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APOSTOLISCHE REISE IN DIE BUNDESREPUBLIK DEUTSCHLAND

BEGRÜSSUNGSZERIMONIE

ANSPRACHE VON JOHANNES PAUL II.

Flughafen Köln-Bonn - Donnerstag, 30. April 1987

 

1. ”Ihr werdet meine Zeugen sein“ - und das nicht nur in Jerusalem, in Judäa und Samarien, sondern ”bis an die Grenzen der Erde“ (Apg 1, 8). Mit diesen Worten Jesu an die Apostel unmittelbar vor seiner Himmelfahrt begann der Weg der Kirche in die Welt und in die Geschichte. Dieser Auftrag Christi hat durch die Jahrhunderte hindurch Männer und Frauen als seine Glaubensboten zu allen Völkern bis in die entlegendsten Gebiete der Erde geführt. Er führt in unseren Tagen auch den Bischof von Rom als Nachfolger des Apostels Petrus zu den Ortskirchen, zu seinen Glaubensbrüdern und -schwestern in aller Welt, um sie gemäß seinem Auftrag in ihrem Glauben zu bestärken (Lk 22, 32). Er führt mich heute zum zweitenmal in die Bundesrepublik Deutschland.

In dankbarer Erinnerung an meinen ersten Pastoralbesuch im Jahre 1980 komme ich wiederum mit großer Freude der freundlichen Einladung nach, die zahlreiche deutsche Bischöfe zum Besuch ihrer Diözesen an mich gerichtet haben. Aufrichtig danke ich allen, die mich hier bei meiner Ankunft in diesem geschätzten Land so gastfreundlich empfangen und mich ihre Anwesenheit beehren: allen voran Ihnen, sehr geehrter Herr Bundespräsident, für Ihren herzlichen Willkommensgruß im Namen der Bürger Ihres Landes. Im verehrten Herrn Kardinal Höffner, dem Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, grüße ich zugleich alle Bischöfe, Priester, Ordensleute und Gläubigen der deutschen Diözesen; ganz besonders jene Ortskirchen, die ich auch bei dieser zweiten Pastoralreise leider noch nicht besuchen kann. In der Gemeinschaft des einen Glaubens gilt auch dieser mein Besuch wiederum der ganzen Kirche in diesem Land und auch allen Menschen, die mir in geistiger Offenheit und Solidarität als Bruder in Christus in ihrer Mitte herzliche Gastfreundschaft gewähren.

2. ”Ihr werdet meine Zeugen sein“. - Die herausragenden Ereignisse, die wir in den kommenden Tagen in geistlicher Verbundenheit in den verschiedenen Diözesen gemeinsam feiern werden, stehen in einer ganz besonderen Weise im Zeichen der Zeugenschaft. Durch die beiden Seligsprechungen in Köln und München ehrt die Kirche zwei Christen, die inmitten äußerster Prüfungen und Gefahren ein unerschrockenes, heroisches Zeugnis für ihren Glauben abgelegt haben. So Edith Stein, die in Solidarität mit ihrem gemarterten jüdischen Volk als Jüdin und katholische Ordensfrau in Christlicher Hoffnung den Leidensweg ihres Volkes in die Vernichtung gegangen ist. Im Jesuitenpater Rupert Mayer gedenken wir eines mutigen Bekenners und Apostels der Nächstenliebe, der für die kompromißlose Verteidigung von Glaube und Sittlichkeit gegenüber gottloser staatlicher Willkürherrschaft weder Verfolgung noch Gefängnis gescheut hat. Dazu gilt mein ehrerbietiger Besuch dem Grab des großen Kardinals Clemens August Graf von Galen, der gegen eine verbrecherische Mordmaschinerie ”gelegen oder ungelegen“ (2 Tm 4, 2) für die Achtung des Lebensrechts und die unantastbare Würde alle Menschen furchtlos seine Stimme erhoben hat.

Diese leuchtenden Gestalten der Kirche haben durch ihr opferbereites Zeugnis für Christus und für die wahre Größe des Menschen das grausame Dunkel einer ganzen Geschichtsepoche erhellt. Sie stehen zugleich für alle jene im deutschen Volk, die nicht bereit gewesen sind, sich der menschenverachtenden Tyrannei des Nationalsozialismus zu beugen. Darunter gedenken wir mit Hochachtung auch zahlreicher mutiger Bekenner und Opfer unter unseren evangelischen Brüdern und Schwestern. Sie allesamt sind für uns Zeichen der Hoffnung und Verpflichtung für das von uns heute geforderte Zeugnis für Recht und Gerechtigkeit in unserer Gesellschaft, für die Verteidigung der immer wieder neu bedrohten Grundrechte des Menschen und seiner übernatürlichen Berufung, von der her alle menschlichen Belange ihr wahres Maß und Ziel erhalten. Möge das gemeinsame Glaubenszeugnis der Christen allmählich auch zu einer immer tieferen Einheit unter den christlichen Kirchen und Gemeinschaften führen.

3. Mit dem ehrenden Gedenken dieser vorbildlichen Zeugen der Vergangenheit verbinde ich zugleich den Ausdruck meiner hohen Wertschätzung für das ganze deutsche Volk, das nach dem tragischen Geschehen in seiner jüngeren Geschichte einen so angesehenen Platz unter den Völkern Europas und der Welt zurückgewonnen hat. Mit Anerkennung erinnere ich an den großen Einsatz Ihres Landes für Frieden und Gerechtigkeit unter den Nationen und an die umfangreiche solidarische Hilfsbereitschaft für die Völker der Dritten Welt. Dabei verdienen die schon weitbekannten und sehr wirksamen Hilfswerke der deutschen Bischöfe und Katholiken wie auch der evangelischen Kirche eine besondere Erwähnung und Würdigung. Möge das hilfsbereite Eintreten Ihres Volkes für die Bedürftigen und Entrechteten sich auch in Ihrem eigenen Land weiter bewähren, in dem gerade in den letzten Jahren eine zunehmende Zahl von Flüchtlingen und Asylbewerbern um Schutz und Aufnahme ersucht. Die beiden künftigen neuen Seligen, die wegen ihrer religiösen und moralischen Überzeugung oder der Zugehörigkeit zu einer ethnischen Minderheit schwerste Verfolgungen haben erdulden müssen, sind gleichsam Symbole für jene Menschen, die noch immer aus rassischen, religiösen oder ethnischen Gründen ihr Land verlassen müssen. Schenken Sie auch diesen Hilfesuchenden in der Bundesrepublik Deutschland nach Kräften weiterhin Ihre mitmenschliche Solidarität und Unterstützung.

Mit nochmaligem Dank für die herzliche Gastfreundschaft, die Sie mir und meiner Begleitung in diesen Tagen in Ihrem Land gewähren, erwarte ich voller Freude die Zahlreichen Begegnungen mit den Bischöfen, Priestern und Gläubigen in den verschiedenen Diözesen, mit Vertretern der jüdischen Gemeinde und der anderen christlichen Kirchen sowie aus der Welt der Arbeit. Mögen diese und besonders die großen Gottesdienste und Eucharistiefeiern uns gegenseitig in unserem Glauben und in unserer christlichen Berufung bestärken, damit wir heute - jeder einzeln und alle gemeinsam - immer glaubwürdigere Zeugen für Christus und das schon in dieser Zeit anbrechende Gottesreich werden.

 

© Copyright 1987 -  Libreria Editrice Vaticana 

 

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