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JOHANNES PAUL II.

PREDIGT BEI DER HL. MESSE
FÜR DIE UNIVERSITÄTSSTUDENTEN

15. Dezember 1998

   

1. »Der Herr ist denen nahe, die ihn suchen.« 

Die Worte des Antwortpsalms geben genau den Sinn des Advents wieder und unterstreichen jene Haltung, die wir haben müssen, um diese liturgische Zeit in ihrer ganzen Fülle zu leben. Diese Worte sind besonders bedeutungsvoll für alle, die aus Glaubens- und Berufsgründen das Suchen und Forschen zu einer wichtigen Dimension in ihrem Leben gemacht haben. 

Heute ist dieses Wort in besonderer Weise an euch, geschätzte und liebe Vertreter der römischen und italienischen Universitäten, gerichtet: an die Rektoren, Dozenten und Studenten, die in immer größerer Zahl an diesem mittlerweile zur Tradition gewordenen Adventstreffen in Vorbereitung auf das Weihnachtsfest teilnehmen. Euch alle heiße ich hier herzlich willkommen. Besonders begrüße ich den Minister für das Universitätswesen und für wissenschaftliche Forschungsarbeit sowie alle anderen akademischen Autoritäten. Auch begrüße ich die Vertretung der Verwaltungsdirektoren, die heute zum ersten Mal an dieser Eucharistiefeier teilnehmen, und ich möchte dem Rektor und der Studentin meinen Dank aussprechen, die vorhin sozusagen als Sprecher der gesamten akademischen Gemeinschaft Roms und Italiens fungiert haben. 

2. Unser Treffen findet im Advent statt, dessen Liturgie uns eine tiefe und ansprechende Botschaft bereithält. Angesichts des nahen Herrn – »Dominus prope« (vgl. Phil 4,5) – und angesichts des Königs, dem wir Anbetung schulden – »Regem venturum, Dominum, venite adoremus« (Römisches Brevier) – dürfen wir den großen Fragen des Lebens gegenüber nicht gleichgültig bleiben. Handelt es sich dabei doch um stets aktuelle Fragen, die den Ursprung und das Ziel des Menschen betreffen. Diese Fragen begleiten uns ständig, ja man könnte sagen, sie koexistieren mit uns. Wer bin ich? Woher komme ich, und wohin gehe ich? Was ist der Sinn meiner Existenz und meines Daseins als menschliches Geschöpf? Warum ist in mir diese immerwährende »Unruhe«, wie es der hl. Augustinus auszudrücken pflegte? Aus welchem Grund muß ich immerzu den Forderungen der Moral entsprechen, das Gute vom Bösen unterscheiden, das Gute tun und das Böse meiden und besiegen? Dies sind Fragen, denen keiner entrinnen kann. Die Heilige Schrift liefert hierzu hinreichende Antworten, angefangen vom Buch Genesis. Und diese Antworten stellen in gewisser Weise den Inhalt der Adventszeit dar, wie sie die Kirche begeht, wenn sie die Vergangenheit aktualisiert und uns in die Zukunft hinein projiziert. 

»Der Herr ist denen nahe, die ihn suchen«, sagt die heutige Liturgie und eröffnet uns faszinierende Perspektiven. »Nahe« und »fern« sind in der Tat Kategorien, die Maßeinheiten, eine zeitliche Distanz in Stunden, Jahren, Jahrhunderten und Jahrtausenden ausdrücken. Im Zusammenhang mit dem Advent sind wir vor allem eingeladen, das Wesen und die tiefere Bedeutung einer solchen Distanz zu betrachten, oder, anders gesagt, wie sie auf Gott verweist. Wie ist es überhaupt möglich, die Gottesnähe oder -ferne zu erfassen? Ist es nicht das »unruhige Herz« des Menschen, das die spirituelle Dimension der Ferne und Nähe zu Gott am präzisesten und angemessensten wiedergibt? 

3. All das macht also das menschliche Wesen aus: Sichtbarkeit und Mysterium, Gottesnähe und -ferne, unsteter Besitz und kontinuierliches Suchen. Nur, wenn wir diese innersten Koordinaten des menschlichen Wesens in unsere Betrachtung mit einbeziehen, können wir den Advent als eine Zeit des Wartens auf den Messias verstehen. 

Wer ist der Messias, der Erlöser der Welt? Warum und worin besteht sein Kommen? Um diese Marschroute einzuschlagen, müssen wir nochmals auf das Buch Genesis Bezug nehmen. Es offenbart uns, daß die Sünde und ihr Eintritt in die Geschichte die Ursache der Entfernung zwischen Gott und dem Menschen ist, wofür die Vertreibung Adams und Evas aus dem irdischen Paradies das beredte Symbol bildet. 

Gott selbst zeigt uns aber in der Folge, daß die Entfernung des Menschen aufgrund der Sünde nicht unwiderrufbar ist. Im Gegenteil. Er hält den Menschen dazu an, auf den Gesalbten zu warten, auf Jenen, der in der Kraft des Heiligen Geistes kommen wird, um dem Fürsten der Lüge gegenüberzutreten. Ausdrücklich verkündet das Buch Genesis, daß dieser der Sohn der Frau ist, und es lädt dazu ein, ihn zu erwarten und sich auf seinen würdigen Empfang vorzubereiten. Die folgenden Bücher des Alten Bundes präzisieren und führen dies weiter aus. Sie sprechen vom Messias, der innerhalb des Volkes Israel, des von Gott unter allen Völkern auserwählten Volkes, geboren werden wird. 

Je näher die »Fülle der Zeit« (Gal 4,4) rückte, desto mehr erfüllte sich auch allmählich die Erwartung, und man verstand immer mehr deren Sinn und Wert. Mit Johannes, dem Täufer, wird diese Erwartung zur Frage, zu jener Frage, wel-che die Jünger des Vorläufers an Christus richten: »Bist du der, der kommen soll, oder müssen wir auf einen anderen warten« (Lk 7,19)? Eben diese Frage sollte ihm noch des öfteren gestellt werden, und wir wissen, daß die Antwort zur Ursache seines Todes wird. Auf diese wunderbare Weise sollte sich die Verheißung erfüllen, die der Menschheit nach dem ersten Sündenfall zuteil wurde. 

4. Liebe Brüder und Schwestern! Die Adventszeit ist uns geschenkt, damit wir uns nochmals den Inhalt dieser Frage zu eigen machen können. Es geht nicht einfach nur darum, die Jünger Johannes des Täufers nachzuahmen oder in die Vergangenheit zurückzukehren, sondern es geht viel mehr darum, intensiv den Fragen und Hoffnungen unserer Tage gerecht zu werden. 

Die tägliche Erfahrung und die Ereignisse jeder Epoche zeigen, daß die Menschheit und jeder einzelne in ständiger Erwartung des Reiches Gottes sind. Christus kommt uns im Laufe der Geschichte als die erwartete Erfüllung der menschlichen Ereignisse entgegen. Nur in ihm werden wir, wenn der vergängliche Horizont der Zeit und der mitunter wunderbaren und anziehenden irdischen Wirklichkeiten erreicht ist, die endgültige Antwort auf die Frage nach der Ankunft des Messias finden, die den menschlichen Geist zum Vibrieren bringt. 

Auch für euch, liebe Studenten und verehrte Dozenten, soll das Warten auf Christus zu einer täglichen Suche nach der Wahrheit werden, welche die Pfade des Lebens in all seinen Ausdrucksformen erleuchtet. Die Wahrheit drängt sodann zur Liebe, dem authentischen Zeugnis, welches das Dasein der Person und die Strukturen der Gesellschaft selbst verwandelt. 

Die biblische Offenbarung hebt die tiefe und innige Verbindung zwischen Wahrheit und Liebe klar und deutlich hervor, wenn sie dazu aufruft, daß »wir uns, von der Liebe geleitet, an die Wahrheit halten wollen« (Eph 4,15), und vor allem, wenn Jesus, der den Vater offenbart, sagt: »Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben« (Joh 14,6). 

Den Höhepunkt der Gotteserkenntnis erreicht man in der Liebe, in jener Liebe, die das Herz der Menschen mit der Wahrheit Christi erleuchtet und verwandelt. Der Mensch braucht Liebe, und er braucht auch Wahrheit, um nicht den zerbrechlichen Schatz der Freiheit zu zerstreuen. 

5. In der Universität gibt es ein lebendiges Zeichen des Evangeliums, nämlich die Kapelle. Mit Zufriedenheit stelle ich fest, daß immer mehr Kapellen in den verschiedenen Universitätszentren der Stadt entstehen. An sie alle werde ich heute nachmittag das Kreuz der Stadtmission überreichen. Meine Lieben, schätzt und liebt diese Universitätskapellen, seid stets und gerne zur Zusammenarbeit in den pastoralen Werken bereit, die einen großen und wichtigen Aufgabenbereich darstellen und immer mehr zum Tragen kommen. 

An dieser Stelle möchte ich gerne meiner hohen Wertschätzung allen Dozenten gegenüber Ausdruck verleihen, die ihre Zeit und Energie der Vorbereitung auf das Jubiläum der Universitätsdozenten widmen, sowie allen jenen, die aktiv an der Vorbereitung auf den Weltjugendtag des Jahres 2000 beteiligt sind. Außerdem ist es auch eine Freude festzustellen, wie viele Kulturgruppen in den verschiedenen Fakultäten im Entstehen begriffen sind. Es wäre mein Wunsch, daß sie alle im Dienst des Wortes Gottes stehen, welches – auf dem Boden selbst der kühnsten Forschung ausgesät – ihn zum Wohl des Menschen fruchtbar werden läßt. 

Ebenso bete ich, die Initiative der Universitätskatechesen über das Vaterunser, intensiviert in diesem der Mission in den verschiedenen Lebens- und Arbeitsbereichen der Stadt gewidmeten Jahr, möge in jedem Glaubenden das Bewußtsein vertiefen helfen, zum Ferment des Evangeliums in der Welt der Universität berufen zu sein. 

6 . »Regem venturum, Dominum, venite adoremus«! 

Die Adventszeit und speziell die Novene vor Weihnachten, die morgen beginnt, regt uns an, den Blick auf den kommenden Herrn zu richten. In eben dieser Sicherheit über seine glorreiche Wiederkunft erhält unser Warten und unsere tägliche Arbeit einen Sinn. Wenn wir mit der inneren Haltung Marias, der »Jungfrau des aufmerksamen Hörens«, auf Ihn schauen, bekommt unser oft schwieriger und mühsamer Einsatz Kraft und wird unsere mühevolle Forschung fruchtbar. 

»Der Herr ist denen nahe, die ihn suchen!«, wiederholt uns die Liturgie in diesen Tagen. Richten wir unseren Blick auf Ihn und rufen zu Ihm: 

Komm, Herr Jesus! Komm, Erlöser der Menschen! Komm, uns zu retten! 
»Dominus prope«: Der Herr ist nahe! 
Kommt, laßt uns anbeten! 

Amen!

  

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