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ANSPRACHE VON JOHANNES PAUL II.
AN DIE BISCHÖFE DER BERLINER BISCHOFSKONFERENZ ANLÄSSLICH IHRES "AD-LIMINA"-BESUCHES

Freitag, 27. November 1987

 

Liebe Mitbrüder im Bischofsamt!

1. In der Gewißheit unserer tiefen Verbundenheit als Glieder des Bischofskollegiums und unserer inneren Einheit in Christus, der uns auch gegenwärtig auf dem Weg des Gottesvolkes voranschreitet, empfange ich euch heute, am Ende eures "Ad-Limina"-Besuches, gemeinsam hier im Vatikan, dem Ort des bleibenden Glaubenszeugnisses des Apostels Petrus und seiner Nachfolger. Euch allen gilt mein brüderlicher Gruß. Zu Beginn gedenken wir auch jener Mitbrüder, die an unserer Begegnung nicht teilnehmen, und besonders des verdienten Bischofs Schaffran, der aus Altersgründen die Bürde seines Amtes in der Leitung der Diözese Dresden-Meißen läßt.

Mit Freude grüße ich in euch ferner die Priester die Ordensleute und alle katholischen Männer, Frauen und Jugendlichen, die euch, den Oberhirten der Berliner Bischofskonferenz, anvertraut sind. Mit besonderer Anteilnahme habe ich im Juli dieses Jahres euer Katholikentreffen in Dresden verfolgt und mit meinem Gebet begleitet. Ich möchte euch und allen daran Beteiligten einen herzlichen Glückwunsch aussprechen für die umsichtige Vorbereitung dieses Treffens, für die beeindruckende Teilnahme aller Gruppen eurer Ortskirche in gläubigem Selbstbewußtsein und beispielhafter geistlicher Freude, für die festliche und zuversichtliche Darstellung unseres Glaubenslebens, das niemanden bedroht, sondern sich auch dem glaubensfernen Mitmenschen in der Liebe Christi öffnet.

2. Die Situation eurer Ortskirche ist davon geprägt, daß ihr in einer Umwelt lebt, die Gott oft nicht kennt oder wieder vergessen hat. So ist es eine eurer wichtigsten Aufgaben, euch zusammen mit den anderen Christen eures Landes um jene grundlegende Evangelisierung zu bemühen, die ”die Bekehrung von den Götzen zu Gott“ bewirkt, damit die Menschen ”dem lebendigen und wahren Gott dienen“ können. Es ist ja unsere gemeinsame Überzeugung, daß sich die tiefste und wahre Sehnsucht des Menschen letztlich auf Gott richtet, der allein Wahrheit, Leben und Freiheit in Fülle ist. Der euch umgebende Atheismus und Materialismus hat viele Gesichter. Es bedrängt euch ein alle gesellschaftlichen Bereiche beanspruchender weltanschaulicher Atheismus, der Religion für verkehrtes Denken hält. Es bedrängt euch noch mehr der auch anderswo verbreitete praktische Alltagsmaterialismus, der das Herz stumpf und die Augen blind macht.

Mehr und mehr setzt sich jedoch bei nachdenklichen Menschen die Erkenntnis durch, daß eine Weltanschauung, die die Wirklichkeit Gottes aus dem Leben des Menschen und der Gesellschaft ausklammert, auch nicht den wahren irdischen Bedürfnissen des Menschen und den großen Problemen von Gegenwart und Zukunft gerecht werden kann. Laßt euch darum als kleine Kirche in eurem Land nicht entmutigen! Ihr habt in eurer Gesellschaft eine wichtige und unersetzliche Aufgabe: Seid Zeugen des lebendigen Gottes! Helft durch euer Lebens- und Glaubenszeugnis, daß andere Zugang gewinnen können zu den Quellen des Lebens, die uns das Evangelium Christi so reich erschließt! Ihr dürft gewiß sein, daß andere Ortskirchen in vergleichbarer Situation mit Aufmerksamkeit auf euer missionarisches Zeugnis schauen, um daraus für sich selbst Anregung und Ermutigung zu schöpfen.

3. Wahrhaft Zeugnis ablegen für Gottes heilvolle Gegenwart kann aber nur, wer selbst bereit ist zu ständiger Umkehr und Heiligung des Lebens. Die Wirksamkeit eures Glaubenszeugnisses nach außen wird von der Intensität abhängen, mit der sich alle Gläubigen auf den Ruf Jesu Christi einlassen, der gesagt hat: ”Ihr sollt vollkommen sein, wie es auch euer himmlischer Vater ist“. Und der Apostel Paulus wiederholt diese Aufforderung mit der Worten: ”Das ist es, was Gott con euch will, eure Heiligung“. Wir können der Welt nur dann etwas bringen, wenn wir uns zuvor vom Herrn ergreifen und zu neuen Menschen umwandeln lassen. Darum wird ein Schwerpunkt eures pastoralen Wirkens und Lebens in euren Gemeinden und Familien in dem Bemühen bestehen müssen, die lebendige Verbindung mit Jesus Christus, unserem Herrn, zu festigen und zu vertiefen. ”Getrennt von mir könnt ihr nichts vollbringen“, sagt der Herr.

Schon die Beschränkung der äußeren Mittel und Möglichkeiten zwingt dazu, daß ihr euch auf die wesentlichen seelsorglichen Aufgaben konzentriert. Sorgt dafür, daß in allen kirchlichen Lebensäußerungen jene tiefe Christusverbundenheit und Geisterfülltheit die Quelle allen Handelns bleibt. Sie kann der Kirche auch in einer Minderheitensituation überzeugende Strahlkraft und unerschütterlich Hoffnung verleihen. Ich stimme voll jenem Grundsatz zu, den ihr in eurem viel beachteten Pastoralbrief vom 8. September des vergangenen Jahres an eure Priester und Diakone aufgestellt habt: ”Christen, deren Glauben das ganze Leben durchformt, werden wie ein positives Ferment in jeder Gesellschaft wirken, auch in der unsrigen“.

Mit Freude blicke ich auf die auch in eurer Mitte sich bildenden geistlichen Gemeinschaften und Bewegungen, die, vom Heiligen Geist angeregt, der Kirche neue Lebenskräfte schenken. Die letzte Bischofssynode hat sie in einer besonderen Weise gewürdigt und ermutigt. Dankbar sehe ich die verhältnismäßig zahlreichen geistlichen Berufungen bei euch, die der Kirche helfen, Gott ”im Geist und in der Wahrheit anzubeten“. Ich habe durch euch erfahren vom kraftvollen Glaubenszeugnis so vieler junger Christen, die in Ausbildung und Beruf treu zu Christus und zur Kirche stehen. Die Erfahrung solcher sichtbaren Früchte des Geistes dürfen euch dankbar und zuversichtlich werden lassen.

4. Der grundlegende Weg, auf den die Kirche gerufen ist, ist der Mensch, und zwar der Mensch in all seinen konkreten Lebensbedingungen. Überall dorthin–so dürfen wir im Glauben wissen– ist euch Christus bereits vorangegangen. Ja, es stimmt, was Sie verehrter Herr Kardinal, in der Predigt beim Hauptgottesdienst in Dresden gesagt haben: ”Dieses Stück Welt – eure Heimat – ist wahrhaft keine gottlose Welt. Daher ist für uns Christen dieses Land ein Zuhause, weil Christus in ihm wohnt“. In eurem bereits zitierten Pastoralbrief habt ihr in lobenswert klarer und doch auch differenzierender Sprache euren Mitchristen und vor allem den Seelsorgern die geistigen und praktischen Wege in diese ”Welt“ erschlossen und Kriterien für ein unbefangenes und zugleich selbstbewußtes Vorgehen in den einzelnen Lebensbereichen entwickelt.

Die Kirche muß den Menschen in seinen Sehnsüchten und Hoffnungen, in seinen Ängsten und Nöten, in seiner ganzen Widersprüchlichkeit zu verstehen suchen. Das ist nur möglich, wenn die Hirten und Mitarbeiter der Kirche in brüderlicher Solidarität das Leben der Menschen ihres Landes teilen und sich mit ihnen verbunden wissen. Das umfangreiche karitative Werk eurer Kirche ist ein sprechendes Zeugnis dieser Solidarität mit den Armen und Kranken, den Hilflosen und Leidenden, zu der uns die Liebe Christi drängt. Es wird nicht leicht sein, angesichts des Rückgangs der karitativen Ordensberufe diese Häuser und Werke als Stätten christlicher Diakonie in jedem Fall weiterzuführen. Mit dem Dank für jene, die bisher dieses große Werk getragen haben, verbindet sich die Hoffnung, daß sich viele Laienchristen mögen berufen im Dienst der Caritas einen überzeugenden Ausdruck zu geben. Dabei ermutige ich euch, auch neue Nöte des heutigen Menschen in den Blick zu nehmen, die sich aus den modernen Lebensbedingungen mit ihrem Trend zur Isolierung und Schwächung des Einzelnen in manchen Bereichen ergeben.

Eure Gemeinden werden so für die Gescheiterten, für die im Leben zu kurz Gekommenen und Benachteiligten, für die in mancherlei Hinsicht ”Schwachen“ Zufluchtsstätten der Menschlichkeit und praktischer Solidarität. Öffnet die Tore der Kirche weit für alle, die nach der Liebe unseres Erlösers Ausschau halten. Schenkt auch jenen Aufmerksamkeit und Zuwendung, die vielleicht im Vorraum der Kirche stehen bleiben und sich noch nicht zu einem vollen Ja zu Christus entscheiden können. Auch ihnen gilt das Wort des Herrn: ”Kommt alle zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt. Ich werde euch Ruhe verschaffen“.

Schließlich gehört zu dem der Kirche aufgetragenen Dienst auch der Einsatz für die Würde des Menschen. So werden die Hirten der Kirche auch weiterhin dort ihre Stimme mahnend erheben, wo unveräußerliche Rechte des Menschen in Gefahr sind; sie werden auch für den Schutz des vorgeburtlichen Lebens eintreten, für den freien Wirkungsraum der Kirche besonders auch in der Unterweisung und Begleitung der Jugend. In diesem Zusammenhang unterstütze ich ausdrücklich die ebenfalls von euch in Dresden vorgetragene Bitte, daß eure Christen ”in Zukunft, und zwar auf ganz normalem Wege wie so viele katholische Christen anderer Länder, nach Rom pilgern können, um dem Heiligen Vater zu begegnen“. Ihr werdet aber auch in den Bereichen die Hilfe der Kirche anbieten, in denen sie vom Evangelium Christi her einen Beitrag für das Gemeinwohl der Gesellschaft und der in ihr lebenden Mitbürger leisten kann. Die Christen in eurem Land möchten zu Rechte ihre Begabungen und Fähigkeiten in eure Gesellschaft einbringen, ohne dabei jedoch ihre Glaubensüberzeugungen verleugnen zu müssen.

So wird eine Kirche, die in Wort und Tat die Menschenfreundlichkeit Gottes bezeugt und selbst praktiziert, die Herzen der Menschen mehr und mehr für die Annahme des menschgewordenen Gottessohnes Jesus Christus bereiten.

Liebe Mitbrüder! Möge Gott, unser treuer und barmherziger Vater, euch bei eurem nicht leichten Hirtendienst stützen und führen und euer Herz mit der Freude am Herrn reich füllen. Er erhöre unserer Gebet, das wir am Ende unserer brüderlichen Begegnung mit den Worten der Liturgie an ihn richten wollen: ”Herr, unser Gott, wir haben uns im Namen deines Sohnes versammelt und rufen zu dir: ... mach uns hellhörig für unseren Auftrag in dieser Zeit und gib uns die Kraft, ihn zu erfüllen. Das erbitte ich euch, euren Mitarbeitern und allen Gläubigen in euren Seelsorgsgebieten mit meinem besonderen Apostolischen Segen.

 

© Copyright 1987 - Libreria Editrice Vaticana

 

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