Liebe Brüder und Schwestern im Christus!
1. Die Fastenzeit ist die uns vom Herrn
geschenkte Zeit, die dazu angetan ist, unseren Aufbruch zur Umkehr zu erneuern
und in uns den Glauben, die Hoffnung und die Liebe zu stärken, um in den von
Gott gewünschten Bund einzutreten und eine Zeit der Gnade und Versöhnung zu
erleben.
„Die Familie steht im Dienst der Liebe, die
Liebe steht im Dienst der Familie.“ Mit diesem für dieses Jahr gewählten Thema
möchte ich alle Christen dazu einladen, ihr Leben umzugestalten und ihre
Verhaltensweisen zu ändern, um Sauerteig zu sein und zur Vermehrung der Liebe
und Solidarität – wesentliche Werte des sozialen und des christlichen Lebens –
innerhalb der Menschheitsfamilie beizutragen.
2. Zuerst sollen sich die Familien ihrer
Sendung in der Kirche und der Welt bewusst werden. Im persönlichen und
gemeinschaftlichen Gebet empfangen sie den Heiligen Geist der in ihnen und durch
sie alle Dinge neu macht und das Herz der Gläubigen der universalen Dimension
öffnet. Jeder, der aus der Quelle der Liebe schöpft, wird dazu fähig sein, diese
Liebe durch sein Leben und seine Werke weiterzugeben. Das Gebet verbindet uns
mit Christus und macht so aus allen Menschen Brüder und Schwestern.
Die Familie ist der erste und besonders
geeignete Ort für die Erziehung und für die Einübung des brüderlichen Lebens,
der Liebe und der Solidarität in seinen vielfältigen Formen. In den familiären
Beziehungen lassen sich die Aufmerksamkeit, die Annahme und die Achtung des
anderen erlernen, der immer den ihm zukommenden Platz finden soll. Das
gemeinsame Leben ist sodann eine Einladung zum Teilen, die den einzelnen aus
seinem Egoismus herausfinden lässt. Wenn man teilen und geben lernt, entdeckt
man die unermessliche Freude, die einem der gemeinsame Besitz der Güter
bereitet. Die Eltern sollen sorgfältig darauf achten, durch ihr Vorbild und ihre
Anleitung bei ihren Kindern das Bewusstsein für Solidarität zu wecken. Von
Kindheit an sollte jeder auch die Erfahrung von Verzicht und Enthaltsamkeit
machen, um seinen Charakter zu festigen und seine Triebe zu bezähmen, besonders
das Verlangen nach Alleinbesitz. Was man im Familienleben lernt, bleibt das
ganze Dasein hindurch gegenwärtig.
3. Mögen
in diesen besonders schweren Zeiten, die unsere Welt durchmacht, die Familien
nach dem Vorbild Mariens, die sich eilig aufmachte, um ihre Cousine Elisabeth zu
besuchen, auf ihre notleidenden Brüder und Schwestern zugehen und sie in ihrem
Gebet mittragen! Wie der Herr, der für die Menschen Sorge trägt, sollen wir
sagen können: „Ich habe die Not meines Volkes gesehen, und sein Hilfeschrei ist
zu mir gedrungen“ (1 Sam 9,16); da werden wir für die Rufe des Volkes
nicht taub bleiben dürfen. Denn die Armut einer ständig wachsenden Zahl unserer
Brüder und Schwestern zerstört deren Menschenwürde und verunstaltet die ganze
Menschheit; sie ist eine schreiende Beleidigung für die Pflicht zu Solidarität
und Gerechtigkeit.
4. Heute soll sich unsere Aufmerksamkeit
besonders auf die Leiden und die Armut der Familien richten. Denn zahlreiche
Familien haben die Armutsschwelle erreicht und besitzen nicht einmal mehr das
Lebensminimum, um sich und ihre Kinder zu ernähren, um diesen letzteren ein
normales physisches und psychisches Wachstum und einen regelmäßigen und
anerkannten Schulbesuch zu ermöglichen. Manche haben nicht mehr die Mittel für
eine annehmbare Unterkunft. Die Arbeitslosigkeit greift immer mehr um sich und
steigert in beträchtlichem Ausmaß die Verarmung ganzer Schichten der
Bevölkerung. Frauen stehen allein da, um für den Unterhalt und die Erziehung
ihrer Kinder zu sorgen, was die Jugendlichen oft dazu veranlasst, sich auf den
Straßen herumzutreiben, sich in Drogenkonsum, in Alkoholmissbrauch oder in die
Gewalt zu flüchten. Zurzeit ist ein Anwachsen von Ehepaaren und Familien
festzustellen, die psychologischen und ihre Beziehungen betreffenden
Belastungsproben ausgesetzt sind. Die sozialen Schwierigkeiten tragen manchmal
zur Auflösung des Kerns der Familie bei. Allzu oft wird das Kind schon vor
seiner Geburt nicht angenommen. In einigen Ländern werden Kinder unmenschlichen
Bedingungen ausgesetzt oder auf schändliche Weise ausgebeutet. Alte und
behinderte Menschen werden, weil sie nicht mehr wirtschaftlich gewinnbringend
sind, in äußerste Einsamkeit abgeschoben und fühlen sich unnütz. Familien
werden, weil sie anderen Rassen, anderen Kulturen, anderen Religionen angehören,
aus dem Land verwiesen, in dem sie sich niedergelassen haben.
5. Angesichts dieser Geißeln, die den ganzen
Planeten heimsuchen, können wir nicht schweigen und nicht untätig bleiben, denn
sie verletzen die Familie, Grundzelle der Gesellschaft und der Kirche. Wir sind
aufgerufen, uns erneut aufzuraffen. Christen und Menschen guten Willens haben
die Pflicht, den in Schwierigkeiten befindlichen Familien dadurch beizustehen,
dass sie ihnen die geistigen und materiellen Mittel gewähren, um aus den oft
tragischen Situationen, auf die wir soeben hingewiesen haben, herauszufinden.
In der
diesjährigen Fastenzeit lade ich daher vor allem zum Teilen mit den ärmsten
Familien eine, damit sie insbesondere gegenüber den Kindern die ihnen zustehende
Verantwortung wahrnehmen können. Keiner darf unter Berufung auf sein Anderssein,
seine Schwachheit oder seine Armut abgeschoben werden. Im Gegenteil, die
Verschiedenartigkeit ist ein Reichtum für den gemeinsamen Aufbau. Wir geben uns
Christus hin, wenn wir uns den Armen hingeben, denn sie „haben das Gesicht
unseres Erlösers angenommen“ und „sind die Lieblinge Gottes“ (hl. Gregor von
Nyssa, Von der Liebe zu den Armen). Der Glaube verlangt das Teilen mit
den Mitmenschen. Die materielle Solidarität ist ein allererster und wesentlicher
Ausdruck der brüderlichen Liebe: Sie gewährt jedem die Mittel, sein Auskommen zu
finden und sein Leben weiterzuführen.
Die Erde und ihre
Reichtümer gehören allen. „Die Fruchtbarkeit der ganzen Erde muss die
Fruchtbarkeit für alle sein“ (hl. Ambrosius von Mailand, De Nabuthe VII,
33). In den schmerzlichen Zeiten, die wir erleben, ist es zweifellos nicht damit
getan, etwas von seinem Überfluss abzugeben; es gilt vielmehr, seine Haltungen
und Konsumgewohnheiten zu verändern, um etwas von dem für einen selbst
Notwendigen abzugeben und nur das Wesentliche zu bewahren, so dass alle in
‚Würde leben können. Lassen wir uns in unseren manchmal unmäßigen Wünschen nach
Besitz Selbstbeschränkung auferlegen, um unserem Nächsten das zu bieten, woran
er grundlegenden Mangel hat. Das Fasten der Reichen muss zur Nahrung der Armen
werden (vgl. hl. Leo der Große, Homilie 20 über das Fasten).
6.
Ich
lenke besonders die Aufmerksamkeit der Diözesen und Pfarrgemeinden auf die
Notwendigkeit, praktische Möglichkeiten zu finden, um den mittellosen Familien
zu Hilfe zu kommen. Ich weiß, dass zahlreiche Diözesansynoden bereits Vorstöße
in diesem Sinn unternommen haben. Die Familienpastoral muss auch eine
erstrangige Rolle spielen. Außerdem sollen die Christen in den zivilen
Einrichtungen, an denen sie beteiligt sind, stets an diese Aufmerksamkeit und an
diese vordringliche Pflicht erinnern, den schwächsten Familien zu helfen.
Ich
wende mich nochmals an die Führer der Nationen, damit sie nach Maßgabe ihrer
Länder und des ganzen Planeten die Mittel und Möglichkeiten finden, um die
Spirale der Armut und der Verschuldung der Haushalte zum Stillstand zu bringen.
Die Kirche wünscht, dass sich in der Wirtschaftspolitik die Führer und
Unternehmensleiter der zu bewirkenden Veränderungen und ihrer Verpflichtungen
bewusst werden, damit die Familien nicht allein von den ihnen zugestandenen
Hilfen abhängen, sondern dass die Arbeit der Familienmitglieder ihnen die Mittel
für den Lebensunterhalt bereitstellen kann.
7. Die christliche Gemeinschaft greift mit
Freude die Initiative der Vereinten Nationen auf, 1994 zu einem Internationalen
Jahr der Familie zu erklären, und überall dort, wo sie kann, leistet sie dazu
gern ihren besonderen Beitrag.
Verschließen wir heute nicht unser Herz, sondern
hören wir die Stimme des Herrn und die Stimme unserer Brüder und Schwestern.
Mögen die Aktionen der Nächstenliebe, die im Laufe dieser Fastenzeit von den
Familien und für die Familien durchgeführt werden, jedem die Tiefe Freude
bereiten und die Herzen dem auferstandenen Christus öffnen, der „der
Erstgeborene von vielen Brüdern“ ist (Röm 8,29)!
Allen, die auf diesen Anruf von seiten des Herrn
antworten werden, erteile ich gern meinen apostolischen Segen.
Aus dem Vatikan, 3. September 1993.
JOHANNES PAUL II.
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