ANSPRACHE VON JOHANNES PAUL II.
AN EINIGE ÖSTERREICHISCHE PERSÖNLICHKEITEN
Samstag, 18. März 1989
Sehr geehrte Damen und Herren!
In Ihnen begrüße ich eine repräsentative Gruppe von Persönlichkeiten des
öffentlichen Lebens in Österreich, besonders der Steiermark. Ihr Rombesuch in
dieser vorösterlichen Zeit gilt nicht nur der Geschichte und dem einzigartigen
kulturellen Erbe dieser Stadt; er soll nach Ihrem Wunsch zugleich ein Bekenntnis
Ihrer gläubigen Verbundenheit mit der Kirche Jesu Christi sein, die hier in der
Ewigen Stadt ihren geistigen und vitalen Mittelpunkt hat. Darum war es Ihnen
auch ein besonderes Anliegen, eine Begegnung mit dem Bischof von Rom in Ihr
Besuchsprogramm einzuschließen. Ich heiße Sie zu diesem Besuch herzlich
willkommen.
In der Karwoche und zu Ostern feiert und verkündet die Kirche in ihrer Liturgie
auf eindrucksvolle Weise die zentrale Wahrheit unseres christlichen Glaubens vom
Erlösertod und von der Auferstehung Christi. Eng mit diesem Ostergeschehen
verbunden ist der Auftrag zur Zeugenschaft, der vom auferstandenen Herrn über
die Apostel auf alle seine Jünger zu allen Zeiten übergegangen ist:” Ihr sollt
mir Zeugen sein! “
Wie mich unsere heutige Begegnung an meinen unvergeßlichen Besuch Ihrer
österreichischen Heimat im vergangenen Jahr erinnert, so möchte ich Ihnen auch
bei dieser Gelegenheit diese zentrale Wahrheit über den Auftrag des Christen in
der Welt wiederum besonders in Erinnerung rufen. Ich sprach davon in meiner
Ansprache beim Vespergottesdienst im Wiener Stephansdom und betonte damals:” Das
Zeugnis für Christus bestimmt das innerste Wesen unseres Christseins. Jünger
Jesu Christi sein, heißt Zeuge sein “.
Zum Auftrag der Christen in der Gesellschaft hat die letzte Bischofssynode über
die Berufung und Sendung der Laien schon in ihrer Botschaft an das Volk Gottes
festgestellt:” Übereinstimmung von Glaube und Leben muß das Wirken der Gläubigen
im öffentlichen Leben auszeichnen, in der Mitarbeit in den politischen und
sozialen Institutionen wie im täglichen Leben. Nur so können sie in die
weltlichen Strukturen und Tätigkeiten den Geist des Evangeliums einbringen “.
Mit Ihrer Verantwortung im öffentlichen Leben stehen Sie stets im Spannungsfeld
zwischen dem Idealen, Wünschenswerten und dem konkret Möglichen, Durchführbaren.
Seien Sie sich dabei dessen bewußt, daß der Staat durch seine Gesetzgebung und
seine sonstigen Maßnahmen das sittliche Denken und Verhalten der Menschen
wirksam beeinflußt und nicht selten auch verändert. Wenn Sie sich aus
christlichem Verantwortungsbewußtsein für die Wahrung und Förderung Der
Grundwerte und der Grundrechte des Menschen in der heutigen Gesellschaft
einsetzen, so handeln Sie nicht nur nach den spezifischen sittlichen
Vorstellungen der Kirche, sondern verteidigen und festigen zugleich auch die
elementaren sittlichen Grundlagen der Gesellschaft und des Staates, auf denen
allein sich ein menschenwürdiges Zusammenleben zwischen den Menschen und Völkern
entfalten kann.
Die Sendung der Kirche ist wesentlich religiöser Natur.” Doch fließen aus eben
dieser religiösen Sendung“, wie das II. Vatikanischen Konzil betont,” Auftrag,
Licht und Kraft, um der menschlichen Gemeinschaft zu Aufbau und Festigung nach
göttlichem Gesetz behilflich zu sein“. Mögen Sie in gleicher Weise aus Ihrer
persönlichen christlichen Berufung für Ihr verantwortungsvolles Wirken in Staat
und Gesellschaft stets dieses Licht und diese Kraft schöpfen sowie auch den Mut,
diesen im konkreten Alltag zum Durchbruch und zur Geltung zu verhelfen.
Mit besten Wünschen für einen schönen und fruchtbaren Romaufenthalt erteile ich
Ihnen und Ihren Angehörigen in der Heimat für reiche österliche Gnaden und
Gottes bleibenden Schutz und Beistand von Herzen meinen besonderen Apostolischen
Segen.
© Copyright 1989 -
Libreria Editrice Vaticana
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