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PASTORALBESUCH IN DER BUNDESREPUBLIK
DEUTSCHLAND
GEBET VON JOHANNES PAUL
II. AN DIE MUTTER DER GNADEN
Altötting, 18. November 1980
Sei gegrüßt, Mutter der Gnaden von Altötting!
1. Seit einigen Tagen führen mich meine Wege als Pilger durch
die geschichtsreichen deutschen Lande auf den Spuren des Christentums, das schon
zur Zeit der Römer hierhergelangt ist. Der heilige Bonifatius, der Apostel
Deutschlands, hat den christlichen Glauben unter den jungen Völkern erfolgreich
verbreitet und seine Missionsarbeit durch den Märtyrertod besiegelt.
Mein Schritt ist schnell, das Programm der Pilgerfahrt
gedrängt, so daß ich nicht alle Orte besuchen kann, zu denen mich ihre
historische Bedeutung und die Neigung des Herzens führen möchten. Es gibt so
viele wichtige und hervorragende Stätten!
Heute, da ich für wenige Stunden hier in Altötting weilen
darf, wird mir erneut bewußt, wie sich auch die Wege meiner jetzigen
Pilgerreise mit dem Bekenntnis des Glaubens verbinden, welches die wichtigste
Aufgabe des Petrus und seiner Nachfolger ist. Wenn ich Christus verkündige, den
Sohn des lebendigen Gottes, ”Gott von Gott“ und ”Licht vom Licht“, ”eines
Wesens mit dem Vater“, dann bekenne ich zugleich mit der ganzen Kirche, daß
er Mensch geworden ist durch den Heiligen Geist und geboren wurde von der
Jungfrau Maria. Dein Name, Maria, ist untrennbar mit seinem Namen verbunden.
Deine Berufung und dein Ja dazu gehören fortan unlösbar zum Geheimnis der
Menschwerdung.
2. Zusammen mit der ganzen Kirche bekenne und verkündige ich,
daß Jesus Christus in diesem Geheimnis der einzige Mittler zwischen Gott und
den Menschen ist; denn seine Menschwerdung hat den Kindern Adams, die der Macht
der Sünde und des Todes unterworfen sind, die Erlösung und Rechtfertigung
gebracht. Zugleich bin ich jedoch zuinnerst davon überzeugt, daß niemand so
tief wie Du, die Mutter der Erlösers, in dieses machtvolle und überwältigende
göttliche Geheimnis eingeführt worden ist; und niemand ist besser imstande,
uns, die wir es verkünden und selbst daran teilhaben, leichter und klarer darin
einzuführen als Du allein, Maria.
In dieser Glaubensüberzeugung lebe ich seit langem. Mit ihr
gehe ich von Anfang an meinen Pilgerweg als Bischof jener Ortskirche, die der
Apostel Petrus in Rom gegründet hat und deren besondere Sendung es immer war
und noch heute ist, der ”communio“ zu dienen, das heißt der Einheit in der
Liebe zwischen den einzelnen Ortskirchen und allen Brüdern und Schwestern in
Christus.
Mit der gleichen Überzeugung komme ich heute hierher, an Deine
Gnadenstätte in Altötting, Mutter der Gnaden, umgeben von der Verehrung und
Liebe so vieler Gläubiger aus Deutschland und Österreich sowie anderen
Gegenden deutscher Sprache; gestatte mir, diese Überzeugung aufs neue zu
bekräftigen und Dir mit diesem Gebet vorzutragen.
3. Auch hier möchte ich Dir, unserer Mutter, die Kirche
anvertrauen, da Du ja im Abendmahlssaal zugegen warst, als die Kirche durch die
Herabkunft des Heiligen Geistes auf die Apostel sich offen kundgetan hat. Ich
vertraue Dir heute vor allem die Kirche an, die seit vielen Jahrhunderten in
diesem Lande besteht und jene große Glaubensgemeinschaft bildet immitten der
Völker, die dieselbe Sprache sprechen. Dir, Mutter, empfehle ich die gesamte
Geschichte dieser Kirche und ihre Aufgaben in der heutigen Welt: ihre
vielfältigen Initiativen und ihren unermüdlichen Dienst für alle Landsleute
in ihrem Vaterland wie auch für so viele Gemeischaften und Kirchen in aller
Welt, denen die Christen Deutschlands so bereitwillig und hochherzig Hilfe
leisten.
Maria, die Du selig bist, weil Du geglaubt hast, Dir vertraute
ich an, was das Wichtigste im Dienst der Kirche in diesem Land zu sein scheint:
ihr kraftvolles Glaubenszeugnis gegenüber der heutigen Generation der Männer
und Frauen dieses Volkes angesichts einer zunehmenden Verweltlichung und
religiösen Gleichgültigkeit. Dieses Zeugnis möge stets die klare Sprache des
Evangeliums sprechen und so einen Zugang zu den Herzen finden, vor allem der
jungen Generation. Es ziehe die Jugend an und begeistere sie für ein Leben nach
dem Bild des ”neuen Menschen“ und für die verschiedenen Dienste im Weinberg
des Herrn.
4. Mutter Christi, der vor seinem Leiden gebetet hat: ”Vater...
alle sollen eins sein“ - wie sehr ist mein Weg durch die deutschen Lande
gerade in diesem Jahr mit der drängenden und demütigen Sehnsucht nach Einheit
unter den Christen verbunden, die seit dem 16. Jahrhundert getrennt sind!
Kann einer inniger als Du wünschen, daß sich das Gebet Christi
im Abendmahlssaal erfülle? Und wenn wir selbst dabei bekennen müssen,
mitschuldig an der Spaltung geworden zu sein, und heute um eine neue Einheit in
der Liebe und Wahrheit beten, dürfen wir dann nicht hoffen, daß Du, Mutter
Christi, zusammen mit uns betest? Dürfen wir nicht hoffen, daß die Frucht
dieses Gebetes zur gegebenen Zeit einmal das Geschenk jener ”Gemeinschaft des
Heiligen Geistes“ sein wird, die unerläßlich ist, ”damit die Welt glaubt“?
Dir, Mutter, vertraue ich die Zukunft des Glaubens in diesem
alten christlichen Land an; und eingedenk der Bedrängnisse des letzten
furchtbaren Krieges, der besonders den Völkern Europas so tiefe Wunden
zugefügt hat, vertraue ich Dir den Frieden in der Welt an. Unter diesen
Völkern möge eine neue Ordnung entstehen, die sich auf die volle Achtung der
Rechte einer jeden Nation und eines jeden Menschen in seiner Nation gründet,
eine wahrhaft sittliche Ordnung, in der die Völker zusammenleben können wie in
einer Familie durch den gebührenden Ausgleich von Gerechtigkeit und Freiheit.
Dieses Gebet richte ich an Dich, Königin des Friedens und
Spiegel der Gerechtigkeit - ich, Johannes Paul II., Bischof von Rom und
Nachfolger des heiligen Petrus -, und hinterlasse es an Deiner Gnadenstätte in
Altötting zum bleibenden Gedenken. Amen.
Altötting, am 18. November 1980.
IOANNES PAULUS PP. II
© Copyright 1980 - Libreria Editrice Vaticana
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