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SCHREIBEN DES HEILIGEN
VATERS JOHANNES PAUL II. AN DIE
PRIESTER ZUM GRÜNDONNERSTAG 2000
Liebe Brüder im Priesteramt!
1. Da Jesus »die Seinen, die in der Welt waren, liebte, erwies er ihnen seine
Liebe bis zur Vollendung« (Joh 13, 1). Tief bewegt lese ich hier in
Jerusalem noch einmal die Worte, mit denen der Evangelist Johannes den Bericht
vom Letzten Abendmahl einleitet. Ich tue es an dem Ort, wo der Überlieferung
nach Jesus und die Zwölf einkehrten, um das Paschamahl und die Einsetzung der
Eucharistie zu feiern.
Ich lobe den Herrn, der es mir im Jubiläumsjahr der Menschwerdung seines Sohnes
gewährt hat, mich auf die irdischen Spuren Christi zu begeben und den Wegen zu
folgen, die er zwischen seiner Geburt in Betlehem und seinem Tod auf Golgota
zurückgelegt hat. Gestern verweilte ich in der Geburtsgrotte in Betlehem. In
den nächsten Tagen werde ich mich an verschiedene Orte des Lebens und Wirkens
des Erlösers begeben: angefangen vom Haus der Verkündigung über den Berg der
Seligpreisungen bis zum Ölberg. Am Sonntag schließlich werde ich auf Golgota
und am Heiligen Grab sein.
Der heutige Besuch im Abendmahlssaal bietet mir die Gelegenheit, einen
umfassenden Blick auf das Geheimnis der Erlösung zu werfen. Hier, an dieser
Stelle, hat er uns mit der unermeßlichen Gabe der Eucharistie beschenkt. Hier
ist auch die Wiege unseres Priestertums.
Ein Brief aus dem Abendmahlssaal
2. So möchte ich gerade von diesem Ort aus mein Schreiben an euch richten, mit
dem ich mich seit über zwanzig Jahren am Gründonnerstag, dem Tag der
Eucharistie und schlechthin »unserem« Tag, an euch wende.
Ja, ich schreibe euch aus dem Abendmahlssaal. Dabei wird in mir noch einmal all
das lebendig, was sich in diesen Mauern an jenem vom Geheimnis durchwalteten
Abend ereignet hat. Vor meinem geistigen Auge kommt Jesus in den Blick, es
erscheinen die Apostel, die mit ihm zu Tisch saßen. Ich verweile besonders bei
Petrus und meine ihn zu sehen: wie er zusammen mit den anderen Jüngern voller
Staunen die Gesten des Herrn beobachtet und tief bewegt seine Worte hört; wie
er, freilich mit der Last seiner Schwäche, sich dem Geheimnis öffnet, das sich
da ankündigt und sich in Kürze erfüllen soll. In diesen Stunden vollzieht
sich der große Kampf zwischen der Liebe, die sich vorbehaltlos hingibt, und dem
mysterium iniquitatis, das sich in seine Feindseligkeit verschließt. Der
Verrat des Judas nimmt sich aus wie eine Art Emblem der Sünde der Menschheit.
»Es war Nacht«, bemerkt der Evangelist Johannes (13, 30): die Stunde der
Finsternis, die Stunde der Trennung und unendlicher Trauer. Doch in den
betrübten Worten Christi schimmert bereits das Licht der Morgenröte durch:
»Ich werde euch wiedersehen; dann wird euer Herz sich freuen, und niemand nimmt
euch eure Freude« (Joh 16, 22).
3. Über das Geheimnis jener Nacht müssen wir immer wieder neu nachdenken und
häufig im Geiste in diesen Abendmahlssaal zurückkehren. Dort dürfen besonders
wir Priester uns in gewissem Sinn »zu Hause« fühlen. Was der Psalmist von den
Völkern in bezug auf Jerusalem ausspricht, könnte man von uns im Hinblick auf
den Abendmahlssaal sagen: »Der Herr schreibt, wenn er die Völker verzeichnet:
Er ist dort geboren« (Ps 87, 6).
Von diesem heiligen Raum aus denke ich spontan an euch, die ihr in den
verschiedensten Teilen der Welt lebt, mit euren tausend Gesichtern, jüngeren
und fortgeschritteneren Alters, in euren unterschiedlichen Gemütsverfassungen:
Aus vielen spricht, Gott sei Dank, Freude und Begeisterung, bei anderen
überwiegen vielleicht Schmerz oder Müdigkeit oder auch Unsicherheit. In allen
verehre ich jenes Bild von Christus, das ihr mit der Priesterweihe empfangen
habt, jenen »Charakter«, der jeden von euch unauslöschlich kennzeichnet. Es
ist das Zeichen der Liebe, die den »Lieblingskindern« gilt. Diese Liebe gilt
jedem Priester. Auf sie kann er immer zählen, wenn es darum geht, voll Freude
voranzugehen oder mit Begeisterung einen Neuanfang zu wagen, damit die Treue
immer größer werde.
Aus der Liebe geboren
4. »Da Jesus die Seinen, die in der Welt waren, liebte, erwies er ihnen seine
Liebe bis zur Vollendung«. Im Unterschied zu den anderen Evangelien hält sich
das Johannes-Evangelium bekanntlich nicht bei der Erzählung von der Einsetzung
der Eucharistie auf, die Jesus bereits in seiner ausführlichen Rede in
Kafarnaum angesprochen hatte (vgl. Joh 6, 26-65). Statt dessen verweilt
es bei der Fußwaschung. Diese Initiative Jesu, die bei Petrus Befremden
auslöst, will weniger ein Beispiel von Demut sein, das uns zur Nachahmung
empfohlen würde, als vielmehr die Radikalität offenbaren, mit der Gott uns
entgegenkommt. Denn in Christus hat Gott »sich entäußert« und
»Knechtsgestalt angenommen« bis zur äußersten Erniedrigung am Kreuz (vgl. Phil
2, 7), um der Menschheit den Zugang zum Innersten des göttlichen Lebens zu
eröffnen: Die großen Reden, die im Johannes-Evangelium auf die Geste der Fußwaschung
folgen und sie gleichsam kommentieren, stellen eine Art Einführung in das
Geheimnis der dreifaltigen Gemeinschaft dar, zu der uns der Vater beruft, indem
er uns in Christus aufnimmt durch die Gabe des Heiligen Geistes.
Diese Gemeinschaft soll nach der Logik des neuen Gebotes gelebt werden: »Wie
ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben« (Joh 13, 34).
Nicht durch Zufall liegt die Krönung dieser »Mystagogie« im
Hohepriesterlichen Gebet, das Christus in seiner Einheit mit dem Vater zeigt.
Christus war bereit, durch seine Selbsthingabe zum Vater zurückzukehren, und
hegte für seine Jünger nur einen einzigen Wunsch: die Teilhabe an seiner
Einheit mit dem Vater: »Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin, sollen
auch sie in uns eins sein« (Joh 17, 21).
5. Aus jener kleinen Gruppe von Jüngern, die diese Worte hörten, hat sich die
ganze Kirche herausgebildet, die sich zeitlich und räumlich ausbreitete als
»ein Volk, das von der Einheit des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes
zusammengeführt wird« (Hl. Cyprian, De Orat. Dom., 23). Die tiefe
Einheit dieses Volkes schließt nicht aus, daß es darin untereinander
verschiedene und einander ergänzende Aufgaben gibt. So stehen diejenigen mit
den ersten Aposteln in einer besonderen Verbindung, die dazu bestellt wurden, in
persona Christi die Handlung zu erneuern, die Jesus beim Letzten Abendmahl mit
der Einsetzung des eucharistischen Opfers als »Quelle und Höhepunkt des ganzen
christlichen Lebens« (Lumen gentium, 11) vollzogen hat. Der sakramentale
Charakter, der sie kraft der empfangenen Weihe auszeichnet, sorgt dafür, daß
ihr Dasein und ihr Dienst einzigartig, notwendig und unersetzlich sind.
Seit jenem Augenblick sind fast zweitausend Jahre vergangen. Wie viele Priester
haben diese Handlung wiederholt! Oft waren es vorbildliche Jünger, Märtyrer,
Heilige. Wie könnten wir in diesem Jubiläumsjahr die vielen Priester
vergessen, die mit ihrem Leben Christus bis zum blutigen Ende bezeugt haben? Ihr
Martyrium begleitet die ganze Kirchengeschichte. Es durchzieht auch das
Jahrhundert, das wir soeben hinter uns gelassen haben und das von verschiedenen
diktatorischen und kirchenfeindlichen Regimen gekennzeichnet war. Vom
Abendmahlssaal aus möchte ich dem Herrn Dank sagen für den Mut dieser
Priester. Blicken wir auf sie, um von ihnen zu lernen und dem Beispiel des guten
Hirten zu folgen, »der sein Leben hingibt für die Schafe« (Joh 10,
11).
Ein Schatz in zerbrechlichen Gefäßen
6. Es stimmt: Wie in der Geschichte des ganzen
Gottesvolkes, so hat auch in der Geschichte des Priestertums die dunkle Existenz
der Sünde ihren Platz. Wie oft hat die menschliche Gebrochenheit der
Amtsträger in ihnen das vom Licht durchglänzte Antlitz Christi verdunkelt!
Doch wie sollte man sich gerade hier im Abendmahlssaal darüber wundern? Hier
ereignete sich nicht nur der Verrat des Judas, sondern selbst Petrus mußte mit
seiner Schwachheit rechnen, als er die bittere Voraussage der Verleugnung
vernahm. Als Jesus Christus Männer wie die Zwölf auswählte, hat er sich gewiß
keine falschen Hoffnungen gemacht: Es war diese menschliche Schwachheit, der er
das sakramentale Siegel seiner Gegenwart einprägte. Den Grund dafür nennt uns
Paulus: »Diesen Schatz tragen wir in zerbrechlichen Gefäßen; so wird
deutlich, daß das Übermaß der Kraft von Gott und nicht von uns kommt« (2 Kor
4, 7).
Deshalb hat das Volk Gottes trotz aller Schwächen
seiner Priester nicht aufgehört, an die Kraft Christi zu glauben, die durch
ihren Dienst wirksam wird. Muß man in diesem Zusammenhang nicht an das
herrliche Zeugnis des Poverello aus Assisi denken? Er, der aus Demut nicht
Priester werden wollte, hinterließ in seinem Testament die Darstellung seines
Glaubens an das Mysterium des in den Priestern gegenwärtigen Christus: Er tat
es dadurch, daß er sich bereit erklärte, selbst dann die Priester als seinen
Bezugspunkt zu wählen, wenn sie ihn verfolgt hätten, ohne ihnen ihre Sünde
anzurechnen. »Ich tue das — so erklärte er —, weil ich vom allerhöchsten
Sohn Gottes leibhaftig in dieser Welt nichts anderes sehe außer seinen
heiligsten Leib und sein heiligstes Blut, die sie allein konsekrieren und sie
allein den anderen spenden« (Fonti Francescane, Nr. 113).
7. Von diesem Ort aus, an dem Christus die heiligen
Worte zur Einsetzung der Eucharistie gesprochen hat, lade ich euch, liebe
Priester, ein, das »Geschenk« und das »Geheimnis«, das wir empfangen haben,
wiederzuentdecken. Um es an der Wurzel zu erfassen, müssen wir über das
Priestertum Christi nachdenken. An ihm hat gewiß das ganze Volk Gottes kraft
der Taufe teil. Doch das Zweite Vatikanische Konzil erinnert uns auch daran, daß
es außer dieser Art der Teilhabe, die allen Getauften gemeinsam ist, noch eine
andere und besondere Weise gibt: das Amtspriestertum, das sich dem Wesen nach
vom Priestertum aller Gläubigen unterscheidet, auch wenn es ganz eng auf dieses
hingeordnet ist (vgl. Lumen gentium, 10).
Dem Priestertum Christi nähern wir uns in einer
besonderen Sichtweise im Rahmen des Jubiläums der Menschwerdung an. Dieses
lädt uns ein, uns in Christus in den engen Zusammenhang zu versenken, der
zwischen seinem Priestertum und dem Geheimnis seiner Person besteht. Das
Priestertum Christi ist nichts »Zufälliges«; es ist keine Aufgabe, die er
genauso gut hätte ausschlagen können. Das Priestertum gehört vielmehr zu
seiner Identität als menschgewordener Gottessohn, es gehört zum Gottmenschen.
Alles, was sich in den Beziehungen zwischen der Menschheit und Gott abspielt,
läuft nunmehr über Christus: »Niemand kommt zum Vater außer durch mich« (Joh
14, 6). Darum ist Christus der Hohepriester eines ewigen und allumfassenden
Priestertums, wofür der erste Bund vorbereitendes Sinnbild war (vgl. Hebr
9, 9). Er übt es in Fülle aus, seitdem er sich als Hoherpriester »zur Rechten
des Thrones der Majestät im Himmel gesetzt hat« (Hebr 8, 1). Seitdem
hat sich der Stellenwert des Priestertums in der Menschheit geändert: Es gibt
nur mehr ein einziges Priestertum, nämlich das Priestertum Jesu Christi, an dem
man in unterschiedlicher Weise teilhaben und mitwirken kann.
Sacerdos et Hostia
8. Gleichzeitig wurde auch der Sinn des Opfers, die
Opferhandlung schlechthin, zur Vollendung gebracht. Christus hat auf Golgota
sein eigenes Leben zu einer Opfergabe von ewigem Wert gemacht: zu einem
»Erlösungsopfer«, das für immer den von der Sünde unterbrochenen Weg der
Gemeinschaft mit Gott wieder eröffnet hat.
Licht in dieses Geheimnis bringt der Hebräerbrief,
indem er Christus einige Verse aus dem 40. Psalm sprechen läßt: »Schlacht-
und Speiseopfer hast du nicht gefordert, doch einen Leib hast du mir
geschaffen... Ja, ich komme..., um deinen Willen, Gott, zu tun« (Hebr 10,
5-7; vgl. Ps 40, 7-9). Nach dem Verfasser des Briefes wurden diese
prophetischen Worte von Christus bei seinem Eintritt in die Welt gesprochen. Sie
bringen sein Geheimnis und seine Sendung zum Ausdruck. Ihre Verwirklichung
beginnt also schon im Augenblick der Menschwerdung, auch wenn diese ihren
Höhepunkt im Opfer von Golgota erreicht. Seitdem ist jede Opferhandlung des
Priesters nur die erneute Darstellung des einzigen, ein für allemal erbrachten
Opfers Christi an den Vater.
Sacerdos et Hostia! Priester und Opfer. Dieser
Gesichtspunkt des Opfers macht zutiefst die Eucharistie aus. Zugleich ist er die
grundlegende Dimension des Priestertums Christi und infolgedessen auch unseres
Priestertums. Lesen wir in diesem Licht die Worte, die wir täglich sprechen und
die zum ersten Mal hier im Abendmahlssaal erklungen sind: »Nehmet und esset
alle davon: Das ist mein Leib, der für euch hingegeben wird... Nehmet und
trinket alle daraus: Das ist der Kelch des neuen und ewigen Bundes, mein Blut,
das für euch und für alle vergossen wird zur Vergebung der Sünden«.
Das sind die Worte, die von den Evangelisten und von
Paulus in Fassungen bezeugt werden, die in ihrem Kern übereinstimmen. An diesem
Ort wurden sie am späten Abend des Gründonnerstags von Christus ausgesprochen.
Indem er den Aposteln seinen Leib zu essen und sein Blut zu trinken gab, brachte
er die tiefe Wahrheit der Handlung zum Ausdruck, die er kurz danach auf Golgota
vollbringen sollte. Denn im eucharistischen Brot ist derselbe Leib, der von
Maria geboren wurde und am Kreuz hingeopfert wurde:
Ave verum Corpus natum de Maria Virgine, vere
passum, immolatum in cruce pro homine!
9. Muß man nicht immer wieder zu diesem Geheimnis
zurückkehren, in dem das ganze Leben der Kirche eingeschlossen ist? Dieses
Sakrament hat zweitausend Jahre lang unzählige Gläubige gespeist. Aus ihm ist
ein Gnadenstrom entsprungen. Wie viele Heilige haben in ihm nicht nur das
Unterpfand, sondern gleichsam die Vorwegnahme des Paradieses gefunden!
Lassen wir uns mitreißen von der betrachtenden
Bewegung, die so reich ist an Poesie und Theologie! Aus ihr hat der hl. Thomas
von Aquin im Pange lingua das Mysterium besungen. Das Echo jener Worte
erreicht mich heute hier im Abendmahlssaal. Es klingt wie die Stimme der vielen,
über die Welt verstreuten christlichen Gemeinden, der vielen Priester,
Ordensleute und einfachen Gläubigen, die jeden Tag innehalten, um das
eucharistische Geheimnis anzubeten:
Verbum caro, panem verum verbo carnem efficit fitque
sanguis Christi merum, et, si sensus deficit, ad firmandum cor sincerum sola
fides sufficit.
Tut dies zu meinem Gedächtnis
10. Das Geheimnis der Eucharistie, in dem der Tod und
die Auferstehung Christi in Erwartung seiner Wiederkunft verkündet und gefeiert
werden, ist das Herz des kirchlichen Lebens. Für uns hat es zudem eine ganz
besondere Bedeutung: Denn es steht im Mittelpunkt unseres Amtes. Sicher
beschränkt sich dieses nicht auf die Eucharistiefeier, umfaßt es doch einen
Dienst, der von der Verkündigung des Wortes über die Heiligung der Menschen
durch die Sakramente bis zur Leitung des Gottesvolkes in Gemeinschaft und Dienst
reicht. Aber die Eucharistie ist der Punkt, von dem strahlenförmig alles
ausgeht und auf den alles zustrebt. Zusammen mit der Eucharistie ist im
Abendmahlssaal auch unser Priestertum entstanden.
»Tut dies zu meinem Gedächtnis« (Lk 22, 19):
Die Worte Christi wurden, auch wenn sie an die ganze Kirche gerichtet sind,
denjenigen als eine besondere Aufgabe anvertraut, die den Dienst der ersten
Apostel weiterführen sollen. Ihnen trägt Jesus die soeben vollzogene Handlung
auf, das Brot in seinen Leib und den Wein in sein Blut zu verwandeln. Es ist die
Handlung, in der Christus sich als Priester und Opfer zum Ausdruck bringt. Er
will, daß von nun an dieses sein Tun durch die Hände der Priester in
sakramentaler Weise auch zum Tun der Kirche wird. Wenn er sagt »tut dies«,
weist er nicht nur auf die Handlung hin, sondern auch auf das zum Handeln
aufgerufene Subjekt. So setzt er das Amtspriestertum ein, das auf diese Weise zu
einem der grundlegenden Elemente der Kirche wird.
11. Diese Handlung soll man »zu seinem Gedächtnis«
begehen: Das ist ein wichtiger Hinweis. Die von den Priestern gefeierte
eucharistische Handlung soll in jeder christlichen Generation, an jedem Ort der
Erde das von Christus vollbrachte Werk gegenwärtig machen. Überall dort, wo
man Eucharistie feiert, wird auf unblutige Weise das blutige Opfer von Golgota
gegenwärtig gemacht. Christus, der Erlöser der Welt, wird selbst gegenwärtig
sein.
»Tut dies zu meinem Gedächtnis«. Wenn man diese
Worte hier zwischen den Mauern des Abendmahlssaales neu hört, ist man versucht,
sich die Gefühle Christi vorzustellen. Es waren die dramatischen Stunden, die
seinem Leiden und Sterben vorausgingen. Der Evangelist Johannes läßt die
betrübten Töne in der Rede des Meisters anklingen, der die Apostel auf seinen
Abschied vorbereitet. Welch tiefe Trauer sieht er in ihren Augen: »Vielmehr ist
euer Herz von Trauer erfüllt, weil ich euch das gesagt habe« (Joh 16,
6). Aber Jesus macht sie wieder froh: »Ich werde euch nicht als Waisen
zurücklassen, sondern ich komme wieder zu euch« (Joh 14, 18).
Wenngleich ihn das Ostermysterium ihren Blicken entzieht, wird er mehr denn je
in ihrem Leben gegenwärtig sein. Das gilt für »alle Tage bis zum Ende der
Welt« (Mt 28, 20).
Eine Gedächtnisfeier, die Gegenwart schafft
12. Christi Gegenwart wird sich in vielen Formen äußern.
Aber die erhabenste wird sicher die Eucharistie sein: Sie ist nicht bloße
Erinnerung, sondern eine Gedächtnisfeier, die Gegenwart schafft; kein
symbolischer Hinweis auf die Vergangenheit, sondern lebendige Gegenwart des
Herrn inmitten der Seinen. Garant dafür wird stets der Heilige Geist sein.
Ständig wird er bei der Eucharistiefeier ausgegossen, damit das Brot und der
Wein zum Leib und Blut Christi werden. Es ist derselbe Geist, der am Abend des
Ostertages in diesem Abendmahlssaal die Apostel »angehaucht« hat (vgl. Joh
20, 22) und der sie später am Pfingsttag mit Maria hier versammelt fand. Damals
kam er als heftiger Sturm und Feuer über sie (vgl. Apg 2, 1-4) und
spornte sie an, in alle Himmelsrichtungen hinausgehen, um das Wort zu verkünden
und das Volk Gottes zu sammeln im »Brechen des Brotes« (vgl. Apg 2,
42).
13. Zweitausend Jahre nach der Geburt Christi müssen
wir in diesem Jubiläumsjahr in besonderer Weise an die Wahrheit dessen erinnern
und darüber nachdenken, was wir seine »eucharistische Geburt« nennen
könnten. Gerade der Abendmahlssaal ist der Ort dieser »Geburt«. Hier hat für
die Welt eine neue Gegenwart Christi begonnen, eine Gegenwart, die
ununterbrochen überall dort entsteht, wo man Eucharistie feiert und ein
Priester seine Stimme Christus leiht, indem er die heiligen Einsetzungsworte
spricht.
Diese eucharistische Gegenwart hat die
zweitausendjährige Geschichte der Kirche durchzogen und wird sie bis an deren
Ende begleiten. So eng mit diesem Geheimnis verbunden zu sein, ist für uns eine
Freude und Quelle der Verantwortung zugleich. Dessen wollen wir uns heute mit
dem von Staunen und Dankbarkeit erfüllten Herzen bewußt werden. Mit diesen
Gefühlen laßt uns eintreten in das österliche Triduum, in dem wir das Leiden,
Sterben und die Auferstehung Christi feiern.
Das Vermächtnis des Abendmahlssaales
14. Meine lieben Brüder im Priesteramt! Wenn ihr euch
am Gründonnerstag in den Kathedralen um eure Bischöfe versammelt, wie die
Priester der Kirche von Rom sich um den Nachfolger Petri scharen, dann empfangt
diese Gedanken, die ich in der eindrucksvollen Atmosphäre des Abendmahlssaales
betrachtet habe! Es ließe sich wohl kaum ein Ort finden, der besser an das
eucharistische Geheimnis und zugleich an das Geheimnis unseres Priestertums zu
erinnern vermag. Bleiben wir dem »Vermächtnis« des Abendmahlssaales treu.
Es ist das große Geschenk des Gründonnerstags.
Feiern wir stets mit Hingabe und Eifer die heilige Eucharistie. Verweilen wir
häufig und lange in Anbetung vor dem eucharistischen Christus. Laßt uns
gleichsam »in die Schule« der Eucharistie gehen. In ihr haben im Laufe der
Jahrhunderte so viele Priester den von Jesus beim Letzten Abendmahl verheißenen
Trost gefunden, den geheimen Schlüssel, um einen Ausweg aus der Einsamkeit zu
finden, den Halt, um ihre Leiden zu ertragen, die Nahrung, um nach jeder
Entmutigung wieder neu aufzubrechen, die innere Kraft, um ihre Entscheidung zur
Treue zu bestärken. Das Zeugnis, das wir dem Volk Gottes in der eucharistischen
Feier werden geben können, hängt sehr von unserem persönlichen Verhältnis
zur Eucharistie ab.
15. Entdecken wir im Lichte der Eucharistie unser
Priestertum neu! Lassen wir unsere Gemeinden diesen Schatz wiederentdecken bei
der täglichen Feier der heiligen Messe und besonders bei der festlichen
Versammlung zum Sonntagsgottesdienst. Möge dank eurer apostolischen Arbeit die
Liebe zu dem in der Eucharistie gegenwärtigen Christus wachsen. Das ist eine
Aufgabe, der in diesem Jubiläumsjahr eine besondere Bedeutung zukommt. Ich
denke an den Internationalen Eucharistischen Kongreß, der unter dem Thema Jesus
Christus einziger Retter der Welt, Brot für unser Leben vom 18. bis 25. Juni in
Rom stattfinden wird: ein zentrales Ereignis des Großen Jubiläums, das ein
»intensiv eucharistisches Jahr« (Tertio millennio adveniente, 55) sein
soll. Der erwähnte Kongreß wird genau diesen engen Zusammenhang herausstellen
zwischen dem Geheimnis der Fleischwerdung des Wortes und der Eucharistie, dem
Sakrament der Realpräsenz Christi.
Ich sende euch aus dem Abendmahlssaal den
eucharistischen Friedensgruß. Das Bild Jesu Christi, der beim Letzten Abendmahl
von den Seinen umgeben war, lasse das Herz eines jeden von uns für
Brüderlichkeit und Gemeinschaft schlagen. Große Maler haben sich darin
versucht, das Antlitz Christi zwischen seinen Aposteln in der Szene vom Letzten
Abendmahl zu zeichnen. Wie könnte man hier das Hauptwerk Leonardos vergessen?
Aber nur die Heiligen vermögen mit der Intensität ihrer Liebe in die Tiefe
dieses Geheimnisses vorzudringen, indem sie gleichsam wie Johannes ihr Haupt an
die Brust des Herrn lehnen (vgl. Joh 13, 25). Hier befinden wir uns in
der Tat auf dem Gipfel der Liebe: »Da er die Seinen, die in der Welt waren,
liebte, erwies er ihnen seine Liebe bis zur Vollendung«.
16. Ich möchte diese Betrachtung, die ich euch voll
Liebe ans Herz lege, mit den Worten eines alten Gebetes schließen:
»Wir danken dir, unser Vater, für
das Leben und die Erkenntnis, die du uns offenbar gemacht hast durch Jesus,
deinen Knecht. Dir sei Herrlichkeit in Ewigkeit. Wie dieses
gebrochene Brot zerstreut war auf den Bergen und zusammengebracht
eines geworden ist, so soll zusammengeführt werden deine Kirche von
den Enden der Erde in dein Reich [...] Du, allmächtiger Herrscher, hast
das All geschaffen um deines Namens willen, Speise und Trank hast du
den Menschen gegeben zum Genuß, damit sie dir danken. Uns aber hast du
geistliche Speise und Trank und ewiges Leben durch deinen Sohn geschenkt
[...] Dir sei die Herrlichkeit in Ewigkeit!« (Didaché 9, 3-4; 10,
3-4).
Aus dem Abendmahlssaal umarme ich im Geiste euch alle,
geliebte Brüder im Priesteramt, und segne euch aus ganzem Herzen.
Jerusalem, am 23. März 2000.
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