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ANSPRACHE VON JOHANNES PAUL II.
AN DEN DEUTSCHEN BUNDESPRÄSIDENTEN*

Donnerstag, 28. Oktober 1982

 

Sehr verehrter Herr Bundespräsident!

1. In froher Erinnerung an meine Pastoralreise in die Bundesrepublik Deutschland heiße ich Sie und Ihre Begleitung sehr herzlich im Vatikan willkommen. Ich danke Ihnen für Ihren heutigen offiziellen Besuch, durch den Sie zugleich meine Begegnung mit Ihnen und mit verantwortlichen Vertretern aus Staat und Gesellschaft im Schloß Augustusburg erwidern.

Ich grüße in Ihnen den höchsten Repräsentanten eines Volkes, das sich durch seine Lebenskraft und geistige Ausstrahlung in der Gemeinschaft der Völker einen angesehenen Platz erworben hat. Seine Geschichte und Kultur, denen ich schon während meines Pastoralbesuches meine hohe Wertschätzung bekunden durfte, sind von ihren frühen Anfängen an tief geprägt von der fruchtbaren Begegnung mit dem Christentum. Auch heute noch bekennt sich – trotz tiefgreifender geistiger Wandlungen in der modernen, säkularisierten Welt – der weitaus größte Teil der deutschen Bürger zur christlichen Religion.

2. Meine denkwürdige Deutschlandreise und Ihr heutiger persönlicher Besuch unterstreichen die freundschaftlichen Beziehungen, die auch auf offizieller Ebene zwischen der Bundesrepublik Deutschland und dem Heiligen Stuhl bestehen. Sie sind zugleich getragen von einem vertrauensvollen partnerschaftlichen Verhältnis zwischen Staat und Kirche in Ihrem Land. Das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland garantiert ihre gegenseitige rechtliche und organisatorische Unabhängigkeit. Über die verfassungsrechtlichen Bestimmungen hinaus besteht – im Einklang mit einer bewährten geschichtlichen Tradition – auch eine Reihe von Konkordaten und gemeinsamen Vereinbarungen, die in besonderem Maße geeignet sind, das gute Einvernehmen und Zusammenwirken zwischen Staat und Kirche auf Dauer und im Geist echter Partnerschaft zu gewährleisten.

Mit Freude dürfen wir feststellen, daß das Verhältnis von Staat und Kirche in der Bundesrepublik Deutschland der Kirche in beispielhafter Weise ein hohes Maß an Freiheit gewährt. Es bietet ihr günstige äußere Voraussetzungen für die Erfüllung ihres Auftrages, nämlich der Verkündigung der Frohen Botschaft durch das Wort und das karitative Werk. Die Kirche betrachtet dabei ihren Auftrag als einen Dienst am Menschen, der zugleich Bürger des Staates und Christ ist.

3. Die Freiheit, deren sich die Kirche in Ihrem Land erfreut, gibt ihr auch eine gesteigerte Verantwortung in der aktiven Mitgestaltung der Gesellschaft. Dieser konkrete Dienst der Kirche ist um so dringlicher in einer Zeit, da eine wachsende Mißachtung menschlicher Grundwerte die Fundamente der gesellschaftlichen Ordnung untergräbt und den Menschen selbst in seiner innersten Würde bedroht. Ich freue mich über den Ernst, mit dem in Ihrem Land in der Öffentlichkeit unter lebhafter Beteiligung der Kirche über die unverzichtbaren Grundlagen für ein gutes Zusammenleben der Menschen diskutiert wird. Staat und Kirche müssen sich in verstärktem Maße um die Wahrung allgemeinverbindlicher Werte bemühen. Ich bekunde Ihnen, sehr verehrter Herr Bundespräsident, meine aufrichtige Wertschätzung für das hohe Engagement, mit dem Sie persönlich aus christlicher Überzeugung für die Verteidigung dieser Grundwerte in der heutigen Gesellschaft eintreten und diese vor allem der Jugend immer wieder als verpflichtende Aufgabe vor Augen stellen.

In diesem Zusammenhang kommt dem wirksamen Schutz und der Förderung der Familie, des ”Ursprungs und Fundaments der menschlichen Gesellschaft“, wie das Konzil sie nennt (Apostolicam Actuositatem, 11), eine außerordentliche Bedeutung zu. Aus derselben Überzeugung stellt auch die Verfassung Ihres Landes die Ehe und Familie ”unter den besonderen Schutz der staatlichen Ordnung“ (Art. 6). Denn es gibt in der heutigen Gesellschaft kaum etwas, was zugleich so zukunftsweisend und so bedroht ist wie diese ursprünglichste der menschlichen Gemeinschaften. Dasselbe gilt in zunehmendem Maße für das menschliche Leben selbst. Möge der Auftrag Ihrer Verfassung zur Sicherung und Förderung der Familie voll zur Ausführung gelangen und das Leben als das höchste dem Menschen anvertraute irdische Gut wieder neu die ihm gebührende uneingeschränkte Achtung erfahren. Es ist mein aufrichtiger Wunsch, daß die Initiative ”Wähle das Leben“, die die deutsche Kirche in diesen Wochen in Ihrem Land begonnen hat, möglichst viele ermutigt, im privaten und öffentlichen Bereich das menschliche Leben zu schützen und zu fördern.

4. Als ein besonders gelungenes Werk staatlich-kirchlicher Zusammenarbeit in der Bundesrepublik Deutschland möchte ich den Einsatz zugunsten der Völker in der Dritten Welt erwähnen. Angesichts des Elends und der großen Not, die in vielen Völkern, statt sich zu verringern, noch immer zu wachsen scheinen, ist sehr zu wünschen, daß die deutsche Bevölkerung ihre hochherzigen Hilfeleistungen durch Staat und Kirche unvermindert fortsetzt. Ebenso verfolge ich mit großer Anteilnahme die Anstrengungen der christlichen Kirchen, aber auch anderer Gruppen, die sich in Ihrem Land um ein gutes Klima und um geeignete Entfaltungsmöglichkeiten für die Ausländer bemühen, die bei Ihnen Gastrecht gefunden haben. Es würde einem humanen Fortschritt im besten Sinn dienen, wenn es gelänge, auch in der Ausländerfrage so wirkungsvoll zwischen Staat und Kirche zum Wohl der betroffenen Menschen zusammenzuwirken, wie dies seit vielen Jahren in der Hilfe für die Entwicklungsländer geschieht.

Wichtige Bereiche für eine enge Zusammenarbeit zwischen der Bundesrepublik Deutschland und dem Heiligen Stuhl sind vor allem die gemeinsame Sorge für einen dauerhaften Frieden unter den Völkern und der Einsatz für die Verwirklichung einer größeren sozialen Gerechtigkeit in der Welt. Die Erhaltung des Weltfriedens erfordert das energische Eintreten für die Achtung der Menschenrechte und entschlossene Anstrengungen für eine allgemeine Abrüstung. Kühne und schöpferische Entscheidungen sind erforderlich, um innerhalb der ganzen Menschheitsfamilie den Geist der Solidarität und weltweiter Hilfsbereitschaft zu festigen, der allein die Menschen und Völker vor neuem, noch größerem Unheil zu bewahren vermag.

Im Hinblick auf unsere gemeinsame Verantwortung für Europa wiederhole ich die Worte, die ich am Ende meines Pastoralbesuches in München gesagt habe: ”Wir müssen alles in unserer Macht Stehende tun, um dem Leben und dem Zusammenhalt der Menschen und Nationen dieses Kontinents eine neue Grundlage und Form zu geben und so die Folgen der entsetzlichen Erfahrung unseres Jahrhunderts zu überwinden“ (IOANNIS PAULI PP. II Allocutio in urbe Monacensi habita, 2, die 19 nov. 1980: Insegnamenti di Giovanni Paolo II, III, 2 (1980) 1377); Folgen, die auch Deutschland noch immer spürt.

5. Sehr verehrter Herr Bundespräsident! Ich kann meinen Willkommensgruß an Sie und Ihre Begleitung nicht schließen, ohne daß ich in Ihnen zugleich alle Bürger Ihres geschätzten Landes, besonders die Katholiken unter ihnen und alle, die sich zum christlichen Glauben bekennen, herzlich grüße. Die Konfessionen haben durch einen langen, schmerzhaften Prozeß zu einem brüderlichen Miteinander gefunden im Bewußtsein der Gemeinsamkeiten des Glaubens und der Verantwortung für das Gemeinwesen. Möge der innere und äußere Frieden Ihrem Land stets erhalten bleiben und sich in Freiheit und sozialem Fortschritt weiter festigen. Ihnen und der Deutschen Bundesregierung sowie allen Ihren Mitbürgern erbitte ich von Herzen Gottes bleibenden Schutz und Segen.


*AAS 75 (1983), S. 46-49.

Insegnamenti di Giovanni Paolo II, Bd. V, 3 SS. 953-956.

L’Attività della Santa Sede 1982 SS. 762-764.

 

© Copyright 1982 - Libreria Editrice Vaticana

         

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