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PASTORALBESUCH IN DER BUNDESREPUBLIK DEUTSCHLAND

ANSPRACHE VON JOHANNES PAUL II. AN DIE LAIEN
MITARBEITER IM KIRCHLICHEN DIENST

Fulda, 18. November 1980

 

Brüder und Schwestern in Christus, liebe Mitarbeiter im kirchlichen Dienst!

Es war mir ein besonderes Anliegen, nach meiner Begegnung mit den Mitbrüdern im Priester- und Bischofsamt am Grab des hl. Bonifatius auch mit euch hier an diesem denkwürdigen Ort zusammenzutreffen, die ihr mit ihnen durch die Mitarbeit im Sendungsauftrag der Kirche die Last des Tages weitgehend teil. Ich freue mich über euer so zahlreiches Erscheinen und grüße euch alle von Herzen.

1. In der Kirche Jesu Christi war es seit ihrer Gründung ein entscheidendes Merkmal seiner Jünger, daß sie ein Herz und eine Seele waren. Zugleich entfaltete sich schon in den ersten christlichen Gemeinden eine Fülle von Diensten, Gaben und Aufgaben. Der hl. Paulus gebraucht zu wiederholten Malen das Bild des einen Leibes, der viele Glieder hat. Diese Dienste beschränkten sich keineswegs auf das durch die sakramentale Weihe vermittelte Amt. Beim Aufbau der Gemeinde, bei der Bezeugung des Glaubens, beim Dienst am Nächsten wachsen der Kirche vielfältige Aufgaben zu, die grundsätzlich jeder übernehmen kann, der Taufe und Firmung empfangen hat und in der Einheit der Kirche aktiv mitlebt.

Gerade in den jungen Kirchen kann das Evangelium nur wachsen, indem viele sich mit ganzem Einsatz diesen mannigfachen Diensten zur Verfügung stellen. Aber ist nicht im alten Europa, wo die Kirche immer mehr eingetaucht ist in eine säkularisierte Welt, genau dasselbe notwendig? Das Leben der Kirche auch in eurem Land ist mehr denn je auf viele angewiesen, die die Sache der Kirche zu ihrer eigenen machen, ihre Kraft und Zeit einsetzen, damit Kirche lebendig und glauwürdig bleibe und werde. Hier liegt zunächst das Hauptgewicht auf dem ehrenamtlichen Dienst, den Ungezählte neben ihrer beruflichen Arbeit oft mit großen Opfern ausüben. Es ist aber ein Zeichen für die Dynamik der Kirche, wenn Menschen sich mit ihrem ganzen Können und mit ihrer ganzen Zeit, also auch von Berufs wegen, der Kirche zur Verfügung stellen. Viele der Werke und Leistungen im pastoralen, sozialen und im Bildungsbereich, die für die Kirche eures Landes kennzeichnend sind, könnten nicht ohne hauptberufliche Mitarbeiter getan werden. Es ist mir eine Freude, heute dieser Gruppe zu begegnen, die entscheidend den Dienst der Kirche mitträgt. Die große Zahl der beruflich im Dienst der Kirche Tätigen ist eine Besonderheit eures Landes. Und ich weiß um die Pionierarbeit, die gerade die Frauen hierzulande vor allem in Caritas und Pastoral geleistet haben.

Schon gleich zu Anfang möchte ich allen ehrenamtlichen und hauptberuflichen Mitarbeitern im kirchlichen Dienst, durch den sie an der Heilssendung der Kirche wirksam teilnehmen, meine aufrichtige Dankbarkeit und Anerkennung zum Ausdruck bringen. Sie gelten allen ohne Ausnahme - wo immer sie arbeiten -, wenn ich mich auch aus zeitlichen Gründen im folgenden nicht eigens und ausdrücklich an jede einzelne Gruppe wenden kann.

Als Laie einen kirchlichen Beruf auzuüben, heißt oft, gegen die üblichen Lebensgewohnheiten ein klares Bekenntnis zur Kirche zu setzen, Ansprüche des kirchlichen Berufs, Ansprüche der Familie und Ansprüche des persönlichen Lebens miteinander in Einklang bringen zu müssen. Dies kann euch nur gelingen durch ein bewußteres Leben aus der Quelle, aus dem Heiligen Geist, den ihr in Taufe und Firmung empfangen habt. Ich möchte euch dazu ermutigen und euch einige Hinweise geben, wie ihr euren wichtigen Dienst aus diesem Geist verstehen und vollziehen könnt. Was der Herr zu Petrus gesagt hat: ”Stärke deine Brüder“, das empfinde ich als meinen Auftrag auch für euch. Was heißt das: euch stärken? Es heißt, euch ermutigen, aus dem Geist zu leben, der Jesus Christus erfüllte, der die Kirche leitet und zu ihrem Auftrag befähigt, der auch euch gegeben ist in Taufe und Firmung und Kraftquell für euren Dienst ist. Es ist der Geist der Liebe, der Geist des Zeugnisses, der Geist der Kinder Gottes, der Geist der Einheit.

2. Paulus schreibt in seinem Brief an die Gemeinde von Rom: ”Die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist“. So eröffnet sich Gottes Geist zunächst als Liebe. Sie ist zugleich seine Frucht und damit das Kennzeichen dafür, daß er am Werk ist; sie ist die höchste der Gnadengaben, das Charisma, das alle anderen übersteigt.

Die Kirche ist gesandt, diese Liebe, die letztlich Gott selber ist, den Menschen durch Wort und Tat zu verkünden und zu vermitteln. Sie kann ihren Dienst nur tun, wenn ein wenig vom heilschaffenden Inhalt ihrer Botschaft schon in dieser Welt greifbar wird. Von Anfang an war deshalb die Verkündigung des Wortes von der Tat der Liebe begleitet - ob beim Herrn selbst, der Kranke heilte und sich der Darbenden in der Wüste annahm; oder in der Zeit der jungen Kirche, aus der wir zum Beispiel von der speziellen Armenpflege in Jerusalem oder vom Ausgleich zwischen reichen und armen Gemeinden wissen. Diakonie in all ihren Formen gehört unverzichtbar zur Verkündigung des Evangeliums. Solche Diakonie gibt den Grundton aller Dienste in der Kirche an.

Liebe ist zugleich das Fundament und die Vollendung ieder Berufung, jeder Gnadengabe und jeder Aufgabe.

Laßt mich in diesem Zusammenhang aber auch ein besonderes Wort an diejenigen unter euch richten, die im Dienst der kirchlichen Caritas stehen.

Die Caritasarbeit hat in eurem Land eine große Geschichte seit der Gründung des Deutschen Caritas-Verbandes durch Lorenz Werthmann. Dieser Baum, den er Ende des vergangenen Jahrhunderts pflanzte, hat wirklich reiche Frucht getragen. In allen Schichten und Orten der Gesellschaft der Bundesrepublik sind die Mitglieder eures Verbandens präsent: sie sind dafür jung und alt, für Kinder und Familien, für Behinderte und Kranke. Mit fast 300000 Männern und Frauen im karitativen Dienst steht ein ganzes Heer von Helfern zur Verfügung - wirklich eine tragende Säule für das gesellschaftliche Leben der Bundesrepublik Deutschland.

Eigentlich brauche ich nicht zu betonen, daß dieser Einsatz für mich ein Grund zu großer Freude ist.

Zunächst einfach deshalb, weil ihr so viel Gutes tut; weil ihr Tränen abwischt und Hungernde sättigt; weil ihr Einsamkeit aufhebt, Schmerz lindert und Gesundung ermöglicht. Dann aber auch, weil euer Dienst beweist, daß ”alle Wege der Kirche zum Menschen führen“.

Es zeugt von einem instinktiven Wissen um Gottes Güte und um die Bindung der Kirche an Gottes Botschaft, wenn auch sogenannte gottlose oder areligiöse Gruppen bei uns, bei der Kirche, die Erfahrung der Güte und des Wohlwollens Gottes suchen. Für euch im karitativen Dienst der Kirche bedeutet dies freilich eine kaum zu überschätzende Verantwortung. Ihr steht gleichsam als Pfeiler im Strom einer sich wandelnden Gesellschaft, die zunehmend die Würde des Menschen bedroht, die der Alten, der unheilbar Kranken, wie auch seine Fähigkeit, das Leben weiterzugeben. Der Schutz all dieser Werte ist weithin euren Händen anvertraut. Von eurem Dienst hängt für viele die Glaubwürdigkeit der Kirche ab, in der sie der dienenden Liebe Christi begegnen wollen.

In der Tat, daran muß sich eure Arbeit orientieren. Daraus ergeben sich wie von selbst einige Folgerungen, die ich hier nur kurz andeuten kann. Hilfe am Nächsten fordert gut fundierte Sachkenntnisse, qualifizierte Ausbildung, Einsatz der besten Kräfte und Mittel. Anderseits braucht der Mensch weit mehr als nur technische Perfektion. Er hat ein Herz und will, daß ihm im Helfer auch ein Herz begegnet. Menschlichkeit kann nicht durch Apparaturen und Administraturen ersetzt werden. Das ist auch ein Grund, warum trotz des Gebotes von bester Fachkunde und besten Instrumenten der ehrenamtliche Mitarbeiter seinen Platz im karitativen Dienst behalten muß. Gewiß bedarf auch er der Schulung. Aber entscheidend ist seine Bereitschaft zu helfen; sein Auge für die Not; die Geduld, mit der er zuhört; seine Behutsamkeit ohne Routine, die nicht allein sein Können, sondern vor allem sich selbst einbringt.

Niemand macht sich Illusionen: auch der Dienst am Nächsten kann zur reinen Gewohnheit werden.

Wie arm ist der, der ihn betrachtet als einen bloßen Brotberuf mit hinlänglichem Einkommen und geregelter Arbeitszeit, ohne daß ihn Nächstenliebe und Evangelium über Zeiten der Ermüdung hinwegtragen könnten. Doch auch für den, der sich in diesem Dienst verzehren wollte für das Gute, der der Kirche dienen wollte, weil die Aufnahme der Botschaft Jesu an die Glaubwürdigkeit der Kirche geknüpft ist, auch für ihn kommt der Alltag. Mitleid vergeht, Großmut verbraucht sich, das Herz wird enttäuscht. Woher nimmt er die Kraft, in diesem Dienst auszuhalten? Zunächst wird er inne, daß dieser Anspruch seine eigene Kraft übersteigt. Er erinnert sich der Quelle, die die Liebe hervorbringt. Sollte ihm Gott die Kraft seines Geistes versagen, wenn er ihn bittet?

Da es der Heilige Geist ist, durch den Gottes Liebe in unsere Herzen ausgegossen wurde, kann es nur als vermessen gelten, wenn jemand, der den Dienst der Nächstenliebe zu tun hat, auf diesen Geist verzichtet, weil er sich mit der Liebe des eigenen Herzens begnügt. Haben nicht all jene, die in der Kirche als Vorbilder tätiger Nächstenliebe gelten, ihre Befähigung dazu vom Heiligen Geist erhalten? Viele von ihnen haben Bewegungen ins Leben gerufen und Gemeinschaften gegründet. In ihnen wurde eine Zeitlang wie selbstverständlich der Geist der Gründerzeit weitergegeben. Das ging um so leichter, weil es sich meistens um Ordensgemeinschaften handelte, die ja aufgrund ihrer Struktur leichter als andere Institutionen ihr geistliches Erbe bewahren können. Etwa 30000 der hauptamtlichen Mitarbeiter im karitativen Dienst sind auch heute noch Ordensleute. Und niemand sollte sagen, man könnte auf diese Ordensleute verzichten; denn sie weisen schon wegen ihres Erscheinungsbildes hin auf den inneren Zusammenhang des Dienstes am Menschen mit der Ermöglichung dieses Dienstes von Gott her. Niemand kann auf diejenigen verzichten, von denen wir Hilfe für das Notwendigste erhoffen: für die ständige Erneuerung und Bestärkung unserer eigenen Liebesfähigkeit durch jene Liebe, die Gott uns in seinem Heiligen Geist bereithält.

3. Der Geist, den Christus in unser Herz gibt, ist Geist des Zeugnisses. Nur im Heiligen Geist können wir bezeugen, daß ”Jesus der Herr ist“. Alle Christen sind zum Zeugnis befähigt und berufen. Besonders dringlich jene, die nicht nur in ihrem privaten, sondern auch in ihrem beruflichen Leben mit der Kirche verbunden sind, ”Menschen der Kirche“ sind. Jeder von uns muß sich fragen, ob sein persönliches Lebenszeugnis und sein öffentliches und berufliches Verhalten dem entspricht, was die Menschen von der Kirche und die Kirche von den Menschen erwartet.

Zeugnis des Glaubens wird bei manchen von euch zum direkten Inhalt des Berufes. Ich möchte mich unter diesen zunächst den Religionslehrern und Katecheten besonders zuwenden.

Oberflächlich betrachtet, scheinen heute viele Menschen mit einer bloß sachlichen Leistung, mit einem bloß brauchbaren Service zufrieden zu sein. Schaut man jedoch tiefer in den Menschen hinein, so zeigt sich oft große persönliche Unsicherheit, Sehnsucht nach Verstehen und Erschließung des Lebenssinnes. Im Grunde wollen viele Menschen, gerade Heranwachsende, vor allem erst einmal versuchen, sich selbst zu findem.

Sie können es nicht, ohne daß ihnen jemand den Weg weist, ohne daß sie, gerade solange sie noch jung sind, geleitet werden zur Entdeckung der Wahrheit über den Menschen, zur Wahrheit über die Welt und alles, was sie trägt. Ihr, die ihr im Auftrag der Kirche in Schulen und ähnlichen Einrichtungen das Fach Religion unterrichtet, leistet dazu einen Beitrag, der in seinem Gewicht kaum abzumessen ist. Ihr seid dazu in der Lage, weil eure Kirche mit Klugheit und Nachdruck gegenüber Staat und Gesellschaft die Möglichkeit zu schulischem Religionsunterricht bislang aufrechterhalten konnte Welche Chance zum Heil der jungen Menschen eures Volkes! Welche Chance für die Kenntnis des Evangeliums in eurem Land! Eine Chance, um die euch mancher nichtdeutsche Pädagoge und Seelsorger beneidet! Möge es euch mit der Hilfe Gottes gelingen, sie gut zu nutzen!

Das fordert von euch zunächst ein hohes Maß an Sachgerechtigkeit: qualifizierte Menschenführung und gediegene Theologie. Der Glaube drängt aus seiner inneren Dynamik nach dem Glaubensverständnis: fides quaerens intellectum. Er ist in einer bestimmten Hinsicht wie ein Stoff, der das ganze Aufgebot nimmermüder Forschung fordert und aushält. Er ist ein Inhalt, der wie mancher andere - ja offenbar mehr als mancher andere - die Fragenden anzieht und dem scharfen Verstand immer neue Möglichkeiten bietet, sich zu bewähren. Ich verstehe nur zu gut, daß sich so viele von euch ganz und gar der Theologie zugewandt haben, daß sich in eurem Land so viele als Laien dieser Wissenschaft widmen. Das theologische Studium hat schon auf der Ebene des Wissens seine Faszination. Welchen bewegenderen, lohnenderen Gegenstand unseres suchenden Geistes könnte es geben als das Wort, das Wort Gottes und schließlich ihn selbst, der sich in diesem Wort uns mitteilt?

Freilich ist der Inhalt dieses Wortes zu bedeutsam, als daß das Ergebnis solchen Forschens belanglos sein könnte. Was beim Menschen über den Sinn seines Lebens entscheidet, kann nicht ”ja“ und ”nein“ zugleich sein. Hier - wenn irgendwo - ist die Wahrheit gefragt; sie ist zu finden - jedenfalls in den Dimensionen, die sich uns Menschen enthüllen; sie ist zu verkünden - jedenfalls auf die Weise, die uns Menschen möglich ist.

Meinungen, Privatansichten, Spekulationen genügen dem schon nicht, der ihre Wirkung auf den Lebensweg des Menschen abwägt und dessen Ehrfurcht vor diesem Menschen wach ist. Sie können erst recht den nicht zufriedenstellen, der sich bewußt macht, daß er mit theologischen Antworten heranreicht an den Urgrund der Wahrheit selbst. Gott hat uns sein Wort geoffenbart, das wir nicht aus uns allein, aus der bloßen Kraft unseres Intellekts finden und annehmen können - so sehr es unserer Vernuft gegeben und aufgegeben ist, die Glaubwürdigkeit dieses Wortes und seine Entsprechung zu unseren menschlichen Fragen und Erkenntnissen zu erhellen. Es liegt in der inneren Logik der Offenbarung, daß dann aber auch die Wahrung und Auslegung dieses Wortes einer besonderen Gabe des Geistes bedarf. Daher muß das Studium der katholischen Theologie umfangen bleiben von der Bereitschaft, das verbindliche Zeugnis der Kirche zu hören und die Entscheidung derer anzunehmen, die als Hirten de r Kirche Verantwortung vor Gott für die Wahrung des Glaubensgutes haben. ”Die Prüfung, Anerkennung oder Zurückweisung einer Lehre gehören zur prophetischen Sendung der Kirche“, wie ich in meinem Brief an die Mitglieder der Deutschen Bischofskonferenz vom 15. Mai dieses Jahres geschrieben habe. Ohne die Kirche wäre Gottes Wort nicht überliefert und bewahrt worden; man kann das Wort Gottes nicht ohne Kirche haben wollen.

Das intellektuelle Verstehen des Glaubens muß freilich noch durch eine andere Seite ergänzt werden: Glaube will mehr als gewußt, er will gelebt werden. Im Neuen Testament selbst wird ein Glaube, der allein im Wissen aufginge, als Perversion abgelehnt - wenn beispielsweise der Jakobusbrief darauf verweist, daß auch die widergöttlichen Kräfte um den einzigen Gott wissen; doch da sie nicht mit ihrem Wesen dieses Wissen bejahen, bleibt ihnen nur, vor diesem Gott zu zittern; ihnen wird Strafe, nicht Heil zuteil.

Wenn Gott sein Wort an uns richtet, dann gibt er keine Daten kund über Sachen oder Dritte, er teilt uns nicht ”etwas“ mit, sondern sich selbst. Jesus ist als das unüberbietbare, dichte Wort der Selbstmitteilung Gottes zugleich Gott selbst. So fordert Gottes Wort eine Antwort heraus, die mit unserer ganzen Person zu geben ist. Gottes Wirklichkeit entgeht dem, der sich darauf beschränkte, sein Wort und seine Wahrheit nur als neutrales Forschungsobjekt zu betrachten. Die Gott als Gott angemessene Weise der Annäherung ist dagegen allein die Anbetung. Meister Eckehart, einer der großen Mystiker eures Volkes, hat darum seine Zuhörer aufgefordert, des ”gedachten Gottes quitt“ zu werden. Gott, der ein bloßes ”Er“ bleibt, läßt uns allein und leer. - Gott sagt Du zu uns. Wir Enden ihn nur, wenn auch wir Du sagen. So soll man - wie Eckehart sagt - Gott gegenwärtig haben ” im Gemüt, im Streben und in der Liebe“. Angemessen reagiere nur derjenige, der ganz durchdrungen sei von einer innigen, geistigen Hinwendung zum anwesenden Gott.

Dieselbe Hinkehr der ganzen Person beansprucht auch Jesus für sich, wenn er die Botschaft vom Vater bringt. Sein Wort versteht sich nicht als die Vermittlung von bloßer Sachinformation, sondern als Aufruf zur Nachfolge. Seine Predigt zielt auf das Zeugnis, das in der Lebenshingabe der ersten Jünger seine größte Eindeutigkeit gewinnt. Seine Botschaft will, über die Gemeinsamkeit im Wissen hinaus, die personale Bindung an ihn, oder - wie es das Apostolische Schreiben ”Catechesi Tradendae“ sagt - ”die Lebenseinheit mit Jesus Christus“.

So ist auch euer Zeugnis, liebe Mitarbeiter in unserer Kirche, für die Weitergabe der Boschaft Jesu unverzichtbar. ”Verba docent, exempla trahunt“ - das wußten schon die Römer; und kürzlich stand in einem Hirtenbrief afrikanischer Bischöfe zu lesen: ”Kinder lernen mehr durch Sehen als durch Hören“. Im Zeugnis liegt der wichtigste Dienst, den ihr Religionslehrer euren Schülern leisten könnt, auf daß sie im Umgang mit euch ein wenig von der Freundlichkeit des Herrn erleben; daß Ehrfurcht vor Gott und Bindung an die Kirche aus eurem Verhalten erkennbar werden; daß ihr ihnen die Hochschätzung des Gebetes und der Eucharistiefeier nicht nur mit Worten, sondern auch durch euer persönliches Lebenszeugnis vermittelt.

4. Der Geist, den uns der Sohn Gottes mitteilt, macht auch uns zu Söhnen und Töchtern Gottes.

Gott hat uns nicht den Geist der Knechtschaft, sondern der Kindschaft geschenkt. Das soll man uns anmerken, das soll ausstrahlen von unserem Dienst. Die Kirche soll von uns einladend, anziehend dargestellt werden, eben als Familie Gottes. Freilich erfordert das auch, daß wir keine Sklavenhaltung, kein bloßes Rechnen und Rechten an den Tag legen. Und es fordert zugleich die Verantwortlichen in der Kirche heraus, dieser ”neuen Art“ des Evangeliums im Umgang mit den Mitarbeitern Rechnung zu tragen.

Zwei Gruppen von Diensten stehen mir hier besonders vor Augen: jene von euch, die in der kirchlichen Verwaltung arbeiten und so das äußere Bild der Kirche in ihrem Verhalten gegenüber der Öffentlichkeit erheblich mitbestimmen - und dann die große Zahl derer, die unmittelbar im pastoralen Dienst stehen, im Dienst an der Familie Gottes, als Gemeinde- und Pastoralreferentinnen und -referenten, als Pastoralassistentinnen und -assistenten.

An euch, liebe Mitarbeiter in der Pastoral, will ich mich nun eigens wenden. Verglichen mit den Hauptberuflichen in anderen kirchlichen Aufgaben seid ihr zwar klein an Zahl. Doch euer Dienst hat unter allen Laiendiensten einen besonderen Rang; denn er hilft mit beim Aufbau der Gemeinden, bei der Bezeugung des Evangeliums in den verschiedenen Gruppen der Gemeinde und in den verschiedenen Lebenssituationen, bei der Hinführung der Fernstehenden zur Kirche, bei der Formung ehrenamtlicher Mitarbeiter.

Der Aufbruch im Engagement der Laien für den Heilsdienst an anderen Menschen straft alle Pessimisten Lügen. Wie viele junge Leute sind doch bereit, diesen Dienst anzutreten! Niemand, der das bedenkt, sollte behaupten, das Evangelium hätte seine Anziehungskraft verloren. Denn jeder, der sich zu diesem Dienst aufmacht, hat ja seine eigene Geschichte. Ihr habt diesen Weg wohl kaum angetreten unter dem Beifall der öffentlichen Meinung, sondern unter kritischen Bemerkungen von Klassenkameraden und machmal sogar von Angehörigen. Nach vieler Meinung kann man die Bereitschaft, dem Leben der Mitmenschen eine Stütze aus dem Glauben zu geben, nicht zum Beruf machen. Das sei absolut unzeitgemäß. Und wenn dazu noch die künftigen Konturen dieses Dienstes nicht ganz eindeutig, machmal unkalkulierbar sind, grenzt die Wahl dieses Weges in den Augen mancher schon an Unvernünftigkeit.

Aber ihr ahntet, daß das Wort Gottes und der Auftrag der Kirche Menschen braucht und daß ihr euch dieser Notwendigkeit nicht entziehen dürft. Und ich bin sicher, daß ihr inzwischen nicht nur die Last solcher Verpflichtungen gespurt habt, sondern auch bereits der Dankbarkeit vieler Menschen begegnet seid. Solche Dankbarkeit aber ist die schönste Bestätigung für die Sinnhaftigkeit unserer Arbeit.

Daran ist festzuhalten, auch wenn die weitere Klärung eures Berufsbildes noch einiges an Überlegungen nötig macht; wenn ihr nicht von allen in den Gemeinden jene Annahme und Bestätigung erfahrt, die ihr euch erhofft hattet. Mir scheint wichtig, daß ihr - vor allem in Härtesituationen - mit Klugheit vorangeht und euch an den Idealismus des Anfangs erinnert, daß ihr die anderen Mitarbeiter sowie die Gemeinden allmählich zu überzeugen versucht. Wir glauben ja alle daran, daß ein und derselbe Geist sowohl die Gemeinden und die Herzen der Menschen lenkt als auch euren Dienst in der Kirche ins Leben gerufen hat. Gerade in den Augenblicken der Bedrängnis seid ihr aufgerufen, euch diesem Geist zu überlassen.

Ich weiß, daß dieser mein Rat von großem Anspruch an euch ist. Er beinhaltet, daß sich jemand nicht anstecken läßt vom ständigen Nachrechnen der Arbeitsstunden und des Anrechts auf Freizeit, obschon solches jeden Tag in der Zeitung steht; daß er sein Denken in Stufenleitern der Beförderung hinter sich lassen muß, obschon es in unserer Gesellschaft gang und gäbe ist; daß so immer mehr die Identifikation gelingen soll, nicht mit der sündenlosen Kirche, die wir alle uns erträumen, sondern mit der heutigen konkreten Kirche, die nicht aufhört, mit menschlicher Schwäche behaftet zu sein.

Solche Identifikation macht keineswegs blind, sondern in rechter Weise sehend, nämlich für das Gute, das man ja nur mit dem Herzen - das heißt mit dem Blick des Wohlwollens - entdeckt. So gelingt es, das Positive aufzuspüren und überzeugend zu verkünden: Entscheidungen der Träger kirchlicher Verantwortung, der Bischöfe und der Priester, kann man zunächst zu verstehen versuchen, auch wenn andere sie zunächst kritisieren; nicht Skepsis ist die Devise, die Pflege der inneren Distanz, sondern der Vertrauensvorschuß.

Und ein Letztes: Es gibt in der Pastoral auch den Dienst des Ständigen Diakons, der sich aus dem Ruf Gottes der sakramentalen Gnadengabe öffnet, um vom Altar her als der geistlichen Mitte der Kirche den Menschen helfend und bezeugend nahe zu sein. Liturgie und Verkündigung, Pastoral und Diakonie zeigen hier ihre innige Verbindung. Wenn ihr den Ruf Gottes dazu vernehmt, so bitte ich: öffnet euch dafür!

5. Der Geist, den ihr empfangen habt, ist schließlich der Geist der Einheit. Die vielen Dienste sind Ausdruck und Gaben des einen Geistes. Jeder muß den Mut und die Bescheidung haben, ja zu sagen zu einer besonderen Gabe und Aufgabe. Das heißt aber zugleich: ich soll Glaube und Aufgabe meines Nächsten so ernst nehmen und so hoch schätzen wie meine eigenen.

Zusammenwirken, Rücksicht nehmen aufeinander, bereit sein zu immer neuer Versöhnung, zum immer neuen Anfang miteinander, das ist nicht weniger wichtig als die Treue zum eigenen Auftrag. Einheit, das heißt nicht zuletzt: offene, gute, geduldige, verständnisvolle Zusammenarbeit zwischen Priestern, Diakonen und Laien. Nur wenn alle sich darum mühen, kann das Zeugnis jener Einheit gelingen, ”damit die Welt glaube“.

Eine ganz besondere Bitte schließt hier an: Macht auch die Sorge der Kirche um Priester- und Ordensberufe zu der euren!

Ihr alle sollt meiner Verbundenheit mit eurem Dienst gewiß sein. Tragt bitte auch ihr den meinen mit! Dann wird der Geist des Herrn auch durch uns das Antlitz der Kirche und der Erde erneuern.

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