1. »Er hat alles gut gemacht; er macht, daß die Tauben hören und
die Stummen sprechen« (Mk 7,37).
In der Jubiläumsatmosphäre dieser Feier sind wir vor allem
eingeladen, uns mit dem Staunen und Lob derer zu vereinen, die dem Wunder
beiwohnten, von dem der Evangeliumstext soeben berichtet hat. Wie so viele
andere Heilungsbegebenheiten gibt es Zeugnis für die Ankunft des Gottesreiches
in der Person Jesu. In Christus verwirklichen sich die vom Propheten Jesaja
verkündeten messianischen Verheißungen: »Die Ohren der Tauben sind wieder offen
[…] die Zunge des Stummen jauchzt auf« (Jes 35,5–6). In Ihm wurde für die
ganze Menschheit das Gnadenjahr des Herrn eröffnet (vgl. Lk 4,17–21).
Dieses Gnadenjahr durchläuft die Zeiten, von ihm ist nun die
ganze Geschichte gezeichnet, es ist der Beginn der Auferstehung und des Lebens,
an dem nicht nur die Menschheit, sondern auch die Schöpfung teilhat (vgl. Röm
8,19–22).
Um erneut die Erfahrung dieses Gnadenjahres zu machen, sind wir
hier zu dieser Heilig- Jahr-Feier der Universitäten versammelt, werte Rektoren,
Dozenten, Verwaltungsleiter und Hochschulseelsorger, die Sie aus verschiedenen
Ländern kommen, und ihr, meine lieben Studenten, die ihr aus aller Welt
angereist seid.
Euch allen gilt mein herzlicher Gruß. Danken möchte ich den
Kardinälen und den konzelebrierenden Bischöfen für ihre Anwesenheit. Ich grüße
ferner den [italienischen] Minister für Universitäten und die anderen hier
anwesenden Persönlichkeiten. Sich der Liebe Gottes vertrauensvoll öffnen
2. »Effata!« – »Öffne dich!« (Mk 7,34). Das von Jesus bei
der Heilung des Taubstummen gesprochene Wort ertönt heute für uns; es ist ein
eindrückliches Wort von großer symbolischer Dichte, das uns aufruft, uns dem
Hören und Zeugnis zu öffnen.
Läßt der Taubstumme, von dem das Evangelium spricht, nicht an
die Lage dessen denken, dem es nicht gelingt, in eine Kommunikation zu treten,
die seinem Dasein einen Sinn gibt? In gewisser Weise erinnert er an den Menschen,
der sich in eine vermeintliche Autonomie verschließt, in der er sich dann
isoliert gegenüber Gott und oft auch dem Mitmenschen befindet. An diesen
Menschen wendet Jesus sich, um ihm die Fähigkeit wiederzugeben, sich für den [ganz]
Anderen und die anderen zu öffnen in einer Haltung des Vertrauens und
unentgeltlicher Liebe. Er bietet ihm die außerordentliche Gelegenheit, Gott, der
Liebe ist und sich von dem, der liebt, erkennen läßt, zu begegnen. Er bietet ihm
das Heil.
Ja, Christus öffnet den Menschen für die Erkenntnis Gottes und
seiner selbst. Er öffnet ihn für die Wahrheit – Er, der die Wahrheit ist (vgl.
Joh 14,6) –, indem er ihn im Inneren berührt und so »von innen her« auf
jede seiner Fähigkeiten sieht.
Für euch, liebe Brüder und Schwestern, die ihr auf dem Gebiet
der Forschung und des Studiums tätig seid, stellt dieses Wort einen Aufruf dar,
den Geist zu öffnen für die Wahrheit, die befreit! Zugleich beruft das Wort
Christi euch, bei zahllosen Scharen Jugendlicher Vermittler von diesem »Effata«
zu werden, das den Geist öffnet für die Aufnahme des einen oder anderen Aspekts
der Wahrheit in den verschiedenen Wissensgebieten. In diesem Licht gesehen, wird
euer täglicher Einsatz zur Nachfolge Christi auf dem Weg des Dienstes an den
Brüdern in der Wahrheit der Liebe.
Christus ist der, der »alles gut gemacht« hat (Mk 7,37).
Er ist das Vorbild, auf das wir ständig blicken sollen, um unsere akademische
Tätigkeit zu einem wirksamen Dienst am menschlichen Streben nach immer
vollkommenerer Erkenntnis der Wahrheit zu machen.
3. »Sagt den Verzagten: Habt Mut, fürchtet euch nicht! Seht,
hier ist euer Gott […] er selbst wird kommen und euch erretten« (Jes
35,4).
In diese Worte des Jesaja läßt sich auch eure Sendung fassen,
liebe Männer und Frauen der Universität. Ihr seid Tag für Tag damit beschäftigt,
die Wahrheit zu verkünden, zu verteidigen, zu verbreiten. Oft handelt es sich um
Wahrheiten, die die verschiedensten Wirklichkeiten des Kosmos und der Geschichte
betreffen. Nicht immer berührt das Thema direkt das Problem des letzten Sinnes
des Lebens und die Beziehung zu Gott. Das aber bleibt in jedem Fall der äußerste
Horizont allen Denkens. Auch in der Forschung über Aspekte des Lebens, die dem
Glauben ganz fern zu liegen scheinen, verbirgt sich eine Sehnsucht nach Wahrheit
und Sinn, die über das Spezifische und Bedingte hinausgeht.
Wenn der Mensch nicht geistlich »taub und stumm« ist, führt ihn
jeder Weg des Denkens, der Wissenschaft und der Erfahrung auch zu einem Abglanz
des Schöpfers und weckt in ihm eine oft verborgene und vielleicht auch
verdrängte, jedoch unhaltbare Sehnsucht nach Ihm. Gut erkannt hatte das der hl.
Augustinus, wenn er sagte: »Geschaffen hast du uns im Hinblick auf dich, [o Herr,]
und unruhig ist unser Herz, bis es ruhet in dir« (Conf. 1,1; BKV2 [Bd.
18], Kempten 1914, S. 1).
Eure Berufung als Studenten und Dozenten, die ihr Herz für
Christus geöffnet haben, ist es, diese Beziehung zwischen dem Wissen auf
einzelnen Gebieten und jenem höchsten »Wissen«, das Gott betrifft und in
gewissem Sinn mit ihm, mit seinem menschgewordenen Wort und mit dem von ihm
geschenkten Geist der Wahrheit zusammenfällt, zu leben und wirksam zu bezeugen.
Die Universität wird so durch euren Beitrag zum Ort des »Effata«, wo Christus
sich eurer bedient, um wieder das Wunder des Öffnens der Ohren und der Lippen zu
vollbringen und damit neues Hören und wahre Kommunikation hervorzurufen.
Von dieser Begegnung mit Christus hat die Freiheit der Forschung
nichts zu fürchten. Auch der Dialog und der Respekt vor den Personen wird davon
nicht beeinträchtigt, denn die christliche Wahrheit muß von ihrem Wesen her
angeboten, darf niemals aufgedrängt werden; sie hat als ihren Fixpunkt die tiefe
Achtung vor dem »Heiligtum des Gewissens« (Redemptoris missio, 39; vgl.
Redemptor hominis, 12; II. Vat. Ökum. Konzil, Dignitatis humanae,
3).
4. Die unsere ist eine Zeit großer Veränderungen, die auch die
Welt der Universität erfassen. Der humanistische Charakter der Kultur erscheint
bisweilen von nebensächlicher Bedeutung, während sich die Tendenz verstärkt, den
Horizont des Wissens auf das rein Meßbare zu beschränken und jede Frage zu
vernachlässigen, die den letzten Sinn der Wirklichkeit berührt. Man kann sich
fragen, was für einen Menschen die Universität heute heranbildet. Angesichts der
Herausforderung eines neuen Humanismus, der authentisch und integral sein will,
braucht die Universität aufmerksame Menschen für das Wort des einzigen Lehrers;
sie braucht qualifizierte Fachleute und glaubwürdige Zeugen Christi. Eine gewiß
nicht leichte Aufgabe, die ständigen Einsatz verlangt, aus Gebet und Studium
genährt wird und sich in der Gewöhnlichkeit des Alltäglichen ausdrückt.
Unterstützung in dieser Aufgabe bietet die Universitätspastoral,
die zugleich geistliche Betreuung der Personen und wirksame kulturelle
Bildungstätigkeit bedeutet, in der das Licht des Evangeliums die Wege der
Forschung, des Studiums und der Didaktik orientiert und humanisiert.
Zentren solcher pastoraler Tätigkeit sind die
Universitätskapellen, wo Dozenten, Studenten und Angestellte Halt und Hilfe für
ihr christliches Leben finden. Als signifikative Orte im Kontext der Universität
fördern sie den Einsatz eines jeden in den Formen und Weisen, die sich aus dem
Universitätsmilieu ergeben. Sie sind Stätte des Geistes, Übungsplatz
christlicher Tugenden, gastlich offenes Haus, lebendiges Ausstrahlungszentrum
für eine christliche Orientierung der Kultur im respektvollen und offenen Dialog,
im klaren und begründeten Angebot (vgl. 1 Petr 3,15), im Zeugnis, das
Fragen stellt und überzeugt.
5. Meine Lieben, es ist für mich eine große Freude, heute mit
euch das Jubiläum der Universitäten zu feiern. Eure zahlreiche und qualifizierte
Präsenz ist ein vielsagendes Zeichen für die kulturelle Fruchtbarkeit des
Glaubens.
Den Blick fest auf das Geheimnis des menschgewordenen Wortes
gerichtet (vgl. Bulle Incarnationis mysterium, 1), findet der Mensch sich
selbst (vgl. Gaudium et spes, 22). Er erfährt auch eine innige Freude,
die selbst im inneren Stil des Studierens und Lehrens zum Ausdruck kommt. Die
Wissenschaft übersteigt so die Grenzen, die sie auf einen bloßen funktionalen
und pragmatischen Prozeß reduzieren, um ihre Würde als Forschung im Dienst am
Menschen in seiner ganzen Wahrheit, erleuchtet und orientiert durch das
Evangelium, wiederzufinden.
Liebe Dozenten und Studenten, das ist eure Berufung: die
Universität zu dem Milieu zu machen, wo man das Wissen pflegt, dem Ort, wo die
Person planerische Fähigkeit, Weisheit, Impuls zu qualifiziertem Dienst an der
Gesellschaft findet.
Diesen euren Weg vertraue ich Maria, »Thron der Weisheit«,
an, deren Bild ich euch heute übergebe, damit sie als Meisterin und Pilgerin in
den Universitätsstädten der Welt aufgenommen werde. Sie, die am Anfang der
Evangelisierung mit ihrem Gebet die Apostel unterstützte, möge auch euch helfen,
die Welt der Universität mit christlichem Geist zu durchdringen.
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