Liebe Brüder und Schwestern in Christus!
Auch in diesem
Jahr möchte ich Euch zur Fastenzeit etwas sagen über die beklemmende Lage, die
der Hunger in der Welt schafft. Wenn Hunderte von Millionen Personen zu wenig
Nahrung haben, wenn Millionen von Kindern für den Rest ihres Lebens unheilbar
vom Hunger gezeichnet sind, wenn Tausende von ihnen daran sterben, dann darf ich
nicht schweigen, dann dürfen wir nicht stumm und tatenlos bleiben.
Umfangreiche
Hilfssendungen, wir wissen es, werden von den Regierungen, den internationalen
Organisationen und Verbänden zu den Opfern solcher Hungersnöte geschickt, wobei
leider nicht alle empfangen können, was sie retten könnte. Aber könnte nicht
eine ernsthafte, entscheidende Anstrengung unternommen werden, um noch
energischer gegen die Ursachen dieser Geißel anzugehen, die auf Weltebene wütet?
Gewiss, die
naturgegebenen Ursachen, wie ungünstige Klimabedingungen und lange
Trockenperioden, sind gegenwärtig noch unvermeidbar; ihre Folgen aber würden oft
weniger schwer sein, wenn die Menschen nicht ihre eigenen Fehler und manchmal
auch ihre Ungerechtigkeiten hinzufügen würden. Geschieht wirklich alles, um
wenigstens teilweise die schlimmen Folgen von Wetterkatastrophen aufzufangen
sowie die gerechte und schnelle Verteilung der Lebensmittel und Hilfsgüter
sicherzustellen? Es gibt andererseits auch untragbare Situationen: Ich denke
dabei an Bauern und Landarbeiter, die kein gerechtes Entgelt für ihre mühevolle
Arbeit erhalten; ich denke auch an Kleinbauern, die von ihrem Kulturland durch
Personen und Gruppen vertrieben werden, die bereits hinreichend mit Land
versorgt sind und dennoch weitere Reichtümer anhäufen auf Kosten von Hunger und
Leid der anderen. Wieviele weitere Ursachen und Umstände des Hungers könnten
hier noch angeführt werden!
Darf es sein, dass
sich in derselben Familie die einen satt essen können, während ihre Brüder und
Schwestern vom Tisch ausgeschlossen sind? An die Leidenden nur zu denken, reicht
nicht aus. In der Fastenzeit fordert die wahre Bekehrung des Herzens, mit dem
Gebet auch das Fasten zu verbinden und um der Liebe Gottes willen jene Schritte
zu tun, die uns die Gerechtigkeit gegenüber dem Nächsten abfordert.
„Ich habe Mitleid mit
diesen Menschen“ (Mk 8,2), so sagte Jesus, bevor er die Brote vermehrte,
um alle zu sättigen, die ihm seit drei Tagen gefolgt waren, um sein Wort zu
hören. Der leibliche Hunger ist nicht der einzige, an dem die Menschheit leidet:
Soviele unserer Brüder und Schwestern haben auch Hunger und Durst nach Würde,
Freiheit, Gerechtigkeit, nach Nahrung für ihren Verstand und für das Herz!
Wie können wir nun
unsere Bekehrung und unsere Bußgesinnung in diesen Wochen der Vorbereitung auf
Ostern konkret zeigen?
Zunächst, indem
niemand – je nach seiner zuweilen beträchtlichen Verantwortung – an etwas
mitwirkt, was auch nur einen unserer Menschenbrüder in den Hunger stoßen könnte,
mag er in unserer Nähe oder Tausende von Kilometern von uns entfernt leben, und
indem wir es wiedergutmachen, wenn es geschehen ist.
In den Ländern, die
an Hunger und Durst leiden, nehmen die Christen teil an Hilfsaktionen und am
Kampf gegen die Ursachen der Katastrophe, deren Opfer sie zusammen mit ihren
Landsleuten sind. Helfen wir ihnen, indem wir ihnen von unserem Überfluss und
sogar vom Notwendigen geben; das ist praktisches Fasten. Beteiligen wir uns
hochherzig an den großen Fastenaktionen unserer Ortskirchen.
Erinnern wir uns
stets daran, dass unser Teilen nichts anders ist, als an die Brüder
weiterzugeben, was Gott ihnen zugedacht und uns lediglich anvertraut hat.
Brüderlich zu teilen und sich von der Liebe, die aus Gott stammt, beseelen zu
lassen, bedeutet, leiblichen Hunger zu stillen und zugleich auch dem Geist
Nahrung und den Herzen Freude zu schenken.
„Alles, was ihr tut,
geschehe in Liebe … Die Gnade Jesu, des Herrn, sei mit euch!“ (1 Kor
16,14.23).
Aus dem Vatikan, am 20. Februar 1985
IOANNES PAULUS PP. II
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