![]() |
![]() |
|
PASTORALBESUCH DER VEREINIGTEN STAATEN VON AMERIKA
ANSPRACHE VON JOHANNES PAUL II. New York, 2. Oktober 1979
Herr Präsident!
1. Dieser hohen Vollversammlung der Vereinten Nationen, bei
der ich heute teilnehmen und das Wort ergreifen kann, möchte ich meinen Dank
bekunden. Meine Anerkennung richtet sich an erster Stelle an den Generalsekretär
der UNO, Herrn Dr. Kurt Waldheim, der mich schon im Herbst letzten Jahres — kurz
nach meiner Wahl zum Nachfolger des hl. Petrus — zu diesem Besuch eingeladen und
diese Einladung dann im vergangenen Mai bei unserer Begegnung in Rom erneuert
hat. Von Anfang an sah ich dies als eine große Ehre an, der ich mich tief
verpflichtet wußte. Heute nun, vor einer so bedeutenden Versammlung, möchte ich
Ihnen, Herr Präsident, der Sie mich in so freundlicher Weise empfangen und mir
das Wort erteilt haben, meinen herzlichen Dank aussprechen.
2. Das formale Motiv meiner heutigen Teilnahme ist zweifellos
die besondere Art der Zusammenarbeit, die den Apostolischen Stuhl mit der
Organisation der Vereinten Nationen verbindet, wie gerade die Anwesenheit der
Ständigen Mission eines Beobachters des Hl. Stuhls bei dieser Organisation
bezeugt. Diese Verbindung, der der HI. Stuhl große Beachtung schenkt, hat ihren
inneren Grund in der Souveränität, die den Apostolischen Stuhl seit vielen
Jahrhunderten auszeichnet. Diese ist zwar, was das entsprechende Territorium
betrifft, auf den kleinen Vatikanstaat begrenzt; sie ist jedoch von der
Notwendigkeit motiviert, daß die Päpste ihre Sendung in voller Freiheit ausüben
und mit jedem möglichen Gesprächspartner, sei es eine Regierung oder eine
internationale Organisation, unabhängig von jeder anderen Souveränität
verhandeln können. Gewiß, das Wesen und die Ziele der besonderen geistlichen
Mission des Apostolischen Stuhls und der Kirche bringen es mit sich, daß sich
ihre Teilnahme an Aufgaben und Aktivitäten der UNO von der anderer Staaten als
Gemeinschaften im politisch-weltlichen Sinne tief unterscheidet.
3. Der Hl. Stuhl hält nicht nur die eigene Zusammenarbeit mit
der UNO für sehr wichtig, sondern hat auch seit der Gründung dieser Organisation
immer seine eigene Wertschätzung und Zustimmung für die historische Bedeutung
dieses obersten Forums des internationalen Lebens der heutigen Menschheit
bekundet. Er hat auch stets ihre Funktionen und Initiativen unterstützt, die das
friedliche Zusammenleben und gemeinsame Handeln unter den Nationen zum Ziel
haben. Hierfür gibt es viele Beweise. In den mehr als 30 Jahren des Bestehens
der UNO haben päpstliche Botschaften und Enzykliken sowie Dokumente des
katholischen Episkopates und auch des Zweiten Vatikanischen Konzils ihr große
Aufmerksamkeit geschenkt. Die Päpste Johannes XXIII. und Paul VI. schauten mit
Vertrauen auf diese wichtige Institution als Zeichen unserer Zeit voller
Bedeutung und Hoffnung. Und auch derjenige, der jetzt vor Ihnen spricht, hat
seit den ersten Monaten seines Pontifikats mehrfach die gleiche Zuversicht und
Überzeugung wie seine Vorgänger ausgedrückt.
4. Diese zuversichtliche Überzeugung des Apostolischen Stuhls
erwächst, wie gesagt, nicht aus rein politischen Gründen, sondern gerade aus der
religiösen, moralischen Natur der Sendung der römisch-katholischen Kirche. Als
universale Gemeinschaft, die Gläubige aus fast allen Ländern und Kontinenten,
Nationen, Völkern, Rassen, Sprachen und Kulturen umfaßt, ist diese wesentlich an
der Existenz und Aktivität einer Organisation interessiert, die — wie wir schon
ihrem Namen entnehmen können — Nationen und Staaten zusammenführt und vereint.
Vereinen und zusammenführen, nicht trennen und Gegensätze fördern: so sucht die
UNO Wege der Verständigung und der friedlichen Zusammenarbeit, indem sie mit den
verfügbaren Mitteln und anwendbaren Methoden sich darum bemüht, Krieg, Spaltung
und gegenseitige Zerstörung in dieser großen Familie, wie sie die heutige
Menschheit darstellt, zu verhindern.
5. Dies ist das wahre Motiv, das wesentliche Motiv meiner
Anwesenheit unter Ihnen, und ich möchte dieser hohen Versammlung meine
Dankbarkeit bezeigen, daß sie diesem Motiv, das meinen Besuch vielleicht
nützlich machen kann, ihre Beachtung geschenkt hat. Es ist sicher von besonderer
Bedeutung, daß sich heute unter den Repräsentanten der Staaten, die auf der
Souveränität einer Amtsvollmacht für ihr Territorium und ihre Bevölkerung
beruhen, auch der Vertreter des Apostolischen Stuhls und der katholischen Kirche
befindet. Es ist die Kirche Jesu Christi, der vor dem Tribunal des römischen
Richters Pilatus erklärte, ein König zu sein, aber König eines Reiches, das
nicht von dieser Welt ist (vgl. Joh 18,36–37). Auf die Frage nach dem
inneren Grund seines Königreiches unter den Menschen gab er zur Antwort: »Ich
bin dazu geboren und in die Welt gekommen, daß ich für die Wahrheit Zeugnis
ablege« (Joh 18,37). Wenn ich also heute vor den Repräsentanten der
Staaten stehe, dann möchte ich nicht nur meinen Dank, sondern auch meine ganz
besondere Freude bekunden, da die Einladung an den Papst, in Ihrer Versammlung
das Wort zu ergreifen, einen Beweis dafür darstellt, daß die Organisation der
Vereinten Nationen die religiös-moralische Dimension jener menschlichen Probleme
anerkennt und respektiert, um die sich die Kirche mit Hilfe ihrer Botschaft der
Wahrheit und der Liebe, die sie der Welt nahebringen muß, kümmert. Ganz sicher
ist es für die Fragen, die Gegenstand Ihrer Aufgaben und Bemühungen sind — wie
der sehr umfangreiche und organische Komplex von Einrichtungen und Aktivitäten
ausweist, die im Rahmen der UNO wirken oder mit ihr zusammenarbeiten, vor allem
im Bereich von Kultur, Gesundheit, Ernährung und Arbeit sowie auf dem Gebiet der
friedlichen Nutzung der Atomenergie —, besonders wichtig, daß wir uns im Namen
des Menschen begegnen, verstanden in seiner vollen Einheit, in der ganzen Fülle
und dem vielfältigen Reichtum seiner geistigen und materiellen Existenz, wie ich
es in meiner Enzyklika
Redemptor Hominis,
der ersten meines Pontifikats, dargelegt habe.
6. So ergreife ich die Gelegenheit dieser feierlichen
Begegnung mit den Repräsentanten der Nationen der Welt, um in diesem Augenblick
einen Gruß an alle Männer und Frauen zu richten, die auf dieser Erde leben, an
jeden Mann, an jede Frau ohne irgendeine Ausnahme. Jedes menschliche Wesen, das
unseren Planeten bewohnt, ist ja Mitglied einer bürgerlichen Gemeinschaft, einer
Nation, von denen hier viele vertreten sind. Jeder von Ihnen, sehr geehrte Damen
und Herren, ist Repräsentant von einzelnen Staaten, von politischen Systemen und
Strukturen, aber vor allem von bestimmten Gruppen von Menschen. Sie alle sind
die Vertreter der Menschen, praktisch aller Menschen dieser Erde: konkreter
Menschen. Gemeinschaften und Völker, die die gegenwärtige Phase ihrer Geschichte
durchleben und zugleich in die Geschichte der ganzen Menschheit verwoben sind
mit ihrer Individualität und der Würde der menschlichen Person, mit einer
eigenen Kultur, mit persönlichen Erfahrungen und Sehnsüchten, Spannungen und
Leiden, mit berechtigten Erwartungen. Von hier aus begründet sich jegliche
politische Aktivität auf nationaler oder internationaler Ebene: letztlich kommt
sie »vom Menschen her«, wird sie »durch den Menschen« ausgeübt, geschieht sie
»für den Menschen«. Wenn jene Aktivität sich von dieser grundlegenden Beziehung
und Sinnrichtung entfernt, wenn sie gewissermaßen sich selbst zum Ziel wird,
dann verliert sie dadurch einen großen Teil ihrer Existenzberechtigung. Ja, sie
kann sogar Quelle einer speziellen Entfremdung werden; sie kann sich vom
Menschen völlig lösen; sie kann in Widerspruch geraten zur Menschlichkeit als
solcher. In Wirklichkeit ist die Existenzberechtigung jeglicher Politik der
Dienst am Menschen, ist die unermüdliche und verantwortliche Sorge um die
Probleme und wesentlichen Bereiche seiner irdischen Existenz in ihrer sozialen
Dimension und Tragweite, von der gleichzeitig ja auch das Wohl einer jeden
einzelnen Person abhängt.
7. Ich bitte, mich zu entschuldigen, wenn ich von Dingen
spreche, die Ihnen, sehr verehrte Damen und Herren, sicher ganz evident sind. Es
scheint mir jedoch sinnvoll zu sein, darüber zu sprechen: denn was menschliche
Aktivitäten oft in Gefahr bringt, ist doch die Möglichkeit, daß man bei ihrem
Vollzug die deutlichsten Wahrheiten und die grundlegendsten Prinzipien aus dem
Blick verliert.
Es sei mir daher der Wunsch erlaubt, daß die Organisation der
Vereinten Nationen wegen ihres universellen Charakters niemals aufhören möge,
jenes »Forum«, jene hohe Tribüne zu sein, von der aus alle Probleme des Menschen
im Geist der Wahrheit und der Gerechtigkeit gewertet werden. Im Namen dieser
Inspiration und durch diesen historischen Anstoß wurde am 26. Juni 1945, gegen
Ende des furchtbaren Zweiten Weltkriegs, die Charta der Vereinten Nationen
unterzeichnet, und es entstand am darauf folgenden 24. Oktober Ihre Organisation.
Kurz danach entstand als ihr Grundgesetz die Allgemeine Erklärung über die
Menschenrechte (am 10. Dezember 1948), über die Rechte des Menschen als eines
konkreten Individuums wie auch in seiner universalen Bedeutung. Dieses Dokument
ist ein Meilenstein auf dem langen und schwierigen Weg der Menschheit. Wir
dürfen ja den menschlichen Fortschritt nicht nur am Fortschritt der Wissenschaft
und Technik messen, der gewiß die Ausnahmestellung des Menschen im Verhältnis
zur Natur sichtbar macht, sondern gleichzeitig und mehr noch am Primat der
geistigen Werte und am Fortschritt des moralischen Lebens.
Gerade in diesem Bereich zeigt sich die volle Herrschaft des
menschlichen Geistes mit Hilfe der Wahrheit im Verhalten der Person und der
Gesellschaft sowie auch in der Herrschaft über die Natur; hier setzt sich die
stille Macht des geistigen Bewußtseins des Menschen durch nach dem alten
Ausspruch: »Das Menschengeschlecht lebt aus der praktischen und theoretischen
Vernunft« (Genus humanum arte et ratione vivit). Gerade damals, als die Technik
in ihrem einseitigen Fortschritt auf kriegerische Zwecke hingelenkt wurde, auf
Versuche, eine Hegemonie zu erlangen oder Eroberungen zu machen, wobei der
Mensch den Menschen töten und eine Nation die andere zerstören sollte, indem sie
sie der Freiheit oder sogar des Existenzrechtes beraubte — ich habe dabei immer
das Bild des Zweiten Weltkriegs in Europa vor Augen, wie er vor rund 40 Jahren,
am 1. September 1939, mit der Invasion Polens begann und am 9. Mai 1945 beendet
wurde —, ist die Organisation der Vereinten Nationen entstanden. Und drei Jahre
danach wurde das Dokument geschaffen, das, wie gesagt, als wahrer Meilenstein
auf dem Weg des moralischen Fortschritts der Menschheit angesehen werden muß:
die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte. Die Regierungen und Staaten der
Welt haben begriffen, daß sie sich zusammenschließen müssen, wenn sie sich nicht
gegenseitig angreifen und zerstören wollen. Der wahre Weg zu dieser Einheit, der
grundlegende Weg, führt an jedem einzelnen Menschen vorbei: durch die Festlegung,
die Anerkennung und Achtung der unveräußerlichen Rechte der Personen und
Völkergemeinschaften.
8. Heute, 40 Jahre nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs,
möchte ich all das viele in Erinnerung rufen, das die Menschen und Nationen in
jenen Jahren durchgemacht haben, eine Generation, die zum großen Teil heute noch
lebt. Vor kurzem hatte ich Gelegenheit, über einige dieser Erfahrungen noch
einmal nachzudenken, und zwar an einem der Orte, wo die Verachtung für den
Menschen und seine Grundrechte in einem besonders schmerzlichen und übergroßen
Ausmaß zu Tage getreten ist: im Konzentrationslager von Auschwitz (Os´wiecim),
das ich während meiner Pilgerfahrt nach Polen im vergangenen Juni besucht habe.
Dieser Ort mit seiner so traurigen Berühmtheit ist leider nur einer von vielen
auf dem europäischen Kontinent. Schon die Erinnerung an einen einzigen davon
müßte auf den Straßen der heutigen Menschheit ein Mahnmal dafür sein, jegliche
Art von Konzentrationslager an jeder Stelle dieser Erde ein für allemal zu
beseitigen. Für immer müßte aus dem Leben der Nationen und der Staaten all das
verschwinden, was mit diesen fürchterlichen Erfahrungen in Verbindung steht, was
ihre Fortsetzung darstellt – auch unter anderen Formen, also jegliche Art von
physischer oder moralischer Tortur und Unterdrückung, gleich von welchem
politischen System verübt oder in welchem Lande begangen –‚ ein um so
schmerzlicheres Handeln, wenn es unter dem Vorwand der »inneren Sicherheit« oder
der Notwendigkeit, einen scheinbaren Frieden zu erhalten, geschieht.
9. Die verehrten Anwesenden mögen mir diese Erinnerung
verzeihen: aber ich wäre der Geschichte unseres Jahrhunderts untreu, ich wäre
nicht ehrlich vor der großen Sache des Menschen, der wir doch alle dienen
möchten, wenn ich darüber schweigen würde, da ich doch jenem Land entstamme, auf
dessen lebendigem Leib einmal »ein Auschwitz« erbaut worden ist. Der Sinn meiner
Erinnerung, sehr verehrte Damen und Herren, ist allerdings, vor allem
aufzuzeigen, aus welchen schmerzlichen Erlebnissen und Leiden von Millionen von
Personen die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte als Anfangsimpuls
und Meilenstein für die Organisation der Vereinten Nationen entstanden ist. Der
Preis dieser Erklärung sind Millionen unserer Brüder und Schwestern, die dafür
mit ihrem eigenen Leiden und Opfer bezahlt haben, wie sie ihnen von einer
Menschenverachtung zugefügt worden sind, die die Gewissen ihrer Unterdrücker,
Ingenieure eines wahren Völkermordes, betäubt und abgestumpft hatte.
Dieser Preis darf nicht umsonst bezahlt worden sein! Die
Allgemeine Erklärung der Menschenrechte — ergänzt durch zahlreiche weitere
Erklärungen und Konventionen über sehr wichtige Bereiche der Menschenrechte, so
zugunsten des Kindes, der Frau, der Rassengleichheit wie auch besonders durch
die zwei internationalen Verträge über wirtschaftliche, soziale und kulturelle
Rechte und über bürgerliche und politische Rechte — muß für die Organisation der
Vereintem Nationen der Grundwert bleiben, an dem sich das Gewissen ihrer
Mitglieder ausrichten sollte und woraus sie sich ständig neue Anregung holen
müßten. Wenn die Wahrheiten und Prinzipien, die in diesem Dokument enthalten
sind, vergessen und übergangen würden und dabei die anfängliche Evidenz
verlieren sollten, mit der sie im Augenblick der schmerzhaften Geburt
aufleuchteten, dann könnte die hohe Zielsetzung der Organisation der Vereinten
Nationen von einer neuen Zerstörung bedroht sein. So weit könnte es kommen, wenn
über die einfache und zugleich eindringliche Sprache der Allgemeinen Erklärung
der Menschenrechte ein gewisses Interesse endgültig die Oberhand gewänne, das
man zu Unrecht als »politisch« ausgibt, hingegen oft nur Gewinn und einseitigen
Profit zu Lasten von anderen bedeutet oder Machtwillen, dem die Interessen
anderer gleichgültig sind, alles das also, was von seinem Wesen her dem Geist
der Erklärung widerspricht. Das so verstandene »politische Interesse«, die
Herren mögen mir verzeihen, entehrt die hohe und schwierige Mission, die zu
Ihrem Dienst für das Wohl Ihrer Nationen und der ganzen Menschheit gehört.
10. Vor 14 Jahren sprach von dieser Tribüne mein großer
Vorgänger Papst Paul VI. Er hat damals einige unvergesseneWorte ausgesprochen,
die ich heute wiederholen möchte:
»Niemals wieder Krieg, niemals! Niemals wieder die einen
gegen die anderen« und auch nicht »der eine über den anderen«, sondern immer und
in jedem Fall »die einen mit den anderen«.
Paul VI. hat der Sache des Friedens unermüdlich gedient. Auch
ich will mit all meinen Kräften ihm darin nachfolgen und diesen seinen Dienst
fortsetzen. Die katholische Kirche verkündet an allen Orten der Erde eine
Botschaft des Friedens, sie betet für den Frieden und erzieht den Menschen zum
Frieden. An dieser Zielsetzung nehmen in engagierter Weise auch die Vertreter
und Anhänger anderer Kirchen und Gemeinschaften sowie anderer Religionen der
Welt teil. Und diese Arbeit, verbunden mit den Anstrengungen aller Menschen
guten Willens, bringt sicher ihre Früchte. Allerdings beunruhigen uns immer
wieder die kriegerischen Konflikte, die von Zeit zu Zeit ausbrechen. Wie sehr
müssen wir dem Herrn danken, wenn es durch direkten Einsatz gelingt, den einen
oder anderen abzuwenden, wie zum Beispiel die Spannung, die im vergangenen Jahr
Argentinien und Chile bedrohte. Wie sehr wünschte ich mir, daß man auch in der
Krise des Nahen Ostens einer Lösung näherkäme. Während ich bereit bin, jeden
Schritt oder konkreten Versuch zur Beilegung des Konflikts zu würdigen, möchte
ich doch daran erinnern, daß solche Schritte wertlos bleiben, wenn sie nicht
wirklich den Grundstein für eine allgemeine und umfassende Friedenslösung in der
Region darstellen für einen Frieden, der sich unbedingt auf die gleiche
Anerkennung der Rechte aller gründen und dabei notwendigerweise die Beachtung
und gerechte Lösung des Problems der Palästinenser einschließen muß. Hiermit ist
auch das Problem des friedlichen Zusammenlebens, der Unabhängigkeit und
territorialen Integrität des Libanons verbunden nach der Art, durch die er ein
Beispiel für eine friedliche und gegenseitig fruchtbare Koexistenz der einzelnen
Gemeinschaften geworden ist und die, wie zu wünschen wäre, im gemeinsamen
Interesse beibehalten werden sollte, wenn auch mit den Anpassungen, die von der
Entwicklung der Situation gefordert sind. Ich wünschte mir auch ein besonderes
Statut, das unter internationalen Garantien (wie schon mein Vorgänger Paul VI.
bei Gelegenheit angeregt hat) den Respekt vor der einzigartigen Natur Jerusalems
sichern soll, eines Patrimoniums, das der Verehrung von Millionen von Gläubigen
der drei großen monotheistischen Religionen, des Judentums, des Christentums und
des Islams, heilig ist.
Ebenso beunruhigen uns die Informationen über die Entwicklung
der Rüstungen, die alles übersteigen, was bisher an Mitteln und Auswirkungen von
Kampf und Zerstörung bekannt war. Auch von hier aus ermutigen wir die
Entscheidungen und Abkommen, die den Rüstungswettlauf zu bremsen versuchen. Die
Drohung einer Zerstörung, das Risiko, das sogar von der Übernahme gewisser
»einschläfernder« Informationen ausgeht, lasten jedoch weiterhin schwer auf dem
Leben der heutigen Menschheit. Auch der Widerstand gegenüber konkreten,
praktischen Vorschlägen einer wirklichen Abrüstung — wie jene, die diese
Versammlung im vergangenen Jahr auf einer Sondersitzung gemacht hat — beweist, daß es zusammen mit dem
Friedenswillen, den alle erklären und die meisten wünschen, zugleich vielleicht
verborgen oder nur hypothetisch, aber doch wirklich auch dessen Gegenteil und
sogar seine Verneinung gibt. Die fortwährenden Vorbereitungen zum Krieg, auf die
die Produktion von immer zahlreicheren, von immer stärkeren und komplizierteren
Waffen in verschiedenen Ländern hindeutet, zeigen, daß man zum Krieg bereit sein
will, und bereit sein bedeutet in der Lage sein, ihn auch zu provozieren,
bedeutet auch, das Risiko auf sich zu nehmen, daß in irgendeinem Augenblick,
irgendwo, in irgendeiner Weise jemand den fürchterlichen Mechanismus einer
allgemeinen Zerstörung in Bewegung setzen könnte.
11. Darum ist eine ständige
und sogar noch energischere Anstrengung notwendig, die darauf abzielt, schon die
Möglichkeiten, einen Krieg zu provozieren, zu beseitigen, um solche Katastrophen
unmöglich zu machen. Dabei geht es darum, auf die Haltungen und Überzeugungen,
auf die Absichten und Interessen der Regierungen und Völker einzuwirken. Diese
Aufgabe, die der Organisation der Vereinten Nationen und allen ihren einzelnen
Organen immer gegenwärtig ist, betrifft jede Gesellschaft, jedes Regime, jede
Regierung. Sicher trägt hierzu jede Initiative bei, die ein internationales
Zusammenwirken bei der Entwicklungsarbeit zum Ziel hat. So hat es ja Paul VI. am
Ende seiner Enzyklika
Populorum Progressio formuliert: »Wenn Entwicklung der
neue Name für Friede ist, wer möchte dann nicht mit all seinen Kräften daran
mitwirken?« Diesem Ziel muß jedoch auch ein stetiges überlegtes Handeln dienen,
das danach strebt, die Wurzeln selbst für Haß, Zerstörung und Verachtung
freizulegen und für all das, was die Versuchung zum Krieg entstehen läßt: nicht
nur im Inneren der Nationen, sondern auch im Kern der politischen Systeme, die
für die Geschichte ganzer Gesellschaften verantwortlich sind. Bei diesem fast
übermenschlichen Werk, der wirklichen Errichtung einer friedvollen Zukunft
unseres Planeten, hat die Organisation der Vereinten Nationen zweifellos eine
zentrale, führende Aufgabe, für die sie sich zu Recht auf die trefflichen Ideale
in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte bezieht. Diese Erklärung hat den
Krieg wirklich an seiner weitverzweigten, tiefreichenden Wurzel getroffen; denn
die Kriegslust in ihrer ursprünglichen, grundlegenden Bedeutung keimt und reift
dort, wo die unveräußerlichen Menschenrechte verletzt werden.
Das ist eine neue
Sicht der Sache des Friedens, zutiefst aktuell und zugleich wesentlicher und
radikaler. Es ist eine Sicht, die das Entstehen des Krieges und in gewissem
Sinne auch seine Substanz in allen möglichen Formen der Ungerechtigkeit unter
allen ihren verschiedenen Aspekten erblickt; diese greift ja zunächst die
Menschenrechte an, hierdurch zerreißt sie die organische Einheit der sozialen
Ordnung und erschüttert schließlich das gesamte System der internationalen
Beziehungen. Die Enzyklika Papst Johannes’ XXIII.,
Pacem in Terris, bringt
hierzu eine synthetische Beurteilung aus dem Gedankengut der Kirche, die den
ideellen Fundamenten der Organisation der Vereinten Nationen sehr nahekommt. Man
muß sich also konsequenterweise hierauf stützen, hartnäckig und treu hieran
festhalten, um den wahren »Frieden auf Erden« zu festigen.
12. Unter Anwendung
dieses Prinzips müssen wir sorgfältig prüfen, welche hauptsächlichen Spannungen
im Bereich der unveräußerlichen Menschenrechte das Gebäude dieses Friedens
erschüttern könnten, den wir alle so heiß ersehnen und der auch das wesentliche
Ziel der Bemühungen der Organisation der Vereinten Nationen bildet. Das ist
nicht leicht, aber unumgänglich. Bei diesem Vorhaben muß sich jeder in eine
völlig objektive Stellung bringen, sich von der Aufrichtigkeit führen lassen und
von der Bereitschaft, die eigenen Vorurteile und Irrtümer anzuerkennen, ja sogar
einverstanden zu sein, auf partikuläre Interessen auch politischer Art zu
verzichten. Der Friede ist nun einmal ein höheres und wichtigeres Gut als jedes
Einzelinteresse. Wenn wir diese Interessen der Sache des Friedens opfern, dienen
wir ihr in vollkommener Weise. In wessen »politischem Interesse« könnte je ein
neuer Krieg liegen?
13. Jede Analyse muß notwendigerweise von den gleichen
Prämissen ausgehen: daß nämlich jedes menschliche Wesen eine Würde besitzt, die
niemals – auch wenn die Person jeweils in einem konkreten sozialen und
geschichtlichen Kontext lebt — herabgesetzt, verletzt oder zerstört werden darf,
sondern die im Gegenteil geachtet und geschützt werden muß, falls man wirklich
den Frieden aufbauen will.
Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte und die
juridischen Hilfen auf internationaler wie nationaler Ebene versuchen durch eine
Bewegung, deren kontinuierlichen Fortschritt man sich nur wünschen kann, ein
allgemeines Bewußtsein für die Würde des Menschen zu wecken und wenigstens
einige der unveräußerlichen Rechte des Menschen zu definieren. Es sei mir
gestattet, einige unter den wichtigsten und allgemein anerkannten hier
aufzuzählen: das Recht auf Leben und Freiheit und auf die Sicherheit der Person;
das Recht auf Nahrung, Kleidung und Wohnung, auf Gesundheit, Erholung und
Freizeit; das Recht auf freie Meinungsäußerung, auf Erziehung und Kultur; das
Recht auf Freiheit der Gedanken, des Gewissens und der Religion sowie das Recht,
seine Religion privat und in der Öffentlichkeit, für sich allein oder in
Gemeinschaft zu bekennen; das Recht, seinen Lebensstand zu wählen, eine Familie
zu gründen und alle notwendigen Voraussetzungen für ein Familienleben zu haben;
das Recht auf Eigentum und auf Arbeit, auf angemessene Arbeitsbedingungen und
einen gerechten Lohn; das Recht auf Versammlung und Zusammenschluß; das Recht
auf Freizügigkeit im Ortswechsel im In- und Ausland; das Recht auf
Staatsbürgerschaft und auf Wohnsitz; das Recht auf politische Mitbestimmung und
das Recht auf Teilnahme an der freien Wahl des politischen Systems des Volkes,
dem man angehört. Das Gesamt der Menschenrechte entspricht der Substanz der
Menschenwürde in ihrem umfassenden Verständnis und nicht in einer Beschränkung
auf nur eine einzige Dimension. Sie beziehen sich auf die Befriedigung der
wesentlichen Bedürfnisse des Menschen, auf die Ausübung seiner Freiheit, auf
seine Beziehung zu anderen Personen. Aber immer und überall sind sie auf den
Menschen bezogen, auf seine volle Wirklichkeit als menschliches Wesen. 14. Der Mensch lebt gleichzeitig in der Welt der materiellen
Werte wie in jener der geistigen Werte. Für den konkreten Menschen, der lebt und
hofft, entsprechen die Bedürfnisse, die Freiheiten, die Beziehungen mit anderen
niemals allein nur der einen oder der anderen Wertsphäre, sondern gehören immer
beiden Sphären an. Dabei ist es durchaus legitim, die materiellen und die
geistigen Werte jeweils getrennt zu betrachten, um besser zu verstehen, daß sich
diese im konkreten Menschen nicht trennen lassen, und um andererseits zu sehen,
daß jede Bedrohung der Menschenrechte, sei es im Bereich der materiellen, sei es
im Bereich der geistigen Werte, gleich gefährlich für den Frieden ist, weil
dieser sich immer auf den Menschen in seiner Ganzheit bezieht. Meine verehrten Zuhörer mögen mir erlauben, auf eine konstante
Regel der Menschheitsgeschichte hinzuweisen, die schon in all dem enthalten war,
was in bezug auf die Menschenrechte und eine integrale Entwicklung des Menschen
in Erinnerung gerufen worden ist. Diese Regel beruht auf der Beziehung zwischen
den geistigen und den materiellen oder ökonomischen Werten. Innerhalb dieser
Beziehung kommt der Vorrang den geistigen Werten zu, schon aufgrund der Natur
dieser Werte wie auch aus Gründen, die das Wohl des Menschen betreffen. Der
Vorrang der Geisteswerte bestimmt die besondere Bedeutung der irdischen und
materiellen Güter sowie die Art ihres Gebrauchs, und gerade dadurch gehört er
zur Grundlage eines gerechten Friedens. Dieser Vorrang der geistigen Werte hat
auch seinen Einfluß darauf, daß die materielle, technische und zivilisatorische
Entwicklung wirklich dem dient, was den Menschen ausmacht, das heißt, daß sie
den vollen Zugang zur Wahrheit, zur moralischen Entwicklung und zum Genuß der
Kulturgüter ermöglicht, die wir ererbt haben, sowie zur Vermehrung dieser Güter
durch unsere schöpferische Kraft. Nun aber ist es nicht schwer, festzustellen,
daß die materiellen Güter nur in begrenztem Maße fähig sind, die Bedürfnisse der
Menschen zu befriedigen; von ihrer Natur her ist es schwer, sie gerecht zu
verteilen, und so provozieren sie in den Beziehungen zwischen denen, die sie
besitzen oder daran teilhaben, und denen, die nichts davon haben, Spannungen,
Streitigkeiten und Spaltungen, die nicht selten zum offenen Kampf werden können.
Die geistigen Güter jedoch können zur gleichen Zeit vielen zur Verfügung stehen,
unbegrenzt und ohne Verringerung des Wertes selbst. Im Gegenteil, je mehr
Menschen an einem solchen Gut teilhaben, um so größer ist die Freude und
Anteilnahme daran, um so mehr beweist dieses Gut dadurch seinen unzerstörbaren,
ewigen Wert. Dies ist eine Wirklichkeit, die zum Beispiel durch die Werke des
freien Schaffens, des Denkens, der Poesie, der Musik und der darstellenden
Künste, die Früchte des menschlichen Geistes, bestätigt wird.
15. Eine kritische Analyse unserer heutigen Zivilisation ergibt, daß diese vor
allem im letzten Jahrhundert wie nie zuvor zur Entwicklung der materiellen Güter
beigetragen, aber auch in der Theorie und mehr noch in der Praxis eine Reihe von
Haltungen hervorgebracht hat, bei denen in mehr oder weniger starkem Maße die
Sensibilität für die geistige Dimension der menschlichen Existenz abgenommen
hat. Die Ursache hierfür sind gewisse Voraussetzungen, durch die der Sinn des
menschlichen Lebens vorwiegend auf die vielfältigen, materiellen und
ökonomischen Bedingungen bezogen worden ist, das heißt auf die Erfordernisse der
Produktion, des Handels, des Konsums, der Anhäufung von Reichtümern oder der
Bürokratisierung, mit der man die entsprechenden Prozesse zu regulieren sucht.
Ist sie nicht auch das Ergebnis davon, daß man den Menschen einer einzigen
Betrachtungsweise und nur einer Wertsphäre untergeordnet hat? 16. Was haben diese Überlegungen mit der Sache des Friedens und
des Krieges zu tun? Weil die materiellen Güter, wie ich schon vorhin gesagt
habe, von ihrer Natur her Anlaß zu Einschränkungen und Spaltungen geben, wird
der Kampf um ihren Erwerb in der Menschheitsgeschichte unvermeidlich. Wenn wir
diese einseitige Unterordnung des Menschen unter die materiellen Güter immer
noch weiterpflegen, werden wir nicht imstande sein, diesen Zwangszustand zu
überwinden. Wir könnten ihn mildern, ihn im Einzelfalle entschärfen, aber es
wird uns nicht gelingen, ihn grundsätzlich und völlig zu beseitigen, wenn wir
nicht den zweiten Wertbereich stärker ins Licht rücken und ihm vor den Augen
eines jeden Menschen und aller Gesellschaften zu breiterer Anerkennung
verhelfen: jener Wertbereich, der die Menschen nicht spaltet, sondern sie
untereinander in Kontakt bringt, zusammenführt und einigt. Ich bin der Meinung, daß die berühmte Präambel der Charta der
Vereinten Nationen – in der die beteiligten Völker, »entschlossen, die kommenden
Generationen vor der Geißel des Krieges zu bewahren«, feierlich den Glauben
bekräftigen »an die Grundrechte des Menschen, an die Würde und den Wert der
menschlichen Person, an die Gleichberechtigung von Mann und Frau sowie von
großen und kleinen Nationen« – jenen geistigen Wertbereich in den Vordergrund
rücken will. Man kann in der Tat die Kriegskeime nicht in einer nur
oberflächlichen Weise, an den Symptomen, bekämpfen. Man muß es auf gründliche
Weise tun und zu den Ursachen vorstoßen. Wenn ich mir eben erlaubt habe, die
Aufmerksamkeit auf die geistigen Güter zu lenken, dann habe ich dies getan in
der Sorge um die Sache des Friedens, der dadurch geschaffen wird, daß man die
Menschen um jene Werte zusammenruft, die in höchstem Grade und zutiefst
menschlich sind, die die Menschen über ihre Umwelt hinausheben und über ihre
unzerstörbare Größe entscheiden: unzerstörbar trotz des Todes, dem jeder auf
dieser Erde unterworfen ist. Ich möchte hinzufügen, daß die katholische Kirche
und — wie ich glaube, sagen zu können — die gesamte Christenheit gerade in
diesem Bereich ihre besondere Aufgabe erblicken. Das Zweite Vatikanische Konzil
hat dazu beigetragen, festzustellen, was der christliche Glaube bei diesem
Anliegen gemeinsam hat mit den verschiedenen nichtchristlichen Religionen. Die
Kirche ist deshalb all denen dankbar, die sich dieser ihrer Mission gegenüber
respektvoll und wohlwollend verhalten und sie nicht behindern oder erschweren.
Die Analyse der Menschengeschichte, insbesondere in ihrer gegenwärtigen Epoche,
zeigt, wie sehr wir verpflichtet sind, die Tragweite jener Güter noch
vollständiger darzulegen, wie wichtig diese Aufgabe für den Aufbau des Friedens
ist und wie schwer jede Bedrohung der Menschenrechte wiegt. Ihre Verletzung,
auch in Zeiten »des Friedens«, ist eine Form des Krieges gegen den Menschen. Es
gibt anscheinend in der heutigen Welt zwei hauptsächliche Bedrohungen, die beide
die Menschenrechte im Bereich der internationalen Beziehungen und im Innern der
einzelnen Staaten oder Gesellschaften betreffen. 17. Die erste Art einer systematischen Bedrohung der
Menschenrechte hängt, ganz allgemein gesprochen, mit der Verteilung der
materiellen Güter zusammen, die sowohl innerhalb der einzelnen Gesellschaften
wie auch auf Weltebene oft ungerecht ist. Es ist bekannt, daß diese Güter dem
Menschen nicht nur als Reichtum der Natur gegeben sind, sondern ihm in noch
größerem Maße zur Verfügung stehen als Ergebnis seiner vielfältigen Aktivität,
angefangen bei der einfachsten Handarbeit bis zu den komplizierteren Formen
industrieller Produktion sowie den Forschungen und Studien in höchst
qualifizierten Spezialbetrieben. Verschiedene Formen der Ungleichheit im Besitz
von materiellen Gütern und in ihrer Nutzung erklären sich oft aus verschiedenen
Ursachen und Umständen geschichtlicher und kultureller Art. Wenn solche Umstände
auch die moralische Verantwortung der Zeitgenossen verringern können, so
schließen sie doch nicht aus, daß jene Situationen der Ungleichheit das Zeichen
der Ungerechtigkeit und des sozialen Schadens an sich tragen. Wir müssen uns deshalb bewußt werden, daß die ökonomischen
Spannungen, die in den einzelnen Ländern oder zwischen den Staaten oder sogar
zwischen ganzen Kontinenten bestehen, in sich selbst wesentliche Elemente
enthalten, die die Menschenrechte einschränken oder verletzen: so zum Beispiel
die Ausbeutung der Arbeitskraft und der vielfältige Mißbrauch der Menschenwürde.
Daraus folgt, daß das grundlegende Kriterium für einen Vergleich zwischen den
sozialen, ökonomischen und politischen Systemen nicht das der beherrschenden
Macht ist und sein darf, sondern das des menschlichen Wertes sein kann und muß,
das heißt das Maß, in dem jedes von ihnen wirklich imstande ist, die
verschiedenen Formen einer Ausbeutung des Menschen möglichst zu verringern, zu
mildern und zu beseitigen und dem Menschen durch seine Arbeit nicht nur die
gerechte Verteilung der unerläßlichen materiellen Güter zu sichern, sondern auch
eine seiner Würde entsprechende Teilnahme am ganzen Produktionsprozeß und am
gesellschaftlichen Leben selbst, das sich in Verbindung mit diesem Prozeß
entfaltet. Wir dürfen nicht vergessen, daß der Mensch, wie sehr er auch zum
Überleben von den Vorräten der materiellen Welt abhängt, doch nicht ihr Sklave
sein darf, sondern ihr Herr. Die Worte aus dem Buch Genesis: »Bevölkert die
Erde, unterwerft sie euch« (Gen 1,28), bilden in einem gewissen Sinn eine
erstrangige, wesentliche Leitlinie für das Gebiet der Ökonomie und der
Arbeitspolitik. 18. Gewiß haben in diesem Bereich die ganze Menschheit und die
einzelnen Nationen im letzten Jahrhundert einen beachtlichen Fortschritt
gemacht. Aber immer wieder gibt es auf diesem Gebiet systematische Bedrohungen
und Verletzungen der Menschenrechte. Als Unruheherde bestehen oft weiterhin die
schrecklichen Ungleichheiten zwischen Menschen und Gruppen in übertriebenem
Reichtum auf der einen Seite und der zahlenmäßigen Mehrheit der Armen oder sogar
der Verelendeten auf der anderen Seite, die ohne Nahrung, ohne Arbeitsplatz und
Schule in großer Zahl zu Hunger und Krankheit verurteilt sind. Eine gewisse
Besorgnis ruft aber auch hervor, daß manchmal die Arbeit radikal vom Eigentum
getrennt ist und der Mensch seiner Arbeitsstätte gleichgültig gegenübersteht,
weil ihn nur ein Arbeitsvertrag mit ihr verbindet, ohne die Überzeugung, für ein
Gut zu arbeiten, das ihm gehören wird oder für ihn bestimmt ist. Es ist allgemein bekannt, daß der Graben zwischen der
übertrieben reichen Minderheit und der großen Menge der Armen ein sehr
schwerwiegendes Krankheitssymptom im Leben jeder Gesellschaft darstellt. Das
gleiche muß man mit noch stärkerem Nachdruck von dem Graben sagen, der einzelne
Länder und Regionen der Erde trennt. Gibt es einen anderen Weg, diese schwere
Ungleichheit, die Bereiche der Übersättigung den Bereichen des Hungers und der
Schwäche gegenübersetzt, zu überwinden als durch eine planvolle Zusammenarbeit
aller Nationen? Hierzu ist vor allem eine Einheit nötig, die sich an echter
Friedensbereitschaft inspiriert. Alles aber wird abhängen davon, ob diese
Unterschiede und Kontraste im Bereich des »Besitzens von Gütern« systematisch
und mit wirklich durchgreifenden Mitteln verringert werden, ob von der
ökonomischen Weltkarte die Zonen des Hungers, der Unterernährung, der
Verelendung, der Unterentwicklung, der Krankheit und des Analphabetismus
verschwinden werden und ob die friedliche Zusammenarbeit nicht neue Bedingungen
der Ausbeutung, der ökonomischen und politischen Abhängigkeit bringen wird, die
nur eine neue Form des Kolonialismus wären. 19. Nun möchte ich Ihre Aufmerksamkeit auf die zweite Art einer
systematischen Bedrohung richten, von der in der heutigen Welt der Mensch in
seinen unantastbaren Rechten betroffen ist und die nicht weniger als die erste
eine Gefahr für die Sache des Friedens darstellt: gemeint sind die verschiedenen
Formen von Ungerechtigkeit im geistigen Bereich. Man kann den Menschen tatsächlich auch in seiner inneren
Beziehung zur Wahrheit verletzen, in seinem Gewissen, in seinen persönlichsten
Überzeugungen, in seiner Weltanschauung, in seinem religiösen Glauben wie auch
im Bereich der sogenannten bürgerlichen Freiheiten, für die die Gleichheit der
Rechte entscheidend ist, ohne Diskrimination aufgrund von Abstammung, Rasse,
Geschlecht, Nationalität, Konfession, politischer Überzeugung u.a. Gleichheit
der Rechte meint den Ausschluß der verschiedenen Formen einer Privilegierung der
einen und der Diskriminierung der anderen, seien es Personen, die derselben
Nation entstammen, seien es Menschen mit verschiedener Geschichte, Nationalität,
Rasse oder Überzeugung. Der zivilisatorische Fortschritt drängt seit
Jahrhunderten in diese Richtung: dem Leben der einzelnen politischen
Gesellschaften eine Form zu geben, in der die objektiven Rechte des Geistes, des
menschlichen Gewissens und seiner Kreativität, eingeschlossen seine Beziehung zu
Gott, voll garantiert werden können. Und doch sind wir immer noch Zeugen von
Bedrohungen und Verletzungen, die in diesem Bereich wiederkehren, oft ohne die
Möglichkeit eines Rekurses bei höheren Instanzen oder wirksamer Gegenmaßnahmen.
Zusammen mit der Annahme von rechtlichen Formeln, die im Prinzip
die Freiheiten des menschlichen Geistes, wie z. B. die Gedankenfreiheit, das
freie Wort, die Religionsfreiheit und die Gewissensfreiheit, garantieren,
existiert oft eine Struktur des gesellschaftlichen Lebens, in der die Ausübung
dieser Freiheiten den Menschen dazu verurteilt, wenn nicht im formalen Sinne, so
doch de facto ein Bürger zweiter oder dritter Klasse zu werden, die eigenen
Möglichkeiten eines gesellschaftlichen Aufstiegs, des beruflichen Weiterkommens
oder des Zugangs zu bestimmten leitenden Stellen beeinträchtigt zu sehen, ja
sogar die Möglichkeit zur freien Erziehung der eigenen Kinder zu verlieren. Es
ist eine Frage von größter Wichtigkeit, daß im innerstaatlichen wie auch im
internationalen gesellschaftlichen Leben alle Menschen aus jeder Nation und aus
jedem Land, unter jedem Regime und politischen System ihre Rechte in ganzer
Fülle und bis in die Praxis hinein genießen können. Nur wenn jedem Menschen ohne Diskriminierung ein solch volles,
effektives Recht garantiert ist, ist auch der Friede an seinen Wurzeln gesichert.
20. Was die Religionsfreiheit betrifft, die mir als Papst in besonderer Weise am
Herzen liegen muß, gerade auch in ihrer Beziehung zum Schutz des Friedens, so
möchte ich hier als ideellen Beitrag zur Respektierung der geistigen Dimension
des Menschen einige Prinzipien anführen, die in der Erklärung
Dignitatis Humanae
des Zweiten Vatikanischen Konzils enthalten sind:
»Weil die Menschen Personen sind, d.h. mit Vernunft und freiem Willen begabt und
damit auch zu persönlicher Verantwortung erhoben, werden alle — ihrer Würde
gemäß — von ihrem eigenen Wesen gedrängt und zugleich durch eine moralische
Pflicht gehalten, die Wahrheit zu suchen, vor allem jene Wahrheit, welche die
Religion betrifft. Sie sind auch dazu verpflichtet, an der erkannten Wahrheit
festzuhalten und ihr ganzes Leben nach den Forderungen der Wahrheit zu ordnen« (Dignitatis Humanae,
2).
»Denn die Verwirklichung und Ausübung der Religion besteht ihrem Wesen nach vor
allem in inneren, willentlichen und freien Akten, durch die sich der Mensch
unmittelbar auf Gott hinordnet; Akte dieser Art können von einer rein
menschlichen Gewalt weder befohlen noch verhindert werden. Die Sozialnatur des
Menschen erfordert aber, daß der Mensch innere Akte der Religion nach außen zum
Ausdruck bringt, mit anderen in religiösen Dingen in Gemeinschaft steht und
seine Religion gemeinschaftlich bekennt« (Dignitatis Humanae,
3).
Diese Worte berühren den Kern des Problems. Sie zeigen auch, auf welche Weise
die Auseinandersetzung zwischen der religiösen und der agnostischen oder auch
atheistischen Weltanschauung, die eines der »Zeichen der Zeit« unserer Epoche
ist, doch korrekte und respektvolle menschliche Formen bewahren könnte, ohne die
wesentlichen Gewissensrechte irgendeines Mannes oder irgendeiner Frau auf dieser
Erde zu verletzen.
Der gleiche Respekt vor der Würde der menschlichen Person scheint auch zu
fordern, daß dann, wenn im Hinblick auf nationale Gesetze oder internationale
Konventionen der rechte Raum für die Ausübung der religiösen Freiheit diskutiert
oder festgelegt werden sollte, auch diejenigen Institutionen hinzugezogen werden,
die von ihrem Wesen her dem religiösen Leben dienen. Wenn man diese Beteiligung
übergeht, läuft man Gefahr, in einem so intimen Bereich des Menschenlebens
solche Normen oder Beschränkungen aufzuerlegen, die seinen wahren religiösen
Bedürfnissen widersprechen. 21. Die Organisation der Vereinten Nationen hat das Jahr 1979
zum »Jahr des Kindes« erklärt. Ich möchte deshalb vor den versammelten
Vertretern so vieler Nationen der Welt der Freude Ausdruck geben, die für jeden
von uns die Kinder bedeuten, der Frühling des Lebens, der Anfang der zukünftigen
Geschichte eines jeden hier vertretenen Vaterlandes. Kein Land der Welt, kein
politisches System kann anders an seine eigene Zukunft denken als nur mit dem
Blick auf diese neuen Generationen, die von ihren Eltern das vielfältige Erbe an
Werten, Verpflichtungen und Hoffnungen der Nation, zu der sie gehören, zusammen
mit dem Erbe der gesamten Menschheitsfamilie übernehmen. Die Sorge für das Kind
noch vor seiner Geburt, vom ersten Augenblick seiner Empfängnis an, und dann in
den Jahren der Kindheit und der Jugendzeit ist die erste und grundlegende Probe
für das Verhältnis des Menschen zum Menschen. Was könnte man also einer jeden Nation und der ganzen Menschheit
sowie allen Kindern der Welt Besseres wünschen als jene schönere Zukunft, in der
die Achtung der Menschenrechte voll und ganz zur Wirklichkeit wird nach den
Maßstäben des kommenden Jahres 2000? 22. Bei einer solchen Sicht müssen wir uns allerdings fragen, ob
über dieser neuen Generation die Bedrohung der allgemeinen Vernichtung noch
weiter zunehmen wird, für die die Mittel in der Hand der heutigen Staaten und
vor allem der größeren Mächte der Erde bereitliegen. Müssen sie vielleicht von
uns wie ein unausweichliches Erbe den Rüstungswettlauf übernehmen? Wie könnten
wir ihnen diesen hemmungslosen Wettlauf erklären? Die Alten pflegten zu sagen: »Wenn
du den Frieden willst, bereite den Krieg vor.« Kann unsere Epoche aber noch
daran glauben, daß die schwindelerregende Spirale der Aufrüstung dem Frieden in
der Weit dient? Während man die Bedrohung durch einen möglichen Feind anführt,
denkt man etwa daran, sich seinerseits ein Drohmittel in Reserve zu halten, um
sich mit Hilfe des eigenen Vorrats an Vernichtungskraft behaupten zu können?
Auch hier ist es wieder der dem Menschen dienende Sinn des Friedens, der daran
ist, sich aufzulösen zugunsten von immer neuen möglichen Imperialismen. Es drängt uns darum, von hier aus unseren Kindern, den Kindern
aller Nationen der Erde in feierlicher Form zu wünschen, daß es niemals so weit
komme. Und unablässig bete ich jeden Tag zu Gott, daß er uns in seiner
Barmherzigkeit vor einem solch schrecklichen Tag bewahre.
23. Am Ende dieser Ansprache möchte ich noch einmal vor allen hier anwesenden
hohen Repräsentanten der Staaten meine Wertschätzung und tiefe Liebe für alle
Völker, für alle Nationen der Erde, für alle menschlichen Gemeinschaften zum
Ausdruck bringen. Jede von ihnen hat ihre eigene Geschichte und Kultur: mein
Wunsch sei, daß sie in Freiheit und auf der Grundlage der eigenen Geschichte
leben und sich weiterentwickeln können. Denn dies ist der Maßstab für das
Gemeinwohl einer jeden dieser Gemeinschaften. Ferner wünsche ich, daß jeder
durch die moralische Kraft jener Gemeinschaft, die ihre Mitglieder zu Bürgern
formt, leben und gestärkt werden könne. Mögen die staatlichen Autoritäten die
wahren Rechte eines jeden Bürgers respektieren und sich dadurch um des
Gemeinwohls willen des Vertrauens aller erfreuen.
Weiterhin lautet mein Wunsch, daß alle Nationen, auch die kleinsten sowie jene,
die noch keine volle Souveränität besitzen oder denen sie gewaltsam genommen
wurde, sich in voller Gleichheit zusammen mit den anderen in der Organisation
der Vereinten Nationen einfinden können.
Möge die Organisation der Vereinten Nationen immer das oberste Forum für den
Frieden und die Gerechtigkeit bleiben, der maßgebende Ort für die Freiheit der
Völker und der Menschen in ihrer Sehnsucht nach einer besseren Zukunft.
© Copyright 1979 - Libreria Editrice
Vaticana
|
|