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PASTORALBESUCH IN ÖSTERREICH
ANSPRACHE VON JOHANNES
PAUL II.
AN DIE
ÖSTERREICHISCHEN BISCHÖFE
Salzburg
- Freitag, 24. Juni 1988
Liebe Mitbrüder im Bischofsamt!
1. Wie ich in der kurzen Fernsehbotschaft vor Beginn meines jetzigen
Pastoralbesuches gesagt habe, wollen unsere Begegnungen eine frohe Feier unseres
Glaubens sein, in dem wir uns gegenseitig bestärken. Diese Feier erhält eine
besondere Dichte in unserer heutigen brüderlichen Begegnung.
Das Leitwort, das Ihr für meinen zweiten Pastoralbesuch in eurem Land gewählt
habt: ”Ja zum Glauben – Ja zum Leben“, ist Bekenntnis und Aufruf zugleich. Es
erhält in der Gemeinschaft der Bischöfe, die die göttliche Vorsehung zu
Oberhirten des Volkes Gottes in Österreich bestellt hat, eine um so größere
Aktualität und Bedeutung. Das Zweite Vatikanische Konzil hat ja unter den
hauptsächlichsten Ämtern der Bischöfe gerade der Verkündigung des Evangeliums
einen ”hervorragenden Platz“ zugewiesen. Denn, so sagt es, ”die Bischöfe sind Glaubensboten, die Christus neue Jünger
zuführen; sie sind authentische, d.h. mit der Autorität Christi ausgerüstete
Lehrer. Sie verkündigen dem ihnen anvertrauten Volk die Botschaft zum Glauben
und zur Anwendung auf das sittliche Leben und erklären sie im Licht des Heiligen
Geistes“.
Christus hat für das Oberhaupt des Bischofskollegium – für Petrus und seine
Nachfolger – eigens gebetet, daß sein ”Glaube nicht erlischt“ und ihm zugleich
ausdrücklich aufgetragen: Du aber ”stärke deine Brüder“.
2. Von Herzen danke ich Euch, daß Ihr mir durch Eure Freundliche Einladung zu
diesem zweiten Besuch in Euren Ortskirchen eine weitere, vorzügliche Gelegenheit
dafür bietet. Ich habe sie mit Freude angenommen und erwidere dadurch gern im
Geist tiefer brüderlicher Verbundenheit Euren ”ad-limina“ -Besuch, den Ihr mir
im vergangenen Jahr gemeinsam in Rom abgestattet habt. Unsere heutige Begegnung
will das damals begonnene Gespräch fortsetzen und vertiefen.
Ich danke Euch für alles, was Ihr zur Vorbereitung meines Besuches getan habt,
damit es für alle Beteiligten Tage der Gnade und religiöser Erneuerung werden.
Ich danke Euch für Euren Dienst am Gottes heiligen Volk, für Eure Treue zu
Christus und für Eure Einheit mit dem Nachfolger Petri im gemeinsamen Auftrag
der Glaubensverkündigung. Aus langjähriger eigener Erfahrung weiß ich nur zu
gut, welchen Schwierigkeiten und Nöten ein Bischof als Zeuge der Frohen
Botschaft Jesu Christi gerade in der heutiger säkularisierten Welt begegnet. In
Euren täglichen Mühen versichere ich Euch meiner steten brüderlichen Solidarität
im Wissen darum, daß Ihr Euch mit ganzer Hingabe in Liebe zu Christus und den
Euch anvertrauten Gläubigen für die Auferbauung des Reiches Gottes in euren
Diözesen und Gemeinden einsetzt. Diese Solidarität, die im gemeinsamen Auftrag
und zutiefst im gemeinsamen Glauben gründet, ermöglicht uns auch Freimut und
Offenheit zueinander. Ihr wißt, daß ich dankbar bin, wenn Ihr mir unbeschönigt,
wie es sich unter Brüdern ziemt, Eure Fragen und Sorgen vorlegt. Wenn ich immer
wieder mit gleicher Offenheit zu Euch spreche, so nehmt dies als Zeichen meines
Vertrauens. Nur in solchem Geist können wir die großen Aufgaben bestehen, die
auf uns zukommen. Wir alle kennen die Erfahrung der Apostel, die Nächte der
Vergeblichkeit, von denen wir mit leeren Netzen zurückkommen. Gerade in solcher
Erfahrung der eigenen Grenze bereitet uns der Herr dafür, nicht uns, sondern ihm
zu vertrauen, unbedingt und ohne Furcht. Die ehrliche Erkenntnis von Versagen
und Mißerfolg hat daher nichts mit lähmendem Pessimismus oder mit Mutlosigkeit
zu tun. Sie muß uns nur enger zum Herrn und so zueinander führen, um uns
gegenseitig zu stärken, auf daß wir alle einmal als treue Knechte Jesu Christi
erfunden werden.
3. Das Leitwort des jetzigen Pastoralbesuches soll auch über unserer heutigen
Begegnung stehen. Es läßt uns zuerst dankbar daran zurückdenken, daß in dieser
geschichtsreichen Stadt, in diesem schönen Land im Herzen Europas, Eure
Vorfahren einmal mit Gottes Gnade bereitwillig ihr ”Ja zum Glauben“ gesprochen
haben, als der Glaubensbote Rupert mit seinen Gefährten und seine Nachfolger
ihnen den christlichen Glauben verkündeten und dieses Bistum errichteten. Das
gläubige Volk ist selbst in schweren Zeiten zum weitaus größten Teil am
katholischen Glauben treu geblieben. Die Bischöfe von Salzburg waren zudem in
den frühen Jahrhunderten auch eifrig darum bemüht, daß der christliche Glaube in
die Länder Osteuropas weitergetragen wurde. Manche von ihnen haben durch ihr
konsequentes Ja zum Glauben wie der hl. Rupert mit vielen ihrer Gläubigen sogar
den Ruf der Heiligkeit erlangt; unter ihnen der hl. Virgil, der hl. Vitalis und
der hl. Arno. Euer ganzes Volk und Land ist tief geprägt vom christlichen
Glauben und einem reichen religiösen Brauchtum.
Ein kostbares Erbe, das es immer wieder neu zu entdecken, sorgfältig zu hüten
und neu mit Leben zu erfüllen gilt. Wir wollen Gott danken, daß in vielen
Menschen dieses Landes noch ein tiefer, starker Glaube vorhanden ist und daß
sich viele redlich darum bemühen, aus dem Glauben zu leben und ihn durch Werke
der Liebe zu bezeugen. Ebenso wissen wir aber auch, daß bei nicht weniger der
Glaube bedauerlicherweise verflacht oder in Gewohnheit und Brauchtum erstarrt
ist. Wieder andere sind in den letzten Jahren in nicht geringer Zahl sogar – aus
welchen Gründen auch immer – aus der Kirche aus getreten. Das Ausmaß der
Säkularisierung als Folge von Wohlstand und religiöser Gleichgültigkeit ist auch
bei Euch im Leben des einzelnen, der Familie und vor allem in der Öffentlichkeit
weit fortgeschritten. Der Glaube hat im konkreten Leben des Alltags an Kraft
verloren. Nicht nur einige vereinzelte pastorale Initiativen sind heute
gefordert, eine umfassende Neu-Evangelisierung wird immer notwendiger, die bei
den einzelnen, bei den Familien und Gemeinden beginnt und die verschütteten
Quellen des Glaubens und einer überzeugten Christusnachfolge neu zum Fließen
bringt. Fordern wir unsere Christen zu einem neuen Ja zum Glauben auf, das zu
einem neuen Ja zum Leben, zu einem Leben in der befreienden und beglückenden
Freundschaft mit Gott werden kann.
4. Liebe Mitbrüder! Als Bischöfe sind wir vor allem Glaubensboten, Verkünder der
Frohen Botschaft, die Christus neue Jünger zuführen und die lauen und ermüdeten
in ihrem Glaubensieben erneuern sollen. Die lebendige Weitergabe des Glaubens
ist heute eine der wichtigsten Aufgaben der Kirche. Es geht dabei nicht nur
darum, den Glauben unverfälscht zu bewahren, sondern auch darum, ihn so zu
vermitteln, daß die Herzen von der Frohen Botschaft entzündet werden und die
Menschen erkennen, wie ihr Leben dadurch Klarheit und Kraft erhält für eine
lebendige Verbundenheit mit Gott und auch für den Dienst an ihren Mitmenschen
und eine christliche Gestaltung der Gesellschaft.
Als von Gott bestellte Hirten im Volke Gottes habt Ihr sorgfältig über das Euch
anvertraute Gut des Glaubens zu wachen, damit der Glaube vollständig und
unversehrt an die nachwachsende Generation weitergegeben wird. Seid Euch aber
stets bewußt, daß die Kirche nicht eine Sammlung trockener, formelhafter Lehren
zu hüten hat. Was die Kirche lehrt, ist nie nur Formel. Es ist Frucht einer
lebendigen Begegnung mit dem Herrn und ist daher Türe zu ihm. Es ist
Sichtbarwerden jener Wahrheit, die Weg ist. Wo Lehre veruntreut wird, wird Leben
angegriffen, werden Wege verschüttet. Alle Lehren unseres Glaubens laufen
zusammen in einer lebendigen Person, Jesus Christus. Wir lieben die Erkenntnis
des Glaubens, weil wir darin ihn selber lieben; Glaube ist Erkenntnis, die aus
der Liebe geboren wurde. So geht es letztlich immer um die personale Begegnung
mit Jesus Christus. Sie ist entscheidend, bei Euch selbst und auch bei den Euch
anvertrauten Priestern und Lehrern und allen Gläubigen. Hüter des Glaubens sein
heißt Hüter des Lebens sein, das Christus bringt, des Lebens in Fülle.
5. Wie das Zweite Vatikanische Konzil uns erinnert, erscheint in dieser Aufgabe
der Verkündigung der Botschaft Christi ”besonders wertvoll jener Lebensstand,
der durch ein besonderes Sakrament geheiligt wird, das Ehe- und Familienleben“.
Bemüht Euch darum um eine sehr intensive und zeitgemäße Familienpastoral. Die
Eltern sind nicht nur die ersten, sondern in den allermeisten Fällen auch die
wichtigsten Glaubenszeugen. Schon von früh an spüren die Kinder, ob diese Wert
darauf legen, in lebendiger Verbindung mit Gott zu leben; im Vertrauen auf seine
Führung, in Gemeinschaft mit Jesus Christus und im Bewußtsein, daß sie die Kraft
des Heiligen Geistes nicht im Stich läßt. Schon früh spüren sie, ob die Eltern
die Kirche lieben, den Gottesdienst und die Sakramente, vor allem aber, ob sie
sich ernstlich darum bemühen, ihren Glauben zu leben. Ladet die Eltern ein, die
vielen Gelegenheiten zu nützen, die sich ihnen glücklicherweise in diesem Land
bieten, um ihren Glauben zu bilden und sie auf die wichtige Aufgabe
vorzubereiten, die sie an ihren Kindern als erste Glaubenszeugen zu erfüllen
haben. Gesprächsgruppen in der Gemeinde, Bildungshäuser, gute Bücher und vieles
andere stehen ihnen zur Verfügung. Ihr werdet darauf achten, daß diese
Einrichtungen von innen her dem Glauben der Kirche dienen, so daß Ihr sie
wirklich uneingeschränkt allen als Wege der Begegnung mit dem Evangelium
empfehlen könnt.
Bemüht euch zugleich um eine wirksame Erwachsenenkatechese, die ja die
”hauptsächliche Form der Katechese“ ist. Denn erst ein Glaube, der ernsthaft
von erwachsenen Menschen vertreten, durchdacht, besprochen und in die eigene
Sprache übersetzt ist, und bei dem Erwachsene gemeinsam fragen, wie sie diesen
Glauben unter den heutigen Verhältnissen leben können, erst ein solcher Glaube
bietet den Rückhalt, den die nachwachsenden Generationen brauchen, um sich auf
ihre Weise den Glauben aneignen zu können. Erfreulicherweise gibt es in Eurem
Land zahlreiche entsprechende Bemühungen. Sie werden um so fruchtbarer sein, je
mehr sie in enger Verbindung mit Papst und Bischöfen den Glauben aller Zeiten in
das Heute dieser unserer Zeit übertragen.
Sorgt Euch mit besonderer Aufmerksamkeit und Hingabe um eine angemessene
katechetische Ausbildung der Priester und der anderen hauptamtlichen Mitarbeiter
im pastoralen Dienst, Diakone, Ordensleute und Laien, Männer und Frauen. Durch
den Dienst, den sie in den einzelnen Gemeinden oder auch an anderen Stellen des
kirchlichen Lebens leisten, können sie viel und Wesentliches beitragen zu einer
lebendigen und zündenden Weitergabe des Glaubens an die Euch anvertrauten
Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen. Mit besonderer Freude höre ich, daß es
auch in eurer Diözese zahlreiche Männer und Frauen gibt, die sich ehrenamtlich
im Rahmen der Gemeindekatechese um die Hinführung der Kinder zu einem frohen und
innerlich befreienden Leben mit der Kirche bemühen, die sich bei der
Vorbereitung der Kinder auf die erste hl. Kommunion und auf den Empfang der
Firmung beteiligen. Hier wird sich bewahrheiten. Die wirksamsten Zeugen Jesu
Christi sind immer diejenigen, die den betreffenden Menschen besonders nahe
stehen: durch Verwandtschaft, durch den geringeren Alterunterschied, durch
gemeinsames Leben in der Gemeinde.
6. Ein Wort der Anerkennung und der Ermutigung gebührt an dieser Stelle allen
Pfarrseelsorgern für ihren umfassenden Dienst in den Gemeinden; in einer
besonderen Weise aber auch den Religionslehrerinnen und Religionslehrern, die an
den verschiedenen Schulen im Religionsunterricht der Weitergabe eines lebendigen
Glaubens dienen. Ihr Dienst ist oft schwierig; denn sie gehören mit zu den am
meisten exponierten Zeugen der Kirche. Manche ihrer Schüler sind ohne jede
lebendige Verbindung mit der Kirche aufgewachsen; manchen fehlt jedes Interesse,
auf religiöse Fragen einzugehen. Dies stellt um so größere Anforderungen an ihre
pädagogischen Fähigkeiten und auch an ihr persönliches Glaubenszeugnis.
Alle Bemühungen um die verstandesmäßige Aneignung und Durchdringung der
Glaubenswahrheiten dürfen aber nicht vergessen lassen, daß der Mensch nicht nur
aus seinem Kopf besteht. Deshalb setzt gesunde Theologie das Mitglauben und
Mitleben mit der Kirche voraus; sie braucht den Raum des Gebetes. Ein einseitig
intellektualistisches Glaubensverständnis kann die Freudigkeit an der Nachfolge,
statt zu fördern, sogar beeinträchtigen. Darum gilt es, gerade den jungen
Menschen den Zusammenhang zwischen den wesentlichen Aussagen des Glaubens und
ihren eigenen Lebenserfahrungen so nah zu bringen, daß der Funke des Glaubens
überspringen kann. So werden sie begreifen, daß sie zum Glauben den
Erfahrungsraum der Kirche, der Gemeinschaft der Heiligen brauchen; ihre eigenen
Erfahrungen werden aufgesprengt und ausgeweitet werden, und es wird ihnen
aufgehen, daß das, was zuerst nur Formel schien, Wirklichkeit ist und Leben gibt.
Dabei muß von allen, die im Dienst der Verkündigung und Weitergabe des Glaubens
stehen, zugleich bedacht werden, daß erst im lebendigen Tun die Wahrheit Gottes
wirklich erfaßt wird, ”Wer die Wahrheit tut, kommt zum Licht“. Das gilt in
gleicher Weise für den Verkünder wie für den Empfänger der Frohen Botschaft.
Darüber hinaus ist jede Form der Glaubensverkündigung immer wesentlich ein ”Werk
des Heiligen Geistes“. Wer dies ernstnimmt, wird bedacht sein auf eine
entsprechende Offenheit des Herzens für den Geist Gottes, auf einen ständigen
vertrauten Umgang mit der Heiligen Schrift im Glauben der Kirche sowie auf jene
Selbstlosigkeit, die dem Katecheten und Glaubensboten hilft, daß er nicht sich
selbst verkündigt, sondern Jesus Christus. Er selbst muß in seinem Reden und Tun
transparent werden für den Größeren, der durch sein Glaubenszeugnis wirkt.
7. Liebe Mitbrüder! Das ”Ja, zum Glauben“, zu dem Ihr anläßlich meines jetzigen
Pastoralbesuches Eure Gläubigen neu aufruft, muß für Euch als von Gott bestellte
Hirten und Lehrer des Volkes Gottes zu einem neuen Ja zu einer noch
entschiedeneren und lebendigeren Glaubensverkündigung und -unterweisung werden.
”Der Glaube gründet in der Botschaft“, sagt der Apostel und fügt sogleich hinzu:
”Wie sollen sie an den glauben, von dem sie nichts gehört haben? Wie sollen sie
hören, wenn niemand verkündigt?“.
Die Frohe Botschaft Christi, die nach einem Wort des Konzils ”für alle Zeiten
der Ursprung jedweden Lebens für die Kirche“ ist, muß neu zur Grundlage aller
Bemühungen um eine religiöse und kirchliche Erneuerung gemacht werden. Es gibt
heute vergessene Glaubenswahrheiten, vergessene Gebote Gottes, eine
fortschreitende Entchristlichung auch im Leben vieler unserer Gläubigen und
Gemeinden. Gefordert ist eine Katechese und Glaubensverkündigung, die so radikal
und tragend ist, daß man sie als eine Dauerevangelisierung bezeichnen könnte.
Wir müssen unsere Gläubigen und uns alle ständig mit der Person und Botschaft
Jesu Christi, mit der Fülle des Wortes Gottes herausfordern und dadurch allen
Orientierung und Lebensinhalt vermitteln.
Aus der im lebendigen Glauben bewußt vollzogenen persönlichen Hingabe an
Christus soll sich die religiöse Erneuerung im Leben der einzelnen Gläubigen und
in den Gemeinden vollziehen, soll das kirchliche Leben in euren Ortskirchen und
in der ganzen Kirche in Österreich im Geist brüderlicher Einheit und
Verständigungsbereitschaft gestaltet werden. Auf ein in diesem Geist erneuertes
kirchliches Leben zielen alle jene Ausführungen und konkreten Hinweise ab, die
ich Euch in meiner Ansprache zu Eurem letzten ”ad-limina“ - Besuch gegeben habe.
Ich möchte sie heute noch einmal Eurer besonderen pastoralen Sorge und
Aufmerksamkeit anempfehlen.
8. Mit dankbarer Anerkennung erwähne ich die Erklärung eurer Bischofskonferenz,
durch die Ihr Euch die bei diesem ”ad-limina“ Besuch erörterten pastoralen
Anliegen zu eigen gemacht und sie mit einigen klärenden Worten Euren Gläubigen
erläutert habt. Von besonderer Wichtigkeit davon scheint mir für heute Euer
nachdrücklicher Hinweis aus die Verpflichtung zur Bildung des Gewissens zu sein.
Das Gewissen ist jener geheimnis- und entscheidungsvolle Ort, wo die Brücke vom
Glauben zum konkreten Leben geschlagen wird. Der tiefere Grund für die
zunehmende Orientierungslosigkeit des heutigen Menschen liegt im Schwinden des
Gottesbewußtseins und in der Krise des Gewissens.
Das Gewissen ist, wie das Konzil es nennt, die ”verborgenste Mitte und das
Heiligtum im Menschen“. Es ist die ”erste Grundlage der inneren Würde des
Menschen und zugleich seiner Beziehung zu Gott“. Wird die Wirklichkeit Gottes
verdunkelt, verformt sich auch das Gewissen des Menschen; wird die Sünde
geleugnet, wird auch Gott geleugnet.
Viele halten heute das Urteil des menschlichen Gewissens für etwas Relatives,
für etwas bloß vom Menschen Gemachtes, für die Regel eines Humanismus ohne Gott.
”Handle nach deinem Gewissen!“ ruft man dem Menschen zu, ohne ihm jedoch
Orientierungshilfen zu geben. Das Gewissen des Menschen aber verwahrlost, wenn
es allein gelassen wird und man ihm die Wahrheit vorenthält. So wenig wie das
Auge auf das Licht, kann das Gewissen auf die Wahrheit verzichten. Das Gewissen
hat ein unveräußerliches Recht auf Wahrheit und ist zuinnerst mit der Würde des
Menschen verbunden. Wenn die Kirche die Lehre des Glaubens und der Sitten
verkündet, so leistet sie einen unerläßlichen Dienst an eben dieser seiner Würde,
da Gott den Menschen von Anfang an als sein Bild und Gleichnis geschaffen hat.
Der Würde des Menschen entspricht allein das richtig gebildete Gewissen, das
Gewissen, das sich nach der Wahrheit ausrichtet und, von ihr erleuchtet,
entscheidet. Darum ist der Mensch von der Würde seines Menschseins gehalten,
sich mit seinem Gewissen an der vom Schöpfer gesetzten Ordnung zu orientieren; er
muß die in Christus geoffenbarte Wahrheit befragen und die Lehre der Kirche
”maßgebend“ in seine Gewissensentscheidung einbeziehen. In diesem Sinn verlangt
das Konzil von den Gläubigen ausdrücklich, daß sie ”mit einem im Namen Christi
vorgetragenen Spruch ihres Bischofs in Glaubens- und Sittenfragen übereinkommen
und ihm mit religiöse gegründetem Gehorsam anhangen. Dieser religiöse Gehorsam
des Willens und Verstandes ist in besonderer Weise dem authentischen Lehramt des
Bischofs von Rom, auch wenn er nicht kraft höchster Lehrautorität spricht, zu
leisten; nämlich so, daß sein oberstes Lehramt ehrfürchtig anerkannt und den von
ihm vorgetragenen Urteilen aufrichtige Anhänglichkeit gezollt wird, entsprechend
der von ihm kundgetanen Auffassung und Absicht“. Ihr habt in der genannten
Erklärung gegenüber mißbräuchlichen Formen der Berufung auf das Gewissen
deutlich gemacht, was dies zum Beispiel im Hinblick auf die Enzyklika ”Humanae
Vitae“ und das Apostolische Schreiben ”Familiaris Consortio“ für das Leben des
Christen konkret bedeutet.
9. Liebe Mitbrüder! Nur eine im Glauben gefestigte und aus dem Glauben lebende
Kirche kann auch ihren Heilsauftrag in der Gesellschaft und für alle Menschen
wirksam erfüllen. Selbst ihre eigene innere Erneuerung steht letztlich im Dienst
ihrer missionarischen Sendung ”damit die Welt glaubt“. Durch eine umfassende
Neu-Evangelisierung muß die Kirche versuchen, dem Prozeß der kirchlichen
Entfremdung in ihren eigenen Reihen Einhalt zu gebieten und Mittel und Wege zu
finden, um auch die der Kirche Fernstehenden wieder zurückzugewinnen und die
ganze menschliche Gesellschaft mit dem Sauerteig des Evangeliums zu durchdringen.
”Die Kirche evangelisiert“, so sagt das Apostolische Schreiben ”Evangelii
Nuntiandi“, ”wenn sie versucht, ausschließlich durch die göttliche Kraft ihrer
Botschaft, die sie verkündet, das persönliche und kollektive Gewissen der
Menschen, ihr Handeln, ihr Leben und ihr Milieu zu verändern“. Die
Heilsbotschaft Christi ist universell. Sie muß der gesamten Menschheit und jeder
Schicht der Gesellschaft verkündet werden.
”Ja zum Glauben – Ja zum Leben“. Unser aus dem Glauben gesprochenes Ja zum Leben
ist ein Ja zur ganzen geschöpflichen Wirklichkeit, die in Gott ihren Ursprung
und ihr Ziel hat. Das Ja zum Schöpfer ist ein Ja zu seiner Schöpfung. Es lehrt
daher auch, die Maßstäbe zu finden, wie Fortschritt und Bewahrung, Wissenschaft
und Ehrfurcht, Freiheit des Menschen und Bindung an das innere Wort der
Schöpfung in Einklang zu bringen sind. Die unbedingte Ehrfurcht vor dem Leben
des Menschen von der Empfängnis bis zum Tod steht im Kontext der Ehrfurcht vor
Gottes guter Schöpfung insgesamt und ist ohne Wenn und Aber deren eigentlicher
Testfall. Eine neue Zuwendung zur sittlichen Botschaft des Seins wird sich auch
fruchtbar erweisen für die so nötige Vertiefung einer zeitgemäßen Ethik des
Friedens und des sozialen Fortschritts.
Unser Glaube hat die Kraft, zur Lösung der ungeheuren Probleme, die die
Menschheit bedrücken, einen wirksamen Beitrag zu leisten. Mit Recht erwartet die
Welt heute viel von uns Christen, auch von den Gläubigen in Eurem Land. Je mehr
wir uns auf diese Herausforderungen einlassen, um so deutlicher werden wir
erfahren: Dort, wo der Glaube nicht nur im Denken und Beten und im kleinen
Lebensraum eine Rolle spielt, sondern auch in seiner weltweiten Bedeutung
begriffen und wirksam wird, bis hin zu den drängenden Problemen der Menschen in
aller Welt, wird in demselben Maße auch unser eigener Glaube an Lebendigkeit und
Kraft und wohl auch an Anziehungskraft gewinnen. In diesem Zusammenhang möchte
ich Euch in allem ermutigen, was gerade auch von den Christen Eures Landes für
die notleidenden Mitmenschen in anderen Ländern, vor allem in der Dritten Welt,
so großzügig geleistet wird.
Unser vom Glauben getragenes ”Ja zum Leben“ ist schließlich und vor allem
natürlich ein Ja zur Fülle des Lebens, ein Ja zum Leben in der Gotteskindschaft,
das nicht einmal der Tod zu besiegen vermag, da es die Verheißung ewigen Leben
in sich trägt.
Verkünden wir darum, liebe Mitbrüder, den Menschen unserer Zeit mit neuem Mut
Jesus Christus, der das Leben selbst ist und der gekommen ist, ”damit sie das
Leben haben und es in Fülle haben“. Dabei begleite und stärke Euch und alle,
die Euch im Verkündigungsauftrag helfend zur Seite stehen, mein besonderer
Apostolischer Segen.
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