 |
BRIEF DES HEILIGEN VATERS JOHANNES PAUL II. AN DIE ALTEN MENSCHEN
1999
Meine Lieben Brüder und Schwestern!
”Unser Leben währt siebzig Jahre, und wenn es hoch kommt, sind es achtzig, Das Beste daran sind nur Mühsal und Beschwer, rasch geht es vorbei, wir fliegen dahin“ (Ps 90,
10)
1. Siebzig Jahre waren zu der Zeit, als der Psalmist diese Worte schrieb,
ein stattliches Alter, das nicht viele überschritten haben; heutzutage kommt
es dank der medizinischen Fortschritte sowie der verbesserten sozialen und
wirtschaftlichen Verhältnisse in vielen Gegenden der Welt zu einer beträchtlichen
Verlängerung der Lebensdauer. Doch es läßt sich nicht leugnen: Die Jahre
verfliegen; obwohl das Leben von Mühsal und Beschwerden gezeichnet ist, ist
es als Geschenk zu schön und zu wertvoll, als daß wir dessen müde sein könnten.
Auch ich bin mittlerweile alt geworden. So verspüre ich den Wunsch, mit
euch alten Menschen ins Gespräch zu kommen. Ich tue dies vor allem aus der
Dankbarkeit heraus, die ich Gott für die Gaben und Möglichkeiten schulde,
mit denen er mich bis zum heutigen Tag reichlich beschenkt hat. In meiner
Erinnerung ziehen die Etappen meines Lebens vorüber, das mit der Geschichte
eines langen Stücks dieses Jahrhunderts verflochten ist. Vor meinem inneren
Auge gewinnen die Gesichter unzähliger Personen Konturen, von denen mir
einige besonders teuer sind: Erinnerungen an gewöhnliche und außergewöhnliche
Ereignisse, an frohe Augenblicke ebenso wie an Begebenheiten, die von Leid
gezeichnet sind. Doch sehe ich, wie sich über allem Gottes väterliche Hand
ausbreitet. Mit Umsicht und Erbarmen ”sorgt er bestmöglich für alles, was
ins Dasein gerufen ist“.(1) Er erhört uns, wann immer wir etwas erbitten,
das seinem Willen entspricht (vgl. 1 Joh 5, 14). Mit dem Psalmisten
sage ich zu ihm: ”Gott, du hast mich gelehrt von Jugend auf, und noch heute
verkünde ich dein wunderbares Walten. Auch wenn ich alt und grau bin, o Gott,
verlaß mich nicht, damit ich von deinem machtvollen Arm der Nachwelt künde,
den kommenden Geschlechtern von deiner Stärke“ (Ps 71, 17-18).
Meine Gedanken wenden sich voller Zuneigung euch allen zu, liebe Senioren
jeder Sprache und Kultur. An euch richte ich diesen Brief in dem Jahr, das die
Organisation der Vereinten Nationen zu Recht den alten Menschen gewidmet hat,
um die ganze Gesellschaft auf die Lage derjenigen aufmerksam zu machen, die
infolge der Last des Alters oft mit vielfältigen und schwierigen Problemen
fertigwerden müssen.
Wertvolle Überlegungen zu diesem Thema hat schon der Päpstliche Rat für
die Laien vorgelegt.(2) Mit dem vorliegenden Schreiben möchte ich lediglich
ausdrücken, daß ich euch geistlich nahe bin. Denn von Jahr zu Jahr fühle
ich, wie in mir das Verständnis für diesen Lebensabschnitt immer mehr wächst.
Damit geht auch das Bedürfnis einher, in unmittelbareren Kontakt zu meinen
Altersgenossen zu treten. Ich möchte mit ihnen über gemeinsame Erfahrungen
nachdenken und alles unter den Blick Gottes stellen, der uns mit seiner Liebe
umfängt und uns mit seiner Vorsehung stützt und leitet.
2. Liebe Brüder und Schwestern! Wenn wir mit unseren Gedanken in die
Vergangenheit zurückkehren und gleichsam eine Bilanz zu ziehen versuchen,
dann liegt das in unserem Alter nahe. Diese Rückschau erlaubt uns eine
gelassenere und sachlichere Beurteilung von Personen und Situationen, denen
wir auf unserem Weg begegnet sind. Im Laufe der Zeit verschwimmen die scharfen
Konturen der Ereignisse, und ihre schmerzhaften Kanten erscheinen in milderem
Licht. Leider gibt es im Leben eines jeden Menschen reichlich Kummer und Leid.
Manchmal handelt es sich um Probleme und Schmerzen, in denen die seelische und
körperliche Belastbarkeit auf eine harte Probe gestellt wird. Sogar der
Glaube kann erschüttert werden. Doch die Erfahrung lehrt uns, daß mit der
Gnade des Herrn gerade die täglichen Mühen oft den Menschen erst reifen
lassen und den Charakter stärken.
Über die einzelnen Ereignisse hinaus macht man sich besonders Gedanken über
die Zeit, die unerbittlich verrinnt. ”Unwiederbringlich entflieht die
Zeit“, urteilte der antike lateinische Dichter.(3) Der Mensch ist in die
Zeit eingetaucht: In die Zeit wird er hineingeboren, in ihr lebt und stirbt
der Mensch. Mit der Geburt wird ein Datum gesetzt, das erste seines Lebens,
und mit dem Tod ein weiteres und letztes: Die beiden Daten markieren Alpha und
Omega, Anfang und Ende seiner irdischen Geschichte, wie es die christliche
Tradition dadurch unterstreicht, daß sie diese Buchstaben des griechischen
Alphabets in die Grabsteine einmeißelt.
Wenngleich die Existenz eines jeden von uns so begrenzt und zerbrechlich
ist, tröstet uns doch der Gedanke, daß wir kraft der Geistseele über den
Tod hinaus leben. Der Glaube eröffnet uns darüber hinaus eine ”Hoffnung,
die nicht zugrunde gehen läßt“ (Röm 5, 5): Er eröffnet uns die
Aussicht auf die Auferstehung am Ende der Zeiten. Nicht umsonst wendet die
Kirche in der feierlichen Osternacht eben diese Buchstaben auf Christus an,
der lebendig ist gestern, heute und in Ewigkeit: ”Er ist Anfang und Ende,
Alpha und Omega. Sein ist die Zeit und die Ewigkeit“.(4) Auch wenn die
Geschichte des Menschen der Zeit unterworfen ist, wird sie von Christus in den
Horizont der Unsterblichkeit gerückt. Er ”ist Mensch unter den Menschen
geworden, um den Anfang mit dem Ende, das heißt den Menschen mit Gott zu
vereinen“.(5)
Ein kompliziertes Jahrhundert auf dem Weg in eine hoffnungsvolle
Zukunft
3. Wenn ich mich an die alten Menschen wende, bin ich mir bewußt, zu
Personen und über Personen zu reden, die einen langen Weg hinter sich haben
(vgl. Weish 4, 13). Ich spreche zu meinen Altersgenossen. Deshalb fällt
es mir nicht schwer, nach einer Analogie in meinem persönlichen Leben zu
suchen. Unser Leben, liebe Brüder und Schwestern, ist von der Vorsehung in
dieses zwanzigste Jahrhundert hineingestellt worden. Dieses Jahrhundert hat
von der Vergangenheit ein komplexes Erbe empfangen und war so Zeuge
zahlreicher, außergewöhnlicher Ereignisse.
Wie viele andere Zeiten der Geschichte hat auch dieses Jahrhundert Licht
und Schatten erlebt. Nicht alles war finster. Viele positive Aspekte haben das
Negative aufgewogen oder sind gar aus ihm erwachsen, weil das kollektive
Gewissen gut darauf reagiert hat. Es stimmt jedoch, daß es unglaubliche
Leiden gegeben hat, die das Leben von Millionen und Abermillionen Menschen
betroffen haben. Das zu vergessen, wäre ebenso ungerecht wie gefährlich! Man
denke nur an die Konflikte, die auf verschiedenen Kontinenten ausbrachen und
aufgrund territorialer Zwistigkeiten oder infolge des Hasses unter ethnischen
Gruppen entstanden sind. Als nicht weniger schwerwiegend dürfen die
Bedingungen extremer Armut gelten, von der breite Schichten der Gesellschaft
auf der Südhälfte des Erdballs betroffen sind, ganz zu schweigen von der
beschämenden Rassendiskriminierung und der systematischen Verletzung der
Menschenrechte in vielen Nationen. Was soll man schließlich sagen im Hinblick
auf die großen Weltkonflikte?
In der ersten Hälfte des Jahrhunderts gab es derer gleich zwei. Damit
verbunden war eine nie zuvor gekannte Zahl von Toten und Zerstörungen. Der
Erste Weltkrieg mähte Millionen von Soldaten und Zivilisten dahin. So viele
Menschenleben an der Schwelle des Jugend- oder gar Kindesalters wurden
dahingerafft. Und was soll ich erst sagen vom Zweiten Weltkrieg? Nach wenigen
Jahrzehnten relativen Friedens in der Welt ist er besonders über Europa
hereingebrochen. Dieser Weltkrieg war tragischer als der vorhergehende und
hatte schreckliche Folgen für das Leben der Nationen und Kontinente. Es war
der totale Krieg, eine unvorstellbare Mobilisierung des Hasses, die sich auf
brutale Weise auch auf der wehrlosen Zivilbevölkerung entlud und ganze
Generationen vernichtet hat. Der Tribut, der an den verschiedenen Fronten dem
Kriegswahnsinn gezollt wurde, geht ins Unermeßliche, und ebenso grauenhaft
waren die Massaker in den Vernichtungslagern, die in der Tat zum Golgota
unseres Zeitalters geworden sind.
Auf der zweiten Hälfte des Jahrhunderts lastete über viele Jahre hinweg
der Alptraum des Kalten Krieges. Ost und West standen sich als zwei große
ideologische Machtblöcke gegenüber, was mit einem irrsinnigen Rüstungswettlauf
verbunden war. Ständig stand die Drohung eines Atomkrieges im Raum, der zur
Auslöschung der Menschheit hätte führen können.(6) Im letzten, jetzt zu
Ende gehenden Jahrzehnt haben sich auf der Weltbühne rasche und wichtige Veränderungen
vollzogen, angefangen vom Zusammenbruch der unterdrückerischen totalitären
Regime in Europa. Dies geschah in einem gewaltlosen Kampf, der nur von den
Waffen der Wahrheit und der Gerechtigkeit Gebrauch machte.(7) So wurde ein mühsamer,
aber fruchtbarer Prozeß des Dialogs und der Versöhnung in Gang gebracht, der
ein von mehr Entspannung und Solidarität geprägtes Zusammenleben zwischen
den Völkern zum Ziel hat.
Zu viele Nationen sind indes noch weit davon entfernt, die Wohltaten des
Friedens und der Freiheit genießen zu dürfen. Großes Bangen hat in den
vergangenen Monaten der gewaltsame Konflikt ausgelöst, der auf dem Balkan
ausgebrochen war. Dieses Gebiet war bereits in den vorausgegangenen Jahren
Schauplatz eines furchtbaren Krieges mit ethnischem Hintergrund. Es kam zu
neuerlichem Blutvergießen, zu weiteren Zerstörungen, erneut wurde Hab geschürt.
Da sich endlich die Gewalt der Waffen gelegt hat, beginnt man nunmehr, im
Ausblick auf das neue Jahrtausend an den Wiederaufbau zu denken. Unterdessen
flammen indes auch in anderen Kontinenten zahlreiche Kriegsherde weiter auf
und entladen sich manchmal in Massakern und Gewalttaten, die bei den Medien
nur allzu schnell in Vergessenheit geraten.
4. Wenn uns diese Erinnerungen und schmerzlichen aktuellen Geschehnisse
auch traurig stimmen, können wir dennoch nicht unterschlagen, daß unser
Jahrhundert vielfältige positive Signale am Horizont erscheinen sah, aus
denen sich gleichzeitig Hoffnung für das dritte Jahrtausend schöpfen läßt.
Es gibt zwar viele Widersprüche, besonders was die Achtung vor dem Leben
jedes Menschen anbelangt. Doch ist das Bewußtsein für die allgemeinen
Menschenrechte gewachsen, die sich in feierlichen, für die Völker
verbindlichen Erklärungen niedergeschlagen haben.
Es hat sich gleichermaßen das Bewußtsein vom Selbstbestimmungsrecht der Völker
herausgebildet im Rahmen der nationalen und internationalen Beziehungen, die
vom Geist der Wertschätzung gegenüber kultureller Eigenheiten und
gleichzeitig von der Achtung der Minderheiten geleitet sind. Der Zusammenbruch
totalitärer Systeme wie jener in Osteuropa ließ die umfassende Wahrnehmung
wachsen, wie wertvoll Demokratie und freier Markt sind. Dennoch ist die enorme
Herausforderung geblieben, Freiheit und soziale Gerechtigkeit miteinander zu
verbinden.
Als großartiges Gottesgeschenk darf man auch werten, daß die Religionen
mit immer größerer Entschlossenheit einen Dialog anstreben, der sie für die
Welt zu einem wesentlichen Baustein des Frieden und der Einheit machen soll.
Was soll man dazu sagen, daß die Würde der Frau im allgemeinen Bewußtsein
mehr und mehr anerkannt wird? Zweifellos liegt noch ein weiter Weg vor uns,
aber die Linie ist vorgezeichnet. Grund zur Hoffnung liegt außerdem in der
intensiven Ausweitung der Kommunikationsmittel, die es dank der modernen
Technologie möglich machen, die herkömmlichen Grenzen zu überwinden. So
geben sie uns das Gefühl, Weltbürger zu sein.
Auf einem weiteren wichtigen Bereich hat sich ein Reifeprozeß ereignet,
was die neue Sensibilität für die Umwelt anzeigt, die Unterstützung
verdient. Hoffnungsschimmer sind auch die großen Fortschritte der Medizin und
der zum Wohl des Menschen angewandten Wissenschaften.
Es gibt also viele Gründe, weshalb wir Gott danken dürfen. Denn trotz
allem liegen in dieser Jahrhundertwende große Möglichkeiten für Frieden und
Fortschritt. Aus den Prüfungen, die unsere Generation durchgemacht hat,
erstrahlt ein Licht, das die Jahre unseres Alters zu erleuchten vermag. Auf
diese Weise bestätigt sich ein Grundsatz, der dem christlichen Glauben lieb
und teuer ist: ”Nicht nur, daß Leiden und Sorgen die Hoffnung nicht zerstören,
sie sind sogar ihr Fundament“.(8)
So hat es eine besondere Bedeutung, daß wir zu einer Zeit innehalten, da
sich das Jahrhundert und das Jahrtausend ihrem Ende zuneigen. Ein neues
Zeitalter der Menschheit dämmert herauf. Da halten wir inne, um über die
Tatsache der schnell dahineilenden Zeit nachzudenken, nicht um uns mit einem
unerbittlichen Schicksal abzufinden, sondern um den uns noch verbleibenden
Lebensjahren Sinn und Wert zu verleihen.
Der Herbst des Lebens
5. Was ist das Alter? Manchmal nennt man es den Herbst des Lebens — wie
das schon Cicero tat(9) — und folgt damit der Analogie, die von den
Jahreszeiten und Phasen nahegelegt wird, die in der Natur aufeinanderfolgen.
Es genügt, die Veränderungen der Landschaft im Laufe des Jahres zu
beobachten: Es erzählen die Berge und das flache Land, die Wiesen, Täler und
Wälder, die Bäume und Pflanzen. Es besteht eine große Ähnlichkeit zwischen
dem Biorhythmus des Menschen und den Kreisläufen der Natur, in die er
eingebunden ist.
Gleichzeitig unterscheidet sich jedoch der Mensch von jeder anderen
Wirklichkeit, die ihn umgibt. Denn er ist Person. Geformt nach dem Bild und
Gleichnis Gottes, ist er ein Subjekt, das mit Bewußtsein und Verantwortung
ausgestattet ist. Doch auch in seiner geistigen Dimension erlebt der Mensch
die Aufeinanderfolge verschiedener Phasen, die alle gleich vergänglich sind.
Der hl. Ephräm der Syrer hat das Leben gern mit den Fingern einer Hand
verglichen. Einerseits wollte er damit hervorheben, daß die Länge des Lebens
nicht über die einer Handbreite hinausreicht; andererseits verstand er den
Vergleich als Hinweis darauf, daß so wie jeder Finger auch jede Lebensphase
ihre Eigenart hat: ”Die Finger stellen die fünf Stufen dar, auf denen der
Mensch vorwärtskommt“.(10)
Wenn also Kindheit und Jugend die Periode sind, in der sich die Persönlichkeit
des Menschen herausbildet, in der er auf die Zukunft hin lebt und, während er
sich der eigenen Möglichkeiten bewußt wird, Pläne für das Erwachsenenalter
schmiedet, hat auch das Alter sein Gutes. Denn während es — wie der hl.
Hieronymus bemerkt — das heftige Aufwallen der Leidenschaften dämpft,
”erhöht es die Weisheit und erteilt reiferen Rat“.(11) Das Alter ist
gleichsam die Hoch-Zeit jener Weisheit, die im allgemeinen Frucht der
Erfahrung ist, weil ”die Zeit eine große Lehrmeisterin ist“.(12) Das
Gebet des Psalmisten ist ja bekannt: ”Unsere Tage zu zählen, lehre uns!
Dann gewinnen wir ein weises Herz“ (Ps 90, 12).
Die alten Menschen in der Heiligen Schrift
6. ”Die Jugend und das dunkle Haar sind Windhauch“, stellt Kohelet fest
(11, 10). Die Bibel unterläßt es nicht, bisweilen mit unverblümtem
Realismus auf die Hinfälligkeit des Lebens und auf die unerbittlich
enteilende Zeit hinzuweisen: ”Windhauch, Windhauch [...], Windhauch,
Windhauch, das ist alles Windhauch“ (Koh 1, 2): Wer kennt nicht die
strenge Mahnung des antiken Weisen? Besonders wir verstehen sie wir alten
Menschen, durch Erfahrung belehrt.
Trotz dieses nüchternen Realismus bewahrt die Schrift eine sehr positive
Sicht vom Wert des Lebens. Der Mensch bleibt immer nach dem ”Bild Gottes“
geschaffen (vgl. Gen 1, 26), und jedes Lebensalter hat seine eigene Schönheit
und seine Aufgaben. Gerade das fortgeschrittene Alter findet im Worte große
Beachtung, die so weit geht, daß langes Leben als Zeichen göttlichen
Wohlwollens gesehen wird (vgl. Gen 11, 10-32). Mit Abraham, an dessen
Gestalt das Privileg der Betagtheit besonders hervorsticht, nimmt dieses
Wohlwollen die Züge einer Verheibung an: ”Ich werde dich zu einem großen
Volk machen, dich segnen und deinen Namen groß machen. Ein Segen sollst du
sein. Ich will segnen, die dich segnen; wer dich verwünscht, den will ich
verfluchen. Durch dich sollen alle Geschlechter der Erde Segen erlangen“ (Gen
12, 2-3). An seiner Seite ist Sara, die Frau, die sieht, wie ihr Körper zwar
altert, doch die an ihrem bereits verwelkten Leib die Kraft Gottes als
Ausgleich der menschlichen Unzulänglichkeit erlebt.
Mose ist schon ein betagter Mann, als Gott ihm den Auftrag erteilt, das
auserwählte Volk aus Ägypten herauszuführen. Die großen Taten, die er im
Auftrag des Herrn für Israel vollbringt, fallen nicht in seine Jugendjahre,
sondern in die Zeit seines Alters. Unter den weiteren Beispielen alter
Menschen in der Bibel möchte ich Tobit nennen, der sich mit Bescheidenheit
und Mut anstrengt, Gottes Gesetz zu erfüllen, den Armen zu helfen und seine
Blindheit geduldig zu ertragen, bis er das entschlossene Eingreifen des Engels
Gottes erfuhr (vgl. Tob 1-2). Auch möchte ich noch Eleasar erwähnen,
dessen Martyrium ein Zeugnis einzigartiger Hochherzigkeit und Tapferkeit ist
(vgl. 2 Makk 6, 18-31).
7. Das Neue Testament, das vom Licht Christi durchdrungen ist, führt uns
ebenfalls bemerkenswerte hochbetagte Gestalten vor Augen. Das Lukasevangelium
beginnt mit der Vorstellung eines Ehepaares ”in vorgerücktem Alter“ (1,
7): Elisabet und Zacharias, die Eltern Johannes des Täufers. Ihnen wendet
sich der Herr in seiner Barmherzigkeit zu (vgl. Lk 1, 5-25.39-79): dem
alten Zacharias wird die Geburt eines Sohnes angekündigt. Er selbst
verschweigt es nicht: ”Ich bin ein alter Mann, und auch meine Frau ist in
vorgerücktem Alter“ (Lk 1, 18). Während Marias Besuch ruft ihre
betagte Verwandte Elisabet, erfüllt vom Heiligen Geist: ”Gesegnet bist du
mehr als alle anderen Frauen, und gesegnet ist die Frucht deines Leibes“ (Lk
1, 42); und bei der Geburt Johannes des Täufers stimmt Zacharias den Hymnus
des Benedictus an. Ein wunderbares Ehepaar in vorgerücktem Alter, tief erfüllt
vom Geist des Gebets!
Als Maria und Josef Jesus in den Tempel bringen, um ihn, den Erstgeborenen,
nach dem Gesetz dem Herrn zu weihen, begegnen sie dort dem alten Simeon, der
schon lange auf den Messias gewartet hat. Er nimmt das Kind in seine Arme und
preist Gott mit den Worten Nunc dimittis...: ”Nun läßt du, Herr, deinen
Knecht in Frieden scheiden“ (Lk 2, 29).
An seiner Seite treffen wir Anna, eine Witwe von vierundachtzig Jahren. Sie
hielt sich ständig im Tempel auf und hatte bei dieser Gelegenheit die Freude,
Jesus zu schauen. Der Evangelist merkt an: Anna ”pries Gott und sprach über
das Kind zu allen, die auf die Erlösung Jerusalems warteten“ (Lk 2,
38).
Ein alter Mann ist auch Nikodemus, ein führendes Mitglied des Hohen Rates.
Er suchte Jesus bei Nacht auf, um von keinem gesehen zu werden. Ihm offenbart
der göttliche Meister, daß er der Sohn Gottes und gekommen sei, die Welt zu
retten (vgl. Joh 3, 1-21). Wir werden Nikodemus bei der Bestattung
Christi wieder begegnen: er bringt eine Mischung aus Myrrhe und Aloe mit, überwindet
die Angst und gibt sich als Jünger des Gekreuzigten aus (vgl. Joh 19,
38-40). Wie trostvoll sind diese Zeugnisse! Sie erinnern uns daran, daß der
Herr Menschen jeden Alters bittet, ihre Talente einzubringen. Der Dienst am
Evangelium ist keine Frage des Alters!
Und was soll man vom alt gewordenen Petrus sagen, der dazu berufen wurde,
seinen Glauben durch das Martyrium zu bezeugen? Zu ihm hatte Jesus eines Tages
gesagt: ”Als du noch jung warst, hast du dich selbst gegürtet und konntest
gehen, wohin du wolltest. Wenn du aber alt geworden bist, wirst du deine Hände
ausstrecken, und ein anderer wird dich gürten und dich führen, wohin du
nicht willst“ (Joh 21, 18). Das sind Worte, die mich als Nachfolger
Petri unmittelbar berühren. Sie lassen in mir das starke Bedürfnis
aufkommen, meine Hände den Händen Christi entgegenzustrecken und seinem
Gebot zu gehorchen: ”Folge mir nach!“ (Joh 21, 19).
8. Der 92. Psalm faßt die glänzenden Zeugnisse alter Menschen, die wir in
der Bibel finden, gleichsam zusammen: ”Der Gerechte gedeiht wie die Palme,
er wächst wie die Zedern des Libanon; ... Sie tragen Frucht noch im Alter und
bleiben voll Saft und Frische; sie verkünden: Gerecht ist der Herr“
(13.15-16). Der Apostel Paulus stimmt dem Psalmisten zu, wenn er im Brief an
Titus schreibt: ”Die älteren Männer sollen nüchtern sein, achtbar,
besonnen, stark im Glauben, in der Liebe, in der Ausdauer. Ebenso seien die älteren
Frauen würdevoll in ihrem Verhalten...; sie müssen fähig sein, das Gute zu
lehren, damit sie die jungen Frauen dazu anhalten können, ihre Männer und
Kinder zu lieben“ (2, 2-5).
Im Licht dessen, was die Bibel lehrt, und in der Wahl der Worte, die sie
auszeichnet, stellt sich somit das Alter als ”günstige Zeit“ vor, um das
Abenteuer des Menschen zu vollenden. Das Alter gehört in den Plan, den Gott
mit jedem Menschen hat. Es ist der Zeitraum, in dem alles zusammenläuft,
damit der Mensch den Sinn des Lebens besser erfassen und zur ”Weisheit des
Herzens“ gelangen kann. ”Ehrenvolles Alter besteht — wie das Buch der
Weisheit darlegt — nicht in einem langen Leben und wird nicht an der Zahl
der Jahre gemessen. Mehr als graues Haar bedeutet für die Menschen die
Klugheit, und mehr als Greisenalter wiegt ein Leben ohne Tadel“ (4, 8-9).
Das Alter stellt die entscheidende Etappe der menschlichen Reife dar und ist
Ausdruck des göttlichen Segens.
Hüter eines kollektiven Gedächtnisses
9. In der Vergangenheit hegte man große Achtung vor den alten Menschen.
Der lateinische Dichter Ovid schrieb in diesem Zusammenhang: ”Groß war
einst die Hochachtung vor einem weißhaarigen Haupt“.(13) Einige
Jahrhunderte früher mahnte der griechische Dichter Phokylides: ”Achte die
weißen Haare: Erweise dem weisen Alten dieselbe Ehrerbietung, die du deinem
Vater entgegenbringst“.(14)
Und heute? Wenn wir die gegenwärtige Situation genauer anschauen, dann
stellen wir fest, daß bei einigen Völkern das Alter geachtet wird und in
hohem Wert steht; bei anderen hingegen ist das wegen einer Geisteshaltung, die
unmittelbare Nützlichkeit und Produktivität des Menschen an den ersten Platz
stellt, weit weniger der Fall. Auf Grund dieser Haltung wird das sogenannte
dritte oder vierte Lebensalter oft abgewertet, und die alten Menschen selbst müssen
sich fragen, ob ihr Dasein noch zu etwas nütze sei.
Man geht sogar soweit, mit zunehmender Eindringlichkeit die Euthanasie als
Lösung für schwierige Situationen vorzuschlagen. Der Begriff Euthanasie hat
leider in diesen Jahren für viele Menschen jenes Merkmal des Schreckens
verloren, das er natürlich bei denen wachruft, die für die Achtung vor dem
Leben empfänglich sind. Sicher kann es vorkommen, daß in Fällen schwerer
Krankheiten, die mit unerträglichen Leiden einhergehen, die davon
heimgesuchten Menschen versucht sind, ganz aufzugeben. Dann kann es geschehen,
daß ihre Angehörigen oder Pfleger sich von einem mißverstandenen Mitleid
dazu veranlaßt fühlen, den ”sanften Tod“ für eine vernünftige Lösung
zu halten. In diesem Zusammenhang muß man daran erinnern, daß das
Sittengesetz den Verzicht auf sogenannten ”therapeutischen Übereifer“(15)
billigt und nur jene Behandlungen verlangt, die zu den normalen Erfordernissen
ärztlicher Betreuung gehören. Aber die Euthanasie als direkte Herbeiführung
des Todes ist etwas ganz anderes! Sie bleibt ungeachtet der Absichten und Umstände
eine in sich schlechte Handlung, eine Verletzung des göttlichen Gesetzes,
eine Beleidigung der Würde der menschlichen Person.(16)
10. Man muß dringend die richtige Perspektive wiedergewinnen, aus der das
Leben in seiner Ganzheit gesehen wird. Und diese richtige Perspektive ist die
Ewigkeit, deren maßgebende Vorbereitung das Leben in jeder seiner Phasen ist.
Auch dem Alter kommt in diesem fortschreitenden Reifungsprozeß des Menschen
auf dem Weg zur Ewigkeit seine Rolle zu. Aus dieser Reifung soll eben auch die
soziale Gruppe, zu welcher der alte Mensch gehört, Nutzen ziehen können.
Menschen im vorgerückten Alter helfen uns, mit mehr Weisheit auf die
irdischen Angelegenheiten zu schauen, weil sie durch die Wechselfälle des
Lebens erfahren und reif geworden sind. Sie sind Hüter des kollektiven Gedächtnisses
und daher bevorzugte Interpreten jener Gesamtheit von gemeinsamen Idealen und
Werten, die das Zusammenleben in der Gesellschaft tragen und leiten. Wollte
man die alten Menschen ausschließen, würde der Anschein erweckt, als sollte
im Namen einer gedächtnislosen Modernität die Vergangenheit, in die sich die
Wurzeln der Gegenwart einsenken, abgelehnt werden. Dank ihrer reifen Erfahrung
sind die Senioren dazu imstande, den Jungen wertvolle Ratschläge und Lehren
zu erteilen.
Die Seiten menschlicher Gebrechlichkeit, die am sichtbarsten mit dem Alter
zusammenhängen, werden in diesem Licht zu einem Hinweis auf die gegenseitige
Abhängigkeit und notwendige Solidarität, die die Generationen miteinander
verbinden. Denn jeder Mensch braucht den anderen und wird durch die Gaben und
Charismen aller bereichert.
Treffend klingen in diesem Zusammenhang die Überlegungen eines Dichters,
der mir viel bedeutet. Er schreibt: ”Ewig ist nicht allein die Zukunft,
nicht sie allein!... Ja, auch die Vergangenheit ist das Zeitalter der
Ewigkeit: Alles bereits Geschehene wird einst nicht so zurückkehren, wie es
früher war... Es wird als Idee zurückkehren, es wird nicht als es selbst zurückkehren“.(17)
”Ehre deinen Vater und deine Mutter“
11. Warum also sollen wir nicht weiterhin dem alten Menschen jenen Respekt
zollen, auf den die gesunden Traditionen vieler Kulturen auf jedem Erdteil
Wert gelegt haben? Für die Völker der Region, die der biblische Einfluß
erreichte, wurde immer der Bezug zum Gebot des Dekalogs hergestellt: ”Ehre
deinen Vater und deine Mutter“; eine Pflicht übrigens, die allgemein
anerkannt wird. Der vollen, konsequenten Anwendung dieses Gebotes entsprang
nicht nur die Liebe der Kinder zu ihren Eltern; es wurde auch das starke Band
hervorgehoben, das zwischen den Generationen besteht. Wo das Gebot angenommen
und treu befolgt wird, wissen die alten Menschen, daß sie nicht Gefahr
laufen, als nutzlose, im Weg stehende Last angesehen zu werden.
Das Gebot lehrt noch etwas: Denen, die uns vorausgegangen sind, gebührt
Achtung für all das Gute, das sie getan haben, ”Vater und Mutter“ deuten
auf die Vergangenheit hin, auf die Verbindung zwischen den Generationen, die
Voraussetzung, die überhaupt die Existenz eines Volkes erst ermöglicht. Nach
den zwei in der Bibel vorgelegten Fassungen (vgl. Ex 20, 2-17; Dtn
5, 6-21) nimmt dieses göttliche Gebot auf der zweiten Tafel, auf der die
Pflichten des Menschen gegenüber sich selbst und gegenüber der Gesellschaft
entfaltet sind, den ersten Platz ein. Es ist ferner das einzige Gebot, mit dem
eine Verheibung verbunden ist: ”Ehre deinen Vater und deine Mutter, damit du
lange lebst in dem Land, das der Herr, dein Gott, dir gibt“ (Ex 20,
12; vgl. Dtn 5, 16).
12. ”Du sollst vor grauem Haar aufstehen, das Ansehen eines Greises
ehren“ (Lev 19, 32). Den alten Menschen Ehre entgegenzubringen, das
umfaßt eine dreifache Verpflichtung ihnen gegenüber: Annahme, Beistand und
Wertschätzung ihrer Eigenschaften. In vielen Kreisen geschieht das fast
selbstverständlich, wie aus alter Gewohnheit. Anderswo, besonders in den
wirtschaftlich wohlhabenderen Nationen, muß die Richtung geändert werden,
damit die Menschen in vorgerückten Jahren mit Würde alt werden können, ohne
befürchten zu müssen, schließlich nichts mehr zu zählen. Es gilt, sich
davon zu überzeugen, daß Achtung und Liebe gegenüber den alten Menschen,
die sich trotz des Schwindens ihrer Kräfte als lebendiger Teil der
Gesellschaft fühlen sollen, zu einer wirklich menschlichen Zivilisation gehört.
Schon Cicero schrieb, daß ”die Last des Alters für den leichter ist, der
sich von den Jungen geachtet und geliebt fühlt“.(18)
Im übrigen bleibt der menschliche Geist, obgleich er am Alterungsprozeß
des Körpers teilhat, in einem gewissen Sinn immer jung; er muß nur dem
Ewigen zugewandt leben. Dieses immerwährende Jungsein macht er dann zu einer
lebendigeren Erfahrung, wenn sich mit dem inneren Zeugnis des guten Gewissens
die zuvorkommende, dankbare Zuneigung lieber Menschen verbindet. Der Mensch
wird also, wie der hl. Gregor von Nazianz schreibt, ”geistig nicht altern;
er wird den Abbau als den Zeitpunkt annehmen, der durch die notwendige
Freiheit festgelegt wurde. Sanft wird er ins Jenseits hinübergehen, wo keiner
unreif oder alt ist, sondern sich alle in der Vollkommenheit des geistigen
Alters befinden“.(19)
Wir alle kennen eindrucksvolle Beispiele alter Menschen mit erstaunlicher
Jugendlichkeit und Geisteskraft. Für den, der auf sie zugeht, sind sie durch
ihre Worte ein Anspron und mit ihrem Beispiel ein Trost. Möge die
Gesellschaft die alten Menschen, die in manchen Regionen der Welt — ich
denke da besonders an Afrika — zu Recht als ”lebende Bibliotheken“ der
Weisheit, als Hüter eines unschätzbaren Erbes menschlicher und geistiger
Zeugnisse hochgeschätzt werden, voll zur Geltung kommen lassen. Es trifft
zwar zu, daß sie in physischer Hinsicht im allgemeinen auf Hilfe angewiesen
sind, doch ebenso wahr ist, daß sie in ihrem vorgerückten Alter den
Schritten der jungen Menschen Rückhalt bieten können, die in den Horizont
des Lebens hinaustreten, um dessen Wege zu erkunden.
Während ich von den alten Menschen spreche, kann ich nicht umhin, mich
auch an die Jungen zu wenden. Ich lade sie ein, den Alten beizustehen. Ich
fordere euch, liebe junge Leute, auf, dies mit Liebe und Hochherzigkeit zu
tun. Die alten Menschen vermögen euch viel mehr zu geben, als Ihr euch überhaupt
vorstellen könnt. Das Buch Jesus Sirach spricht in diesem Zusammenhang die
Mahnung aus: ”Verachte nicht die Überlieferung der Alten, die sie übernommen
haben von ihren Vätern“ (8, 9); ”Verweile gern im Kreis der Alten, wer
weise ist, dem schließ dich an!“ (6, 34); denn den Hochbetagten ”steht
Weisheit gut an“ (25, 5).
13. Die christliche Gemeinschaft kann von der Gelassenheit, mit der die älteren
Menschen ihr Leben gestalten, viel empfangen. Ich denke vor allem an die
Evangelisierung. Ihre Wirksamkeit hängt nicht in erster Linie von der
Arbeitsleistung ab. In wievielen Familien empfangen die Enkel von den Großeltern
die ersten Grundlagen des Glaubens! Aber es gibt noch viele andere Bereiche,
wo sich der Beitrag alter Menschen wohltuend auswirken kann. Der Geist
handelt, wie und wo er will. Dazu bedient er sich nicht selten menschlicher
Wege, die in den Augen der Welt wenig zu zählen scheinen. Wieviele Menschen
finden Verständnis und Trost bei alten, einsamen oder kranken Personen, die
aber fähig sind, durch liebevollen Rat, durch das stille Gebet und durch das
Zeugnis des mit geduldiger Ergebung angenommenen Leidens Mut zuzusprechen!
Gerade während die Kräfte schwinden und die Leistungsfähigkeit nachläßt,
werden diese unsere Brüder und Schwestern um so wertvoller im geheimnisvollen
Plan der Vorsehung. Auch unter dieser Hinsicht und nicht nur wegen eines
offensichtlichen psychologischen Bedürfnisses des alten Menschen selbst ist
der natürlichste Ort, um den Zustand des Altseins zu leben, die Umgebung, in
der er ”zu Hause“ ist, also unter Verwandten, Bekannten und Freunden, und
wo er noch einige Dienste leisten kann. Während durch das Ansteigen des
durchschnittlichen Lebensalters die Gruppe der alten Menschen wächst, wird es
immer dringender, eine Kultur zu fördern, in der das Alter angenommen und
geschätzt, nicht aber an den Rand der Gesellschaft verbannt ist. Das Ideal
bleibt der Aufenthalt des alten Menschen in der Familie, zugleich mit der Gewährleistung
wirksamer sozialer Hilfen für die wachsenden Bedürfnisse, die Alter oder
Krankheit mit sich bringen. Es gibt allerdings Situationen, wo die Umstände
selbst die Unterbringung in einem ”Altenheim“ anraten oder unumgänglich
machen, damit der Betagte sich der Gesellschaft mit anderen Personen erfreuen
und eine fachgerechte Betreuung in Anspruch nehmen kann. Solche Häuser sind
daher lobenswerte Einrichtungen, und die Erfahrung sagt, daß sie in dem Maße,
in dem sie sich nicht nur an den Kriterien der organisatorischen Effizienz,
sondern auch der liebevollen Sorge inspirieren, einen wertvollen Dienst
leisten können. In diesem Sinn ist alles leichter, wenn seitens der Angehörigen,
Freunde und Pfarrgemeinden eine Beziehung zu den einzelnen Heimbewohnern
besteht, die diesen hilft, sich als geliebte und für die Gesellschaft noch nützliche
Menschen zu fühlen. Und wie sollte man hier nicht voll Bewunderung und
Dankbarkeit an die Ordenskongregationen und an die Gruppen Freiwilliger
denken, die sich mit besonderer Sorge gerade der Betreuung der alten Menschen
widmen - vor allem der ärmsten unter ihnen, die verlassen sind oder sich in
Schwierigkeiten befinden?
Ich bin euch, meine lieben betagten Brüder und Schwestern, die ihr euch
aus gesundheitlichen oder warum auch immer in einer schwierigen Lage befindet,
voll Zuneigung nahe. Wenn Gott unser Leiden, das durch Krankheit, Einsamkeit
oder anderen Gründen, die mit dem vorgerückten Alter verbunden sind, zuläßt,
schenkt er uns immer die Gnade und die Kraft, daß wir uns mit noch mehr Liebe
mit dem Opfer seines Sohnes vereinen und noch intensiver an seinem Heilsplan
teilnehmen. Sind wir davon überzeugt: Er ist unser Vater, ein Vater reich an
Liebe und Barmherzigkeit!
In besonderer Weise denke ich an euch, verwitwete Männer und Frauen, die
ihr die letzte Wegstrecke eures Lebens allein gehen müßt; an euch, betagte
Ordensmänner und Ordensfrauen, die ihr lange Jahre hindurch treu der Sache
des Himmelreiches gedient habt; an euch, liebe Brüder im Priester- und
Bischofsamt, die ihr wegen Erreichung der Altersgrenze die direkte
Verantwortung des Hirtenamtes abgegeben habt. Die Kirche braucht euch noch.
Sie weiß die Dienste zu schätzen, die ihr euch in verschiedenen Bereichen
des Apostolats noch zutraut, sie zählt auf euren Beitrag, den ihr durch
ausgedehntes Gebet leisten könnt, sie erwartet euren erfahrenen Rat und sie
wird bereichert durch das Zeugnis des Evangeliums, das ihr Tag für Tag
ablegt.
”Du zeigst mir den Pfad zum Leben. Vor deinem Angesicht herrscht Freude in Fülle“ (Ps 16, 11)
14. Es ist nur natürlich, daß einem mit zunehmenden Jahren der Gedanke an
den ”Lebensabend“ vertraut wird. Wenn nichts anderes, so erinnert uns
daran die Tatsache, daß sich die Reihen unserer Angehörigen, Freunde und
Bekannten zu lichten beginnen. Wir werden uns dessen bei verschiedenen
Gelegenheiten bewußt, zum Beispiel bei Familien- und Klassentreffen, bei
Zusammenkünften mit unseren Freunden aus Kindheitstagen, mit unseren
Studienkollegen und mit unseren Kameraden beim Militär, mit unseren
Kurskollegen im Seminar ... Die Grenze zwischen Leben und Tod verläuft quer
durch unsere Gemeinschaften und rückt für einen jeden von uns unerbittlich näher.
Wenn das Leben eine Pilgerschaft zur himmlischen Heimat ist, so ist das Alter
die Zeit, wo man selbstverständlicher auf die Schwelle der Ewigkeit schaut.
Trotzdem haben auch wir Alten Mühe damit, uns mit der Aussicht auf diesen
Übergang abzufinden. Er stellt nämlich in dem von der Sünde gezeichneten
menschlichen Dasein eine dunkle Dimension dar, die uns notgedrungen traurig
macht und Angst bereitet. Wie könnte es auch anders sein? Der Mensch ist für
das Leben erschaffen, während der Tod — wie uns die Schrift schon auf den
ersten Seiten erklärt (vgl. Gen 2-3) — nicht im ursprünglichen Plan
Gottes lag, sondern eine Folge der Sünde ist, der Frucht aus dem ”Neid des
Teufels“ (Weish 2, 24). Man versteht also, warum sich der Mensch
gegen diese finstere Wirklichkeit wehrt und auflehnt. Von Bedeutung ist in
diesem Zusammenhang, daß Jesus, ”der in allem wie wir in Versuchung geführt
worden ist, aber nicht gesündigt hat“ (Hebr 4, 15), selber Angst vor
dem Tod hatte: ”Mein Vater, wenn es möglich ist, gehe dieser Kelch an mir
vorüber...“ (Mt 26, 39). Und wie könnte man die Tränen vergessen,
die er am Grab seines Freundes Lazarus vergoß, obwohl er sich anschickte, ihn
ins Leben zurückzuholen (vgl. Joh 11, 35)?
So sehr auch der Tod in biologischer Hinsicht rational verständlich ist,
so bleibt es doch unmöglich, ihn mit ”Natürlichkeit“ zu leben. Er steht
im Widerspruch zum tiefsten Instinkt des Menschen. Die Aussage des Konzils
dazu lautet: ”Angesichts des Todes wird das Rätsel des menschlichen Daseins
am größten. Der Mensch erfährt nicht nur den Schmerz und den
fortschreitenden Abbau des Leibes, sondern auch, ja noch mehr die Furcht vor
immerwährendem Verlöschen“.(20) Sicher bliebe der Schmerz untröstlich,
wenn der Tod die vollständige Zerstörung, das Ende von allem wäre. Der Tod
zwingt daher den Menschen, sich die radikalen Fragen nach dem eigentlichen
Sinn des Lebens zu stellen: Was gibt es jenseits der Mauer, die der Schatten
des Todes aufgerichtet hat? Markiert der Tod das definitive Ende des Lebens
oder gibt es etwas, das über ihn hinausreicht?
15. Von den ältesten Zeiten bis herauf in unsere Tage fehlt es in der
Kultur der Menschheit nicht an oberflächlichen Antworten, die das Leben auf
unser Leben hier auf Erden einschränken. Im Alten Testament läßt uns eine
Stelle im Buch Kohelet an das Alter denken, als ob es ein im Abbruch
befindliches Gebäude wäre. Der Tod wäre dann dessen vollständige und endgültige
Zerstörung (vgl. 12, 1-7). Aber gerade im Licht dieser pessimistischen
Antworten gewinnt die hoffnungsvolle Aussicht, die von der Offenbarung
insgesamt und besonders vom Evangelium ausgeht, größte Bedeutung: ”Gott
ist kein Gott von Toten, sondern von Lebenden“ (Lk 20, 38). Der
Apostel Paulus bezeugt, daß der Gott, der die Toten lebendig macht (vgl. Röm
4, 17), auch unseren sterblichen Leib lebendig machen wird (vgl. ebd.,
8, 11). Und Jesus sagt von sich selbst: ”Ich bin die Auferstehung und das
Leben. Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt, und jeder, der
lebt und an mich glaubt, wird auf ewig nicht sterben“ (Joh 11,
25-26).
Nachdem Christus die Grenze des Todes überschritten hatte, offenbarte er
das Leben, das es jenseits dieser Grenze in jenem vom Menschen unerforschten
”Gebiet“ gibt, das Ewigkeit heißt. Jesus Christus ist der erste Zeuge des
unsterblichen Lebens; in ihm offenbart sich in Fülle des Menschen Hoffnung
auf Unsterblichkeit. ”Bedrückt uns auch das Los des sicheren Todes, so tröstet
uns doch die Verheißung der künftigen Unsterblichkeit“.(21) Auf diese
Worte, die den Gläubigen die Liturgie als Trost in der Stunde des Abschieds
von einem geliebten Menschen anbietet, folgt eine hoffnungsvolle Ankündigung:
”Denn deinen Gläubigen, o Herr, wird das Leben gewandelt, nicht genommen.
Und wenn die Herberge der irdischen Pilgerschaft zerfällt, ist uns im Himmel
eine ewige Wohnung bereitet“.(22) In Christus wird der Tod als dramatische
und bestürzende Realität freigekauft und gewandelt, um das Gesicht eines
”Bruders“ anzunehmen, der uns in die Arme des Vaters führt.(23)
16. Der Glaube erleuchtet so das Geheimnis des Todes und flößt dem Alter
Gelassenheit ein: Es wird nicht mehr als passives Warten auf ein zerstörerisches
Ereignis, sondern als verheißungsvolle Annäherung an das Ziel der vollen
Reife angesehen und erfahren. Es sind Jahre, die mit dem Gefühl gelebt werden
sollen, daß man sich vertrauensvoll den Händen Gottes, des umsichtigen und
barmherzigen Vaters, überläßt; eine Zeit, die für eine Vertiefung des
geistlichen Lebens durch Intensivierung des Gebets und Verpflichtung zur
liebevollen Hingabe an die Brüder kreativ genutzt werden soll.
Daher verdienen alle sozialen Initiativen Lob, die es den alten Menschen
ermöglichen, sich sowohl körperlich, intellektuell und im Beziehungsleben
weiterzubilden als auch sich dadurch nützlich zu machen, daß sie ihre eigene
Zeit, ihre Fähigkeiten und ihre Erfahrung den anderen anbieten. Auf diese
Weise erhält und steigert man die Lebensfreude, die ein grundlegendes
Gottesgeschenk ist. Andererseits steht zu dieser Lebensfreude jenes Verlangen
nach der Ewigkeit nicht in Widerspruch, das in allen heranreift, die eine
tiefe geistliche Erfahrung machen. Das bezeugt das Leben der Heiligen.
Diesbezüglich erinnert uns das Evangelium an die Worte des alten Simeon,
der erklärt, zum Sterben bereit zu sein, nachdem er den erwarteten Messias in
seine Arme schließen konnte: ”Nun läßt du, Herr, deinen Knecht, wie du
gesagt hast, in Frieden scheiden. Denn meine Augen haben das Heil gesehen“ (Lk
2, 29-30). Der Apostel Paulus fühlte sich gleichsam hin- und hergerissen
zwischen dem Wunsch weiterzuleben, um das Evangelium zu verkünden, und der
Sehnsucht danach, ”aufzubrechen und bei Christus zu sein“ (Phil 1,
23). Der hl. Ignatius von Antiochia bezeugte, während er voll Freude das
Martyrium erlitt, im Herzen die Stimme des Heiligen Geistes zu hören. Sie
glich lebendigem ”Wasser“, das in seinem Inneren entsprang und ihm die
Einladung zuflüsterte: ”Komm zum Vater“.(24) Die Beispiele ließen sich
weiterführen. Sie werfen keinerlei Schatten auf den Wert des irdischen
Lebens, das trotz Einschränkungen und Leiden schön ist und bis zum Ende
gelebt werden muß. Sie erinnern uns jedoch daran, daß dieses Leben nicht der
letzte Wert ist, daß also nach christlicher Auffassung der Lebensabend die
Konturen eines ”Überganges“ annimmt, einer von einem Leben zum anderen
geschlagenen Brücke zwischen der zerbrechlichen und unsicheren Freude dieser
Erde und der vollkommenen Freude, die der Herr seinen treuen Dienern bereitet:
”Komm, nimm teil an der Freude deines Herrn!“ (Mt 25, 21).
Ein Glückwunsch zum Leben
17. Während ich euch, meine lieben betagten Brüder und Schwestern, in
diesem Geist wünsche, mit ruhiger Gelassenheit die Jahre zu leben, die der
Herr für einen jeden bereitet hat, spüre ich das spontane Verlangen, euch
bis zum Letzten an den Gefühlen teilhaben zu lassen, die mich am Ende meines
Lebens, nach mehr als zwanzig Jahren des Dienstes auf dem Stuhl Petri und in
Erwartung des vor der Tür stehenden dritten Jahrtausends bewegen. Trotz der
Einschränkungen, die mit dem Alter verbunden sind, bewahre ich mir die
Lebensfreude. Dafür danke ich dem Herrn. Es ist schön, sich bis zum Ende für
die Sache des Reiches Gottes zu verzehren.
Gleichzeitig empfinde ich einen großen Frieden, wenn ich an den Augenblick
denke, in dem der Herr mich zu sich rufen wird: vom Leben ins Leben! Darum
kommt mir häufig, ohne jeden Anflug von Traurigkeit, ein Gebet auf die
Lippen, das der Priester nach der Eucharistiefeier spricht: In hora mortis
meae voca me, et iube me venire ad te — in der Stunde des Todes rufe mich
und laß mich zu dir kommen. Das ist das Gebet der christlichen Hoffnung, das
der Freude über die gegenwärtige Stunde keinen Abbruch tut, während es die
Zukunft dem Schutz der göttlichen Güte anheimstellt.
18. ”Iube me venire ad te!“: Das ist die tiefste Sehnsucht des
menschlichen Herzens, auch bei denen, die sich dessen nicht bewußt sind.
Gib, o Herr des Lebens, daß wir uns dessen klar bewußt werden und jeden
Abschnitt unseres Lebens als Geschenk auskosten, das voll weiterer Verheißungen
ist.
Laß deinen Willen mit Liebe an uns geschehen, indem du uns jeden Tag in
deine barmherzigen Arme nimmst.
Wenn der Augenblick des endgültigen ”Übergangs“ gekommen ist, laß
uns ihn mit heiterem Herzen antreten, ohne dem nachzutrauern, was wir zurücklassen.
Denn wenn wir nach langer Suche dir begegnen, werden wir jeden echten Wert
wiederfinden, den wir hier auf Erden erfahren haben. Auch werden wir all jene
wiedertreffen, die uns vorausgegangen sind im Zeichen des Glaubens und der
Hoffnung.
Und du, Maria, Mutter der pilgernden Menschheit, bitte für uns ”jetzt
und in der Stunde unseres Todes“. Drücke uns immer fest an Jesus, deinen
geliebten Sohn und unseren Bruder, den Herrn des Lebens und der Herrlichkeit.
Amen!
Aus dem Vatikan, am 1. Oktober 1999.
(1) HL. JOHANNES VON DAMASKUS, Darstellung des rechten Glaubens, 2, 29.
(2) Vgl. Die Würde des alten Menschen und sein Auftrag in Kirche und Welt,
Vatikanstadt 1998.
(3) Vergil, ”Fugit inreparabile tempus“, Georgica, III, 284.
(4) Vgl. Liturgie der Osternacht.
(5) HL. IRENÄUS VON LYON, Adversus haereses, 4, 20, 4.
(6) Vgl. JOHANNES PAUL II., Enzyklika Centesimus annus, 18.
(7) Vgl. ebd., 23.
(8) HL. JOHANNES CHRYSOSTOMOS, Kommentar zum Römerbrief, 9, 2.
(9) Vgl. Cato maior, seu De senectute, 19, 70.
(10) Aus dem Sermo Vanitas vanitatum, 5-6.
(11) ”Auget sapientiam, dat maturiora consilia“, Commentaria in Amos,
2, prol.
(12) CORNEILLE, Sertorius, a. II, sc. 4, b. 717.
(13) ”Magna fuit quondam capitis reverentia cani“, Fasti, lib. V, v.
57.
(14) Lehrsprüche, XLII.
(15) 3 Vgl. JOHANNES PAUL II, Enzyklika Evangelium vitae, 65.
(16) Vgl. ebd.
(17) C. NORWID, Nie tylko przyszlosc..., Post scriptum, I, vv. 1-4.
(18) ”Levior fit senectus, eorum qui a iuventute coluntur et
diliguntur“, Cato maior, seu De senectute, 8, 26.
(19) Rede nach der Rückkehr vom Land, 11.
(20) II. VAT. KONZIL, Pastorale Konstitution Gaudium et spes, 18.
(21) RÖMISCHES MESSBUCH, I. Präfation von den Verstorbenen.
(22) Ebd.
(23) Vgl. HL. FRANZ VON ASSISI, Sonnengesang.
(24) Brief an die Römer, 7, 2: PG 5, 693.
Copyright © Libreria Editrice
Vaticana
|