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PASTORALBESUCH IN DER SCHWEIZ

ANSPRACHE VON PAPST JOHANNES PAUL II.
AN DIE PATIENTEN DES REGIONALSPITALS EINSIEDELN

Einsiedeln
Samstag, 16. Juni 1984

 

Liebe Brüder und Schwestern!

1. Gottes Güte hat es gefügt, daß mich mein Pilgerweg durch euer geliebtes Vaterland in eure unmittelbare Nähe führte. Deshalb möchte ich euch und alle, die sich eurer hier in diesem Regionalspital in Liebe annehmen, durch meinen kurzen Besuch von Herzen grüßen. Ich tue dies mit dem Friedensgruß des auferstandenen Herrn: ”Friede sei mit euch!“ (Joh 20, 21) und richte diesen zugleich an alle Kranken in eurem Land.

Wie jeder Diener des Evangeliums, der frohmachenden Botschaft vom erlösenden Leiden Christi, komme ich zu euch als Bruder. Ich bringe euch keine neue Botschaft, wohl aber eine bewährte, die das Leben und das Kranksein, ja sogar das Sterbenmüssen verwandeln und neu machen kann. Das Evangelium und der christliche Glaube, in dem ich euch im Auftrag Christi heute bestärken darf, sind besonders für euch in der bitteren Erfahrung menschlicher Hinfälligkeit und Not eine Frohe Botschaft. Sie lindern zwar nicht den äußeren Schmerz, machen ihn aber erträglicher, indem sie uns einen Weg zu seinem tieferen Sinn und Verständnis eröffnen.

2. In den Augen der Welt ist Leiden, Kranksein, Sterben etwas Schreckliches, Unfruchtbares, Zerstörerisches. Besonders wenn Kinder leiden müssen, wenn Menschen, die ihre Krankheit nicht verschuldet haben - und das sind wohl die meisten -, wenn Unschuldige von Unfall, Behinderung oder unheilbaren Leiden getroffen werden, stehen wir vor einem Rätsel, das sich ehrlicherweise rein menschlich nicht auflösen läßt. Es kann hart machen, es kann verbittern, sowohl die unmittelbar betroffenen als auch die machtlos dabeistehenden Menschen, die nicht helfen können und an ihrer Ohnmacht leiden.

Auch hier im Haus und in diesem Land wird es Menschen geben, die fragen: Warum? Warum ich? Warum gerade jetzt? Warum meine Frau, mein Vater, meine Schwester, mein Freund? - Diese Fragen sind nur allzu verständlich. Aber ich möchte euch heute darüber hinaus noch auf eine andere Frage hinweisen, die weiterzuführen vermag. Es ist eine Frage, die den tödlichen Stachel des sinnlos Zerstörerischen und Lebensfeindlichen, der im Leiden und Kranksein stecken kann, herauszieht. Es ist die Frage nicht nur nach dem ”Warum“, sondern nach dem ”Wozu“. Das ”Warum“ kann uns auf Erden letztlich niemand beantworten. Die Frage hingegen, ”wozu“ mir dieses Schwere auferlegt ist, kann uns neue Horizonte eröffnen. Als Jesus gefragt wurde, ob der Blindgeborene selbst oder ob seine Eltern gesündigt hätten, antwortete er überraschend: ”Weder er noch seine Eltern . . ., sondern das Wirken Gottes soll an ihm offenbar werden“ (Joh 9, 3).

Fügt vor diesem Hintergrund der Frage ”Wozu“ noch ein weiteres wichtiges Wort hinzu, das ihr die entscheidende Richtung gibt: ”Wozu, Herr?“. Dies ist nun keine Frage mehr, die ins Leere geht, sondern sie richtet sich an einen, der selbst gelitten und gekämpft hat bis aufs Blut, der ”mit lautem Schreien und unter Tränen“, wie der Hebräerbrief sagt, ”den Gehorsam gelernt“ hat (Hebr 5, 7-8). Er versteht euch und weiß, wie euch zumute ist. Er selbst hat ja zunächst gebeten, daß der bittere Kelch an ihm vorübergehe (Matth 26, 39). Aber er war so eins mit dem Willen des Vaters, daß er schließlich doch ein ganzes und freies Ja sagen konnte. Von ihm könnt ihr lernen, Leiden fruchtbar und sinnvoll zu machen für die Gesundung der Welt. Mit ihm kann euch euer Kranksein und Leiden menschlicher und sogar froher und freier machen. Viele haben von ihm gelernt und sind dadurch zur Quelle des Trostes für andere geworden. Geht deshalb auch ihr in die Schule seines erlösenden Leidens und wiederholt oft die Bitte, die die hl. Katharina von Siena in ihren vielfältigen Leiden immer wieder an Christus gerichtet hat: ”Herr, sage mir die Wahrheit über dein Kreuz, ich will dir lauschen“.

3. Als Christen begegnen wir in der Krankheit nicht einem unheilvollen oder gar sinnlosen menschlichen Schicksal, sondern letztlich dem Geheimnis von Christi Kreuz und Auferstehung. In Schmerz und Leid teilt der Mensch das Los der Schöpfung, die - nach dem hl. Paulus - durch die Sünde der ”Vergänglichkeit unterworfen“ wurde, die ”bis zum heutigen Tag seufzt und in Geburtswehen liegt“, die aber zugleich auch schon von der Hoffnung beseelt ist, von der ”Verlorenheit befreit zu werden zur Freiheit und Herrlichkeit der Kinder Gottes“ (Röm 8, 20).

Krankheit und Leid sind für den gläubigen Menschen nicht so sehr tragisches Geschick, das er rein passiv zu erdulden hat, sondern vielmehr eine Aufgabe, darin auf besondere Weise seine christliche Berufung zu leben. Sie sind Anruf Gottes an den Menschen: Anruf an die Mitmenschen, den Leidenden brüderlich beizustehen und mit allen Mitteln der ärztlichen Kunst zu helfen; Anruf an die Kranken, in ihrem Leid weder zu resignieren noch verbittert aufzubegehren, sondern darin die Möglichkeit zu einer engeren Christusnachfolge zu erkennen. Allein unser Glaube kann uns dazu Mut und Kraft geben. Durch die gläubige Annahme kann jegliches menschliche Leid zur persönlichen Teilnahme am erlösenden Opfer- und Sühneleiden Christi werden. Christus selber setzt dadurch im leidenden Menschen seine eigene Passion fort. Deshalb sind auch alle Hilfe und Liebe, die wir jenem erweisen, letztlich Christus erwiesen. ”Ich war krank, und ihr habt mich besucht“, sagt Christus und fährt fort: ”Amen, ich sage euch: Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“ (Matt 25, 36. 40).

Durch die innere Leidensgemeinschaft mit Christus erhält das menschliche Leid selbst eine befreiende und verwandelnde Kraft und zugleich auch Anteil an der österlichen Hoffnung auf die künftige Auferstehung. Im christlichen Osterglauben dürfen wir mit dem hl. Paulus überzeugt sein, ”daß die Leiden der gegenwärtigen Zeit nichts bedeuten im Vergleich zu der Herrlichkeit, die an uns offenbar werden soll“ (Röm 8, 18).

Liebe Brüder und Schwestern! Das ist die beglückende Frohe Botschaft Christi und unseres Glaubens, in der ich euch, Kranke und Krankenhelfer, Schwestern und Ärzte, durch meinen kurzen Besuch in eurem Spital bestärken möchte. Von Herzen erteile ich euch und allen Kranken in der Schweiz meinen Apostolischen Segen und empfehle meine Pastoralreise in euer Land ganz besonders auch eurem Gebet. Denn der Papst vertraut vor allem auf das Gebet und Opfer der Kranken. - Es segne, behüte und stärke euch der allmächtige Gott: der Vater, der Sohn und der Heilige Geist! Amen.

 

© Copyright 1984 -  Libreria Editrice Vaticana

 

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