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PASTORALBESUCH IN ÖSTERREICH
ANSPRACHE VON JOHANNES
PAUL II.
AN EINIGE ÜBERLEBENDE
IM KONZENTRATIONSLAGER MAUTHAUSEN
Linz - Freitag, 24. Juni 1988
1. Es ist schwer, ausdrucksstärkere Worte zu finden, als wir sie soeben aus den
Klageliedern vernommen haben, die von der Überlieferung dem Propheten Jeremia
zugeschrieben werden.
Mehr als 40 Jahre sind vergangen seit jener Zeit, als die Todeslager, unter
ihnen auch das von Mauthausen, Schaudern und Schrecken verbreiteten. Dies
geschah im Herzen Europas. Dies geschah in der Mitte unseres Jahrhunderts, gegen
Ende des Zweiten Jahrtausends nach Christus.
Die Klagelieder des Jeremia künden den Messias und seine Leiden an. Sie sprechen
von einem Menschen – einem Mann der Schmerzen –, dessen Kreuz auf Golgota, vor
den Mauern der Heiligen Stadt Jerusalem aufgerichtet worden ist. Sie sprechen
von Ihm – und in gewissem Sinn tun sie uns sogar seine eigenen Worte kund. Der
Mund der Propheten, sein persönliches Schicksal, vermitteln uns diese besondere
Botschaft.
2. Gleichzeitig aber bringen diese Klagelieder eines Menschen auch die Leiden
aller zum Ausdruck. Ja, von allen Menschen – besonders von denjenigen, die
während der Jahre des fürchterlichen Weltkrieges in Europa durch die Qualen
solcher Lager gegangen sind.
Was der Prophet sagt, könnten die Lippen eines jeden von ihnen gesprochen haben.
Und nicht nur ihre Lippen, sondern ihr ganzes inneres Menschsein, das hier so
brutal getreten und unter den Lebensbedingungen des Lagers zur Vernichtung
verdammt war.
Dies sind Worte jeder menschlichen Seele, des Menschen der Schmerzen, der im
”Mann der Schmerzen“ der Bibel und des Evangeliums sein bleibendes Urbild findet.
3. ”Ich bin der Mann, der Leid erlebt hat durch die Rute des Grimms. Er hat mich
getrieben und gedrängt in Finsternis, nicht ins Licht. Täglich von neuem kehrt
er die Hand nur gegen mich“. Wer ist dieser ”Er“?
Der Mensch also – der Gefangene von Mauthausen – erzählt sein eigenes Leiden.
Und dieser Bericht ist zugleich eine Frage. Eine große Frage des Menschen aller
Zeiten nach dem Leid. Verwandelt sich diese Frage nicht sogar in eine Anklage?
Wer wird vom Mann der Schmerzen angeklagt? Wer wird von diesem gequälten
Menschen, dem Gefangenen des Konzentrationslagers, unter Anklage gestellt? Oder...
klagt er etwa Gott selbst an? – ”Ich bin der Mann, der Leid erlebt hat durch die
Rute des Grimms“.
”Er zehrte aus mein Fleisch und meine Haut, zerbrach meine Glieder“. Hier an
diesem Ort waren Menschen, die andere Menschen grausam mißhandelt haben...
buchstäblich so, wie es die Klagelieder ankündigen.
An diesem Ort, hier in Mauthausen, waren Menschen, die im Namen einer
irrsinnigen Ideologie ein ganzes System der Verachtung und des Hasses gegen
andere Menschen in Bewegung gesetzt haben. Sie unterzogen sie Folterungen,
zerbrachen ihnen die Gebeine, mißhandelten grausam ihre Körper und Seelen. Sie
verfolgten ihre Opfer in ihrer Grausamkeit. ”Sie umschlossen sie mit Gift und
Erschöpfung. Im Finstern ließen diese sie wohnen wie längst Verstorbene“.
Auch hier haben sie jene ”ummauert“, die gefangengenommen und in diesem Lager
eingesperrt waren. Sie haben sie ”in schwere Fesseln gelegt“, ihnen ”mit Quadern
den Weg verriegelt“ in die Freiheit, zu ihrer Würde, zu den Grundrechten eines
jeden Menschen, zum Leben... Hier setzte man auf den Tod, auf die Vernichtung
eines jeden, den man für einen Gegner hielt. Und nicht nur das..., auch weil er
nur ”verschieden“ war. Und vielleicht nur, weil er ein ”Mensch“ war?
Der irrsinnige Plan, Europa auf den Wegen anzuhalten, auf denen es seit
Jahrtausenden gegangen war!
4. Sind wirklich ”die Wege verriegelt“ für die Völker, die Gesellschaft, für die
Menschheit? Gewiß, Menschen sind zerschmettert worden. Sie sind – wie der
Prophet sagt – ”mit bitterer Kost gespeist, mit Wermut getränkt“ und schließlich
”in den Staub gedrückt“ worden.
Hier... und an so vielen anderen Orten totalitärer Herrschaft.
Aus dieser Erfahrung, eine der schrecklichsten seiner Geschichte, ist Europa
besiegt hervorgegangen, ...besiegt in dem, was sein Erbe, seine Sendung zu sein
schien... ”Seine Wege sind verriegelt“. Die Last des Zweifels hat sich schwer
auf die Geschichte der Menschen, der Nationen, der Kontinente gelegt.
Sind die Fragen des Gewissens stark genug – die Gewissensbisse, die uns
geblieben sind?
5. Ihr Menschen, die ihr furchtbare Qualen erfahren habt – welche der
Klagelieder des Jeremia würdig sind!
Welches ist euer letztes Wort? Euer Wort nach so vielen Jahren, die unsere
Generation vom Leiden im Lager Mauthausen und in vielen anderen trennen?
Mensch von gestern – und von heute, wenn das System der Vernichtungslager auch
heute noch irgendwo in der Welt fortdauert, sage uns, was kann unser Jahrhundert
an die nachfolgenden übermitteln?
Sage uns, haben wir nicht mit allzu großer Eile deine Hölle vergessen? Löschen
wir nicht in unserem Gedächtnis und Bewußtsein die Spuren der alten Verbrechen
aus?
Sage uns, in welche Richtung sollten sich Europa und die Menschheit ”nach
Auschwitz“, ... ”nach Mauthausen“ entwickeln? Stimmt die Richtung, in die wir
uns von den furchtbaren Erfahrungen von damals entfernen?
Sage uns, wie sollte der Mensch sein und wie die Generation der Menschen, die
hier aus den Spuren der großen Niederlage der Menschheit leben? Wie müßte der
Mensch sein? Wieviel müßte er von sich selber fordern?
Sage uns, wie müßten die Nationen und die Gesellschaften sein? Wie müßte
Europa fortfahren zu leben?
Rede, denn du hast das Recht dazu – du, der Mensch, der gelitten und das Leben
verloren hat... Und wir müssen dein Zeugnis anhören.
6. Haben nicht die Menschen und das von Menschen errichtete System mit dem Zorn
Gottes Mißbrauch getrieben?
Hat er nicht im Bewußtsein der Generationen sein Bild verdunkelt?
Dennoch ruft der Prophet mit den Worten der Klagelieder: ”Die Huld des Herrn ist
nicht erschöpft; sein Erbarmen ist nicht zu Ende. Neu ist es an jedem Morgen;
groß ist deine Treue“.
Ja. Die Treue. Einer ist ”der Mann der Schmerzen“ der allen Menschen der
Schmerzen treu gewesen ist, hier, in Mauthausen, und wo immer in der Welt sie
durch ein unmenschliches System Verachtung erduldet haben oder noch erdulden.
Es hat einen solchem Mann der Schmerzen gegeben. Und es gibt ihn weiterhin. In
der Geschichte der Welt bleibt sein Kreuz gegenwärtig
Dürfen wir uns von diesem Kreuz entfernen? Können wir an ihm vorbei in die
Zukunft gehen?
Europa, kannst du an ihm vorbeigehen?
Mußt du nicht wenigstens bei ihm stehenbleiben, auch wenn die Generationen
deiner Söhne und Töchter daran vorbeigehen und in die Vergangenheit
entschwinden?
7. Christus! Christus so vieler menschlicher Leiden, Demütigungen und
Verwüstungen. Christus, gekreuzigt und auferstanden. An einem Ort – einem von so
vielen –, die aus der Geschichte unseres Jahrhunderts nicht ausgelöscht werden
können.
Ich, der Bischof von Rom und Nachfolger deines Apostels Petrus, ich bitte dich
inständig: Bleibe!
Bleibe und lebe fort in unserer Zukunft!
Bleibe und lebe fort!
Wohin sollen wir gehen? Du hast Worte des Lebens, die der Tod nicht verhüllt,
nicht zerstört hat... Du hast Worte ewigen Lebens.
Seliger Marcel Callo, Märtyrer von Mauthausen, selige Schwester Theresia
Benedikta vom Kreuz, Edith Stein, und heiliger Pater Maximilian Kolbe, ihr
gepriesenen und verehrten Märtyrer von Auschwitz, bittet für alle an diesen
Orten des Todes Gequälten und Gemarterten! Bittet für alle Opfer ungerechter
Gewalt, gestern und heute – bittet auch für ihre Henker!
Jesus Christus, Lamm Gottes, erbarme dich ihrer aller – erbarme dich unser
aller!
© Copyright 1988 - Libreria
Editrice Vaticana
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