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PASTORALBESUCH IN DER SCHWEIZ

ANSPRACHE VON JOHANNES PAUL II.
AN DIE JUGENDLICHEN AUS DER DEUTSCHSPRACHIGEN SCHWEIZ

Sportplatz der Benediktinerabtei Einsiedeln
Freitag, 15. Juni 1984

 

Meine lieben, jungen Freunde!

1. Der Heutige Abend soll ganz euch gehören. Dies ist für mich eine große Freude. Meine Begegnungen mit den Jugendlichen in den verschiedenen Ländern und Kontinenten während meiner Pastoralbesuche sind mir unvergeßlich und besonders teuer. Denn ich setze viel Hoffnung gerade auf euch, junge Menschen und Christen. Ihr seid die Zukunft der Welt und der Kirche. Dafür tragt ihr eine große Verantwortung. Ich habe soeben mit Delegierten eurer Jugendverbände gesprochen. Sie haben mir ihre Erfahrungen und ihre Ängste, ihre Erwartungen und Hoffnungen anvertraut. Jetzt möchte auch ich meine Gedanken, Anliegen und Sorgen euch ans Herz legen und euch bitten, mit mir zusammen euren Auftrag in Kirche und Welt zu bedenken. Ich tue es in großer Dankbarkeit für eure Gegenwart und auch für eure Seelsorger, der ihre Kraft ganz in den Dienst der Jugend stellen.

Ihr fragt euch oft, allein oder in Gemeinschaft: ”Was macht im letzten mein Lebens aus? Wo finde ich unbedingt Erstrebenswertes, das meinem Leben Sinn und Halt gibt, Beständigkeit und Zuverlässigkeit verleiht?“. Mit einer euch jungen Menschen eigenen Sensibilität ringt ihr um die tieferen Fragen nach dem Woher, dem Wozu, dem Wohin des Lebens; haltet ihr Ausschau nach wahren Werten, die für euch wichtig sind; sucht ihr nach Idealen, die euer Leben bereichern und für die zu kämpfen ihr bereit seid. Ich rufe euch zu: Laßt euch von eurem Suchen nicht abhalten, gebt euch nicht mit billigen Antworten zufrieden, prüft mit wachen Augen, was euch zum wahren Lebensglück dient.

Ein weiteres: Ihr jungen Menschen spürt in einer besonderen Weise die große Verantwortung für das Leben und Überleben der Menschen in unserer gefährdeten Welt. Deshalb sprecht ihr sehr freimütig und offen eure Ängste aus; eure Angst vor dem stets größer werdenden Gefälle der Ungerechtigkeit zwischen Reichen und Armen, eure Angst vor der Gefährdung des Friedens in unserer Welt durch die ungeheure atomare Aufrüstung und eure Angst vor dem Verlust des Lebenssinnes durch die in unseren Gesellschaften weitverbreitete Konsumhaltung. Ich teile eure angstvollen Sorgen und Befürchtungen, denn es sind auch meine Sorgen, die ich schon oft ausgesprochen habe. Behaltet den Mut zu eurem besorgten Fragen und Suchen! Denn es ist unvernünftig, keine Angst haben zu wollen oder sie gar zu verdrängen dort, wo Angst uns Menschen im Blick auf unsere Welt wirklich geboten ist. Ihr jungen Menschen seid manchmal noch die einzigen, die ihre Befürchtungen und Ängste aussprechen. Das ist euer Recht und eure Pflicht gegenüber einer Welt und Gesellschaft, die ihr selbst noch nicht zu verantworten habt und die euren berechtigten Hoffnungen und Idealen in vielem nicht entspricht.

2. Laßt euch jedoch durch eure Ängste nicht mutlos machen. Tragt Sorge dafür, daß ihr in eurem Lebenswillen und in eurer Suche nach einem sinnvollen Lebensstil nicht resigniert. Denn Resignation ist eine Form der Anpassung an die Hoffnungslosigkeit der heutigen Zeit, und zwar die ohnmächtigste Form. Ihr aber seid die Hüter der Flamme der Hoffnung in dieser Welt. So wie euer Feuer, das ihr an Pfingsten entzündet habt, jetzt die beginnende Nacht erhellt, so sollt auch ihr immer wieder das Licht suchen in der Dunkelheit eures Lebens und unserer Welt. Und dieses Licht läßt auf diesem Platz das eigentliche und wahre Zeichen der Hoffnung sichtbar werden: das Kreuz, das euch an ein Ostertreffen erinnert. Dieses Kreuz ist das Standbild der Hoffnung und Zukunft für unsere Welt. Von ihm kommt uns die Stimme desjenigen entgegen, den die Menschen nicht ertragen und ans Kreuz geschlagen haben, der uns aber wie niemand sonst Mut macht: ”In der Welt habt ihr Angst; aber habt Mut: Ich habe die Welt besiegt“ (Joh 16, 33). Richtet deshalb euren Blick und eurer Herz immer wieder auf das Kreuz und betet den Gekreuzigten an. Von ihm strömt Lebenskraft aus, damit ihr nicht verzweifelt, sondern den langen Atem der Hoffnung bewahrt.

Ihr wollt, daß euer Leben nicht sinnlos und belanglos wird, sondern daß es gelingt und glückt. Das war der Ausgangspunkt unserer Überlegungen. Auf die alles entscheidende Frage, wie dies zu erreichen ist, kann es für mich, und so hoffe ich, auch für euch nur eine Antwort geben: Glauben! Denn genau dies heißt ”glauben“ : bis in die letzten Fasern eures Lebens hinein euch auf den lebendigen Gott selber einzulassen und euren Alltag von ihm her, mit ihm und auf ihn hin zu leben. Gott selbst ist ja ungewöhnlich, ja er sprengt all unsere Vorstellungskraft: Unserer Zeit ist es vorbehalten, daß wir dank der Naturwissenschaften Einblicke in die Geheimnisse des Lebens tun dürfen, Einblicke in die großartigen Gesetze der Ordnung des Makrokosmos und des Mikrokosmos gewinnen, hinter denen wir die Größe des Schöpfergottes zu ahnen vermögen. Und dieser Gott ist ungewöhnlich, denn er ist selber einer von uns geworden, ist das Wagnis des Lebens mit uns eingegangen. Zusammen mit diesem alle menschlichen Grenzen sprengenden Gott kann auch euer Leben zu einem ungewöhnlich reichen und faszinierenden Abenteuer werden.

3. Dieser lebendige Gott begegnet euch in Jesus Christus. In ihm, in Jesus Christus, offenbart sich euch das ganze Wesen dieses Gottes, das lauter Liebe ist. Mit dieser Liebe spricht Gott jeden einzelnen von euch als Sohn, als Tochter an. Und nichts und niemand soll euch von dieser Liebe Gottes in Christus trennen (Röm 8, 39), in welcher euer ganzes Leben mit all seinen Rätseln geborgen ist.

Jeder einzelne begegnet Christus und seiner befreienden Botschaft auf ganz persönliche Weise. Ich ermutige euch: Tretet vor ihn. Laßt euch ansprechen von ihm. Setzt euch auseinander mit ihm. Er lehrt euch Grundhaltungen, mit denen das Leben menschenwürdig zu meistern ist. Er befreit euch von Manipulation und Vereinnahmung durch Modetrends und Meinungsmacher. Er führt euch einen Weg, auf dem ihr euch selber erkennen und zu euch finden könnt, wer ihr seid, wofür ihr lebt und was das Ziel eures Lebens ist. Er führt euch zu eurer ewigen Bestimmung in Gott.

Seid also offen für den Anruf Gottes in Christus. Vernehmt daraus, was Gott für euer Leben will, und antwortet ihm durch euren Glauben. ”Glauben“ - dies ist unsere Kurzformel für den ”alternativen Lebensstil“, den ihr sucht und zu dem ich euch heute abend gerne ermuntern möchte.

4. Christsein, liebe, junge Freunde, bedeutet bereits ja sagen zu einem alternativen Leben, das sich nicht in den Bahnen dieser Welt erschöpft, sondern das Sinn und Ziel im Geheimnis Gottes hat. Christsein bedeutet bereits ja sagen zu einem alternativen Leben, das nicht mit allem einverstanden ist, was auf dieser Erde geschieht, sondern sich selbst kritisch einbringt und am Aufbau einer immer gerechteren Welt mitarbeitet. Christsein bedeutet bereits ja sagen zu einem alternativen Leben, das nicht alles für erlaubt hält, was der Mensch zu tun vermag, sondern das seine Verantwortung wahrnimmt für die gesamte Schöpfung, nämlich Leben zu erhalten, es zu beschützen und weiterzugeben.

Denn Christsein bedeutet, sich zu Christus zu bekennen, der von sich gesagt hat: ”Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“ (Joh 14, 6). Im Bekenntnis zu ihm, dem menschgewordenen Gott, dem gekreuzigten und auferstandenen Herrn, könnt ihr auf sein Wort hin euer Leben wagen; braucht ihr nicht zu resignieren vor euren eigenen Schwierigkeiten noch angesichts der großen Probleme unserer Zeit; im Bekenntnis zu Christus werdet ihr erkennen, daß die Wahrheit euch frei macht, die Lüge des Menschen aber knechtet; ist es euch möglich, in jedem Menschen den Bruder, die Schwester zu sehen, über alle Schranken der Rasse, der Religionen, der politischen Grenzen hinweg. Im Bekenntnis zu Christus habt ihr an einem Leben Anteil, das alle Ausweglosigkeit und Verzweiflung, ja selbst den Tod besiegt hat. Denn Gott hat uns in der Auferstehung Christi das Kreuz als Ort der Hoffnung und des Sieges über alles Leiden, über Schuld und Todesverfallenheit geschenkt. Christus ist daher der einzig gültige ”alternative“ Weg zu den vielen Irrwegen dieser unserer Welt.

5. Zu diesem ”alternativen Lebensstil“ gehört auch, daß ihr nicht bloß Einzelkämpfer seid, sondern daß ihr euch zu einer lebendigen Gemeinschaft zusammenschließt und teilenehmt an der weltweiten Gemeinschaft der Kirche. Denn die Kirche ist die Gemeinschaft der Glaubenden und Hoffenden, die aus der Kraft des Kreuzes Jesu Christi heraus leben. Vielleicht allerdings habt ihr manchmal den Eindruck, daß die Kirche zu wenig eine solche Gemeinschaft ist. Ihr mögt auch mitunter Schwierigkeiten mit ihr haben. Ich kann eure Sorgen verstehen. Ich möchte euch aber heute abend ein Zweifaches sagen und euch um ein Doppeltes bitten:

Habt Geduld mit der Kirche! Die Kirche ist immer auch eine Gemeinschaft von schwachen und fehlerhaften Menschen. Und ich möchte hinzufügen: Das ist zugleich unser aller Glück. Denn in einer Kirche von nur Vollkommenen hätten wir wohl selber keinen Platz mehr. Gott selbst will eine menschliche Kirche. Deshalb kann es auch Kritik an der Kirche geben, aber sie muß fair sein und getragen von großer Liebe zur Kirche. Gott hat sein Heilswerk, seine Pläne und Anliegen in die Hand von Menschen gelegt. Dies ist gewiß ein großes Wagnis; aber es kann keine andere Kirche geben als die von Christus gestiftete. Er will uns Menschen als seine Mitarbeiter in der Welt und in der Kirche mit all unseren Mängeln und Unzulänglichkeiten, aber auch mit all unserem guten Willen und unseren Fähigkeiten. Er will auch euch!

Deshalb meine zweite Bitte an euch: Stellt euch der Kirche zur Verfügung und arbeitet mit der Art und Weise, wie es dem Ruf Jesu Christi an euch entspricht! Folgt Jesus Christus nach! Stellt euer Leben in seinen Dienst! Dies gibt eurem Leben tiefsten Sinn und Inhalt. Zögert nicht, aufs Ganze zu gehen und ihm auch dann zu folgen, wenn er euch wie dem reichen jungen Mann sagt: ”Verkauf alles, was du hast, verteil das Geld an die Armen, und du wirst einen bleibenden Schatz im Himmel haben; dann komm und folge mir nach!“ (Luk 18, 22). Stellt so eure jugendlichen Talente auch der Kirche vorbehaltlos zur Verfügung! Die Kirche braucht euch an vielen Stellen, vor allem auch im Priester- und Ordensberuf. Ihr seid die Zukunft der Kirche. Ihr selbst seid verantwortlich dafür, daß die Kirche jung bleibt und immer wieder jung wird.

 

© Copyright 1984 -  Libreria Editrice Vaticana

 

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