APOSTOLISCHE REISE IN DIE BUNDESREPUBLIK DEUTSCHLAND
EUCHARISTIEFEIER FÜR DIE GLÄUBIGEN DER DIÖZESE ESSEN
PREDIGT
VON JOHANNES PAUL II.
Parkstadion in Gelsenkirchen - Samstag, 2. Mai 1987
Verehrte Mitbrüder im Bischofs- und Priesteramt, liebe Brüder und Schwestern!
1. Der Friede des auferstandenen Herrn sei mit euch allen!
Es ist mir eine große
Freude, den alljährlich zahlreichen Rompilgern aus dem Bistum Essen nun ihren
Besuch in der Heimat erwidern zu können. Vom Hubschrauber aus habe ich die
gewaltige Konzentration von Wohnungen und Fabriken, von Verkehrswegen und
Verwaltungshochhäusern, von Sportanlagen und Erholungsparks in eurem Land
gesehen. Darunter habe ich auch viele Kirchen entdeckt, die von eurer
christlichen Vergangenheit und eurem heutigen Glauben zeugen. Das Ruhrgebiet als
am dichtesten besiedelte Gegend Europas bietet dazu noch zahlreichen Bürgern aus
anderen Ländern Gastfreundschaft und neue Lebensgrundlage. Mögen diese besonders
in eurer Ortskirche, in euren Pfarreien und kirchlichen Gemeinschaften
heimatliche Geborgenheit und brüderliche Solidarität finden.
In aufrichtiger
Dankbarkeit für die herzliche Aufnahme, die ihr heute auch mir und meiner
Begleitung in eurer Mitte gewährt, begrüße ich euch alle in der Liebe Jesu
Christi zu dieser festlichen Vorabendmesse des 3. Ostersonntags: vor allem euren
verehrten Oberhirten, Bischof Hengsbach, zusammen mit den anderen anwesenden
Bischöfen, die Priester und Ordensleute, die Familien und jeden einzelnen
Gläubigen ganz persönlich. Einen besonderen brüderlichen Gruß richte ich an die
ausländischen Mitchristen, die mit uns die Eucharistie feiern und dadurch
unserem Beten und Singen über alle Sprachgrenzen hinaus katholische Weite geben.
In der Kirche Jesu Christi sind alle Menschen Brüder und Schwestern und bilden
um den einen Altar die große Familie der ”Hausgenossen Gottes“. Im gemeinsamen
Glauben vereint, rüsten wir uns als pilgerndes Volk Gottes nun zu einer neuen
gemeinschaftlichen Begegnung mit Christus, unserem auferstandenen Herrn und
Erlöser, in der Eucharistie.
2. Liebe Brüder und Schwestern! Wir befinden uns
mitten in der Osterzeit, in der die Kirche Jahr für Jahr in der Liturgie zu
jenen Ereignissen zurückkehrt, die ihren eigentlichen Anfang darstellen: der Tod
Jesu Christi am Kreuz und seine machtvolle Auferstehung. Den Aposteln war es
geschenkt, dem Auferstandenen zu begegnen. Gerade diese Begegnung macht sie zu
seinen ersten Zeugen. Die entscheidende Aufgabe des Apostels ist, Christi
Auferstehung zu bezeugen. Vom ersten Augenblick ihrer Berufung an hat Christus
sie auf diese Sendung vorbereitet.
Das Ostergeschehen von Jerusalem leitet auf
diesem Weg der Vorbereitung einen neuen und entscheidenden Abschnitt ein. Die
Apostel und Jünger begegnen diesem Jesus, der gekreuzigt wurde, der wirklich
gestorben ist und begraben wurde wie jeder andere Mensch - und siehe: Er lebt! Er
lebt und hat vertrauten Umgang mit ihnen. Er ist verschieden, aber dennoch
derselbe. Sie wagten ihn nicht einmal zu fragen: ”Wer bist du? Denn sie wußten,
daß es der Herr war“ (Joh. 21, 12). Diese erste Stufe der österliche Erfahrung ist von
grundlegender Bedeutung.
Aus der Begegnung mit dem auferstandenen Herrn erinnern
sich die Apostel, die ja selbst noch in der geistigen Welt des Alten Bundes
leben, auf neue Weise an verschiedene wichtige Aussagen der Heiligen Schriften.
Sie hören und verstehen sie nun im Lichte Jesu Christi. Ihre wahre Bedeutung war
ihnen vorher ”verborgen“ geblieben - nun wird ihr Sinn ihnen offenkundig und
verständlich. So geschieht es auch mit den Worten von Psalm 16, einem der
sogenannten ”messianischen Psalmen“: ”Ich habe den Herrn beständig vor Augen. Er
steht mir zur Rechten, ich wanke nicht. Darum freut sich mein Herz und frohlockt
meine Seele; und mein Leib wird wohnen in Sicherheit. Denn du gibst mich nicht
der Unterwelt preis; du läßt deinen Frommen nicht das Grab schauen“ (Ps.
16 (15), 8-10).
Von wem
spricht der Psalmist, der König und Prophet David, in diesem Psalm? Etwa von
sich selbst? Auf keinen Fall! Sagt doch Petrus in der Apostelgeschichte von
David: ”Er starb und wurde begraben, und sein Grabmal ist bei uns erhalten bis
auf den heutigen Tag“ (Apg. 2, 29). Im Licht der österlichen Ereignisse wird den Aposteln
vielmehr klar, daß der Psalmist hier von Christus spricht. Er spricht
”vorausschauend über die Auferstehung Christi“ (ebd. 2, 31). Was unter dem Schleier der
inspirierten Worte des Alten Bundes verborgen war, hat nun durch Christus seine
wahre Bedeutung, seinen wollen Sinn erhalten. Er ist durch das neue Verständnis
der Apostel und Jünger enthüllt worden.
3. Vor den versammelten Bewohnern von
Jerusalem und den Besuchern aus vielen anderen Ländern erweist sich am
Pfingsttag, daß Gottes Geist aus diesem neuen Bewußtsein der Gefährten Jesu
endgültige Gewißheit gemacht hat: Christus ist wahrhaft auferstanden! Die erste
öffentliche Predigt des Petrus ist ein wunderbarer Beweis für diese
unerschütterliche Glaubensüberzeugung, die in ihm und in den anderen Aposteln
aus der Begegnung mit dem auferstandenen Christus herangereift ist.
Petrus nimmt
ausdrücklich Bezug auf den messianischen Psalm Davids; denn er spricht ja zu
Menschen, die wir er mit diesem Heiligen Schriften groß geworden sind. Auf
diesen gemeinsamen Boden gründet er sein Zeugnis über Christus, das den Anfang
der gesamten Evangelisierung und Katechese in der apostolischen Kirche darstellt.
Petrus sagt:
”Jesus von Nazaret, den Gott vor euch beglaubigt hat durch
machtvolle Taten, Wunder und Zeichen, die er durch ihn in eurer Mitte getan hat,
wie ihr selbst wißt - ihn, der nach Gottes beschlossenem Willen und Vorauswissen
hingegeben wurde, habt ihr durch die Hand von Gesetzlosen ans Kreuz geschlagen
und umgebracht.
Gott aber hat ihn von den Wehen des Todes befreit und auferweckt;
denn es war unmöglich, daß er vom Tod festgehalten wurde“ (Apg. 2, 22-24).
Durch dieses Zeugnis
der Apostel über Christus, den Gekreuzigten und Auferstandenen, beginnt dann der
Weg des Evangeliums in alle Welt. Es gelangt über alle Grenzen und Hindernisse
hinweg schließlich auch in euer Land. Eure Vorfahren haben sich diesem
weltweiten Pilgerweg des christlichen Glaubens angeschlossen. Sie haben das
Zeugnis der Apostel und ihrer Nachfolger angenommen und sind in die Gemeinschaft
der Gläubigen eingetreten. Wie schon in Jerusalem wurde auch hier aus derselben
Wurzel des Ostergeschehens die Kirche geboren.
4. Die Anfänge der Kirche in
eurem Land reichen zurück bis in die ersten christlichen Jahrhunderte. Die
ältesten Märtyrergräber, die ihr in einigen Kirche eurer weiten Heimat hütet,
stammen sogar schon aus der Römerzeit. Der christliche Glaube hat auch in eurem
Volk bald tiefe Wurzeln geschlagen und reiche Früchte eines lebendigen
religiösen Lebens und der Heiligkeit hervorgebracht. Eure heiligen Bischöfe
Altfried und Ludgerus sind leuchtende Beispiele dafür. Ihr dürft stolz darauf
sein, ihre Gräber in dieser Diözese verehren zu können. In allen Jahrhunderten
haben sich aus eurer Mitte Männer und Frauen erhoben, die den Ruf Jesu
angenommen und sich persönlich zu eigen gemacht haben: ”Ihr werdet meine Zeugen
sein . . . bis an die Grenzen der Erde“ (Act. 1, 8) - und das bis in unsere Gegenwart.
Zeugen aus eurem Land, die euch den Weg zeigen, echte Jünger Christi in unserer
Zeit zu sein, kann ich in diesen Tagen im Namen der Kirche besonders ehren.
Gestern: die Karmelitin Edith Stein in Köln: morgen: den Jesuitenpater Rupert
Mayer in München. Sodann galt mein Besuch auch dem Grab des mutigen
Bekennerbischofs Clemens-August Graf von Galen in Münster. Aber auch aus eurer
engeren Heimat sind Namen zu nennen, Männer aus der Welt der Arbeit, die sich
durch ihr heroisches Glaubenszeugnis ausgezeichnet haben: der Bergmann,
Journalist und Widerstandskämpfer Nikolaus Gross, der Duisburger
Arbeitersekretär Gottfried Könzgen, der Gewerkschaftler und Schriftleiter
Bernhard Letterhaus. Sie haben ihr Leben für ihren Glauben und ihre Kirche
hingegeben. Zahlreiche Priester und Laien waren mit ihnen standhafte Zeugen
gegen den Ungeist einer gottlosen und menschenverachtenden Diktatur. Diese
Zeugen ermutigen jeden von uns, selbst für Christus unerschrocken Zeugnis zu
geben in der Familie, im Wohnviertel, im Beruf, in der Schule, in Arbeit und
Freizeit. Das Wort des Herrn: ”Ihr werdet meine Zeugen sein“ muß jede Generation
von Christen neu beunruhigen und beflügeln.
5. Liebe Brüder und Schwestern! Der
Aufruf, Zeugen Christi zu sein, erreicht uns aus dem Munde des auferstandenen
Herrn. Vor seiner Himmelfahrt gibt er uns noch die feste Versicherung: ”Seid
gewiß: Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt“ (Mt. 28, 20). Als österliche
Menschen sind wir heute von dem in unserer Mitte anwesenden Herrn in unsere Welt
und unsere Zeit gesandt, um von ihm und seiner erlösenden Wahrheit vor unseren
Mitmenschen Zeugnis zu geben. Wie im heutigen Evangelium steht Jesus auch am
Ufer unserer Zeit, am Ufer des Lebens eines jeden von uns. Er hat das Feuer
schon angezündet. Viele haben ihn jedoch noch nicht erkannt. Es geht ihnen wie
den Jüngern, die zunächst noch ”nicht wußten, daß es Jesus war“. Aber das
Zeugnis und die Erkenntnis von seiner erlösenden Gegenwart sind nicht mehr
aufzuhalten: Ohne ihn gibt es keinen Halt und keine Hoffnung. Ohne ihn ist alle
menschliche Mühe vergeblich und wird der Hunger der Menschen nicht gestillt.
Ohne ihn öffnet sich keine Tür jenseits des Todes. Christus ist in die Welt
gekommen und als der auferstandene Herr unter uns gegenwärtig, ”damit wir das
Leben haben und es in Fülle haben“ (Joh. 10, 10).
Um von Christus und seinem neuen Leben
wirksam Zeugnis geben zu können, müssen wir uns zuerst selbst von ihm ganz
ergreifen lassen. Wie die Jünger am See von Tiberias sind jedoch auch wir immer
wieder versucht, kleingläubig zu werden und aufzugeben. Obwohl jene die
Botschaft von der Auferstehung Jesu schon von Maria Magdalena gehört hatten,
obwohl sie ihm selber verschiedene Male leibhaftig begegnet waren, kehrten sie
wieder zu ihren Booten zurück, als ob nichts geschehen wäre. Es klingt nach
Resignation: ”Ich gehe fischen . . . wir kommen auch mit“. Der Aufbruch zu neuen
Ufern in der Nachfolge Christi scheint vorbei. Und selbst in ihrem kleinen
begrenzten Erfahrungsbereich als Fischer am See bleiben sie ohne Erfolg: ”In
dieser Nacht fingen sie nichts“. Obwohl die Jünger sich die ganze Nacht abgemüht
hatten, blieb ihr Netz leer. Diese Erfahrung der Erfolglosigkeit, die leicht zu
Mutlosigkeit führt, wird heute von vielen Menschen geteilt: in der Gesellschaft,
in der Welt der Arbeit, aber auch in der Kirche. Trotz größter Anstrengungen für
die Erhaltung der Arbeitsplätze im Kohlenbergbau muß eine Zeche nach der anderen
geschlossen werden. Wie viele Bewerbungen mögen Jugendliche auf ihrer Suche nach
Arbeit schreiben und erhalten nichts als Absagen! Und die Kirche? Es wurde in
den letzten Jahren mehr für die Erneuerung des religiösen Lebens beraten und
getan als zuvor, aber die Kirchen wurden leerer, das religiöse Interesse und das
christliche Glaubenszeugnis gehen zurück.
Kreuzweg und Grablegung bleiben dem
oft nicht erspart, der es lernen muß, seine ganze Hoffnung auf die Auferstehung
durch Gott zu setzen. Es scheint, der Herr müsse uns unsere eigenen Mittel
nehmen, damit unser Blick frei wird für ihn. Denn er sucht unsere Gemeinschaft.
Wie es in der Frohen Botschaft des heutigen Evangeliums heißt: ”Als es schon
Morgen wurde, stand Jesus am Ufer“. Er braucht zuerst die ehrliche Antwort der
Jünger, das Eingeständnis der eigenen Ausweglosigkeit und Ohnmacht: ”Habt ihr
nicht etwas zu essen? Sie antworten ihm: Nein“. Dann folgt die göttliche Hilfe:
”Werft das Netz auf der rechten Seite des Bootes aus, und ihr werdet etwas
fangen. Sie warfen das Netz aus und konnten es nicht wieder einholen, so voller
Fische war es“. Plötzlich tritt der auferstandene Herr als lebendige
Wirklichkeit in ihr Leben und verwandelt es, gibt allem einen neuen Sinn und oft
eine unerwartete, tiefere Erfüllung.
6. Laßt, liebe Mitchristen an der Ruhr,
Christus, den Auferstandenen, auch in euren Lebensraum wieder machtvoll
eintreten. Öffnet ihm erneut die Tore eurer Gesellschaft, eurer Gemeinden und
Familien, eures persönlichen Lebens. Mut zur Zukunft, Zuversicht, Überwindung
von Resignation und gemeinsames Handeln sind Tugenden, die wir von den Fischern
aus ihrer Begegnung mit dem Herrn am See von Tiberias lernen können. Diese sind
auch eine gute Voraussetzung für eine menschengerechte Zukunft des Ruhrgebietes.
Lassen wir uns aber vor allem durch das Beispiel des Petrus begeistern und
mitreißen. Er sprang in den See, um schneller beim Herrn zu sein. Ich möchte
euch zurufen: Zögert auch ihr nicht, zu Christus, dem Herrn, zu kommen. Zu viele
Menschen stehen da und ahnen vielleicht etwas von der neuen, weltverwandelnden
Lebenskraft des Mannes am Ufer, aber sie zögern. Sie haben sich ihr Leben anders
eingerichtet, sie scheuen den prüfenden Blick Jesu Christi. Zu viele stehen da
und wissen schon etwas mehr vom Herrn und seinem geheimnisvollen Feuer, aber sie
springen nicht. Gewiß haben viele junge Männer den Ruf zum Priestertum, zum
Menschenfischersein gehört, aber sie sind unentschlossen, weil sie sich selbst
oder dem Netz der Kirche oder der Erscheinung des Herrn am Ufer nicht trauen. Zu
viele junge Mädchen fahren kreuz und quer auf dem See ihres Lebens umher, und
während die Netze der Ordensgemeinschaften immer weitmaschiger werden, lassen
sie den Herrn allein am Ufer stehen. Ihr Eltern, bekennt euch zu Christus durch
eine christlich gelebte Ehe und Familie. Die Kirche zeigt euch dazu in ihrer
Lehre den gottgewollten Weg. Werdet selbst Apostel für eure Kinder, indem ihr
ihnen euren überkommenen Glauben gewissenhaft weitervermittelt. Ihr
Verantwortlichen und Werktätigen, übt christliche Rücksichtnahme und Solidarität
in der rauhen Welt der Arbeit, besonders mit den Arbeitslosen. Bekennt euch alle
in tätiger Hilfsbereitschaft zu den kranken und alten Menschen, zu den
Entrechteten und Ausgestoßenen in eurer Gesellschaft. Es ist Christus, der Herr,
der euch als seine Zeugen der Botschaft der Liebe und Versöhnung in Dienst
nehmen möchte.
Was ich über die Tugenden gesagt habe, die eurer Heimat eine
verheißungsvolle Zukunft geben können, das gilt erst recht vom Glaubensmut. In
solch gläubigem Einsatz hat die katholische Bevölkerung des Ruhrgebietes unter
großen Opfern eine imponierende Zahl von Kirchen gebaut, ebenso von
Krankenhäusern und karitativen Einrichtungen. Laßt diese nicht zu Denkmälern aus
einer vergangenen Welt werden oder zu Institutionen, denen ihr christlicher
Ursprung nicht mehr anzumerken ist. Füllt sie vielmehr mit Liebe und Leben. Laßt
sie zu Knotenpunkten eines Netzes werden, das nicht zerreißt, zu Stätten der
Offenbarung österlicher Lebenskraft, die auch heute die Welt zu verwandeln
vermag. Wißt aber vor allem, daß vor aller Tüchtigkeit und Treue im Reich Gottes
noch ein neues Gesetz gilt: Der Erfolg ist nicht Ergebnis von Tugend und
Leistung, sondern Geschenk. Der reiche Fischfang der Jünger ist nicht ein Rekord,
sondern eher ein Symbol. In der geheimnisvollen Zahl wird die Osterwirklichkeit
anschaulich: Fülle statt Leere, Erfüllung statt Vergeblichkeit - und zwar in der
Kraft des auferstandenen Herrn.
7. Liebe Brüder und Schwestern! Unser Blick auf
das österliche Geschehen am See von Tiberias läßt uns unser eigenes Christsein
tiefer verstehen. Christus, der Gekreuzigte und Gestorbene, der lebt, ist uns
als der Auferstandene heute ebenso gegenwärtig wie damals seinen Jüngern, auch
hier in der Welt der Rohstoff- und Energiegewinnung, der Produktion und des
Handels an Rhein, Ruhr und Emscher. Es gilt nur, ihm unter uns wieder volles
Heimatrecht zu gewähren und ihn erneut in unserer Mitte willkommen zu heißen.
Ebenso ist das im Evangelium Berichtete nicht ferne Vergangenheit, sondern
lebendige Gegenwart. ”Jesus sagte zu ihnen: Kommt her und eßt! . . . Jesus
trat heran, nahm das Brot und gab es ihnen (ebenso den Fisch)“. Das geschieht
hier und jetzt. So imponierend die Kohlenfeuer des Ruhrgebietes sind, das
geheimnisvolle Kohlenfeuer im Evangelium brennt weiter in allen Kontinenten und
zu allen Zeiten. Es sorgt dafür, daß die Welt nicht erkaltet, weil die Liebe
selbst sich hier verteilt in der unscheinbaren Gestalt von Brot. Sorgt, daß ihr
nicht erfriert im Egoismus und Konkurrenzkampf, im Leerlauf der Betriebsamkeit
und Vergnügungsjagd, sondern kommt zum Osterfeuer der heiligen Messe, laßt den
Sonntag, den Tag des Herrn, nicht ausbluten, laßt das wärmende und leuchtende
Kohlenfeuer am Ufer eures Lebens nicht erlöschen. Laßt Christus nicht allein am
Ufer stehen. Ihr sorgt euch, daß die Förderbänder laufen und die Feuer in den
Stahlwerken nicht erlöschen, weil euch die Sorge um die Arbeitsplätze drückt.
Ich teile eure Sorge. Teilt ihr auch meine Sorge, daß die Feuer des Glaubens
nicht herunterbrennen, daß nicht Asche bleibt statt Glut.
Petrus bekam vom Herrn
den Auftrag: ”Stärke deine Brüder!“ (Lk. 22, 32). Hört heute auf die Stimme des Petrus unter
euch: Glaubt an die Zukunft eurer Heimat! Glaubt an die Zukunft der Kirche!
Glaubt an den auferstandenen Herrn und Heiland Jesus Christus, der uns
versichert hat, immer bei uns zu sein, alle Tage bis zum Ende der Welt. Amen.
Bevor wir am Ende dieser Eucharistiefeier Gottes Segen erbitten, möchte ich noch
ein besonderes Wort an die hier anwesenden Jugendlichen und an die ganze Jugend
in eurem Land richten. Liebe junge Freunde!
Von Herzen grüße ich euch noch eigens bei diesem festlichen Gottesdienst und
auch daheim in euren Gemeinden und Verbänden. Christus ist unsere gemeinsame
Berufung. Er ist wirklich in unserer Mitte: in seiner Kirche, besonders in der
Eucharistie. Er möchte sich ganz uns schenken, um uns zu seinen Freunden und
Jüngern zu machen. Die innige Beziehung, die Christus mit uns eingehen will, ist
die einzige Freundschaft, die nie enttäuschen kann. Jesus ist treu; er hält, was
er verspricht. Deshalb ist Christus euer wahrer Freund. Ihr werdet keinen
treueren Weggefährten finden. Laßt darum auch eure Antwort an ihn nicht
kleinlich sein. Reicht ihm nicht nur euren kleinen Finger! Öffnet ihm weit die
Türen eurer eigenen Freundschaft! Man zahlt Großes nicht mit kleiner Münze
zurück. Gebt ihm euer Herz, euren Kopf, eure Hände! Und wenn er dich persönlich
in seine engere Nachfolge ruft, so versage ihm deine Gefolgschaft nicht.
Mit Christus gibt es kein Verlustgeschäft! Er gibt euch so reichlich, daß ihr
davon noch andere bereichern und mit ihm die Welt verändern könnt. Die Welt ist
arm geworden in den menschlichen Beziehungen. Darum bemüht euch um
Verläßlichkeit, Treue, Wahrhaftigkeit und Solidarität, auch wenn in der
Gesellschaft oft Eigennutz, Gewinnstreben, Rücksichtslosigkeit und Egoismus das
Leben bestimmen wollen. Denkt insbesondere auch an eure Kameraden ohne
Ausbildungsplatz und ohne Arbeit, an die Ausländer, an Behinderte, an
Jugendliche in schwierigen familiären Verhältnissen, aber auch an die Menschen
in der Dritten Welt, die sich nach Gerechtigkeit und Frieden sehnen und dafür
große Opfer bringen müssen.
Ich freue mich heute besonders, daß so viele Pfadfinder und Pfadfinderinnen zu
dieser Eucharistiefeier gekommen sind. Euch möchte ich, wie letztes Jahr euren
italienischen Freunden, sagen: ”Erweist euren Dienst immer und überall jedem
Menschen, der ihn braucht, selbstlos und großzügig. So erfüllt ihr das Testament
eures Gründers Sir Robert Powell, in dem es heißt: "Die echte Weise, glücklich
zu sein, besteht darin, andere glücklich zu machen““.
Liebe Jugend! Freunde haben sich etwas zu sagen, es drängt sie immer wieder zum
Gespräch. Das gilt auch in der Freundschaft mit Christus. Im Gebet suchen wir
das Gespräch mit ihm. Christus können wir alles sagen, was uns bewegt; ihn
dürfen wir um alles bitten, was wir nötig haben. Im Gebet bleibt unsere
Freundschaft mit Christus lebendig.
Gleich nach der heiligen Messe wollen wir alle gemeinsam hier im Stadion den
Rosenkranz beten. Dieses Gebet, das in seinen Ursprüngen auch auf den Raum des
Bistums Essen zurückgeht, ist für unzählige Menschen bis auf den heutigen Tag
Zeichen und Mittel inniger Verbundenheit mit Christus. Gerade in schweren Zeiten,
in Bedrängnis, Verlassenheit, Krankheit und Todesnot haben Menschen immer wieder
zum Rosenkranzgebet ihre Zuflucht genommen, in ihm Trost und neue Kraft gefunden.
Wir wollen uns heute ganz bewußt in diese Kette der Beter durch die Jahrhunderte
einreihen. Maria, die Mutter Jesu und unsere Mutter, hilft uns dabei, Jesus
nicht aus den Augen zu verlieren, wenn wir uns – wie sie –, offen für das Wort
Gottes und treu unserer Berufung, von Christus ergreifen lassen. Dabei begleite
auch ich euch mit meinem besonderen Gebet und Segen.
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