Liebe Schwestern und Brüder!
„Wer ist mein Nächster?“
Ihr erinnert Euch: Auf diese Frage eines
Gesetzeslehrers antwortet Jesus mit dem Gleichnis vom barmherzigen Samariter,
nachdem jener ihm zuvor freimütig gesagt hatte, was er im Gesetz las: „Du sollst
den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und mit ganzer Seele, mit all
deiner Kraft und all deinen Gedanken, und: Deinen Nächsten sollst du lieben wie
dich selbst“ (Lk 10,27-29).
Der Barmherzige Samariter, das ist vor allem
Christus selbst. Er ist als erster uns nahegekommen und hat uns zu seinem
Nächsten gemacht, um uns zu helfen, uns zu heilen und zu retten: „Er entäußerte
sich und wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich. Sein Leben war das eines
Menschen; er erniedrigte sich und war gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am
Kreuz“ (Phil 2,7.8).
Wenn es noch Distanz gibt zwischen
Gott und uns, kann das nur an uns selbst liegen, an den Hindernissen, die wir
Gottes Annäherung entgegensetzen: Die Sünde in unserem Herzen, die
Ungerechtigkeiten, die wir begehen, der Hass und die Zwietracht, die wir nähren,
das alles bewirkt, dass wir Gott noch nicht mit ganzer Seele, mit all unserer
Kraft lieben. Die Fastenzeit ist die beste Zeit für Reinigung und Buße, um
unserem Heiland Jesus Christus die Möglichkeit zu geben, uns zu seinem Nächsten
zu machen und durch seine Liebe zu heilen.
Das zweite Hauptgebot ist ebenso
wichtig wie das erste (vgl. Mt 22,39) und mit diesem unlösbar verbunden.
Wir lieben die Mitmenschen mit der Liebe, die Gott uns ins Herz gibt und mit der
er selbst sie liebt. Wieviele Hindernisse gibt es auch hier, um den anderen zu
unserem Nächsten zu machen: Wir lieben Gott und die Brüder nicht genug. Warum
haben wir noch so viele Schwierigkeiten, das wichtige, aber unzureichende
Stadium der Reflexion, der Erklärungen und Proteste zu überschreiten, um uns
wirklich zu einem Einwanderer mit den Einwanderern, zu einem Flüchtling mit den
Flüchtlingen, zu einem Armen mit denen, welchen alles fehlt, zu machen?
Die liturgische Fastenzeit ist uns
in der Kirche und durch die Kirche dazu gegeben, uns zu befreien vom Rest an
Egoismus, an übertriebener Bindung an materielle oder andere Güter, die uns von
denen fernhalten, die uns gegenüber Rechte haben: vor allem diejenigen – mögen
sie in unserer Nähe oder fern von uns leben –, die nicht die Möglichkeit haben,
in Würde ein Leben als Männer und Frauen, die nach Gottes Bild und Gleichnis
geschaffen sind, zu führen.
Lasst Euch deshalb vom Geist der
Buße und der Umkehr durchdringen, dem Geist der Liebe und des Teilens. Macht
Euch in der Nachfolge Christi zum Nächsten für die Nackten und Verwundeten, für
die, welche die Welt nicht kennt oder abweist. Nehmt an allem teil, was man in
Eurer Ortskirche unternimmt, damit die Christen und alle Menschen guten Willens
jedem ihrer Brüder die Mittel, auch im materiellen Bereich, verschaffen, um
würdig leben und ihre menschliche und geistige Entwicklung, auch für ihre
Familien, in eigene Hände übernehmen zu können.
Mögen die Kollekten zur
Fastenzeit, auch in den ärmeren Ländern, es Euch ermöglichen, den Ortskirchen
der noch schlechter gestellten Länder zu helfen, ihren Auftrag als barmherziger
Samariter an allen zu erfüllen, für die sie unmittelbar verantwortlich sind: die
Armen bei ihnen, alle, denen es an Nahrung fehlt, die Opfer von Ungerechtigkeit,
alle, die ihre eigene Entfaltung und diejenige ihrer Gemeinschaften noch nicht
in eigener Verantwortung durchführen können.
Buße und Umkehr: das ist der
keineswegs bedrückende, sondern befreiende Weg unserer Fastenzeit.
Und wenn Ihr Euch immer noch die
Frage stellt: „Wer ist mein Nächster?“, so lest die Antwort auf dem Antlitz des
auferstandenen Herrn und hört sie von seinen Lippen: „Amen, ich sage euch: Was
ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“ (Mt
25,40).
Aus dem Vatikan, am 24. Februar 1982
IOANNES PAULUS II
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