APOSTOLISCHE REISE IN DIE BUNDESREPUBLIK DEUTSCHLAND
WORTGOTTESDIENST MIT DEN GLÄUBIGEN IN MÜNSTER
PREDIGT
VON JOHANNES PAUL II.
Schlossplatz (Münster) - Freitag, 1. Mai 1987
Verehrter Herr Bischof,
liebe Brüder und Schwestern!
Als Bischof von Rom und Nachfolger des Apostels Petrus freue ich mich von Herzen,
heute in eurer Bischofsstadt Münster bei euch zu sein, mit euch zu beten und das
Worte an euch richten zu können. Euch und allen, zu denen meine Worte gelangen,
gilt mein brüderlicher Gruß.
1. Von Anfang an sind Rom und Münster eng
miteinander verbunden gewesen. Euer erster Bischof, der heilige Ludgerus, ist im
Jahre 784 zum Petrusgrab und zum Papst in Rom gepilgert, um dort den Auftrag für
sein Missionswerk in eurer Heimat zu erhalten. Heute komme ich von Rom nach
Münster; der Nachfolger des Petrus kommt zum Nachfolger des Ludgerus und zu euch
allen hier im Bistum Münster, um euch im Glauben zu stärken, um zusammen mit
euch zu erfahren, daß Rom und Münster, daß Petrus und Ludgerus zusammengehören
und zusammenbleiben wollen im gemeinsamen Glauben.
Vom Tod des heiligen Ludgerus
berichtet eine alte Chronik: In: der Stunde seines Hinscheidens sahen die
Mitbrüder, ”wie vor ihnen ein helles Licht wie Feuer in die Höhe stieg und alle
Finsternis der dunkeln Nacht vertrieb“. Das Dunkel der Nacht war hell geworden;
das Dunkel der Nacht ist hell geblieben. Das Licht des katholischen Glaubens hat
seine Leuchtkraft behalten durch die Jahrhunderte hindurch. Immer neu ist dieses
Licht genährt worden durch die Zeugen der Wahrheit, die in eurem Land dieses
Licht gehütet und weitergereicht haben.
Unter diesen Glaubenszeugen ragt durch
seinen großen Bekennermut euer unvergeßlicher Bischof und Kardinal
Clemens August Graf von Galen hervor - der ”Löwe von Münster“, wie ihn der
Volksmund voller Bewunderung und Anerkennung nennt. Ich bin heute nach Münster
gekommen, um sein Grab zu besuchen und dort zu beten.
2. Bischof von Galen stand
in seinem mutigen Glaubenszeugnis damals jedoch nicht allein. Glauben geschieht
ja in der Gemeinschaft der auf den dreifaltigen Gott getauften Mitchristen.
Glauben geschieht in der Gemeinschaft der Zeugen der Wahrheit. Zu allen Zeiten
habt ihr solche hier im Bistum Münster gehabt: Zeugen der Wahrheit, die wie
Leuchtfeuer sind in dunkler Nacht und über allen Regionen eures Bistums
aufstrahlen.
In Xanten am Niederrhein liegen sie in der alten Krypta unter dem
Sankt-Viktors-Dom: Märtyrer aus der Zeit des Anfangs, die ihr Leben als Preis
für ihren Glauben hingaben. Da liegen die Gebeine des Priesters Gerhard Storm
und des Studenten Heinz Bello, die mit unerschütterlicher Treue am Credo der
Kirche festhielten, gegen die Herrschenden und die Machthaber der damaligen Zeit.
Dort liegt Karl Leisner begraben, der im Konzentrationslager Dachau zum Priester
geweiht wurde, ein Mann, dessen junges Leben die Begeisterung für seinen Glauben
ausstrahlt. Sein Lebensmotto hieß: ”Christus, du bist meine Leidenschaft!“; sein
Gebet lautete: ”Christus, sei du mir Führer zum Licht!“.
Im Oldenburger Land
finden wir die Grabstätte von Dominikanerpater Titus Hirten, dessen Leben die
Güte und Menschenliebe Gottes in beispielhafter Weise widerspiegelte. Und hier
in Münster habt ihr die Werkstätten und das Grab der Clemensschwester Maria
Euthymia, zu den Scharen von Hilfesuchenden pilgern. An den scheinbar
verborgenen Orten ihres aufopfernden Dienstes hat diese einfache Ordensfrau
stellvertretend für viele gezeigt: Ein Leben aus dem Glauben und aus dem
Evangelium hat weltverändernde Kraft. Aus der Kraft ihrer Christusnachfolge
entstand in ihrer Nähe Heimat und Geborgenheit für kriegsgefangene Menschen, die
ihr anvertraut waren. Liebe besiegte den Haß.
Noch viele andere Namen könnten
genannt werden. Ich erinnere jedoch nur noch an Schwester Anna Katharina
Emmerich, die uns mit ihrer besonderen mystischen Berufung den Wert des Opfers
und Mitleidens mit dem gekreuzigten Herrn zeigt: und an Schwester Edith Stein,
die ich heute morgen in Köln im Namen der Kirche seliggesprochen habe. Hier in
Münster hat sie die Stunde ihrer Berufung erlebt. Von hieraus führte ihr Weg in
den Karmel, von dort schließlich in den gewaltsamen Tod als Glaubenszeugin und
so in die ewige Seligkeit Gottes.
3. Ihr Christen im Bistum Münster, ihr jungen
Menschen, die ich hier besonders ansprechen möchte: Schaut auf diese ”Wolke von
Zeugen“ (Hebr. 12, 1), wie die Heilige Schrift sagt. Hier sind sie - die Vorbilder! Hier wird
kraftvoll und anschaulich gesagt, wie das geht: glauben. Hier wird deutlich, daß
die Welt nur verändert wird durch ein Leben aus der Bindung an Gott und sein
befreiendes Wort. So siegt die Liebe über die Bosheit; so überwindet Versöhnung
den Haß; so erhebt sich die Großmut des Glaubens über die Enge und
Selbstbezogenheit des Menschen.
Und ich frage euch Jugendliche: Sollten unter
euch nicht auch solche sein, die bereit sind, die ”Alternative“ eines radikalen
Lebens aus dem Glauben zu wählen? Als Schwester oder Bruder, als Priester im
Ordensstand oder im Dienst des Bischofs dem Ruf des Herrn zu folgen? In der
äußersten Entschlossenheit der Hingabe auf dem Weg der evangelischen Räte von
Armut, Keuschheit und Gehorsam? Als Priester oder Diakone das ganze Leben dafür
einsetzen, damit das Evangelium verkündet wird und die Sakramente gespendet
werden, damit Christus lebt in eurem Land - heute und auch morgen?
Ich bin fest
davon überzeugt: Auch unter euch gibt es zahlreiche Jungen und Mädchen, Männer
und Frauen, die berufen sind zum Ordensleben und zum Priestertum. Gott selber
ist es, der euch ruft. Faßt euch ein Herz, seid mutig! Wagt den Sprung über die
Hürden eurer Einwände und Bedenken: Gott, der euch ruft, ist auch getreu. Fangt
mit seiner Gnade an; er wird den ehrlichen Beginn zu` einem guten Ende bringen.
4. Liebe Brüder und Schwestern! Bischof von Galen hat gegen einen weltlichen
Totalitätsanspruch deutlich und mutig die elementaren Wahrheiten christlicher
Ethik: die zehn Gebote verkündet. Das ”Du sollst nicht . . .!“ des göttlichen
Gebotes war seine Antwort auf die Herausforderung durch einen Diktator, der in
seiner menschenverachtenden Machtausübung die Würde und die Grundrechte des
Menschen sowie die unabdingbaren Normen eines menschenwürdigen Zusammenlebens auf
das schwerste verletzte.
Als Bischof Clemens-August im Jahre 1941 in den
bekannten drei großen Predigten seine Stimme erhob, hat er in einer Zeit der
Lüge Zeugnis abgelegt für die Wahrheit. Gegen die Lehre von einer schrankenlosen
Selbstbestimmung des Menschen, von einer Freiheit, die keine Grenzen mehr
anerkennen will, hat er damals gesagt: Der Mensch ist von Gott geschaffen, von
Gott geliebt, von ihm getragen. Diese Herkunft ist der Adel des Menschen und
zugleich seine Aufgabe: Er wird wahrhaft Mensch, wenn er sich frei und treu an
Gott bindet und sein Leben auf ihn als höchstes Gute ausrichtet. Wählt der
Mensch für sein Leben aber ein geschaffenes Ziel und gibt sich ihm
ausschließlich hin, so wird er zum Sklaven: Er verliert seine eigentliche Würde;
Verwirrung, Chaos und Tod sind die tragischen Folgen.
Prophetisch sind die Worte,
die Bischof von Galen als Kämpfer für die Menschenrechte ausgerufen hat, als die
Nationalsozialisten anfingen. Geisteskranke als sogenannte unproduktive
Volksgenossen zu verschleppen und zu töten. Er sagte damals: Eine Lehre macht
sich breit, ”die behauptet, man dürfe sogenanntes “lebensunwertes” Leben
vernichten, also unschuldige Menschen töten, wenn man meint, ihr Leben sei für
Volk und Staat nichts mehr wert. Eine furchtbare Lehre, die Ermordung
Unschuldiger rechtfertigen will, die die gewaltsame Tötung der nicht mehr
arbeitsfähigen Invaliden, Krüppel, unheilbar Kranken, Altersschwachen
grundsätzlich freigibt . . . Hier handelt es sich aber um Menschen, unsere
Mitmenschen, unsere Brüder und Schwestern . . . Hast du, habe ich nur solange
das Recht zu leben, solange wir produktiv sind? Solange wir von anderen als
produktiv anerkannt werden? . . . Du sollst nicht töten! Dieses Gebot
Gottes, des einzigen Herrn, der das Recht hat, über Leben und Tod zu befinden,
war von Anfang an in die Herzen der Menschen geschrieben . . . Gott hat dieses
Gebot gegeben, unser Schöpfer und einstiger Richter!“ (Clemens-August von Galen,
Predigt am 3. August 1941).
5. Diese Worte sollten
keineswegs in Geschichtsbüchern und Archiven begraben bleiben; sie sind
hochaktuell, auch in demokratischen Staaten, in denen gilt, daß das Volk selbst,
also die Menschen gemeinsam ihr Zusammenleben in Würde und Freiheit gestalten
sollten. Wieder gibt es heute in der Gesellschaft starke Kräfte, die das
menschliche Leben bedrohen. Euthanasie, Gnadentod aus angeblichem Mitleid, ist
erneut ein erschreckend häufig wiederkehrendes Wort und findet ihre neuen
irregeleiteten Verteidiger. Auch kann die Kirche zur fast völligen Freigabe der
Abtreibung in eurem Land und in zahlreichen anderen Ländern nicht schweigen.
Gewiß wird sie durch ihre Seelsorger und verantwortlichen Laien jeder einzelnen
schwangeren Frau, die sich in Schwierigkeiten fühlt, mit aufrichtiger
Anteilnahme und Güte begegnen und ihrer Lage, soweit wie möglich, Verständnis
und konkrete Hilfsbereitschaft entgegenbringen. Der Gesellschaft gegenüber darf
die Kirche aber nicht schweigen; auch dann nicht, wenn schon eine ehrliche
Erörterung der gegenwärtigen Abtreibungssituation als lästiges Rühren an ein
Tabu abgelehnt wird. Von Politikern und Gestaltern der öffentlichen Meinung, die
sich noch ethischen Grundsätzen oder sogar dem christlichen Glauben verpflichtet
fühlen, erwartet die Kirche eine Hilfe, damit die wissenschaftlichen Ergebnisse
von Embryologie und Psychologie im Bereich der Schwangerschaft und Abtreibung
mehr zur Kenntnis genommen werden und die praktischen Entscheidungen der
Menschen immer wirksamer mitbestimmen. Die gesetzliche Indikationsregelung
selbst und ihre konkrete Handhabung sollten von den Verantwortlichen einmal
unvoreingenommen daraufhin überprüft werden, ob sie nicht - statt Leben zu
schützen - im Gegenteil viele Menschen geradezu in dem irrigen Eindruck bestärken,
hier gehe es um ein fast belangloses, in sich sogar erlaubtes Tun, zumal man ja
nicht einmal die finanziellen Ausgaben dafür persönlich zu tragen braucht.
Die
Kirche muß auch heute mit Nachdruck, Klarheit und Geduld eintreten für das
Lebensrecht aller Menschen, vor allem der noch ungeborenen und deshalb besonders
schutzbedürftigen Kinder; sie muß eintreten für die uneingeschränkte Geltung des
5. Gebotes: Du sollst nicht töten. Entgegen aller Wortkosmetik und
Reflexionsverweigerung ahnen doch wohl die allermeisten: Abtreibung ist bewußte
Tötung von unschuldigen Menschenleben. Es ist ermutigend, daß bereits eine neue
Nachdenklichkeit bei vielen Menschen einsetzt, weil sie immer stärker die
Inkonsequenzen im heutigen moralischen Werten und Urteilen bemerken. Keine
Friedensbewegung verdient doch diesen Namen, wenn sie nicht mit gleicher Kraft
den Krieg gegen das ungeborene Leben anprangert und dagegen anzugehen versucht.
Keine ökologische Bewegung kann ernstgenommen werden, wenn sie an der
Mißhandlung und Vernichtung ungezählter lebensfähiger Kinder im Mutterschoß
vorbeisieht. Keine emanzipierte Frau dürfte sich über ihre vermehrte
Selbstbestimmung freuen, wenn diese erreicht worden wäre gegen ein menschliches
Leben, das ihrem Schutz anvertraut war und auch bereits ein Recht auf
Selbstbestimmung besaß. Nehmen wir doch endlich auch den Menschen selbst auf unter
die Güter, die unseren höchsten Schutz verdienen und für die es sich lohnt, um
breite Zustimmung unter der Bevölkerung zu werben! So müßte es gerade für Arzte
und Sozialarbeiter, für Parlamentarier, Journalisten und Lehrer eine besondere
Gewissenspflicht sein, für den Rechtsschutz des Lebens auch öffentlich
einzutreten.
6. Gottes Sohn ist Mensch geworden; Christus will unser Bruder sein.
Darum darf kein Mensch vom anderen gering denken, ihn mißhandeln oder sogar
töten. Das Recht auf Leben ist das fundamentalste und heiligste aller
Menschenrechte.
In der Osterzeit, in der wir stehen, erfahren wir in besonderer
Weise: Unser Gott ist ein Gott des Lebens, der Gott, der Jesus von den Toten
auferweckt hat. Gott Endet sich mit dem Tod nicht ab, und auch wir dürfen es
nicht. Mit der Auferstehung Christi hat Gott eine neue Initiative für das Leben
begonnen. Diese Initiative Gottes sollen wir mittragen. Sache der Christen ist
es, mit Gottes Geist Partei zu ergreifen für Leben und Frieden, für Wahrheit und
Gerechtigkeit.
Letztlich lebt unsere Welt von der Güte und Barmherzigkeit, die
Gott uns schenkt und mit der die einzelnen Menschen einander begegnen. Warten
wir nicht alle darauf, daß jemand gut zu uns ist, uns anerkennt, uns ermutigt
oder tröstet, uns hilft, wo wir Unterstützung brauchen? Wo die Güte des Herzens
das Leben prägt, ist Platz auch für den schwachen, den alten, den verletzten
Menschen; dort ist auch Platz und Zukunft für den noch ungeborenen Menschen im
Mutterleib. Die Erfahrung der Barmherzigkeit weckt in uns die Hoffnung,
schließlich einmal einer letzten, unüberbietbaren Güte zu begegnen: der
unendlichen und ewigen Menschenfreundlichkeit Gottes.
Gott ist der Erste; er ist
auch der Letzte und Ewige. Von ihm kommt alles Leben; auf ihn geht unser Leben
zu. Von Gott her - zu Gott hin: das ist der Weg des Menschen.
Wähle das Leben!
Wähle das ganze Leben! Wähle damit auch dein ewiges Leben!
7. Liebe Brüder und
Schwestern! Es gibt Lieder von bleibender Dauer und Schönheit. Es gibt Lieder,
die nie verklingen. Unser Lied, das alles Toben der Weltgeschichte übertönen
wird, ist das Credo, das Lied unseres Glaubens. In ihm bekennen wir unseren
Glauben an den Vater, der uns zum Leben ruft, an unseren Bruder und Erlöser
Jesus Christus, an den Heiligen Geist, der immer wieder neu Leben schafft.
Dieses Lied unseres Glaubens laßt uns nun gemeinsam singen. Amen.
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