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ANSPRACHE VON JOHANNES PAUL II.
AN DEN BUNDESPRÄSIDENTEN DER REPUBLIK ÖSTERREICH
*

Donnerstag, 25. Juni 1987

 

Sehr verehrter Herr Bundespräsident!

1. Aufrichtig heiße ich Sie im Vatikan willkommen zu Ihrem offiziellen Besuch, den Sie als Staatsoberhaupt der Republik Österreich dem Nachfolger Petri abstatten. Zugleich gilt mein herzlicher Gruß Ihrer Frau Gemahlin, dem Herrn Vizekanzler und Außenminister mit seiner Gattin sowie allen Personen, die Sie mit dem österreichischen Botschafter beim Heiligen Stuhl begleiten.

Diese heutige Begegnung erinnert mich an meinen ersten Besuch bei den Vereinten Nationen, zu dem Sie mich 1979 als Generalsekretär der UNO nach New York eingeladen haben. Ihr bisheriges Wirken im internationalen Leben als Diplomat und Außenminister Ihres Landes wie auch während Ihrer verantwortungsschweren Tätigkeit in der weltumspannenden Organisation der Vereinten Nationen war stets der Friedenssicherung unter den Völkern gewidmet. Ihre daraus erwachsenen Lebens- und Berufserfahrungen können Sie nun nach Ihrer Wahl zum höchsten Repräsentanten des österreichischen Volkes in den Dienst Ihres auch von mir hochgeschätzten Landes stellen.

2. Österreich hatte in seiner Geschichte, auch auf Grund seiner geographischen Lage im Herzen Europas, vielfach einen besonderen Auftrag in der Völkergemeinschaft zu erfüllen. Es war durch lange Zeit Kernland eines Territoriums, das als politische und kulturelle Kraft ersten Ranges das Antlitz des europäischen Kontinents entscheidend mitgeprägt hat. An der schicksalhaften Trennungslinie zwischen West und 0st gelegen, ist Ihr Land heute vor allem um den Ausgleich der Interessen im Zusammenspiel der Nationen, um die Wahrung der Menschenrechte, den Schutz der Freiheit und die Förderung des Friedens bemüht.

Die Einsicht gewinnt in unseren Tagen immer mehr an Boden, daß der Friede nicht durch gegenseitige Schreckensandrohung, sondern nur als Werk der Gerechtigkeit auf Dauer gesichert werden kann. Der Friede in einem Staat und zwischen den Völkern darf nicht auf Kosten der Freiheit und der Menschenrechte gesucht werden. Er muß im Gegenteil im Dienst des Menschen, des Schutzes seiner unantastbaren Würde und allseitigen Entfaltung stehen. Die rechtliche Stellung dauernder Neutralität setzt die Republik sterreich in einer besonderen Weise in die Lage, zur Verwirklichung eines wahren Friedens in Freiheit und Gerechtigkeit unter den Völkern einen wichtigen Beitrag zu leisten.

Anerkennung verdienen daher das Bemühen Österreichs um friedliche Konfliktbeilegung, seine Beiträge zu den friedenserhaltenden Maßnahmen der Vereinten Nationen sowie für die Flüchtlingshilfe. Ich möchte es bei dieser Gelegenheit nicht unterlassen, der Republik sterreich besonders auch für die Hilfe zu danken, die sie in den letzten Jahren meinen polnischen Landsleuten auf vielfache Weise gewährt hat. Der solidarische Einsatz für Notleidende im In- und Ausland ist tätige Nächstenliebe und wahre Mitmenschlichkeit.

Österreich hat diese verständnisvolle Hilfe deshalb leisten können, weil man in Ihrem Land nach Beendigung des Zweiten Weltkrieges bei Wahrung aller Pluralität der freien Demokratie die Verantwortung für das Gemeinsame erkannt hat. Diese Erkenntnis ließ die politischen Kräfte Ihres Landes so zusammenstehen, daß ihre innerstaatliche Einheit die Jahre mehrfacher Besetzung verkraftete und 1955 die Erlangung der vollen Souveränität mit der Unterzeichnung des Staatsvertrages ermöglichte. Partnerschaftliche Verantwortung hat in diesen Jahren bis heute die Innenpolitik Ihres Landes geprägt: sei es in der Sozialpartnerschaft Ihrer großen Interessenverbände, sei es in der Zusammenarbeit über alle Parteigrenzen und lokal orientierte Bundesstrukturen hinaus.

3. Wie schon der kürzliche Ad-limina-Besuch der österreichischen Bischöfe, so erinnert mich auch diese Begegnung mit Ihnen, Herr Bundespräsident, wiederum mit Freude an meinen Pastoralbesuch in Ihrem Land 1983, das durch eine fast 2000-jährige Tradition zutiefst christlich geprägt ist und auch heute ein wichtiges und lebendiges Mitglied der katholischen Weltkirche ist. Darum schaue ich auch schon voller Erwartung auf die zweite Pastoralreise, zu der mich die Österreichische Bischofskonferenz für das kommende Jahr eingeladen hat.

Mit Genugtuung dürfen wir feststellen, daß die katholische Kirche - gestützt auch durch die Vereinbarungen des Konkordates von 1933 und der nachfolgenden Zusatzabkommen - imstande ist, im gesellschaftlichen, sozialen und kulturellen Leben Ihres Landes einen wichtigen Beitrag zu leisten. Eine besondere Bedeutung Österreichs für das Glaubensleben der Kirche dokumentiert sich unter anderem in der Musikkultur, durch die Ihr Land anerkanntermaßen Bedeutendes zum geistlichen und liturgischen Gotteslob beigetragen hat. Joseph Haydn, Wolfgang Amadeus Mozart und Franz Schubert seien hier nur als Beispiele genannt. Dieses künstlerische und kirchenmusikalische Schaffen hat Ihrem Land über die Grenzen hinaus hohes Ansehen eingebracht.

Nicht unerwähnt bleiben soll schließlich noch die große Hilfsbereitschaft österreichischer Organisationen für die Entwicklungshilfe und für die Not in der Welt im Rahmen der Caritas. ”Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art, sind Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi“, heißt es am Beginn der Pastoralkonstitution Gaudium et Spes des II. Vatikanischen Konzils. Diese Solidarität mit den Menschen hat die Kirche von ihren Anfängen an beseelt, sie wird ihr Wirken auch für die Zukunft bestimmen. Ebenso erkennt die Kirche für diesen Dienst am Menschen in aller Welt jeden mitverantwortlichen Einsatz von an deren Einrichtungen, vor allem auch die Mithilfe der Staaten, dankbar an. In Erfüllung dieser Aufgabe kommt Österreich mit seiner zentralen Lage in der Völkergemeinschaft auch hier eine wichtige Bedeutung zu.

Möge Sie, Herr Bundespräsident, und das Österreichische Volk in dieser solidarischen Mithilfe für den Menschen sowie in der fruchtbaren Weiterentwicklung von Gesellschaft und Staat in der Republik Österreich stets Gottes Segen begleiten.


*AAS 80 (1988), p. 24-31.

Insegnamenti di Giovanni Paolo II, vol. X, 2 pp. 2316-2319.

L’Attività della Santa Sede 1987 pp. 545-546.

L'Osservatore Romano 26.6.1987 pp.1, 5.

 

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