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  BOTSCHAFT VON PAPST JOHANNES PAUL II. 
ANLÄßLICH DES WELTMISSIONSTAGES 
AM 20. OKTOBER
2002

 

Liebe Brüder und Schwestern! 

1. Der Sendungsauftrag der Kirche ist im wesentlichen die Verkündigung der Liebe, der Barmherzigkeit und der Vergebung Gottes, die den Menschen durch das Leben, den Tod und die Auferstehung Jesu Christi, unseres Herrn, geoffenbart wurde. Es geht um die Verkündigung der Frohen Botschaft, daß Gott uns liebt und uns alle in seiner barmherzigen Liebe vereint wissen will, indem er uns vergibt und uns darum bittet, unsererseits den anderen auch die schweren Vergehen zu vergeben. Dies ist das Wort der Versöhnung, das uns anvertraut wurde, denn wie der hl. Paulus schreibt, »Gott war es, der in Christus die Welt mit sich versöhnt hat, indem er den Menschen ihre Verfehlungen nicht anrechnete« (2 Kor 5, 19). Diese Worte sind der Widerhall und die Erinnerung an den letzten Herzenswunsch Christi am Kreuz: »Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun« (Lk 23, 34). 

Wir wollen nun die grundlegenden Inhalte des Weltmissionssonntags zusammenfassen, den wir am kommenden 20. Oktober feiern werden und dessen anregendes Thema lautet: »Mission ist die Verkündigung der Vergebung.« Dieses Ereignis wiederholt sich jedes Jahr, doch es hat im Laufe der Zeit nicht an Bedeutung und Wichtigkeit verloren, denn die Mission ist unsere Antwort auf das höchste Gebot Christi: »Darum geht zu allen Völkern …und lehrt sie alles zu befolgen, was ich euch geboten habe« (Mt 28, 19). 

2. Zu Beginn des dritten christlichen Jahrtausends wird die Pflicht zur Mission zunehmend dringlicher, denn, wie ich bereits in der Enzyklika Redemptoris missio geschrieben habe, ist »die Zahl jener, die Christus nicht kennen und nicht zur Kirche gehören, […] ständig im Wachsen; seit dem Ende des Konzils hat sie sich sogar beinahe verdoppelt. Diese ungeheure Zahl von Menschen wird vom Vater, der für sie seinen Sohn gesandt hat, geliebt; die Dringlichkeit der Mission für sie liegt klar auf der Hand« (Nr. 3). 

Mit dem großen Apostel und Verkünder des Evangeliums Paulus wollen wir wiederholen: »Wenn ich nämlich das Evangelium verkünde, kann ich mich deswegen nicht rühmen; denn ein Zwang liegt auf mir: Weh mir, wenn ich das Evangelium nicht verkünde! … es ist ein Auftrag, der mir anvertraut wurde« (1 Kor 9, 16 –17). Allein die Liebe Gottes kann die Menschen aller Rassen und Kulturen verbrüdern, und sie wird auch schmerzliche Spaltungen, ideologische Gegensätze, wirtschaftliche Ungleichheit und Gewalt, die die Menschheit noch heute unterdrückt, verschwinden lassen. 

Wir wissen um die schrecklichen Kriege und Revolutionen, die das erst vor kurzem zu Ende gegangene Jahrhundert mit Blut befleckt haben, und um die Konflikte, die die Welt leider immer noch an vielen Orten heimsuchen. Zugleich ist auch die Sehnsucht vieler Männer und Frauen nicht unbekannt, die, obschon sie in großer spiritueller und materieller Armut leben, doch nach Gott und seiner barmherzigen Liebe dürsten. Der Auftrag des Herrn zur Verkündigung der Frohbotschaft bleibt auch heute gültig; er wird immer dringlicher. 

3. Im Apostolischen Schreiben Novo millennio ineunte habe ich die Wichtigkeit der Betrachtung des schmerzhaften und glorreichen Anlitzes Christi hervorgehoben. Das Kernstück der christlichen Botschaft ist die Verkündigung des Ostergeheimnisses des gekreuzigten und auferstandenen Christus. Das schmerzhafte Antlitz des Gekreuzigten »bringt uns also dem paradoxesten Gesichtspunkt seines Geheimnisses näher, der in der letzten Stunde, der Stunde des Kreuzes, ins Blickfeld rückt« (Nr. 25). Am Kreuz hat Gott uns seine Liebe geoffenbart. Das Kreuz ist der Schlüssel, der uns den Zugang zu einer Weisheit ermöglicht, »die nicht von dieser Welt oder der Machthaber dieser Welt ist«, sondern die eine »verborgene Weisheit Gottes« ist (1 Kor 2, 6–7). 

Das Kreuz, an dem das glorreiche Angesicht des Auferstandenen bereits erstrahlt, führt uns in die Fülle des christlichen Lebens und in die Vollkommenheit der Liebe ein, denn es offenbart den Willen Gottes, der sein Leben, seine Liebe und seine Heiligkeit mit den Menschen teilen möchte. Ausgehend von diesem Geheimnis und eingedenk der Worte des Herrn: »Ihr sollt also vollkommen sein, wie es auch euer himmlischer Vater ist« (vgl. Mt 5, 48), kommt die Kirche zur immer tieferen Erkenntnis, daß ihre Mission keinen Sinn hätte, wenn sie nicht zur Fülle des christlichen Lebens, d.h. zur Vollkommenheit der Liebe und der Heiligkeit, führen würde. Die Betrachtung des Kreuzes lehrt uns ein Leben in Bescheidenheit und Vergebung, in Frieden und Gemeinschaft. Diese Erfahrung hatte auch der Apostel Paulus gemacht, als er an die Epheser schrieb: »Ich, der ich um des Herrn willen im Gefängnis bin, ermahne euch, ein Leben zu führen, das des Rufes würdig ist, der an euch erging. Seid demütig, friedfertig und geduldig, ertragt einander in Liebe und bemüht euch, die Einheit des Geistes zu wahren durch den Frieden, der euch zusammenführt« (Eph 4, 1–3). Und in seinem Brief an die Kolosser fügte er hinzu: »Darum bekleidet euch mit aufrichtigem Erbarmen, mit Güte, Demut, Milde, Geduld! Ertragt euch gegenseitig, und vergebt einander, wenn einer dem anderen etwas vorzuwerfen hat. Wie der Herr euch vergeben hat, so vergebt auch ihr! Vor allem aber liebt einander, denn die Liebe ist das Band, das alles zusammenhält und vollkommen macht« (Kol, 12–15). 

4. Liebe Brüder und Schwestern, der Ruf Jesu am Kreuz (vgl. Mt 27, 46) ist nicht Ausdruck der Angst eines Verzweifelten, sondern das Gebet des Sohnes, der sein Leben für den Vater zum Heil aller hingibt. Am Kreuz zeigt uns Jesus, unter welchen Bedingungen die Vergebung möglich ist. Auf den Haß, mit dem seine Verfolger ihn ans Kreuz genagelt haben, antwortet er, indem er für sie betet. Er hat ihnen nicht nur vergeben, sondern er liebt sie immer noch und, weil er ihr Bestes will, legt er Fürsprache für sie ein. Sein Tod wird damit zur wahren Verwirklichung der Liebe. 

Angesichts des großen Geheimnisses des Kreuzes können wir nur anbetend niederknien: »Um den Menschen das Angesicht des Vaters zurückzugeben, mußte Jesus nicht nur das Gesicht des Menschen annehmen, sondern sich sogar das ›Gesicht‹ der Sünde aufladen. ›Er hat den, der keine Sünde kannte, für uns zur Sünde gemacht, damit wir in ihm Gerechtigkeit Gottes würden‹« (2 Kor 5, 21), (Novo millennio ineunte, 25). Mit der vollkommenen Vergebung Christi beginnt auch für seine Verfolger die neue Gerechtigkeit des Reiches Gottes. 

Beim Letzten Abendmahl hatte Christus zu den Aposteln gesagt: »Ein neues Gebot gebe ich euch: Liebt inander! Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben. Daran werden alle erkennen, daß ihr meine Jünger seid: wenn ihr einander liebt« (Joh 13,34 –35). 

5. Der auferstandene Christus schenkt seinen Jüngern den Frieden. Die Kirche, die dem Gebot ihres Herrn folgt, verkündet und verbreitet weiterhin den Frieden. Durch die Evangelisierung helfen die Gläubigen den Menschen, sich als Geschwister zu erkennen, die auf der irdischen Pilgerreise, wenn auch auf unterschiedlichen Straßen, zu jener gemeinsamen Heimat unterwegs sind, die Gott – auf den Wegen, die Er allein kennt – uns fortwährend aufzeigt. Der Königsweg ist der aufrichtige Dialog (vgl. Ad gentes, 7; Nostra aetate, 2); ein Dialog, der weder aus »Taktik noch Eigeninteressen« entsteht (vgl. Redemptoris missio, 56) und der auch nicht um seiner selbst willen geführt wird. Der Dialog soll hingegen den anderen mit Wertschätzung und Verständnis zu Wort kommen lassen; er soll dabei die Prinzipien bekräftigen, an die man glaubt, und in der Liebe die tiefen Wahrheiten des Glaubens verkünden, nämlich die Freude, die Hoffnung und den Lebenssinn. Im Grunde ist der Dialog die Verwirklichung geistlicher Impulse und »zielt auf die innere Läuterung und Umkehr und wird geistlich fruchtbar sein, wenn er sich wirklich vom Geist leiten läßt« (ebd., 56). 

Der Einsatz für einen aufmerksamen und respektvollen Dialog ist eine »conditio sine qua non« für ein wahres Zeugnis von der erlösenden Liebe Gottes. 

Dieser Dialog ist zutiefst mit dem Willen zur Vergebung verbunden, denn derjenige, der vergibt, öffnet sein Herz für den anderen und wird zur Liebe fähig, zum Verständnis für die Brüder und zur Übereinstimmung mit ihnen. Auf der anderen Seite fordert die Praxis der Vergebung nach dem Vorbild Jesu die Herzen heraus und öffnet sie, sie heilt die Wunden der Sünde und der Spaltung und schafft wahre Gemeinschaft. 

6. Die Feier des Weltmissionssonntags gibt allen die Gelegenheit, sich mit den Erfordernissen der grenzenlosen Liebe Gottes zu messen. Diese Liebe erfordert den Glauben; diese Liebe ruft dazu auf, das ganze eigene Vertrauen in Ihn zu setzen. »Ohne Glauben aber ist es unmöglich, (Gott) zu gefallen; denn wer zu Gott kommen will, muß glauben, daß er ist und daß er denen, die ihn suchen, ihren Lohn geben wird« (Heb 11, 6). 

Dieses alljährliche Ereignis ist für uns Anlaß zu inständigem Gebet für die Missionen und zur Teilhabe mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln an der weltweiten Tätigkeit der Kirche zum Aufbau des Reiches Gottes: »… das ewige, alles umfassende Reich […]: das Reich der Wahrheit und des Lebens, das Reich der Heiligkeit und der Gnade, das Reich der Gerechtigkeit, der Liebe und des Friedens« (Präfation vom Königtum Christi). Wir sind dabei vor allem berufen, mit unserem Leben von unserer Nachfolge Christi und unserer Treue zu seinem Evangelium zu zeugen. 

Ja, wir sollen uns nie des Evangeliums schämen und uns nie fürchten, uns zu unserem Christsein zu bekennen, indem wir unseren Glauben verschweigen. Es muß vielmehr weiterhin verkündet und die Bereiche der Verkündigung des Heils müssen ausgedehnt werden, denn Jesus hat versprochen, daß er immer und überall bei seinen Jüngern sein wird. 

Der Weltmissionssonntag, das eigentliche Fest der Mission, hilft uns auf diese Weise dabei, die Werte unserer persönlichen und gemeinschaftlichen Berufung besser zu verstehen. Er spornt uns außerdem dazu an, durch die auf der ganzen Welt tätigen Missionare unseren »geringsten Brüdern« (Mt 25, 40) zu helfen. Es ist die Aufgabe der Päpstlichen Missionswerke, die seit jeher im Dienst der Mission der Kirche stehen, es den Geringsten nicht an denjenigen fehlen zu lassen, die mit ihnen das Brot des Wortes br chen und ihnen weiterhin die Gnade der unerschöpflichen Liebe Gottes bringen, die dem Herzen des Retters selbst entspringt.

Liebe Brüder und Schwestern! Wir vertrauen diesen unseren Einsatz für die Verkündigung des Evangeliums wie auch das gesamte Evangelisierungswerk der Kirche der allerseligsten Jungfrau Maria, Königin der Missionen, an. Sie möge uns begleiten auf unserem Weg des Entdeckens, der Verkündigung und des Zeugnisses von der göttlichen Liebe, die vergibt und dem Menschen den Frieden schenkt. 

Mit diesen Empfindungen erteile ich allen Missionaren und Missionarinnen auf der ganzen Welt, allen, die sie mit dem Gebet und der geschwisterlichen Hilfe begleiten, den christlichen Gemeinden älteren und jüngeren Gründungsdatums von ganzem Herzen meinen Apostolischen Segen und erbitte für sie den Schutz unseres Herrn. 

Aus dem Vatikan, am Pfingstfest, den 19. Mai 2002 

JOHANNES PAUL II.

    

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