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PASTORALBESUCH IN LIECHTENSTEIN
BEGEGNUNG PAPST JOHANNES
PAULS II.
MIT JUGENDLICHEN IN DER KIRCHE "MARIA ZUM TROST"
Vaduz (Liechtenstein)
Sonntag, 8. September 1985
Liebe, junge Freunde aus dem Fürstentum Liechtenstein, aus der Schweiz, aus
Österreich, aus Deutschland, woher auch immer ihr seid: ”Hoi zemma!“ Seid alle
sehr herzlich gegrüßt!
Ich freue mich, daß ihr heute abend hierhergekommen seid,
um mit dem Papst zusammen zu sein und mit ihm zu beten. Wir wollen uns
gegenseitig im Glauben ermutigen und uns mit ganzem Herzen Gott zuwenden. Wir
tun dies am Geburtsfest der Mutter Gottes hier bei der Dux-Kapelle, wo sie als ”Unsere
Liebe Frau von Liechtenstein“ in besonderer Weise verehrt wird.
Ihr habt das
Gotteslob, ihr Magnifikat, zum Hauptgebet und -meditationstext für unsere
Begegnung gewählt. Bemühen wir uns gemeinsam darum, ihren Lobpreis der Größe und
Güte Gottes tiefer zu verstehen und dadurch Gott auch in unserem eigenen Leben
besser zu erkennen.
1. ”Meine Seele preist die Größe des Herrn“, so beginnt
Maria ihren Lobgesang. Ihr Lobpreis der Größe Gottes entspringt ihrem Glauben
und ihrer persönlichen Erfahrung. In der Tat, Gott ist groß als Schöpfer, der
die Welt ins Dasein gerufen hat. Ihre oft so bezaubernde Schönheit, wie die der
Berglandschaft eurer Heimat, läßt etwas aufscheinen von der Herrlichkeit des
Schöpfers selber. Gott ist groß in der Geschichte der Menschheit. Er läßt Völker
entstehen und vergehen. Er führt das auserwählte Volk aus seiner Knechtschaft in
das verheißene Land. Gott ist groß im Leben einzelner Menschen, im Leben Marias
selber und vieler heiligmäßiger Männer und Frauen, die als leuchtende Vorbilder
in die Geschichte eingegangen sind. Gott ist aber auch groß in meinem eigenen
Leben, im Leben eines jeden von uns. Er hat uns ins Dasein gerufen, er beschenkt
uns jeden Augenblick mit allem, was wir sind und haben, und lädt uns ein zur
ewigen Lebensgemeinschaft mit ihm.
Sprecher von euch haben jedoch soeben bekannt,
wie schwierig es für sie sei, an Gottes Gegenwart in ihrem Leben zu glauben;
besonders dann, wenn ihnen etwas Böses zugestoßen ist oder wenn sie einen lieben
Menschen verloren haben. Gewiß, eine drängende Frage: Wenn Gott so groß und
mächtig und voll Liebe zu uns ist, wo ist er dann, wenn uns Leiden zuteil werden?
Wo ist Gott in Auschwitz, in Hiroshima und Nagasaki gewesen? Wo ist Gott, wenn
Kinder verhungern, wenn Männer und Frauen gefoltert werden, wenn hoffnungsvolle
junge Menschen sterben müssen? Während uns die Schöpfung gleichsam unseren Blick
öffnet für die Existenz Gottes, für seine Weisheit, Macht und Güte, scheinen die
Übel und Leiden hingegen sein Bild zu verdunkeln, vor allem im täglichen Drama
so vieler schuldloser Leiden.
Die besondere Schwierigkeit der Antwort liegt
darin, daß gerade das, was euren Glauben erschwert, nämlich das Leiden, selbst
nur vom Glauben her erhellt und tiefer verstanden werden kann. Wie uns die
ersten Seiten der Heiligen Schrift lehren, hat Gott am Anfang alles ”gut“ geschaffen.
Das Böse und alles Unheil kam durch die Ursünde des Menschen in die Welt. Der
erste Mensch mißbrauchte seine Freiheit und wandte sich ab von Gott. Er wollte
sein wie Gott, aber ohne Gott! Seitdem ist die ganze Schöpfung, wie der hl.
Paulus sagt, ”der Vergänglichkeit unterworfen“; sie seufzt und liegt in
Geburtswehen bis zum heutigen Tag . Alles Leid in der Welt ist Teil dieser vom
Menschen selbst verschuldeten Unordnung. Gott läßt das Böse im Menschen und
unter Menschen zu, weil er dessen Freiheit achtet und weil er für diejenigen,
die ihn lieben, alles – selbst das Schlimmste – noch zum Guten zu wenden vermag.
2. Maria sagt es uns mit den Worten: ”Mein Geist jubelt über Gott, meinen Retter.“ Immer wieder dürfen Menschen in Not Gott als ihren Retter erfahren. Gott ist
nicht nur groß als Schöpfer, Gott ist groß auch als Erlöser. Gott ist groß im
Erbarmen. Er sieht in besonderer Weise auf die Niedrigen und auf die
Erniedrigten .
Doch wie rettet uns Gott aus der Macht des Bösen? Durch die
Erlösung in Jesus Christus. Gott selber wird aus unergründlicher Liebe ein
Mensch, zum ”Gott-mit-uns“. Er teilt mit uns Menschen unser Leben und nimmt unser
Schicksal auf sich. Er heilt durch seinen Gehorsam unseren Ungehorsam, durch
seine Liebe unsere Lieblosigkeit. Durch sein Leiden am Kreuz tilgt er unsere
Schuld, durch seinen Tod erwirbt er uns neues, ewiges Leben.
Auf die Frage nach
dem Sinn des Leidens und des Todes in unserem Leben gibt uns Jesus Christus eine
bessere Antwort, als je ein Mensch sie sich hatte ausdenken können. Sein Kreuz
antwortet auf die Frage nach dem Sinn des Leidens, seine Auferstehung auf die
Frage nach dem Sinn des Todes. Von außen gesehen, ist die Hinrichtung des
unschuldigen Jesus von Nazareth völlig sinnlos. Mit den Augen des Glaubens
erkennen wir jedoch, daß dieses Leiden erlösende Kraft und damit einen ganz
tiefen Sinn hat.
Von außen gesehen ist der Tod stärker als das Leben. Weil Jesus
Christus auferstanden ist, erkennen wir mit den Augen des Glaubens, daß es ein
Leben gibt, das stärker ist als der Tod. Durch sein Kreuz und seine Auferstehung
ist Christus für uns der Retter aus der Macht der Sünde und des Todes geworden.
Vom Leiden Jesu bekommt auch unser Leiden einen Sinn; durch die Auferstehung
Jesu wird auch unser Tod besiegt.”Im Kreuz Christi hat sich nicht nur die
Erlösung durch das Leiden erfüllt, sondern das menschliche Leiden selbst ist
dabei zugleich erlöst worden.“ Fortan durfte deshalb das Leiden unseren Blick
auf Gott nicht mehr trüben; es kann im Gegenteil sogar ein Zeichen für eine
besondere Gegenwart Gottes in unserem Leben sein, ein Anruf an uns zu einer noch
engeren Christusnachfolge.
3. Gott ist groß als Schöpfer und als Erlöser. Gott
ist aber auch groß durch Jesus Christus in seiner Kirche. Denn Christus ist und
bleibt in der Kirche für immer gegenwärtig. In ihr schenkt er denen, die an ihn
glauben, sein göttliches Leben und heiligt sie.
Es gibt an der Kirche gewiß auch
manches zu kritisieren, es gibt in der Kirche bisweilen Ärgerliches und
Schmerzliches; denn sie ist auch eine Gemeinschaft von irrenden und sündigen
Menschen. Trotzdem rufe ich euch heute zu: Liebt eure Kirche! Denn trotz aller
Mängel verkündet sie euch verbindlich Gottes Wort, schenkt sie euch in den
Sakramenten einzigartige Begegnungen mit Jesus Christus, hilft sie euch, euer
Leben auch inmitten von Prüfungen menschenwürdig und christlich zu bestehen. Was
in erster Linie von Maria gilt, das gilt auch von der Kirche, das gilt von allen,
die durch die Taufe ihre Glieder geworden sind. ”Siehe, von nun an preisen mich
selig alle Geschlechter; denn der Mächtige hat großes an mir getan.“
Gott hat
uns alle durch Christus in der Kirche überreich beschenkt. Und wenn das so ist,
was können wir dann Besseres tun, als ihn dafür dankbar zu lobpreisen? ”Meine
Seele preist die Größe des Herrn“, sagt Maria. Gott zu loben, ist die vornehmste
Aufgabe, die uns im Leben gestellt ist. Gott zu loben, das ist der tiefste Sinn
unseres Lebens! Wie aber können wir das tun?
4. Wir loben Gott, indem wir beten.
Ein christliches Leben ohne Gebet ist undenkbar. Jesus selbst hat sich viel Zeit
zum Beten genommen. Das Gebet ist die stärkste Macht, die wir Christen den
bösen Mächten in der Welt entgegensetzen können. Beten heißt nicht nur, daß wir
Gott alles sagen können, was uns bewegt. Beten heißt auch, daß wir schweigen, um
zu hören, was Gott uns sagen will. Habt deshalb Mut zum Gebet und auch dazu, in
der Stille auf die leise Stimme Gottes zu hören.
Wir loben Gott, indem wir am
Sonntag an der heiligen Messe teilnehmen. Es gibt im Grunde keine bessere Weise,
den Sonntag als den Tag des Herrn zu heiligen. Denn in jeder heiligen Messe
hören wir gemeinsam auf das Wort Gottes, danken wir Gott ausdrücklich für das
große, das er an uns getan hat, bitten wir ihn im Namen Jesu um die Kraft zu
einem wahrhaft christlichen Leben. In jeder heiligen Messe feiern wir den Tod
und die Auferstehung des Herrn. In jeder Messe dürfen wir Jesus besser kennenlernen. Ich weiß, daß euch der Besuch des sonntäglichen Gottesdienstes
manchmal Mühe macht. Trotzdem möchte ich euch diese Pflicht sehr ans Herz legen.
Ein Sportler, der die Trainingsstunden versäumt, gefährdet seine Leistung. Ihr
gefährdet die Vertiefung eures Glaubens, wenn ihr der sonntäglichen Begegnung
mit Jesus Christus aus dem Wege geht. Sucht das Gespräch mit euren Seelsorgern,
damit sie euch helfen, immer tiefer hineinzuwachsen in die Geheimnisse des
Glaubens, die wir feiern.
Wir loben Gott, indem wir regelmäßig beichten. Wir
dürfen unsere Sünden bekennen, weil wir wissen, daß Gott groß ist im Erbarmen.
In jedem Sündenbekenntnis lobpreisen wir die Barmherzigkeit Gottes. Ich weiß, daß
auch viele Jugendliche heute die persönliche Beichte kaum noch kennen und
praktizieren. Ich möchte euch ermutigen, dieses weithin vergessene Sakrament neu
zu entdecken. Diese Mühe wird sich lohnen. Jesus, der dir deine Sünden vergibt,
wird dir die Kraft schenken, die Schwierigkeiten des Lebens zu meistern. Der
Priester, der sich bemüht, dich zu verstehen, wird dir helfen, den Willen Gottes
für dein Leben besser zu erkennen.
5. Unser ganzes Leben muß in unser Gotteslob
einstimmen. Nicht nur am Sonntag, auch an den Werktagen sollen die Menschen
etwas von eurem Glauben spüren. In einer Umgebung, die oft nicht mehr christlich
denkt und handelt, gehört Mut dazu, zum Glauben zu stehen.
Habt diesen Mut!
Vielleicht lacht man dich aus, weil du Freude am Religionsunterricht hast.
Vielleicht verspottet man dich, weil du in die Kirche gehst oder dich offen zu
ihrer Lehre bekennst. Kümmert euch nicht darum! Sucht Gleichgesinnte! Bildet
Gruppen, um einander im Glauben zu stärken!
Liebe, junge Freunde! Ihr lebt in
einem wohlhabenden Land. Freut euch darüber und nutzt die euch dadurch gebotenen
Chancen. Seid euch jedoch zugleich der Verantwortung bewußt, die sich für euch
daraus ergibt. Können wir Gott auch mit dem Reichtum loben? Das Magnifikat
spricht eine ernste Warnung aus, wenn es sagt: ”Die Hungernden beschenkt er mit
seinen Gaben und läßt die Reichen leer ausgehen.“ Materieller Reichtum ist an
sich etwas Gutes, solange wir nicht den Hunger der Seele in ihm ersticken. Weil
wir aber immer wieder in Gefahr sind, abhängig zu werden von dem, was wir
besitzen, müssen wir ganz bewußt das Verzichten üben. Durch ein ungezügeltes Genießen-Wollen kann der Mensch sich und seine Umwelt zerstören. Sucht nach
einem einfachen Lebensstil. Laßt euren Reichtum und Wohlstand zu einem Segen
werden für andere, indem ihr mit denen teilt, die in Not sind! So erfüllt auch
ihr die Verheißung Gottes: ”Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben“. Ihr
könnt euch darauf verlassen: Gott wird eure Verzichte überreich lohnen.
6. In
diesen Jahren wählt ihr euren Beruf. Es ist nicht leicht, hier die richtigen
Entscheidungen zu treffen. Es ist auch nicht mehr selbstverständlich, daß ihr
einen geeigneten Platz in der Arbeitswelt findet. Die Arbeitslosigkeit ist in
vielen Ländern ein großes Problem. Ich wünsche euch von Herzen, daß ihr einen
Beruf erlernen und ausüben könnt, der euch Freude bereitet und Erfüllung schenkt.
Die meisten von euch suchen und wählen in diesen Jahren sodann auch den
Lebensgefährten, weil sie eine eigene Familie gründen wollen. Die Liebe von Mann
und Frau ist eine große und schöne Gabe Gottes. Darum müssen wir verantwortungsbewußt mit ihr umgehen. Für uns Christen ist sie nicht nur eine
private Angelegenheit. Nach dem Zeugnis der Bibel ist die geschlechtliche Liebe
ein Abbild der Liebe Gottes zu den Menschen, ein Bild der Liebe Christi zur
Kirche. Gott ist treu, und die Liebe Christi ist unwiderruflich. Darum kann
der Christ die geschlechtliche Liebe nur innerhalb des Ehebundes vollziehen, das
heißt nach jenem endgültigen Versprechen, das er seinem Ehepartner vor Gott und
der Kirche gegeben hat. Auch die Erfahrung zeigt, daß voreheliche
geschlechtliche Beziehungen die Wahl des richtigen Lebenspartners eher
erschweren als erleichtern. Zur Vorbereitung auf eine gute Ehe gehört, daß ihr
euren Charakter schult und festigt. Ihr sollt auch jene Formen der Liebe und
Zärtlichkeit kultivieren, die der Vorläufigkeit eurer freundschaftlichen
Beziehung angemessen sind. Das Warten- und Verzichtenkönnen wird es euch später
leichter machen, liebevoll auf den Partner Rücksicht zu nehmen.
Zur Vorbereitung
auf eine gute Ehe gehört ebenfalls, daß ihr euch – soweit es euch schon betrifft
– dem Wissen nach vertraut macht mit jeden Methoden für eine verantwortliche
Elternschaft, welche die Kirche erlaubt und fordert. Macht euch vertraut mit der
ganzen Lehre der Kirche über die christliche Ehe, wie sie erst jüngst in dem
wichtigen Dokument
Familiaris consortio als Frucht einer eigenen Bischofssynode
dargelegt worden ist.
Ich weiß, liebe, junge Christen, daß es heute viele gibt,
die in diesen und ähnlichen Fragen anders denken als die Kirche. Ich weiß, daß
viel Mut dazu gehört, gegen den Strom zu schwimmen. Ich rufe euch aber diese
Grundsätze nicht in Erinnerung, um euch das Leben schwerer zu machen, als es ist.
Ich bin vielmehr davon überzeugt, daß diese Grundsätze der Würde der
menschlichen Person angemessen sind und darum letztlich eurem zeitlichen Glück
und ewigen Heil dienen.
7. Ihr solltet aber auch nicht vergessen, daß es noch
eine andere Weise gibt, die Liebe im Leben zu verwirklichen. Es gibt den Ruf zur
Nachfolge Christi im Priester- und Ordensleben, in der freiwillig gewählten
Ehelosigkeit oder in der Jungfräulichkeit um des Himmelreiches willen. Ich bitte
euch sehr, daß jeder einzelne sich ernsthaft fragt, ob Gott ihn nicht auf einen
dieser Wege ruft. Allen, die einen solchen persönlichen Ruf zu hören glauben,
sage ich: Betet beharrlich um die notwendige Klarheit! Dann aber sagt ein frohes
Ja! Auch den Verzicht, der in diesem Lebensweg liegt, wird Gott reich vergelten.
Maria hat sich als Jungfrau und Mutter mit ihrem ganzen Leben Gott zur Verfügung
gestellt. Wir loben Gott in einer ganz besonderen Weise, wenn auch wir
ungeteilt für ihn leben wie Maria.
In einigen Wochen beginnt bei euch hier in
Liechtenstein die Volksmission. Sie steht unter dem Motto: Aufbruch zum Leben.
Gemeint ist damit jenes Leben, das Gott uns durch Jesus Christus und im Heiligen
Geist schenken will. Ihr habt mich nach dem Sinn des Lebens gefragt. Dieser Sinn
ist weder eine Idee noch sonst irgend etwas, sondern eine Person. Sie heißt:
Jesus Christus! Wenn ihr also zum Leben aufbrechen wollt, müßt ihr zu Jesus
Christus aufbrechen. Er gibt eurem Leben Sinn in guten und in schweren Tagen.
Ihr werdet Jesus mit Sicherheit finden, wenn ihr euch durch Maria führen laßt,
und ihn nie mehr verlieren, wenn ihr euch die Haltung Mariens zu eigen macht und
alle Tage mit eurem Leben in ihr Gotteslob voll einstimmt: ”Meine Seele preist
die Größe des Herrn, und mein Geist jubelt über Gott, meinen Retter – Magnificat
anima mea Dominum!“. Amen.
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