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APOSTOLISCHE REISE IN DIE BUNDESREPUBLIK DEUTSCHLAND

EUCHARISTIEFEIER FÜR DIE GLÄUBIGEN DER DIÖZESE ESSEN

PREDIGT VON JOHANNES PAUL II.

Parkstadion in Gelsenkirchen - Samstag, 2. Mai 1987

 

Verehrte Mitbrüder im Bischofs- und Priesteramt, liebe Brüder und Schwestern!

1. Der Friede des auferstandenen Herrn sei mit euch allen!

Es ist mir eine große Freude, den alljährlich zahlreichen Rompilgern aus dem Bistum Essen nun ihren Besuch in der Heimat erwidern zu können. Vom Hubschrauber aus habe ich die gewaltige Konzentration von Wohnungen und Fabriken, von Verkehrswegen und Verwaltungshochhäusern, von Sportanlagen und Erholungsparks in eurem Land gesehen. Darunter habe ich auch viele Kirchen entdeckt, die von eurer christlichen Vergangenheit und eurem heutigen Glauben zeugen. Das Ruhrgebiet als am dichtesten besiedelte Gegend Europas bietet dazu noch zahlreichen Bürgern aus anderen Ländern Gastfreundschaft und neue Lebensgrundlage. Mögen diese besonders in eurer Ortskirche, in euren Pfarreien und kirchlichen Gemeinschaften heimatliche Geborgenheit und brüderliche Solidarität finden.

In aufrichtiger Dankbarkeit für die herzliche Aufnahme, die ihr heute auch mir und meiner Begleitung in eurer Mitte gewährt, begrüße ich euch alle in der Liebe Jesu Christi zu dieser festlichen Vorabendmesse des 3. Ostersonntags: vor allem euren verehrten Oberhirten, Bischof Hengsbach, zusammen mit den anderen anwesenden Bischöfen, die Priester und Ordensleute, die Familien und jeden einzelnen Gläubigen ganz persönlich. Einen besonderen brüderlichen Gruß richte ich an die ausländischen Mitchristen, die mit uns die Eucharistie feiern und dadurch unserem Beten und Singen über alle Sprachgrenzen hinaus katholische Weite geben. In der Kirche Jesu Christi sind alle Menschen Brüder und Schwestern und bilden um den einen Altar die große Familie der ”Hausgenossen Gottes“. Im gemeinsamen Glauben vereint, rüsten wir uns als pilgerndes Volk Gottes nun zu einer neuen gemeinschaftlichen Begegnung mit Christus, unserem auferstandenen Herrn und Erlöser, in der Eucharistie.

2. Liebe Brüder und Schwestern! Wir befinden uns mitten in der Osterzeit, in der die Kirche Jahr für Jahr in der Liturgie zu jenen Ereignissen zurückkehrt, die ihren eigentlichen Anfang darstellen: der Tod Jesu Christi am Kreuz und seine machtvolle Auferstehung. Den Aposteln war es geschenkt, dem Auferstandenen zu begegnen. Gerade diese Begegnung macht sie zu seinen ersten Zeugen. Die entscheidende Aufgabe des Apostels ist, Christi Auferstehung zu bezeugen. Vom ersten Augenblick ihrer Berufung an hat Christus sie auf diese Sendung vorbereitet.

Das Ostergeschehen von Jerusalem leitet auf diesem Weg der Vorbereitung einen neuen und entscheidenden Abschnitt ein. Die Apostel und Jünger begegnen diesem Jesus, der gekreuzigt wurde, der wirklich gestorben ist und begraben wurde wie jeder andere Mensch - und siehe: Er lebt! Er lebt und hat vertrauten Umgang mit ihnen. Er ist verschieden, aber dennoch derselbe. Sie wagten ihn nicht einmal zu fragen: ”Wer bist du? Denn sie wußten, daß es der Herr war“ (Joh. 21, 12). Diese erste Stufe der österliche Erfahrung ist von grundlegender Bedeutung.

Aus der Begegnung mit dem auferstandenen Herrn erinnern sich die Apostel, die ja selbst noch in der geistigen Welt des Alten Bundes leben, auf neue Weise an verschiedene wichtige Aussagen der Heiligen Schriften. Sie hören und verstehen sie nun im Lichte Jesu Christi. Ihre wahre Bedeutung war ihnen vorher ”verborgen“ geblieben - nun wird ihr Sinn ihnen offenkundig und verständlich. So geschieht es auch mit den Worten von Psalm 16, einem der sogenannten ”messianischen Psalmen“: ”Ich habe den Herrn beständig vor Augen. Er steht mir zur Rechten, ich wanke nicht. Darum freut sich mein Herz und frohlockt meine Seele; und mein Leib wird wohnen in Sicherheit. Denn du gibst mich nicht der Unterwelt preis; du läßt deinen Frommen nicht das Grab schauen“ (Ps. 16 (15), 8-10).

Von wem spricht der Psalmist, der König und Prophet David, in diesem Psalm? Etwa von sich selbst? Auf keinen Fall! Sagt doch Petrus in der Apostelgeschichte von David: ”Er starb und wurde begraben, und sein Grabmal ist bei uns erhalten bis auf den heutigen Tag“ (Apg. 2, 29). Im Licht der österlichen Ereignisse wird den Aposteln vielmehr klar, daß der Psalmist hier von Christus spricht. Er spricht ”vorausschauend über die Auferstehung Christi“ (ebd. 2, 31). Was unter dem Schleier der inspirierten Worte des Alten Bundes verborgen war, hat nun durch Christus seine wahre Bedeutung, seinen wollen Sinn erhalten. Er ist durch das neue Verständnis der Apostel und Jünger enthüllt worden.

3. Vor den versammelten Bewohnern von Jerusalem und den Besuchern aus vielen anderen Ländern erweist sich am Pfingsttag, daß Gottes Geist aus diesem neuen Bewußtsein der Gefährten Jesu endgültige Gewißheit gemacht hat: Christus ist wahrhaft auferstanden! Die erste öffentliche Predigt des Petrus ist ein wunderbarer Beweis für diese unerschütterliche Glaubensüberzeugung, die in ihm und in den anderen Aposteln aus der Begegnung mit dem auferstandenen Christus herangereift ist.

Petrus nimmt ausdrücklich Bezug auf den messianischen Psalm Davids; denn er spricht ja zu Menschen, die wir er mit diesem Heiligen Schriften groß geworden sind. Auf diesen gemeinsamen Boden gründet er sein Zeugnis über Christus, das den Anfang der gesamten Evangelisierung und Katechese in der apostolischen Kirche darstellt. Petrus sagt:

”Jesus von Nazaret, den Gott vor euch beglaubigt hat durch machtvolle Taten, Wunder und Zeichen, die er durch ihn in eurer Mitte getan hat, wie ihr selbst wißt - ihn, der nach Gottes beschlossenem Willen und Vorauswissen hingegeben wurde, habt ihr durch die Hand von Gesetzlosen ans Kreuz geschlagen und umgebracht.

Gott aber hat ihn von den Wehen des Todes befreit und auferweckt; denn es war unmöglich, daß er vom Tod festgehalten wurde“ (Apg. 2, 22-24).

Durch dieses Zeugnis der Apostel über Christus, den Gekreuzigten und Auferstandenen, beginnt dann der Weg des Evangeliums in alle Welt. Es gelangt über alle Grenzen und Hindernisse hinweg schließlich auch in euer Land. Eure Vorfahren haben sich diesem weltweiten Pilgerweg des christlichen Glaubens angeschlossen. Sie haben das Zeugnis der Apostel und ihrer Nachfolger angenommen und sind in die Gemeinschaft der Gläubigen eingetreten. Wie schon in Jerusalem wurde auch hier aus derselben Wurzel des Ostergeschehens die Kirche geboren.

4. Die Anfänge der Kirche in eurem Land reichen zurück bis in die ersten christlichen Jahrhunderte. Die ältesten Märtyrergräber, die ihr in einigen Kirche eurer weiten Heimat hütet, stammen sogar schon aus der Römerzeit. Der christliche Glaube hat auch in eurem Volk bald tiefe Wurzeln geschlagen und reiche Früchte eines lebendigen religiösen Lebens und der Heiligkeit hervorgebracht. Eure heiligen Bischöfe Altfried und Ludgerus sind leuchtende Beispiele dafür. Ihr dürft stolz darauf sein, ihre Gräber in dieser Diözese verehren zu können. In allen Jahrhunderten haben sich aus eurer Mitte Männer und Frauen erhoben, die den Ruf Jesu angenommen und sich persönlich zu eigen gemacht haben: ”Ihr werdet meine Zeugen sein . . . bis an die Grenzen der Erde“ (Act. 1, 8) - und das bis in unsere Gegenwart.

Zeugen aus eurem Land, die euch den Weg zeigen, echte Jünger Christi in unserer Zeit zu sein, kann ich in diesen Tagen im Namen der Kirche besonders ehren. Gestern: die Karmelitin Edith Stein in Köln: morgen: den Jesuitenpater Rupert Mayer in München. Sodann galt mein Besuch auch dem Grab des mutigen Bekennerbischofs Clemens-August Graf von Galen in Münster. Aber auch aus eurer engeren Heimat sind Namen zu nennen, Männer aus der Welt der Arbeit, die sich durch ihr heroisches Glaubenszeugnis ausgezeichnet haben: der Bergmann, Journalist und Widerstandskämpfer Nikolaus Gross, der Duisburger Arbeitersekretär Gottfried Könzgen, der Gewerkschaftler und Schriftleiter Bernhard Letterhaus. Sie haben ihr Leben für ihren Glauben und ihre Kirche hingegeben. Zahlreiche Priester und Laien waren mit ihnen standhafte Zeugen gegen den Ungeist einer gottlosen und menschenverachtenden Diktatur. Diese Zeugen ermutigen jeden von uns, selbst für Christus unerschrocken Zeugnis zu geben in der Familie, im Wohnviertel, im Beruf, in der Schule, in Arbeit und Freizeit. Das Wort des Herrn: ”Ihr werdet meine Zeugen sein“ muß jede Generation von Christen neu beunruhigen und beflügeln.

5. Liebe Brüder und Schwestern! Der Aufruf, Zeugen Christi zu sein, erreicht uns aus dem Munde des auferstandenen Herrn. Vor seiner Himmelfahrt gibt er uns noch die feste Versicherung: ”Seid gewiß: Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt“ (Mt. 28, 20). Als österliche Menschen sind wir heute von dem in unserer Mitte anwesenden Herrn in unsere Welt und unsere Zeit gesandt, um von ihm und seiner erlösenden Wahrheit vor unseren Mitmenschen Zeugnis zu geben. Wie im heutigen Evangelium steht Jesus auch am Ufer unserer Zeit, am Ufer des Lebens eines jeden von uns. Er hat das Feuer schon angezündet. Viele haben ihn jedoch noch nicht erkannt. Es geht ihnen wie den Jüngern, die zunächst noch ”nicht wußten, daß es Jesus war“. Aber das Zeugnis und die Erkenntnis von seiner erlösenden Gegenwart sind nicht mehr aufzuhalten: Ohne ihn gibt es keinen Halt und keine Hoffnung. Ohne ihn ist alle menschliche Mühe vergeblich und wird der Hunger der Menschen nicht gestillt. Ohne ihn öffnet sich keine Tür jenseits des Todes. Christus ist in die Welt gekommen und als der auferstandene Herr unter uns gegenwärtig, ”damit wir das Leben haben und es in Fülle haben“ (Joh. 10, 10).

Um von Christus und seinem neuen Leben wirksam Zeugnis geben zu können, müssen wir uns zuerst selbst von ihm ganz ergreifen lassen. Wie die Jünger am See von Tiberias sind jedoch auch wir immer wieder versucht, kleingläubig zu werden und aufzugeben. Obwohl jene die Botschaft von der Auferstehung Jesu schon von Maria Magdalena gehört hatten, obwohl sie ihm selber verschiedene Male leibhaftig begegnet waren, kehrten sie wieder zu ihren Booten zurück, als ob nichts geschehen wäre. Es klingt nach Resignation: ”Ich gehe fischen . . . wir kommen auch mit“. Der Aufbruch zu neuen Ufern in der Nachfolge Christi scheint vorbei. Und selbst in ihrem kleinen begrenzten Erfahrungsbereich als Fischer am See bleiben sie ohne Erfolg: ”In dieser Nacht fingen sie nichts“. Obwohl die Jünger sich die ganze Nacht abgemüht hatten, blieb ihr Netz leer. Diese Erfahrung der Erfolglosigkeit, die leicht zu Mutlosigkeit führt, wird heute von vielen Menschen geteilt: in der Gesellschaft, in der Welt der Arbeit, aber auch in der Kirche. Trotz größter Anstrengungen für die Erhaltung der Arbeitsplätze im Kohlenbergbau muß eine Zeche nach der anderen geschlossen werden. Wie viele Bewerbungen mögen Jugendliche auf ihrer Suche nach Arbeit schreiben und erhalten nichts als Absagen! Und die Kirche? Es wurde in den letzten Jahren mehr für die Erneuerung des religiösen Lebens beraten und getan als zuvor, aber die Kirchen wurden leerer, das religiöse Interesse und das christliche Glaubenszeugnis gehen zurück.

Kreuzweg und Grablegung bleiben dem oft nicht erspart, der es lernen muß, seine ganze Hoffnung auf die Auferstehung durch Gott zu setzen. Es scheint, der Herr müsse uns unsere eigenen Mittel nehmen, damit unser Blick frei wird für ihn. Denn er sucht unsere Gemeinschaft. Wie es in der Frohen Botschaft des heutigen Evangeliums heißt: ”Als es schon Morgen wurde, stand Jesus am Ufer“. Er braucht zuerst die ehrliche Antwort der Jünger, das Eingeständnis der eigenen Ausweglosigkeit und Ohnmacht: ”Habt ihr nicht etwas zu essen? Sie antworten ihm: Nein“. Dann folgt die göttliche Hilfe: ”Werft das Netz auf der rechten Seite des Bootes aus, und ihr werdet etwas fangen. Sie warfen das Netz aus und konnten es nicht wieder einholen, so voller Fische war es“. Plötzlich tritt der auferstandene Herr als lebendige Wirklichkeit in ihr Leben und verwandelt es, gibt allem einen neuen Sinn und oft eine unerwartete, tiefere Erfüllung.

6. Laßt, liebe Mitchristen an der Ruhr, Christus, den Auferstandenen, auch in euren Lebensraum wieder machtvoll eintreten. Öffnet ihm erneut die Tore eurer Gesellschaft, eurer Gemeinden und Familien, eures persönlichen Lebens. Mut zur Zukunft, Zuversicht, Überwindung von Resignation und gemeinsames Handeln sind Tugenden, die wir von den Fischern aus ihrer Begegnung mit dem Herrn am See von Tiberias lernen können. Diese sind auch eine gute Voraussetzung für eine menschengerechte Zukunft des Ruhrgebietes. Lassen wir uns aber vor allem durch das Beispiel des Petrus begeistern und mitreißen. Er sprang in den See, um schneller beim Herrn zu sein. Ich möchte euch zurufen: Zögert auch ihr nicht, zu Christus, dem Herrn, zu kommen. Zu viele Menschen stehen da und ahnen vielleicht etwas von der neuen, weltverwandelnden Lebenskraft des Mannes am Ufer, aber sie zögern. Sie haben sich ihr Leben anders eingerichtet, sie scheuen den prüfenden Blick Jesu Christi. Zu viele stehen da und wissen schon etwas mehr vom Herrn und seinem geheimnisvollen Feuer, aber sie springen nicht. Gewiß haben viele junge Männer den Ruf zum Priestertum, zum Menschenfischersein gehört, aber sie sind unentschlossen, weil sie sich selbst oder dem Netz der Kirche oder der Erscheinung des Herrn am Ufer nicht trauen. Zu viele junge Mädchen fahren kreuz und quer auf dem See ihres Lebens umher, und während die Netze der Ordensgemeinschaften immer weitmaschiger werden, lassen sie den Herrn allein am Ufer stehen. Ihr Eltern, bekennt euch zu Christus durch eine christlich gelebte Ehe und Familie. Die Kirche zeigt euch dazu in ihrer Lehre den gottgewollten Weg. Werdet selbst Apostel für eure Kinder, indem ihr ihnen euren überkommenen Glauben gewissenhaft weitervermittelt. Ihr Verantwortlichen und Werktätigen, übt christliche Rücksichtnahme und Solidarität in der rauhen Welt der Arbeit, besonders mit den Arbeitslosen. Bekennt euch alle in tätiger Hilfsbereitschaft zu den kranken und alten Menschen, zu den Entrechteten und Ausgestoßenen in eurer Gesellschaft. Es ist Christus, der Herr, der euch als seine Zeugen der Botschaft der Liebe und Versöhnung in Dienst nehmen möchte.

Was ich über die Tugenden gesagt habe, die eurer Heimat eine verheißungsvolle Zukunft geben können, das gilt erst recht vom Glaubensmut. In solch gläubigem Einsatz hat die katholische Bevölkerung des Ruhrgebietes unter großen Opfern eine imponierende Zahl von Kirchen gebaut, ebenso von Krankenhäusern und karitativen Einrichtungen. Laßt diese nicht zu Denkmälern aus einer vergangenen Welt werden oder zu Institutionen, denen ihr christlicher Ursprung nicht mehr anzumerken ist. Füllt sie vielmehr mit Liebe und Leben. Laßt sie zu Knotenpunkten eines Netzes werden, das nicht zerreißt, zu Stätten der Offenbarung österlicher Lebenskraft, die auch heute die Welt zu verwandeln vermag. Wißt aber vor allem, daß vor aller Tüchtigkeit und Treue im Reich Gottes noch ein neues Gesetz gilt: Der Erfolg ist nicht Ergebnis von Tugend und Leistung, sondern Geschenk. Der reiche Fischfang der Jünger ist nicht ein Rekord, sondern eher ein Symbol. In der geheimnisvollen Zahl wird die Osterwirklichkeit anschaulich: Fülle statt Leere, Erfüllung statt Vergeblichkeit - und zwar in der Kraft des auferstandenen Herrn.

7. Liebe Brüder und Schwestern! Unser Blick auf das österliche Geschehen am See von Tiberias läßt uns unser eigenes Christsein tiefer verstehen. Christus, der Gekreuzigte und Gestorbene, der lebt, ist uns als der Auferstandene heute ebenso gegenwärtig wie damals seinen Jüngern, auch hier in der Welt der Rohstoff- und Energiegewinnung, der Produktion und des Handels an Rhein, Ruhr und Emscher. Es gilt nur, ihm unter uns wieder volles Heimatrecht zu gewähren und ihn erneut in unserer Mitte willkommen zu heißen.

Ebenso ist das im Evangelium Berichtete nicht ferne Vergangenheit, sondern lebendige Gegenwart. ”Jesus sagte zu ihnen: Kommt her und eßt!  . . . Jesus trat heran, nahm das Brot und gab es ihnen (ebenso den Fisch)“. Das geschieht hier und jetzt. So imponierend die Kohlenfeuer des Ruhrgebietes sind, das geheimnisvolle Kohlenfeuer im Evangelium brennt weiter in allen Kontinenten und zu allen Zeiten. Es sorgt dafür, daß die Welt nicht erkaltet, weil die Liebe selbst sich hier verteilt in der unscheinbaren Gestalt von Brot. Sorgt, daß ihr nicht erfriert im Egoismus und Konkurrenzkampf, im Leerlauf der Betriebsamkeit und Vergnügungsjagd, sondern kommt zum Osterfeuer der heiligen Messe, laßt den Sonntag, den Tag des Herrn, nicht ausbluten, laßt das wärmende und leuchtende Kohlenfeuer am Ufer eures Lebens nicht erlöschen. Laßt Christus nicht allein am Ufer stehen. Ihr sorgt euch, daß die Förderbänder laufen und die Feuer in den Stahlwerken nicht erlöschen, weil euch die Sorge um die Arbeitsplätze drückt. Ich teile eure Sorge. Teilt ihr auch meine Sorge, daß die Feuer des Glaubens nicht herunterbrennen, daß nicht Asche bleibt statt Glut.

Petrus bekam vom Herrn den Auftrag: ”Stärke deine Brüder!“ (Lk. 22, 32). Hört heute auf die Stimme des Petrus unter euch: Glaubt an die Zukunft eurer Heimat! Glaubt an die Zukunft der Kirche! Glaubt an den auferstandenen Herrn und Heiland Jesus Christus, der uns versichert hat, immer bei uns zu sein, alle Tage bis zum Ende der Welt. Amen.


Bevor wir am Ende dieser Eucharistiefeier Gottes Segen erbitten, möchte ich noch ein besonderes Wort an die hier anwesenden Jugendlichen und an die ganze Jugend in eurem Land richten. Liebe junge Freunde!

Von Herzen grüße ich euch noch eigens bei diesem festlichen Gottesdienst und auch daheim in euren Gemeinden und Verbänden. Christus ist unsere gemeinsame Berufung. Er ist wirklich in unserer Mitte: in seiner Kirche, besonders in der Eucharistie. Er möchte sich ganz uns schenken, um uns zu seinen Freunden und Jüngern zu machen. Die innige Beziehung, die Christus mit uns eingehen will, ist die einzige Freundschaft, die nie enttäuschen kann. Jesus ist treu; er hält, was er verspricht. Deshalb ist Christus euer wahrer Freund. Ihr werdet keinen treueren Weggefährten finden. Laßt darum auch eure Antwort an ihn nicht kleinlich sein. Reicht ihm nicht nur euren kleinen Finger! Öffnet ihm weit die Türen eurer eigenen Freundschaft! Man zahlt Großes nicht mit kleiner Münze zurück. Gebt ihm euer Herz, euren Kopf, eure Hände! Und wenn er dich persönlich in seine engere Nachfolge ruft, so versage ihm deine Gefolgschaft nicht.

Mit Christus gibt es kein Verlustgeschäft! Er gibt euch so reichlich, daß ihr davon noch andere bereichern und mit ihm die Welt verändern könnt. Die Welt ist arm geworden in den menschlichen Beziehungen. Darum bemüht euch um Verläßlichkeit, Treue, Wahrhaftigkeit und Solidarität, auch wenn in der Gesellschaft oft Eigennutz, Gewinnstreben, Rücksichtslosigkeit und Egoismus das Leben bestimmen wollen. Denkt insbesondere auch an eure Kameraden ohne Ausbildungsplatz und ohne Arbeit, an die Ausländer, an Behinderte, an Jugendliche in schwierigen familiären Verhältnissen, aber auch an die Menschen in der Dritten Welt, die sich nach Gerechtigkeit und Frieden sehnen und dafür große Opfer bringen müssen.

Ich freue mich heute besonders, daß so viele Pfadfinder und Pfadfinderinnen zu dieser Eucharistiefeier gekommen sind. Euch möchte ich, wie letztes Jahr euren italienischen Freunden, sagen: ”Erweist euren Dienst immer und überall jedem Menschen, der ihn braucht, selbstlos und großzügig. So erfüllt ihr das Testament eures Gründers Sir Robert Powell, in dem es heißt: "Die echte Weise, glücklich zu sein, besteht darin, andere glücklich zu machen““.

Liebe Jugend! Freunde haben sich etwas zu sagen, es drängt sie immer wieder zum Gespräch. Das gilt auch in der Freundschaft mit Christus. Im Gebet suchen wir das Gespräch mit ihm. Christus können wir alles sagen, was uns bewegt; ihn dürfen wir um alles bitten, was wir nötig haben. Im Gebet bleibt unsere Freundschaft mit Christus lebendig.

Gleich nach der heiligen Messe wollen wir alle gemeinsam hier im Stadion den Rosenkranz beten. Dieses Gebet, das in seinen Ursprüngen auch auf den Raum des Bistums Essen zurückgeht, ist für unzählige Menschen bis auf den heutigen Tag Zeichen und Mittel inniger Verbundenheit mit Christus. Gerade in schweren Zeiten, in Bedrängnis, Verlassenheit, Krankheit und Todesnot haben Menschen immer wieder zum Rosenkranzgebet ihre Zuflucht genommen, in ihm Trost und neue Kraft gefunden. Wir wollen uns heute ganz bewußt in diese Kette der Beter durch die Jahrhunderte einreihen. Maria, die Mutter Jesu und unsere Mutter, hilft uns dabei, Jesus nicht aus den Augen zu verlieren, wenn wir uns – wie sie –, offen für das Wort Gottes und treu unserer Berufung, von Christus ergreifen lassen. Dabei begleite auch ich euch mit meinem besonderen Gebet und Segen.

 

© Copyright 1987 - Libreria Editrice Vaticana

 

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