BOTSCHAFT ZUM 14. WELTJUGENDTAG 1999
»Der Vater liebt euch« (vgl. Joh 16,27).
Liebe junge Freunde!
1. Im Blick auf das nunmehr unmittelbar bevorstehende Jubiläum hat
das Jahr 1999 die Aufgabe, »den Horizont des Gläubigen gemäß
der Sichtweite Christi selbst zu erweitern: der Sichtweite des Vaters
im Himmel, von dem er gesandt worden und zu dem er zurückgekehrt
ist« (Tertio millennio adveniente, 49). Es ist nicht möglich,
Christus und sein Jubiläum zu feiern, ohne sich mit ihm Gott, seinem
und unserem Vater, zuzuwenden (vgl. Joh 20,17). Auch der Heilige
Geist verweist auf den Vater und auf Jesus: denn wenn er uns lehrt, zu
sagen, »Jesus ist der Herr« (vgl. 1 Kor 12,3), will er,
daß wir fähig sind, mit Gott zu sprechen und ihn »Abba,
Vater!« zu nennen (vgl. Gal 4,6).
Somit lade ich Euch und die gesamte Kirche ein, Euch an Gott Vater zu
wenden und voll Dankbarkeit und Bewunderung die erstaunliche Offenbarung
Jesu aufzunehmen: »Der Vater liebt euch!« (vgl. Joh
16,27). Das sind die Worte, die ich Euch als Thema des XIV. Weltjugendtags
zu bedenken gebe. Liebe Jugendliche, nehmt die Liebe Gottes an, denn er
hat Euch zuerst geliebt (vgl. 1 Joh 4,19). Haltet fest an dieser
Gewißheit, die einzige, die dem Leben Sinn, Kraft und Freude geben
kann: nie wird seine Liebe von Euch weichen, nie wird jener Bund des
Friedens (vgl. Jes 54,10) wanken, den er mit Euch geschlossen hat.
In seine Hände hat er Euren Namen eingezeichnet (vgl. Jes
49,16).
2. Im Herzen jedes Menschen besteht ein zwar nicht immer bewußtes
und klares, aber doch tiefes Verlangen nach Gott, das der hl. Ignatius von
Antiochien so vielsagend zum Ausdruck bringt: »Ein lebendiges und
redendes Wasser ist in mir, das innerlich zu mir sagt: Auf zum
Vater!« (vgl. Brief an die Gemeinde in Rom, 7; Schriften
des Urchristentums. Die Apostolischen Väter, hrsg. von Joseph A.
Fischer, 10. Aufl., Darmstadt 1993, S. 191). »Laß mich doch
deine Herrlichkeit sehen«, bittet Mose auf dem Berg (Ex
33,18).
»Niemand hat Gott je gesehen. Der Einzige, der Gott ist und am
Herzen des Vaters ruht, er hat Kunde gebracht« (Joh 1,18).
Wenn wir den Sohn erkannt haben, erkennen wir dann auch den Vater?
Philippus läßt sich nicht so leicht überzeugen: »Zeig
uns den Vater«, verlangt er. Seine Beharrlichkeit verhilft uns zu
einer Antwort, die über unsere Erwartung hinausgeht: »Schon so
lange bin ich bei euch, und du hast mich nicht erkannt, Philippus? Wer
mich gesehen hat, hat den Vater gesehen« (Joh 14,811).
Nach der Menschwerdung gibt es ein menschliches Antlitz, in dem wir Gott
erkennen können: »Glaubt mir doch, daß ich im Vater bin
und daß der Vater in mir ist«, sagt Jesus nicht nur zu
Philippus, sondern allen, die glauben (ebd., 14,11). Von da an
nimmt derjenige, der den Sohn Gottes aufnimmt, auch den auf, der ihn
gesandt hat (vgl. ebd., 13,20). Und im Gegenteil, »Wer mich
haßt, haßt auch meinen Vater« (ebd., 15,23).
Seitdem ist eine neue Beziehung zwischen dem Schöpfer und seinem
Geschöpf möglich, die des Sohnes zu seinem Vater: den Jüngern,
die in die göttlichen Geheimnisse eindringen und ihn bitten, beten zu
lernen, um Unterstützung auf ihrem Weg zu finden, antwortet Jesus,
indem er sie das »Vaterunser« lehrt, »kurzer Inbegriff des
ganzen Evangeliums« (Tertullian, Über das Gebet, 1; Bibliothek
der Kirchenväter, Bd. 7, Kempten/München 1912, S. 249). Es
bestätigt uns als Kinder Gottes (vgl. Lk 11,14). »Zu
einem gibt der eingeborene Sohn in den Worten dieses Gebetes uns die
Worte, die der Vater ihm gegeben hat: Er ist der Lehrer unseres Betens.
Zum andern kennt er als fleischgewordenes Wort in seinem Menschenherzen
die Bedürfnisse seiner menschlichen Brüder und Schwestern und
offenbart sie uns: er ist das Vorbild unseres Betens« (KKK
2765).
Als direktes Zeugnis vom Leben des Gottessohnes weist das Johannesevangelium
uns den Weg, den wir gehen müssen, um den Vater kennenzulernen. Die
Anrufung »Vater« ist das Geheimnis, der Atem, das Leben Jesu.
Ist er denn nicht der einzige, der erstgeborene, der geliebte Sohn, auf
den alles ausgerichtet ist, der schon vor der Welt beim Vater war und
seine Herrlichkeit teilte? (vgl. Joh 17,5). Der Vater gibt Jesus
Macht über alle Dinge (vgl. ebd., 17,2), der Vater trägt
ihm auf, was er sagen und reden (vgl. ebd., 12,49) und wie er
handeln soll (vgl. ebd., 14,31). Selbst die Jünger gehören
ihm nicht an: der Vater hat sie ihm gegeben (vgl. ebd., 17,9) und
ihm die Aufgabe anvertraut, sie vor Bösem zu bewahren, damit keiner
von ihnen verlorengehe (vgl. ebd., 18,9).
In der Stunde des Übergangs aus dieser Welt zum Vater offenbart das
Hohepriesterliche Gebet den Wunsch des Sohnes: »Vater,
verherrliche du mich jetzt bei dir mit der Herrlichkeit, die ich bei dir
hatte, bevor die Welt war« (ebd., 17,5). Als höchster
und ewiger Priester stellt sich Christus an die Spitze des endlosen Zuges
der Erlösten. Als Erstgeborener unter zahlreichen Brüdern führt
er die Schafe der zerstreuten Herde zum einzigen Stall zurück, damit
es nur »eine Herde und einen Hirten gibt« (ebd., 10,16).
Durch sein Wirken wird das Liebesbündnis, das die Dreieinigkeit
verbindet, auf die Beziehung des Vaters zur erlösten Menschheit übertragen:
»Der Vater liebt euch!« Wie wäre dieses Mysterium der Liebe
ohne das Wirken des Heiligen Geistes verständlich, den der Vater auf
das Gebet Jesu hin über die Jünger ausgießt (vgl. ebd.,
14,16)? Die Menschwerdung des ewigen Wortes in der Zeit und das
Geborensein für die Ewigkeit derer, die durch die Taufe mit ihm
vereint werden, wären ohne das belebende Wirken dieses Geistes nicht
vorstellbar.
3. »Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt, daß er seinen
einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht,
sondern das ewige Leben hat« (ebd., 3,16). Gott liebt die
Welt! Und trotz der Ablehnung, zu der sie fähig ist, wird sie bis zum
Ende geliebt werden. »Der Vater liebt euch« seit jeher und für
immer: das ist die unglaubliche Neuheit, »diese einfache und erschütternde
Verkündigung ist die Kirche dem Menschen schuldig« (vgl. Christifideles
laici, 34). Wenn der Sohn uns auch nur dieses eine Wort gesagt hätte,
würde das schon genügen. »Seht, wie groß die Liebe
ist, die der Vater uns geschenkt hat: Wir heißen Kinder Gottes, und
wir sind es!« (1 Joh 3,1). Wir sind keine Waisen, Liebe ist möglich.
Denn wie Ihr wißt kann man nicht lieben, ohne geliebt
zu werden.
Wie aber soll diese Frohbotschaft verkündet werden? Jesus zeigt uns
den Weg: wir müssen auf den Vater hören, um seine Lehre
anzunehmen (Joh 6,45), und an seinem Wort festhalten (vgl. ebd.,
14,23). Diese Erkenntnis des Vaters wird mehr und mehr wachsen: »Ich
habe ihnen deinen Namen bekannt gemacht und werde ihn bekannt machen«
(ebd., 17,26), und das Wirken des Geistes wird zur ganzen Wahrheit
führen (vgl. ebd., 16,13).
In unserer Zeit sind in der Kirche wie in der Welt mehr denn je »Missionare«
notwendig, die fähig sind, mit Wort und Zeugnis diese grundlegende
und tröstende Gewißheit zu verkünden. Laßt Euch,
Jugendliche von heute und Erwachsene des neuen Jahrtausends, in diesem
Bewußtsein in der Schule Jesu »formen«. Werdet in der
Kirche und in den verschiedenen Bereichen Eures täglichen Lebens
glaubhafte Zeugen der Liebe des Vaters! Verdeutlicht sie durch Eure
Entscheidungen und Eure Haltung, im Umgang mit anderen Menschen und durch
Euren Dienst an ihnen, durch die gewissenhafte Befolgung des Willens und
der Gebote Gottes.
»Der Vater liebt euch.« Diese wunderbare Botschaft wird in das
Herz des Gläubigen eingegeben, der, wie der Jünger, den Jesus
liebte, seinen Kopf an die Brust des Meisters lehnte und seine Worte
aufnimmt: »Wer mich aber liebt, wird von meinem Vater geliebt werden,
und auch ich werde ihn lieben und mich ihm offenbaren« (vgl. ebd.,
14,21), denn »das ist das ewige Leben: dich, den einzigen wahren
Gott, zu erkennen und Jesus Christus, den du gesandt hast« (ebd.,
17,3).
Die Liebe des Vaters spiegelt sich in den verschiedenen Formen der
Vaterschaft wider, denen Ihr auf Eurem Weg begegnen werdet. Vor allem
denke ich an Eure Eltern, die Mitwirkenden Gottes, durch die er Euch das
Leben schenkt und für Euch sorgt: ehrt sie (vgl. Ex 20,12)
und zeigt ihnen Eure Dankbarkeit! Ich denke an die Priester und andere
Gott geweihte Menschen, die Euch in Freundschaft verbunden und Eure Zeugen
und Vorbilder im Leben sind, »um euch im Glauben zu fördern und
zu erfreuen« (Phil 1,25). Ich denke an die wirklichen
Erzieher, die durch ihre Menschlichkeit, ihre Weisheit und ihren Glauben
wesentlich zu Eurem christlichen und somit vollen menschlichen Reifen
beitragen. Dankt dem Herrn stets für jeden dieser wertvollen
Menschen, die Euch auf dem Lebensweg begleiten.
4. Der Vater liebt euch! Das Bewußtsein von diesem von Gott Auserwähltsein
drängt die Gläubigen unweigerlich, »in Anhänglichkeit
an Christus, den Erlöser der Menschen, einen Weg echter Umkehr zu
beschreiten. [
] Das ist der geeignete Rahmen für die
Wiederentdeckung und intensive Feier des Bußsakramentes in seiner
tiefsten Bedeutung« (Tertio millennio adveniente, 50).
»Die Sünde ist ein Mißbrauch der Freiheit, die Gott
seinen vernunftbegabten Geschöpfen gibt, damit sie ihn und einander
lieben können« (vgl. KKK 387); sie ist die Weigerung,
das Leben Gottes zu teilen, das uns in der Taufe geschenkt worden ist,
sich von der wahren Liebe lieben zu lassen; der Mensch hat in der Tat die
furchtbare Kraft, sich Gott in seinem Willen, alles Gute zu schenken, zu
widersetzen. Die Sünde, die ihren Ursprung im freien Willen des
Menschen hat (vgl. Mk 7,20), ist eine Verfehlung der wahren Liebe;
sie verletzt die Natur des Menschen und die menschliche Solidarität
und zeigt sich in von Selbstliebe geprägten Haltungen, Worten und
Taten (vgl. KKK 18491850). Die Freiheit öffnet und
verschließt sich der Liebe tief im Inneren des menschlichen Herzens.
Das ist das ständige Drama des Menschen, der sich oft zum Sklaven
macht, sich Ängsten, Launen und falschen Gewohnheiten unterwirft und
sich Idole schafft, die ihn beherrschen, und sich Ideologien verschreibt,
die seine Menschlichkeit erniedrigen. Im Johannesevangelium heißt
es: »Wer die Sünde tut, ist Sklave der Sünde« (8,34).
Jesus sagt zu allen: »Kehrt um, und glaubt an das Evangelium!«
(Mk 1,15). Es ist der auf den Sünder gerichtete Blick Gottes,
von dem jede wahre Umkehr ausgeht. Ein Blick, der in der intensiven Suche
nach Liebe, in leidenschaftlicher Hingabe bis zum Kreuz, in der
Bereitschaft nach Vergebung zum Ausdruck kommt; er macht dem sündigen
Menschen die ihm stets entgegengebrachte Achtung und Liebe bewußt,
offenbart ihm als Kontrast das Chaos, in das er versunken ist, und bestärkt
ihn darin, sein Leben zu ändern. Das gilt für Levi (vgl. Mk
2,1317), für Zachäus (vgl. Lk 19,110), für
die Ehebrecherin (vgl. Joh 8,111), für den Verbrecher
(vgl. Lk 23,3943), für die Samariterin (vgl. Joh
4,130): »Der Mensch kann nicht ohne Liebe leben. Er bleibt für
sich selbst ein unbegreifliches Wesen; sein Leben ist ohne Sinn, wenn ihm
nicht die Liebe offenbart wird, wenn er nicht der Liebe begegnet, wenn er
sie nicht erfährt und sich zu eigen macht, wenn er nicht lebendigen
Anteil an ihr erhält« (Redemptor hominis, 10). Wenn der
Mensch den Gott des Erbarmens und der Vergebung entdeckt und erlebt, kann
er nicht anders, als in fortwährender Bekehrung zu ihm zu leben (vgl.
Dives in misericordia, 13).
»Geh und sündige von jetzt an nicht mehr« (Joh
8,11): Vergebung wird ohne eigenes Verdienst geschenkt, aber der Mensch
ist gehalten, ihr mit dem ernsthaften Bemühen um ein erneuertes Leben
zu entsprechen. Gott kennt seine Geschöpfe nur zu gut! Er weiß,
daß die stets intensivere Offenbarung seiner Liebe in ihnen schließlich
Abscheu gegen die Sünde hervorrufen wird. Deshalb entfaltet sich die
Liebe Gottes in der unablässigen Bereitschaft der Vergebung.
Wie ausdrucksvoll ist doch das Gleichnis vom verlorenen Sohn! Von dem
Augenblick an, in dem er das Haus verläßt, sorgt sich der Vater
um ihn: er wartet, hofft, schaut nach ihm aus. Er achtet die Freiheit des
Sohnes, aber er leidet. Als dieser schließlich zurückkehrt,
geht der Vater ihm entgegen, umarmt ihn und befiehlt voll Freude: »Steckt
ihm einen Ring an die Hand« Zeichen des Bündnisses ,
»holt schnell das beste Gewand, und zieht es ihm an«
Zeichen des neuen Lebens , »zieht ihm Schuhe an«
Zeichen wiedergewonnener Würde , »wir wollen essen und fröhlich
sein. Denn mein Sohn war tot und lebt wieder; er war verloren und ist
wiedergefunden worden« (vgl. Lk 15,1132).
5. Bevor Jesus zum Vater zurückkehrte, vertraute er seiner Kirche
den Dienst der Versöhnung an (vgl. Joh 20,23). Die innere
Reue allein reicht demnach nicht aus, um die Vergebung Gottes zu erlangen.
Die Versöhnung mit ihm ist nur durch die Versöhnung mit der
kirchlichen Gemeinschaft möglich. Daher erfolgt das Bekenntnis der
Schuld durch ein konkretes sakramentales Zeichen: Reue und Sündenbekenntnis
mit dem Vorsatz für ein neues Leben vor dem Diener der Kirche.
Je mehr der heutige Mensch das Sündenbewußtsein verliert, um
so weniger sucht er leider die Versöhnung mit Gott: darauf sind viele
Probleme und Schwierigkeiten unserer Zeit zurückzuführen. In
diesem Jahr möchte ich Euch einladen, die Schönheit und den
Gnadenreichtum des Bußsakramentes neu zu entdecken, und Euch dazu
das aufmerksame Studium des Gleichnisses vom verlorenen Sohn empfehlen, in
dem nicht in erster Linie die Sünde hervorgehoben wird, sondern
vielmehr die Liebe und das Erbarmen Gottes. Wenn Ihr das Wort Gottes in
einer von Gebet, Betrachtung, Staunen und Gewißheit geprägten
Haltung aufnehmt, dann sagt Ihr zu Gott: »Ich brauche dich, ich zähle
auf dich, damit ich existieren und leben kann. Du bist stärker als
meine Sünden. Ich glaube an deine Macht über mein Leben, ich
glaube an dein Vermögen, mich zu erlösen, so wie ich jetzt bin.
Denk an mich. Vergib mir!«
Schaut »tief hinein in« Eure Herzen. Die Sünde verstößt
gegen Gesetze oder sittliche Normen, vor allem verstößt sie
gegen Gott (vgl. Ps 50 [51],6), die Brüder und Euch selbst.
Stellt Euch vor Christus, den eingeborenen Sohn des Vaters und Vorbild
aller Brüder. Er allein zeigt uns das, was wir dem Vater, dem Nächsten,
der Gesellschaft gegenüber sein müssen, damit wir mit uns selbst
in Frieden leben können. Er offenbart es uns durch das Evangelium,
das mit Jesus Christus eine Einheit bildet. Die Treue gegenüber dem
einen entspricht der Treue gegenüber dem anderen. Vertraut auf das
Sakrament der Beichte: durch das Bekenntnis der Schuld zeigt Ihr die
Bereitschaft, Eure Untreue zuzugeben und von ihr abzulassen; Ihr beweist
Euer Verlangen nach Umkehr und Versöhnung, um den friedenbringenden
und schöpferischen Stand als Kinder Gottes in Christus Jesus
wiederzufinden; Ihr zeigt Solidarität gegenüber den Brüdern,
die ihrerseits von der Sünde gezeichnet sind (vgl. KKK 1445).
Empfangt schließlich mit dankbarem Herzen die Lossprechung durch den
Priester: das ist der Augenblick, in dem der Vater das lebenspendende Wort
über den Sünder spricht: »Mein Sohn war tot und lebt
wieder!« Die Quelle der Liebe bricht erneut auf und befähigt
uns, Selbstsucht zu überwinden und mit stets größerer
Kraft zu lieben.
6. »Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit
ganzer Seele und mit all deinen Gedanken. Das ist das wichtigste und erste
Gebot. Ebenso wichtig ist das zweite: Du sollst deinen Nächsten
lieben wie dich selbst. An diesen beiden Geboten hängt das ganze
Gesetz samt den Propheten« (Mt 22,3740). Jesus sagt
nicht, daß das zweite Gebot mit dem ersten identisch ist, sondern daß
es »ebenso wichtig« ist. Die beiden Gebote sind demnach nicht
austauschbar, so als ob mit dem Gebot der Gottesliebe gleichzeitig auch
das der Nächstenliebe erfüllt würde oder umgekehrt. Jedes
hat seinen eigenen Gehalt, und beide müssen befolgt werden. Jesus
stellt sie aber nebeneinander, um allen ihre enge Verbindung verständlich
zu machen: es ist unmöglich, das eine zu befolgen, ohne das andere in
die Tat umzusetzen. »Ihre unauflösliche Einheit wird von
Christus mit den Worten und mit dem Leben bezeugt: Seine Sendung erreicht
ihren Höhepunkt in dem Kreuz, das die Erlösung bringt, Zeichen
seiner unteilbaren Liebe zum Vater und zur Menschheit« (Veritatis
splendor, 14).
Um zu wissen, ob man Gott wirklich liebt, muß man prüfen, ob
wir zu wahrer Liebe dem Nächsten gegenüber fähig sind. Und
wenn wir wissen wollen, wie groß diese Nächstenliebe ist, müssen
wir uns fragen, wie sehr wir Gott wirklich lieben. Denn »wer seinen
Bruder nicht liebt, den er sieht, kann Gott nicht lieben, den er nicht
sieht« (1 Joh 4,20), und »wir erkennen, daß wir
die Kinder Gottes lieben, wenn wir Gott lieben und seine Gebote erfüllen«
(ebd., 5,2).
Im Apostolischen Schreiben Tertio millennio adveniente habe ich
die Christen aufgefordert, »die Vorzugsoption der Kirche für die
Armen und die Randgruppen entscheidender zu betonen« (vgl. 51). Es
handelt sich um eine »Vorzugs«- nicht um eine Exklusivoption.
Jesus fordert uns auf, die Armen zu lieben, denn gerade aufgrund ihrer
Verwundbarkeit sind wir ihnen gegenüber zu besonderer Aufmerksamkeit
verpflichtet. Auch in den sogenannten reichen Ländern nimmt ihre
Zahl, wie wir wissen, ständig zu, obwohl die Güter dieser Welt für
alle bestimmt sind! Alle Armutssituationen sind ein Aufruf an die
christliche Nächstenliebe jedes einzelnen. Sie muß jedoch zur
sozialen und politischen Verpflichtung werden, denn das Problem der Armut
wird von konkreten Bedingungen verursacht, die von Männern und Frauen
guten Willens, den Erbauern der Zivilisation der Liebe, verändert
werden müssen. »Strukturen der Sünde« können nur
mit der Unterstützung aller überwunden werden, mit der
Bereitschaft, sich für den anderen zu »verlieren«, anstatt
ihn auszunutzen, ihm zu dienen, anstatt ihn zu unterdrücken (vgl.
Sollicitudo rei socialis, 38).
Liebe Jugendliche, ganz besonders lade ich Euch ein, konkrete
Initiativen der Solidarität und der Teilhabe an der Seite der Armen
und mit ihnen zu ergreifen. Nehmt mit großzügiger Bereitschaft
Anteil an einigen jener Projekte der Brüderlichkeit und Solidarität,
für die sich Eure Altersgenossen in den verschiedenen Ländern
einsetzen: auf diese Art und Weise könnt Ihr dem Herrn in der Person
der Armen wenigstens etwas von all dem »zurückgeben«, was
er Euch, die Ihr mehr Glück habt, gegeben hat. Auch kann ein solcher
Einsatz der unmittelbar sichtbare Ausdruck einer grundlegenden
Entscheidung sein: nämlich das Leben ganz entschieden auf Gott und
die Brüder auszurichten.
7. Maria vereinigt in ihrer Person das ganze Mysterium der Kirche, sie
ist die »erwählte Tochter des Vaters« (TMA, 54),
die das Gnadengeschenk Gottes frei angenommen und ihm bereitwillig
zugestimmt hat. Als »Tochter« des Vaters war sie würdig,
die Mutter seines Sohnes zu werden: »Mir geschehe, wie du es gesagt
hast« (Lk 1,38). Sie ist die Mutter Gottes, weil sie ganz die
Tochter des Vaters ist.
Nur ein Wunsch erfüllt ihr Herz, sie möchte die Christen in
ihrem Bemühen, als Kinder Gottes zu leben, unterstützen. Als
liebevolle Mutter führt Maria sie unablässig zu Christus, damit
sie, ihm nachfolgend, lernen, ihre Beziehung zum Vater des Himmels zu
vertiefen. Wie bei der Hochzeit zu Kana fordert Maria sie auf, das zu tun,
was der Sohn ihnen sagt (vgl. Joh 2,5), in der Gewißheit, daß
das der Weg zum Haus des »Vaters des Erbarmens« (vgl. 2 Kor
1,3) ist.
Der XIV. Weltjugendtag, der in diesem Jahr in den Ortskirchen gefeiert
wird, ist der letzte vor dem Großen Jubiläum. Er hat daher eine
besondere Bedeutung in der Vorbereitung auf das Jubeljahr 2000. Ich bete
dafür, daß er für jeden von Euch Anlaß sei für
eine neue Begegnung mit dem Herrn des Lebens und seiner Kirche.
Maria vertraue ich Euren Weg an und bitte sie, Eure Herzen für die
Aufnahme der Gnade Gottes vorzubereiten, damit Ihr Zeugen seiner Liebe
werdet.
Mit diesen Gedanken wünsche ich allen ein von tiefem Glauben und
vom Eifer des Evangeliums erfülltes Jahr und segne Euch von ganzem
Herzen.
Aus dem Vatikan, am 6. Januar 1999, dem Fest der Erscheinung des
Herrn
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