APOSTOLISCHE REISE IN DIE BUNDESREPUBLIK DEUTSCHLAND
PREDIGT
VON JOHANNES PAUL II.
Dom zu Augsburg - Sonntag, 3. Mai 1987
Verehrte Mitbrüder im Bischofs- und Priesteramt, liebe Brüder und Schwestern!
Vor allem auch Ihr lieben Gläubigen, die Ihr der heiligen Messe im Freien
beiwohnen wolltet!
Ich begrüße Euch besonders herzlich, da Ihr Euch nun durch das Fernsehen mit
unserer Eucharistiefeier im Gebet verbindet. Möge der unerwartete Regen ein
Zeichen sein für den reichen Segen, den Gott unserer heutigen Gebetsgemeinschaft
und der ganzen Diözese Augsburg schenken möge.
1. Für den Bischof von Rom, den Nachfolger des heiligen Petrus, ist es eine
große Freude, euch bei dieser abendlichen Stunde zusammen mit eurem verehrten
Oberhirten, Bischof Josef Stimpfle, und seinen Mitarbeitern im Dienstamt Christi
zur Feier der österlichen Geheimnisse hier versammelt zu sehen und gemeinsam mit
euch allen diesen festlichen Gottesdienst zu erleben und in Lob und Dank dem
Herrn darzubringen. Es ist heute genau der Tag, an dem vor 205 Jahren Papst Pius
VI., diese Stadt besucht und in ihr die heilige Eucharistie gefeiert hat.
Wie ihr wißt, war es schon seit langem mein Wunsch, auch einmal nach Augsburg zu
kommen. Diese Stadt ist nicht nur durch ihren Namen und ihre Entstehung unter
Kaiser Augustus vor 2000 Jahren in einer besonderen Weise mit Rom verbunden,
sondern mehr noch durch ihre christliche Geschichte: Die Märtyrerin Afra hat
nicht weit von hier im Jahre 304 für Christus den Feuertod erlitten; der heilige
Bischof Ulrich hat mehrmals die damals beschwerliche Reise nach Rom unternommen,
um die Einheit dieses Bistums mit dem Herzen der Kirche zu bestärken. Eure
heiligen Bistumspatrone Ulrich, Simpert und Afra zeugen zusammen mit anderen
Heiligen von der Leuchtkraft des christlichen Glaubens in eurer Heimat, einer
Geschichte von Tod und Auferstehung, einer Geschichte des siegreichen Kreuzes.
Sie ermutigen euch durch ihr heroisches Beispiel, mit derselben Glaubenskraft
nach vorne zu schauen, die Zeichen unserer Zeit zu erkennen und der Welt von
heute Zeugnis zu geben vom gekreuzigten und auferstandenen Herrn, den wir jetzt
in unserer Mitte wissen.
2. Liebe Brüder und Schwestern! Auch wir bitten den Herrn in dieser Stunde:
”Bleib bei uns; es wird bald Abend, der Tag hat sich schon geneigt“ (Lk.
24, 29). Diese Einladung der Jünger von Emmaus soll über unserer heutigen
festlichen Liturgie stehen; das Evangelium von diesem 3. Ostersonntag führt uns
ja auf den Weg nach Emmaus. Es ist dies ein wichtiger Ort im Zusammenhang der
österlichen Ereignisse: ein Ort der Begegnung mit Christus, ein Ort der
Erscheinung des auferstandenen Herrn.
Im Glaubensverständnis des alttestamentlichen Gottesvolkes erinnert das
Osterfest an den ”Vorübergang“ des Herrn, an den Auszug der Israeliten aus dem
”Haus der Knechtschaft“ in Ägypten auf den Weg zum verheißenen Land. Gott selbst
ist es, der sein Volk führt, befreit und errettet. Am Beginn jenes Auszuges
hatte das Zeichen des Lammes gestanden. Sein Blut hatte die Häuser der
Israeliten gekennzeichnet und die Bewohner vor der Strafe des Todes verschont;
sein Fleisch stärkte sie beim letzten Familienmahl vor dem Aufbruch.
Von diesem Glauben ihres Volkes beseelt, hatten die beiden Emmausjünger am
Paschafest der Juden in Jerusalem teilgenommen und auch die Kreuzigung Jesu
Christi erlebt. Als ihnen auf ihrem Heimweg der auferstandene Herr erschien,
ohne daß sie ihn sogleich erkannten, erklärte er ihnen, wie das Osterfest des
Neuen Bundes in den Ereignissen und Schriften des Alten Testaments
vorausverkündet worden ist: im Auszug aus der Knechtschaft in die Freiheit.
Dieser vollzieht sich nun im Übergang vom Tod zum Leben, von der Sünde zur
Freundschaft mit Gott. Und wiederum geschieht es mit Hilfe eines Lammes: durch
das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt, durch Jesus Christus,
unseren Erlöser. Von ihm und seinem Schicksal sprechen schon Mose und die
Propheten, ja die ”ganze Schrift“. Deshalb konnte der auferstandene Herr zu
Recht fragen: ”Mußte nicht der Messias all das erleiden, um so in sein
Herrlichkeit zu gelangen?“ (Lk. 24, 25 f.).
3. In der Tat, viele Aussagen des Alten Testamentes deuten im voraus auf das
Geschehen im Abendmahlssaal und auf Golgota hin. Diese Ankündigungen wären
jedoch nicht erfüllt worden, wenn sich die österlichen Ereignisse nicht in der
von Gott vorherbestimmten Zeit und Weise in Jerusalem zugetragen hätten. Und
dennoch haben die Jünger Jesu das so dramatische und bewegende Geschehen mit
ihrem Meister während des Paschafestes der Juden nicht sogleich in seiner wahren
Bedeutung und tieferen Wahrheit erkannt. Es fiel ihnen schwer, ”alles zu glauben,
was die Propheten gesagt haben“. So schwierig war für sie diese Wahrheit, die
ein anderes Verständnis der Heiligen Schriften gewohnt waren. Warum sollte der
Messias leiden müssen, verurteilt werden und am Kreuz sterben, verachtet und
verspottet wie ein Ausgestoßener? So sind sie zunächst wie von Blindheit
geschlagen, mutlos und traurig, wie gelähmt. Dem Menschen war es und bleibt es
unbegreiflich, warum der Weg zum Heil über das Leiden führt.
Darum ist diese Begegnung auf dem Weg von Jerusalem nach Emmaus so bedeutsam;
nicht nur im Zusammenhang der österlichen Ereignisse von damals, sondern für
immer, für alle Zeiten- auch für uns. Auf diesem Weg haben die Jünger von Jesus
gelernt, die Heiligen Schriften neu zu lesen und in ihnen ein prophetisches
Zeugnis über ihn, eine Vorankündigung auf ihn, auf seine Botschaft und
Heilssendung zu entdecken. Dadurch werden die Jünger vom Herrn selber
vorbereitet, seine Zeugen zu werden. So gibt Petrus in den Lesungen der heutigen
Liturgie aus diesem neuen, tieferen Verständnis des Ostergeschehens vor den
Menschen Zeugnis für die Auferstehung des Herrn. In diesem Lichte Christi, des
Auferstandenen, versteht und verkündigt er auch das Psalmenwort aus dem Munde
Davids: ”Du gibst mich nicht der Totenwelt preis, noch läßt du deinen Heiligen
die Verwesung schauen“ (Apg. 2, 27).
Als Jesus den beiden Jüngern auf dem Weg nach Emmaus den wahren Sinn der
Heiligen Schrift erschließt, wissen die Apostel in Jerusalem schon, daß dieses
Psalmwort sich bereits konkret erfüllt hat: ”Der Herr ist wirklich auferstanden
und ist dem Simon erschienen“ (Lk. 24, 26).
4. Die Begegnung auf dem Weg nach Emmaus ist ferner auch deshalb von großer
Bedeutung, weil Jesus nach seinem Tod am Kreuz seinen Jüngern dadurch bekräftigt
hat, daß er bei ihnen bleibt. Er ist trotz oder gerade wegen des Karfreitags bei
ihnen und wird für immer bei seiner Kirche bleiben gemäß seiner Verheißung: ”Ich
werde euch nicht als Waisen zurücklassen, sondern ich komme wieder zu euch“ (Joh.
14, 18).
Christus ist nicht nur derjenige, der war, sondern er ist mehr noch derjenige,
der ist. Er war gegenwärtig auf dem Weg nach Emmaus, er ist auch gegenwärtig auf
allen Straßen der Welt, auf denen durch die Generationen und Jahrhunderte hin
seine Jünger wandern.
5. Liebe Brüder und Schwestern! Aus der Begegnung mit dem auferstandenen Herrn
auf dem Weg nach Emmaus fiel für die beiden Junger neues Licht auf die Heiligen
Schriften und auf das Geschehen von Kalvaria, es fiel Licht in das Dunkel ihres
eigenes Lebens. Es fällt daraus Licht auch auf die Geschichte und Geschicke der
Menschheit und der Kirche, so auch der Kirche von Augsburg. Christus weist nach,
daß der Messias leiden ”mußte“, um seine Heilssendung zu vollbringen. Läßt sich
nicht vielleicht in diesem selben Licht auch manches Dunkle und Leidvolle sehen
und verstehen, das den Jüngern Christi und der Kirche auf ihrem Weg durch die
Geschichte begegnet? Dadurch läßt sich oft in Prüfung und Leid Gottes gütige und
sorgende Hand erkennen, der durch die Erfahrung des Kreuzes zu Heil und
Auferstehung führt.
So wurde am Beginn des geschichtlichen Weges der Kirche von Augsburg die
Herausforderung der heidnischen Umwelt für die Jungfrau Afra nicht zur
Versuchung zum Glaubensabfall, sondern Anruf zum Blutzeugnis für Christus.
”Mußte“ nicht, so können wir fragen, das Blut von Märtyrern zum Samen für ein
lebendiges und kraftvolles Christentum werden, von den ersten Jahrhunderten der
Kirche bis in unsere Tage? Die Kirche von Uganda, die mit eurer Diözese in einem
engen partnerschaftlichen Austausch steht, ist ein eindrucksvolles Beispiel aus
nicht allzu ferner Vergangenheit dafür. ”Mußte“ es vielleicht sogar - so wagen wir
hier in Augsburg zu fragen - nach Gottes unergründlichem Ratschluß zu
Kirchenspaltung und Religionskriegen in Europa kommen, um die Kirche zu
Besinnung und Erneuerung zu führen? Oder ”mußten“ etwa Männer und hauen wie der
heilige Maximilian Kolbe, die selige Edith Stein, ein Max Josef Metzger oder
Dietrich Bonhoeffer ihr Leben hingeben, damit durch ihr Opfer neues christliches
Leben in diesem Land erwachse und Versöhnung zwischen verfeindeten benachbarten
Völkern wieder möglich werden konnte? Gott, der Herr der Geschichte, der
Christus durch Kreuz und Tod zur Auferstehung und Herrlichkeit geführt hat, hält
auch die Geschicke der Kirche und der Menschheit in seiner Hand und führt sie
nach seiner gütigen Vorsehung durch Gericht zu Läuterung und Heil. Wir dürfen
hoffen, daß die Orte des Leidens und der Schuld zugleich auch Orte besonderer
Gnade gewesen sind.
Gott hat auch heute mit der Kirche, auch mit der Kirche von Augsburg, seinen
Plan. Er läutert und erneuert sie, damit das Antlitz Christi in ihr klarer
erstrahle. Er sendet sie, damit sie der Welt den Auferstandenen verkünde und
vermittle.
6. Christus selbst erschließt den Jüngern von Emmaus das tiefere Verständnis
alles Geschehens als Heilsgeschehen durch das Wort der Heiligen Schrift: ”Und er
legte ihnen dar, ausgehend von Mose und allen Propheten . . .“ (Lk. 24,
27). Zu allen Zeiten hat Gott durch das Wort seiner Offenbarung Menschen bewegt
und die Kirche erneuert. Trauen wir auch heute Gottes Wort die Kraft zu, neues
Leben in der Kirche zu wecken und Menschen neu für die Nachfolge Christi zu
begeistern! Glauben wirkt dort überzeugend, wo er treu gelebt und mit anderen
geteilt wird. Wagt also das Glaubensgespräch, teilt eure Glaubenserfahrung
einander mit, sucht euch gläubige Vorbilder! Sie leben mitten unter euch!
Erneuert so euer Leben aus der Quelle der Heiligen Schrift, wie sie in Treue zur
Überlieferung geglaubt und ausgelegt wird; lest sie, wenn möglich, täglich;
meditiert darüber; gebt dem Wort Gottes in eurem Leben eine überzeugende und
gewinnende Gestalt. Durch sein Wort wird Christus selbst in euch lebendige
Gegenwart. Das Wort des Evangeliums ist uns mit allen Christen gemeinsam über
noch bestehende Grenzen hinweg. Gebt also zusammen mit euren getrennten Brüdern
und Schwestern gemeinsam Zeugnis von der uns darin geschenkten christlichen
Hoffnung, auf das gerade hier in Augsburg, wo man sich in der Reformationszeit
um des Wortes willen voneinander abgewandt hat, dieses lebenschaffende Wort die
christlichen Gemeinschaften und Kirchen wieder zusammenführt.
Die von unseren Brüdern und Schwestern evangelisch-lutherischen Bekenntnisses
auf dem Reichstag in Augsburg eingereichte Schrift, um ihren Glauben an ”die
eine, heilige, katholische und apostolische Kirche“ zu bezeugen, hat damals
leider nicht zu der ersehnten Versöhnung geführt. Doch hat uns gerade die
Jubiläumsfeier dieses Dokumentes, das als Confessio Augustana in der
Kirchengeschichte eingegangen ist, vor einigen Jahren in einer besonderen Weise
daran erinnert, wie breit und fest noch die gemeinsamen Fundamente unseres
christlichen Glaubens sind. Der Geist wahrer Ökumene ruft uns deshalb auf, vor
allem das alle Christen schon jetzt zutiefst Verbindende des apostolischen Erbes
und das gemeinsame Glaubensgut neu zu entdecken und zu fördern. Wenn auch noch
keine volle eucharistische Gemeinschaft zwischen uns möglich ist, so gibt es
doch schon vieles, was wir gemeinsam tun können. Warum noch getrennte Wege gehen
dort, wo wir sie schon jetzt gemeinsam gehen können? In diesem Geist treffen
sich morgen Vertreter und Gläubige der verschiedenen christlichen Kirchen zu
einem ökumenischen Gebetsgottesdienst in der Kirche der Heiligen Afra und Ulrich.
Im Gehorsam gegenüber dem Drängen des Heiligen Geistes und dem Willen Christi
wollen wir den Weg zur Einheit unter allen Christen mit Geduld und Ausdauer
weitergehen. Das Vermächtnis Jesu Christi verpflichtet uns!
7. Liebe Mitchristen! Der auferstandene Herr hat den beiden Jüngern auf dem Weg
nach Emmaus die Augen geöffnet für das Handeln Gottes in der Geschichte zum Heil
der Menschen und ihr Herz entflammt, als er ihnen die Schrift erschloß. Erkannt
haben sie ihn jedoch erst am Zeichen des Brotbrechens. Unter diesem Zeichen
hatte er am Abend vor seinem Leiden seine Liebe bis zum letzten, bis zur Hingabe
am Kreuz, zum Ausdruck gebracht und das bleibende Gedächtnis an seinen Tod
gestiftet. ”Da gingen ihnen die Augen auf, und sie erkannten ihn“ (Lk.
24, 31). Wir erkennen Christus vor allem, wenn er mit uns wird in der
Gemeinschaft des österlichen Mahles.
Von den Straßen dieser Welt und aus der Zerstreuung eures Alltags dürft ihr euch
immer wieder zum Opfermahl mit dem auferstandenen Herrn treffen, als Volk Gottes
zu einer lebendigen Glaubensgemeinschaft vereint. In dieser gemeinsamen
Begegnung mit Christus in der Eucharistie voller Glaube, Hoffnung und Liebe kann
schon jene österliche Wirklichkeit aufleuchten und für uns erfahrbar werden, die
den neuen Himmel und die neue Erde ankündigt. Erwarten die Menschen nicht zu
Recht von der Kirche und den Christen den Lebensraum, in dem die ”Zivilisation
der Liebe“ sichtbar und erlebbar wird, die Christus als Keim in diese Welt
eingestiftet hat? Vielen Menschen ist der tiefere Sinn ihres alltäglichen Tuns
abhanden gekommen; unserer Gesellschaft fehlt weithin die Herzmitte. Zu allen
Jahrhunderten war es gerade das besondere Merkmal der Christen, den Sonntag, den
Herrentag, in Gebet und gemeinsamem Gottesdienst zu begehen; manche sind dafür
in der Zeit der Verfolgung sogar in den Tod gegangen. Die Versammlung der
Gemeinde am Sonntag mit ihrem Höhepunkt in der Eucharistiefeier ist die Mitte
des Lebens einer Pfarrei. Bleibt darum der sonntäglichen Messe ganz besonders
treu! Sie ist nach dem Konzil ”der Höhepunkt, dem das Tun der Kirche zustrebt
und zugleich die Quelle, aus der all ihre Kraft strömt“ (Sacrosanctum
Concilium, 10).
8. Nach der Begegnung mit Christus im Gedenken der Heiligen Schrift und im
Brotbrechen heißt es dann von den Emmausjüngern: ”Noch in derselben Stunde
brachen sie auf und kehrten nach Jerusalem zurück“ (Lk. 24, 33). Ihre
persönliche Christuserfahrung drängt sie zum Aufbruch und zum Zeugnis. Hier
beginnt der ”neue Weg“, der Weg der Kirche, die voll Hoffnung bis an die Grenzen
der Erde Zeugnis gibt vom auferstandenen Herrn: ”Da erzählten auch sie, was sie
unterwegs erlebt und wie sie ihn erkannt hatten, als er das Brot brach“ (ebd.
24, 35).
Wie sehr braucht der heutige Mensch die bewußte Begegnung mit Christus! Wie sehr
braucht er als Suchender, Zweifelnder und Fragender die Entdeckung der vollen
Wahrheit der österlichen Wirklichkeit des Herrn, der vollen Wahrheit seines
Lebens und Sterbens und seiner Auferstehung. Die Welt braucht dafür unser
christliches Zeugnis! Auch wenn Menschen oft leben, als gäbe es Gott nicht, so
sehnen sie sich doch im Tiefsten auf ihrer Suche nach Glück und Geborgenheit
ständig nach ihm. Euer Zeugnis in der Familie, im Berufsleben, in der Schule, in
den Büros und Fabriken, in der Öffentlichkeit und im politischen Leben
entscheidet darüber, ob die befreiende Botschaft Christi auch heute die Menschen
an eurer Seite, in eurem Lebensraum erreicht. Alle Bereiche unseres Lebens und
unserer Gesellschaft können in ihm wahrer und reicher werden. Durch das gläubige
Zeugnis der Christen könnte es gelingen, nach manchen tragischen Brüchen
zwischen Kirche und Welt, zwischen Glaube und Vernunft zu einer neuen Begegnung
von Evangelium und Kultur zu kommen, gerade auch in diesem offensichtlich
gealterten Europa. Hier hat jeder Christ schon aufgrund seiner Taufe ein weites
Feld für sein Apostolat. Nehmt nach den Jahren einer notwendigen Besinnung auf
die Fragen des Aufbaus eurer Pfarrgemeinden und Diözesen jetzt wieder mehr eure
Weltverantwortung wahr und bleibt nicht eingeschlossen im Innenraum der Kirche:
”Noch in derselben Stunde brachen sie auf!“.
Um einen solchen neuen Aufbruch zu lebendigen Pfarrgemeinden in einer
missionarischen Ortskirche geht es ja auch in der Diözesansynode, die euer
Bischof für das Jahr 1990 angesagt hat. Die Weltbischofssynode im Jahre 1985 in
Rom nennt die Durchführung einer solchen Synode innerhalb einer Diözese
ausdrücklich einen Weg zur Anwendung des Zweiten Vatikanischen Konzils für die
Ortskirche. Ich ermutige euch alle, euch in einem solidarischen Prozeß auf
dieses wichtige Ereignis vorzubereiten, und bete zu Gott, daß die Synode die
Grundlagen zu einer neuen Evangelisierung in Stadt und Bistum Augsburg lege.
Macht euch so gemeinsam auf den Weg in das dritte christliche Jahrtausend eurer
Stadt. Nützt die besondere Gnade dieser Zeit! Laßt euer Leben verwandeln durch
das Wort des Herrn und euer Herz brennen durch seine Gegenwart! Werdet eures
Glaubens froh, damit ihr ein Zeugnis der Freude und Ermutigung geben könnt!
9. So hat, liebe Brüder und Schwestern, der Weg nach Emmaus im Zusammenhang des
Ostergeschehens in Jerusalem auch für uns eine vielfältige Bedeutung. Wir kehren
als Jünger Christi, als seine Kirche immer wieder auf ihn zurück. Er ist ja
nicht nur der Weg der Enttäuschung und des Zweifels, sondern vor allem der Weg
der Begegnung mit dem auferstandenen Herrn, der Weg der Besinnung und der Umkehr.
Er ist der Weg, auf dem die Herzen der Menschen ”entbrennen“, wenn sie die Worte
jener Wahrheit hören, die von Gott kommt: ”Brannte uns nicht das Herz, als er
unterwegs mit uns redete und uns den Sinn der Schrift erklärte?“ (Lk.
24, 32), Wie notwendig bedürfen wir und alle Menschen nicht immer wieder der
Erfahrung einer solcher wärmenden und erhellenden Nähe Jesus Christi!
Öffnen wir dem auferstandenen Herrn weit unsere Herzen und unser Leben, der sich
uns in dieser Eucharistiefeier erneut durch das Brotbrechen zu erkennen gibt.
Möge er auch unsere Herzen durch das Feuer seiner Liebe entzünden und uns heute
neu als seine Zeugen aussenden.
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