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APOSTOLISCHE REISE IN DIE BUNDESREPUBLIK DEUTSCHLAND
ABSCHIEDSZEREMONIE
ANSPRACHE VON JOHANNES PAUL II.
Sportflugplatz Spira -
Montag,
4. Mai 1987
1. ”Ich bin dazu geboren und dazu in die Welt gekommen, daß ich für die Wahrheit
Zeugnis ablege. Jeder, der aus der Wahrheit ist, hört auf meine Stimme“ (Joh
18, 37). Dieses
Bekenntnis spricht Jesus in der Stunde persönlicher Verfolgung und Erniedrigung,
als Gefangener von Pilatus am Beginn seines Leidenswegs.
Sehr geehrter Herr
Bundeskanzler, verehrte Mitbrüder, liebe Brüder und Schwestern! Wir haben in
diesen Tagen meines Pastoralbesuches in der Bundesrepublik Deutschland im Namen
der Kirche das Andenken von Zeugen Jesu Christi geehrt, die dem Herrn in dieser
Sendung unter Einsatz ihres Lebens bis in Gefängnis und Tod nachgefolgt sind.
Sie selber haben aus seiner Wahrheit gelebt und waren deshalb auch imstande,
seine Stimme zu vernehmen und dafür vor den Menschen ein glaubwürdiges Zeugnis
zu geben.
Voll Freude und Dankbarkeit denke ich mit Ihnen in diesem Augenblick
des Abschieds an die feierlichen Seligsprechungen von Schwester Teresia
Benedicta vom Kreuz in Köln und von Pater Rupert Mayer in München zurück; ebenso
an die anderen Eucharistiefeiern, Gebetstreffen und zahlreichen Begegnungen. Wir
haben dabei vor allem Gott in Gebet und Lobpreis unsere Ehre erwiesen, der
wunderbar ist in seinen Heiligen. Zugleich haben wir gemeinsam betrachtet, was
das Beispiel der beiden neuen Seligen, des Kardinals von Galen und anderer
mutiger Glaubenszeugen aus der jüngeren Geschichte Ihres Landes für unsere
Berufung als Jünger Christi heute bedeutet. Wie sie ”gelegen oder ungelegen“
(2 Tm 4, 2) furchtlose Zeugen für Christus und sein befreiendes Wort gewesen sind und
opferbereit dafür ihr Leben eingesetzt haben, so sollen wir mit Christus in der
Welt von heute Zeugnis geben für die Wahrheit, für Recht und Gerechtigkeit in
der Gesellschaft, für Solidarität und Brüderlichkeit in der Welt der Arbeit, für
die in der Taufe grundgelegte Einheit aller Christen und unsere gemeinsame
Verantwortung für ein christliches Europa sowie die Ausbreitung des Reiches
Gottes in der Welt. Die Kirche stellt uns die Seligen und Heiligen zur Verehrung,
vor allem aber zur Nachahmung vor Augen.
2. Aufrichtig danke ich noch einmal
allen Verantwortlichen für die freundliche Einladung zu diesem zweiten Besuch in
Ihrem Land. In Ihnen, sehr geehrter Herr Bundeskanzler, gilt mein Dank auch dem
Herrn Bundespräsidenten und allen Bürgern für die mir und meiner Begleitung
erneut gewährte großzügige Gastfreundschaft; besonders jedoch all denen, die
durch ihre tatkräftige Mitarbeit die Vorbereitung und den reibungslosen Ablauf
dieses meines Besuches ermöglicht haben. Die bereite und wirksame Zusammenarbeit
zwischen den staatlichen und kirchlichen Stellen in diesen Tagen unterstreicht
ein weiteres Mal das Gute partnerschaftliche Verhältnis, das in diesem Land
zwischen Staat und Kirche besteht und sich seit Jahrzehnten vielfältig bewährt
hat: Diese ”verständige Kooperation“, die in Ihrer Verfassung grundgelegt ist,
erwächst aus dem Dienst und der Verantwortung für die Menschen, die zugleich
Gläubige und Staatsbürger sind. Sie garantiert den jeweiligen Institutionen und
jedem Bürger jenen Freiheitsraum, der es ermöglicht, dem Kaiser zu geben, was
des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist. Es ist jedoch zugleich ein Gebot der
Stunde, daß Staat und Kirche sich im Interesse des Gemeinwohls gemeinsam darum
bemühen, jene Grundwerte und -rechte in der heutigen Gesellschaft zu fördern,
die allein ein menschenwürdiges Zusammenleben gewährleisten und dem Menschen
helfen, seine Freiheit verantwortungsbewußt gegenüber Gott und seinen
Mitmenschen zu gebrauchen.
3. Ein Wort besonderen Dankes gilt sodann den
Bischöfen, deren Diözesen ich besuchen durfte, sowie der ganzen Kirche in diesem
Land. Ihnen und allen Gläubigen hinterlasse ich als Auftrag und Verpflichtung
das Wort des Herrn, das als Leitwort dieses Pastoralbesuches gedient hat: ”Ihr
werdet meine Zeugen sein“. Ich empfehle eure Zeugenschaft nun in einer ganz
besonderen Weise dem fürbittenden Beistand eurer neuen seligen Glaubenszeugen:
Schwester Teresia Benedicta vom Kreuz und Pater Rupert Mayer. Beide weisen uns
auf die lebendige Kraft des Glaubens hin, die sich auch in einem unmenschlichen
Regime und einer glaubensfeindlichen Umwelt zu bewähren vermochte. Diese
Glaubenskraft gilt es immer wieder zu erneuern und zu stärken für ein wahrhaft
christliches Lebenszeugnis in der Familie und Gesellschaft. Sie ist auch die
beste Voraussetzung für zahlreiche neue Priester- und Ordensberufe, die für das
Zeugnis der Kirche in der Welt von grundlegender Bedeutung sind. Ebenso wird nur
ein von lebendigem Glauben geprägtes Denken und Handeln dazu beitragen können,
ein christliches Europa zu formen, das zugleich Ausgangspunkt und Kern eines
weltweiten Friedens sein kann.
Der Aufruf zum Zeugnis für Christus hat uns in
diesen Tagen auch unsere Verantwortung für die Wiederherstellung der Einheit
unter allen Christen in verstärktem Maße wieder verspüren lassen: ”ut unum sint“.
Christus selbst betet für die Einheit seiner Jünger gerade wegen der
Glaubhaftigkeit ihres Zeugnisses gegenüber der Welt: ”damit die Welt glaubt, daß
du mich gesandt hast“ (Joh 17, 23). Im Vertrauen auf unser gemeinsames Gebet und die
Bereitschaft aller Christen zu verstärkter ökumenischer Zusammenarbeit bin ich
der festen Überzeugung, daß auch das Ärgernis der konfessionellen Spaltung mit
der nötigen Geduld und Ausdauer allmählich überwunden werden kann. Die Kirche in
Deutschland hat hier eine besondere Verantwortung. Möge Gott unseren schwachen
Kräften mit seiner gütigen Allmacht zu Hilfe kommen und das Werk, das er durch
seinen Heiligen Geist unter uns begonnen hat, auch vollenden.
Mit meinen besten
Wünschen für Frieden und Wohlfahrt in Freiheit und Gerechtigkeit erbitte ich
Ihrem geschätzten Land und allen seinen Bürgern Gottes bleibenden Schutz und
Segen. - Gelobt sei Jesus Christus!
© Copyright 1987 - Libreria
Editrice Vaticana
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