 |
PASTORALBESUCH IN ÖSTERREICH
ANSPRACHE VON JOHANNES
PAUL II.
AN DIE VERTRETER VON WISSENSCHAFT UND KUNST SOWIE VON PRESSE, FUNK UND FERNSEHEN
IM FESTSPIELHAUS
Salzburg
- Sonntag, 26. Juni 1988
Sehr geehrte Damen und Herren!
1. Es ist mir eine besondere Freude, Ihnen – den Vertretern von Wissenschaft und
Kunst sowie den Repräsentanten von Presse, Rundfunk und Fernsehen – in dieser
weltbekannten Stadt zu begegnen. Die Faszination Salzburgs erwächst aus einem
vielfältigen Reichtum an kulturellem Schaffen seit Jahrhunderten bis in die
Gegenwart inmitten einer Landschaft von außerordentlicher Schönheit.
Salzburg ist eine Weltstadt der Musik, besonders durch Wolfgang Amadeus Mozart.
Auch sein architektonisches Profil ist weltbekannt und hat ihm den Namen ”Das
deutsche Rom“ eingebracht. Der Name des Arztes Paracelsus, dessen Wanderleben
hier zu Ende ging, hat in der Geschichte von Medizin und Naturwissenschaft einen
bedeutsamen Platz. Und mitten im Dreißigjährigen Krieg, der Europa verwüstete,
stiftete ein Salzburger Erzbischof die Universalität als einen bevorzugten Raum
zur Entfaltung der Wissenschaften.
Die Geschichte von Kultur und Kunst ist in Salzburg eng verbunden mit der
Geschichte des Glaubens und der Kirche. Die räumliche Nähe, die den Dom, die
beiden alten benediktinischen Abteien, die Universität und das Festspielhaus
miteinander verbindet, ist dafür ein Symbol.
Unzählige Menschen aus aller Welt kommen jedes Jahr in diese Stadt. Die hier
herrschende architektonische und musikalische Harmonie läßt manche Besucher für
kurze Zeit die gewaltigen Disharmonien in der Welt von heute vergessen. Anderen
wird durch diese Harmonie die moralische Kraft geschenkt, sich stärker als
bisher für die Überwindung von Übeln einzusetzen.
Mancher Besucher Salzburgs wird sich dabei an ein Wort Dostojewskijs erinnern.
Es lautet: ”Das Schöne wird die Welt retten!“ Schönheit wird in diesem
Zusammenhang verstanden als Abglanz der Schönheit, der Herrlichkeit Gottes.
Angesichts der bedrängenden Wirklichkeit der Welt von heute, die uns allein
schon durch die Medienberichte eines einzigen Tages ausreichend bekannt sind,
sollte man freilich diesen Satz erweitern und sagen: ”Das Gute, die Güte, die
Liebe wird die Welt retten!“. Der Christ versteht darunter die Liebe Gottes, die
in Jesus Christus in ihrer erlösenden Vollgestalt erschienen ist und zur
Nachfolge ruft.
2. Eine Allianz aller, die das Gute wollen und über besonders wirksame Motive
wie Mittel zu seiner Realisierung verfügen, ist heute besonders dringlich: Es
geht um den Menschen und um seine Welt, die auf nie dagewesene Weise gefährdet
sind.
Vor fünf Jahren habe ich in Wien bei einer ähnlichen Begegnung mit
Wissenschaftlern, Künstlern und Publizisten gesagt: ”übersehen und überhören Sie
ihn nie: den hoffenden, liebenden, angsterfüllten, leidenden und blutenden
Menschen. Seien Sie sein Anwalt, hüten Sie seine Welt: die schöne, gefährdete
Erde“.
Heute möchte ich diese Bitte vor Ihnen, meine Damen und Herren, wiederholen. Die
seither erfolgte Entwicklung gibt ihr ein zusätzliches Gewicht. In meiner
jüngsten Enzyklika ”Sollicitudo Rei Socialis“ habe ich die Notwendigkeit betont,
”uns der furchtbaren Herausforderung des letzten Jahrzehnts des zweiten
Jahrtausends zu stellen“. Man denke an die unverminderte Notlage der Menschen
im Süden der Erde. Man denke an den häufigen unverantwortlichen Umgang mit dem
menschlichen Leben vor wie nach der Geburt: die Auslöschung so vieler
Ungeborener, die Probleme, die sich aus der Entwicklung der Gen- und
Informationstechnologie ergeben, und vieles andere mehr. Man denke schließlich
an die Probleme des Weltfriedens, die Probleme bei der Nutzung der Atomkraft und
an die zunehmende Bedrohung der Umwelt des Menschen in Vegetation, Tierwelt,
Wasser und Luft.
Das ungeheure Anwachsen dessen, was die Menschheit heute weiß und technisch kann,
hat auch die Ambivalenz dieses Fortschritts deutlich gemacht. Daraus ergibt sich
für jeden Menschen je nach dem Grad seiner Teilhabe an Entscheidungsvorgängen
eine unabweisbare Verantwortung, besonders aber für die Wissenschaftler und die
Träger des politischen und kulturellen Lebens.
Die Heilige Schrift überliefert uns das düstere Bild des Menschen Kain, der
solche Verantwortung mit der trotzigen Frage ablehnt: ”Bin ich denn der Hüter
meines Bruders?“. Die Bibel zeigt aber auch das positive Gegenbild: den
Menschen als Hirten, als Hüter der ihm anvertrauten Schöpfung. Angesichts so
vieler sozialer und ökologischer Verwüstungen wächst heute die Bereitschaft,
sich erneut diesem Bild zuzuwenden, zu ihm umzukehren. Damit aber verbindet sich
sogleich die entscheidend Frage: Wer hütet denn den Hirten?
3. Der Appell, ”Seid Hüter der Erde“ leuchtet heute, so scheint es, allgemein ein.
Über seine Begründung aber gibt es keine Einigkeit. Genügt die Angst vor
möglichen Katastrophen zur Begründung einer neuen, verstärkten Verantwortung?
Genügt es, darauf hinzuweisen, daß bereits individueller und nationaler
Eigennutz dazu anleiten können, Frieden zu suchen und die Umwelt des Menschen zu
schonen? Genügt es etwa, auf das Los künftiger Generationen zu verweisen, um
Bereitschaft zur Verantwortung zu wecken? Kann der Mensch sich als Hüter der
Erde und als Hüter seiner Mitmenschen voll verstehen, wenn er sich nicht auch
selbst in seinem Dasein behütet weiß?
Was hält also den Menschen in seiner Verantwortung? Wer gibt ihm Halt? Diese
Fragen sind auch in einer säkularisierten Gesellschaft unabweisbar. Daher nahmen
in der jüngeren Vergangenheit selbst abstrakte Begriffe wie ”Zukunft“,
”Menschheit“ und ”Natur“ quasi-personale Züge an. Und es scheint so, als ob
sogar deterministische Weltbilder noch den untergründigen Wunsch des Menschen
nach Geborgenheit, nach Behütetsein zum Ausdruck bringen; behütet wenigstens
durch allgemeingültige Gesetzmäßigkeiten.
Die europäische Geistesgeschichte der letzten Jahrhunderte zeigt, wie sehr die
Vorstellung, das Leben des einzelnen und die Existenz der Menschheit seien
lediglich ein absurdes, unbedeutendes Zwischenspiel im Universum, die moralische
Ordnung in Frage gestellt hat. Unvergeßlich ist die tragische Einsicht einer
Romangestalt bei Dostojewskij: Wenn es keinen Gott gebe, dann sei alles erlaubt.
Schreckensbilder aus Vergangenheit und Gegenwart haben manche dazu verleitet,
den Menschen mit einem gefährlichen Raubtier zu vergleichen, dessen Auslöschung
in der postulierten Evolution der Materie kein Schaden wäre. Andere wieder sehen
den Menschen als ein Wesen an, dessen Erbanlagen und leib-seelische Strukturen
vollkommen neu geordnet werden müßten. Hinter diesen beiden extrem negativen
Selbstauslegungen steht die tiefe Furcht, der Mensch sei wirklich dazu verdammt,
sein Dasein gänzlich unbehütet und alleingelassen zu gestalten.
Der Appell ”Seid Hüter der Erde“ genügt auch angesichts heutiger neuartiger
Bedrohungen nicht, um eine Umkehr zu einer dafür tragfähigen Moral zu erreichen,
wenn er nicht zugleich eine Quelle von Sinn, von moralischer Energie erschließt.
Der drohende Hinweis auf eine mögliche oder sogar wahrscheinliche Katastrophe
hat ja oft nur zu jenem Verhalten geführt, das schon für manche Zeitgenossen des
Apostels Paulus charakteristisch war: ”Laßt uns essen und trinken, denn morgen
sind wir tot“.
Hoffnungslosigkeit kann den Menschen und große Teile einer Gesellschaft zur
Mentalität und Praxis eines übersteigerten Konsumismus bringen, der alles Wissen
und Können in seinen Dienst zwingt und nicht einmal vor der traurigen Idee
zurückschreckt, sich selbst biotechnisch kopieren zu lassen, um vielleicht so
dem Tod zu entgehen.
Der Suche nach einem Behütetsein des gefährdeten Menschen begegnet heute auch
die vielstimmige Versuchung zu einer neuen Art von ”Rückkehr zur Natur“ zu einer
gewollten Verschmelzung mit dem Kosmos. Unter dem Anspruch, diese Epoche sei
eine Wendezeit und bedürfe eines Paradigmenwechsels, werden fundamentale
Dimensionen des Menschen als Person vergessen oder in Frage gestellt. Einer
solchen Sicht vom Menschen, die außer acht läßt, daß der Mensch nicht nur in der
Natur und mit ihr lebt, sondern ihr auch in Verantwortung und unaufhebbarer
Spannung gegenübersteht, widersetzen sich nicht nur die Kirche, sondern wohl
auch viele Wissenschaftler.
4. Die Welt, die Dinge sind auch ein Wort, eine Botschaft an den Menschen. Er
soll darauf eine Antwort geben. Sein Leben ist ein Dialog nicht nur mit seinen
Mitmenschen, sondern auch mit seiner Welt, deren Wort ihm oft beglückend, oft
aber auch dunkel und zweideutig erscheint. Wem es aber geschenkt ist zu glauben,
daß die Welt sich dem schöpferischen Wort Gottes verdankt und daß sie ein Wort
Gottes an uns Menschen ist, den führt die Verantwortung für diese Welt auch in
ein Gespräch mit Gott.
Aus diesem Gespräch sind die folgenden Worte eines biblischen Psalms gewachsen:
”Der Herr ist mein Hirte, nichts wird mir fehlen. Er läßt mich lagern auf grünen
Auen und führt mich zum Ruheplatz am Wasser. Er stillt mein Verlangen; er leitet
mich auf rechten Pfaden, treu seinem Namen. Muß ich auch wandern in finsterer
Schlucht, ich fürchte kein Unheil; denn du bist bei mir, dein Stock und dein
Stab geben mir Zuversicht“.
Dem Menschen, der sich in der Natur und auf den verschlungenen Pfaden der
Geschichte nicht selten allein und unbehütet erfährt, begegnet hier Gott nicht
als bloße Idee, als abstraktes Prinzip, sondern als ein Hirt, der dem Menschen
vorausgeht, ihn begleitet und ihm nachgeht, wenn er sich verlaufen hat.
Auf dem Aeropag zu Athen hat der Apostel Paulus diesen Gott verkündet. Vor Ihnen,
meine Damen und Herren, die Sie auch für mich eine Art von Areopag bilden,
möchte ich Zeugnis geben für Jesus Christus, den guten Hirten, der dem Menschen
bis in die Tiefe seiner Schuld und in den Abgrund seines Todes nachgegangen und
in ein ewiges Behütetsein vorausgegangen ist. Im Blick auf ihn, den Gekreuzigten
und Auferstandenen, kann sich der Mensch als ein wirklich zur Liebe fähiges
Wesen begreifen. Ein Mensch, der sein Maß von Christus herleitet, muß nicht aus
Furcht, zu kurz zu kommen, ersuchen, seiner Mitwelt ein Lebensglück abzuringen,
das auf Kosten der anderen geht und sich schließlich doch als Illusion erweist.
5. Die gegenwärtige Lage läßt die Menschheit so auf jene großen alten Fragen
stoßen, deren zeitweilige Suspendierung den wissenschaftlichen und technischen
Fortschritt vielleicht beschleunigt, aber auch neue Probleme geschaffen hat: Was
können wir wissen – was sollen wir tun – was dürfen wir hoffen? Bei der Suche
nach den Antworten müssen Wissenschaft, Technik und Politik, aber auch
Philosophie, Kunst und Religion erneut zusammenfinden, nachdem ihre Wege viele
Male nebeneinander verlaufen sind oder sich voneinander getrennt haben. Wissen
muß sich wieder mit Weisheit und mit Glauben verbinden. Die Resignation
gegenüber der Wahrheitsfrage, die schon Pilatus geprägt hat, muß überwunden
werden. Toleranz ist ein Raum zur Suche nach Antwort auf diese Frage, nicht aber
zu ihrer Suspendierung. Kritische Anfragen an die bisher praktizierte
Wertneutralität von Wissenschaft sind fällig. Das biblische Wort ”Die Wahrheit
wird euch frei machen“ ist heute vielfach in die Meinung verkehrt, daß die
Freiheit imstande sei, Wahrheit zu zeugen. Dies führt nicht selten zu jene
Willkür, die den Menschen, der für manche Bereiche tatsächlich Herr der Erde
geworden ist, aus einem Hirten und Hüter zu einem Despoten macht und sein
Verhalten dem eines Wolfes im Schafstall angleicht.
In meiner schon erwähnten Rede in Wien habe ich gesagt: ”Der Mensch und seine
Welt – unsere Erde, die sich bei der ersten Weltraumfahrt als Stern in Grün und
Blau gezeigt hat –, sie müssen, bewahrt und entfaltet werden... Die Erde ist im
Horizont des Glaubens kein schrankenlos ausbeutbares Reservoir, sondern ein Teil
des Mysterium der Schöpfung, dem man nicht nur zugreifend begegnen darf, sondern
Staunen und Ehrfurcht schuldet“. Um diese Haltung zu erreichen, wird es einer
Kultur der Askese bedürfen, die es dem Menschen und den verschiedenen
menschlichen Gemeinschaften ermöglicht, Freiheit auch als Fähigkeit des
Verzichts auf eigene Macht und eigene Größe zu vollziehen und so von innen her
den Raum für den Schwachen zu öffnen. Diese Schaffung dieses Raumes ist Gestalt der
Liebe zum Menschen, aber auch zu Gott. Im Evangelium finden wir das darauf
bezogene Wort Christi: ”Wenn einer mich liebt, wird er an meinem Wort festhalten;
mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und bei ihm wohnen“.
”Custos, quid de nocte“ ... lautet die Frage an einen der biblischen Propheten.
Diese Frage ist heute von bedrängender Aktualität. Lassen Sie mich vor Ihnen,
meine Damen und Herren, meine Überzeugung bekennen, daß es noch nicht zu spät
ist für eine radikale Umkehr zum Menschen als Mitmenschen, zur Erde als einem
Lebensraum, der Garten werden soll und nicht zur Wüste verkommen darf, auch wenn
diese Welt für den Glauben nicht die letzte Heimat ist. Und es ist nicht zu spät,
zu Gott umzukehren, der uns schon sucht, bevor wir begonnen haben, ihn zu suchen.
Ich danke Ihnen.
Nach der Ansprache:
Am Ende meiner Ausführungen sei es mir gestattet, in Dankbarkeit und
Verehrung eines großen Mannes der Kirche, des Geistes und der europäischen
Kultur zu gedenken, der heute morgen völlig unerwartet vom Herrn aus diesem
Leben gerufen worden ist: des neu erwählten Kardinals Hans Urs von Balthasar,
dem ich im kommenden Konsistorium mit der Kardinalswürde hätte auszeichnen
wollen. Durch diese hohe Auszeichnung sollten seine großen Verdienste gewürdigt
werden, die ihm in der Theologie und Geisteswissenschaft der Gegenwart einen
herausragenden Ehrenplatz zugewiesen haben. Möge Gott ihm nun selber Erfüllung und ewiger Lohn seines unermüdlichen Dienstes
für die Kirche und die Menschen sein.
Ich danke Ihnen.
© Copyright 1988 - Libreria
Editrice Vaticana
|