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APOSTOLISCHE REISE IN DIE BUNDESREPUBLIK DEUTSCHLAND

ANSPRACHE VON JOHANNES PAUL II.
AN DIE ORDENSSCHWESTERN UND NOVIZINNEN

 Dom zu Augsburg - Montag, 4. Mai 1987

 

Liebe Schwestern im Herrn!

1. Herzlich begrüße ich euch als Vertreterinnen der verschiedenen Ordensgemeinschaften und religiösen Institute der Kirche von Augsburg. Mit euch grüße ich alle Mitschwestern, die heute nicht hierherkommen konnten, die in euren Häusern den Dienst übernommen haben oder wegen Alter und Krankheit verhindert sind.

Besonders freue ich mich, euch junge Christen hier zu sehen, Mitglieder der Mädchengemeinschaft ”Der Neue Weg“. Mit euch grüße ich alle Jugendlichen des Augsburger Bistums, die bewußt oder unbewußt auf der Suche sind nach Jesus Christus und einem in ihm erfüllten Leben.

Der heilige Paulus schreibt in seinem ersten Brief an die Korinther: ”Wir haben nicht den Geist der Welt empfangen, sondern den Geist, der aus Gott stammt, damit wir das erkennen, was uns von Gott geschenkt worden ist“ (1 Kor 2, 12). Was ist uns denn von Gott geschenkt worden, welche Möglichkeiten eröffnet er unserem Leben?

Liebe Schwestern! Die Möglichkeit, die ihr erkannt und lieben gelernt habt, ist die innige Lebensgemeinschaft mit Jesus Christus, in der ihr so leben wollt, wie er selbst gelebt hat: Sein Leben ist euer Vorbild, sein Handeln euer Maßstab, sein Geist eure Kraft. Durch eure Verbundenheit mit ihm nehmt ihr teil an seinem Auftrag und gebt Kunde von den Heilstaten Gottes. Für diese hohe Sendung gewinnt ihr Kraft und Freiheit in einem Leben der ehelosen Keuschheit um des Himmelreiches willen, in Armut vor Gott und den Menschen, im Gehorsam gegen Gott innerhalb einer konkreten Gemeinschaft.

2. Ihr habt eure bräutliche Liebe dem Herrn geschenkt und darin den Sinn eures Lebens gefunden. Sein Leben aus der Fülle des Vaters kann auch das persönliche Leben einer jeden von euch erfüllen. Die erbetene und meditierte Begegnung mit ihm, die Glaubensgewißheit seiner Treue, sie geben euch Freiheit. So könnt ihr euch selbst verschenken im Dienst an den Menschen und im schwesterlichen Miteinander in euren Gemeinschaften. Habt keine Angst, euch dabei zu verlieren oder zu kurz zu kommen: Gottes Liebe umfängt euch und gibt euch Halt. Dadurch werdet ihr fähig, um des Gottesreiches willen auf das hohe Gut ehelicher Gemeinschaft und leiblicher Mutterschaft zu verzichten. Ihr wollt Gott allein gefallen und um seine Sache besorgt sein (ebd. 7, 32).

Diese jungfräuliche Haltung ist in Maria vollkommen verwirklicht. Sie war um die Sache des Herrn besorgt wie keine andere, von der Verkündigung des Engels bis unter das Kreuz ihres Sohnes. Deshalb wurde sie auch die Mutter der ganzen Kirche. Viele von euch tragen ihren Namen. Tragt auch ihr Vorbild in eurem Herzen und ahmt ihre Treue nach. Ihr zündet ein Licht an für die Menschen unserer Zeit, wenn ihr zeigt, daß enthaltsames Leben um des Gottesreiches willen zu Freude und Erfüllung führt, je mehr es in Freiheit und Hingabe gelebt wird. Im Finstern bleibt nur, wer mit geteiltem Herzen lebt; im Finstern bleibt nur, wer mit halbem Herzen liebt.

Ihr jungen Mädchen, schaut aufmerksam auf dieses Zeichen christlicher Jungfräulichkeit. Laßt euch nicht beirren von denen, die euch lediglich an eure Triebe binden wollen. Wirklich frei wird nur, wer durch die Bindung an Christus Raum gefunden hat, sich selbst in Liebe zu verschenken an Gott und seine Barmherzigkeit für die Welt und ihre Menschen.

3. Liebe Schwestern, ihr lebt in einem Land, in dem viele meinen, sich alles kaufen zu können: Besitz und Macht, Anerkennung und Glück. Eure freiwillige Armut mag für manche Menschen Ärgernis und Torheit sein. Der Mensch ist aber mehr, als was er besitzt. Durch euren Weg der Armut, den Weg eines einfachen Lebens, seid ihr mehr, als was ihr leistet, mehr, als was ihr erreicht, mehr, als was ihr wißt und erkennt. Jesus Christus ist euer Reichtum. So können euch Besitz, Macht und Ansehen zweitrangig werden. Das macht euch frei. Ihr könnt loslassen, verfügbar sein und solidarisch werden mit den ”Armen“ unserer Tage. Durch eure Armut seid ihr den Schwachen und Entrechteten, den Ausgenützten und Hilflosen besonders verbunden. Stellt euch auf ihre Seite und steht für sie ein, tapfer und ehrlich. Dann gilt auch von euch: ”Ihr seid arm und macht doch viele reich; ihr habt nichts und habt doch alles“ (2 Kor 6, 10).

Nehmt also gern und bewußt die Armut in der Nachfolge Christi auf euch, wie sie Maria in Betlehem und Nazaret mit Jesus geteilt hat. Ihr setzt damit ein prophetisches Zeichen für endgültiges, reiches Leben in Gott.

Liebe Jugendliche, ihr seid auf der Suche nach dem echten Sinn und Reichtum eures Lebens. Schaut auf Jesus Christus: Er ist euretwillen arm geworden und als Mensch in dieser Welt gekommen. Durch ihn ist auch euer Leben in Gott geboren. Lebensfurcht und Unsicherheit kommen in ihm zur Ruhe. Das macht euren Reichtum aus. Es geht darum, dem Herrn alles zu schenken, um in ihm alles zu finden.

4. Liebe Schwestern, heute wird viel gesprochen von Befreiung und Emanzipation, und es kommt diesen in sich berechtigten Anliegen eine besondere Bedeutung zu. Wird aber der Mensch, der nur Gebote und Bindungen abschüttelt, schon wirklich frei? Findet er heraus aus der Gefangenschaft des Egoismus und des Hasses, wenn er jeder Autorität mißtrauisch gegenübersteht?

Ihr lebt den Gehorsam. Ihr steht in der Freiheit der Liebe, weil ihr auf Gott vertraut und seiner Liebe gewiß seid. Euer Maßstab ist der Gehorsam Jesu Christi: ”Er erniedrigte sich und war gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz “ (Phil 2, 8). In dieser Grundhaltung gelingt euch dann auch ein erwachsener Gehorsam gegenüber euren Ordensoberen und den kirchlichen Autoritäten. Euer Gehorsam ist vor allem Gehorsam gegen Gott; er muß sich aber in der konkreten Gemeinschaft und ihrer Ordnung bewähren und verleiblichen. In und mit eurer Gemeinschaft seid ihr verfügbar für Gott, erhaltet ihr Sicherheit und Kraft für euren selbstlosen Einsatz. Laßt euch gebrauchen als Werkzeuge der Liebe.

Auch hier ist Maria, die Mutter des Herrn, euer Vorbild. Sie sprach ihr ”Fiat“ und nahm damit den Willen Gottes an. Ihre gehorsame Liebe führte sie unter das Kreuz, aber auch zur Freude der Auferstehung.

Euch, liebe Jugendliche, bitte ich: Laßt euch nicht verführen zu falscher, kurzsichtiger Freiheit. Ihr seid noch nicht frei, wenn ihr lediglich tun könnt, was euch behagt, was euer Geldbeutel euch erlaubt. Ihr seid keineswegs frei, wenn ihr euch durchsetzt auf Kosten anderer. Unterstellt eure junge Begeisterung dem lebensweckenden Willen Gottes. Bündelt euren guten Willen in kraftvoller Gemeinschaft mit Gleichgesinnten. Sucht gemeinsam, was auf Dauer gut ist für euch und für die anderen. So werdet ihr frei.

Liebe Schwestern und junge Mitchristen!

Wie kostbar ist eure Berufung, Licht der Welt und Zeugen des Evangeliums zu sein! Seid nicht zaghaft, sondern habt Mut! Lebt mit Christus, aus seiner Kraft; denn der Herr nimmt sich unserer Schwachheit an. Gebt der Welt ein Zeugnis von der Menschenfreundlichkeit Gottes. Ich wünsche euch allen und bete darum, daß ihr darin immer vollkommener werdet. Gott, ”der das gute Werk in euch begonnen, wird es auch vollenden“.

Dazu erteile ich euch, allen euren Mitschwestern und Gemeinschaften von Herzen meinen besonderen Apostolischen Segen.

Amen.

 

© Copyright 1987 -  Libreria Editrice Vaticana

 

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