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BOTSCHAFT VON PAPST JOHANNES PAUL II.
ZUM 89. WELTTAG DER 
MIGRANTEN UND FLÜCHTLINGE (2003)

Für einen Einsatz zur Überwindung jeder Art von Rassismus, Fremdenfeindlichkeit
und übertriebenem Nationalismus

 

1. In der heutigen Welt ist Migration zu einem weitverbreiteten Phänomen geworden, das alle Nationen entweder als Herkunfts-, Durchgangs- oder Aufnahmeland berührt. Es betrifft Millionen von Menschen und stellt eine Herausforderung dar, der sich die pilgernde Kirche im Dienst an der gesamten menschlichen Familie stellen und der sie im evangeliumsgemäßen Geist umfassender Nächstenliebe begegnen muß. Auch der diesjährige Welttag der Migranten und Flüchtlinge soll eine Gelegenheit des besonderen Gebets in den Anliegen all jener sein, die aus verschiedensten Gründen von ihrer Heimat und ihrer Familie entfernt leben; es soll ein Tag des ernsthaften Nachdenkens über die Verpflichtungen der Katholiken gegenüber diesen Brüdern und Schwestern sein.

Ganz besonders betroffen sind die verwundbarsten unter den Fremden: Migranten ohne Dokumente, Flüchtlinge, Asylsuchende, die Vertriebenen der in vielen Teilen der Welt anhaltenden blutigen Konflikte, und die Opfer – vor allem Frauen und Kinder – des verbrecherischen Menschenhandels. Auch in jüngster Vergangenheit wurden wir zu Zeugen tragischer Deportationen aufgrund ethnischer und nationalistischer Ansprüche, die unbeschreibliches Leid in das Leben der betroffenen Gruppen gebracht haben. Ursache dieser Situationen sind jene sündhaften Absichten und Handlungen, die im Widerspruch zum Evangelium stehen und die Christen weltweit auffordern, das Böse durch das Gute zu überwinden.

2. Entscheidend für die Zugehörigkeit zur katholischen Gemeinschaft ist nicht die Nationalität oder die gesellschaftliche oder ethnische Abstammung, sondern vor allem der Glaube an Jesus Christus und die Taufe im Namen der Allerheiligsten Dreifaltigkeit. Die »kosmopolitische« Natur des Volkes Gottes ist heute in praktisch jeder Teilkirche sichtbar, denn durch die Migration haben sich selbst kleine und ehemals isolierte Gemeinden in pluralistische und interkulturelle Realitäten verwandelt. Orte, an denen bislang nur selten Fremde zu sehen waren, sind nun die Heimat von Menschen aus den verschiedensten Teilen der Welt. Beispielsweise wird bei der sonntäglichen Eucharistiefeier die Frohe Botschaft mehr und mehr in zuvor nie gehörten Sprachen verkündet, was der Aufforderung des alten Psalms neue Ausdruckskraft verleiht: »Alle Nationen, preiset den Herrn, all ihr Völker, verherrlicht ihn.« (Ps 116,1) Diese Gemeinschaften haben daher neue Möglichkeiten, die Erfahrung der Katholizität zu leben, jenes Kennzeichen der Kirche, das die ihr eigene Offenheit für alles zum Ausdruck bringt, was der Geist in jedem Volk bewirkt.

Die Kirche ist der Überzeugung, daß das Eingrenzen der Mitglieder einer Ortsgemeinschaft aufgrund ethnischer oder anderer äußerer Eigenschaften eine Verarmung für alle Beteiligten bedeuten und dem fundamentalen Recht der Getauften widersprechen würde, Gott anzubeten und am Leben der Gemeinschaft teilzunehmen. Ferner werden Zuwanderer, die sich in einer bestimmten Pfarrgemeinde unerwünscht fühlen, weil sie die örtliche Sprache nicht beherrschen oder den lokalen Traditionen nicht folgen, leicht zu »verlorenen Schafen«. Der auch durch latente Diskriminierung verursachte Verlust dieser »Kleinen« sollte sowohl für die Hirten als auch für die Gläubigen Anlaß zu tiefer Sorge sein.

3. Das führt uns zurück zu einem Thema, das ich oft in meinen Botschaften zum Welttag für die Migranten und Flüchtlinge angeschnitten habe, nämlich die christliche Pflicht, jeden Bedürftigen aufzunehmen, der an unsere Tür klopft. Diese Offenheit bewirkt den Aufbau kraftvoller, lebendiger christlicher Gemeinschaften, die vom Geist bereichert werden mit jenen Gaben, die die neuen Jünger anderer Kulturen ihnen schenken. Dieser grundlegende Ausdruck evangeliumsgemäßer Liebe ist es, der auch unzählige Solidaritätsprogramme für Migranten und Flüchtlinge in allen Teilen der Welt beseelt. Um die Tragweite dieses kirchlichen Erbes des konkreten Dienstes an Immigranten und Vertriebenen zu erfassen, brauchen wir bloß an die Errungenschaften und das Vermächtnis von Persönlichkeiten wie die hl. Francesca Saverio Cabrini oder Bischof Johann Baptist Scalabrini zu erinnern, oder in unseren Tagen an die weitreichende Tätigkeit der katholischen Hilfsorganisation »Caritas« und der Internationalen Katholischen Kommission für Wanderungsfragen.

Solidarisch handeln ist oft nicht leicht. Es erfordert Übung und die Abkehr von einer Haltung der Verschlossenheit, die in vielen heutigen Gesellschaften noch subtiler und durchdringender geworden ist. Um diesem Phänomen zu begegnen, verfügt die Kirche über umfassende Erziehungs- und Bildungsmöglichkeiten auf allen Ebenen. Daher rufe ich die Eltern und Lehrer auf, durch die Verbreitung positiver in der katholischen Soziallehre gründender Einstellungen gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit vorzugehen.

4. Stets tiefer in Christus verwurzelt, müssen die Christen alle Tendenzen überwinden, sich in sich selbst zu verschließen und sie müssen lernen, Menschen anderer Kulturen als Geschöpfe Gottes zu betrachten. Allein die wahre im Evangelium wurzelnde Liebe ist stark genug, den Gemeinschaften zu helfen, bloße Toleranz anderen gegenüber in wahre Achtung ihrer Unterschiede zu verwandeln. Nur die erlösende Gnade Christi kann uns siegreich machen in der täglichen Herausforderung, Egoismus durch Altruismus, Furcht durch Offenheit, Ablehnung durch Solidarität zu ersetzen.

Während ich die Katholiken auffordere, sich gegenüber den unter ihnen lebenden Fremden durch den Geist der Solidarität auszuzeichnen, bestärke ich die Immigranten in ihrer Pflicht, die sie aufnehmenden Länder wertzuschätzen und die Gesetze, Kulturen und Traditionen der Menschen, die sie freundlich empfangen haben, zu achten. Nur so wird sich soziale Harmonie durchsetzen können.

Der Weg zu wahrer Anerkennung der Immigranten in ihrer kulturellen Verschiedenheit ist in der Tat beschwerlich, in einigen Fällen ist es ein wahrer Kreuzweg. Das darf uns jedoch nicht davon abhalten, den Willen Gottes zu erfüllen, der durch das Werkzeug seiner Kirche, ja gleichsam das Sakrament der Einheit der ganzen Menschheit, alle Völker mit sich in Christus vereinen will (vgl. Lumen gentium, 1).

Zuweilen braucht dieser Weg ein prophetisches Wort, das auf Falsches aufmerksam macht und Richtiges unterstützt. Wenn es zu Spannungen kommt, dann hängt die Glaubwürdigkeit der Kirche und ihrer Lehre über die grundlegende Achtung jeder Person von der moralischen Beherztheit der Hirten und Gläubigen ab, »alles auf die Liebe zu setzen« (vgl. Novo millennio ineunte, 47).

5.Es braucht wohl kaum betont zu werden, daß kulturell gemischte Gemeinschaften einzigartige Möglichkeiten bieten, das Geschenk der Einheit mit anderen christlichen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften zu vertiefen. Viele von ihnen haben sich innerhalb ihrer eigenen Gemeinschaften und zusammen mit der katholischen Kirche tatkräftig darum bemüht, Gesellschaften aufzubauen, in denen die Kulturen der Migranten und ihre besonderen Gaben aufrichtig geschätzt werden, und in denen Anzeichen von Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und übersteigertem Nationalismus auf prophetische Weise entgegengewirkt wird.

Die Gottesmutter Maria, die auch abgewiesen wurde in jener Stunde, als sie ihren Sohn zur Welt brachte, möge der Kirche helfen, Zeichen und Werkzeug der Einheit einer einzigen Familie der Kulturen und Nationen zu sein. Ihr Beistand möge uns ermöglichen, in unserem Leben die Menschwerdung und die immerwährende Gegenwart Christi zu bezeugen, der durch uns sein Werk der Erlösung von allen Formen der Diskriminierung, Zurückweisung und Ausgrenzung in der Geschichte und in der Welt fortsetzt. Gottes reicher Segen möge mit all jenen sein, die die Fremden im Namen Christi herzlich aufnehmen.

Aus dem Vatikan, am 24. Oktober 2002

JOHANNES PAUL II.

      

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