irgendeine Hoffnung oder Möglichkeit, das Ziel der
Wahrheit je zu erreichen. Nach nihilistischer Auslegung ist das Dasein nur
eine Gelegenheit für Eindrücke und Erfahrungen, in denen das Flüchtige
den Vorrang hat. Der Nihilismus steht am Anfang jener verbreiteten
Geisteshaltung, wonach man keine endgültige Verpflichtung mehr übernehmen
muß, weil ohnehin alles vergänglich und vorläufig ist.
47. Andererseits darf man nicht vergessen, daß sich in der
modernen Kultur die Rolle der Philosophie selbst verändert hat. Von
Weisheit und universalem Wissen ist sie allmählich auf eines unter
vielen Gebieten menschlichen Wissens zusammengeschrumpft; sie ist sogar in
gewisser Hinsicht in eine völlige Nebenrolle abgedrängt worden.
Inzwischen haben sich andere Formen von Vernünftigkeit mit immer größerem
Gewicht durchgesetzt und dabei die Nebensächlichkeit des
philosophischen Wissens hervorgehoben. Statt auf die Anschauung der
Wahrheit und die Suche nach dem letzten Ziel und dem Sinn des Lebens sind
diese Formen der Vernünftigkeit als »instrumentale Vernunft«
darauf ausgerichtet, utilitaristischen Zielen, dem Genuß oder der
Macht zu dienen. Zumindest können diese Formen darauf ausgerichtet
werden.
Wie gefährlich es ist, diesen Weg zu verabsolutieren, darauf habe
ich bereits in meiner ersten Enzyklika hingewiesen, wo ich schrieb: »Der
Mensch von heute scheint immer wieder von dem bedroht zu sein, was er
selbst produziert, das heißt vom Ergebnis der Arbeit seines
Verstandes und seiner Willensentscheidung. Die Früchte dieser
vielgestaltigen Aktivität des Menschen sind nicht nur Gegenstand von
'Entfremdung', weil sie demjenigen, der sie hervorgebracht hat, einfachhin
genommen werden; allzu oft und nicht selten unvorhersehbar wenden sich
diese Früchte, wenigstens teilweise, in einer konsequenten Folge von
Wirkungen indirekt gegen den Menschen selbst. So sind sie tatsächlich
gegen ihn gerichtet oder können es jederzeit sein. Hieraus scheint
das wichtigste Kapitel des Dramas der heutigen menschlichen Existenz in
seiner breitesten und universellen Dimension zu bestehen. Der Mensch lebt
darum immer mehr in Angst. Er befürchtet, daß seine Produkte,
natürlich nicht alle und auch nicht die Mehrzahl, aber doch einige
und gerade jene, die ein beträchtliches Maß an Genialität
und schöpferischer Kraft enthalten, sich in radikaler Weise gegen ihn
selbst kehren könnten«.(53)
Im Gefolge dieser kulturellen Veränderungen haben es einige
Philosophen aufgegeben, die Wahrheit um ihrer selbst willen zu suchen, und
als ihr einziges Ziel die Erreichung der subjektiven Gewißheit oder
der praktischen Nützlichkeit übernommen. Als Konsequenz davon
kam es zur Trübung der wahren Würde der Vernunft, der nicht mehr
die Möglichkeit gegeben wurde, das Wahre zu erkennen und nach dem
Absoluten zu forschen.
48. Aus diesem letzten Abschnitt der Philosophiegeschichte ergibt sich
also die Feststellung einer fortschreitenden Trennung zwischen Glaube und
philosophischer Vernunft. Es stimmt zwar, daß sich bei aufmerksamer
Beobachtung auch in der philosophischen Reflexion derer, die zur Vergrößerung
des Abstandes zwischen Glaube und Vernunft beigetragen haben, mitunter
wertvolle Denkansätze erkennen lassen, die, wenn sie mit redlichem
Geist und Herzen vertieft und entwickelt werden, helfen können, den
Weg der Wahrheit zu entdecken. Zu finden sind diese Denkansätze zum
Beispiel in den gründlichen Analysen über Wahrnehmung und
Erfahrung, über die Imagination und das Unbewußte, über
Persönlichkeit und Intersubjektivität, über Freiheit und
Werte, über Zeit und Geschichte; auch das Thema Tod kann für
jeden Denker eine ernste Aufforderung sein, in sich den echten Sinn seines
Daseins zu suchen. Das hindert jedoch nicht, daß das derzeitige Verhältnis
von Glaube und Vernunft ein sorgfältiges Bemühen um
Unterscheidung erfordert, weil sowohl die Vernunft als auch der Glaube
verarmt und beide gegenüber dem je anderen schwach geworden sind.
Nachdem die Vernunft ohne den Beitrag der Offenbarung geblieben war, hat
sie Seitenwege eingeschlagen, die die Gefahr mit sich bringen, daß
sie ihr letztes Ziel aus dem Blick verliert. Der Glaube, dem die Vernunft
fehlt, hat Empfindung und Erfahrung betont und steht damit in Gefahr, kein
universales Angebot mehr zu sein. Es ist illusorisch zu meinen, angesichts
einer schwachen Vernunft besitze der Glaube größere Überzeugungskraft;
im Gegenteil, er gerät in die ernsthafte Gefahr, auf Mythos bzw.
Aberglauben verkürzt zu werden. In demselben Maß wird sich eine
Vernunft, die keinen reifen Glauben vor sich hat, niemals veranlaßt
sehen, den Blick auf die Neuheit und Radikalität des Seins zu
richten.
Nicht unangebracht mag deshalb mein entschlossener und eindringlicher
Aufruf erscheinen, daß Glaube und Philosophie die tiefe Einheit
wiedererlangen sollen, die sie dazu befähigt, unter gegenseitiger
Achtung der Autonomie des anderen ihrem eigenen Wesen treu zu sein. Der
parresia (Freimütigkeit) des Glaubens muß die Kühnheit
der Vernunft entsprechen.
KAPITEL V
DIE WORTMELDUNGEN DES LEHRAMTES IM PHILOSOPHISCHEN BEREICH
Das Urteilsvermögen des Lehramtes als Dienst an der
Wahrheit [49-56]
49. Die Kirche legt weder eine eigene Philosophie vor noch gibt sie
irgendeiner besonderen Philosophie auf Kosten der anderen den Vorzug.(54)
Der tiefere Grund für diese Zurückhaltung liegt darin, daß
die Philosophie auch dann, wenn sie mit der Theologie in Beziehung tritt,
nach ihren eigenen Regeln und Methoden vorgehen muß; andernfalls gäbe
es keine Gewähr dafür, daß sie auf die Wahrheit
ausgerichtet bleibt und mit einem von der Vernunft her überprüfbaren
Prozeß nach ihr strebt. Eine Philosophie, die nicht im Lichte der
Vernunft nach eigenen Prinzipien und den für sie spezifischen
Methoden vorginge, wäre wenig hilfreich. Im Grunde genommen ist der
Ursprung der Autonomie, deren sich die Philosophie erfreut, daran zu
erkennen, daß die Vernunft ihrem Wesen nach auf die Wahrheit hin
orientiert und zudem in sich selbst mit den für deren Erreichung
notwendigen Mitteln ausgestattet ist. Eine Philosophie, die sich dieser
ihrer »Verfassung« bewußt ist, muß auch die
Forderungen und Einsichten der geoffenbarten Wahrheit respektieren.
Die Geschichte hat jedoch gezeigt, auf welche Abwege und in welche
Verirrungen vor allem das moderne philosophische Denken nicht selten
geraten ist. Es ist weder Aufgabe noch Zuständigkeit des Lehramtes
einzugreifen, um die Lücke eines fehlenden philosophischen Diskurses
auszufüllen. Seine Pflicht ist es hingegen, klar und entschieden zu
reagieren, wenn fragwürdige philosophische Auffassungen das richtige
Verständnis des Geoffenbarten bedrohen und wenn falsche und
parteiische Theorien verbreitet werden, die dadurch, daß sie die
Schlichtheit und Reinheit des Glaubens des Gottesvolkes verwirren,
schwerwiegende Irrtümer hervorrufen.
50. Das kirchliche Lehramt kann und soll daher im Lichte des Glaubens
autoritativ seine kritische Unterscheidungskraft gegenüber den
Philosophien und Auffassungen ausüben, die nicht mit der christlichen
Lehre übereinstimmen.(55) Aufgabe des Lehramtes ist es vor allem
anzugeben, welche philosophischen Voraussetzungen und Schlußfolgerungen
mit der geoffenbarten Wahrheit unvereinbar wären, und zugleich die
Forderungen zu formulieren, die der Philosophie unter dem Gesichtspunkt
des Glaubens auferlegt werden. Im Laufe der Entwicklung des
philosophischen Wissens sind zudem verschiedene Denkschulen entstanden.
Auch dieser Pluralismus stellt das Lehramt vor die Verantwortung, sein
Urteil über die Vereinbarkeit bzw. Unvereinbarkeit der Grundgedanken,
auf die sich diese Schulen stützen, mit den Ansprüchen des
Wortes Gottes und der theologischen Reflexion auszusprechen.
Die Kirche hat die Pflicht anzuzeigen, was sich in einem philosophischen
System als unvereinbar mit ihrem Glauben herausstellen kann. Denn viele
philosophische Inhalte, wie die Themen Gott, Mensch, seine Freiheit und
sein sittliches Handeln, rufen die Kirche unmittelbar auf den Plan, weil
sie an die von ihr gehütete geoffenbarte Wahrheit rühren. Wir
Bischöfe haben, wenn wir diese Unterscheidung anwenden, die Aufgabe, »Zeugen
der Wahrheit« zu sein bei der Ausübung eines demütigen,
aber unermüdlichen Dienstes, den jeder Philosoph anerkennen sollte,
zum Vorteil der recta ratio, das heißt der Vernunft, die über
das Wahre in rechter Weise nachdenkt.
51. Diese Unterscheidung darf allerdings nicht in erster Linie negativ
verstanden werden, so als läge es in der Absicht des Lehramtes, jede
mögliche Vermittlung auszuschließen oder einzuschränken.
Im Gegenteil, seine Interventionen wollen vor allem bezwecken, das
philosophische Denken anzuregen, zu fördern und ihm Mut zu machen.
Die Philosophen verstehen im übrigen als erste die Forderung nach
Selbstkritik, nach Korrektur eventueller Irrtümer und die
Notwendigkeit, die allzu engen Grenzen zu überschreiten, innerhalb
der sich ihr Denken vollzieht. In besonderer Weise gilt es zu beachten, daß
die Wahrheit nur eine ist, obwohl ihre Äußerungen den
Stempel der Geschichte tragen und zudem das Werk einer von der Sünde
verletzten und geschwächten menschlichen Vernunft sind. Daraus ergibt
sich, daß keine historische Form der Philosophie legitim
beanspruchen kann, die Gesamtwahrheit zu umfassen; dies gilt auch für
die vollständige Erklärung des Menschen, der Welt und der
Beziehung des Menschen zu Gott.
In der heutigen Zeit ist angesichts der Vermehrung der oft äußerst
detailliert konzipierten philosophischen Systeme, Methoden, Begriffe und
Argumente eine kritische Unterscheidung im Lichte des Glaubens mit um so
größerer Dringlichkeit angesagt: eine keineswegs einfache
Unterscheidung, denn wenn schon das Erkennen der angeborenen und unveräußerlichen
Fähigkeiten der Vernunft mit ihren konstitutiven, historischen
Grenzen mühsam ist, so kann es sich manchmal als noch problematischer
erweisen, in den einzelnen philosophischen Vorgaben das, was sie vom
Glaubensstandpunkt aus an Gültigem und Fruchtbarem bieten, von dem zu
unterscheiden, was sich bei ihnen als irrig oder gefährlich
herausstellt. Die Kirche weiß freilich, daß die »Schätze
der Weisheit und Erkenntnis« in Christus verborgen sind (vgl. Kol
2, 3); deshalb greift sie ein und spornt die philosophische Reflexion
an, sich nicht den Weg zu versperren, der zum Erkennen des Geheimnisses führt.
52. Das Lehramt der Kirche hat nicht erst in jüngster Zeit
eingegriffen, um seine Ansicht gegenüber bestimmten philosophischen
Lehren zu bekunden. Als Beispiele im Laufe der Jahrhunderte seien hier erwähnt:
die Lehräußerungen gegen die Theorien, welche die Präexistenz
der Seelen vertraten,(56) sowie gegen verschiedene Formen von Götzendienst
und abergläubischer Esoterik, die in astrologischen Auffassungen
enthalten sind;(57) nicht zu vergessen die systematischeren Texte gegen
einige, mit dem christlichen Glauben unvereinbare Auffassungen des
lateinischen Averroismus.(58)
Wenn sich das Lehramt seit der Mitte des vergangenen Jahrhunderts häufiger
zu Wort gemeldet hat, so deshalb, weil in jener Zeit nicht wenige
Katholiken es als ihre Aufgabe ansahen, den verschiedenen Strömungen
des modernen Denkens ihre eigene Philosophie entgegenzusetzen. Hier wurde
es für das Lehramt der Kirche zur Verpflichtung, darüber zu
wachen, daß diese Philosophien nicht ihrerseits in irrige und
negative Formen abglitten. So ergingen gleichermaßen Zensuren:
einerseits gegen den Fideismus(59) und den radikalen
Traditionalismus(60) wegen ihres Mißtrauens gegenüber den
natürlichen Fähigkeiten der Vernunft; andererseits gegen den
Rationalismus(61) und den Ontologismus,(62) weil sie der
natürlichen Vernunft etwas zuschrieben, was nur im Lichte des
Glaubens erkennbar ist. Die positiven Inhalte dieser Debatte wurden in der
dogmatischen Konstitution Dei Filius formalisiert, mit der zum
ersten Mal ein ökumenisches Konzil, nämlich das I. Vatikanum, zu
den Beziehungen zwischen Vernunft und Glaube in feierlicher Form eingriff.
Die in jenem Text enthaltene Lehre charakterisierte einprägsam und
auf positive Art und Weise die philosophische Forschung vieler Gläubiger
und stellt noch heute einen normativen Bezugspunkt für eine
einwandfreie und konsequente christliche Reflexion in diesem besonderen
Bereich dar.
53. Mehr als mit einzelnen philosophischen Auffassungen haben sich die
Urteile des Lehramtes mit der Notwendigkeit der Vernunfterkenntnis und
daher letzten Endes der philosophischen Erkenntnis für die
Glaubenseinsicht befaßt. Das I. Vatikanische Konzil, das die Lehren,
die das ordentliche Lehramt ständig für die Gläubigen
aufgestellt hatte, in feierlicher Form zusammenfaßte und neu bestätigte,
hob hervor, wie untrennbar und zugleich voneinander unabhängig natürliche
Gotteserkenntnis und Offenbarung, Vernunft und Glaube seien. Das Konzil
ging von der durch die Offenbarung selbst vorausgesetzten Grundforderung
nach der natürlichen Erkennbarkeit der Existenz Gottes, dem Ursprung
und Ziel aller Dinge,(63) aus und schloß mit der bereits zitierten
feierlichen Beteuerung: »Es gibt zwei Erkenntnisordnungen, die nicht
nur im Prinzip, sondern auch im Gegenstand verschieden sind«.(64) Es
mußte also gegenüber jeder Art von Rationalismus der
Unterschied der Glaubensgeheimnisse von den philosophischen Entdeckungen
und die Transzendenz und Priorität jener gegenüber diesen bekräftigt
werden; andererseits war es notwendig, den fideistischen Versuchungen
gegenüber die Einheit der Wahrheit und somit auch den positiven
Beitrag zu betonen, den die Vernunfterkenntnis für die
Glaubenserkenntnis leisten kann und soll: »Aber auch wenn der Glaube über
der Vernunft steht, so kann es dennoch niemals eine wahre Unstimmigkeit
zwischen Glaube und Vernunft geben: denn derselbe Gott, der die
Geheimnisse offenbart und den Glauben mitteilt, hat in den menschlichen
Geist das Licht der Vernunft gelegt; Gott aber kann sich nicht selbst
verleugnen, noch (kann) jemals Wahres Wahrem widersprechen«.(65)
54. Auch in unserem Jahrhundert ist das Lehramt wiederholt auf das Thema
zurückgekommen und hat vor der rationalistischen Versuchung gewarnt.
In dieses Szenarium sind die Interventionen Papst Pius' X. einzuordnen,
der feststellte, daß dem Modernismus philosophische Anschauungen phänomenalistischer,
agnostischer und immanentistischer Tendenz zugrunde lagen.(66) Auch die
Bedeutung, die der katholischen Ablehnung der marxistischen Philosophie
und des atheistischen Kommunismus zukam, darf nicht vergessen werden.(67)
Sodann erhob Papst Pius XII. seine Stimme, als er in der Enzyklika Humani
generis vor irrigen Erklärungen im Zusammenhang mit den
Auffassungen von Evolutionismus, Existentialismus und Historizismus
warnte. Er stellte klar, daß diese Auffassungen nicht von Theologen
erarbeitet und vorgelegt worden sind, haben sie doch ihren Ursprung »außerhalb
des Schafstalls Christi«;(68) er fügte allerdings hinzu, daß
derartige Abirrungen nicht einfach verworfen, sondern kritisch untersucht
werden sollten: »Nun sollen aber die katholischen Theologen und
Philosophen, denen die schwere Aufgabe obliegt, die göttliche und
menschliche Wahrheit zu schützen und sie den Herzen der Menschen
einzupflanzen, diese mehr oder weniger vom rechten Weg abirrenden
Auffassungen weder ignorieren noch unbeachtet lassen. Ja, sie sollen diese
Auffassungen sogar gründlich kennen, sowohl weil Krankheiten nicht
angemessen geheilt werden können, wenn sie nicht vorher richtig
erkannt wurden, als auch, weil manchmal selbst in falschen Ansichten ein Körnchen
Wahrheit verborgen liegt, als auch schließlich, weil diese den Geist
herausfordern, bestimmte Wahrheiten, sowohl philosophische als auch
theologische, genauer zu durchforschen und zu untersuchen«.(69)
Schließlich mußte auch die Kongregation für die
Glaubenslehre in Erfüllung ihrer besonderen Aufgabe im Dienst des
universalen Lehramtes des Papstes(70) eingreifen, um nachdrücklich
auf die Gefahr hinzuweisen, die eine unkritische Übernahme der aus
dem Marxismus stammenden Auffassungen und Methoden durch einige
Befreiungstheologen mit sich bringt.(71)
Das Lehramt hat also in der Vergangenheit wiederholt und unter
verschiedenen Bedingungen die kritische Unterscheidung in bezug auf das
Gebiet der Philosophie vorgenommen. Alles, was meine ehrwürdigen Vorgänger
dazu geleistet haben, stellt einen wertvollen Beitrag dar, der nicht in
Vergessenheit geraten darf.
55. Wenn wir uns die heutige Situation anschauen, sehen wir, daß
die Probleme von einst wiederkehren, wobei sie aber neue Eigenheiten
aufweisen. Es handelt sich nicht mehr nur um Fragen, die einzelne Personen
oder Gruppen betreffen, sondern um Überzeugungen, die in der
Gesellschaft so verbreitet sind, daß sie gewissermaßen zu
einer gemeinsamen Denkweise werden. Das gilt zum Beispiel für das
radikale Mißtrauen gegen die Vernunft, das die jüngsten
Entwicklungen vieler philosophischer Studien an den Tag legen. Von
mehreren Seiten war diesbezüglich vom »Ende der Metaphysik«
zu hören: man will, daß sich die Philosophie mit bescheideneren
Aufgaben begnügt, sich also nur der Erklärung des Tatsächlichen
oder der Erforschung nur bestimmter Gebiete des menschlichen Wissens oder
seiner Strukturen widmet.
In der Theologie selbst tauchen wieder die Versuchungen von einst auf.
In einigen zeitgenössischen Theologien bahnt sich zum Beispiel
neuerdings ein gewisser Rationalismus seinen Weg, vor allem wenn
angeblich philosophisch begründete Aussagen als normativ für die
theologische Forschung übernommen werden. Das geschieht vor allem
dann, wenn sich der Theologe aus Mangel an philosophischer Fachkenntnis
auf unkritische Weise von Aussagen beeinflussen läßt, die zwar
in die gängige Sprache und Kultur Eingang gefunden haben, aber ohne
ausreichende rationale Grundlage sind.(72)
Es fehlt auch nicht an gefährlichen Rückfällen in den
Fideismus, der die Bedeutung der Vernunfterkenntnis und der
philosophischen Debatte für die Glaubenseinsicht, ja für die Möglichkeit,
überhaupt an Gott zu glauben, nicht anerkennt. Ein heutzutage
verbreiteter Ausdruck dieser fideistischen Tendenz ist der »Biblizismus«,
dessen Bestreben dahin geht, aus der Lesung der Heiligen Schrift bzw.
ihrer Auslegung den einzigen glaubhaften Bezugspunkt zu machen. So kommt
es, daß man das Wort Gottes einzig und allein mit der Heiligen
Schrift identifiziert und auf diese Weise die Lehre der Kirche untergräbt,
die das II. Vatikanische Konzil ausdrücklich bestätigt hat.
Nachdem die Konstitution Dei Verbum darauf hingewiesen hat, daß
das Wort Gottes sowohl in den heiligen Texten als auch in der Überlieferung
gegenwärtig ist,(73) führt sie mit Nachdruck aus: »Die
Heilige Überlieferung und die Heilige Schrift bilden den einen der
Kirche überlassenen heiligen Schatz des Wortes Gottes. Voller Anhänglichkeit
an ihn verharrt das ganze heilige Volk, mit seinen Hirten vereint, ständig
in der Lehre der Apostel«.(74) Die Heilige Schrift ist daher nicht
der einzige Anhaltspunkt für die Kirche. Denn die »höchste
Richtschnur ihres Glaubens«(75) kommt ihr aus der Einheit zwischen
der Heiligen Überlieferung, der Heiligen Schrift und dem Lehramt der
Kirche zu, die der Heilige Geist so geknüpft hat, daß keine der
drei ohne die anderen bestehen kann.(76)
Nicht unterschätzt werden darf zudem die Gefahr, die der Absicht
innewohnt, die Wahrheit der Heiligen Schrift von der Anwendung einer
einzigen Methode abzuleiten, und dabei die Notwendigkeit einer Exegese im
weiteren Sinn außer acht läßt, die es erlaubt, zusammen
mit der ganzen Kirche zum vollen Sinn der Texte zu gelangen. Alle, die
sich dem Studium der Heiligen Schriften widmen, müssen stets berücksichtigen,
daß auch den verschiedenen hermeneutischen Methoden eine
philosophische Auffassung zugrunde liegt: sie gilt es vor ihrer Anwendung
auf die heiligen Texte eingehend zu prüfen.
Weitere Formen eines latenten Fideismus sind an dem geringen Ansehen,
das der spekulativen Theologie entgegengebracht wird, ebenso erkennbar wie
auch an der Geringschätzung für die klassische Philosophie, aus
deren Begriffspotential sowohl das Glaubensverständnis als auch die
dogmatischen Formulierungen ihre Begriffe geschöpft haben. Papst Pius
XII. seligen Andenkens hat vor solcher Vernachlässigung der
philosophischen Tradition und vor dem Aufgeben der überlieferten
Terminologien gewarnt.(77)
56. Schließlich beobachtet man ein verbreitetes Mißtrauen
gegen die umfassenden und absoluten Aussagen, vor allem von seiten derer,
die meinen, die Wahrheit sei das Ergebnis des Konsenses und nicht der
Anpassung des Verstandes an die objektive Wirklichkeit. Es ist sicherlich
verständlich, daß es in einer in viele Fachbereiche
unterteilten Welt schwierig wird, jenen vollständigen und letzten
Sinn des Lebens zu erkennen, nach dem die Philosophie traditionell gesucht
hat. Ich kann dennoch nicht umhin, im Lichte des Glaubens, der in Jesus
Christus diesen letzten Sinn erkennt, die christlichen wie auch
nichtchristlichen Philosophen zu ermutigen, in die Fähigkeiten der
menschlichen Vernunft zu vertrauen und sich bei ihrem Philosophieren nicht
zu bescheidene Ziele zu setzen. Die Lehre der Geschichte dieses nunmehr zu
Ende gehenden Jahrtausends zeugt davon, daß das der Weg ist, der
eingeschlagen werden soll: Die Leidenschaft für die letzte Wahrheit
und der Wunsch, sie zu suchen, verbunden mit dem Mut zur Entdeckung neuer
Wege, dürfen nicht verloren gehen! Es ist der Glaube, der die
Vernunft dazu herausfordert, aus jedweder Isolation herauszutreten und für
alles, was schön, gut und wahr ist, etwas zu riskieren. So wird der
Glaube zum überzeugten und überzeugenden Anwalt der Vernunft.
Das Interesse der Kirche für die Philosophie [57-63]
57. Das Lehramt hat sich freilich nicht darauf beschränkt, nur die
Irrtümer und Abweichungen der philosophischen Lehren aufzudecken. Mit
derselben Aufmerksamkeit hat es die Grundprinzipien für eine echte
Erneuerung des philosophischen Denkens unterstrichen und auch konkret
einzuschlagende Wege aufgezeigt. In diesem Sinn vollzog Papst Leo XIII.
mit seiner Enzyklika Æterni Patris einen Schritt von
wahrhaft historischer Tragweite für das Leben der Kirche. Jener Text
war bis zum heutigen Tag das einzige päpstliche Dokument auf solcher
Ebene, das ausschließlich der Philosophie gewidmet war. Der große
Papst griff die Lehre des I. Vatikanischen Konzils über das Verhältnis
von Glaube und Vernunft auf und entwickelte sie weiter, indem er zeigte,
daß das philosophische Denken ein grundlegender Beitrag zum Glauben
und zur theologischen Wissenschaft ist.(78) Nach über einem
Jahrhundert haben viele in jenem Text enthaltene Hinweise sowohl unter
praktischem wie unter pädagogischem Gesichtspunkt nichts von ihrer
Bedeutung eingebüßt; das gilt zuallererst für die
Bedeutung in bezug auf den unvergleichlichen Wert der Philosophie des hl.
Thomas. Das Denken des Doctor Angelicus neu vorzulegen, erschien Papst Leo
XIII. als der beste Weg, mit der Philosophie wieder so umzugehen, daß
sie mit den Ansprüchen des Glaubens übereinstimmt. Der Papst
schrieb: »Im selben Augenblick, in dem er (der hl. Thomas), wie es
sich gehört, den Glauben vollkommen von der Vernunft unterscheidet,
vereint er die beiden durch Bande wechselseitiger Freundschaft: er sichert
jeder von ihnen ihre Rechte zu und schützt ihre Würde«.(79)
58. Die glücklichen Folgen, die jene päpstliche Aufforderung
nach sich zog, sind bekannt. Die Forschungen über das Denken des hl.
Thomas und anderer scholastischer Autoren erfuhren einen neuen Aufschwung.
Starken Auftrieb erhielt die historische Forschung mit der
Wiederentdeckung der bis dahin weithin unbekannten Schätze des
mittelalterlichen Denkens zur Folge; außerdem entstanden neue
thomistische Schulen. Durch die Anwendung der historischen Methode machte
die Kenntnis des Werkes des hl. Thomas große Fortschritte;
zahlreiche Gelehrte brachten mutig die thomistische Überlieferung in
die Diskussionen über die damaligen philosophischen und theologischen
Probleme ein. Die einflußreichsten katholischen Theologen dieses
Jahrhunderts, deren Denken und Forschen das II. Vatikanische Konzil viel
zu verdanken hat, sind Kinder dieser Erneuerung der thomistischen
Philosophie. So stand der Kirche im Laufe des 20. Jahrhunderts eine starke
Gruppe von Denkern zur Verfügung, die in der Schule des Doctor
Angelicus herangebildet worden waren.
59. Die thomistische und neothomistische Erneuerung war allerdings nicht
das einzige Zeichen einer Wiederaufnahme des philosophischen Denkens in
die christlich geprägte Kultur. Schon vor der Aufforderung Papst Leos
und parallel zu ihr waren zahlreiche katholische Philosophen aufgetreten,
die an jüngere Denkströmungen angeknüpft und dabei nach
ihrer eigenen Methode philosophische Werke von großem Einfluß
und bleibendem Wert hervorgebracht hatten. Darunter befanden sich einige,
die Synthesen von solchem Profil entwickelten, daß sie den großen
Systemen des Idealismus in nichts nachstanden; wieder andere legten die
erkenntnistheoretischen Grundlagen für eine neue Behandlung des
Glaubens im Lichte eines erneuerten Verständnisses des moralischen
Gewissens; noch andere schufen eine Philosophie, die, ausgehend von der
Analyse des Innerweltlichen, den Weg zum Transzendenten eröffnete;
und schließlich gab es auch jene, welche die Forderungen des
Glaubens im Horizont der phänomenologischen Methode anzuwenden
versuchten. Von verschiedenen Perspektiven her hat man also fortwährend
Formen philosophischer Spekulation hervorgebracht, die die großartige
Tradition christlichen Denkens in der Einheit von Glaube und Vernunft
lebendig erhalten wollten.
60. Das II. Vatikanische Konzil legt seinerseits eine sehr reiche und
fruchtbare Lehre in bezug auf die Philosophie vor. Ich kann besonders im
Rahmen dieser Enzyklika nicht vergessen, daß ein ganzes Kapitel der
Konstitution Gaudium et spes gleichsam eine Zusammenfassung
biblischer Anthropologie und damit auch Inspirationsquelle für die
Philosophie darstellt. Auf jenen Seiten geht es um den Wert der nach dem
Bild Gottes geschaffenen menschlichen Person, es werden ihre Würde
und Überlegenheit über die übrige Schöpfung begründet
und die transzendente Fähigkeit ihrer Vernunft aufgezeigt.(80) Auch
das Problem des Atheismus kommt in Gaudium et spes in den Blick;
dabei werden die Irrtümer jener philosophischen Anschauung, vor allem
gegenüber der unveräußerlichen Würde der Person und
ihrer Freiheit, genau begründet.(81) Tiefe philosophische Bedeutung
besitzt gewiß auch die Formulierung, die den Höhepunkt jenes
Abschnittes bildet. Ich habe sie in meiner Enzyklika Redemptor hominis
aufgegriffen; sie gehört zu den festen Bezugspunkten meines
Lehrens: »Tatsächlich klärt sich nur im Geheimnis des
fleischgewordenen Wortes das Geheimnis des Menschen wahrhaft auf. Denn
Adam, der erste Mensch, war das Vorausbild des zukünftigen, nämlich
Christi des Herrn. Christus, der neue Adam, macht eben in der Offenbarung
des Geheimnisses des Vaters und seiner Liebe dem Menschen den Menschen
selbst voll kund und erschließt ihm seine höchste Berufung«.(82)
Das Konzil hat sich auch mit dem Studium der Philosophie befaßt,
dem sich die Priesteramtskandidaten widmen sollen; es handelt sich um
Empfehlungen, die sich allgemeiner auf das christliche Lehren in seiner
Gesamtheit ausdehnen lassen. Das Konzil lehrt: »Die philosophischen
Disziplinen sollen so dargeboten werden, daß die Alumnen vor allem
zu einem gründlichen und zusammenhängenden Wissen über
Mensch, Welt und Gott hingeführt werden. Sie sollen sich dabei auf
das stets gültige philosophische Erbe stützen. Es sollen aber
auch die philosophischen Forschungen der neueren Zeit berücksichtigt
werden«.(83)
Diese Weisungen sind wiederholt in anderen lehramtlichen Dokumenten bekräftigt
und genauerhin erläutert worden, um vor allem für jene, die sich
auf das Theologiestudium vorbereiten, eine solide philosophische Bildung
zu gewährleisten. Ich habe meinerseits mehrmals die Bedeutung dieser
philosophischen Bildung für alle betont, die sich eines Tages in der
Seelsorge mit den Forderungen der modernen Welt auseinandersetzen und die
Ursachen mancher Haltungen werden begreifen müssen, um umgehend
darauf antworten zu können.(84)
61. Wenn sich unter verschiedenen Umständen eine Intervention zu
diesem Thema wobei man auch den Wert der Einsichten des Doctor
Angelicus bekräftigte und auf der Aneignung seines Denkens bestand
als notwendig erwies, so hatte das seinen Grund darin, daß die
Weisungen des Lehramtes nicht immer mit der erwünschten Bereitschaft
befolgt worden sind. In vielen katholischen Schulen war in den Jahren
unmittelbar nach dem II. Vatikanischen Konzil diesbezüglich ein
gewisser Verfall zu beobachten, der einer geringeren Wertschätzung
nicht nur der scholastischen Philosophie, sondern allgemeiner des Studiums
der Philosophie überhaupt zuzuschreiben ist. Mit Verwunderung und
Bedauern muß ich feststellen, daß nicht wenige Theologen diese
Gleichgültigkeit gegenüber dem Studium der Philosophie teilen.
Es sind verschiedene Gründe, die dieser Abneigung zugrunde liegen.
An erster Stelle ist das Mißtrauen gegen die Vernunft festzuhalten,
das ein Großteil der zeitgenössischen Philosophie dadurch
bekundet, daß auf die metaphysische Erforschung der letzten Fragen
des Menschen weitgehend verzichtet wird, um die Aufmerksamkeit auf Teil-
und Gebietsprobleme, mitunter auch reine Formprobleme zu konzentrieren. Außerdem
kommt das Mißverständnis hinzu, das vor allem in bezug auf die »Humanwissenschaften«
entstanden ist. Das II. Vatikanische Konzil hat mehrmals auf den positiven
Wert der wissenschaftlichen Forschung für eine tiefere Erkenntnis des
Geheimnisses des Menschen hingewiesen.(85) Die Aufforderung an die
Theologen, sich diese Wissenschaften anzueignen und sie, wenn nötig,
in ihrer Forschung korrekt anzuwenden, darf jedoch nicht als
unausgesprochene Ermächtigung dazu interpretiert werden, die
Philosophie in der Pastoralausbildung und in der praeparatio fidei
nur am Rande zu behandeln oder gar zu ersetzen. Endlich darf man das
wiederentdeckte Interesse für die Inkulturation des Glaubens nicht
vergessen. Besonders das Leben der jungen Kirchen bot Gelegenheit, neben
gehobenen Denkformen das Vorhandensein vielfältiger Ausdrucksformen
der Volksweisheit zu entdecken, die ein wirkliches Erbe an Kulturen und
Traditionen darstellen. Die Untersuchung dieser überlieferten Bräuche
muß jedoch im Gleichschritt mit der philosophischen Forschung
einhergehen. Diese erst wird es ermöglichen, die positiven Züge
der Volksweisheit hervortreten zu lassen, indem die notwendige Verbindung
mit der Verkündigung des Evangeliums hergestellt wird.(86)
62. Ich möchte nachdrücklich betonen, daß das Studium
der Philosophie ein grundlegendes und untilgbares Wesensmerkmal im Aufbau
des Theologiestudiums und in der Ausbildung der Priesteramtskandidaten
darstellt. Es ist kein Zufall, daß dem Curriculum der
Theologie eine Periode vorausgeht, in der eine besondere Beschäftigung
mit dem Studium der Philosophie vorgesehen ist. Diese vom V. Laterankonzil
bestätigte Entscheidung(87) hat ihre Wurzeln in der während des
Mittelalters gereiften Erfahrung, als die Bedeutung einer konstruktiven
Harmonie zwischen philosophischem und theologischem Wissen herausgestellt
wurde. Diese Studienordnung hat, wenn auch auf indirekte Weise, zu einem
guten Teil die Entwicklung der modernen Philosophie beeinflußt,
erleichtert und gefördert. Ein bezeichnendes Beispiel dafür ist
der von den Disputationes metaphysicae von Francisco Suárez
ausgeübte Einfluß: sie fanden sogar in den deutschen
lutherischen Universitäten Eingang. Der Verlust dieser Methode war
hingegen Ursache schwerwiegender Mängel sowohl in der
Priesterausbildung als auch in der theologischen Forschung. Man denke an
die Gleichgültigkeit dem modernen Denken und der modernen Kultur
gegenüber, die dazu geführt hat, sich jeder Form von Dialog zu
verschließen oder aber jede Philosophie unterschiedslos anzunehmen.
Ich vertraue sehr darauf, daß diese Schwierigkeiten durch eine
sinnvolle philosophische und theologische Ausbildung überwunden
werden, die in der Kirche niemals verloren gehen darf.
63. Wegen der genannten Gründe schien es mir dringend geboten, mit
dieser Enzyklika das starke Interesse zu betonen, das die Kirche der
Philosophie entgegenbringt; ja, es geht um die engen Bande, welche die
theologische Arbeit mit der philosophischen Suche nach der Wahrheit
verbinden. Daraus erwächst für das Lehramt die Verpflichtung,
genau zu unterscheiden und ein philosophisches Denken anzuregen, das sich
nicht in Unstimmigkeit mit dem Glauben befindet. Meine Aufgabe ist es,
einige Grundsätze und Bezugspunkte vorzulegen, die ich als notwendig
erachte, um wieder eine harmonische und wirksame Beziehung zwischen
Philosophie und Theologie aufbauen zu können. Im Lichte dieser Grundsätze
wird es möglich sein, mit größerer Klarheit zu prüfen,
ob und welches Verhältnis die Theologie zu den verschiedenen
philosophischen Systemen oder Auffassungen, die die heutige Welt aufweist,
unterhalten solle.
KAPITEL VI
DIE WECHSELWIRKUNG ZWISCHEN THEOLOGIE UND PHILOSOPHIE
Die Glaubenswissenschaft und die Erfordernisse der
philosophischen Vernunft [64-74]
64. Das Wort Gottes richtet sich an jeden Menschen, zu jeder Zeit und an
jedem Ort der Erde; und der Mensch ist von Natur aus Philosoph. Die
Theologie, als durchdachte wissenschaftliche Erarbeitung des Verständnisses
dieses Wortes im Lichte des Glaubens, kann sowohl für manche ihrer
Verfahrensweisen wie auch für die Erfüllung bestimmter Aufgaben
nicht darauf verzichten, mit den Philosophien in Beziehung zu treten, die
im Laufe der Geschichte tatsächlich ausgearbeitet worden sind. Ohne
den Theologen besondere Methoden empfehlen zu wollen, was dem Lehramt auch
gar nicht zusteht, möchte ich vielmehr einige Aufgaben der Theologie
ins Gedächtnis rufen, bei denen aufgrund des Wesens des geoffenbarten
Wortes der Rückgriff auf das philosophische Denken geboten ist.
65. Die Theologie konstituiert sich als Glaubenswissenschaft im Lichte
eines methodischen Doppelprinzips: dem auditus fidei und dem intellectus
fidei. Durch das erste gelangt sie in den Besitz der
Offenbarungsinhalte, so wie sie in der Heiligen Überlieferung, in der
Heiligen Schrift und im lebendigen Lehramt der Kirche fortschreitend
ausgefaltet worden sind.(88) Mit dem zweiten Prinzip will die Theologie
den Anforderungen des Denkens durch die spekulative Reflexion entsprechen.
Was die Vorbereitung auf einen korrekten auditus fidei betrifft,
so leistet die Philosophie der Theologie ihren eigentlichen Beitrag dann,
wenn sie die Struktur der Erkenntnis und der persönlichen Mitteilung
sowie besonders die vielfältigen Formen und Funktionen der Sprache
betrachtet und bedenkt. Ebenso wichtig ist der Beitrag der Philosophie für
ein zusammenhängendes Verständnis der kirchlichen Überlieferung,
der Erklärungen des Lehramtes und der Sätze der großen
Lehrer der Theologie: diese drücken sich nämlich häufig in
Begriffen und Denkformen aus, die einer bestimmten philosophischen
Tradition entlehnt sind. In diesem Fall wird vom Theologen verlangt, daß
er nicht nur die Begriffe und Formulierungen erklärt, mit denen die
Kirche über ihre Lehre nachdenkt und sie erarbeitet; er muß
auch die philosophischen Systeme, die möglicherweise Begriffe und
Terminologie beeinflußt haben, gründlich kennen, um zu
korrekten und kohärenten Interpretationen zu gelangen.
66. Was den intellectus fidei betrifft, so ist vor allem zu
beachten, daß die göttliche Wahrheit, »die uns in den von
der Lehre der Kirche richtig ausgelegten Heiligen Schriften vorgelegt wird«,(89)
eine eigene, in ihrer Logik so konsequente Verständlichkeit besitzt,
daß sie sich als ein echtes Wissen darstellt. Der intellectus
fidei legt diese Wahrheit aus, indem er nicht nur die logischen und
begrifflichen Strukturen der Aussagen aufnimmt, in denen sich die Lehre
der Kirche artikuliert, sondern auch und vorrangig die Heilsbedeutung
sichtbar werden läßt, die diese Aussagen für den einzelnen
und für die Menschheit enthalten. Von der Gesamtheit dieser Aussagen
gelangt der Glaubende zur Kenntnis der Heilsgeschichte, die in der Person
Jesu Christi und in seinem Ostergeheimnis ihren Höhepunkt hat. Durch
seine Zustimmung aus dem Glauben hat er an diesem Geheimnis teil.
Die dogmatische Theologie muß ihrerseits imstande sein,
den universalen Sinn des Geheimnisses des dreieinigen Gottes und des
Heilsplanes sowohl in erzählerischer Weise als auch vor allem in Form
der Argumentation darzulegen. Das muß sie mit Hilfe von Ausdrücken
und Begriffen tun, die aus der Urteilskraft heraus formuliert und
allgemein mitteilbar sind. Denn ohne den Beitrag der Philosophie ließen
sich theologische Inhalte, wie zum Beispiel das Sprechen über Gott,
die Personbeziehungen innerhalb der Trinität, das schöpferische
Wirken Gottes in der Welt, die Beziehung zwischen Gott und dem Menschen,
die Identität Christi, der wahrer Gott und wahrer Mensch ist, nicht
veranschaulichen. Dasselbe gilt für verschiedene Themen der
Moraltheologie, wo ganz offenkundig Begriffe, wie z.B. Sittengesetz,
Gewissen, Freiheit, persönliche Verantwortung, Schuld usw. zur
Anwendung kommen, die im Rahmen der philosophischen Ethik definiert
werden.
Daher muß die Vernunft des Gläubigen eine natürliche,
wahre und stimmige Kenntnis der geschaffenen Dinge, der Welt und des
Menschen besitzen, die auch Gegenstand der göttlichen Offenbarung
sind; mehr noch: die Vernunft des Gläubigen muß in der Lage
sein, diese Kenntnis begrifflich und in der Form der Argumentation
darzulegen. Die spekulative dogmatische Theologie setzt daher implizit
eine auf die objektive Wahrheit gegründete Philosophie vom Menschen,
von der Welt und, radikaler, vom Sein voraus.
67. Die Fundamentaltheologie wird sich wegen des Charakters
dieser theologischen Disziplin, deren Aufgabe die Rechenschaft über
den Glauben ist (vgl. 1 Petr 3, 15), darum kümmern müssen,
die Beziehung zwischen dem Glauben und dem philosophischen Denken zu
rechtfertigen und zu erklären. Schon das I. Vatikanische Konzil hatte
die paulinische Lehre (vgl. Röm 1, 19-20) neu eingebracht und
die Aufmerksamkeit darauf gelenkt, daß es Wahrheiten gibt, die auf
natürlichem Weg erkennbar sind. Daher sind sie es auch auf
philosophischem Weg. Ihr Erkennen stellt eine notwendige Voraussetzung für
die Annahme der Offenbarung Gottes dar. Beim Erforschen der Offenbarung
und ihrer Glaubwürdigkeit, begleitet von dem entsprechenden
Glaubensakt, wird die Fundamentaltheologie zeigen müssen, daß
im Lichte der Erkenntnis durch den Glauben einige Wahrheiten ans Licht
kommen, welche die Vernunft bereits auf ihrem selbständigen Weg der
Suche erreicht. Die Offenbarung verleiht diesen Wahrheiten dadurch Sinnfülle,
daß sie sie auf den Reichtum des geoffenbarten Geheimnisses
hinlenkt, in dem sie ihr letztes Ziel finden. Man denke zum Beispiel an
die natürliche Gotteserkenntnis, an die Möglichkeit der
Unterscheidung der göttlichen Offenbarung von anderen Phänomenen
oder an die Anerkennung ihrer Glaubwürdigkeit, an die Fähigkeit
der menschlichen Sprache, ausdrücklich und wahrhaftig auch von dem zu
sprechen, was jede menschliche Erfahrung übersteigt. Von allen diesen
Wahrheiten wird der Geist dazu gebracht, das Vorhandensein eines wirklich
auf den Glauben vorbereitenden Weges anzuerkennen, der in die Annahme der
Offenbarung einmünden kann, ohne die eigenen Prinzipien und ihre
Autonomie im geringsten zu verletzen.(90)
In demselben Maß wird die Fundamentaltheologie aufzeigen müssen,
daß eine innere Vereinbarkeit zwischen dem Glauben und seinem
wesentlichen Anspruch besteht, sich durch eine Vernunft darzustellen, die
in der Lage ist, in voller Freiheit ihre Zustimmung zu geben. So wird der
Glaube »einer Vernunft, die aufrichtig nach der Wahrheit sucht, voll
den Weg weisen können. Auf diese Weise kann der Glaube als Geschenk
Gottes, auch wenn er sich nicht auf die Vernunft stützt, sicher nicht
auf sie verzichten; gleichzeitig erscheint es für die Vernunft
notwendig, vom Glauben Gebrauch zu machen, um die Horizonte zu entdecken,
die sie allein nicht zu erreichen vermöchte«.(91)
68. Die Moraltheologie hat vielleicht in noch höherem Maße
den Beitrag der Philosophie nötig. Denn im Neuen Bund ist das
menschliche Leben viel weniger durch Vorschriften geregelt als im Alten
Bund. Das Leben im Heiligen Geist führt die Glaubenden zu einer
Freiheit und Verantwortlichkeit, die über das Gesetz selbst
hinausgehen. Immerhin stellen das Evangelium und die apostolischen
Schriften sowohl allgemeine Prinzipien christlicher Lebensführung als
auch gewissenhafte Lehren und Gebote auf. Um sie auf die besonderen Verhältnisse
des Lebens des einzelnen und der Gesellschaft anzuwenden, muß der
Christ imstande sein, sein Gewissen und seine Denkkraft bis zum Äußersten
einzusetzen. Das heißt mit anderen Worten, die Moraltheologie muß
sich einer richtigen philosophischen Sicht sowohl von der menschlichen
Natur und Gesellschaft wie von den allgemeinen Prinzipien einer sittlichen
Entscheidung bedienen.
69. Man mag vielleicht einwenden, daß sich der Theologe in der
gegenwärtigen Situation weniger der Philosophie als vielmehr der
Hilfe anderer Formen des menschlichen Wissens bedienen sollte, wie der
Geschichte und vor allem der Naturwissenschaften, deren jüngste außergewöhnliche
Entwicklungen alle bewundern. Andere dagegen vertreten infolge einer
gesteigerten Sensibilität für die Beziehung zwischen Glaube und
Kultur die Ansicht, die Theologie sollte sich statt einer Philosophie
griechischen und eurozentrischen Ursprungs lieber den traditionellen
Weisheitsformen zuwenden. Wieder andere leugnen, von einer falschen
Vorstellung des Pluralismus der Kulturen ausgehend, schlechthin den
universalen Wert des von der Kirche empfangenen philosophischen Erbes.
Diese hier angeführten Ansichten, die uns unter anderem bereits in
der Lehre des Konzils begegnen,(92) sind teilweise wahr. Die Bezugnahme
auf die Naturwissenschaften ist in vielen Fällen nützlich, weil
sie eine vollständigere Kenntnis des Forschungsobjektes ermöglicht;
sie darf jedoch nicht die notwendige Vermittlung einer typisch
philosophischen, kritischen und Allgemeingültigkeit anstrebenden
Reflexion in Vergessenheit geraten lassen, die im übrigen von einem
fruchtbaren Austausch zwischen den Kulturen gefordert wird. Was ich
dringend unterstreichen möchte, ist die Verpflichtung, nicht beim
konkreten Einzelfall stehenzubleiben und damit die vorrangige Aufgabe zu
vernachlässigen, die darin besteht, den universalen Charakter des
Glaubensinhaltes aufzuzeigen. Zudem darf man nicht vergessen, daß es
der besondere Beitrag des philosophischen Denkens erlaubt, sowohl in den
verschiedenen Lebensauffassungen wie in den Kulturen zu erkennen, »nicht
was die Menschen denken, sondern welches die objektive Wahrheit ist«.(93)
Nicht die verschiedenen menschlichen Meinungen, sondern allein die
Wahrheit kann für die Theologie hilfreich sein.
70. Das Thema der Beziehung zu den Kulturen verdient eine spezielle,
wenn auch notgedrungen nicht erschöpfende Überlegung wegen der
von dort herrührenden Implikationen sowohl im philosophischen wie im
theologischen Bereich. Der Prozeß der Begegnung und
Auseinandersetzung mit den Kulturen ist eine Erfahrung, welche die Kirche
von den Anfängen der Verkündigung des Evangeliums an erlebt hat.
Das Gebot Christi an die Jünger, überall hinzugehen, »bis
an die Grenzen der Erde« (Apg 1, 8), um die von ihm
geoffenbarte Wahrheit weiterzugeben, hat die Christengemeinde in die Lage
versetzt, schon sehr bald die Allgemeingültigkeit der Verkündigung
und die aus der Verschiedenheit der Kulturen entstehenden Hindernisse
festzustellen. Ein Abschnitt aus dem Brief des hl. Paulus an die Christen
von Ephesus bietet eine gute Hilfe, um zu verstehen, wie die Urgemeinde an
dieses Problem herangegangen ist. Der Apostel schreibt: »Jetzt aber
seid ihr, die ihr einst in der Ferne wart, durch Christus Jesus, nämlich
durch sein Blut, in die Nähe gekommen. Denn er ist unser Friede. Er
vereinigte die beiden Teile (Juden und Heiden) und riß durch sein
Sterben die trennende Wand der Feindschaft nieder« (2, 13-14).
Im Lichte dieses Textes dehnt sich unsere Überlegung auf den Wandel
aus, der sich in den Heiden ereignet hat, die einst zum Glauben gelangt
sind. Angesichts der Fülle des von Christus vollbrachten Heils fallen
die trennenden Wände zwischen den verschiedenen Kulturen. Die Verheißung
Gottes wird nun in Christus zu einem Angebot für alle: sie ist nicht
mehr auf die Eigenart eines Volkes, seiner Sprache und seiner Bräuche
beschränkt, sondern wird als Schatz, aus dem jeder frei schöpfen
kann, auf alle ausgedehnt. Von verschiedenen Orten und Traditionen sind
alle in Christus dazu berufen, an der Einheit der Familie der Kinder
Gottes teilzuhaben. Christus erlaubt den beiden Völkern »eins«
zu werden. Jene, die »in der Ferne« waren, sind dank des vom
Ostergeheimnis gewirkten Neuen »in die Nähe gekommen«.
Jesus reißt die trennenden Wände nieder und vollzieht auf
einzigartige und erhabene Weise die Vereinigung durch die Teilhabe an
seinem Geheimnis. Diese Einheit ist so tief, daß die Kirche mit dem
hl. Paulus sagen kann: »Ihr seid also jetzt nicht mehr Fremde ohne Bürgerrecht,
sondern Mitbürger der Heiligen und Hausgenossen Gottes« (Eph
2, 19).
In einem so einfachen Satz wird eine großartige Wahrheit
beschrieben: Die Begegnung des Glaubens mit den verschiedenen Kulturen hat
tatsächlich eine neue Wirklichkeit ins Leben gerufen. Wenn die
Kulturen tief im Humanen verwurzelt sind, tragen sie das Zeugnis der
typischen Öffnung des Menschen für das Universale und für
die Transzendenz in sich. Deshalb stehen sie als verschiedene Annäherungen
an die Wahrheit da; diese stellen sich als zweifellos nützlich für
den Menschen heraus, den sie auf Werte hinweisen, die sein Dasein immer
menschlicher machen können.(94) Insofern sich dann die Kulturen auf
die Werte der antiken Überlieferungen berufen, enthalten sie
zwar unausgesprochen, deshalb aber nicht weniger real den Bezug auf
das Sich-Offenbaren Gottes in der Natur, wie wir vorher bei der
Besprechung der Weisheitstexte und der Lehre des hl. Paulus gesehen haben.
71. Da die Kulturen in enger Beziehung zu den Menschen und ihrer
Geschichte stehen, teilen sie dieselben dynamischen Kräfte, mit denen
sich die menschliche Zeit Ausdruck verschafft. Demzufolge sind Veränderungen
und Fortschritte zu verzeichnen, die auf den Begegnungen der Menschen
miteinander und auf ihrem gegenseitigen Austausch über ihre
Lebensmodelle beruhen. Die Kulturen nähren sich aus der Mitteilung
von Werten, und ihre Lebenskraft und ihr Bestand rührt von der Fähigkeit
her, offen zu bleiben für die Aufnahme des Neuen. Welche Erklärung
gibt es für diese dynamischen Kräfte? Jeder Mensch ist in eine
Kultur verflochten, hängt von ihr ab und beeinflußt sie. Er ist
zugleich Kind und Vater der Kultur, in der er eingebunden ist. In jeder
seiner Lebensäußerungen trägt er etwas mit sich, was ihn
aus der Schöpfung heraushebt: seine ständige Offenheit für
das Geheimnis und sein unerschöpfliches Verlangen nach Erkenntnis.
Infolgedessen trägt jede Kultur das Prägemal der auf eine
Vollendung hin gerichtete Spannung an sich und läßt sie
durchscheinen. Man kann daher sagen, die Kultur hat die Möglichkeit
in sich, die göttliche Offenbarung anzunehmen.
Die Art und Weise, wie die Christen den Glauben leben, ist auch
durchdrungen von der Kultur ihrer Umgebung und trägt ihrerseits dazu
bei, fortlaufend deren Wesensmerkmale zu gestalten. Die Christen bringen
in jede Kultur die von Gott in der Geschichte und in der Kultur eines
Volkes geoffenbarte, unwandelbare Wahrheit von Gott ein. So pflanzt sich
im Laufe der Jahrhunderte das Ereignis immer weiter fort, dessen Zeugen
die am Pfingsttag in Jerusalem anwesenden Pilger waren. Als sie den
Aposteln zuhörten, fragten sie sich: »Sind das nicht alles Galiläer,
die hier reden? Wieso kann sie jeder von uns in seiner Muttersprache hören:
Parther, Meder und Elamiter, Bewohner von Mesopotamien, Judäa und
Kappadozien, von Pontus und der Provinz Asien, von Phrygien und
Pamphylien, von Ägypten und dem Gebiet Libyens nach Zyrene hin, auch
die Römer, die sich hier aufhalten, Juden und Proselyten, Kreter und
Araber, wir hören sie in unseren Sprachen Gottes große Taten
verkünden« (Apg 2, 7-11). Die Verkündigung des
Evangeliums in den verschiedenen Kulturen verlangt von den einzelnen Empfängern
das Festhalten am Glauben; sie hindert die Empfänger aber nicht
daran, ihre kulturelle Identität zu bewahren. Das erzeugt keine
Spaltung, weil sich das Volk der Getauften durch eine Universalität
auszeichnet, die jede Kultur aufnehmen kann, wodurch die Weiterentwicklung
des in ihr implizit Vorhandenen hin zu seiner vollen Entfaltung in der
Wahrheit begünstigt wird.
Die Schlußfolgerung daraus ist, daß eine Kultur niemals zum
Urteilskriterium und noch weniger zum letzten Wahrheitskriterium gegenüber
der Offenbarung Gottes werden kann. Das Evangelium steht nicht im
Gegensatz zu dieser oder jener Kultur, als wollte es ihr bei der Begegnung
mit ihr das aberkennen, was zu ihr gehört, und sie zur Annahme äußerer
Formen nötigen, die nicht zu ihr passen. Im Gegenteil, die Verkündigung,
die der Gläubige in die Welt und in die Kulturen trägt, ist eine
wirkliche Form der Befreiung von jeder durch die Sünde eingeführten
Unordnung und zugleich Aufruf zur vollen Wahrheit. Bei dieser Begegnung
wird den Kulturen nichts aberkannt; sie werden sogar ermuntert, sich dem
Neuen zu öffnen, das die Wahrheit des Evangeliums enthält, um
daraus Ansporn zu weiteren Entwicklungen zu gewinnen.
72. Der Umstand, daß die Evangelisierung auf ihrem Weg zunächst
der griechischen Philosophie begegnete, ist keineswegs ein Hinweis darauf,
daß andere Wege der Annäherung ausgeschlossen wären. In
unserer heutigen Zeit, in der das Evangelium nach und nach mit Kulturräumen
in Berührung kommt, die sich bisher außerhalb des
Verbreitungsbereiches des Christentums befunden hatten, eröffnen sich
für die Inkulturation neue Aufgaben. Unserer Generation stellen sich ähnliche
Probleme, wie sie die Kirche in den ersten Jahrhunderten zu bewältigen
hatte.
Meine Gedanken gehen spontan zu den Ländern des Orients, die so
reich an sehr alten religiösen und philosophischen Überlieferungen
sind. Unter ihnen nimmt Indien einen besonderen Platz ein. Ein großartiger
geistiger Aufschwung führt das indische Denken zur Suche nach einer
Erfahrung, die dadurch, daß sie den Geist von den durch Zeit und
Raum gegebenen Bedingtheiten befreit, Absolutheitswert hat. Im Dynamismus
dieser Suche nach Befreiung finden sich große metaphysische Systeme.
Den Christen von heute, vor allem jenen in Indien, fällt die
Aufgabe zu, aus diesem reichen Erbe die Elemente zu entnehmen, die mit
ihrem Glauben vereinbar sind, so daß es zu einer Bereicherung des
christlichen Denkens kommt. Für diese Unterscheidungsarbeit, zu der
die Konzilserklärung Nostra aetate Anregung bietet, sollen
sie eine Reihe von Kriterien berücksichtigen. Das erste ist die
Universalität des menschlichen Geistes, dessen Grundbedürfnisse
in den verschiedenen Kulturen identisch sind. Das zweite Kriterium, das
sich aus dem ersten ergibt, besteht in Folgendem: Wenn die Kirche mit großen
Kulturen in Kontakt tritt, mit denen sie vorher noch nicht in Berührung
gekommen war, darf sie sich nicht von dem trennen, was sie sich durch die
Inkulturation ins griechisch-lateinische Denken angeeignet hat. Der
Verzicht auf ein solches Erbe würde dem Vorsehungsplan Gottes
zuwiderlaufen, der seine Kirche die Straßen der Zeit und der
Geschichte entlangführt. Dieses Kriterium gilt übrigens für
die Kirche jeder Epoche, auch für die Kirche von morgen, die sich
durch die in der heutigen Annäherung an die orientalischen Kulturen
gewonnenen Errungenschaften bereichert fühlen wird. Sie wird in
diesem Erbe neue Hinweise finden, um in einen fruchtbaren Dialog mit jenen
Kulturen einzutreten, welche die Menschheit auf ihrem Weg in die Zukunft
zum Erblühen bringen können. Drittens soll man sich davor hüten,
den legitimen Anspruch des indischen Denkens auf Besonderheit und
Originalität mit der Vorstellung zu verwechseln, eine kulturelle
Tradition müsse sich in ihr Verschiedensein einkapseln und sich in
ihrer Gegensätzlichkeit zu den anderen Traditionen behaupten; dies würde
dem Wesen des menschlichen Geistes widersprechen.
Was hier für Indien gesagt wird, gilt auch für das Erbe, das
die großen Kulturen Chinas, Japans und der anderen Länder
Asiens sowie der Reichtum der vor allem mündlich überlieferten
traditionellen Kulturen Afrikas enthalten.
73. Im Lichte dieser Überlegungen wird die Beziehung, die sich
zwischen Theologie und Philosophie anbahnen soll, in Form einer
Kreisbewegung erfolgen. Für die Theologie wird das in der Geschichte
geoffenbarte Wort Gottes stets Ausgangspunkt und Quelle sein, während
das letzte Ziel nur das in der Aufeinanderfolge der Generationen nach und
nach vertiefte Verständnis des Gotteswortes sein kann. Da
andererseits das Wort Gottes Wahrheit ist (vgl. Joh 17, 17), muß
zu seinem besseren Verständnis die menschliche Suche nach der
Wahrheit, das heißt das unter Respektierung der ihm eigenen Gesetze
entwickelte Philosophieren, nutzbar gemacht werden. Dabei handelt es sich
nicht einfach darum, in der theologischen Argumentation den einen oder
anderen Begriff oder Bruchstücke eines philosophischen Gefüges
zu verwenden; entscheidend ist, daß bei der Suche nach dem Wahren
innerhalb einer Bewegung, die sich, ausgehend vom Wort Gottes, um dessen
besseres Verständnis bemüht, die Vernunft des Glaubenden ihre
Denkfähigkeiten einsetzt. Im übrigen ist klar, daß die
Vernunft, wenn sie sich innerhalb dieser beiden Pole Wort Gottes
und sein besseres Verständnis bewegt, gleichsam darauf
hingewiesen, ja in gewisser Weise dazu angehalten wird, Wege zu meiden,
die sie außerhalb der geoffenbarten Wahrheit und letzten Endes außerhalb
der reinen, einfachen Wahrheit führen würden; sie wird sogar
angespornt, Wege zu erforschen, von denen sie von sich aus nicht einmal
vermutet hätte, sie je einschlagen zu können. Aus diesem Verhältnis
zum Wort Gottes in Form der Kreisbewegung geht die Philosophie bereichert
hervor, weil die Vernunft neue und unerwartete Horizonte entdeckt.
74. Den Beweis für die Fruchtbarkeit einer solchen Beziehung
liefert die persönliche Geschichte großer christlicher
Theologen, die sich auch als große Philosophen auszeichneten und
Schriften von so hohem spekulativen Wert hinterließen, daß sie
mit Recht neben die Meister der antiken Philosophie gestellt werden können.
Das gilt sowohl für die Kirchenväter, von denen wenigstens die
Namen des hl. Gregor von Nazianz und des hl. Augustinus genannt seien, als
auch für die mittelalterlichen Gelehrten mit dem großen
Dreigestirn hl. Anselm, hl. Bonaventura und hl. Thomas von Aquin. Die
fruchtbare Beziehung zwischen der Philosophie und dem Wort Gottes schlägt
sich auch in der mutigen Forschung nieder, die von einigen jüngeren
Denkern geleistet wurde. Unter ihnen möchte ich für den
westlichen Bereich Persönlichkeiten nennen wie John Henry Newman,
Antonio Rosmini, Jacques Maritain, Étienne Gilson und Edith Stein.
Aus dem östlichen Bereich sind Gelehrte wie Vladimir S. Solov'ev,
Pavel A. Florenskij, Petr J. Tschaadaev und Vladimir N. Lossky zu erwähnen.
Wenn ich mich auf diese Autoren berufe, neben denen noch andere Namen
stehen könnten, möchte ich natürlich nicht alle
Gesichtspunkte ihres Denkens bestätigen, sondern lediglich sprechende
Beispiele eines philosophischen Forschungsweges vorstellen, der aus der
Auseinandersetzung mit den Vorgaben des Glaubens beachtenswerte Vorteile
gezogen hat. Eines ist sicher: Die Beachtung des geistlichen Weges dieser
Lehrmeister muß dem Fortschritt in der Suche nach Wahrheit und in
der Nutzbarmachung der erzielten Ergebnisse zum Wohl der Menschen dienen.
Es bleibt zu hoffen, daß diese große
philosophisch-theologische Tradition heute und in Zukunft zum Wohl der
Kirche und der Menschheit ihre Fortsetzer und Verehrer finden möge.
Verschiedene Standorte der Philosophie [75-79]
75. Wie sich aus der oben kurz angedeuteten Geschichte der Beziehungen
von Glaube und Philosophie ergibt, lassen sich verschiedene Standorte der
Philosophie in bezug auf den christlichen Glauben unterscheiden. Da ist
zuerst der Status der von der Offenbarung des Evangeliums völlig
unabhängigen Philosophie: Gemeint ist die Philosophie, wie sie
geschichtlich in den der Geburt des Erlösers vorausgehenden Epochen
und danach in den vom Evangelium noch nicht erreichten Regionen Gestalt
angenommen hat. In dieser Situation bekundet die Philosophie das legitime
Bestreben, eine Unternehmung zu sein, die autonom ist; das heißt:
sie geht nach ihren eigenen Gesetzen vor und bedient sich auschließlich
der Kräfte der Vernunft. Dieses Bestreben muß man unterstützen
und stärken, auch wenn man sich der schwerwiegenden, durch die
angeborene Schwäche der menschlichen Vernunft bedingten Grenzen bewußt
ist. Denn das philosophische Engagement als Suche nach der Wahrheit im natürlichen
Bereich bleibt zumindest implizit offen für das Übernatürliche.
Mehr noch: Auch dann, wenn sich die theologische Argumentation
philosophischer Begriffe und Argumente bedient, muß der Anspruch auf
die rechte Autonomie des Denkens respektiert werden. Denn die nach
strengen Vernunftkriterien entwickelte Argumentation ist Gewähr für
das Erreichen allgemeingültiger Ergebnisse. Auch hier erfüllt
sich das Prinzip, wonach die Gnade die Natur nicht zerstört, sondern
vervollkommnet: Die Glaubenszustimmung, die den Verstand und den Willen
verpflichtet, zerstört nicht die Willensfreiheit eines jeden
Glaubenden, der das Geoffenbarte in sich aufnimmt, sondern vervollkommnet
sie.
Von diesem korrekten Anspruch weicht ganz klar die Theorie von der
sogenannten »getrennten« Philosophie ab, wie sie von einigen
modernen Philosophen vertreten wird. Über die Bejahung der
berechtigten Autonomie hinaus fordert sie eine Unabhängigkeit des
Denkens, die sich klar als unzulässig erweist: Die aus der göttlichen
Offenbarung kommenden Beiträge zur Wahrheit abzulehnen, bedeutet nämlich,
sich zum Schaden der Philosophie den Zugang zu einer tieferen
Wahrheitserkenntnis zu versperren.
76. Ein zweiter Standort der Philosophie ist jener, den viele mit dem
Ausdruck christliche Philosophie bezeichnen. Die Bezeichnung ist
an und für sich zulässig, darf aber nicht mißverstanden
werden: Es wird damit nicht beabsichtigt, auf eine offizielle Philosophie
der Kirche anzuspielen, da ja der Glaube an sich keine Philosophie ist.
Vielmehr soll mit dieser Bezeichnung auf ein christliches Philosophieren,
auf eine in lebendiger Verbundenheit mit dem Glauben konzipierte
philosophische Spekulation hingewiesen werden. Man bezieht sich dabei also
nicht einfach auf eine Philosophie, die von christlichen Philosophen
erarbeitet wurde, die in ihrer Forschung dem Glauben nicht widersprochen
haben. Wenn von christlicher Philosophie die Rede ist, will man damit alle
jene bedeutenden Entwicklungen des philosophischen Denkens erfassen, die
sich ohne den direkten oder indirekten Beitrag des christlichen Glaubens
nicht hätten verwirklichen lassen.
Es gibt daher zwei Aspekte der christlichen Philosophie: einen
subjektiven, der in der Läuterung der Vernunft durch den Glauben
besteht. Als göttliche Tugend befreit er die Vernunft von der
typischen Versuchung zur Anmaßung, der die Philosophen leicht
erliegen. Schon der hl. Paulus, die Kirchenväter und Philosophen wie
Pascal und Kierkegaard, die uns zeitlich näher sind, haben sie
gebrandmarkt. Mit der Demut gewinnt der Philosoph auch den Mut, sich mit
manchen Problemen auseinanderzusetzen, die er ohne Berücksichtigung
der von der Offenbarung empfangenen Erkenntnisse kaum lösen könnte.
Man denke zum Beispiel an die Probleme des Bösen und des Leides, an
die Identität eines persönlichen Gottes und an die Frage nach
dem Sinn des Lebens oder, direkter, an die radikale metaphysische Frage: »Warum
gibt es etwas?«.
Daneben steht der objektive Aspekt, der die Inhalte betrifft: die
Offenbarung legt klar und deutlich einige Wahrheiten vor, die von der
Vernunft, obwohl sie ihr natürlich nicht unzugänglich sind,
vielleicht niemals entdeckt worden wären, wenn sie sich selbst überlassen
geblieben wäre. In diesem Blickfeld liegen Fragen wie der Begriff
eines freien und schöpferischen persönlichen Gottes, der für
die Entwicklung des philosophischen Denkens und insbesondere für die
Philosophie des Seins so große Bedeutung gehabt hat. In diesen
Bereich gehört auch die Realität der Sünde, wie sie im
Lichte des Glaubens erscheint, der hilft, das Problem des Bösen in
geeigneter Weise philosophisch anzugehen. Auch die Auffassung von der
Person als geistiges Wesen ist eine besondere Eigenart des Glaubens: Die
christliche Botschaft von der Würde, der Gleichheit und der Freiheit
der Menschen hat sicher das philosophische Denken beeinflußt, das
die Modernen vollzogen haben. Als Beispiel, das unserer Zeit näher
ist, kann man die Entdeckung der Bedeutung des geschichtlichen Ereignisses
für die Philosophie erwähnen, das die Mitte der christlichen
Offenbarung bildet. Nicht zufällig ist es zur Grundlage einer
Geschichtsphilosophie geworden, das sich als ein neues Kapitel der
menschlichen Suche nach der Wahrheit darstellt.
Zu den objektiven Elementen der christlichen Philosophie gehört
auch die Notwendigkeit, die Vernünftigkeit mancher von der Heiligen
Schrift ausgesprochenen Wahrheiten zu erforschen, wie die Möglichkeit
einer übernatürlichen Berufung des Menschen und eben auch die
Erbsünde. Das sind Aufgaben, welche die Vernunft veranlassen
anzuerkennen, daß es Wahres und Vernünftiges außerhalb
der engen Grenzen gibt, in die sich einzuschließen sie geneigt wäre.
Diese Themen erweitern tatsächlich den Bereich des Vernünftigen.
Im Nachdenken über diese Inhalte sind die Philosophen nicht
Theologen geworden; denn sie haben nicht versucht, die Glaubenswahrheiten
von der Offenbarung her zu verstehen und zu deuten. Sie setzten die Arbeit
auf ihrem eigenen Gebiet und mit ihrer rein rationalen Methode fort,
dehnten aber ihre Untersuchung auf neue Bereiche des Wahren aus. Man kann
sagen, daß es ohne diesen stimulierenden Einfluß des Wortes
Gottes einen beachtlichen Teil der modernen und zeitgenössischen
Philosophie gar nicht gäbe. Der Befund bewahrt seine ganze Bedeutung
auch angesichts der enttäuschenden Feststellung, daß nicht
wenige Denker dieser letzten Jahrhunderte die christliche Rechtgläubigkeit
aufgegeben haben.
77. Ein weiterer bedeutsamer Standort der Philosophie ergibt sich, wenn
die Theologie selbst die Philosophie hineinzieht. In Wirklichkeit
hat die Theologie immer den philosophischen Beitrag gebraucht. Sie braucht
ihn auch weiterhin. Da die theologische Arbeit ein Werk der kritischen
Vernunft im Lichte des Glaubens ist, ist für sie bei ihrem ganzen
Forschen eine in begrifflicher und argumentativer Hinsicht erzogene und
ausgebildete Vernunft Voraussetzung und Forderung. Darüber hinaus
braucht die Theologie die Philosophie als Gesprächspartnerin, um die
Verständlichkeit und allgemeingültige Wahrheit ihrer Aussagen
festzustellen. Nicht zufällig wurden von den Kirchenvätern und
von den mittelalterlichen Theologen nichtchristliche Philosophien für
diese Erklärungsfunktion übernommen. Diese historische Tatsache
weist auf den Wert der Autonomie hin, den die Philosophie auch in
diesem dritten Standort bewahrt, zeigt aber zugleich die notwendigen und
tiefgreifenden Veränderungen auf, die sie auf sich nehmen muß.
Ganz im Sinne eines unerläßlichen und vortrefflichen Beitrags
wurde die Philosophie seit der Väterzeit ancilla theologiae genannt.
Der Beiname wurde nicht verwendet, um eine sklavische Unterwerfung oder
eine rein funktionale Rolle der Philosophie gegenüber der Theologie
zu bezeichnen. Er wurde vielmehr in dem Sinne gebraucht, in dem
Aristoteles von den Erfahrungswissenschaften als »Mägden«
der »ersten Philosophie« sprach. Der Ausdruck, der heute wegen
der oben angeführten Autonomieprinzipien schwer anwendbar ist, diente
im Laufe der Geschichte dazu, auf die Notwendigkeit der Beziehung zwischen
den beiden Wissenschaften und auf die Unmöglichkeit ihrer Trennung
hinzuweisen.
Würde sich der Theologe weigern, von der Philosophie Gebrauch zu
machen, liefe er Gefahr, ohne sein Wissen Philosophie zu treiben und sich
in Denkstrukturen einzuschließen, die dem Glaubensverständnis
wenig angemessen sind. Der Philosoph wiederum würde sich, wenn er
jeden Kontakt mit der Theologie ausschlösse, verpflichtet fühlen,
sich eigenständig der Inhalte des christlichen Glaubens zu bemächtigen,
wie das bei einigen modernen Philosophen der Fall war. Im einen wie im
anderen Fall würde sich die Gefahr der Zerstörung der
Grundprinzipien der Autonomie ergeben, deren Garantie jede Wissenschaft
mit Recht für sich fordert.
Der hier besprochene Status der Philosophie steht wegen der
Implikationen, die er im Verständnis der Offenbarung mit sich bringt,
zusammen mit der Theologie unmittelbarer unter der Autorität des
Lehramtes und seiner Prüfung; dies habe ich vorher dargelegt. Denn
aus der Glaubenswahrheit ergeben sich bestimmte Forderungen, welche die
Philosophie in dem Augenblick respektieren muß, wo sie mit der
Theologie in Verbindung tritt.
78. Im Lichte dieser Überlegungen wird es wohl verständlich,
warum das Lehramt wiederholt die Verdienste des Denkens des hl. Thomas
gelobt und ihn als führenden Lehrmeister und Vorbild für das
Theologiestudium herausgestellt hat. Es war dem Lehramt weder daran
gelegen, zu eigentlich philosophischen Fragen Stellung zu nehmen noch die
Zustimmung zu besonderen Auffassungen aufzuerlegen. Die Absicht des
Lehramtes war und ist es weiterhin zu zeigen, daß der hl. Thomas ein
authentisches Vorbild für alle ist, die nach der Wahrheit suchen.
Denn in seinem Denken haben der Anspruch der Vernunft und die Kraft des
Glaubens zur höchsten Zusammenschau gefunden, zu der das Denken je
gelangt ist. Er hat es verstanden, das radikal Neue, das die Offenbarung
gebracht hat, zu verteidigen, ohne je den typischen Weg der Vernunft zu
demütigen.
79. Mit einer weiteren ausführlichen Darlegung der Inhalte des
bisherigen Lehramtes möchte ich in diesem letzten Teil einige
Forderungen aufzeigen, die heute die Theologie und zuvor noch das
Wort Gottes an das philosophische Denken und die modernen
Philosophien stellt. Wie ich bereits hervorgehoben habe, muß der
Philosoph nach eigenen Regeln vorgehen und sich auf seine eigenen
Prinzipien stützen; die Wahrheit kann jedoch nur eine sein. Die
Offenbarung mit ihren Inhalten wird niemals die Vernunft bei ihren
Entdeckungen und in ihrer legitimen Autonomie unterdrücken können;
umgekehrt wird jedoch die Vernunft in dem Bewußtsein, sich nicht zu
absoluter und ausschließlicher Gültigkeit erheben zu können,
nie ihre Fähigkeit verlieren dürfen, sich fragen zu lassen und
zu fragen. Indem die geoffenbarte Wahrheit von dem Glanz her, der von dem
subsistenten Sein selbst ausgeht, volle Erhellung über das Sein gewährt,
wird sie den Weg der philosophischen Reflexion erleuchten. Die christliche
Offenbarung wird somit zum eigentlichen Ansatz- und Vergleichspunkt
zwischen philosophischem und theologischem Denken, die zueinander in einer
Wechselbeziehung stehen. Daher ist es wünschenswert, daß sich
Theologen und Philosophen von der einzigen Autorität der Wahrheit
leiten lassen und eine Philosophie erarbeiten, die im Einklang mit dem
Wort Gottes steht. Diese Philosophie wird der Boden für die Begegnung
zwischen den Kulturen und dem christlichen Glauben sein, der Ort der Verständigung
zwischen Glaubenden und Nichtglaubenden. Sie wird hilfreich sein, damit
sich die Gläubigen aus nächster Nähe davon überzeugen,
daß die Tiefe und Unverfälschtheit des Glaubens gefördert
wird, wenn er sich mit dem Denken verbindet und nicht darauf verzichtet.
Und wieder ist es die Lehre der Kirchenväter, die uns zu dieser Überzeugung
führt: »Dasselbe glauben ist nichts anderes als zustimmend
denken [...]. Jeder, der glaubt, denkt; wenn er glaubt, denkt er, und wenn
er denkt, glaubt er [...]. Wenn der Glaube nicht gedacht wird, ist er
nichts«.(95) Und an anderer Stelle heißt es: »Wenn einer
die Zustimmung aufgibt, gibt er den Glauben auf, denn ohne Zustimmung
glaubt man überhaupt nicht«.(96)
KAPITEL VII
AKTUELLE FORDERUNGEN UND AUFGABEN
Die unverzichtbaren Forderungen des Wortes Gottes [80-91]
80. Die Heilige Schrift enthält sowohl in expliziter wie impliziter
Form eine Reihe von Elementen, die uns zu einem Menschenbild und einer
Weltsicht von beträchtlicher philosophischer Stärke gelangen
lassen. Die Christen wurden sich allmählich des in heiligen Büchern
enthaltenen Reichtums bewußt. Aus jenen Seiten ergibt sich, daß
die Wirklichkeit, die wir erfahren, nicht das Absolute ist: sie ist weder
ungeschaffen noch ist sie sich selbst geschaffen. Nur Gott ist das
Absolute. Aus den Seiten der Bibel geht außerdem eine Sicht vom
Menschen als imago Dei, Abbild Gottes, hervor, die genaue Hinweise
auf sein Sein, seine Freiheit und die Unsterblichkeit seiner Seele enthält.
Da die geschaffene Welt sich nicht selbst genügt, führt jede
Illusion von Autonomie, welche die wesentliche Abhängigkeit übersieht,
in der jedes Geschöpf einschließlich der Mensch
vor Gott steht, zu Konflikten, welche die rationale Suche nach der
Harmonie und dem Sinn des menschlichen Daseins zunichte machen.
Auch das Problem des sittlich Bösen die tragischste Form des
Bösen wird in der Bibel aufgegriffen, die uns sagt, daß
es nicht auf irgendeinen durch die Materie bedingten Mangel zurückzuführen
ist, sondern auf eine Wunde, die von einem ungeordneten Sich-Äußern
der menschlichen Freiheit herrührt. Schließlich zeigt das Wort
Gottes das Problem auf, welchen Sinn das Dasein hat, und enthüllt
seine Antwort, indem es den Menschen auf Jesus Christus, das
fleischgewordene Wort, hinweist, der das menschliche Dasein im Vollsinn
verwirklicht. Weitere Aspekte ließen sich aus der Lektüre des
heiligen Textes verdeutlichen; jedenfalls ergibt sich daraus die Zurückweisung
jeder Form von Relativismus, Materialismus und Pantheismus.
Die Grundüberzeugung dieser in der Bibel enthaltenen »Philosophie«
besteht darin, daß das menschliche Leben und die Welt einen Sinn
haben und auf ihre Vollendung hin ausgerichtet sind, die sich in Jesus
Christus erfüllt. Das Geheimnis der Menschwerdung wird immer der
Mittelpunkt bleiben, auf den man sich beziehen muß, um das Rätsel
vom menschlichen Dasein, der geschaffenen Welt und von Gott selber
begreifen zu können. In diesem Geheimnis liegen extreme
Herausforderungen für die Philosophie, weil die Vernunft aufgerufen
ist, sich eine Logik zu eigen zu machen, welche die Schranken niederreißt,
hinter denen sie sich zu verschanzen droht. Erst hier jedoch erreicht der
Sinn des Daseins seinen Höhepunkt. Denn es wird das innerste Wesen
Gottes und des Menschen verständlich: Im Geheimnis des
fleischgewordenen Wortes werden göttliche und menschliche Natur in
ihrer je eigenen Autonomie bewahrt, und zugleich offenbart sich ein
einziges Band, das sie unvermischt in gegenseitige Beziehung setzt.(97)
81. Wir müssen feststellen, daß eines der gewichtigsten
Fakten in unserer derzeitigen Situation in der »Sinnkrise«
besteht. Die häufig wissenschaftlich geprägten Ansichten über
Leben und Welt haben eine derartige Vermehrung erfahren, daß wir
wirklich erleben, wie das Phänomen der Bruchstückhaftigkeit des
Wissens um sich greift. Genau das macht die Suche nach einem Sinn
schwierig und oft vergeblich. Noch dramatischer ist es, daß sich in
diesem wirren Geflecht aus Daten und Fakten, zwischen denen man lebt und
die den eigentlichen Gang des Daseins auszumachen scheinen, nicht wenige
fragen, ob es überhaupt noch sinnvoll sei, eine Sinnfrage zu stellen.
Die Mehrzahl der um eine Antwort streitenden Theorien bzw. die
unterschiedlichen Sicht- und Interpretationsweisen in bezug auf die Welt
und das Leben des Menschen verschärfen nur diesen radikalen Zweifel,
der leicht auf einen Zustand des Skeptizismus und der Gleichgültigkeit
oder auf die verschiedenen Äußerungen des Nihilismus hinausläuft.
Als Folge davon wird der menschliche Geist von einem zweideutigen Denken
vereinnahmt, das ihn veranlaßt, sich noch mehr in sich selbst, in
die Grenzen seiner Immanenz zu verschließen, ohne irgendeinen Bezug
zur Transzendenz zu haben. Eine Philosophie, die nicht mehr die Frage nach
dem Sinn des Daseins stellt, würde ernsthaft Gefahr laufen, die
Vernunft zu rein instrumentalen Funktionen zu degradieren, ohne jegliche
echte Leidenschaft für die Suche nach der Wahrheit.
Um sich in Übereinstimmung mit dem Wort Gottes zu befinden, muß
die Philosophie vor allem ihre Weisheitsdimension wiederfinden,
die in der Suche nach dem letzten und umfassenden Sinn des Lebens besteht.
Wenn man es recht betrachtet, stellt diese erste Forderung für die
Philosophie einen sehr nützlichen Ansporn dazu dar, ihrem
eigentlichen Wesen gerecht zu werden. Denn wenn sie das tut, wird sie
nicht nur die entscheidende kritische Instanz sein, die die verschiedenen
Seiten des wissenschaftlichen Wissens auf ihre Zuverlässigkeit und
ihre Grenzen hinweist, sondern sie wird sich auch als letzte Instanz für
die Einigung von menschlichem Wissen und Handeln erweisen, indem sie diese
dazu veranläßt, ein endgültiges Ziel und einen letzten
Sinn anzustreben. Diese Weisheitsdimension ist heute um so unerläßlicher,
weil die enorme Zunahme der technischen Macht der Menschheit ein
erneuertes und geschärftes Bewußtsein für die letzten
Werte verlangt. Sollten diese technischen Mittel ohne Hinordnung auf ein
Ziel bleiben, das nicht bloß vom Nützlichkeitsstandpunkt her
bestimmt wird, könnten sie sich sehr schnell als inhuman
herausstellen, ja sich in potentielle Zerstörer des
Menschengeschlechts verwandeln.(98)
Das Wort Gottes offenbart das letzte Ziel des Menschen und verleiht
seinem Handeln in der Welt einen umfassenden Sinn. Deshalb lädt das
Wort Gottes die Philosophie ein, sich für die Suche nach der natürlichen
Grundlage dieses Sinnes einzusetzen; diese Grundlage besteht in der
Religiosität, die jedem Menschen als Person eigen ist. Eine
Philosophie, die die Möglichkeit eines letzten und umfassenden Sinnes
leugnen wollte, wäre nicht nur unangemessen, sondern irrig.
82. Diese der Weisheit verpflichtete Rolle könnte allerdings nicht
von einer Philosophie wahrgenommen werden, die nicht selbst echtes und
wahres Wissen wäre; das heißt eine Philosophie, die nicht nur
auf einzelne, bedingte ob funktionale, formale oder
utilitaristische Aspekte des Wirklichen, sondern auf seine vollständige
und endgültige Wahrheit, also auf das Sein des Erkenntnisgegenstandes
selbst gerichtet ist. Daher gilt eine zweite Forderung: Überprüfung
der Fähigkeit des Menschen, zur Erkenntnis der Wahrheit zu
gelangen; eine Erkenntnis übrigens, die zur objektiven Wahrheit
gelangt durch jene adaequatio rei et intellectus,(99) auf die sich
die Gelehrten der Scholastik beziehen. Diese Forderung, die dem Glauben
eigen ist, wurde vom II. Vatikanischen Konzil ausdrücklich neu bekräftigt:
»Die Vernunft ist nämlich nicht auf die bloßen Phänomene
eingeengt, sondern vermag geistig tiefere Strukturen der Wirklichkeit mit
wahrer Sicherheit zu erreichen, wenn sie auch infolge der Sünde zum
Teil verdunkelt und geschwächt ist«. (100)
Eine radikal phänomenalistische oder relativistische Philosophie würde
sich als ungeeignet dafür erweisen, diese Hilfe zu leisten, wenn es
um die Vertiefung der im Wort Gottes enthaltenen Fülle geht. Die
Heilige Schrift setzt nämlich immer voraus, daß der Mensch,
auch wenn er der Doppelzüngigkeit und Lüge schuldig ist, die
reine und einfache Wahrheit zu erkennen und zu begreifen vermag. In den
Heiligen Büchern und besonders im Neuen Testament finden sich Texte
und Aussagen von wirklich ontologischer Tragweite. Die inspirierten
Verfasser wollten nämlich wahre Aussagen formulieren, Aussagen also,
welche die objektive Wirklichkeit ausdrücken sollten. Man kann nicht
behaupten, die katholische Überlieferung habe einen Irrtum begangen,
als sie einige Texte des hl. Johannes und des hl. Paulus als Aussagen über
das Sein Christi selbst verstanden hat. Die Theologie braucht daher, wenn
sie sich dem Verstehen und Erklären dieser Aussagen widmet, den
Beitrag einer Philosophie, welche die Möglichkeit einer objektiv
wahren, freilich immer vervollkommnungsfähigen Erkenntnis nicht
leugnet. Das Gesagte gilt auch für die Urteile des sittlichen
Gewissens, von denen die Heilige Schrift annimmt, daß sie objektiv
wahr sein können. (101)
83. Die beiden obengenannten Forderungen ziehen eine dritte nach sich:
Erforderlich ist eine Philosophie von wahrhaft metaphysischer Tragweite;
sie muß imstande sein, das empirisch Gegebene zu transzendieren, um
bei ihrer Suche nach der Wahrheit zu etwas Absolutem, Letztem und
Grundlegendem zu gelangen. Das ist eine selbstverständliche
Forderung, die sowohl für die auf Grund der Weisheit wie auch für
die auf analytischem Wege gewonnenen Erkenntnis Geltung hat; es ist im
besonderen eine Forderung an die Erkenntnis des sittlich Guten, dessen
letzter Grund das höchste Gut, Gott selber, ist. Ich spreche hier
nicht von der Metaphysik als einer bestimmten Schule oder einer besonderen
geschichtlichen Strömung. Ich möchte nur bekräftigen, daß
die Wirklichkeit und die Wahrheit das Tatsächliche und Empirische übersteigen.
Zudem will ich die Fähigkeit des Menschen geltend machen, diese
transzendente und metaphysische Dimension wahrhaftig und sicher,
wenngleich auf unvollkommene und analoge Weise, zu erkennen. So
verstanden, darf die Metaphysik nicht als Alternative zur Anthropologie
gesehen werden, gestattet es doch gerade die Metaphysik, dem Begriff von
der Würde der Person, die auf ihrer geistigen Verfaßtheit fußt,
eine Grundlage zu geben. Besonders die Person stellt einen bevorzugten
Bereich dar für die Begegnung mit dem Sein und daher mit dem
metaphysischen Denken.
Wo immer der Mensch einen Hinweis auf das Absolute und Transzendente
entdeckt, öffnet sich für ihn ein Spalt zur metaphysischen
Dimension des Wirklichen: in der Wahrheit, in der Schönheit, in den
sittlichen Werten, in der Person des anderen, im Sein selbst, in Gott.
Eine große Herausforderung, die uns am Ende dieses Jahrtausends
erwartet, besteht darin, daß es uns gelingt, den ebenso notwendigen
wie dringenden Übergang vom Phänomen zum Fundament
zu vollziehen. Wir können unmöglich bei der bloßen
Erfahrung stehenbleiben; auch wenn diese die Innerlichkeit des Menschen
und seine Spiritualität ausdrückt und verdeutlicht, muß
das spekulative Denken die geistliche Mitte und das sie tragende Fundament
erreichen. Ein philosophisches Denken, das jede metaphysische Öffnung
ablehnte, wäre daher völlig ungeeignet, im Verständnis der
Offenbarung als Vermittlerin wirken zu können.
Das Wort Gottes nimmt ständig auf das Bezug, was die Erfahrung und
sogar das Denken des Menschen übersteigt; aber dieses »Geheimnis«
könnte weder enthüllt werden noch wäre die Theologie
imstande, es auf irgendeine Weise verständlich zu machen, (102) wenn
die menschliche Erkenntnis streng auf die Welt der sinnlichen Erfahrung
beschränkt wäre. Die Metaphysik stellt sich deshalb als
bevorzugte Vermittlung in der theologischen Forschung dar. Einer Theologie
ohne metaphysischen Horizont würde es nicht gelingen, über die
Analyse der religiösen Erfahrung hinauszutreten; außerdem würde
sie es dem intellectus fidei unmöglich machen, den
universalen und transzendenten Wert der geoffenbarten Wahrheit auf kohärente
Weise zum Ausdruck zu bringen.
Wenn ich so sehr auf der metaphysischen Komponente bestehe, dann
deshalb, weil ich davon überzeugt bin, daß sie der unumgängliche
Weg ist, um die Krisensituation, die heutzutage große Teile der
Philosophie durchzieht, zu überwinden und auf diese Weise manche in
unserer Gesellschaft verbreiteten abwegigen Verhaltensweisen zu
korrigieren.
84. Die Bedeutung des metaphysischen Anspruchs wird noch offenkundiger,
wenn man die heutige Entwicklung der hermeneutischen Wissenschaften und
der verschiedenen Sprachanalysen unter die Lupe nimmt. Die Ergebnisse, zu
welchen diese Forschungen gelangen, können für das Glaubensverständnis
sehr nützlich sein, insofern sie die Struktur unseres Denkens und
Sprechens und den in der Sprache enthaltenen Sinn deutlich machen. Es gibt
jedoch Vertreter dieser Wissenschaften, die dazu neigen, in ihren
Forschungen dabei stehenzubleiben, wie die Wirklichkeit zu verstehen und
zu benennen ist, während sie davon absehen, die Möglichkeiten zu
überprüfen, die der Vernunft eigen sind, um das Wesen der
Wirklichkeit zu entdecken. Muß man in einer solchen Haltung nicht
eine Bestätigung der Vertrauenskrise hinsichtlich der Fähigkeiten
der Vernunft sehen, wie sie unsere Zeit durchmacht? Wenn sich dann auf
Grund aprioristischer Annahmen diese Auffassungen dazu anschicken, die
Glaubensinhalte zu verwischen oder ihre Allgemeingültigkeit zu
leugnen, so unterdrücken sie nicht nur die Vernunft, sondern stellen
sich selbst ins Abseits. Denn der Glaube setzt ganz klar voraus, daß
die menschliche Sprache fähig ist, die göttliche und
transzendente Wirklichkeit auf allgemeingültige Weise auszudrücken.
Wenn die Worte auch analog gebraucht werden, so sind sie dennoch nicht
weniger bedeutungsträchtig. (103) Träfe dies nicht zu, würde
das Wort Gottes, das immer göttliches Wort in menschlicher Sprache
ist, nicht imstande sein, irgendetwas über Gott auszusagen. Die
Auslegung dieses Wortes darf uns nicht nur von einer Interpretation auf
die andere verweisen, ohne uns je dahin zu bringen, ihm eine schlichtweg
wahre Aussage zu entnehmen; andernfalls gäbe es Offenbarung Gottes
nicht, sondern nur die Formulierung menschlicher Auffassungen über
Ihn und über das, was Er wahrscheinlich von uns denkt.
85. Ich bin mir wohl bewußt, daß diese vom Wort Gottes an
die Philosophie gestellten Forderungen vielen, die die heutige Situation
philosophischer Forschung erleben, schwierig erscheinen mögen. Ich
greife deshalb auf, was die Päpste seit Generationen unaufhörlich
lehren und was auch das II. Vatikanische Konzil bekräftigt hat, und möchte
mit aller Deutlichkeit der Überzeugung Ausdruck geben, daß der
Mensch imstande ist, zu einer einheitlichen und organischen Wissensschau
zu gelangen. Das ist eine der Aufgaben, deren sich das christliche Denken
im Laufe des nächsten Jahrtausends christlicher Zeitrechnung wird
annehmen müssen. Da die Bruchstückhaftigkeit des Wissens eine
fragmentarische Annäherung an die Wahrheit mit der sich daraus
ergebenden Sinnzersplitterung mit sich bringt, verhindert sie die innere
Einheit des heutigen Menschen. Sollte sich die Kirche etwa nicht darüber
Sorgen machen? Diese der Weisheit geltende Aufgabe erwächst den Bischöfen
direkt aus dem Evangelium; sie können sich der Verpflichtung nicht
entziehen, dieser Aufgabe nachzukommen.
Ich meine, daß alle, die heute als Philosophen den Forderungen
entsprechen wollen, die das Wort Gottes an das menschliche Denken stellt,
ihre Argumentation auf der Grundlage dieser Postulate und in Kontinuität
mit jener großen Tradition erarbeiten sollten, die bei den antiken
Philosophen anfängt und über die Kirchenväter sowie die
Meister der Scholastik führt, um schließlich die grundlegenden
Errungenschaften des modernen und zeitgenössischen Denkens zu
erfassen. Wenn der Philosoph aus dieser Tradition zu schöpfen und
sich an ihr zu inspirieren vermag, wird er es nicht versäumen, sich
als getreuer Anhänger des Autonomieanspruchs des philosophischen
Denkens zu erweisen.
In diesem Sinne ist es um so bedeutsamer, daß im Zusammenhang mit
unserer gegenwärtigen Situation einige Philosophen zu Initiatoren der
Wiederentdeckung der entscheidenden Rolle werden, die der Überlieferung
für eine richtige Erkenntnisform zukommt. Der Verweis auf die
Tradition ist nämlich nicht bloß eine Erinnerung an die
Vergangenheit; er stellt vielmehr die Anerkennung eines Kulturerbes dar,
das der ganzen Menschheit gehört. Man könnte sogar sagen, wir
gehören zur Tradition und können nicht einfach über sie
verfügen, wie wir wollen. Gerade diese Einwurzelung in der Überlieferung
erlaubt uns heute, ein originelles, neues und in die Zukunft weisendes
Denken zum Ausdruck zu bringen. Dieser Hinweis gilt auch in hohem Maße
für die Theologie nicht nur, weil sie die lebendige Überlieferung
der Kirche als Urquelle besitzt, (104) sondern auch weil sie dadurch fähig
sein soll, sowohl die tiefe theologische Überlieferung, die die
vorangegangenen Epochen geprägt hat, als auch die ununterbrochene
philosophische Tradition zurückzugewinnen, die durch ihre wirkliche
Weisheit die Grenzen von Raum und Zeit zu überwinden vermocht hat.
86. Das Bestehen auf der Notwendigkeit einer engen kontinuierlichen
Beziehung des heutigen zu dem in der christlichen Tradition erarbeiteten
philosophischen Denkens will der Gefahr zuvorkommen, die sich in manchen,
heute besonders verbreiteten Denkrichtungen verbirgt. Ich halte es für
angebracht, wenigstens kurz auf sie einzugehen, um ihre Irrtümer und
die sich daraus für die philosophische Tätigkeit ergebenden
Gefahren festzustellen.
Die erste dieser Denkrichtungen ist unter dem Namen Eklektizismus
bekannt; ein Begriff, mit dem man die Haltung dessen bezeichnet, der
in Forschung, Lehre und auch theologischer Argumentation einzelne, aus
verschiedenen Philosophien stammende Ideen zu übernehmen pflegt, ohne
sich um deren systematischen Zusammenhang und ihre Einbettung in einen
geschichtlichen Kontext zu kümmern. Auf diese Weise gerät er in
die Lage, den Wahrheitsanteil eines bestimmten Denkens nicht mehr von dem
unterscheiden zu können, was an ihm möglicherweise irrtümlich
oder unangemessen ist. Eine Extremform des Eklektizismus ist auch im
rhetorischen Mißbrauch der philosophischen Begriffe erkennbar, der
sich der eine oder andere Theologe bisweilen hingibt. Eine solche
Instrumentalisierung dient nicht der Wahrheitssuche und erzieht weder die
theologische noch die philosophische Vernunft zu ernsthafter,
wissenschaftlicher Argumentation. Das konsequente und gründliche
Studium der philosophischen Lehren, ihrer besonderen Sprache und des
Umfeldes ihrer Entstehung hilft, die Gefahren des Eklektizismus zu überwinden,
und erlaubt eine angemessene Integration dieser Lehren in die theologische
Argumentation.
87. Der Eklektizismus ist ein methodischer Irrtum, könnte aber auch
Auffassungen in sich bergen, die für den Historizismus typisch
sind. Um eine Lehre aus der Vergangenheit richtig zu verstehen, muß
man sie in ihren geschichtlichen und kulturellen Zusammenhang einordnen.
Die Grundthese des Historizismus besteht hingegen darin, daß die
Wahrheit einer Philosophie auf der Grundlage ihrer Angemessenheit für
eine bestimmte Periode und eine bestimmte historische Aufgabe festgestellt
wird. Auf diese Weise wird, wenigstens implizit, die ewige Gültigkeit
des Wahren geleugnet. Was in einer Epoche wahr gewesen ist, so behauptet
der Historist, braucht es in einer anderen Zeit nicht mehr zu sein. Die
Geschichte des Denkens wird für ihn somit kaum mehr als ein archäologischer
Fund, aus dem man schöpft, um Positionen der Vergangenheit
herauszustellen, die nunmehr großenteils überholt und für
die Gegenwart ohne Bedeutung sind. Dagegen gilt es zu bedenken, daß
man in der Formulierung, auch wenn sie in gewisser Weise an die Zeit und
die Kultur gebunden ist, die in ihr ausgedrückte Wahrheit oder den
Irrtum trotz der räumlichen und zeitlichen Distanz auf jeden Fall
erkennen und als solche bewerten kann.
Im theologischen Denken präsentiert sich der Historizismus meistens
in einer Form des »Modernismus«. Mit der berechtigten Sorge, die
theologische Argumentation zeitgemäß und für den heutigen
Menschen annehmbar zu machen, bedient man sich nur jüngster Aussagen
und des gängigen philosophischen Jargons; dabei werden die kritischen
Ansprüche vernachlässigt, die im Lichte der Überlieferung
eventuell erhoben werden müßten. Weil diese Form des
Modernismus Aktualität mit Wahrheit verwechselt, erweist sie sich als
unfähig, die Wahrheitsansprüche zu befriedigen, auf welche die
Theologie Antwort zu geben berufen ist.
88. Eine weitere Gefahr, auf die es zu achten gilt, ist der Szientismus.
Diese philosophische Auffassung weigert sich, neben den Erkenntnisformen
der positiven Wissenschaften andere Weisen der Erkenntnis als gültig
zuzulassen, indem sie sowohl die religiöse und theologische
Erkenntnis als auch das ethische und ästhetische Wissen in den
Bereich der reinen Phantasie verbannt. In der Vergangenheit äußerte
sich diese Vorstellung im Positivismus und Neopositivismus, die Aussagen
metaphysischen Charakters für sinnlos hielten. Die epistemologische
Kritik hat diese Einstellung in Mißkredit gebracht; so ist sie jetzt
dabei, im Gewand des Szientismus wiederzuerstehen. In dieser Sicht werden
die Werte in einfache Produkte des Gefühls verbannt; die Erkenntnis
des Seins wird zurückgestellt, um der reinen Tatsächlichkeit
Platz zu machen. Die Wissenschaft bereitet sich also darauf vor, sämtliche
Aspekte des menschlichen Daseins durch den technologischen Fortschritt zu
beherrschen. Die unbestreitbaren Erfolge der naturwissenschaftlichen
Forschung und der modernen Technologie haben zur Verbreitung der
szientistischen Gesinnung beigetragen. Diese scheint grenzenlos zu sein in
Anbetracht dessen, wie sie in die verschiedenen Kulturen eingedrungen ist
und welche radikalen Umwälzungen sie dort herbeigeführt hat.
Man muß leider feststellen, daß alles, was die Frage nach
dem Sinn des Lebens betrifft, vom Szientismus in den Bereich des
Irrationalen oder Imaginären verwiesen wird. Nicht minder enttäuschend
ist die Art, in der diese Denkströmung an die anderen großen
Probleme der Philosophie herangeht. Sofern sie nicht ignoriert werden,
begegnet man ihnen mit Analysen, die sich auf oberflächliche
Analogien stützen, die einer rationalen Grundlage entbehren. Das führt
zur Verarmung des menschlichen Denkens, dem jene Grundprobleme entzogen
werden, die sich das animal rationale von Anbeginn seines
Erdendaseins an ständig gestellt hat. Nachdem aus dieser Perspektive
die aus der sittlichen Bewertung stammende Kritik zurückgestellt
worden war, gelang es der szientistischen Denkart, viele zur Annahme der
Vorstellung zu bringen, wonach das, was technisch machbar ist, eben
dadurch auch moralisch annehmbar wird.
89. Von nicht geringeren Gefahren kündet der Pragmatismus,
eine für diejenigen typische Denkhaltung, die es in ihren
Entscheidungsprozessen ausschließen, auf theoretische Überlegungen
zurückzugreifen oder auf ethischen Prinzipien gestützte
Bewertungen vorzunehmen. Die praktischen Folgen aus dieser Denkrichtung
sind beträchtlich. Insbesondere hat sich ein Demokratieverständnis
durchgesetzt, das den Bezug zu wertorientierten und deshalb unwandelbaren
Grundlagen unberücksichtigt läßt: Die Zulässigkeit
bzw. Unzulässigkeit eines bestimmten Verhaltens entscheidet sich auf
Grund des Votums der parlamentarischen Mehrheit. (105) Welche Konsequenzen
ein solcher Ansatz hat, liegt auf der Hand: Die großen moralischen
Entscheidungen des Menschen werden in Wirklichkeit den Beschlüssen
untergeordnet, die nach und nach von den institutionellen Organen an sich
gezogen werden. Mehr noch: Die Anthropologie selbst gerät in massive
Abhängigkeit durch das Angebot einer eindimensionalen Sicht vom
Menschen, der die großen sittlichen Nöte und die existentiellen
Analysen über den Sinn von Leiden und Opfer, von Leben und Tod fern
sind.
90. Die bis jetzt untersuchten Anschauungen führen ihrerseits zu
einer allgemeineren Auffassung, die heute für viele Philosophien, die
sich vom Sinn des Seins verabschiedet haben, den gemeinsamen Horizont zu
bilden scheint. Ich meine die nihilistische Deutung, die zugleich die
Ablehnung jeder Grundlage und die Leugnung jeder objektiven Wahrheit ist.
Der Nihilismus ist, ehe er noch im Gegensatz zu den Ansprüchen
und Inhalten des Wortes Gottes steht, Verneinung der Humanität des
Menschen und seiner Identität. Denn man darf nicht übersehen, daß
die Seinsvergessenheit unvermeidlich den Kontaktverlust mit der objektiven
Wahrheit und daher mit dem Grund zur Folge hat, auf dem die Würde des
Menschen fußt. So wird der Möglichkeit Platz geschaffen, vom
Angesicht des Menschen die Züge zu löschen, die seine Gottähnlichkeit
offenbaren, um ihn fortschreitend entweder zu einem zerstörerischen
Machtwillen oder in die Verzweiflung der Einsamkeit zu treiben. Wenn man
dem Menschen einmal die Wahrheit genommen hat, ist die Behauptung, ihn
befreien zu wollen, reine Illusion. Wahrheit und Freiheit verbinden sich
entweder miteinander oder sie gehen gemeinsam elend zugrunde. (106)
91. Wenn ich auf die eben erwähnten Denkrichtungen einging, war es
nicht meine Absicht, ein vollständiges Bild von der aktuellen
Situation der Philosophie zu bieten: Sie ließe sich im übrigen
schwerlich auf eine einheitliche Sicht reduzieren. Ich möchte
unterstreichen, daß das Erbe an Wissen und Weisheit tatsächlich
auf verschiedenen Gebieten eine Bereicherung erfahren hat. Es seien
genannt: die Logik, die Sprachphilosophie, die Epistemologie, die
Naturphilosophie, die Anthropologie, die eingehende Analyse der affektiven
Erkenntniswege, die existentielle Annäherung an die Analyse der
Freiheit. Andererseits hat die Bejahung des Immanenzprinzips, die im
Mittelpunkt des rationalistischen Anspruchs steht, seit dem vorigen
Jahrhundert Reaktionen ausgelöst, die in bezug auf Postulate, die für
unbestreitbar gehalten wurden, zu einem radikalen Verlust geführt
haben. Auf diese Weise sind irrationale Strömungen entstanden, während
die Kritik die Vergeblichkeit des absoluten Selbstbegründungsanspruchs
der Vernunft hervorhob.
Unsere Zeit ist von einigen Denkern als die Epoche der »Post-Moderne«
eingestuft worden. Dieser Begriff, der nicht selten in voneinander sehr
weit entfernten Zusammenhängen verwendet wird, bezeichnet das
Auftauchen einer Gesamtheit neuer Faktoren, die im Hinblick auf ihre
Verbreitung und Wirksamkeit erkennen ließen, daß sie
bedeutsame und dauerhafte Veränderungen zu verursachen vermögen.
So ist der Begriff anfangs auf ästhetische, soziale und
technologische Phänomene angewandt worden. Später wurde er in
den philosophischen Bereich übertragen, wobei er jedoch eine gewisse
Zweideutigkeit aufwies sowohl deshalb, weil das Urteil über
das, was als »postmodern« eingestuft wird, manchmal positiv und
manchmal negativ ist, als auch daher, weil es kein Einvernehmen über
das heikle Problem der Abgrenzung der verschiedenen Geschichtsepochen
gibt. Eines steht jedoch außer Zweifel: Die Denkrichtungen, die sich
auf die Post-Moderne berufen, verdienen entsprechende Aufmerksamkeit. Denn
nach Ansicht einiger von ihnen wäre die Zeit der Gewißheiten
hoffnungslos vorbei; nunmehr müßte der Mensch lernen, vor einem
Horizont völliger Sinnferne im Zeichen des Vorläufigen und Vergänglichen
zu leben. In ihrer zerstörerischen Kritik an jeder Gewißheit
ignorieren zahlreiche Autoren die notwendigen Unterscheidungen und leugnen
auch die Glaubensgewißheiten.
Dieser Nihilismus findet eine Art Bestätigung in der schrecklichen
Erfahrung des Bösen, die unser Zeitalter gezeichnet hat. Der Dramatik
dieser Erfahrung gegenüber vermochte der rationalistische Optimismus,
der in der Geschichte den fortschreitenden Sieg der Vernunft als Quelle
von Glück und Freiheit sah, nicht standzuhalten, so daß eine
der ärgsten Bedrohungen am Ende dieses Jahrhunderts die Versuchung
der Verzweiflung ist.
Es trifft jedoch zu, daß eine bestimmte positivistische
Geisteshaltung weiterhin die Illusion glaubhaft macht, daß dank der
naturwissenschaftlichen und technischen Errungenschaften der Mensch als
Weltenschöpfer von sich allein aus dahin gelangen könne, sich
der völligen Herrschaft über sein Schicksal zu versichern.
Aktuelle Aufgaben für die Theologie [92-99]
92. Was das Verständnis der Offenbarung betrifft, so mußte
die Theologie in den unterschiedlichen Geschichtsepochen stets die Ansprüche
der verschiedenen Kulturen aufnehmen, um dann in ihnen mit einer in sich
stimmigen Begrifflichkeit den Glaubensinhalt zu vermitteln. Auch heute hat
sie eine doppelte Aufgabe. Denn sie muß einerseits der Verpflichtung
nachkommen, die ihr das II. Vatikanische Konzil seinerzeit übertragen
hat: Erneuerung ihrer Methoden im Hinblick auf einen wirkungsvolleren
Dienst an der Evangelisierung. Sollte man aus dieser Sicht etwa nicht an
die Worte denken, die von Papst Johannes XXIII. bei der Eröffnung des
Konzils gesprochen worden sind? Er sagte damals: »Es ist notwendig,
daß der lebendigen Erwartung derer, die wahrhaft die christliche,
katholische und apostolische Religion lieben, entsprochen wird und daß
diese Lehre in einer breiteren und tieferen Weise bekannt wird; es ist
notwendig, daß die einzelnen besser gebildet und geformt werden; es
ist notwendig, daß diese sichere und unveränderliche Lehre, die
getreu eingehalten werden soll, in einer Weise vertieft und dargelegt
wird, die den Erfordernissen unserer Zeit entspricht«. (107)
Andererseits muß die Theologie die Augen auf die letzte Wahrheit
richten, die ihr mit der Offenbarung anvertraut wird, ohne sich mit einem
Verweilen in Zwischenstadien zufrieden zu geben. Der Theologe tut gut
daran sich zu erinnern, daß seine Arbeit »der Dynamik
entspricht, die dem Glauben selber innewohnt«, und daß das
eigentliche Objekt seines Forschens »die Wahrheit, nämlich der
lebendige Gott und sein in Jesus Christus geoffenbarter Heilsplan«
ist. (108) Diese Aufgabe, die in erster Linie die Theologie angeht,
fordert zugleich die Philosophie heraus. Das Ausmaß der Probleme,
die sich heute aufdrängen, erfordert in der Tat eine gemeinsame, wenn
auch mit verschiedenen Methoden durchgeführte Arbeit, damit die
Wahrheit wieder erkannt und zum Ausdruck gebracht wird. Die Wahrheit, die
Christus ist, erscheint nötig als universale Autorität, die
sowohl die Theologie als auch die Philosophie leitet, anregt und wachsen läßt(vgl.
Eph 4, 15).
An die Möglichkeit des Erkennens einer allgemeingültigen
Wahrheit zu glauben, ist keineswegs eine Quelle der Intoleranz; im
Gegenteil, es ist die notwendige Voraussetzung für einen ehrlichen
und glaubwürdigen Dialog der Menschen untereinander. Nur unter dieser
Voraussetzung ist es möglich, die trennenden Uneinigkeiten zu überwinden
und gemeinsam den Weg zur ganzen, ungeteilten Wahrheit einzuschlagen,
indem wir jenen Pfaden folgen, die allein der Geist des auferstandenen
Herrn kennt. (109)
Wie sich die Forderung nach Einheit heute im Hinblick auf die aktuellen
Aufgaben der Theologie konkret gestaltet, möchte ich jetzt aufzeigen.
93. Das Hauptziel, das die Theologie anstrebt, besteht darin, das
Verständnis der Offenbarung und den Glaubensinhalt darzulegen.
Der tatsächliche Mittelpunkt ihrer Reflexion wird darum die
Betrachtung des Geheimnisses vom dreieinigen Gott sein. Zu diesem hat man
Zugang, wenn man über das Mysterium der Inkarnation des Gottessohnes
nachdenkt: über seine Menschwerdung und sein konsequentes
Aufsichnehmen von Leiden und Tod, ein Mysterium, das einmünden wird
in seine glorreiche Auferstehung und Erhöhung zur Rechten des Vaters;
von dort wird er den Geist der Wahrheit aussenden, um seine Kirche zu
stiften und zu beseelen. Vorrangige Aufgabe der Theologie wird vor diesem
Horizont das Verständnis der kenosis Gottes sein, ein
wahrhaft großes Geheimnis für den menschlichen Geist, dem es
unhaltbar erscheint, daß Leiden und Tod die Liebe auszudrücken
vermögen, die sich hingibt, ohne etwas dafür einzufordern. Aus
dieser Perspektive ist eine sorgfältige Analyse der Texte grundlegend
und dringend geboten: zuerst der Schrifttexte, dann jener Texte, in denen
die lebendige Überlieferung der Kirche Ausdruck findet. In diesem
Zusammenhang stellen sich heute manche, nur zum Teil neue Probleme, für
die man keine entsprechende Lösung wird finden können, wenn man
auf den Beitrag der Philosophie verzichtet.
94. Ein erster problematischer Aspekt betrifft das Verhältnis von
Bedeutung und Wahrheit. Wie jeder andere Text, so übermitteln auch
die Quellen, die der Theologe auslegt, zunächst eine Bedeutung, die
erhoben und dargelegt werden muß. Nun erscheint diese Bedeutung als
die Wahrheit über Gott, die von Gott selber durch den heiligen Text
mitgeteilt wird. Die Sprache Gottes, der durch den wunderbaren, die Logik
der Menschwerdung widerspiegelnden »Mitabstieg« seine Wahrheit
mitteilt, nimmt also in der menschlichen Sprache Gestalt an. (110) Der
Theologe muß sich bei der Auslegung der Offenbarungsquellen daher
fragen, welches die tiefe und unverfälschte Wahrheit ist, die die
Texte, freilich in den Grenzen der Sprache, mitteilen wollen.
Was die biblischen Texte und besonders die Evangelien betrifft, so
reduziert sich ihre Wahrheit sicher nicht auf die Erzählung einfacher
historischer Geschehnisse oder auf die Enthüllung neutraler Fakten,
wie es der historizistische Positivismus gern hätte. (111) Im
Gegenteil, diese Texte berichten von Ereignissen, deren Wahrheit jenseits
des gewöhnlichen geschichtlichen Geschehens liegt: sie liegt in ihrer
Bedeutung in der und für die Heilsgeschichte. Ihre vollständige
Darstellung findet diese Wahrheit in der fortwährenden Lesung und
Deutung, welche die Kirche im Laufe der Jahrhunderte von diesen Texten
vornimmt, wobei sie deren ursprüngliche Bedeutung unverändert
bewahrt. Es ist daher dringend geboten, daß man sich auch
philosophisch nach dem Verhältnis fragt, das zwischen dem Faktum und
seiner Bedeutung besteht; ein Verhältnis, das den besonderen Sinn der
Geschichte begründet.
95. Das Wort Gottes wendet sich nicht an ein einziges Volk oder an eine
bestimmte Epoche. In gleicher Weise formulieren die dogmatischen Aussagen,
auch wenn sie bisweilen unter dem Einfluß der Kultur der Zeit
stehen, in der sie definiert werden, eine feststehende und endgültige
Wahrheit. Es erhebt sich also die Frage, wie sich die Absolutheit und
Universalität der Wahrheit mit der unvermeidlichen Abhängigkeit
der sie wiedergebenden Formeln von Geschichte und Kultur versöhnen läßt.
Wie ich vorhin sagte, sind die Ansichten des Historizismus unvertretbar.
Hingegen ist die Anwendung einer Hermeneutik, die für den
metaphysischen Anspruch offen ist, in der Lage zu zeigen, wie sich von den
historischen Umständen und Zufällen her, unter denen die Texte
herangereift sind, der Übergang zu der von ihnen zum Ausdruck
gebrachten Wahrheit vollzieht, die diese Abhängigkeiten hinter sich läßt.
Der Mensch vermag mit Hilfe seiner begrenzten geschichtlichen Sprache
Wahrheiten auszudrücken, die das Sprachereignis transzendieren. Denn
die Wahrheit kann niemals auf die Zeit und die Kultur beschränkt
werden; sie ist in der Geschichte zu erkennen, übersteigt aber diese
Geschichte.
96. Diese Überlegung läßt uns die Lösung eines
anderen Problems erahnen: nämlich das Problem der immerwährenden
Gültigkeit der in den Konzilsdefinitionen verwendeten
Begriffssprache. Schon mein ehrwürdiger Vorgänger Pius XII. hat
sich in seiner Enzyklika Humani generis mit dieser Frage
auseinandergesetzt. (112)
Die Reflexion über dieses Thema fällt nicht leicht, weil man
ernsthaft dem Sinn Rechnung tragen muß, den die Worte in den
verschiedenen Kulturen und in verschiedenen Epochen erhalten. Die
Geschichte des Denkens zeigt allerdings, daß bestimmte Grundbegriffe
durch die Entwicklung und die Vielfalt der Kulturen hindurch ihren
universalen Erkenntniswert und somit die Wahrheit der Sätze, die sie
ausdrücken, bewahren. (113) Andernfalls könnten die Philosophie
und die Naturwissenschaften sich nicht untereinander austauschen, noch könnten
sie von Kulturen übernommen werden, die verschieden von jenen sind,
in denen sie erdacht und erarbeitet wurden. Das hermeneutische Problem
besteht also, ist aber lösbar. Der realistische Wert vieler Begriffe
schließt im übrigen nicht aus, daß ihre Bedeutung oft
unvollständig ist. Das philosophische Denken könnte auf diesem
Gebiet sehr hilfreich sein. Sein besonderer Einsatz bei der Vertiefung des
Verhältnisses von Begriffssprache und Wahrheit und beim Angebot
geeigneter Wege für ein richtiges Verständnis dieses Verhältnisses
ist daher wünschenswert.
97. Wenngleich die Auslegung der Quellen eine wichtige Aufgabe der
Theologie ist, so gilt ein weiteres, noch schwierigeres und
anspruchsvolleres Bemühen dem Verständnis der geoffenbarten
Wahrheit bzw. dem Prozeß des intellectus fidei. Der intellectus
fidei verlangt, wie ich schon angedeutet habe, den Beitrag einer
Philosophie des Seins, die es vor allem der dogmatischen Theologie
erlaubt, ihre Funktionen auf angemessene Weise auszuüben. Der
dogmatische Pragmatismus vom Anfang dieses Jahrhunderts, wonach die
Glaubenswahrheiten nichts anderes als Verhaltensregeln wären, ist
bereits abgelehnt und zurückgewiesen worden; (114) trotzdem bleibt
immer die Versuchung bestehen, diese Wahrheiten rein funktional zu
verstehen. In diesem Fall würde man in ein unangemessenes und verkürztes
Schema verfallen, dem die spekulative Klarheit fehlt. Eine Christologie
zum Beispiel, die einseitig »von unten« vorginge, wie man heute
zu sagen pflegt, oder eine Ekklesiologie, die ausschließlich nach
dem Vorbild bürgerlicher Gesellschaften aufgebaut ist, könnten
die Gefahr einer derartigen Verkürzung kaum vermeiden.
Wenn der intellectus fidei den ganzen Reichtum der theologischen
Überlieferung integrieren soll, muß er sich der Philosophie des
Seins bedienen. Diese Philosophie des Seins wird fähig sein müssen,
das Problem des Seins je nach den Ansprüchen und Beiträgen der
ganzen philosophischen Tradition auch der aus jüngster Zeit
wieder aufzugreifen; dabei muß sie aber vermeiden, in blutleere
Wiederholungen veralteter Schemata zu verfallen. Die Philosophie des Seins
ist im Rahmen der christlichen metaphysischen Überlieferung eine
dynamische Philosophie, welche die Wirklichkeit in ihren ontologischen,
kausalen und kommunikativen Strukturen sieht. Sie findet ihre Kraft und
Beständigkeit darin, daß sie sich auf den Seinsakt selber stützt,
der die volle und globale Öffnung gegenüber der ganzen
Wirklichkeit gestattet. Dabei überschreitet sie jede Grenze, bis sie
Den erreicht, der allem Vollendung schenkt. (115) In der Theologie, die
ihre Prinzipien von der Offenbarung als neuer Erkenntnisquelle erhält,
wird diese Sicht entsprechend dem engen Verhältnis zwischen Glaube
und metaphysischer Vernünftigkeit bestätigt.
98. Ähnliche Überlegungen lassen sich auch in bezug auf die
Moraltheologie anstellen. Die Wiedergewinnung der Philosophie ist
auch für das Glaubensverständnis, das sich auf das Handeln der
Gläubigen bezieht, dringend nötig. Angesichts der heutigen
Herausforderungen auf sozialem, wirtschaftlichem, politischem und
wissenschaftlichem Gebiet ist das sittliche Gewissen des Menschen
desorientiert. In der Enzyklika Veritatis splendor habe ich
hervorgehoben, daß viele der in der heutigen Welt vorhandenen
Probleme einer »Krise um die Wahrheit« entstammen. »Nachdem
die Idee von einer für die menschliche Vernunft erkennbaren
universalen Wahrheit über das Gute verloren gegangen war, hat sich
unvermeidlich auch der Begriff des Gewissens gewandelt; das Gewissen wird
nicht mehr in seiner ursprünglichen Wirklichkeit gesehen, das heißt
als ein Akt der Einsicht der Person, der es obliegt, die allgemeine
Erkenntnis des Guten auf eine bestimmte Situation anzuwenden und so ein
Urteil über das richtige zu wählende Verhalten zu fällen;
man stellte sich darauf ein, dem Gewissen des Einzelnen das Vorrecht
zuzugestehen, die Kriterien für Gut und Böse autonom festzulegen
und dementsprechend zu handeln. Diese Sicht ist nichts anderes als eine
individualistische Ethik, aufgrund welcher sich jeder mit seiner Wahrheit,
die von der Wahrheit der anderen verschieden ist, konfrontiert sieht«.
(116)
In der gesamten Enzyklika habe ich die fundamentale Rolle, die der
Wahrheit im Bereich der Moral zukommt, klar und deutlich unterstrichen.
Was den Großteil der dringendsten ethischen Probleme betrifft,
verlangt diese Wahrheit von seiten der Moraltheologie ein aufmerksames
Nachdenken, das fähig ist, auf seine Wurzeln im Wort Gottes
hinzuweisen. Um diesen Auftrag erfüllen zu können, muß
sich die Moraltheologie einer der Wahrheit des Guten zugewandten
philosophischen Ethik bedienen; einer Ethik also, die weder
subjektivistisch noch utilitaristisch ist. Die erforderliche Ethik
impliziert und setzt eine philosophische Anthropologie und eine Metaphysik
des Guten voraus. Wenn die Moraltheologie diese einheitliche Auffassung
anwendet, die notwendigerweise mit der christlichen Heiligkeit und mit der
Übung der menschlichen und übernatürlichen Tugenden
verbunden ist, wird sie imstande sein, in höchst angemessener und
wirksamer Weise die verschiedenen Probleme anzugehen, für die sie
zuständig ist: der Friede, die soziale Gerechtigkeit, die Familie,
die Verteidigung des Lebens und der Umwelt.
99. Die theologische Arbeit in der Kirche steht zuallererst im Dienst
der Glaubensverkündigung und der Katechese. (117) Die Verkündigung
oder das Kerygma ruft zur Umkehr, indem die Wahrheit Christi dargelegt
wird, die im Ostergeheimnis ihren Höhepunkt erreicht: denn allein in
Christus ist es möglich, die Fülle der rettenden Wahrheit zu
erkennen (vgl. Apg 4, 12; 1 Tim 2, 4-6).
In diesem Zusammenhang versteht man gut, warum außer der Theologie
auch dem Bezug zur Katechese eine beträchtliche Bedeutung
zukommt: sie besitzt nämlich philosophische Implikationen, die im
Lichte des Glaubens vertieft werden müssen. Die in der Katechese
vermittelte Lehre hat für die Person eine bildende Wirkung. Die
Katechese, die auch sprachliche Mitteilung ist, muß die Lehre der
Kirche in ihrer Vollständigkeit vorlegen, (118) indem sie deren
Ansatzpunkt mit dem Leben der Gläubigen aufzeigt. (119) So
verwirklicht sich eine einzigartige Verbindung zwischen Lehre und Leben,
die andernfalls unmöglich zu erreichen ist. Denn was in der Katechese
mitgeteilt wird, ist nicht eine Sammlung begrifflicher Wahrheiten, sondern
das Geheimnis des lebendigen Gottes. (120)
Die philosophische Reflexion kann viel beitragen zur Klärung des
Verhältnisses von Wahrheit und Leben, von Ereignis und lehrmäßiger
Wahrheit. Besonders kann sie zur Klärung der Beziehung zwischen
transzendenter Wahrheit und menschlich verständlicher Sprache
beitragen. (121) Die Wechselbeziehung, die zwischen den theologischen Fächern
und den von den verschiedenen philosophischen Strömungen erreichten
Ergebnissen entsteht, vermag also eine wirkliche Fruchtbarkeit zum
Ausdruck zu bringen, was die Vermittlung des Glaubens und sein tieferes
Verständnis anbelangt.
SCHLUSS
100. Mehr als hundert Jahre seit der Veröffentlichung der Enzyklika
Æterni Patris Leos XIII., auf die ich auf diesen Seiten
wiederholt Bezug genommen habe, schien es mir geboten, die
Auseinandersetzung mit dem Thema des Verhältnisses von Glaube und
Vernunft auf eher systematische Weise wiederaufzunehmen. Welche Bedeutung
dem philosophischen Denken bei der Entfaltung der Kulturen und bei der
Orientierung des persönlichen und sozialen Verhaltens zukommt, ist
offenkundig. Auch auf die Theologie und ihre verschiedenen Disziplinen übt
das philosophische Denken einen starken Einfluß aus, auch wenn
dieser nicht immer explizit wahrgenommen wird. Ich habe es aus vielen Gründen
für richtig und notwendig gehalten, den Wert der Philosophie für
das Glaubensverständnis ebenso zu unterstreichen wie die Grenzen, an
die sie stößt, wenn sie die Offenbarungswahrheiten vergißt
oder zurückweist. Denn die Kirche hält zutiefst an ihrer Überzeugung
fest, daß sich Glaube und Vernunft »wechselseitig Hilfe leisten
können«, (122) indem sie füreinander eine Funktion sowohl
kritisch-reinigender Prüfung als auch im Sinne eines Ansporns ausüben,
auf dem Weg der Suche und Vertiefung voranzuschreiten.
101. Wenn wir unseren Blick auf die Geschichte vor allem des abendländischen
Denkens richten, läßt sich leicht erkennen, welcher Reichtum für
den Fortschritt der Menschheit aus der Begegnung zwischen Philosophie und
Theologie und aus dem Austausch ihrer jeweiligen Errungenschaften
hervorgegangen ist. Die Theologie, die eine Offenheit und Originalität
geschenkt bekommen hat, denen sie ihre Existenzberechtigung als
Wissenschaft vom Glauben verdankt, hat mit Sicherheit die Vernunft dazu
veranlaßt, gegenüber der radikalen Neuheit offen zu bleiben,
wie sie die Offenbarung Gottes darstellt. Das war zweifellos von Vorteil für
die Philosophie, die erlebt hat, daß sich auf diese Weise neue
Horizonte über weitere Bedeutungen erschließen, die zu
vertiefen die Vernunft berufen ist.
Im Lichte dieser Feststellung halte ich es wie ich die Aufgabe
der Theologie, ihr wahres Verhältnis zur Philosophie
wiederherzustellen, betont habe für meine Pflicht, die
Notwendigkeit zu unterstreichen, daß um des Wohles und Fortschrittes
des Denkens willen auch die Philosophie ihre Beziehung zur Theologie zurückgewinnen
soll. Die Philosophie wird in der Theologie nicht die Überlegung des
einzelnen Individuums finden, die, so tief und reich sie sein mag, immer
auch die dem Denken eines Einzelnen eigenen perspektivischen Grenzen
aufweist, sondern den Reichtum eines gemeinsamen Nachdenkens. Denn die
Theologie stützt sich von ihrem Wesen her bei der Erforschung der
Wahrheit auf das Merkmal der Kirchlichkeit (123) und auf die
Tradition des Gottesvolkes mit ihrer Vielfalt an Wissen und Kulturen in
der Einheit des Glaubens.
102. Während die Kirche so immer wieder auf die Bedeutung und die
wahren Dimensionen des philosophischen Denkens zurückkommt, fördert
sie zugleich sowohl die Verteidigung der Menschenwürde wie auch die
Verkündigung der Botschaft, die das Evangelium enthält. Denn die
dringend notwendige Vorbereitung auf diese Aufgaben besteht heute darin,
die Menschen zur Entdeckung ihrer Fähigkeit zur Wahrheitserkenntnis
(124) und ihrer Sehnsucht nach einem letzten, endgültigen Sinn des
Daseins zu führen. In der Sicht dieser tiefen, der menschlichen Natur
von Gott eingeschriebenen Bedürfnisse gewinnt auch die Bedeutung des
Wortes Gottes deutlicher sichtbare Konturen: sie ist menschlich und macht
menschlicher. Dank der Vermittlung einer zu echter Weisheit gewordenen
Philosophie wird der heutige Mensch allmählich erkennen können,
daß er um so mehr Mensch sein wird, je mehr er sich, im Vertrauen
auf das Evangelium, Christus öffnet.
103. Zudem ist die Philosophie gleichsam der Spiegel, in dem sich die
Kultur der Völker niederschlägt. Eine Philosophie, die sich
unter der Herausforderung der theologischen Ansprüche in Übereinstimmung
mit dem Glauben entfaltet, gehört zu jener »Evangelisierung der
Kultur«, die Paul VI. zu einem der Hauptziele der Evangelisierung
erklärt hat. (125) Während ich nicht müde werde, auf die
Dringlichkeit einer Neuevangelisierung hinzuweisen, rufe ich die
Philosophen auf, die Dimensionen des Wahren, Guten und Schönen, zu
denen das Wort Gottes hinführt, zu vertiefen. Das wird um so
dringender, wenn man die Herausforderungen berücksichtigt, die das
neue Jahrtausend mitzubringen scheint: sie betreffen in besonderer Weise
die Regionen und Kulturen alter christlicher Tradition. Darauf zu achten,
darf als ein grundlegender und origineller Beitrag auf dem Weg der
Neuevangelisierung angesehen werden.
104. Das philosophische Denken ist oft das einzige Terrain für
Verständigung und Dialog mit denen, die unseren Glauben nicht teilen.
Die philosophische Bewegung der heutigen Zeit verlangt den aufmerksamen
und kompetenten Einsatz gläubiger Philosophen, die fähig sind,
die Erwartungen, Öffnungen und Problemstellungen dieses
geschichtlichen Augenblicks zu erfassen. Während der christliche
Philosoph im Lichte der Vernunft und nach ihren Regeln argumentiert, sich
dabei aber immer von dem weitergehenden Verständnis leiten läßt,
das ihm das Wort Gottes schenkt, kann er eine Überlegung entwickeln,
die auch für den verständlich und wahrnehmbar sein wird, der die
volle Wahrheit, die die göttliche Offenbarung kundtut, noch nicht
begreift. Dieses Terrain von Verständigung und Dialog ist heute um so
wichtiger, da die Probleme, die sich der Menschheit immer dringender
stellen man denke an die Probleme der Umwelt, des Friedens oder des
Zusammenlebens von Rassen und Kulturen , eine mögliche Lösung
finden im Licht einer klaren, ehrlichen Zusammenarbeit der Christen mit
den Gläubigen anderer Religionen und mit allen, denen die Erneuerung
der Menschheit am Herzen liegt, selbst wenn sie keinen religiösen
Glauben teilen. Das hat das II. Vatikanische Konzil ausgesprochen: »Der
Wunsch nach einem solchen Dialog, geführt einzig aus Liebe zur
Wahrheit und unter Wahrung angemessener Diskretion, schließt
unsererseits niemanden aus, weder jene, die hohe Güter der Humanität
pflegen, deren Urheber aber noch nicht anerkennen, noch jene, die Gegner
der Kirche sind und sie auf verschiedene Weise verfolgen«. (126) Eine
Philosophie, in der etwas von der Wahrheit Christi, der einzigen endgültigen
Antwort auf die Probleme des Menschen, (127) zum Leuchten kommt, wird eine
wirksame Stütze für jene wahre und zugleich weltweite Ethik
sein, die die Menschheit heute braucht.
105. Es drängt mich, diese Enzyklika mit einem letzten Gedanken
abzurunden, mit dem ich mich vor allem an die Theologen wende,
damit sie den philosophischen Implikationen des Wortes Gottes besondere
Aufmerksamkeit schenken und eine Überlegung anstellen, aus der sich
die spekulative und praktische Substanz der theologischen Wissenschaft
ergibt. Ich möchte ihnen für ihren kirchlichen Dienst danken.
Die engen Bande zwischen der theologischen Weisheit und dem
philosophischen Wissen ist einer der ursprünglichsten Schätze
christlicher Tradition bei der Vertiefung der geoffenbarten Wahrheit.
Darum fordere ich sie auf, die metaphysische Dimension der Wahrheit
wiederzugewinnen und besser herauszustellen, um so in einen kritischen und
anspruchsvollen Dialog einzutreten sowohl mit dem philosophischen Denken
unserer Zeit wie auch mit der gesamten philosophischen Tradition, ob sie
nun im Einklang mit dem Wort Gottes oder aber im Gegensatz zu ihm steht.
Sie sollen sich stets die Anleitung eines großen Meisters des
Denkens und der Spiritualität vor Augen halten, des hl. Bonaventura,
der den Leser, den er in sein Itinerarium mentis in Deum einführte,
darum bat, sich im klaren zu sein, daß »Lesung ohne Reue,
Erkenntnis ohne Frömmigkeit, Suchen ohne den Überschwang des
Staunens, Klugheit ohne die Fähigkeit zur Hingabe an die Freude, Tätigkeit
losgelöst von der Religiosität, Wissen getrennt von der Liebe,
Intelligenz ohne Demut, Studium ohne den Halt der göttlichen Gnade,
Nachdenken ohne die von Gott inspirierte Weisheit daß all das
nicht ausreicht«. (128)
Mein Gedanke gilt auch allen, denen die Verantwortung für die
Priesterausbildung sowohl in akademischer als auch in pastoraler
Hinsicht obliegt: Sie mögen sich mit besonderer Aufmerksamkeit um die
philosophische Ausbildung derer kümmern, die künftig dem
Menschen von heute das Evangelium verkünden sollen, und noch mehr
derer, die sich später der Forschung und Lehre der Theologie widmen
werden. Sie mögen sich bemühen, ihre Arbeit nach den
Vorschriften des II. Vatikanischen Konzils (129) und der nachfolgenden
Verfügungen zu vollziehen, aus denen die unabdingbare und dringende
Aufgabe hervorgeht, zu der wir alle berufen sind: beizutragen zu einer
unverfälschten und gründlichen Vermittlung der Glaubenswahrheit.
Nicht zu vergessen ist die hohe Verantwortung für eine angemessene
Vorbereitung des Lehrkörpers, dem der Philosophieunterricht an den
Priesterseminarien und kirchlichen Fakultäten anvertraut werden soll.
(130) Eine solche Lehrtätigkeit setzt natürlich eine
entsprechende wissenschaftliche Ausbildung voraus; sie muß
systematisch erfolgen, wenn sie das große Erbe der christlichen
Tradition vorlegt, und sie muß angesichts der aktuellen Bedürfnisse
von Kirche und Welt mit gebührendem Unterscheidungsvermögen
wahrgenommen werden.
106. Mein Appell richtet sich außerdem an die Philosophen und
an alle, die Philosophie lehren: Sie mögen in Anbetracht einer
ewig gültigen philosophischen Tradition den Mut haben, die
Dimensionen echter Weisheit und auch metaphysischer Wahrheit des
philosophischen Denkens zurückzugewinnen. Sie mögen Anfragen,
die von aus dem Wort Gottes entspringenden Forderungen erhoben werden, an
sich herankommen lassen und die Kraft haben, ihre rationale Argumentation
in Beantwortung dieser Anfragen vorzunehmen. Sie mögen sich immer
nach der Wahrheit ausstrecken und auf das Gute achten, das das Wahre enthält.
Auf diese Weise werden sie jene unverfälschte Ethik formulieren können,
welche die Menschheit besonders in der heutigen Zeit so dringend braucht.
Die Kirche verfolgt die Forschungen der Philosophen mit Aufmerksamkeit und
Sympathie; sie können daher sicher sein, daß die Kirche die
berechtigte Selbständigkeit ihrer Wissenschaft stets achten wird.
Besonders ermutigen möchte ich die Gläubigen, die auf dem Gebiet
der Philosophie tätig sind: sie sollen die verschiedenen Bereiche
menschlicher Tätigkeit erleuchten, indem sie eine Vernunft
gebrauchen, die, vom Glauben unterstützt, noch sicherer und
scharfsinniger wird.
Schließlich muß ich auch noch ein Wort an die Naturwissenschaftler
richten, die uns durch ihre Forschungen wachsende Kenntnis vermitteln
vom gesamten Universum und von der unglaublich reichen Vielfalt seiner
belebten und unbelebten Bestandteile mit ihren komplexen atomaren und
molekularen Strukturen. Der Weg, den sie zurückgelegt haben, ist
besonders in diesem Jahrhundert an Ziele gestoßen, die uns noch
immer in Erstaunen versetzen. Wenn ich diesen mutigen Pionieren der
wissenschaftlichen Forschung, denen die Menschheit in hohem Maße
ihre derzeitige Entwicklung zu verdanken hat, meine Bewunderung und
Ermutigung ausspreche, fühle ich mich gleichzeitig verpflichtet, sie
aufzufordern, in ihren Bemühungen fortzufahren und dabei stets in
jenem Weisheitshorizont zu bleiben, in dem die
naturwissenschaftlichen und technologischen Errungenschaften von den
philosophischen und sittlichen Werten flankiert sind. Diese Werte sind der
charakteristische und unverzichtbare Ausdruck der menschlichen Person. Der
Wissenschaftler ist sich wohl bewußt, daß »die Suche nach
der Wahrheit, auch wenn sie eine begrenzte Wirklichkeit der Welt oder des
Menschen betrifft, nie ans Ende kommt, sondern immer zu etwas hinführt,
das über dem unmittelbaren Forschungsgegenstand liegt; sie führt
zu Fragen, die den Zugang zum Geheimnis ermöglichen«. (131)
107. Alle bitte ich, sich intensiv um den Menschen, den Christus
im Geheimnis seiner Liebe gerettet hat, und um sein ständiges Suchen
nach Wahrheit und Sinn zu kümmern. Verschiedene philosophische
Systeme haben ihn durch Täuschung überzeugt, daß er sein
absolut eigener Herr sei, der autonom über sein Schicksal und seine
Zukunft entscheiden könne, wenn er ausschließlich auf sich
selbst und seine Kräfte vertraut. Das wird niemals die Größe
des Menschen ausmachen können. Bestimmend für seine
Verwirklichung wird nur die Entscheidung sein, sich dadurch in die
Wahrheit einzufügen, daß er im Schatten der Weisheit seine
Wohnung errichtet und in ihr wohnen bleibt. Erst in diesem
Wahrheitshorizont wird er begreifen, wie sich seine Freiheit im Vollsinn
entfaltet und daß er zur Liebe und zur Erkenntnis Gottes berufen
ist. Darin liegt seine höchste Selbstverwirklichung.
108. Mein letzter Gedanke gilt derjenigen, die das Gebet der Kirche als
Sitz der Weisheit anruft. Ihr Leben ist ein wahres Gleichnis, daß
den zurückgelegten Weg meiner Überlegung zu erleuchten vermag.
Denn es läßt sich ein tiefer Einklang erahnen zwischen der
Berufung der seligen Jungfrau Maria und der Berufung echter Philosophie.
Wie die Jungfrau berufen wurde, ihr ganzes Sein als Mensch und Frau
darzubringen, damit das Wort Gottes Fleisch und einer von uns werden
konnte, so ist die Philosophie berufen, ihre kritische Vernunftarbeit zu
leisten, damit die Theologie als Verständnis des Glaubens fruchtbar
und wirksam sei. Wie Maria durch ihre Zustimmung zu der von Gabriel verkündeten
Botschaft nichts von ihrem wahren Menschsein und ihrer Freiheit eingebüßt
hat, so verliert das philosophische Denken nichts von seiner Autonomie,
wenn es sich der Anfrage stellt, die von der Wahrheit des Evangeliums
kommt. Das philosophische Denken erlebt vielmehr, daß sein ganzes
Forschen zur höchsten Verwirklichung angespornt wird. Diese Wahrheit
haben die heiligen Mönche des christlichen Altertums sehr gut
verstanden, wenn sie Maria »den geistigen Tisch des Glaubens«
(132) nannten. In ihr erblickten sie das stimmige Abbild der Philosophie
und waren überzeugt, sie müßten in Maria
philosophieren [philosophari in Maria].
Möge der Sitz der Weisheit der sichere Hafen für alle sein,
die ihr Leben zur Suche nach der Weisheit machen. Möge der Weg zur
Weisheit, dem letzten und glaubwürdigen Ziel jedes wahren Wissens,
von jedem Hindernis befreit werden. Dafür rufen wir die Fürsprache
derjenigen an, die der ganzen Menschheit für immer die Wahrheit
dadurch mitgeteilt hat, daß sie sie hervorgebracht und in ihrem
Herzen bewahrt hat.
Gegeben zu Rom, bei Sankt Peter, am 14. September, dem Fest Kreuzerhöhung,
des Jahres 1998, dem zwanzigsten meines Pontifikates.
(1) Das schrieb ich bereits in meiner ersten Enzyklika Redemptor
hominis: »So sind wir also Teilhaber an dieser prophetischen
Sendung Christi geworden, und aus der Kraft der gleichen Sendung dienen
wir zusammen mit ihm der göttlichen Wahrheit in der Kirche. Die
Verantwortung für eine solche Wahrheit bedeutet auch, sie zu lieben
und möglichst genau zu verstehen zu suchen, damit sie uns selbst und
den anderen in aller ihrer erlösenden Kraft, in ihrem hellen Glanz,
in ihrer Tiefe und zugleich Einfachheit immer vertrauter wird«, Nr.
19: AAS 71 (1979), 306.
(2) Vgl. II. Vat. Konzil, Pastoralkonstitution über die Kirche in
der Welt von heute Gaudium et spes, 16.
(3) Dogmatische Konstitution über die Kirche Lumen gentium,
25.
(4) Nr. 4: AAS 85 (1993), 1136.
(5) II. Vat. Konzil, Dogmatische Konstitution über die göttliche
Offenbarung Dei Verbum, 2.
(6) Vgl. Dogmatische Konstitution über den katholischen Glauben
Dei Filius, Kap. III: DS 3008.
(7) Ebd., Kap. IV: DS 3015; zitiert auch in II. Vat.
Konzil, Pastoralkonstitution über die Kirche in der Welt von heute
Gaudium et spes, 59.
(8) Dogmatische Konstitution über die göttliche Offenbarung
Dei Verbum, 2.
(9) Apostolisches Schreiben Tertio millennio adveniente (10.
November 1994), 10: AAS 87 (1995), 11.
(10) Nr. 4.
(11) Nr. 8.
(12) Nr. 22.
(13) Vgl. II. Vat. Konzil, Dogmatische Konstitution über die göttliche
Offenbarung Dei Verbum, 4.
(14) Ebd., 5.
(15) Das I. Vatikanische Konzil, auf das der oben angeführte Satz
Bezug nimmt, lehrt, daß der Gehorsam des Glaubens die Aufbietung des
Verstandes und des Willens erfordert: »Da der Mensch ganz von Gott
als seinem Schöpfer und Herrn abhängt und die geschaffene
Vernunft der ungeschaffenen Wahrheit völlig unterworfen ist, sind wir
gehalten, dem offenbarenden Gott im Glauben vollen Gehorsam des Verstandes
und des Willens zu leisten« (Dogmatische Konstitution über den
katholischen Glauben Dei Filius, Kap. III: DS 3008).
(16) Vgl. Sequenz am Fest des heiligsten Leibes und Blutes
Christi.
(17) Pensées, 789 (ed. L. Brunschvicg).
(18) II. Vat. Konzil, Pastoralkonstitution über die Kirche in der
Welt von heute Gaudium et spes, 22.
(19) Vgl. II. Vat. Konzil, Dogmatische Konstitution über die göttliche
Offenbarung Dei Verbum, 2.
(20) Proslogion, Proemium und Nr. 1.15: PL 158,
223-224.226; 235.
(21) De vera religione, XXXIX, 72: CCL 32, 234.
(22) »Ut te semper desiderando quaererent et inveniendo quiescerent«:
Missale Romanum.
(23) Aristoteles, Metaphysik, I,1.
(24) Bekenntnisse, X, 23, 33: CCL 27, 173.
(25) Nr. 34: AAS 85 (1993), 1161.
(26) Vgl. Johannes Paul II., Apostolisches Schreiben Salvifici
doloris (11. Februar 1984), 9: AAS 76 (1984), 209-210.
(27) Vgl. II. Vat. Konzil, Erklärung über die Beziehungen der
Kirche zu den nichtchristlichen Religionen Nostra aetate, 2.
(28) Von dieser von mir seit langem verfolgten Argumentation habe ich
bei verschiedenen Gelegenheiten gesprochen: »Was ist der
Mensch, und wozu nützt er? Was ist gut an ihm und was ist schlecht?
(Sir 18, 8)... Diese Fragen trägt jeder Mensch im Innersten
seines Herzens, wie der dichterische Genius aller Zeiten und Völker
beweist, der wie eine Prophezeiung der Menschheit immer wieder die ernste
Frage stellt, die den Menschen erst wirklich zum Menschen macht. Sie
drücken die Dringlichkeit aus, einen Grund für das Dasein zu
finden, für jeden seiner Augenblicke, für die wichtigen und
entscheidenden Perioden ebenso wie für den gewöhnlichen Alltag.
In diesen Fragen bestätigt sich die tiefe Vernünftigkeit des
menschlichen Daseins, denn Verstand und Wille des Menschen werden hier
angeregt, in Freiheit nach einer Lösung zu suchen, die dem Leben
einen vollen Sinn zu bieten vermag. Diese Fragen stellen daher den
erhabensten Ausdruck der Natur des Menschen dar: Infolgedessen ist die
Antwort auf sie der Maßstab für die Tiefe, mit der er sein
Dasein bewältigt. Besonders wenn man bei der Suche nach der letzten
und erschöpfendsten Antwort den Grund der Dinge vollständig
erforschen will, erreicht die menschliche Vernunft ihren Gipfel und öffnet
sich dem Religiösen. Denn die Religiosität stellt die erhabenste
Äußerung der menschlichen Person dar, weil sie der Höhepunkt
ihrer Natur als Vernunftwesen ist. Sie entspringt der tiefen Sehnsucht des
Menschen nach der Wahrheit und liegt seinem freien und persönlichen
Suchen nach dem Göttlichen zugrunde« Generalaudienz am 19.
Oktober 1983, 1-2, in: Insegnamenti VI, 2 (1983), 814-815.
(29) »[Galilei] hat ausdrücklich erklärt, daß die
beiden Wahrheiten, die Wahrheit des Glaubens und die Wahrheit der
Wissenschaft, niemals einander widersprechen können, da die
Heilige Schrift und die Natur gleichermaßen dem göttlichen Wort
entspringen, jene als diktiert vom Heiligen Geist, diese als getreue
Vollstreckerin der Anordnungen Gottes, wie er in seinem Brief an P.
Benedetto Castelli am 21. Dezember 1613 schrieb. Das II. Vatikanische
Konzil drückt sich nicht anders aus; ja, es nimmt die gleiche
Ausdrucksweise wieder auf, wenn es lehrt: Vorausgesetzt, daß
die methodische Forschung in allen Wissensbereichen in einer wirklichen
wissenschaftlichen Weise und gemäß den Normen der Sittlichkeit
vorgeht, wird sie niemals in einen echten Konflikt mit dem Glauben kommen,
weil die Wirklichkeiten des profanen Bereichs und die des Glaubens in
demselben Gott ihren Ursprung haben (Gaudium et spes, 36).
Galilei fühlt bei seiner wissenschaftlichen Forschung die Gegenwart
des Schöpfers, der ihn anspornt, seinen Eingebungen zuvorkommt und
beisteht, indem er in der Tiefe seines Geistes wirkt«. Johannes Paul
II. Ansprache an die Päpstliche Akademie der Wissenschaften, 10.
November 1979: Insegnamenti, II, 2 (1979), 1111-1112.
(30) Vgl. II. Vat. Konzil, Dogmatische Konstitution über die göttliche
Offenbarung Dei Verbum, 4.
(31) Contra Celsum, 3, 55: SC 136, 130.
(32) Dialog mit Triphon, 8, 1: PG 6, 492.
(33) Stromata, I, 18, 90: SC 30, 115.
(34) Vgl. ebd., I, 16, 80, 5: SC 30, 108.
(35) Vgl. ebd., I, 5, 28, 1: SC 30, 65.
(36) Ebd., VI, 7, 55, 1-2: PG 9, 277.
(37) Ebd., I, 20, 100, 1: SC 30, 124.
(38) Hl. Augustinus, Confessiones VI, 5, 7: CCL 27,
77-78.
(39) Vgl. ebd., VII, 9, 13-14: CCL 27, 101-102.
(40) De praescriptione haereticorum, VII, 9: SC 46, 98: »Quid
ergo Athenis et Hierosolymis? Quid academiae et ecclesiae?«.
(41) Vgl. Kongregation für das Katholische Bildungswesen,
Instruktion über das Studium der Kirchenväter in der
Priesterausbildung (10. November 1989), 25: AAS 82 (1990),
617-618.
(42) Hl. Anselm, Proslogion, 1: PL 158, 226. »Ich
bin geschaffen worden, um dich zu schauen; und ich habe noch nicht getan,
wozu ich geschaffen worden bin«.
(43) Ders., Monologion, 64: PL 158, 210.
(44) Vgl. Hl. Thomas von Aquin, Summa contra Gentiles, I, VII.
(45) Vgl. ders., Summa Theologiae, I, 1, 8 ad 2: »cum enim
gratia non tollat naturam sed perficiat«.
(46) Vgl. Johannes Paul II., Ansprache an die Teilnehmer am IX.
Internationalen Thomas-Kongreß (29. September 1990): Insegnamenti,
XIII, 2 (1990), 770-771.
(47) Apostolisches Schreiben Lumen Ecclesiae (20. November
1974), 8: AAS 66 (1974), 680.
(48) Vgl. I, 1, 6: »Praeterea, haec doctrina per studium
acquiritur. Sapientia autem per infusionem habetur, unde inter septem dona
Spiritus Sancti connumeratur«.
(49) Ebd., II, II, 45, 1 ad 2; vgl. auch II, II, 45, 2.
(50) Ebd., I, II, 109, 1 ad 1, greift den bekannten Satz des
Ambrosiaster auf, In prima Cor 12, 3: PL 17, 258: Alles
Wahre, wer auch immer es sagt, ist vom Heiligen Geist.
(51) Leo XIII., Enzyklika Æterni Patris (4. August 1879):
AAS 11 (1878-1879), 109.
(52) Paul VI., Apostol. Schreiben Lumen Ecclesiae (20. November
1974), 8: AAS 66 (1974), 683.
(53) Enzyklika Redemptor hominis (4. März 1979), 15: AAS
71 (1979), 286.
(54) Vgl. Pius XII., Enzyklika Humani generis (12. August 1950):
AAS 42 (1950), 566.
(55) Vgl. I. Vat. Konzil, Erste Dogmatische Konstitution über die
Kirche Christi Pastor aeternus, DS 3070; II. Vat. Konzil,
Dogmatische Konstitution über die Kirche Lumen gentium, 25c.
(56) Vgl. Synode von Konstantinopel, DS 403.
(57) Vgl. I. Konzil von Toledo, DS 205; I. Konzil von Braga,
DS 459-460; Sixtus V., Bulle Coeli et terrae Creator (5.
Januar 1586): Bullarium Romanum 4/4, Romae 1747, 176-179; Urban
VIII., Inscrutabilis iudiciorum (1. April 1631): Bullarium
Romanum 6/1, Romae 1758, 268-270.
(58) Vgl. Konzil von Vienne, Dekret Fidei catholicae, DS
902; V. Laterankonzil, Bulle Apostolici regiminis: DS 1440.
(59) Vgl. Theses a Ludovico Eugenio Bautain iussu sui Episcopi
subscriptae (8. September 1840), DS 2751-2756; Theses a
Ludovico Eugenio Bautain ex mandato S. Congr. Episcoporum et Religiosorum
subscriptae (26. April 1844), DS 2765-2769.
(60) Vgl. Hl. Indexkongregation, Dekret Theses contra
traditionalismum Augustini Bonnetty (11. Juni 1855), DS 2811-2814.
(61) Vgl. Pius IX., Breve Eximiam tuam (15. Juni 1857), DS
2828-2831; Breve Gravissimas inter (11. Dezember 1862), DS
2850-2861.
(62) Vgl. Kongregation des Hl. Offiziums, Dekret Errores
ontologistarum (18. September 1861), DS 2841-2847.
(63) Vgl. I. Vat. Konzil, Dogmatische Konstitution über den
katholischen Glauben Dei Filius, II: DS 3004; und can.
2.1: DS 3026.
(64) Ebd., IV: DS 3015, zitiert in: II. Vat. Konzil,
Pastoralkonstitution über die Kirche in der Welt von heute Gudium
et spes, 59.
(65) I. Vat. Konzil, Dogmatische Konstitution über den katholischen
Glauben Dei Filius, IV: DS 3017.
(66) Vgl. Enzyklika Pascendi dominici gregis (8. September
1907): AAS 40 (1907), 596-597.
(67) Vgl. Pius XI., Enzyklika Divini Redemptoris (19. März
1937): AAS 29 (1937), 65-106.
(68) Enzyklika Humani generis (12. August 1950): AAS 42
(1950), 562-563.
(69) Ebd., aaO., 563-564.
(70) Vgl. Johannes Paul II., Apostolische Konstitution Pastor Bonus
(28. Juni 1988), Art. 48-49: AAS 80 (1988), 873; Kongregation
für die Glaubenslehre, Instruktion über die kirchliche Berufung
des Theologen Donum veritatis (24. Mai 1990), 18: AAS 82
(1990), 1558.
(71) Vgl. Instruktion über einige Aspekte der »Theologie der
Befreiung« Libertatis nuntius (6. August 1984), VII-X: AAS
76 (1984), 890-903.
(72) Das I. Vatikanische Konzil hatte mit ebenso klaren wie
gebieterischen Worten diesen Irrtum bereits verurteilt, indem es
einerseits sagte: »Dieser Glaube aber [...] ist nach dem Bekenntnis
der katholischen Kirche eine übernatürliche Tugend, durch die
wir mit Unterstützung und Hilfe der Gnade Gottes glauben, daß
das von ihm Geoffenbarte wahr ist, nicht etwa wegen der vom natürlichen
Licht der Vernunft durchschauten inneren Wahrheit der Dinge, sondern wegen
der Autorität des offenbarenden Gottes selbst, der weder sich täuschen
noch täuschen kann«: Dogmatische Konstitution Dei Filius,
III: DS 3008, und can. 3, 2: DS 3032. Andererseits erklärte
das Konzil, daß die Vernunft niemals »dazu befähigt wird,
sie [diese Geheimnisse] genauso zu durchschauen wie die Wahrheiten, die
ihren eigentlichen (Erkenntnis)gegenstand ausmachen«: ebd.,
IV: DS 3016. Daraus zog es die praktische Folgerung: »Deswegen
ist nicht nur allen gläubigen Christen verboten, solche Meinungen,
von denen man erkennt, daß sie der Lehre des Glaubens
entgegengesetzt sind vor allem, wenn sie von der Kirche verworfen
wurden , als rechtmäbige Folgerungen der Wissenschaft zu
verteidigen, sondern sie sind vielmehr durchaus verpflichtet, sie für
Irrtümer zu halten, die den trügerischen Schein von Wahrheit vor
sich hertragen«: ebd., IV: DS 3018.
(73) Vgl. II. Vat. Konzil, Dogmatische Konstitution über die göttliche
Offenbarung Dei Verbum, Nr. 9-10.
(74) Ebd., 10.
(75) Ebd., 21.
(76) Vgl. ebd., 10.
(77) Vgl. Enzyklika Humani generis (12. August 1950): AAS
42 (1950), 565-567; 571-573.
(78) Vgl. Enzyklika Æterni Patris (4. August 1879): AAS
11 (1878-1879), 97-115.
(79) Ebd., aaO., 109.
(80) Vgl. II. Vat. Konzil, Konstitution über die Kirche in der Welt
von heute Gaudium et spes, 14-15.
(81) Vgl. ebd., 20-21.
(82) Ebd., 22; vgl. Johannes Paul II., Enzyklika Redemptor
hominis (4. März 1979), 8: AAS 71 (1979), 271-272.
(83) II. Vat. Konzil, Dekret über die Priesterausbildung Optatam
totius, 15.
(84) Vgl. Johannes Paul II., Apostol. Konstitution Sapientia
christiana (15. April 1979), Art. 79-80: AAS 71 (1979),
495-496; Nachsynodales Apostolisches Schreiben Pastores dabo vobis
(25. März 1992), 52: AAS 84 (1992), 750-751. Vgl. auch
einige Kommentare zur Philosophie des hl. Thomas: Ansprache an die Päpstliche
Internationale Universität Angelicum (17. November 1979): Insegnamenti
II, 2 (1979), 1177-1189; Ansprache an die Teilnehmer am VIII.
Internationalen Thomistischen Kongreß (13. September 1980): Insegnamenti
III, 2 (1980), 604-615; Ansprache an die Teilnehmer am
Internationalen Kongreß der »Sankt Thomas«-Gesellschaft
(4. Januar 1986): Insegnamenti IX, 1 (1986), 18-24. Ferner:
Hl. Kongregation für die Katholische Erziehung, Ratio
fundamentalis institutionis sacerdotalis (6. Januar 1970), 70-75: AAS
62 (1970), 366-368; Dekret Sacra Theologia (20. Januar 1972):
AAS 64 (1972), 583-586.
(85) Vgl. Pastoralkonstitution über die Kirche in der Welt von
heute Gaudium et spes, 57; 62.
(86) Vgl. ebd., 44.
(87) Vgl. V. Laterankonzil, Bulle Apostolici regimini sollicitudo,
sessio VIII: Conc. Oecum. Decreta, 1991, 605-606.
(88) Vgl. II. Vat. Konzil, Dogmatische Konstitution über die göttliche
Offenbarung Dei Verbum, 10.
(89) Hl. Thomas von Aquin, Summa Theologiae, II-II, 5, 3 ad 2.
(90) »Die Erforschung der Bedingungen, unter denen der Mensch von
sich aus die ersten grundlegenden Fragen stellt nach dem Sinn des Lebens,
nach dem Ziel, das er ihm geben will, und nach dem, was ihn nach dem Tod
erwartet, bildet für die Fundamentaltheologie den notwendigen
Vorspann, damit auch heute der Glaube der Vernunft in ihrer aufrichtigen
Suche nach der Wahrheit voll den Weg weisen kann«: Johannes Paul II.,
Schreiben an die Teilnehmer an dem internationalen Kongreß für
Fundamentaltheologie zum 125. Jahrestag der Veröffentlichung von Dei
Filius (30. September 1995), 4: L'Osservatore Romano, 3.
Oktober 1995, S. 8.
(91) Ebd.
(92) Vgl. II. Vat. Konzil, Pastoralkonstitution über die Kirche in
der Welt von heute Gaudium et spes, 15; Dekret über die
Missionstätigkeit der Kirche Ad gentes, 22.
(93) Hl. Thomas von Aquin, De Caelo, 1, 22.
(94) Vgl. II. Vat. Konzil, Pastoralkonstitution über die Kirche in
der Welt von heute Gaudium et spes, 53-59.
(95) Hl. Augustinus, De praedestinatione sanctorum, 2, 5: PL
44, 963.
(96) Ders., De fide, spe et caritate, 7: CCL 64, 61.
(97) Vgl. Konzil von Chalkedon, Symbolum, Definitio: DS 302.
(98) Vgl. Johannes Paul II., Enzyklika Redemptor hominis (4. März
1979), 15: AAS 71 (1979), 286-289.
(99) Vgl. z.B. Hl. Thomas von Aquin, Summa Theologiae, I, 16, 1;
Hl. Bonaventura, Coll. in Hex., 3, 8, 1.
(100) Pastoralkonstitution über die Kirche in der Welt von heute
Gaudium et spes, 15.
(101) Vgl. Johannes Paul II., Enzyklika Veritatis splendor (6.
August 1993), 57-61: AAS 85 (1993), 1179-1182.
(102) Vgl. I. Vat. Konzil, Dogmatische Konstitution über den
katholischen Glauben Dei Filius, IV: DS 3016.
(103) Vgl. IV. Laterankonzil, De errore abbatis Ioachim, II:
DS 806.
(104) Vgl. II. Vat. Konzil, Dogmatische Konstitution über die göttliche
Offenbarung Dei Verbum, 24; Dekret über die
Priesterausbildung Optatam totius, 16.
(105) Vgl. Johannes Paul II., Evangelium vitae (25. März
1998), 69: AAS 87 (1995), 481.
(106) Im selben Sinn schrieb ich in meiner ersten Enzyklika zur Erläuterung
des Wortes aus dem Johannesevangelium: Ihr werdet die Wahrheit
erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen (8, 32): »Diese
Worte schließen eine wesentliche Forderung und zugleich eine
Ermahnung ein: die Forderung eines ehrlichen Verhältnisses zur
Wahrheit als Bedingung einer authentischen Freiheit; und auch die
Ermahnung, daß jede nur scheinbare Freiheit, jede oberflächliche
und einseitige Freiheit und jede Freiheit, die nicht von der ganzen
Wahrheit über den Menschen und die Welt geprägt ist, vermieden
werde. Auch heute, nach zweitausend Jahren, erscheint uns Christus als
der, der dem Menschen die Freiheit bringt, die auf der Wahrheit begründet
ist, als der, der den Menschen befreit von allem, was diese Freiheit in
der Seele des Menschen, in seinem Herzen und in seinem Gewissen beschränkt,
schmälert und gleichsam von den Ursprüngen selbst trennt«:
Enzyklika Redemptor hominis (4. März 1979), 12: AAS 71
(1979), 280-281.
(107) Ansprache zur Eröffnung des Konzils (11. Oktober
1962): AAS 54 (1962), 792.
(108) Kongregation für die Glaubenslehre, Instruktion über die
kirchliche Berufung des Theologen Donum veritatis (24. Mai 1990),
7-8: AAS 82 (1990), 1552-1553.
(109) Indem ich Joh 16, 12-13 kommentierte, habe ich in der Enzyklika
Dominum et vivificantem geschrieben: »Jesus stellt den
Beistand, den Geist der Wahrheit, als denjenigen dar, der lehren
und erinnern wird, der für ihn Zeugnis ablegen
wird; jetzt sagt er: Er wird euch in die ganze Wahrheit führen.
Dieses Einführen in die Wahrheit im Hinblick auf das, was
die Apostel jetzt noch nicht tragen können, hängt
notwendigerweise mit der Entäußerung Christi durch
Leiden und Tod am Kreuz zusammen, die damals, als diese Worte gesprochen
wurden, kurz bevorstand. Dann wird jedoch deutlich, daß dieses Einführen
in die ganze Wahrheit sich nicht nur auf das scandalum crucis
bezieht, sondern auch auf alles, was Christus getan und gelehrt hat
(Apg 1, 1). Denn das gesamte Mysterium Christi erfordert den
Glauben, weil dieser es ist, der den Menschen auf angemessene Weise in die
Wirklichkeit des geoffenbarten Geheimnisses einführt. Die Einführung
in die ganze Wahrheit verwirklicht sich also im Glauben und mit
Hilfe des Glaubens: Sie ist das Werk des Geistes der Wahrheit und die
Frucht seines Wirkens im Menschen. Der Heilige Geist muß hierbei der
oberste Führer des Menschen, das Licht des menschlichen Geistes sein«:
Nr. 6: AAS 78 (1986), 815-816.
(110) Vgl. II. Vat. Konzil, Dogmatische Konstitution über die göttliche
Offenbarung Dei Verbum, 13.
(111) Vgl. Päpstliche Bibelkommission (21. April 1994): Instruktion
über die historische Wahrheit der Evangelien: AAS 56 (1964),
713.
(112) »Es ist klar, daß sich die Kirche nicht an ein
beliebiges kurzlebiges philosophisches System binden kann; aber was von
den katholischen Theologen übereinstimmend in jahrhundertelanger
Arbeit aufgestellt worden ist, um einigermaßen zu einem Verständnis
und einer Erfassung des Dogmas zu kommen, ruht nicht auf einem so hinfälligen
Fundament. Denn es ruht auf Prinzipien und Begriffen, die der wahren und
richtigen Erkenntnis der geschaffenen Dinge entstammen: bei Gewinnung und
Formung dieser Erkenntnisse war die göttliche Offenbarung, wie ein
Stern, dem menschlichen Geist mittels der Kirche eine Leuchte. Daher ist
es nicht zu verwundern, daß einige derartige Begriffe von Ökumenischen
Konzilien nicht nur verwendet, sondern selbst festgelegt wurden, so daß
es nicht erlaubt ist, davon abzugehen«: Enzyklika Humani generis
(12. August 1950): AAS 42 (1950), 566-567; vgl. Internationale
Theologenkommission, Dokument Interpretationis problema (Oktober
1989): Ench. Vat. 11, Nr. 2717-2811.
(113) »Was den Sinn der dogmatischen Formeln betrifft, so bleibt er
in der Kirche immer und in sich stimmig, auch wenn er mehr erhellt und
vollständiger erkannt wird. Die Christgläubigen müssen sich
also von der Meinung abwenden, nach der erstens die dogmatischen Formeln
(oder bestimmte Arten von ihnen) die Wahrheit nicht in bestimmter Weise
bezeichnen könnten, sondern nur ihre veränderlichen Annäherung,
die sie gewissermaßen deformierten bzw. veränderten«: Hl.
Kongregation für die Glaubenslehre, Erklärung zur Verteidigung
der katholischen Lehre über die Kirche Mysterium Ecclesiae (24.
Juni 1973), 5: AAS 65 (1973), 403.
(114) Vgl. Kongregation des Hl. Offiziums, Dekret Lamentabili (3.
Juli 1907), 26: AAS 40 (1907), 473.
(115) Vgl. Johannes Paul II., Ansprache an die Päpstliche
Hochschule »Angelicum« (17. November 1979), 6: Insegnamenti,
II, 2 (1979), 1183-1185.
(116) Nr. 32: AAS 85 (1993), 1159-1160.
(117) Vgl. Johannes Paul II., Apostol. Schreiben Catechesi tradendae
(16. Oktober 1979), 30: AAS 71 (1979), 1302-1303; Kongregation
für die Glaubenslehre, Instruktion über die kirchliche Berufung
des Theologen Donum veritatis (24. Mai 1990), 7: AAS 82
(1990), 1552-1553.
(118) Vgl. Johannes Paul II., Apostol. Schreiben Catechesi tradendae
(16. Oktober 1979), 30: AAS 71 (1979), 1302-1303.
(119) Vgl. ebd., 22, aaO., 1295-1296.
(120) Vgl. ebd., 7, aaO., 1282.
(121) Vgl. ebd., 59, aaO., 1325.
(122) I. Vat. Konzil, Dogmatische Konstitution über den
katholischen Glauben Dei Filius, IV: DS 3019.
(123) »Niemand darf aus der Theologie so etwas machen wie eine
einfache Sammlung von eigenen persönlichen Auffassungen; sondern
jeder muß darauf bedacht sein, in enger Verbindung zu bleiben mit
dem Sendungsauftrag, die Wahrheit zu lehren, für die die Kirche
verantwortlich ist«. Johannes Paul II., Enzyklika Redemptor
hominis (4. März 1979), 19: AAS 71 (1979), 308.
(124) Vgl. II. Vat. Konzil, Erklärung über die
Religionsfreiheit Dignitatis humanae, 1-3.
(125) Vgl. Apostol. Schreiben Evangelii nuntiandi (8. Dezember
1975), 20: AAS 68 (1976), 18-19.
(126) Pastoralkonstitution über die Kirche in der Welt von heute
Gaudium et spes, 92.
(127) Vgl. ebd., 10.
(128) Prologus, 4: Opera omnia, Florenz 1891, Bd. V, 296.
(129) Dekret über die Priesterausbildung Optatam totius,
15.
(130) Vgl. Johannes Paul II., Apostolische Konstitution Sapientia
Christiana (15. April 1979), Art. 67-68: AAS 71 (1979),
491-492.
(131) Johannes Paul II., Ansprache an der Universität von
Krakau zum 600-Jahr-Jubiläum der Alma Mater Jagellonica (8. Juni
1997), 4 L'Osservatore Romano, 9.-10. Juni 1997, S. 12.
(132) »he noerà tes pìsteos tràpeza«:
Homilie zu Ehren der heiligen Maria, der Mutter Gottes,
Pseudo-Epiphanios: PG 43, 493.
© Copyright 1998 -
Libreria Editrice Vaticana
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