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ANSPRACHE VON JOHANNES PAUL II.
AN EINE DELEGATION ÖSTERREICHISCHER
PARLAMENTARIER

Samstag, 26. März 1988

 

Verehrter Herr Vorsitzender,
sehr geehrte Damen und Herren!

Es ist mir eine besondere Freude, daß eine so große Zahl von Parlamentariern aus dem Bundesrat und dem Nationalrat der Republik Österreich mit Familienangehörigen, Freunden und Mitarbeitern in die Ewige Stadt gekommen ist. Sie geben damit ein Beispiel, das Ihnen und Ihrem Land zur Ehre gereicht. Gern erinnere ich mich an meinen Pastoralbesuch im Jahre 1983 in Wien und Mariazell und freue mich auf meine bevorstehende zweite Reise in die anderen Diözesen Ihrer schönen österreichischen Heimat.

Zu Ihrem heutigen Besuch im Vatikan heiße ich Sie alle herzlich willkommen und danke Ihnen für die dadurch bekundete Wertschätzung für die Kirche und den Nachfolger des Apostels Petrus auf dem Bischofssitz hier in Rom. Ihren derzeitigen Romaufenthalt und Ihre verantwortungsvolle Tätigkeit in Ihrem Land begleite ich mit meinen besten Segenswünschen.

Österreich gedenkt gerade in diesem Monat der tragischen geschichtlichen Umstände, durch die es vor fünfzig Jahren schon von Beginn des unseligen Zweiten Weltkrieges seine Selbständigkeit verloren hat. Nach dessen Beendigung hat es einen bemerkenswerten Wiederaufbau erlebt, an dem es in Not geratene Mitmenschen, auch aus meiner polnischen Heimat, durch Asylgewährung teilnehmen läßt. Im Herzen Europas gelegen, kann Österreich an einem Schnittpunkt der Welt, über die Grenzen der politischen Systeme hinaus, zum Dialog zwischen den Staaten und damit im letzten zwischen den Menschen maßgeblich beitragen. ”Die Welt verspürt lebhaft“ – so betont das II. Vatikanische Konzil in der Pastoralkonstitution, ”Gaudium et spes“ - ”ihre Einheit und die wechselseitige Abhängigkeit aller von allen in einer notwendigen Solidarität und wird doch zugleich heftig von einander widerstreitenden Kräften auseinandergerissen. Denn harte politische, soziale, wirtschaftliche, rassische und ideologische Spannungen dauern an; selbst die Gefahr eines Krieges besteht weiter, der alles bis zum Letzten zerstören würde“.  Zu deren friedlicher Überwindung durch Dialog und Verständigungsbereitschaft zwischen den Menschen und Völkern wirksam beizutragen, ist Ihre vornehmste Aufgabe.

Als Politiker können Sie im öffentlichen Leben Ihres Landes in einer besonderen Weise ein für andere wegweisendes Vorbild an sozialer Verantwortung geben. Erst vor wenigen Wochen habe ich zum zwanzigjährigen Jubiläum der Enzyklika ”Populorum progressio“ meines verehrten Vorgängers Paul VI. in meiner Enzyklika ”Sollicitudo rei socialis“ auf diese soziale Verantwortung hingewiesen, welche uns die Entwicklung und eine weltweite Solidarität als geforderte Wege zum Frieden in Erinnerung ruft. Eine solche solidarische Entwicklung muß sich auf die ganze internationale Völkergemeinschaft erstrecken; sie umfaßt die notwendige Entwicklungshilfe bis zur Überprüfung der vorherrschenden weltweiten Wirtschaftssysteme.

Die soziale Verantwortung beginnt mit der Achtung der Freiheit und Würde jedes Menschen, einschließlich des ungeborenen Lebens. Sie bezieht sich auf den Schutz von Ehe und Familie, auf die Beachtung des Gemeinwohls und damit auch der partnerschaftlichen Ordnung von Arbeitgebern und Arbeitnehmern sowie von manuell und intellektuell Tätigen im Wirtschafts- und Sozialleben. Überall kann ein Beitrag zu einer menschlicheren und gerechteren Welt geleistet werden. Als Christen sind Sie noch besonders dazu aufgerufen, darin Ihrer christlichen Verantwortung für eine sittliche Gestaltung der Gesellschaft und des menschlichen Zusammenlebens nachzukommen. Durch Ihren Einsatz im Geist des Evangeliums geben Sie im öffentlichen Leben Zeugnis für Christus, dessen Lebens- und Leidensweg wir in dieser vorösterlichen Zeit wieder neu betrachten und verehren. Sein Opfergang zum Heil der Menschen und seine Auferstehung zeigen uns die Prüfungen und die Hoffnung unseres eigenen Christseins in dieser Welt.

Möge Ihnen der Aufenthalt in dieser Stadt Rom, die auch die Stadt der Apostel Petrus und Paulus sowie vieler anderer Märtyrer und Glaubenszeugen ist, Kraft und Stärkung für Ihren weiteren Lebensweg und Ihr verantwortungsvolles Wirken schenken. Die Christen unter Ihnen bestärke er in ihrem Glauben und ihrer Liebe zu Christus und zur Kirche. Mit besten Osterwünschen für Sie und Ihre Familien erbitte ich Ihnen und allen, die Ihnen verbunden sind, Gottes besonderen Schutz um Beistand und erteile Ihnen von Herzen meinen Apostolischen Segen.

 

© Copyright 1988 - Libreria Editrice Vaticana

 

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